Halbzeit April

Das habe ich aber völlig unterschätzt. Wäre es ein Sonntag nachmittag im Juli, würde man sagen, gut was los, hier. Für einen Mittwoch abend bei regnerischen fünf Grad ist es schlicht der Wahnsinn. Die Talsperre läuft über, das haben wir alle, obwohl wir nur eine halbe Stunde weg wohnen, noch nie gesehen. Hunderte andere anscheind auch nicht. In den zwanzig Minuten, die man braucht, um einmal hin und her zu laufen, sehe ich mehr Menschen, als im ganzen letzten Jahr zusammen.

Der Geruch von frisch frittierten Pommes… der Blick auf die Warteschlange. Auf dem Rückweg halten wir am Supermarkt. Dieser Ferientag endet mit 2 Kilo Pommes und drei Packungen Dinosaurier-Nuggets, dazu gab es technische Erkenntnisse und einen kurzen Einblick in die regionale Geschichte. Es ist eigentlich ganz spannend, das hier auch Geschichte passiert, sagen die Kinder.

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Eine Einverständniserklärung und eine Wäscheklammer braucht das Märzkind am Montag, und Julikind am Dienstag entnehme ich dieser Elterninfo. Unsere Wäscheklammern sind zum Teil im Aussendienst, der andere Teil seit Jahren im Keller, für repräsentative, medizinische Zwecke somit eher weniger geeignet. Zum Glück finde ich noch ein neues Päckchen, ich freue mich, dass ich die Kinder nicht mit abgerockten Wäscheklammern zum Coronatest schicken muss. Eine Sekunde später kommt mir das albern vor. Man sollte meinen, irgendwer würde der Schule einen Hunderterpack Wäscheklammern organisieren. Die Mutti-Zettel mit Wäscheklammern dran wandern von einer Ecke in die andere, schließlich klammere ich sie persönlich in die Schultaschen der Mädels. Vielleicht erfindet eines Tages ja mal jemand eine Methode, sich ohne Zettel mit etwas einverstanden zu erklären.

Das Maikind bleibt im Distanzunterricht, theoretisch. Das Praktikum findet statt. Nur aus Spaß frage ich nochmal nach: Wechselunterricht für die achten Klassen wird als zu gefährlich betrachtet, aber wenn sich der komplette Jahrgang, ohne Schnelltests, auf Betriebe/Werkstätten/Einrichtungen/Büros im ganzen Landkreis verteilen ist es OK? Klassenlehrer sagt: So siehts aus, leider. Hat das Schulamt entschieden. Es ist einerseits toll, dass das klappt, weil das Maikind seit vier Monaten immer nur zu Hause ist und sich wirklich auf dieses Praktikum freut, andererseits waren es heute über neunundzwanzigtausend Neuinfektionen.

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Die Konfirmation hatte ich innerlich abgehakt und eigentlich darauf gewartet, dass jemand anruft um mir schonend beizubringen, dass es nichts wird. Den anderen Müttern, (die Organisation liegt in allen Haushalten bei den Müttern) geht es genauso. Als ich erfahre, dass der Kirchenvorstand eine Sitzung einberufen hat, um diesen Gottesdienst rund um die Bestimmungen schön für uns hinzubekommen, bin ich überrascht. Wenn wir also verschieben wollen würden, müssten wir das jetzt sagen. Nachfrage beim Maikind. Verschieben kommt nicht in Frage. Die Diskussionen mit den Mutterkolleginnen dauern bis in den Abend.

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Sind das Halsschmerzen? Räusper. Jo, aber nee. Ich weiß wirklich nicht, wann ich das letzte Mal soviel gesprochen habe, an einem Tag. Und so ohne irgendein Ergebnis.

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Anruf beim Praktikumsplatz: Wie hätten Sie es denn gern, mit dem Coronatest? Man appeliere in erster Linie immer und überall an den gesunden Menschenverstand der Mitarbeiter, sagt man mir. Alle achten aufeinander und wer krank ist, bleibt zu Hause. Ansonsten die üblichen Hygienesachen. So sei man gut über das letzte Jahr gekommen. Klingt vernünftig. Wir müssen am Samstag nicht zum Bürgertest.

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Märzkind hat Krankengymnastik, ich gehe solange einkaufen. Die Vorrät wieder aufstocken. Wenn ab nächster Woche drei von fünf regelmäßig getestet werden, wird wohl früher oder später eine Quarantänesituation eintreten.

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Die anderen Eltern würden dann den Konfirmationstermin gerne verschieben. Wohin weiß keiner.

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Die bestellten Arbeitsklamotten sind nicht angekommen. Der Liebste hätte einen Weg und erkundigt sich im Baumarkt, ob man denn privat vorbeikommen könnte, um welche zu kaufen. Heute sei das noch möglich, sagt der Mann am Telefon. Morgen hätte besser gepasst, aber lieber nicht zu weit in die Zukunft planen.

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Von den Osterferien hatte ich mir ein wenig Erholung erhofft. Weiß ich auch nicht mehr, wieso.

Osterferien

Abends um acht ist es noch hell, eine Amsel zwitschert im Baum und es schneit wie aus Kübeln. Es liegen bestimmt schon fünf Zentimeter auf dem Gartentisch. Da haben wir gesessen, vor genau einer Woche, bis abends um 10, man kann es sich kaum noch vorstellen. Frühlingswetter in den Ferien wäre schön gewesen.

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Der Parkplatz vor dem Baumarkt ist ganz normal gefüllt und gerade laufen 10 Leute Richtung Eingang. Och nö, jetzt muss ich bestimmt ewig warten, bis ich meine bestellte Tapete bekomme. Hä? Die Leute gehen rein? Ich hätte gar nicht clicken müssen. Ist aber trotzdem ganz praktisch. Alles steht parat und ich kann sofort an die Kasse.

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Wo ich schon im Städtchen bin, kann ich kurz in der Buchhandlung vorbei, die Lieblings-youtuber haben etwas neues rausgebracht, es ist dringend. Buchläden haben geöffnet, das wußte ich. Leider nur der Teil der Brettspiele und Bücher anbietet. Eine Postkarte hätte ich noch gebraucht, aber dieser Bereich ist nicht zugänglich. Als ich nach einer viertel Stunde zurück zum Auto komme habe ich einen Zettel unter dem Scheibenwischer, der mich darüber informiert, dass ich demnächst ein Knöllchen per Post bekommen werde, weil ich hier, auf dem noch nicht mal halbvollen Parkplatz, neben der Fussgängerzone, in der so gut wie alles geschlossen hat, kein Parkticket gelöst habe. Ich gebe zu, mit voller Absicht. Ich dachte, das Ordnungsamt hat gerade andere Dinge zu tun und die Stadt freut sich vielleicht, wenn ich den örtlichen Einzelhandel unterstütze. Das mache ich mit Sicherheit so schnell nicht wieder.

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Das Maikind hat das Zimmer mit den geradesten Wänden im Haus. Zu zweit kommen wir gut voran, so macht tapezieren fast Spaß. Als alles fertig ist, sieht es richtig gut aus.

Wenn man dann allerdings auf den Flur kommt, da sieht die Tapete auf einmal übel runtergewohnt aus.

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Die Schule kostet uns viel Energie im Moment. Zu viel. Die Ferien schaffen ein bisschen Luft, um mal an was anderes zu denken.

Ich nehme mir den Wäscheberg vor. Dabei höre „der König von Narnia“ (gibts in der ARD-Audiothek, die bezahlen sowieso alle, ist es dann Werbung?) In der Geschichte ist es immer Winter, und es wird niemals Weihnachten. Das passt. Praktischerweise dauern die zwei Folgen des Hörbuchs genau so lange, wie es dauert, einmal die ganze Wäsche vom Keller bis in die Schränke zu schaffen. Auf dem Weg nach unten nehme ich dann gleich die Schmutzwäsche wieder mit. Ach ja.

Gespräch mit der Freundin. Was machen wir denn wohl mit der Konfirmation? Vier Wochen vorher wäre doch wohl der Moment, da mal ernsthaft in die Planung einzusteigen, Klamotten zu kaufen, Deko. Keine von uns hat bis jetzt irgendwas.

Nächste Woche machen die Achtklässler ein Praktikum, wer`s glaubt… Aber abgesagt ist es nicht. Ich bestelle also eine Arbeitshose für das Maikind.

Es fehlen Unterlagen für das Praktikum des Märzkindes. Ich telefoniere und erfahre, das da eigentlich noch nichts fehlt. Alles der normale Ablauf, es dauert halt hier und da ein bisschen. Auf jeden Fall ist das Märzkind vorgemerkt und man freut sich auf sie, schöne Grüße soll ich ihr ausrichten. Das war doch mal ein nettes Gespräch. Das Kind ist erleichtert. Sie hatte im Stillen schon damit gerechnet, sich auf den letzten Drücker noch was anderes suchen zu müssen. Für die Corona-Kinder gibt es keine kleinen Probleme mehr. Jede Kleinigkeit kann einem jederzeit den Boden unter den Füssen wegziehen.

Die Infektionszahlen, sie steigen. Eigentlich sind wir wieder da, wo wir vor den Weihnachtsferien angefangen haben, mit Lockdown.

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Jemand, der die ganze Pandemie noch nicht einen einzigen homeschooling-Tag begleitet hat, erklärt mir, was sich im Bereich der Distanzbeschulung im letzten Jahr alles getan hat. Ich schildere die aktuellsten Gegenbeispiele, mache auf die Müdigkeit und Verzweiflung der Eltern aufmerksam und stoße auf Unverständnis. Im Haushalt meines Gegenübers arbeitet jemand im homeoffice (im leer stehenden Gästezimmer, auf Büromöbeln, die der Arbeitgeber gestellt hat, an einem vom Arbeitgeber gestellten Computer, mit profesionell betreuten Netzwerken) das funktioniert wirklich ganz wunderbar.

„Was, die Kinder haben immernoch Ferien? Wie lange denn noch?“, erkundigt sich jemand. „Ähm, diese Woche noch, das waren dann insgesamt zwei Wochen, die ersten freien Tage seit Weihnachten, übrigens.“ „Aber, die haben doch schon die ganze Zeit keine Schule“.

Seit über einem Jahr geben wir alles, für das große Ganze. Ich stecke solche Kommentare nicht mehr gut weg.

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Besuch von zwei Menschen, die nicht zur eigenen Familie gehören, ein Fest, quasi. Es tut gut, mal nicht die Schuleltern-Standard-Gespräche zu führen, sondern einfach nur so zu quatschen. Der Abend ist schnell rum, die Gäste werden abgeholt und wir räumen zu dritt fröhlich giggelnd den Tisch ab. Normalerweise schlafe ich um diese Zeit seit drei Stunden, wir sind im eigenen Esszimmer versackt. Das Märzkind und der Liebste gehen noch ein paar Meter mit dem Hund. Während ich die Spülmaschine einräume, überlege ich, ob ich uns für die nächsten Osterferien Urlaub buchen könnte. Helgoland, vielleicht.

Ostern 2021

Um viertel vor sieben ziehe ich den Rollladen hoch. Der Hund hebt verschlafen den Kopf, bleibt aber liegen. In der ersten Woche nach der Zeitumstellung machen wir einfach alles eine Stunde später, außer aufstehen.

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Das Märzkind braucht ein Hilfe, beim Haare waschen. „Welches Shampoo benutzt du denn immer?“, suchend schaue ich mich um. „Das weiße vom Papa“. Ah, das erklärt einiges. Der Liebste bunkert im Gästeklo einen Vorrat dieses Shampoos, der bei seiner Haarlänge für Jahre reichen müsste. Ich hatte mich schon gewundert. „Das riecht aber wirklich angenehm“. Das Märzkind nickt. Niemand riecht gern nach Obst oder Blumen auf dem Kopf, aber ein „macht Haare sauber“- Shampoo gibt es nicht für Mädels.

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Auf dem Weg zur Wäschespinne kommt mir der Liebste aus dem Garten entgegen.

Ich: „Es ist ja noch richtig schön, wir könnten draußen Abendbrot essen.“

Der Liebste, im Vorbeigehen: „Das ist aber eine gute Idee, da fahre ich gleich mal Würstchen holen. Pluseins, der Grill steht da unter dem Dach, Kohle ist im Schuppen“, er verschwindet einen kurzen Moment, taucht wieder auf, wirft sich die Motorradjacke über, „ah, nee, warte mal noch 10 Minuten, ist ja schon halb sieben und es war den ganzen Tag schönes Wetter, könnte sein, der Wurstomat ist schon leer, dann muss ich gerade bis ins Städtchen, Anzünder steht im Regal, das Märzkind weiß wo“, er winkt in meine Richtung und ist weg.

Märzkind „Hä? Grillen wir?“

Ich: „Ich hatte nur gesagt, wir könnten draußen essen.“

Pluseins, kommt mit Grillanzünder in den Garten: „Ist er schon los? 10 Minuten sollte ich warten.“

Der Liebste muss um neun an die Arbeit, wir anderen sitzen noch eine Stunde länger im Garten, weil wir es können. Keines der Kinder hat mehr Unterricht, diese Woche. Ferienbeginn, quasi.

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Anzahl der Präsenzschultage des Maikinds zwischen Weihnachten und Ostern: Null

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Maikind muss dringend mal was anderes sehen. Ich melde uns zur Karfreitags-Andacht an. Nachmittags um 15 Uhr, auf dem Friedhof zwei Orte weiter. Am Eingang wird unsere Anwesenheit abgehakt, ich bekomme eine Hostie „to go“, jetzt neu, mit Wein gebacken, zwei in eins, ich weiß ja nicht. Die Andacht ist schön gemacht, man wartet dieses Jahr ja wirklich auf Ostern, im übertragenen Sinne. Ich kann trotzdem nicht gut folgen. Auf den Grabsteinen um mich rum suche ich nach bekannten Namen. Wann habe ich eigentlich zuletzt so viele Menschen auf einmal gesehen? Nicht ein einziger trägt Jogginghose. Es raschelt, als alle die Hostie aus der Packung friemeln und sich unter die Masken schieben.

Allmählich habe ich nicht mehr so richtig Lust auf diese normalitätsersetztenden Events, gestehe ich mir auf dem Rückweg ein.

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Am Samstag ist das Frühlingswetter schon wieder vorbei. Wir sitzen in Winterjacken um die Feuerschale und backen Stockbrot.

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Wir sind „die Crew“* (*Werbung, unbezahlt, unbeauftragt, Spiel selbst gekauft) und reisen per Kartenspiel ins Weltall. Man muss eine Mission schaffen, um die nächste spielen zu dürfen, es gewinnenen entweder alle oder keiner. Auf dieser Mission ist jemand ernstlich erkrankt und muss isoliert werden. Der Kommander entscheidet, wer das sein soll. Es darf nur eine Frage gestellt: Wie geht es dir? Die Antwort lautet gut oder schlecht. Mehr darf man nicht sagen. Kommander dieser Mission ist das Julikind. Der Liebste wird gefragt, wie es ihm geht. Naja, also, wenn er da so in seine Karten guckt, dann gehe es ihm so mittelprächtig, tendeziell eher gut, wahrscheinlich, sagt er. Der Kommander weist scharf auf die Kommunikationsregeln hin. Nagut, dann gut, sagt der Liebste. Leider geht es allen anderen auch gut, was wohl heißt, dass der Kommander mal abgesehen von der höchsten Karte nur Schrott auf der Hand hat. Der Liebste wird isoliert und darf damit in dieser Runde keinen einzigen Stich gewinnen. „Das gibt nix“, sagt er, „mit den Karten kann man nicht nicht gewinnen, wir sind verratzt“. Julikind denkt kurz nach und eröffnet das Spiel. Sie spielt die Karten, die sie hat in so geschickter Reihenfolge, dass wir die Mission nach 10 Minuten gewinnen.

Der Liebste und ich müssen ein bisschen schmunzeln. Eine zehnjährige managt eine Quarantänemission mal gerade einfach so.

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25 Eier hat der Osterhase im Garten versteckt. 23 werden gefunden. Die anderen zwei bestimmt auch noch, irgendwann, später im Jahr.

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Ostermontag ist es windig und es schneit. Das perfekte Wetter zum drin bleiben. Kurz entschlossen reissen wir die Tapete beim Maikind im Zimmer ab, in der Hoffnung, dass click und collect im Baumarkt nächste Woche noch möglich ist.

Angenehm ruhige Ostertage waren das.

Ende März

Nach vier Tagen nicht funktionierendem Distanzunterricht rufe ich dann doch mal in der Schule an. „Oh“, sagt die Frau am Telefon, man wird mich gleich zurückrufen. Es meldet sich der Arbeitslehre-Lehrer, der jetzt auch IT-ler ist. Ich übergebe an das Maikind, sie kommen zu dem Schluss, dass das Endgerät des Maikindes nicht funktioniert. Das ist unwahrscheinlich, aber natürlich nicht unmöglich. Wir probieren also die drei anderen Endgeräte, jeweils an drei verschiedenen Orten, die als Arbeitsplatz in Frage kommen würden. Vielleicht liegt es ja doch am Wlan. Auf allen Endgeräten funktioniert an jedem Ort alles -außer Jitsi. Ich habe den Verdacht, dass das Endgerät nicht das Problem ist.

Ich schreibe eine mail an den Klassenlehrer. Entweder hat da jetzt seitens der Schule noch jemand eine Idee oder wir sind raus. Schöne Ferien.

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Das Maikind ist mental am Ende seiner Kräfte. Er hat am längsten durchgehalten von uns allen. Wir suchen gemeinsam nach dem Licht am Ende des Tunnels. Wir finden mehrere. Sehr kleine, schwache Lichter.

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Das Märzkind hatte Bauchschmerzen, nicht so schlimm, schlimmer, schlimm genug um Samstag morgen zum hausärztlichen Notdienst zu fahren. Der Liebste geht mit, ich kaufe so lange ein und warte dann. Der Liebste kommt allein raus, das Märzkind wird gerade OP fertig gemacht. Schluck. Ich fahre nach Hause und packe eine Tasche. Dann wieder hin um den Liebsten abzuholen. Die Tasche wird am Tresen abgegeben. Weil das Märzkind minderjährig ist, darf ein Elternteil trotz Besuchsverbot am Abend kurz rein. Ich hätte ja gedacht, da muss ich vorher einen Schnelltest machen, aber Zettel ausfüllen genügt. Ist mir ehrlich gesagt egal. Das Märzkind ist noch ziemlich beduselt, wirkt aber den Umständen entsprechend fröhlich. Sonntag fährt der Liebste hin, Montag morgen um elf können wir sie abholen, am Eingang. Die Pflegekraft am Telefon durfte keine Auskunft geben, einen Arzt haben wir nie erwischt. Ein ganz kleines bisschen habe ich den Verdacht, dass dieser Blinddarm ohne Situation vielleicht noch hätte drin bleiben können. Naja, irgendwas war ja, und nun isses eben so. Einen Moment wundere ich mich darüber, was mich alles nicht mehr aufregt.

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Im letzten Jahr haben wir unter dem Balkon gestanden und gewunken, am Geburtstag. Dieses Jahr gehen wir rein. Käthe sitzt im Sessel und hat einen Tisch mit Kerze vor sich. Neben dem Fernseher steht ein extra Tisch für die Blumensträuße und Kartengrüße, im Fernseh läuft Eiskunstlauf. Wir werden herzlich begrüßt, gratulieren mit Händeschütteln, sie erkundigt sich nach dem Märzkind. Der Liebste fragt, ob Käthe eigentlich schon geimpft wurde. „Ach was“, sie winkt ab, „das wird der Herrgott entscheiden, wenn es so sein soll.“ Ihre Töchter seufzen und zucken mit einer Schulter. „War denn der Bürgermeister schon da?“, frage ich, um mal das Thema zu wechseln. „Nee, der war nicht da, hat aber eben angerufen“, sagt Käthe. Ihre Tochter grinst. Käthe habe richtig geschäkert. „Der klang so frisch und freundlich, das war ein richtig nettes Gespräch“, sagt Käthe. Er habe sich entschuldigt, weil er habe ja letztes Jahr gesagt, er komme dann dieses Jahr zum gratulieren und jetzt ging das wieder nicht. „Ganz ehrlich“, Käthe grinst, „ich hatte vergessen, dass er das versprochen hatte“. Naja, sie sind jetzt so verblieben, dass er im Sommer, wenn sie im Garten sitzt mal winken kommt. 101 ist Käthe geworden. Leider wieder ohne Party.

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Brüderchen hat seine erste Impfung bekommen. Damit kenne ich jetzt mehr Leute, die gegen Corona geimpft wurden, als Leute, die daran gestorben sind. Das freut mich.

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Das Maikind und der Liebste schaufeln den Sandkasten leer. Den haben wir schon, solange wir hier wohnen. Er ist nicht mehr schön und wird auch eigentlich nicht mehr genutzt. Trotzdem, den zum Sperrmüll zu legen, das ist ein Meilenstein der Familiengeschichte.

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Der Liebste und ich öffnen den Neujahrswhiskey von Marianne, das haben wir uns diese Woche verdient. Der ist richtig gut. Anstoßen können wir nicht, wir nutzen aus Bequemlichkeit nur ein Glas, aber es ist doch wirklich schön, dass wir uns immernoch mögen, nach diesem verqueren Jahr, da sind wir uns einig. In diesem Sinne, Prost!

Beobachtungen

Das Maikind kommt nicht in den online Unterricht rein. Nicht in die erste Stunde, nicht in die zweite, wir kontrollieren das Wlan und das Endgerät, der Fehler liegt nicht bei uns. Ein Klassenkamerad wird über whattsapp informiert und sagt bescheid. Am nächsten Tag genau die gleiche Geschichte. Soll ich mal in der Schule anrufen? „Wieso“, fragt das Maikind, „es wissen doch alle, dass es nicht funktioniert.“ Von den 13 Stunden Distanzunterricht sind diese Woche vier Stunden ausgefallen, in drei Stunden konnte er sich nicht einwählen. Da hat doch fast die Hälfte stattgefunden, sagt er. Das Problem liegt in meiner Erwartungshaltung.

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Das Julikind soll Kristalle züchten. Zu diesem Zweck wurde eine Zuckerlösung angerührt. Ich bin nicht gut in Naturwissenschaften, habe aber schon oft Zuckerlösungen gekocht. Mit diesem Rezept können da keine Kristalle wachsen. Vielleicht wurden verschiedene Rezepte verteilt und es ist Teil des Plans, das da bei manchen nichts passiert? Das Julikind beobachtet seit zwei Wochen den im Glas hängenden Wollfaden und dokumentiert den Stillstand. Heute ist endlich was passiert. „Vielleicht ist es eine Falle? Ich schreibe gleich: Zwei tote Fliegen schwimmen oben drauf.“, sagt sie.

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„Geht?“, erkundigt sich der Liebste nach fünf Minuten Actionszene am Stück. Die Schnittmenge der Filme, die wir zusammen gucken ist klein. „Jo geht. Es ist eine Mischung aus Indiana Jones und Disneys Vaiana, ich frage mich gerade wer sich sowas wohl ausdenkt.“ Der Liebste sagt, mit Vaiana habe das rein garnichts zu tun, hat er sich eigentlich gedacht, das man das mit mir nicht gucken kann. Spoileralarm: Am Ende des Films kauft Lara Croft ihre Pistolen.

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Ein Kaffeetrinken mit Großeltern und pluseins gilt als Party. Danach gemütliches Beisammensein mit vier Freunden im Gartenhaus. Das Märzkind läuft den Rest des Wochenendes fröhlich summend und singend durchs Haus. Räumt ganz von selber den Partykram auf und gleich noch das Zimmer. Dieses lebensfrohe, ausgeglichenen Kind, ich hatte es schon vergessen.

Das Mutterherz bekommt einen Eindruck davon, wie schlimm dieser lockdown wirklich ist, und möchte eigentlich heulen. Aber natürlich freue ich mich mit, dass das noch gepasst hat, mit dieser kleinen Party.

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In Kassel war eine Anti-Corona-Demo mit 6000 Leuten genehmigt, irgendwo am Stadtrand. Statt dessen ziehen 20000 Leute mitten durch die Stadt, viele davon ohne Masken, ohne Abstände. Es stört mich. Die Polizei ist da leider toleranter.

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Der Lockdown wird verlängert bis 18. April. Keine Reisen in den Osterferien, Gastronomie und alle anderen Freizeiteinrichtungen bleiben geschlossen, Kontaktbeschränkungen gelten, Gottesdienste bitte nur online. Nach Mallorca fliegen, das geht.

gehen Sie nicht über Los

Ich buche einen Termin zum Klamotten einkaufen. Es gibt normale Termine oder welche für Konfirmations- und Anlassmode, jeweils für ein oder zwei Stunden. Gut zu wissen. Das Märzkind hat quasi einen eigenen Verkäufer. Großes Kino. Sie weiß ziemlich genau, was sie sucht, er findet es innerhalb weniger Minuten. Unter diesen Einkaufsbedingungen reicht eine Stunde völlig. Das Märzkind freut sich. Ich mich auch. Aus Protest hatte sie die letzten vier Wochen nur noch ihre schwarzen Sportleggins an. Wir haben wohl beide gewonnen.

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Die Bücherei hat geöffnet und ich kann die Bücher abgeben, die hier seit November liegen, wenn wir schon mal in der Stadt sind. Ein Kochbuch würde ich wohl ausleihen wollen. Am liebsten eins, das keinerlei Leidenschaft erfordert und mit Supermarktzutaten harmoniert. Kinder satt in 40 Minuten, oder so. Die Kochbuchabteilung wurde während des lockdown erweitert. Früher waren faule Köche ohne Thermomix eine Randgruppe, jetzt gibt es ein ganzes Regal voller Möglichkeiten. Es ist toll. Auch das Erziehungsbücherregal wurde neu sortiert. Wo früher Ratgeber für gestresste Helikopter Eltern standen ist jetzt alles voller Duden und homeschooling Sachen. Die Büchertasche ist rappelvoll als wir wieder gehen. Endlich hat mal einer verstanden, was Familien gerade brauchen.

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Frisörtermin, juhu. Zwei Kunden dürfen hier gleichzeitig kommen. Auf dem übernächsten Platz sitzt eine ältere Dame, die es erkennbar genießt, mal wieder was erzählen zu können: In dieser Zeitung gebe es eine Rubrik für Leserfragen, sagt sie. Da habe jemand gefragt, ob man denn auch geimpft werden könne, wenn man seinen Impfpass nicht mehr findet. Impfpass? Hat sie sich da gefragt und erstmal angefangen zu suchen. Tatsächlich habe sie eine Art Impfdokument gefunden, der Hausarzt hat dann aber festgestellt, dass das nicht mehr den aktuellen Gegebenheiten entspricht. Nun ja, da stand nur drin, dass sie gegen Polio geimpft wurde, sonst war ja auch nie was. Man habe ihr eine Tetanusimpfung empfohlen, wegen der Gartenarbeit. Da hat sie gesagt, gut, wenn das heutzutage üblich ist. Das war keine große Sache, das haben die direkt den Tag noch gemacht.

Das Gute am Masketragen ist, man kann grinsen, ohne dass es jemand sieht.

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Als ich den Großeinkauf ins Auto räume summt eine Nachricht. Ich habe so gar keine Lust, da nochmal reinzugehen, weil irgendwas vergessen wurde, gucke aber lieber trotzdem nach. Eine Mutterkollegin bittet mich um Hausaufgaben. Ich schicke ihr ein Foto von meinem vollen Kofferraum „Außendienst, bitte warten“.

Beim Kühlschrank einräumen fällt ein Apfel unglücklich, nicht schlimm, den esse ich sofort. Irgendwas war doch noch, überlege ich. Ach, stimmt, die Hausaufgaben. Ich krame im Rucksack des Julikinds nach dem Hausaufgabenheft, suche, finde, mache Fotos. Die Mutterkollegin bedankt sich, da werde ihr gerade so einiges klar. Der Feierabend ist gelaufen. Ich nehme Anteil. Auf dem Flur bleibe ich stehen. Moment, ich hatte doch, wo hab ich denn?, hatte ich?, ich glaube schon, lieber nochmal gucken. Sehen wir der Tatsache ins Auge. Irgendwo auf dem Weg zwischen Kühlschrank und dem Schreibtisch des Julikinds habe ich einen angebissenen Apfel abgelegt und verdammt nochmal vergessen wo. Allmählich fange ich an, mich selber zu nerven, mit sowas.

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Ah so, nur damit ich bescheid weiß, ne, sagt das Maikind, er hat dann nächste Woche keine Schule. Das ist nur teilweise eine Überraschung. „Hatten die dir denn schon bescheid gesagt, an welchem Tag du hättest kommen sollen?“, frage ich nach. Ich hab gar nichts mitbekommen. Ah so, sagt das Maikind. Das hätte er mir dann auch noch erzählt. Er wäre in Gruppe A gewesen, also Montag/Mittwoch/Freitag/Dienstag/Donnerstag, „aber das ist ja jetzt egal geworden“, sagt er. Stimmt.

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T-Shirt gekauft, beim Frisör gewesen, jemanden besucht und neue Bücher geholt. Es war ein schöner Frühling.

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Es liegen drei Zentimeter Schnee und Hessen zieht die Notbremse. Zurück auf Februar.

März, tadaa

Eine Stunde nachdem ich den letzten Beitrag geschrieben hatte, bekam ich einen Anruf. Der Praktikumsbeauftragte der Firma in der das Maikind gern Praktikum machen wollen würde bat uns, einen Lebenslauf zu schicken. Der Termin direkt nach den Herbstferien sei kein Problem, man gehe allerdings intern davon aus, dass das zu der Zeit eher nix wird. Er vermerkt lieber auch mal den Ausweichtermin.

Ich erhielt ein feedback für meinen vorläufigen Einladungstext und hatte die Idee. Jede Einladung bekam einen anderen Text, handschriftlich, mit Tinte auf Papier. Grundschulwissen der frühen neunziger, gelernt ist gelernt.

Außerdem bekam ich eine whattsapp mit den direkten Durchwahlnummern der Fachverkäufer im Modeladen des Vertrauens. Wir werden da was ausmachen.

Schwiegermutta wird für die eingeschränkt legale Party des Märzkindes ihr Gartenhaus zur Verfügung stellen. Das befindet sich im Moment in einer Art Dornröschenschlaf, wegen Situation, aber das ist kein Problem. Es müssen ja nur 5 Leute sitzen können, der restliche Platz ist für die Aerosole.

Der Liebste hat das Julikind von der Freundin abgeholt und guckt so traurig. Warum denn, frage ich. Auf der Rückfahrt sei er am Pommesgeschäft vorbeigefahren. Die haben aber montags Ruhetag. Das es sowas noch gibt, Begriffe wie montags und Ruhetag. Und dann ausgerechnet heute.

Naja, man kann nicht alles haben.

März, halbgar

Ich lese einen Herzchen-Roman aus dem öffentlichen Bücherschrank. Die Handlung ist angenehm vorhersehbar, manchmal braucht es sowas. Moment, das hatte ich doch schon gelesen. Vielleicht war das Lesezeichen rausgefallen und irgendwer hat es einfach irgendwo wieder reingelegt. Plötzlich macht die Handlung einen Sprung, da fehlt doch was. Ich blättere hin und blättere her und wundere mich. Es liegt nicht an mir. Zwanzig Seiten sind doppelt dafür fehlen die, die da eigentlich hätten sein sollen. Das hatte ich auch noch nie.

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Es ist ein stürmischer Tag, man sieht kaum jemanden. Deshalb fallen uns im Vorbeifahren die drei Jungs auf. Sie sind im Grundschulalter und stehen im Kreis auf dem Bürgersteig. Anscheind versuchen sie, sich gegenseitig Windschatten zu schaffen. Ein Schal fliegt fast weg und wird etwas umständlich wieder um den Hals gewickelt. Dabei kann man es sehen. Etwas, das man schon so lange nicht mehr gesehen hat, das man zweimal gucken muss, bevor man es begreift.

„Samma, hat der Junge eine Pommesschale in der Hand?“, fragt das Märzkind ganz aufgeregt. Das würde ja bedeuten, dass das Pommesgeschäft wieder geöffnet hat. Das sind doch mal gute Nachrichten.

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Irgendwem ist wohl aufgefallen, dass die siebt- bis elftklässler schon ziemlich lange zu Hause sind. Da soll es jetzt mal voran gehen. Noch vor Ostern wird jede Klasse mindestens einen Präsenztag pro Woche bekommen, der übliche Elternbrief des Kultusministerims feiert dieses Konzept. Wenn man dem amtlichen Geschwurbel die Fakten entrissen hat bleibt folgendes übrig: Start am 22. März – das heißt, wir reden hier über genau zwei Präsenztage vor Ostern – es sei denn man erwischt den Freitag, dann wäre es nur einer.

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Wir sind eingeladen. Eigentlich hat der Liebste sich auf ein Bier verabredet und sich dann überlegt, dass ich da mit könnte, aber hej, wir sind eingeladen. Auf der Hinfahrt überlegen wir, wann wir denn das letzte Mal zu zweit alleine irgendwo gewesen sind, nicht zu Hause, ohne Kinder, ohne Hund. Das muss im Dezember gewesen. Im Dezember 2019.

Ein schöner Abend. Zum Abschied umarmen wir uns kurz, ohne dass irgendwer darüber nachdenkt.

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Meine Schwester ruft an. Sie hatte ja vor drei Wochen gesagt, sie ruft mich zurück. Ist das echt schon drei Wochen her? Egal. Ich habe gerade Zeit. Wir telefonieren fast zwei Stunden. Ihr Alltag hat sich durch die Situation kaum verändert. Sie haben zwei Urlaube gebucht. Eine ganz andere Welt, interessant.

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Eine mail wurde geschrieben und drei Nachrichten hinterlassen, bisher keine Reaktion. Man kann wohl davon ausgehen, dass diese Firma keinen Praktikumsplatz hat, im Moment. Wir überlegen, was sonst noch in Frage kommen könnte und machen eine Liste. Ich werde telefonieren. Andererseits kann ich mir das vielleicht auch sparen, so wie die Inzidenz im Moment steigt. Laut Klassenlehrer könnten da Änderungen kommen, auch ganz kurzfristig, die Schule entscheidet gar nicht selber, ob das stattfinden darf.

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Das Märzkind braucht Klamotten. Wirklich zum Anziehen, an shoppen zum persönlichen Vergnügen denkt ja schon lange keiner mehr. Die Läden haben zwar geöffnet, man muss aber vorher einen Termin vereinbaren. Einfach von einem Laden in den nächsten gehen, wenn man nichts findet, ist also nicht. Wo ist denn wohl die Erfolgsaussicht am größten, wer hätte denn wann Zeit? Was wird gebraucht? Es ist ein bisschen dringend, denn wenn wir wieder über 100 liegen, wird es dieses Angebot auch nicht mehr geben.

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Die Konfirmationseinladungen sind fertig gebastelt. „Du bist herzlich eingeladen, es sei denn, wir dürfen nur mit wenigen Leuten feiern, oder gar nicht. Vielleicht ändert sich der Termin oder der Ort oder die Zeit noch, dass wissen wir aber erst kurz vorher“ Ich bastele noch an der Formulierung.

zuckerfrei

Früher, da musste ich sonntags schon um halb neun mit dem Hund raus. Um kurz vor zehn musste der Konfirmand zum Gottesdienst gefahren werden. Danach war ich gerade so rechtzeitig zu Hause, um das Märzkind zum Training ins Städtchen zu fahren. Dann zurück und irgendwas kochen, wieder hin um das Kind abzuholen, essen und wieder mit dem Hund raus. Ich mag die Lockdown-Sonntage.

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Gefühlt kommen sehr viel mehr Kraniche wieder, als ich Richtung Süden habe fliegen sehen.

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Das Maikind wird am Telefon verlangt. Das ist ungewöhnlich. Gleich kommt die Tante vorbei um seinen Nintendo abzuholen, sagt er. Ich wundere mich, die Konsole gehört eigentlich zum Allerheiligsten. Der große Cousin ist in Quarantäne, erfahre ich. „Und, wenn der schon übers Festnetz hier anruft, dann braucht der die echt.“

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Ich klettere so halb den Hang hoch und angele nach der Hunde-Frisbee. Ratsch. Meine Jeans reißt. Das kann doch wohl nicht sein. Abends stelle ich mich zum ersten Mal seit Ewigkeiten auf die Waage. Oh. Die Jeans hatte recht.

Wieviel Süßkram ich wirklich gegessen habe fällt mir erst auf, als ich versuche ohne klar zu kommen.

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Kopiergeld soll sie mitbringen, sechs Euro, sagt das Julikind. Vier Präsenztage Schule waren das, bis jetzt, dieses Jahr. Mir war so, als hätte ich in der übrigen Zeit die Kopien gemacht. Aber natürlich zahle ich gern. Die Bildug der Kinder liegt uns ja allen am Herzen. Nicht wahr?

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Stadt/Land/Einhorn ist tatsächlich eine intelektuelle Herausforderung. Ich kenne so gut wie keine Flüsse und gar keine Influencer. Städte und Länder fallen mir schon ein, aber so einfach ist es natürlich nicht. „Honduras ist kein Land, man darf sich doch nicht einfach irgendwas ausdenken“. Das Julikind ist entrüstet. „Günther??? Also Mama echt jetzt, Günther ist doch kein Einhornname.“ Ja, nee, ist klar.

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Das Maikind wirft seit Tagen einen kleinen Ball gegen seine Zimmerwand, so leise es geht, aber stundenlang. Es nervt ein bisschen. Völlig unerwartet hört das Klopfgeräusch auf. Er kommt aus dem Zimmer, setzt sich an den Esstisch und erklärt mir wie Bitcoin-Mining funktioniert. Ich bin ehrlich beeindruckt. Er backt dann jetzt Schokoladenkuchen, sagt er.

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Anderen beim Backen zuzuschauen ist faszinierend.

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Eine Geburtstagsfeier für das Märzkind? Schwierig, die Kontaktbeschränkungen werden dann immernoch gelten. Es dürfen sich maximal 5 Leute aus zwei Haushalten treffen. Paare gelten als ein Haushalt. Was heißt das denn wohl? Sind das Märzkind und pluseins damit ein Haushalt. Die Freundin hat einen besten Freund, die sind zwar kein Paar, aber das kann doch niemand wissen, oder? Ich bewundere im Stillen ihren Ehrgeiz, die Regeln einzuhalten. 5 Personen haben wir erlaubt, in der Hoffnung, dass da einfach niemand so genau nachfragt. Beim zweiten Lockdown-Geburtstag ist nachfeiern keine Option mehr.

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Wir bereiten uns aber schon mal auf Lockdown-Osterfeuer vor. Der Liebste räumt Altholzvorräte aus der Garage immer schön nach vorne. Wir werden wohl die ganze Nacht an der Feuertonne stehen.

Ich weiß es doch auch nicht

Vor Ostern, wenn die Skigäste durch sind und es draußen warm genug zum Wäsche trocknen ist, mache ich normalerweise eine Grundreinigung in der Ferienwohnung. Skigäste gab es keine, Ostergäste wird es auch nicht geben. Ich vermisse das Bettzeug und Gardinen- und Geschirrchaos. Es ist seltsam, ich mochte es nie. Den Weihnachtsstern könnte ich mal abnehmen.

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Wir bringen ein Auto zum Wanderparkplatz zwei Orte weiter und laufen ein Stück auf diesem Premiumwanderweg, der quasi vor der Haustür anfängt. Wir müssen hier alle mal raus. Das Julikind wollte nicht mit, zu Hause bleiben aber auch nicht. Nach einer halben Stunde führt der Weg durch die Wildnis und sie wird fröhlicher. Früher, als er klein war, musste er auch wandern, mit seinen Eltern, sagt der Liebste, sie waren in Bayern, in Österreich und so. Aber hier, hier ist er noch nie lang gelaufen.

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Vor zwei Wochen hatte ich eine Matratze bestellt und bezahlt. Seitdem nichts mehr davon gehört. So langsam müsste die geliefert werden. Oder auch nicht. Nach zwanzig Minuten in einer nervtötenden Warteschleife, habe ich eine Dame am Telefon, die mir nur sagen kann, das auf meiner Zahlungsbestätigung eine falsche Nummer steht, und der Auftrag vermutlich deswegen „irgendwie durchgerutscht“ ist, leider könne sie da nichts für mich tun, ihr Job ist es nur, ans Telefon zu gehen, so leid es ihr tut. Ich storniere.

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„Der Mathewettbewerb, nächste Woche, findet der statt?“, fragt das Maikind im vorbeigehen. Ähm, gute Frage. Anruf im Sekretariat der Schule. Gute Frage, man wird mich gleich zurückrufen. Der findet tatsächlich statt, so halb digital. Das Maikind soll bitte Mittwoch in die Schule kommen. Jackpot! Mittwoch ist der einzige Tag der Woche, der pickepackevoll mit online-Unterricht ist. Leider wird verlangt, dass er ab der sechsten Stunde zu Hause wieder teilnehmen muss. Man fasst es kaum, sagt das Maikind. Hätte der Wettbewerb im Städtchen stattgefunden, wäre er für diesen Tag freigestellt worden. Ähm, ich sag lieber nix.

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Samstag morgen um halb acht ist es wirklich leise im Ort. Etwas weiter unten am Hang knackt ein Ast. Weil es das einzige Geräusch ist, schaue ich in die Richtung und bleibe verwundert stehen. Eine Hirschkuh, anscheind auf dem Weg zum Altglascontainer. Hund und Hirsch gucken mich aus verschiedenen Richtungen leicht verwirrt an. „Expecto patronum“, murmele ich. Die Hirschkuh dreht sich um und geht.

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Die geistige Freizeit, die sich durch zwei Tage Präsenzunterricht ergibt, füllt sich schnell von selber.

Man müsste mal: Familien-Verwaltungssachen erledigen, Arzttermine machen für ganz normale Kontrollsachen, Sperrmüll bestellen, Konfirmationseinladungen, zu klein gewordenes aus dem Kleiderschrank des Julikindes räumen, Wäsche, Fenster putzen.

Der Liebste nimmt die Kinder mit zum Fahrrad fahren. Eine Stunde bin ich allein zu Hause. Es ist herrlich. Mit einer Tasse Kaffe stehe ich am Fenster und mache nichts, sowas von garnichts, eine ganze Stunde, weil ich es kann. Früher hätte ich eine Woche Urlaub machen müssen, um einen gleichwertigen Erholungswert zu erlangen. Nach einem Jahr Pandemie reicht eine Stunde.

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Die Blagen haben die Tüte mit Osterschnucke gefunden. Ganz hinten ganz unten in einem Schrank, in dem nur hauswirtschaftlicher Kram lagert, den ausser mir eigentlich nie jemand sucht. Als würde man mit einem Schwarm Heuschrecken zusammen wohnen…

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Auf der Danksagung steht hinten handschriftlich drauf, wie sehr man sich über unsere Karte gefreut habe. Ich stelle fest, dass ich die Frau auf dem Bild wirklich nicht kenne. Der Liebste freut sich, denn er mochte diese Tante aus der Gemeinde richtig gern, und, hat er doch gewusst, das ich da die richtigen Worte finde. Das widerum freut mich, weil ich lieber Karten schreibe als Holz trage. Ein win-win Situation.

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Das Praktikum findet statt, da muss ich dann mal anrufen, sagt mir das Maikind im Vorbeigehen. „Moment, ich kann doch da nicht einfach anrufen und sagen, das Praktium findet statt, da brauch ich ein Datum.“ Augenrollen. Der Außendiestler habe doch gesagt, das ginge, egal wann. „Das ist richtig, aber wann genau müssen die ja dann trotzdem wissen. Sag der Fachlehrerin, ich will eine Email.“ Kurze klare Sätze.

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„Wann ist wieder Kickboxen?“, fragt das Julikind. Ich weiß es leider nicht. Aber die Frisöre machen doch auf. Ich glaube, das heißt nichts. Machen die Gartencenter nicht auch auf? Ich habe keine Ahnung. „Aber, die werden doch wohl nicht die Gartencenter aufmachen, bevor alle wieder zur Schule können?“, das Märzkind ist irritiert. Ich fürchte, genau das wird passieren. „Aber, in Gartencentern kaufen doch nur alte Leute. Wieso immer nur die Alten? Die werden geimpft und dürfen wieder einkaufen, ganz normal, und wir? Nix.“ „Die Rentner dürfen wählen, ihr nicht.“ „Aber das ist doch scheiße“, sagt das Märzkind. „Richtig“, sage ich. PoWi im homeschooling.

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De Omma hat das Beet im Vorgarten gejätet und mit der Hacke schon mal kleine Löcher reingegraben, um die genaue Anzahl der benötigten Stiefmütterchen zu ermitteln. Ein bisschen wartet sie noch, es ist nachts noch ziemlich kalt nachts, sagt sie.

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In deutscher Gründlichkeit wurde eine Art Öffnungsstrategie entworfen. Ich versuche, dieser Tabelle einen Sinn zu entnehmen. Es ist schwierig. Meine Öffnungsstrategie sieht daher folgerdermaßen aus: Wir planen, und dann geht das entweder oder nicht. Das schreibe ich in die Einladung. Problem gelöst.