Sommer

Morgens um 10 ist es fast schon zu warm zum spazieren gehen. Mitten auf dem Waldweg frühstückt ein junges Reh (Sind das Mitte August noch Kitze? Ich weiß es nicht.) Dass der Hund so gar keinen Jagdtrieb hat, ist doch wirklich angenehm. Ich bleibe stehen und beobachte. Ein Vogel meldet Besucher im Wald, das Reh schaut in unsere Richtung, der Hund und ich stehen still, völlig unbeeindruckt frisst es weiter. Ein Flugzeuggeräusch über uns, das Reh schaut sich suchend um, wundert sich, überlegt kurz und frisst weiter. Ich nehme den Hund an die Leine, nicht das er doch noch auf Ideen kommt, und gehe ein paar Schritte weiter. Das Reh wartet kurz, ja, leider wollen wir echt genau da lang. Betont langsam flüchtet es ins Unterholz, als Teeniemutter meint man ein augenrollendes „boooaaarmanneejj“ hören zu können.

*

Im Schreibwarenladen der Nachbargemeinde haben sie Collegeblöcke mit dieser Pünktchenlineatur. Die habe ich zuletzt beim Französischaustausch in den 90ern gesehen, hier gab’s die leider nicht. Dann -aus dem Nichts- ein Geistesblitz! In NRW beginnt die Schule eine Woche früher. Das heißt, die ganzen Muddis hier haben den alljährlichen Einkauf des Wahnsinns zu Schulbeginn schon durch, wenn ich los muss. Die Nachbargemeinde ist genauso weit weg wie das Städtchen. Warum zum Geier komme ich da erst jetzt drauf?

*

Wir stellen überrascht fest, dass wir vorher noch nie im eigenen Garten gefrühstückt haben. „Es fühlt sich an wie im Urlaub“, sagt das Maikind.

*

Das Julikind verbringt einen geschenkten Pferdetag mit Tante und Cousinen. Auf der Rückfahrt erfahre ich, dass frischer Pferdemist doch deutlich mehr wiegt als welcher, der schon eine Weile rumlag, dass man Pferde mit Fingerfarbe anmalen kann, nur nicht da, wo der Sattel hin muss, wie man antrabt und bremst und und und und und und dann schläft das Julikind ein.

*

Das Märzkind übernachtet auswärts.

*

Ich bringe sechs ungenutzte Kaffeegedecke in die givebox und finde ein Lieblingsbuch, das irgendwann einfach weg war. In einer offensichtlich ungelesenen Orginalausgabe, guter Tausch, ich freu mich. Sicher taucht das abgeschrammelte Taschenbuch im Laufe der Woche wieder auf.

*

Eis essen stand noch auf der Ferienliste. Die Eisdiele ist natürlich proppevoll. Die Tische stehen weit auseinander, drei junge Männer sprinten mit Eisbechern hin und her, bei 36°C. Sie sind auffallend freundlich, zu jedem. Im reinlaufen rufen sie der Frau hinter der Eistheke zu, was gebraucht wird. In atemberaubender Geschwindigkeit werden die Bestellungen zusammengebaut und sind wenige Minuten später zeitgleich am richtigen Tisch. Ungewohnt, aber so kann Gastronomie auch sein. Das Märzkind schüttelt den Kopf, „man hat fast den Eindruck, das macht denen Spaß“.

*

Die Fussgängerzone war vorher schon kein Schmuckstück. Mit leeren Schaufenstern ist es eine trostlose Gegend.

*

Die Schule schickt das neue Regelwerk für den Regelbetrieb. Fünf Tage die Woche für alle mit Nachmittagsunterricht und geöffneter Cafeteria sind geplant. Es gibt ein Hygienekonzept, das liest sich richtig gut. Wenn man allerdings einen Moment länger darüber nachdenkt…. ach was. Der Landkreis hat gerade null Neuinfektionen. Da tun wir einfach mal so, als würden nur Einzelkinder zu Fuss zur Schule kommen, die den ganzen Tag nicht auf Toilette müssen. Läuft.

*

Starkregen. Der Liebste stürmt die Haustür rein, reißt die Kellertür auf, flucht und rennt wieder raus. Von oben höre ich ein „Och nee, müssen wir schon wieder den Keller wischen?“ Zum Glück nicht. Aber der liebevoll hingemörtelte Schutzwall steht leider an der völlig falsche Ecke. Das hätte man so nicht für möglich gehalten. Der Liebste verteidigt das Kellerfenster gegen die Flut, mit dem was gerade da ist.

Mann mit Tapeziertisch im Regen, das Bild wurde nicht freigegeben.

*

Nach dem Regenguss öffnen wir alle Fenster und freuen uns über die angenehm kühlen 25°C.

Empfindlich?

Der Biergarten wurde schon im letzten Jahr leicht vergrößert, das hatte sich so ergeben, Altbauten entscheiden manchmal Sachen. In diesem Jahr wurden Bambus Windschutzmatten rund rum gebaut. Es gibt unterschiedlich große Tische unter riesigen Sonnenschirmen, die Bestuhlung ist nicht einheitlich.

„Habt ihr gut hingekriegt, sieht fast nach Strandbar aus“, sage ich zum Wirt.

„Och jo, findste?“ Der Wirt wirkt überrascht.

„Jo, schon. Also, wenn man mal vom Spießbraten-Bräter im Eingangsbereich absieht.“

„Weißte“, sagt der Wirt, „am wichtigsten ist, das man im Vorbeifahren nicht so ganz genau alles sieht, diesen Sommer.“

*

Die Arme werden ausgebreitet, um das Märzkind zu knuddeln. Sie zögert, guckt mich fragend an. Das wird bemerkt und falsch verstanden. „Seid ihr empfindlich, oder was?“, es klingt fast etwas ruppig. Ich zucke mit einer Schulter, wir umarmen alle nacheinander die Risikogruppe.

*

Nach einer Hunderunde in schwüler Hitze machen wir Halt bei den Großeltern. Da kann sich der Hund unter dem Gartenschlauch abkühlen, alle anderen, die daneben stehen, auch. Das Märzkind klingelt, die Oma öffnet und bleibt in der Tür stehen.

„Wie geht es Dir?“ Das Kind denkt, es sei eine Anspielung auf die Camper-müdigkeit und lacht. „Alles supi“. Die Oma meint es aber ganz im Ernst, sie darf dieses Virus einfach nicht kriegen. Punkt. „Kein Halskratzen, Fieber….?“ „Neee, natürlich nicht!“

„Also, wir waren in den letzten Tagen viel unter Leuten, die 1,5m können wir ruhig einhalten“, entscheide ich. Hier wurde eine zweite Bank für den Hof angeschafft. Wir sitzen auf der einen, die Großeltern auf der anderen.

*

Bei der Omma im Garten wurde mit dem Aufsitzmäher über das Efeu gemäht, das da den Zugang zum Nebeneingang zuwuchert. Das hatte sie erst gar nicht gesehen. Hätte sie es gesehen gehabt, hätte sie dem Mähenden aber gleich gesagt wie sie das findet. Also, wirklich. Wie sieht das denn aus? Wenn einem jemand seit Jahren den Rasen mäht, kann man doch wohl erwarten, dass da ein bisschen sorgfältig gearbeitet wird. Jetzt ist da so eine Dreckecke. Es wird wohl den ganzen nächsten Vormittag dauern, da wieder so einigermaßen Struktur rein zu bekommen. Ach was, wenn man ehrlich ist, ist es wohl für immer verdorben. Man muss sich ernsthaft fragen, was der Mähende sich wohl dabei gedacht hat. Das wird sie auch tun, das kann ich aber ruhig glauben, sobald der aus dem Urlaub zurück ist, kriegt er was erzählt.

Und bis dahin muss ich es mir anscheind anhören.

*

Zur Feierabendzeit liegen in der Selbstbedienungs-Brötchen-und-so-Theke des Supermarkts auffallend viele Donuts, mindestens vier verschiedene Farben, gefüllte und ungefüllte…

„Kann ich einen?“, fragt das Julikind.

„Ja. Einen.“

„Dann nehm ich für die anderen auch einen mit?“

Eine kurze Hochrechnung ergibt, das zu Hause noch fünf Kinder sind, und der Papa. So ein Donut kostet 90 Cent, und ist schnell weg gesnäckt.

„Nee, nimm dir einen und iß den gleich heimlich im Auto“, sage ich.

Als ich den Einkauf verstaut habe, ist der Donut schon angebissen und wird eine Weile hin und her gedreht. Dann tippt das Julikind irgendwas auf dem Handy und beißt wieder ab.

„Was machst Du?“, frage ich, nur aus Interesse.

„Hab den Donut fotografiert, für meinen Status.“

*

In Berlin demonstrieren Impfgegener, Rechtsradikale, Chemtrail-Leute und werweißwer dafür, dass Deutschland auch eine richtige Corona-Welle bekommt, das wird man ja noch sagen dürfen.

Sicher darf man, das ist ja das geile an Demokratie. Man darf alles sagen, auch auf der Strasse und in Kameras.

Ich schäme mich für jeden einzelnen, der da so fröhlich auf alle Regeln pfeift. Hoffentlich sehen die Leute in Bergamo und NewYork und so diese Bilder nicht.

*

„Braucht ihr eigentlich neue Sportschuhe?“

Sportschuhe, wofür? Die Kinder überlegen, ach so, ja, sicher, also wenn denn dann…lieber nochmal abwarten.

Ich bestelle uns einen WLan Router, der laut Beschreibung in der Lage ist, gutes Internet für mehrere Personen gleichzeitig zu produzieren.

*

Ferienakademie:

Das Märzkind kann jetzt Kronkorkenverschlüsse mit Hilfe einer anderen Flasche oder einem Feuerzeug öffnen.

„Gütersloh“ bringt bei Stadt/Land/Einhorn leider nur läppische 5 Punkte.

„Beste Leben, Digga!“ heißt übersetzt „Alter, wie geil ist das denn?“

*

Wegen sommerlichen Temperaturen drehen wir eine Hunderunde am späten Abend. Ich mag diesen Flugzeug freien Himmel und diese Sonnenuntergänge in HD. Da sieht man jetzt noch schemenhaft Berge hinter den Bergen. Richtig schön! Leider kein Foto

Soziale Kontakte, mehrere

Das Märzkind hat gut geschlafen, auf dem Campingplatz, sagt sie. Wir wecken sie zum Abendessen.

Ausgepackt wird am nächsten Tag. In der Wäsche sind drei Tshirts und zwei Pullis, die ich noch nie gesehen habe. Anscheind hat einfach jeder eine Tasche voll mitgenommen…

*

☆Aus Wohnzimmer werde Jugendzimmer, hex hex☆

Leider ist es etwas komplizierter. Da, wo jetzt Esszimmer ist, müsste dann der Fernseher hin. Der Liebste und der Außendienstmitarbeiter gehen erst ums Haus, dann in den Keller, stehen schließlich murmelnd vor der Wand.

Es gäbe zwei Möglichkeiten: Man könnte vom Hausanschluss durch die Wand in den Keller, das dürfte an der Stelle kein Problem sein. Gut, es gibt einen Versatz von 1,2m aber das kriegen sie hin, dann von dem einen Kellerraum durch die Wand in den anderen Kellerraum und neben den Ölbehältern gerade nach oben. Dann müsste man genau hier rauskommen. Vorraussichtlich. Einen Toleranzbereich muss man natürlich schon einrechnen, ist ja Bruchstein, da weiß man nie, aber die dicke Hilti schafft das.

„Was wäre die andere Möglichkeit?“, erkundige ich mich.

„Der Fernseher könnte da stehen, die Anschlüsse sind beinahe vorhanden, dauert eine halbe Stunde, ungefähr“.

Es werde natürlich so gebaut, wie ich das möchte, alles sei möglich, sagt der Liebste. Auf charmante Art entzieht er mir so die Lizenz zum Nörgeln. Optimal ist beides nicht.

*

Wir arbeiten den Ferienprogrammpunkt ‚pulled pork essen‘ ab, und laden die Familie dazu ein, bei der wir neulich so nett Burger gegessen haben. Normalerweise dauert es Monate, einen gemeinsamen freien Tag zu finden, wir freuen uns. Der jüngste Gast verschwindet mit der kleinen Kamera.

*

Ein Paar schwarzer Socken wird im Vorbeigehen auf einen Stapel Wäsche gekickt. Moment! Ich erkundige mich, ob es einen Grund für die mutwillige Fehlsortierung gibt. Sortierung? Man schaut mich fragend an.

Ich gebe einen Schnellkurs in Wäschepflege. Helle Buntwäsche und schwarze Kochwäsche, das geschulte Auge ist danach in der Lage Unterschiede wahrzunehmen.

*

Das Julikind hat eine Verabredung zum Pferde versorgen und ist ganz hibbelig. Wir anderen sind eingeladen, Kaffee zu trinken , solange. Mit einem strahlenden Lächeln teilt das Julikind uns mit, sie dürfe sogar Reiten und verschwindet. Das Maikind geht derweil mit einem Freund zusammen mit dem Hund eine Runde durchs Feld. Der Liebste und ich bleiben einfach sitzen, trinken den restlichen Kaffee und genießen den Garten. Man sitzt so schön und guckt so schön, zum ersten Mal in diesen Ferien fühlt es sich wie Urlaub an. Dann gehen wir den Reiterinnen entgegen, es werden ja Fotos gebraucht.

Abends werde ich umarmt, mit den Worten, „Mama, das war ein richtig schöner Ferientag, heute“. Hach, das freut mich.

Herzlichen Dank ins Tal!

*

Spontan verabrede ich mich mit der Freundin für eine weitere Etappe des örtlichen, frisch zertifizierten Premiumwanderweges. Morgens um neun ist es schon richtig warm. Von der Haustür aus erreichen wir nach etwa vierzig Minuten einen Weg, den keine von uns je gegangen ist. Obwohl wir quasi schon immer hier wohnen und seit mindestens 14 Jahren Hunde habe.

Premium, es stimmt wirklich.

*

Wir sehen einen Kometen und 12 Fledermäuse. Wobei, es könnten auch weniger Fledermäuse gewesen sein, die mehrmals vorbeiflogen. Das lässt sich schwer feststellen.

ungewohnte Ereignisdichte

Der Liebste hat schon länger was, nun ist klar, es bedarf einer ambulanten OP. Zur Auswahl standen ein Termin jetzt oder Mitte September, statt Sommerurlaub also Krankschreibung, ist dieses Jahr nicht tragisch.

Hunde bekommen ja nach Operationen so einen Kragen. Etwas in der Art wäre wohl auch nötig gewesen, denn „so eine Kleinigkeit“ hält den Liebsten ja von nichts ab. Über den Tag sammeln sich so drölfizig halb erledigte Arbeiten, die in guter Absicht angefangen wurden, mit einem Arm aber nicht zu Ende zu bringen waren.

*

Abends um neun freue mich darauf, gleich mal auf dem Sofa zu sitzen. Nur noch kurz die Wäsche im Keller abnehmen, die da schon drei Tage hängt. Als ich die Tür öffne bemerke ich ein Geräusch, rechts über mir an der Wand, dass ich nicht zuordnen kann. Oh, der gesamte Kellerfussboden steht unter Wasser, ein Rohr ist undicht daher das Geräusch.

Was für ein Glück, dass wir alle zu Hause sind. „Höhö, guck mal, der Eimer steht gar nicht, der schwimmt“, sagt das Maikind. Ich habe an diesem Tag nicht mehr auf dem Sofa gesessen.

*

Bin ich froh, dass alles was gekocht werden musste bereits gekocht war. Partyvorbereitung ohne Wasser aus dem Wasserhahn ist – mal was anderes.

*

Handwerker kommen zwei Stunden, bevor die Gäste eintreffen, ich war schon ein bisschen unruhig. Jetzt kann ich sogar noch duschen. Nach 18 Stunden ohne Wasser weiß ich das zu schätzen.

*

Die Party wurde aufgeteilt. Das Julikind hatte Bedenken, wie es wohl wird, wenn keine Kinder kommen. Das war aber überhaupt kein Problem. Alle Erwachsenen haben sich Zeit für sie genommen und sie hat den VIP Status sehr genossen.

Es waren tatsächlich alle fünf Omas da. In Anwesenheit einer Hundertjährigen hatten die anderen merklich weniger Beschwerden aller Art.

Partyspiel, knapp nichts passiert

*

Ich bringe das Märzkind auf den Campingplatz und helfe beim Ausladen des Gepäcks. Mein Plan war eigentlich, dann wieder nach Hause zu fahren. Eine engagierte Mutter-Kollegin bietet Hilfe beim Zeltaufbau an und spannt mich mit ein. So verbringe ich eine Stunde auf einem Jugendzeltplatz.

Ich bin froh, dass ich wieder gehen kann, mit dieser Erkenntnis altere ich auf der Rückfahrt schlagartig.

Ein Corona-Moment schleicht sich ein. Die sorgsam ausgefüllte Teilnehmerliste und Gesundheitszettel, die auf der Webseite gefordert wurden wollte bei der Anmeldung niemand sehen. Auf dem Platz war vom Virus keine Spur. Ich gönne es den Kindern von Herzen, ein mulmiges Gefühl habe ich trotzdem.

*

Nachdem ein halbes Jahr keine einzige Anfrage kam, hätte ich in dieser Woche so was von die Ferienwohnung vermieten können!

*

De Omma hat ihren Geburtstag auch aufgeteilt. So können wir uns in der erweiterten Kernfamilie mal unterhalten. Man überlegt, wann wir uns das letzte Mal so gesehen haben. Es muss das erste Märzwochenende gewesen sein. Danach wurde dicht gemacht.

Im Tratsch erfahre ich, dass Putzkräfte in Feriendörfern ähnliche Arbeitsbedingungen haben, wie Mitarbeiter in Schlachthöfen. Man sei da letzte Woche misstrauisch geworden, weil die fünfunddreißigste Person eine Wohnadresse in einem Einfamilienhaus angab. Vermutet wurde Betrug, der Außendienst hat dann eine Situation vorgefunden.

Wir stellen mit einigem Erstaunen fest, dass die Lage um uns herum gerade ähnlich ist, wie Anfang März. Wir sitzen entspannt im Garten dabei.

*

Das Julikind hatte eine Reitstunde. Ich habe in der zwischenzeit eine Stunde auf der idyllischsten Bank gesessen, die man sich vorstellen kann. Das war sehr erholsam.

Sind das wirklich schon Stoppelfelder? Ich habe kein Zeitgefühl mehr. Halbzeit der Sommerferien. Nur noch sechs Wochen bis Spekulatius, verrückt.

Juli, Halbzeit

Ein Fernseher war übrig und das Maikind hat begeistert „hier“ gerufen. Es gibt jetzt also eine Möglichkeit zum zocken auf angemessen großem Bilschirm und DVD gucken im Kinderzimmer. Bis auf weiteres…

Für’s Aquarium wurden Garnelen angeschafft. Die lieben es, sich zu verstecken, hatte die Verkäuferin gesagt. Man steht vor der Scheibe und fragt sich, wieso man 40 Euro für unsichtbare Tiere ausgibt?

*

Eine Freundin des Märzkinds ist letzten Sommer umgezogen. Das Hessenticket ist noch zwei Wochen gültig und so kann sie ohne Elterntaxi bis zu uns fahren. Große Wiedersehensfreude beim Märzkind, ein Gefühl von “ wir-hatten-ja-nichts-damals “ bei mir.

*

Der einzige Geburtstagswunsch des Julikinds war, normal feiern zu können. Das heißt in diesem Fall, mit 28 Leuten. Zu Hause geht das auf keinen Fall, Grillhütten und Sportplätze kann man nicht anmieten, im Moment, also Plan B, zweimal halb normal, oder so.

*

Ein großer Eimer Kirschen durfte in Nachbars Garten geerntet werden. Danke dafür! Sehr lecker, etwa die Hälfte wurde sofort gegessen, der Rest eingekocht. Als Erinnerung an den Sommer und im Gedenken an eine Omma mit legendärem Talent zur Vorratshaltung.

*

Garten mit Aussicht

Arbeitsbeginn um 7.30 Uhr. Wenn die Schaufel voll genug ist, wird kurz gehupt, dann abtransportiert. Meine Begeisterung hält sich in Grenzen, aber manche Leute beneiden uns. Wir haben überlegt, Liegestühle an Eltern im Kindergartenalter zu vermieten.

*

Das so gut wie niemand in den Urlaub fährt ist ein ganz neues Feriengefühl. Es hat immer irgendwer Zeit. An manchen Tagen fühlt man sich wie im Taubenschlag, ein stetiges kommen und gehen. Elterntaxifahrten auf Zuruf…

*

Hunderte liegen gebliebener Kleinigkeiten… allmählich bilden sich Stapel, die man zuordnen kann. Ein bisschen fehlt noch, damit sich die Sperrmüllabfuhr lohnt.

*

Eine eingeschränkte Trauerfeier mit Hygienekonzept. Normalerweise würde man Hände schütteln oder umarmen. Die trauernde Familie besteht aus hochbetagten, Selbstständigen und medizinischem Personal, ich wurschtele mich durch, ohne zu kondolieren, und meine es nett.

Ach, wo ich herkomme müssen sie nicht fragen, das kann man ja sehen, wie es denn gewesen sei, erkundigen sich die Damen, die auf der Bank in der Ortsmitte sitzen, vorsichtig. “ Eigentlich schön, soweit man das unter diesen Umständen sagen darf. Wir haben draußen gesessen, mit viel Abstand und Maske, naja, ein bißchen seltsam schon, aber feierlich.“ Dann ist es ja gut, die Damen schweigen einen Moment, wirken aber erleichtert.

*

Die Touristen, die da probehalber nach Mallorca geflogen wurden haben sich übrigens benommen, wie ganz normale Touristen auf Mallorca. Der deutsche Gesundheitsminister ist enttäuscht.

Im Nachbarkreis gibt es einen kleinen Corona Hotspot. Keine Sorge, das Haus wurde abgeriegelt, die Bewohner werden vom THW versorgt.

Eine Stimme in meinem Hinterkopf fragt sich, ganz leise, ob das wohl was wird? Mit dem ganz normalen Schulbetrieb nach den Ferien?

Bemerkungen: -keine-

Das Märzkind bekam bereits am Donnerstag ihr Zeugnis. Darauf das Datum von Freitag und der Hinweis, dass “ das Betriebspraktikum aus Gründen, die die Schülerin nicht zu vertreten hatte, nicht stattfinden konnte.“

Für die Woche nach den Ferien wurde eine Mathearbeit angekündigt. Es wurde darauf verzichtet, Aufgaben über die Ferien aufzugeben, aber ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der Schulbetrieb danach normal weitergeht und die Abschluss-Hausarbeit nebenher geschrieben werden muss, Abgabe der Gliederung zur Genehmigung durch die Schulleitung eine Woche nach den Ferien.

*

Das Maikind hat einen Klassenlehrer verabschiedet und ist mit dem, der danach kommt zufrieden.

Er war seit 53 Tagen nicht in fortnite, stellt er erschrocken fest. Nach den ganzen Hausaufgaben konnte man sich ja auf nichts mehr konzentrieren. Naja, so wurde wenigstens das ganze Lego mal abgestaubt. Aber jetzt…

*

Grundschulzeugnis-Abschlusszeremonie entfiel wegen Krankheit der Klassenlehrerin. Die letzten Grundschultage wurden von unbekannten, aber sehr netten Vertretungslehrern übernommen.

Ein Brief und ein Geschenk der Klassenlehrerin für das Kind und einen Elternbrief.

Die neue Schule lädt herzlich zur Einschulungsfeier am Mittwoch nach den Ferien. Jede Klasse bekommt eine eigene kleine Feier, jedes Kind darf zwei Personen mitbringen, die sich vorher namentlich anmelden müssen und am Tag der Veranstaltung bitte ihren unbedenklichen Gesundheitszustand schriftlich erklären. Verschiedene Zettel für alles liegen bei.

*

Alle Zeugnisse waren gut. Ich gebe zu, besser als ich erwartet hatte. Anscheind habe ich während des Hausaufgabenmarathons gar nicht mitbekommen, dass vieles auch von alleine gut lief. Irgendwo gab es immer ein Problem, mindestens eins.

*

Dieses Schuljahr war ein wenig anders als die anderen, aber vielleicht war es auch nur mein persönliches Empfinden. In den Zeugnissen steht jedenfalls nichts davon.

Die Elternbriefe sprechen von einem turbulenten Jahr, dass einige Herausforderungen mit sich brachte. Ist klar. Ihr mich auch.

*

Fast volle Hefte werden zerlegt, Ordner und Schnellhefter entleert. Ein Schmierzettelblock für’s nächste Schuljahr wird zusammengestellt und der Rest kommt feierlich in die Tonne.

*

Eine Joggingrunde ganz alleine. Es fühlt sich an wie Urlaub.

Statt in Sofasitzhose und T-Shirt lief ich in extra für diese Sportart entwickelter, farblich zueinander passenden Funktionskleidung. Diesmal ist mir natürlich niemand begegnet.

*

Wir haben Honig geschleudert und uns über den Ertrag gefreut. Zwischen den beiden Bienenständen liegen nur 3 Kilometer. Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich der Honig geworden ist.

*

Müde. Wir sind alle müde. Sogar die kleine Eule ist Abends um 11 schon im Bett. Im stillen bin ich ein bisschen froh, dass ich kein Auto beladen werden muss, und keine Urlaubsort erkundet werden will.

*

Alle Freizeit Einrichtungen haben verschiedene, teilweise seltsame Hygieneregeln. Manche schränken derart ein, dass ich schon vom Lesen keine Lust mehr habe. Halber Spass zum vollen Preis, quasi.

Ich bitte alle Kinder eine Liste mit Sachen zusammenzustellen, die sie in den Ferien gern machen würden.

Viele verschiedene Freunde möchten Sie sehen, einige Übernachtungen wurden schon geplant. Boot fahren, Trampelboot fahren, im Zelt schlafen, schwimmen, chinesisch essen, Döner essen, Eis essen, Pizza essen, pulled pork essen, grillen und Burger bestellen. Ich erkenne da eine Richtung.

die Toten sind bitte leise

Geplant war eigentlich ein Geländespiel im Dunkeln und eine Nachtwanderung. Ab jetzt ist es improvisiert, aber was solls, es ist ja nicht unsere erste abgesoffene Geburtstagsfeier.

12 Kinder sitzen um den Tisch, zum Teil in Schlafklamotten mit geborgten Strickjacken und ohne Socken, es ist nicht kalt. Und die Stimmung ist überraschend gut. Gerade gab es Pizza im Starkregen. Also, schon unter dem Dach, aber draußen. Nass waren da sowieso schon alle. Den Rest des Abends haben wir in den kleinen Raum, aus dem normalerweise die Getränke verkauft werden, verlegt.

Der angemietete Sportplatz des Nachbardorfes liegt genau zwischen zwei Ortschaften mitten im Wald. Man sieht und hört keine Straßen, nachts wird es dunkel und still. Genau der richtige Ort für eine Zelt-Übernachtungsparty. Die Kerzengläser, die eigentlich für das Geländespiel gedacht waren kommen jetzt in die Tischmitte, das elektrische Licht wird gelöscht.

Wir spielen Werwolf* (*Werbung, wahrscheinlich, wurde selbst gekauft)

Jeder bekommt eine Karte schaut sie heimlich an und legt sie vor sich auf den Tisch. Es gibt einen Spielleiter, der macht die Ansagen.

Die Nacht bricht an, alle Dorfbewohner schlafen. – Alle Spieler schließen die Augen. Es gibt Dorfbewohner und Werwölfe, eine Hexe und einen Amor. Die Werwölfe kommen während der Nacht und „töten“ einen Dorfbewohner. Wer die Hexe gezogen hat, hat die Macht einmal zu heilen, also jemanden von den Toten zu erwecken, und einmal zu vergiften, also jemanden aus dem Spiel zu nehmen. Der Amor kann zwei Leute miteinander verlieben. Verliebte sterben gemeinsam. Egal zu welchem Team sie gehören. Am Ende des Spiels sind entweder alle Werwölfe enttarnt oder alle Dorfbewohner gefressen. Das jeweils andere Team hat dann gewonnen. Jeder kennt nur seine eigene Karte.

Der Spielleiter weckt Amor. Er erwählt zwei die ab jetzt verliebt sind. Alles ist auf einmal sehr leise. Amor schläft wieder, die Verliebten erkennen sich. Lautlos natürlich, sie werden nur angetippt, schauen sich kurz an,und zeigen sich gegenseitig ihre Spielkarten. Dann erwachen die Werwölfe und wählen ihr Opfer, natürlich ohne Worte, dann schlafen sie wieder ein. Die Hexe erwacht und bekommt das Opfer der Nacht gezeigt. Sie kann einen Trank anwenden, oder beide oder keinen.

Das Dorf erwacht, alle bis auf einen. Jetzt muss ein Schuldiger gefunden werden. Bei Tageslicht sind alle Mitspieler Dorfbewohner und können sich nach Lust und Laune gegenseitig beschuldigen. Irgendwer wird rausgewählt. Die „Toten“ müssen dann ab jetzt zugucken, dürfen aber garnichts sagen, und auch nicht kichern, noch nicht mal, wenn Leute verliebt werden. Es kommt zu herrlichen Dialogen und erste Spielrunde ist schnell zu Ende. „Hä, wieso lebt Lars noch, wir ha….a…Mist“

Jetzt haben alle verstanden, dass man hier durchaus Sachen erfinden darf. Die Geschichten, die sie versuchen, sich gegenseitig anzuhängen werden immer abenteuerlicher. Mittlerweile ist es echt warm, von den vielen Kerzen. Der Liebste öffnet das Fenster, und macht irgendwas auf dem Handy.

Marie ist sich sicher, dass sie gestern Abend gesehen hat wie Fritzi den Mond anheult. Fritzi wird „abgemurkst“ und es wird wieder Nacht im Dorf. Alle schließen die Augen und horchen ganz angestrengt auf irgendwelche Bewegungen. Draußen regnet es ziemlich heftig, man hört den Wind im Wald und, ganz leise, heult ein Wolf. Obwohl natürlich keiner gucken darf schauen sich auf einmal alle an.

„Habt ihr das auch gehört?“

„Alter, war das echt?“

„Werwölfe gibt`s gar nicht in echt. Oder?“

„Nee, Werwölfe nicht, normale Wölfe aber schon.“

Mit einem Grinsen zeige ich auf den Liebsten, bevor der Grusel echt wird „ich glaube das kam von da“.

„Booaaarmannej, jetzt dachte ich aber kurz…“ „Boar, Alter, ich aber auch“

Erleichterung macht sich breit. Nach dem Schreck machen wir eine kleine Spielpause. Wir füllen Chips und Popcorn nach, reichen Getränke rum.

Also eigentlich müsste auch mal jemand zur Toilette, aber so dringend ist es noch nicht. Man könnte ja zusammen… Schnell findet sich eine Gruppe und alle gemeinsam rennen sie brüllend um die dunkle Ecke auf die andere Seite des Gebäudes – nur zur Sicherheit.

Ohne Foto

Fast drei Stunden haben wir ruhig im Auto gesessen. Auf der Rückbank hatten alle Kopfhörer drin, aber jetzt werden sie wach. Gleich öffnen die Kassen unseres fantastischen Tages-Reiseziels in der Nähe von Köln und wir wollen mit dem Anstehen ja nicht jetzt schon anfangen. Aus verschiedenen Taschen wird der Rucksack zusammengestellt. Jacken können hier bleiben, was zum frühstücken kann ruhig mit und jede Menge Wasserflaschen.

„Also, ich lass mein Handy im Auto.“

„Ich, glaube ich, auch lieber.“

„Ähm, wie ist das in der Wildwasserbahn?“

„Nass, würd ich sagen.“

Ein drittes Handy wird dazu gelegt. Kofferraum zu, los gehts.

Als Vollzeit-Landeier sind wir Menschenmengen nicht gewohnt und müssen uns nach dem Eintritt kurz sortieren. Alle noch da? Warum durfte der Mann in alle Taschen gucken?

Wir folgen dem Besucherstrom. Am free-fall-tower ist die Wartezeit gerade sehr kurz, das ist doch die Gelegenheit. Der Liebste sucht Mitfahrer. Das Maikind würde. Ich wundere mich und erkläre ihm kurz, was mit free-fall gemeint ist. Er bleibt dabei. Wir Mädels nutzen die Wartezeit für eine Pipipause, schlendern dann zum Ausgang des Fahrgeschäftes und setzten uns da in den Schatten. Zwei Minuten später haben wir Hunger und packen die Frühstücksbrötchen aus. Es dauert nicht lange bis die Jungs wieder da sind. Der Liebste nimmt gerne auch ein Brötchen, das Maikind hat gerade keinen Hunger.

Wildwasserbahn könnten wir alle zusammen fahren. Das Märzkind will ganz vorne sitzen, soviel ist sicher. Nach den ersten Metern stellt sich heraus, dass diese Bahn ein ganz anderes Kaliber ist, als die winzige mobile Kirmesversion. Nasser als erwartet, aber fröhlich, verlassen wir das Fahrgeschäft, da könnte man mal ein Foto machen.

Das ist der Moment, in dem wir bemerken, dass wir tatsächlich nicht ein einziges Handy dabei haben. Echt nicht? Ich gucke fragend zum Liebsten, er zum Märzkind, das Märzkind zeigt stumm auf die nassen Klamotten. Das Julikind fragt entsetzt, was denn ist, wenn wir uns verlieren?

Ab jetzt gelten die Ausflugs-Regeln der 90er. Wer bemerkt, das er verloren gegangen ist, bleibt einfach stehen. Die anderen suchen. Ausser natürlich bei Notfällen, da läuft man dahin, wo die Feuerwehr sagt, oder die Parkmitarbeiter. In diesem Fall würden wir uns am Auto treffen. Aus dem nächsten Infoständer nehmen wir uns einen Parkplan mit.

Obwohl es nicht viele Sachen gibt, die wir alle zusammen fahren wollen/können verbringen wir den Tag gemeinsam. Die, die warten unterhalten sich nett oder beobachten andere Leute. Wenn alle die Augen in der echten Welt haben verliert man sich auch nicht. Kurz nach Mittag bekommen der Liebste und ich die Gelegenheit, alleine Achterbahn zu fahren. Die Kinder wollen nicht, würden aber alleine warten, kein Problem.

Nach 20 Minuten sind wir schon wieder da. Der Liebste einen Moment eher als ich. Auf der Bank neben den Kindern sitzt immernoch das gleiche Pärchen wie eben. Der Mann guckt erst streng, dann missbilligend und wirkt ein bisschen erleichtert, als er sieht das wir eine Familie sind. Die Reaktion scheint mir seltsam, und ich überlege, ob ich mich gruseln will. Aber dem Liebsten ist es auch aufgefallen und er findet es gar nicht unheimlich. Wenn da jetzt irgendwer die Kinder angesprochen hätte, dann hätte dieser Mann das zumindest wahrgenommen. Anscheind gibt es immernoch die community der Leute, die gerade nicht auf Bildschirme schauen, und das ist doch gut.

Auf der Rückfahrt gibt es viel zu erzählen. Im Gedächtnis bleibt das Gefühl der steilsten Wildwasserabfahrt aller Zeiten, dass man quietschen musste, als die Achterbahn rückwärts gefahren ist, das man dachte, im Kettenkarusell werden die Füsse nass, vom Springbrunnen, obwohl da ja soviel Platz dazwischen war und der Liebste gibt zu, dass es ein Fahrgeschäft gab, in dem er so einen Hauch von Nervenkitzel hatte.

Abschließend, könnte man sich an dieser Stelle ein Bild denken: In der wunderschön gestalteten Marry-Poppins-mäßigen Fassade, die man vom Pferdekarusell aus sieht stand nämlich eine Tür auf, vermutlich wegen der Hitze. Dahinter liefen zwei riesige Industriewaschmaschinen, die in diesem Zusammenhang herrlich fehl am Platz wirkten. Obwohl, vergesst das wieder. Wenn ich ein Foto hätte machen können, hätte ich natürlich die Kinder neben mir fotografiert und es wäre mir überhaupt nicht aufgefallen.