Null acht fünfzehn

Gegen elf klingelt es an der Haustür, ein Servicemitarbeiter in Dienstkleidung steht davor.

Ich: „Hast du nicht gesagt, diese Woche Spätschicht?“

Er: “ War auch so gedacht, um halb sieben haben sie angerufen, ist aber egal, kann ich heut Abend ins Training, gibts `n Kaffee?“

Während ich Kaffee koche erklingt eine schmissige Melodie. Mit den Worten, eigentlich habe er ja jetzt Pause, zieht mein Gast das Handy aus der Tasche. Er seufzt und entschuldigt sich, da müsse er nochmal kurz den Laptop aus dem Auto holen. Im Gehen murmelt er etwas, das wie „der ganzepremiumscheiß“ klingt.

Der Gast rockt beruflich das Internet, aber nur, weil sich Berufe verändern. Im Herzen ist er Handwerker. Er unterscheidet zwischen echten Problemen und Dingen, die irgendwie die Komfortzone berühren. Sein Laptop ist kein Bürogerät. Man kann damit auch im Regen und in leichten Sandstürmen arbeiten. Das Modell für Malocher und Soldaten.

Der Kaffee kocht, der Laptop fährt hoch. Als ich die Tassen hinstelle sehe ich aus dem Augenwinkel, wie der Gast anfängt zu tippen und wundere mich.

Ich: „Samma? Hast du da jetzt gerade 123456 getippt?“

Er ist anscheind mit den Gedanken woanders und murmelt nur: „Nee, is fünfstellig.“

Ich: “ OK, aufgrund der geänderten Sachlage würde ich meine Frage gern neu formulieren: Hast du da gerade 12345 getippt?“

Er: “ Was denkst du denn?“

Ich: “ Also ich dachte, da kommt jetzt n Laserstrahl der deine Netzhaut scannt. Oder einen Fingerabdruck. Oder du gibst wenigstens 08 15 ein, oder 47 11 oder so.“

Er: „Nee, ist doch fünfstellig“

Ich drücke meine Verwunderung aus, dazu braucht es nur ein Geräusch und hole den Kaffee.

Ob ich denn eine Ahnung habe, wie viele Passwörter er sich so über Tag merken müsse, möchte der Gast dann wissen, als er fertig ist, mit der Betreuung des Premiumkunden. Naja, ein paar werden es wohl sein, vermute ich. Drei. Nur um an seinen Arbeitsbereich auf diesem Laptop zu kommen, erfahre ich. Dazu noch diverse für Untermenüs. Und das alles um die Daten von Idioten zu sichern, die meinen, wenn sie den Computer ausmachen, hat das Internet geschlossen.

Oh, da habe ich wohl einen Nerv getroffen, jetzt kommt der Gast ins erzählen. Einer Berufsschulklasse, die er manchmal unterrichtet, sollte er beibringen, Netzwerke zu sichern. Sie sollen in der Lage sein, Fehler zu sehen, zu finden und zu beheben. Das ist in der Theorie schwierig, also hat er sich mit denen in die Fußgängerzone gesetzt. Er habe ja die Hoffnung gehabt, da etwas zu finden. Aber was sie dann gefunden haben, hat ihn doch erschreckt. Direkt beim ersten Versuch sieben offene W-Lans. Sieben!

Ich verstehe nicht, ist doch super, wenn es in der Fußgängerzone W-Lan gibt. An der Ecke gibt es eine Eisdiele, eine Dönerbude, da hängen jede Menge junger Leute rum.

Nee, was ich meine, das wären hotspots. Das ist natürlich OK. Jeder meldet sich mit seinem Gerät an, ist quasi erkennbar. Offenes W-Lan ist aber eher so, als würde man sein Auto parken, den Schlüssel stecken lassen und einen Zettel hinter die Windschutzscheibe legen, wo drauf steht „habt Spass“. Keine gute Idee.

Oh, was sie denn dann gemacht haben, möchte ich wissen. Ja nix natürlich. Sechs von den Netzwerken fielen in die Kategorie „och nööö“, da haben die Berufsschüler einiges gelernt, womit man so im Alltag rechnen muss. Eins war aber eher die Kategorie „ACH DU SCH…..reck“, die mussten benachrichtigt werden. Das ist aber ganz diskret über eine andere Stelle gelaufen.

„Weil im Lehrplan nicht so ausdrücklich steht: Gehen Sie in die Fußgängerzone und häckn die Dönerbude?“ vermute ich.

„Richtich“, der Gast nimmt sich einen Keks und fügt mit Verschwörerstimme noch hinzu, „und, soviel darf ich dir sagen, die Dönerbude war safe.“

Am Abend ändere ich ein paar Passwörter, nur so.

 

Luka

Mir fällt ein, dass auf dem Besucherbett noch ein Kissen fehlt. Die Bezüge waren in verschiedene Waschladungen geraten, sowas kommt vor. Der Gast winkt ab, er hat seine eigenen Kissen dabei.

Das ist ungewöhlich. Normalerweise reisen 12jährige Jungs nur mit dem anerzogenen Mindestgepäck: ein frischer Schlübber, ein paar Socken ( falls das, was man anhat nass werden sollte), eine Zahnbürste, plus Handy und Spielekonsole. Auch, dass die beiden Jungs sofort nach der ersten Aufforderung ihre digitale Welt verlassen, ist irgendwie verdächtig. Aber ich bin schon zu müde, um mich zu wundern.

Der Gast kontrolliert in meiner Anwesenheit einen medizinischen Wert und dosiert sein Medikament entsprechend. Er zeigt mir wo er das Gerät zum messen hinlegt. Dann ist Schlafenszeit, also, für mich jedenfalls.

Der Liebste hat Frühschicht und wird am frühen Morgen den Gast kurz scannen: Messgerät über den Arm halten, wo eine Art Sensor drauf/drin sitzt. Sollte ein Wert unter 60 angezeigt werden, müsste der Gast kurz geweckt werden, damit er “ nachladen “ kann.

Am nächsten Morgen frühstückt das Maikind eine riesen Portion Cornflakes und der Übernachtungsgast zwei Scheiben Brot mit Wurst. Dann schicke ich sie eine Runde raus, in die echte Welt. Erst beim Mittagessen fällt dem Julikind auf, dass bei diesem Gast etwas anders ist:

„Warum wiegst du Luka’s Essen?“

Luka hat eine Krankheit. Er erklärt es dem Julikind, man hört, dass er darin Routine hat. Die Kurzfassung ist, bei Diabetes darf man zwar schon alles essen, aber nie einfach so. Man muss immer Insulin „abdrücken“. Ja, auch wenn man mal heimlich was naschen wollen würde, dann sogar ganz besonders. Es gibt eine Einheit dafür, BE. Die Portion Nudeln, die da jetzt auf dem Teller ist, hat eine BE. Schwungvoll übergießt er die Nudeln mit Soße „und Tomatensoße hat nix“, erfahren wir.

Nach dem Essen bleibt Luka einen Moment länger sitzen, als die anderen. Vorsichtig erkundigt er sich, wie dass denn für mich gewesen wäre, dass er hier übernachtet habe. Ich bin mir nicht sicher, was er meint.

“ Also, von mir aus hat alles gut geklappt, bist ’n netter Gast“.

Er strahlt, ob er denn vielleicht irgendwann nochmal hier übernachten könnte?

“ Jo, sicher, wieso nicht?“

Er würde mir gern etwas schenken, sagt er etwas schüchterner als ich ihn sonst kenne. Ich bekomme einen Ordner im Hosentaschenformat, darin sind alle gängigen Süßigkeiten und was man so an Snackobst anbietet in BE Einheiten abgebildet. “ Dann musst du die Packungen nicht immer lesen“. Das ist doch mal eine gute Idee! Ich freue mich, aber “ brauchst du den denn nicht?“ „Nö, ich kann das doch auswendig.“ “ Und wenn du woanders übernachtest?“ Er schüttelt nur mit dem Kopf.

Am Nachmittag kommt Luka’s Mama. Wir trinken einen Kaffee und sie erkundigt sich, wie es denn gelaufen sei. Sehr gut, soweit ich das sagen kann. Luka hat mich eingewiesen und sich an alle Absprachen gehalten. Da war ich viel entspannter als ich gedacht hätte. Sie freut sich sichtlich. Leider habe Luka nicht oft die Möglichkeit woanders zu übernachten. Er habe sich wirklich sehr darauf gefreut, die letzten drei Tage.

“ Und danke, ne“ sagt Luka im rausgehen und grinst seine Mama an. “ ich kann nochmal wiederkommen, hat sie gesagt“. “ Das ist doch toll, und weißt du was?“ , sagt die LukaMama “ das erzählen wir der Oma. Wenn die Mama vom Maikind sich das traut, wird die Oma vielleicht auch mutiger. Dann kannste da vielleicht auch mal übernachten.“

Einen kurzen Moment habe ich nachträglich noch Panik. Habe ich mir zu wenig Gedanken gemacht, was hätte passieren können?? Ach Quatsch, da geht doch gerade ein lebendiges, fröhliches Kind nach Hause. Alles ist gut gegangen. Einmal im Leben war ich mutiger als die anderen und hätte es beinah nicht bemerkt.

Liegt jetzt in der Schublade neben dem Esstisch bereit

Hau ruck und zack

Manchmal läufts.

Mit zwei Tabletts voll Kaffee und Torte suchen wir uns einen freien Tisch im Cafe des Modehauses. Guter Filterkaffee, aus einer Pumpkanne hinterm Tresen für mich frisch gepresst. Nicht so ein erbärmliches Gesöff aus einer 20000 Euro Kaffeemaschine, die leider niemand bedienen kann.

Wir feiern die zwei vollen Einkaufstüten, die neben uns auf der Bank stehen.
Eigentlich wollte ich nur schauen, ob das Märzkind und die Patentante schon was gefunden haben. Im Mai ist Konfirmation und dafür wird ein ganz besonderes outfit gebraucht.

Siehe da, als ich ankam hatten sie tatsächlich was gefunden. Ein Knallerkleid. Damit war der Rahmen gesteckt und nichts in meinem Kleiderschrank ist auch nur annähernd festlich. Aber mit Beratung einer sehr netten Verkäuferin ist dieses Problem bereits gelöst.

Dass es mich erleichtert, zu wissen, was ich auf einer Feier in einem knappen halben Jahr anziehen werden, hätte ich gar nicht gedacht. Es fühlt sich immernoch so an, als hätten wir viel Zeit. Die Probleme der Konfirmationsmütter-Kolleginnen sind da schon viel konkreter, als meine.

„Wieso, was haben die denn?“ möchte die Patentante wissen.

Naja, eine hat zum Beispiel letzte Woche rausgefunden, dass das gebuchte Restaurant keine Rampe hat. Jetzt hat sie keine Ahnung, wie sie die Oma im Rollstuhl da reinbekommen soll.

„Hä, was soll das denn bitte für ein Problem sein? Da fassen zwei Leute vorne an, zwei hinten dann hauruckundzack-drin-isse-de-Omma“, meint die Patentante. Ich sehe das genauso, auch auf unserer Feier wird ein Rollstuhl über die Schwelle müssen.

Die Patentante grinst. “ Weißte noch? An deiner Konfirmation? Der Wasserrohrbruch?“ Oh ja, daran erinnere ich mich. Der wunderschön gedeckte Tisch, das „Kaffee/Torten/Schnittchenteam“ schon im Einsatz und auf einmal lief Wasser die Wand runter, aber so richtig. Der Oppa raus aus dem Sakko und mit der Rohrzange in den Keller. Dann aufgeregtes Gemurmel und hin und her im ganzen Haus, schließlich die spürbare Erleichterung, als der Oppa verkündete “ wenn einer auf`n Pott muss, das geht“.

Jede nimmt einen Bissen Kuchen und einen kurzen Moment gedenken wir dem Oppa. „Oder, weißte noch, wie die Omma den Kuchen aus dem Keller geholt hat und der Hund stand auf der Treppe? Das muss Brüderchens Konfirmation gewesen sein, oder?“ Ja, muss, aber ich erinnere mich nicht. „Na, die Omma kam mit der Torte die Kellertreppe hoch, sie hatte nicht bemerkt, dass der Hund ihr gefolgt war und hat sich natürlich erschreckt. Durch die dabei enstandene Erschütterung, ist die Torte von der Platte auf den Hund gerutscht. Der hat nur doof geguckt, sich einmal über die Nase geleckt, ist die Treppe hoch und hat sich auf dem Flur, unter der Garderobe kräftig geschüttelt. Darauf folgte ein Stimmungstief, kann man sagen.“ Wir lachen, aber: „Ich glaube, wenn sowas passiert, dann muss ich heulen“, gebe ich zu.

„Ach was“, sagt die Patentante, „so erinnert man sich wenigstens an was. Über perfekte Feiern redet doch kein Mensch mehr.“



Verschiedene leckere Sachen

Mein Wunschtraum vom Schulessen

Alle Kinder die nachmittags Unterricht haben nehmen sich einen Teller und bedienen sich am Buffet. Es gibt ganz normales essen, das vor Ort mit (vielleicht sogar mit regional verfügbaren) Lebensmitteln gekocht wurde. Eventuell zwei verschiedene Varianten zur Auswahl, dazu ein paar geschnittene Gemüse und Salatblätter die man mit Dressing überschütten kann, oder auch nicht. Eine Kantinenfachkraft steht in Rufweite bereit, um unauffällig die Portionsgrößenwahl zu beaufsichtigen, und bei Bedarf zu helfen ( Diabetes/Allergien usw.). So nebenbei könnte man da viel über soziales Miteinander und Ernährung lernen. Weil es so lecker wäre würden die Lehrer auch dort essen. Es könnten sich Gespräche ergeben, die sich für keinen wie Arbeit anfühlen. Ganz allgemein über Essgewohnheiten, über Lebensmittelmittelverschwendung und die Auswirkung, über religiöse Besonderheiten, über Berufe im Lebensmittelbereich. Das anschließende Tische abwischen könnte jeweils eine Klasse übernehmen, das wäre dann hauswirtschaftlicher Unterricht. Bezahlt würde das ganze vom Land, oder von der Stadt, oder von den Krankenkassen, oder vom Jobcenter, oder von allen ein bißchen. Es könnte ruhig auch einen Elternanteil geben. Denn schließlich sind doch alle dafür, dass regionale kleine Landwirtschaftsbetriebe überleben, dass es Jobs gibt, die auch Menschen mit Beeinträchtigungen erledigen können, dass Kinder gut essen und nicht immer dicker werden oder viel zu dünn sind, und daran, die Sache mit der globalen Erwärmung nicht zu beschleunigen.

Das würde mehr kosten, als 3,50 Euro pro Teller. Obwohl, wenn man da mal alles gegeneinander aufrechnet vielleicht auch nicht. Oder zumindest könnte es das wert sein.

Meine Hoffnung

Seien wir realistisch, dass Essen muss in portionierten Einheiten vorbestellt werden. Die Kantinenfrau muss morgens wissen, wieviel sie aus dem Froster holen muss, sie ist meist alleine. Aber wieso kann ich das nicht von zu Hause aus? Die Menüauswahl besteht sowieso nur aus „take it or leave it“ alternativ werden immer Schnitzelbrötchen angeboten. Eine Art Kadermanager für Schnitzelbrötchen muss doch technisch machbar sein. Mit der Übermittlung von derart sensiblen Daten würde ich mich natürlich ausdrücklich einverstanden erklären. Das Geld könnte ich auf eine prepaid-Karte laden, die die Kantinenfrau scannt. So eine Karte haben wir im Schwimmbad auch, da funktioniert es. Vielleicht wäre es sogar möglich, diese Karte online mit Geld aufzuladen. Das ist aber nur so eine verrückte Idee.

Und so isses

Dieser Zettel wird mir am Montag, den 21. überreicht. Er war also nicht am Freitag im Briefkasten der Grundschule. Es wird dem zu Folge am Donnerstag kein Pizzastück geben. Das ist natürlich meine Schuld, denn ich weiß ja wohl, dass es jede Woche so einen Essenszettel gibt und hätte da ruhig mal nach fragen können. Jetzt kann man nur hoffen, dass Lia und Marie ihre Portion wieder nicht schaffen und dem Julikind den Rest überlassen. Und die Brotdose am Donnerstag möge bitte sehr voll sein, mit sehr leckeren Sachen, verschiedenen leckeren Sachen, nicht nur Brot.

Ich verstehe den Unmut. Leider, ich habe das überprüft, hat die kleine Pizzeria im Ort mittags noch zu. Sonst hätte ich ihr was liefern lassen. Die nehmen Bestellungen nämlich für den gleichen Tag entgegen.


Schwarzwälder Kirsch

Wir sind zur Geburtstagsfeier eingeladen. Die Omma im nächstgelegenen Städtchen feiert, wie sie es nennt, im kleinen Kreis. 20 Leute verteilen sich auf Esszimmer und Wohnzimmer.

Bei uns folgen die Generationen etwas rascher aufeinander als die statistischen 28 Jahre. Das Geburtstagskind ist heute Schwester, Schwägerin, Mutter, Schwiegermutter, Oma und Uroma. Zwischen 8 und 80 sind Gäste aus jedem Lebensjahrzehnt anwesend. Wir landen am Kindertisch, wo Leute bis etwa Mitte fünfzig sitzen, die noch arbeiten mussten oder lange Schule hatten.

Das Kuchenangebot wird gesichtet und probiert. Dann macht sich der erste auf, mal zu schauen, was es am Tisch im Nebenzimmer so gibt. Ein Onkel kommt mit einem Stück Schwarzwälder-Kirschtorte zurück, und meldet, drüben gäbe es die besseren Kuchen. Die Omma schaut, ob wir auch alles haben. Der Onkel lobt die Torte: Ist toll, dass sie die gemacht hat, da habe er sich schon drauf gefreut. So ne richtige Schwarzwälder mit „ordentlich was drin“. Jooo, sagt die Omma, da habe er aber Glück, dass der Achim für heute abgesagt habe, weil, sonst hätte sie die nicht gemacht.

Sie wendet sich an eine ganz frisch gepachworkte Tantentochter, die heute das erst Mal mitfeiert und erklärt: “ Der Achim ist nämlich ein richtiger Alkoholiker, der darf sowas nicht essen. Eigentlich darf er es noch nicht mal riechen. Sonst geht alles wieder von vorne los.“ Die Tantentochter ist leicht überfordert. Andere Familien handhaben die Alkoholprobleme der Verwandschaft vermutlich diskreter. Aber wir haben es nicht so mit dem politsch korrekten Geschwurbel.

“ Also, manche Leute machen Schwarzwälderkirsch ja auch ohne Alkohol…“ wagt sie den Versuch. „Nä“, sagt die Omma, „dann hätte ich eher was anderes gebacken, Schwarzwälder ohne Kirsch, sowas macht man nicht.“ Eine Cousine fasst sich mit drei Fingern an die Stirn, senkt den Blick und schüttelt unauffällig mit dem Kopf. „Wer sowas will, der kann ja auch Kirschkuchen essen“, ergänzt jemand in der Runde. Die Omma geht mit den Worten, dann könne „man ja jetzt mal n Likörchen…“

„Tja, so isse“, sagt eine Tante. „Manchmal erschreckt man sich ein bißchen“, meint die kopfschüttelnde Cousine. „Also, wir mögen den Achim“, wende ich mich an die neue Tantentochter, „das kam jetzt nur seltsam rüber“. „Selbstverständlich“, sagt der Onkel mit der Torte auf dem Teller und alle nicken und murmeln, „aber wir mögen eben auch Schwarzwälder-Kirsch“ fügt kauend hinzu.

Weißt du, was Glück ist?

Eine Teamkameradin ist nach dem Training irgendwie bei uns gestrandet.  Sie geht davon aus, das sie zeitnah abgeholt wird.

Ob sie nicht lieber nochmal zu Hause anrufen wolle, erkundigt sich das große Kind. Die Teamkameradin geht davon aus, dass der Oppa gleich kommt. Wenn sie den jetzt anrufen würde, müsste er rechts ran fahren, nach dem Handy suchen, dann das Licht anmachen um den Knopf mit dem Hörer drauf zu finden… der meldet sich, wenn er vor der Haustür steht. Sie legt das Handy auf den Tisch. Ich stelle noch ein Gedeck fürs Abendbrot dazu und wir fangen an.

Es sei doch wirklich seltsam, wo ältere Leute ihre Handys so aufbewahren. Normalerweise hat man das doch in der Hosentasche, oder in der Jacke. Ich gehöre auch zu den älteren Menschen, die das Handy irgendwo in einer Tasche haben, die vermutlich noch im Kofferraum liegt und bin deshalb einfach mal still.  Naja, stellen die jungen Leute fest, man müsse halt immer dran denken, dass man das Handy in der Tasche hat. Sonst können fürchterliche Unfälle passieren. „Wie damals, weißte noch?“  Oh ja, daran kann ich mich erinnern. Ein Schrei durchs ganze Haus, ich dachte, das Kind hat ne Leiche gefunden oder so und bin hingerannt. Da lag das Handy im Klo. Drama! Betroffenes Schweigen am ganzen Tisch.

„Aber,“ sagt die Teamkollegin mit getragener Stimme, „weißt du was Glück ist?“ Wir schütteln andächtig mit dem Kopf. „Glück ist, wenn dir das Handy ins Klo fällt, und dir bleibt fast das Herz stehen, dann drehste dich um und siehst, dass es  sich so in der Schüssel verkeilt hat, dass es das Wasser nicht berührt.“ Man darf bei soviel Pubertät am Tisch auf keinen Fall an der falschen Stelle lachen. Das hier ist eindeutig ein ernstes Thema. Ich gebe mir ehrlich alle Mühe und trinke schnell einen Schluck, um ein breites Grinsen zu vertuschen. “ Und dann kniest du dich vor die Schüssel,“ sagt die Teamkollegin und es klingt so feierlich, “ greifst ins Klo, und denkst nur DANKE, DANKE, DANKE“.  Ich kann nicht mehr, stehe auf und sprinte die drei Schritte bis zum Waschbecken in der Küche. Dort spucke ich so unauffällig wie möglich mein Getränk rein und lache herzlich.

Sie nimmt es mir nicht übel, sie wisse ja selber, dass das ganz witzig sei. Aber erst danach, in dem Moment war sie wirklich sehr froh.  Vielleicht merkt man Glück erst, wenn schlimme Sachen nicht passieren.

Und bestimmt ist es auch Glück, bei solchen Gedankensprüngen mit dabei sein zu dürfen, kannste für Geld nicht kaufen.

vielleicht gruselig

Drei Grundschüler spielen seit einer Stunde verstecken im ganzen Haus. Es sind nette Kinder, keine Chaoten, aber sie sind gefühlt überall. Nun überlegen sie, mal rauszugehen. Gute Idee! Nur wohin, bei dem Nieselmatschwetter. Bolzplatz macht da keinen Spaß, die Grillhütte wäre eine Idee. Oder – sie könne auch das neue Geheimversteck zeigen, sagt das Julikind.  Man muss allerdings ein Stück Richtung Wald laufen und im Wald wirds schneller dunkel. Manchen ist das zu gruselig. Sie guckt fragend in die Runde.

Der Freund macht einen robusten Eindruck, jemand der keine speziellen Klamotten zum draußen spielen braucht. Er winkt ab, ein bißchen Dunkelheit am Waldrand macht ihm nichts aus. Die Freundin ist zierlich und erinnert vom Typ her an Prinzessin Jasmin aus Aladin. Sie ist schon dabei ihre Schuhe anzuziehen, als sie bemerkt, dass die anderen beiden auf ihre Antwort warten. Offensichtlich versteht sie die Frage, aber nicht das Problem. „Ich hab schon da gespielt, wo Krieg ist“, sagt sie ganz locker. Ach so, stimmt ja.

Drei Grundschüler verlassen das Haus um am Waldrand zu spielen. Ich bin mir zu 99,9% sicher, dass alle drei in einer Stunde wieder unversehrt hier vor der Tür stehen. Bis vor 30 Sekunden erschien mir das selbstverständlich. Jetzt muss ich kurz schlucken, denn das war kein vorpubertärer Spruch. In Syrien ist das gerade anders. Nur, im Fernseh kommt mir das irgendwie nicht so nah.

Leute knuddeln

Eine Kaffeegästin sitzt mir mir am Tisch. Wir plauern über nichts besonderes und ich weiß auch nicht mehr wie wir drauf gekommen sind: Eben ist sie mit einer Freundin aus der Gemeinde zusammengerasselt.

Ich wundere mich, wie das passieren konnte. Es sind doch beides friedlich Leute. Ja genau, das sei bei einer Umarmung passiert. Ich wundere mich noch mehr. Wie kann man denn bei einer Umarmung zusammenrasseln. Anscheind ganz einfach.

Sie: “ Ich komme so von da, merke zu spät, dass sie auch von da kommt und „dischhhoooaah“ .“

Ich: „Also, das ist mir noch nie passiert.“  Und ich bin mir auch nicht sicher, ob ich hier gerade vielleicht vereiert werde.

Jetzt wundert sie sich. „Nicht? Mir passiert das öfter. Man weiß ja vorher nicht, von welcher Seite die Leute kommen.“

„Hä, wie von welcher Seite?“ ich verstehe immernoch nichts.

Naja, sagt die Gästin, sie würde ja immer von rechts umarmen, wenn jetzt die andere Person ein „von-links-Umarmer“ sei:  „dischhhoooaahh“.

“ Aber??? Du umarmst alle Leute immer gleich?“

„Ja, sicher. Wie machst du das denn?“

Ich habe keine Ahnung. Aber ich hab ja auch kein Problem. Das kann aber doch nicht sein. Die Gästin möchte der Sache auf den Grund gehen und bittet mich aufzustehen. Nun solle ich einfach mal auf sie zukommen und sie umarmen, so wie ich das von mir aus machen würde. Ich breite die Arme aus, wir stehen uns gegenüber. Es passiert nichts.

Sie: „Nun mach doch einfach mal.“

Ich stehe immernoch mit ausgebreiteten Armen da und muss mittlerweile lachen. „Ich kann das nicht“, stelle ich fest.

“ Wieso?“

„Ich kann nicht einfach so Leute knuddeln. Wenn, dann kommen die auf mich zu, und dann geh ich einfach auf die Seite die frei ist.“

Und das habe ich gerade in diesem Moment erst rausgefunden. Ich umarme eigentlich immer die gleichen Leute, aber tatsächlich alle irgendwie anders.  Manchmal gibt es einen kurzen Moment von „hä, wie jetzt?“, aber „dischhhoooahh“ hatte ich noch nie.

Die Gästin kommt auf mich zu und wir umarmen uns lachend einfach genauso wie immer. Ich sei einfach ein sehr intuitiver Mensch, sagt sie. Und es klingt, wie ein Kompliment. Danke schön!

Fröhliche Weihnachten euch allen, mögen die Brillengestelle unversehrt bleiben.




Draußen, zu Hause

Nach einem Vormittag voller vorweihnachtlicher Kopfarbeit müssen wir dringend eine Runde raus.

Nicht weit vom Haus entfernt ist ein städtischer Mitarbeiter dabei, das Laub des öffentlichen Geländes zu entfernen. Uns fällt auf, das unsere Auffahrt in einem vergleichsweise schlechten Zustand ist. Im Vorbeigehen teilen wir das dem städtischen Mitarbeiter mit und machen im das Angebot, da doch direkt weiterzumachen.

Da wären wir heute die hundertsten, die ihm das anbieten. Es sollte natürlich nur ein Scherz sein, so ein bißchen Laub fegen schaffen wir schon selber. Man kennt sich und kommt schnell ins Gespräch. Der stätische Mitarbeiter, nennen wir ihn Kurt, ist nebenbei noch Jäger, Pferdehalter und Feuerwehrmann. Er ist gut zwei Meter groß und strahlt eine rustikale Herzlichkeit aus. Kurz, jemand, dessen Nummer einem einfällt, wenn draußen etwas ungewöhnliches passiert.

Man würde ja nicht glauben, was die Leute ihm so für Arbeiten anbieten. Letzte Woche zum Beispiel habe jemand angerufen „totes Reh im Gartenteich“. „Jo“, habe er da gesagt, „un?“. Dann wollten die, das er das wegholt, weil er ja Jäger sei.  Aber so leicht es ja nun nicht. Was er denn dann damit machen solle, hat er den Anrufer gefragt. TBA (Tierkörperbeseitigungsanlage)  koste ja richtig Geld. Da meinten die am Telefon, der Jäger würde dafür aufkommen. Aber erstens sei sein Revier gar nicht angrenzend. Außderdem befindet sich der Garten ja am Haus und somit in der Ortschaft. Die Ortschaft ist eine öffentliche Gemarkung. Das Reh ist ein wildes Tier und somit herrenlos. Daraus folgt? Kurt schaut uns an, der Liebste und ich schauen und gegenseitig an und haben keine Ahnung. „Richtig,“ sagt Kurt, „wenn ein wildes Tier innerhalb der Ortschaft tot umfällt, gehörts dem, auf dessen Grundstück es liegt.“ Wir schmunzeln, „was hast du gemacht?“, frage ich ihn, denn jetzt bin ich echt neugierig. Naja, er sei natürlich hingefahren. Er hatte den Eindruck es seien ältere Leute und da hilft man eben. Aufgemacht habe dann „ein Kerl wie du“, er nickt auf den Liebsten zu und schüttelt  dann mit dem Kopf, einen längeren Moment lang.  Selbstverständlich hat das Reh eine friedliche und gesetzeskonforme letzte Ruhestätte gefunden. Aber insgesamt wäre es schöner, wenn sich die Leute um die alltäglichen Kleinigkeiten mehr selber kümmern würden. Da stimmen wir aus vollem Herzen zu und gehen dann weiter.

Hinter der nächsten Kurve kommt die Frage „hättest du das gewußt?“ “ Nee, ich hätte auch irgendwen angerufen.“

Schäfchen zählen

SchafWenn sich bis um 8 Uhr niemand meldet hat sie heute frei, sagt die Freundin.  Um drei Minuten nach 8 bekomme ich ich eine Nachricht. Wir könnten dann in einer halben Stunde los.

Spontan geplant wird ein längerer Spaziergang in der näheren Umgebung. Wir müssen ja beide nach der fünften Stunde schon zu Hause sein.  Da wir beide schon ewig in dieser Gegend wohnen und völlig ortsblind sind, müssen wir gar nicht weit fahren, um einen Wanderweg zu finden, den noch keine von gelaufen  ist.

Wir parken auf einem Wanderparkplatz und machen uns machen uns auf den Weg. Wandern klingt so nach Urlaub. Nach einigen Metern geteertem Feldweg führt ein Trampelpfad in den Wald. Und es folgen die auf der Wandertafel angekündigten Höhenmeter. Praktischerweise alle direkt hintereinander, nicht verteilt auf mehrere kleine Hügel, so wird man schnell warm. Da es kein normaler Wald ist sondern der Urwald hier anfängt, muss man auch auf Stämme und Wurzeln achten.  Nach 10 Minuten laufen kann man sich vorstellen, wie die Geschichte um Hänsel und Gretel enstanden ist.

Oben auf dem Berg erwartet uns eine Heidelandschaft, die, in weniger trockenen Jahren um diese Zeit blühen würde. Sehr malerisch. Wir wundern uns, dass es sowas gibt, so wohnortnah. In diese Idylle passt die Schafherde am Wegesrand perfekt. Es sind ziemlich kleine Schafe, bestimmt so eine fast ausgestorbene Haustierrasse vom Archehof, oder so.

Eins steht mitten auf dem Gelände und grast in aller Selbstverständlichkeit außerhalb des Zaunes. Die Freundin hat im früheren Leben Landwirtschaft gelernt und scannt sofort Wiese, Zaun und Herde. Nee, ist nur das eine, Zaun scheint heil zu sein. Manchmal finden die Biester so Lücken, die man nicht für möglich hält. Das Schaf fühlt sich ertappt und will so schnell es geht zur Herde zurück. Die Maschen im Zaun sind so groß, dass es mit dem Kopf durchkommt, mit dem Rest natürlich nicht. Es erkennt das Problem nicht und versucht einfach mit aller Kraft durchzukommen.  Dabei blökt es ganz jämmerlich.

„Ich guck mal, ob ich die Batterie (vom Elektrozaun) finde, dann könnten wir kurz den Strom abstellen und es rausholen“. „Ach was“, sagt die Freundin, „das sind doch nur so Schäfchen, da wird nicht viel drauf sein.“  Sie ist schon auf dem Weg. Ich sehe natürlich erstmal keine Batterie. Na klar, die soll man mit Sicherheit auch nicht finden.

„AAAch nuu aber“, es ist dieser tröstlich bestimmende Tonfall, mit dem Landwirte mit Viechern reden. Als ich mich umdrehe hat sie das Schaf schon aus dem Zaun und dann: „Huuuch!“   fliegt es im hohen Bogen darüber. Auf der anderen Seite stakst es davon und blökt jetzt in einem Tonfall der klar macht, dass es sich derart unwürdige Rettungsmaßnahmen in Zukunft verbittet. Wir lachen uns kaputt. Das sah aus wie bei Drachen zähmen leicht gemacht. Sie habe eigentlich das Schaf nur drüber heben wollen, in dem Moment hat es sich abgestoßen und naja, die haben ganz schön viel Fell, es hätte gar nicht so viel Kraft gebraucht.

Der Weg führt uns noch etwa anderthalb Stunden durch eine Landschaft, die sich weit weg vom Alltag anfühlt. Am Ende sind wir uns einig, sowas sollte man öfter machen. Für einen langen Spaziergang braucht es weniger Vorbereitung als für eine echte Wanderung. Zwei Stunden finden sich eher als ein ganzer Tag. Und der Erholungswert ist erstaunlich.