Müssen Sie arbeiten?

Ein Elternsprechtermin in der Grundschule, vormittags, wurde aus guten Gründen zweimal verlegt. Da es im letzten Jahr viele, viele Krankheitstage gab hatte ich mit der Lehrerin regelmäßig Emailkontakt, wir kennen uns ein bißchen. Nach dem offiziellen Teil sagt sie, es wäre bestimmt in dieser Situation gut gewesen, dass das Kind zu Hause bleiben konnte.

Ein Betriebspraktikum steht an, in vier Wochen. Bereits vor drei Wochen wurden zwei Bewerbungen geschrieben, mit viel Herzblut und einigem Zeitaufwand. Eine Reaktion erfolgte bisher nicht, was den Gemütszustand des Märzkindes erklärt. Vorgestern dann der „wottsefack- Moment“. Sie entwickelt Plan C,D,E,F und G, schreibt mir die Telefonnummern raus und ich rufe vormittags dort an. Plan D wird zu Plan A, alle freuen sich. Gestern dann meldet sich der ursprüngliche Plan A. Ein unerwartetes Luxusproblem und Beratungsbedarf.

Boysday steht an, Jungs sollen für einen Tag einen eher Frauentypischen Beruf näher kennen lernen. Der Girlsday ist mittlerweile etabliert und es gibt eine Internetseite mit schönen Angeboten, auch hier, mitten im IrgendwoaufdemLand. Für Jungs gibt’s da genau ein Angebot und das kommt nicht Infrage. Wir beraten uns und ich telefoniere. Plan A geht nicht, Plan B geht nicht, bei Plan C sind schon drei Mädels, Plan D freut sich.

Datum für Konfirmation im Frühjahr 2021 wird inoffiziell vorläufig festgelegt. Eine Mutterkollegin möchte über die Kirchendeko mit mir sprechen. Es dauert eine halbe Stunde, bis ich ihr zu verstehen geben kann, dass das gerade nicht oberste Priorität für mich hat.

Ein hundertster Geburtstag steht an. Es wurde um Geschenke in Form von Zeit und Tatkraft gebeten. Die Familie ist groß, wenn jeder was mitbringt kommen sowohl Mittags- als auch Kuchenbuffet zusammen. Mir fällt der Bereich Ambiente zu. Es muss eine Dekoration gefunden werden, die sowohl Schwiegermutter als auch dem Geburtstagskind gefällt. Es dauert drei Stunden einen groben Plan zu machen. Weiterer Termin zum „in den Schränken gucken was so da ist“ folgt.

Vormittags muss der Hund eine Stunde raus, sonst beschäftigt er sich selber. Vier Maschinen Wäsche werden hier jede Woche gewaschen, mindestens. Bad und Küche müssen einmal die Woche hauswirtschaftlich gewartet werden. Zweimal pro Woche werden Lebensmittel eingekauft, jeweils eine etwas überdurchschnittliche Menge, wenn ich mir die anderen Einkaufswagen anschaue. Pro Tag muss eine warme Mahlzeit für etwa fünf Leute zubereitet werden. Jede Woche eine Elterntaxifahrt zur Krankengymnastik, dreimal zu Trainings, öfter zu Freunden in Nachbarorten, jeweils hin und zurück, natürlich. Manchmal ist Hilfe bei den Hausaufgaben nötig, oder Material muss gesucht werden. Kleine Tätigkeiten müssen delegiert und diskutiert werden, immer und immer wieder. Die Aufgaben teilen wir uns, wenn der Liebste da ist. Wenn er arbeitet geht das eben nicht.

Die ganze Woche tut mir die Hand weh. Ich verabschiede von dem Gedanken, dass es von selber besser wird.

Der Hausarzt meint, es sei nichts kaputt, schickt mich aber weiter zur Chirurgie, weil, wenn das schon so lange so ist… „Müssen Sie arbeiten?“ „Nein“, höre ich mich antworten. Nicht im Sinne von Krankmeldung, jedenfalls.

Diese Woche war ich Köchin, Erzieherin, Berufsberaterin, Einkäuferin, Disponentin, Gastgeberin, Gebäudereinigerin, Wäschereikraft, Dekorateurin, Tiersitterin, Chauffeurin, Facilitymanagerin, Alltagsbegleiterin. Ehrenamtlich, quasi.

Ist übrigens echt nichts kaputt, sagt die Chirurgie, aber offensichtlich reicht’s für mimimimi.

Februar 2020, Halbzeit

Die Skifreizeit des Märzkindes habe ich genossen. Wir sind uns vorher ziemlich auf die Nerven gegangen. Nicht mit Absicht natürlich, im Moment ist es halt einfach manchmal so. Eine Woche Pause hat uns beiden gut getan. Sie fand es ganz toll und ist innerlich gewachsen in den paar Tagen. Jetzt geht’s wieder, das ist schön.

Kein Winter in Sicht, dadurch auch keine Skigäste in der Ferienwohnung.

Das war gut, denn ich hab mir gleich Anfang des Monats den Finger irgendwie angeknackst. Ein Kind ist von der Sofalehne in einem ungünstigen Winkel an mir vorbeigekullert. Durch den Schmerz in der Hand hat sich mein ansonsten routinierter Bewegungsablauf beim Betten beziehen anscheind verändert. Jedenfalls habe ich mir auch noch den Fuss am Bettpfosten gestoßen. Aber so richtig, arbeiten war nur im Energiesparmodus mit Unterstützung von Diclofenac möglich. Dann folgten drei Tage Schnupfen. Als ich kurz davor war einen Testamentvordruck auszufüllen, ist alles gleichzeitig besser geworden.

Ich hatte einen Berg liegen gebliebener Hausarbeit abzutragen. Dabei habe die Schneemänner mit auf den Dachboden genommen. Für Frühling schien es mir zu früh, so ist eine sparsame Übergangsdeko entstanden. Wegen Sturmwarnung, Blackoutgefahr und angeschlagenem Fuss hab ich die Streichhölzer gleich dazugelegt.

Die Zeugnisse waren besser als erwartet, darüber haben wir uns gefreut.

Der Liebste hatte ein Wochenende voll ehrenamtlicher „Arbeit“ bei einer Karnevals- und einer Superbowl Veranstaltung. Ich habe ein schönes Buch gelesen und einen schönen Film gesehen.

Das Märzkind war zum ersten Mal abends weg.

Möglicherweise haben wir am Natomanöver teilgenommen. Bei einem vormittäglichen Hundespaziergang im Nachbarort kreisten zwei Bundeswehrhubschrauber ziemlich tief über uns. Längere Zeit. Auf dem Heimweg flogen sie dann noch tiefer und auf unser Auto zu, mit geöffneter Seitentür. Ich weiß jetzt, warum die Viehherden auf Filmaufnahmen von oben immer weglaufen aber der Liebste fand’s toll. „Nutzen die mein Auto für Peilübungen? Wie geil ist das denn?“

Das Maikind kommt erkennbar müder nach Hause. Chaoslevel und Lautstärke in der Klasse haben sich erhöht.

Der Betreiber der Schulkantine hat gewechselt. Das Mittagessen ist deutlich leckerer, wurde mir berichtet. Außerdem wurde das Sortiment erweitert, es sieht aus, wie in einem Süßigkeitenladen. Pizza gibt’s jetzt in jeder großen Pause. Eistee kostet zwei Euro, das erscheint einem viel, aber, hej, ne kleine Flasche Wasser kostet ja auch eins fünfzig, das waren vorher achtzig Cent, und so gesehen. Finde den Fehler. Fun fact am Rande: In der Grundschule wird derzeit eine AG „gesunde Ernährung “ angeboten.

Der Hund war drei Tage durch den Wind, im wahrsten Sinne des Wortes. Orkantief Sabine hat uns beschäftigt. Es gab einen Tag schulfrei. Wir haben die Meerschweinchen evakuiert und den Garten aufgeräumt. Das Gewächshaus steht aber noch, und auch sonst ist nichts kaputt gegangen. Im Gedächtnis wird wohl nur ein Hundespaziergang der Kategorie „echt richtig windig“ bleiben. Der war witzig.

Ansonsten habe ich über meine politische Meinung nachgedacht. Als asthmatische Dieselfahrerin, verheiratet mit einem Imker der IGBCE Mitglied ist, bin ich moralisch flexibel und fühlte mich in der politischen Mitte wohl. Mit Blick auf Thüringen habe ich festgestellt, wenn das die Mitte ist, dann bin ich wohl doch linker als ich dachte.

Kleinvieh macht auch Mist

Im letzten Jahr am Sylvesterabend hatte ich in aller Stille und nur für mich selbst beschlossen: Im nächsten Jahr hätte ich gern ein weihnachtliches Gefühl, das ich nicht mit „am Ende meiner Kräfte“ beschreiben muss. Ich beschloss, von jetzt an in meinem eigenen Team zu spielen, und mir einen Feierabend zu gönnen. Machen andere doch auch.

Wenn man seit fast vierzehn Jahren 24/7 Bereitschaft hat ist es ein revolutionärer Gedanke. „Das glaubst du doch selber nicht“ kommentierte die Stimme in meinem Hinterkopf. Doch. Ich war bereit, der inneren Zickenelse das Kommando zu übergeben. Die Frage „kannste mal gerade?“ wird ab jetzt gefiltert:

Entsteht jemandem gesundheitlicher Schaden, wenn ich es nicht mache?

Entsteht uns ein finanzieller / materieller Schaden, wenn ich es nicht mache?

Würde es den gesellschaftlichen Tod (unter Berücksichtigung der allgemein pubertären Situation) bedeuten, es nicht zu tun?

Habe ich Lust und Zeit ?

Wenn man innerlich schon vier mal NEIN gesagt hat, fällt es deutlich leichter, es das fünfte mal laut zu sagen, habe ich im Jahresverlauf festgestellt. Viele Sachen waren so unwichtig, dass ich sie selbst schon vergessen hatte. Zum Glück habe ich mir hin und wieder eine Notiz gemacht. Wenn ich jetzt den nicht entstandenen Zeitaufwand ehrlich und realistisch zusammenrechne, komme ich auf weit mehr als 20 Stunden.

Die freie Zeit habe ich genutzt, um liegen gebliebenes zu erledigen. Säcke-und Kistenweise habe ich Zeug rausgetragen. Dabei sind Freiräume entstanden, sowohl im Kopf als auch im Haus.

Zur Inspiration:

Winter/Frühling

Ich war nicht als „plus eins“ beim Neujahrsempfang des Sportvereins.

Ich habe nicht teilgenommen an einem Gesprächsabend zum Thema „Kirchendekoration zum Konfirmationsgottesdienst“

Viermal habe ich keinen Gesprächsbedarf angemeldet beim Elternsprechtag. Damit habe ich tatsächlich drei Termine gespart, inklusive Hin- und Rückfahrt und warten auf dem Flur, weil der vorgesehene 15 Minutentakt nicht realistisch ist.

Ich habe einen länger geplanten Ausflugstermin nicht umgeplant, obwohl spontan noch eine Einladung zu einer Geburtstagsfeier kam.

Ein Taufgottesdienst und ein Frühstück zum runden Geburtstag finden genau am gleichen Tag, zu genau der gleichen Uhrzeit statt. Wir entscheiden uns für eine Feier, statt für zwei halbe.

Keinen Kuchen für die Feier eines besonderen Geburtstages angeboten. Trotzdem eine Platte Kuchen mit nach Hause bekommen – es war zuviel da.

Eine kleine Gästin wird ohne jeden Kommentar anderthalb Stunden später abgeholt als vereinbart. Das ist seltsam, aber die Mutterkollegin erzieht allein. Für mich war es eigentlich nur ein organisatorisches Komfortzonenproblem. In der Woche drauf genau das gleiche. In der dritten Woche sage ich einfach mal „nein, heute nicht“.

Am Tag vor der Konfirmation habe ich nicht die Auffahrt gefegt. Hauptsächlich weil es den ganzen Tag stark geregnet hat. Das es mir tatsächlich nichts ausmacht, dass alle Kartenbringer Laubreste gesehen haben, ist mir erst nachher aufgefallen.

Eine Kuchenspende für die gute Sache verweigert, hat niemand gemerkt.

Statt dessen habe ich 16 mal „ja“ gesagt, als mir Spenden fürs Konfirmationskuchenbüffet angeboten wurden. Nichts selber zu machen war eine sehr gute Entscheidung, das Nervenkostüm…

Sommer

An zwei Trauerfeiern nicht teilgenommen. Als die Glocke geläutet hat, habe ich die Hausaufgaben-Betreuung unterbrochen und einen Moment andächtig auf der Treppe gesessen. Später habe ich erfahren, dass die Gäste bei beiden Feiern bis vor die Tür standen. Mein Fehlen hat vermutlich niemand bemerkt.

Wegen Hitzewelle habe ich mir an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen erlaubt, nur das nötigste zu machen. Klingt banal, ist aber nicht so einfach, wenn man an seinem Arbeitsplatz auch wohnt und sieht wie sich Stapel bilden.

Keinen Sommer-Familienurlaub gebucht. Das Preis/Leistungsverhältnis im Juli passt nicht mehr. Weg von zu Hause waren wir trotzdem zwei Wochen jeden Tag, wir wohnen ja in einer Feriengegend. Wieviel Stress das packen und räumen eigentlich macht, war mir vorher nicht bewusst.

Winter und Weihnachtszeit

Die Kinder hatten Hitzefrei an dem Tag, als es die ersten Lebkuchen zu kaufen gab. Ich weiß noch, wie ich, ziemlich verschwitzt, vor der frisch aufgebauten Weihnachtsinsel im Rewe stand, und die Entscheidung traf: NEIN! Ich bin raus! Advent ist bei uns jetzt im Advent. Punkt.

Die Adventsverweigerung war herrlich. Konsequent bin ich an jeder weihnachtlichen Dekoinsel und allen Lebkuchenregalen vorbeigelaufen. Dabei habe ich überraschend viel Geld gespart und hatte die Erkenntnis, das niemand etwas vermisst.

Als es wirklich anfing Weihnachten zu werden, habe ich einfach die vorhandene Dekoration hingestellt und mit einer Tradition gebrochen. Sehr zum Entsetzen aller anderen werden in meiner Familie keine Plätzchen gebacken. Seit Generationen nicht. Nun will aber im Dezember auch keiner mehr die ollen gekauften essen, die ja schon seit September rumstehen. Ich habe also gebacken. Viele, viele Plätzchen. Und habe viele, viele Komplimente bekommen dafür, so viele, das ich tatsächlich drüber nachdenke, das dieses Jahr wieder zu machen.

Zwischen Totensonntag und Sylvester habe ich keinen einzigen Gottesdienst besucht, kein Adventssingen, keinen lebendigen Adventskalender, keine Lesung im Stall, kein Rudelsingen, und danke nein, kein Friedenslicht, nix. Grüße an die anderen Grinche, die mir in dieser Zeit begegnet sind.

Dem Märzkind habe ich zwei Tage vor Weihnachten erklärt, wie man Zimtsterne backt. Sie hat tapfer durchgezogen. Als das Maikind sich beim Festtagskaffee den dritten nahm, bekam er den geschwisterlich freundlichen Hinweis: „genieß die gefälligst, das ist scheißviel Arbeit „.

Das hat mich stolz gemacht.

Zum ersten Mal seit langem hatte ich im Januar nicht das Gefühl, einen Winterschlaf halten zu müssen.

Altglas

Morgens, kurz vor sieben. Eine erste Weck-Runde habe ich absolviert, ein Kind ist schon im Bad. Ich ziehe den Rollladen hoch und schaue hinaus. Um diese Jahreszeit sollte eigentlich der Schnee leise rieseln. Statt dessen pfeift der Wind ums Haus und Regen klopft an die Fensterscheiben. Schitterich, nennt man diese Art von Wetter hier. Normalerweise würde ich das zur Kenntnis nehmen und weitermachen. Aber heute gibt es was zu sehen.

Das Kinderzimmerfenster hat Ausblick auf zwei Altglascontainer. Gerade ist der Entsorgungs-LKW vorgefahren. Da das Haus ein Stück höher am Hang steht kann man von hier aus nicht nur den LKW sehen, sondern auch oben rein gucken, während der Glascontainer geleert wird. Wir wurden schon oft um diese herrliche Aussicht beneidet, damals, zu Kindergartenzeiten. Mich persönlich fasziniert es eigentlich nicht so. Aber gleich gibt es was zu sehen. Ohhauahauaha – der Container auf dem LKW ist voll und ich weiß, das der Altglascontainer auch gut gefüllt ist.

Ein Mann in orange steigt aus, stellt sich auf diese kleine Arbeitsplattform und nimmt den Kranarm in Betrieb. Es ist wirklich ziemlich windig. Vermutlich werden die Scherben, die es gleich in die Landschaft regnen wird meterweit verweht. Wahrscheinlich werde ich den ganzen Sommer Schnittverletzungen versorgen und Fahrradreifen flicken.

Der Mann in orange bemerkt das Wetter, weil der Kran ein bißchen schwankt. Er zieht seine Kapuze über und steuert den Kranarm mittels Joystick dann genau über dem größten Altglasberg im LKW. Krach! Ein präziser Schlag und der Glasberg ist einen Meter niedriger. Das gleiche passiert zwei Meter weiter. Dann wird der Altglascontainer hochgenommen und sehr langsam geöffnet. Das Glasscheppern, das diesen Vorgang normalerweise im ganzen Haus hörbar macht ist heute nur ein quietischiges Schleifen. Der Container wird zugeklappt, und zwei Meter weiter mit chirurgischer Präzision der Rest ausgeladen. Respekt! Ich frage mich, ob es eine Weltmeisterschaft der Stadtwerker gibt. Das hätte durchaus Unterhaltungswert.

Fluchtgedanke

So dringend musste ich eigentlich gar nicht, aber die Toilette war gerade frei, da habe ich die Chance genutzt. 17 Leute verteilen sich auf Wohnzimmer, Diele und Küche. Für die jüngeren gibt es im hinteren Teil noch ein Zimmer, wo getobt und gespielt werden kann.

Ich setze mich neben den Liebsten auf die Ofenbank. Jeweils ein Erwachsener sitzt noch in einem Sessel und ein großes Kind quetscht sich ganz an den Rand der Couch. Auf dem Rest der Couch wird lautstark ein Lichtschwertkampf ausgetragen. Den Todesstern bekommt man nicht geschenkt. Es wird gesprungen und gerempelt.

Ein Onkel hat bereits darum gebeten, das Gefecht ins Tobezimmer zu verlegen. Die Uroma hat sowohl Darswäida als auch dem Endgegner erklärt, das sie nicht mehr so gut sieht und deshalb bitte gerne verstehen möchte, was die anderen erzählen. Das haben die beiden in keinen Zusammenhang bringen können und wurden ein weiteres Mal freundlich um Ruhe gebeten. Gebracht hat es nichts. Gespräche sind nicht möglich, so lauschen wir einfach der sakralen Weihnachtsmusik, die das Kampfgetümmel untermalt. Hin und wieder tauschen die anwesenden Erwachsenen ein ratlos schmunzelndes Augenrollen. Niemand von uns wird sich trauen, deutlicher zu werden, soviel ist klar. Wir sind ja hier selber nur Gäste und die Erziehungsberechtigten sitzen durchaus in Hörweite. Dann passiert es:

“ R U H E !!“

Sogar am Küchentisch nebenan wird es leise. “ Meine Güte, es muss doch möglich sein, dass Erwachsene Menschen ein Gespräch führen können,“ wird in ganz normalem Ton hinzugefügt. Darswäida und der Endgegner verschwinden wortlos in der Küche. Ich nutze den Moment um die festliche Musik auf nahezu unhörbar runterzuregeln. Schlagartig hat sich die Atmosphäre entspannt und ich setze mich neben Käthe.

„Das haste gut gemacht,“ raune ich ihr zu, „ich hab mich nicht getraut“. Ach was, Käthe winkt ab, bei ihr wird sich niemand beschweren. Und selbst wenn, sie grinst mich verschmitzt an, „Im nächsten Jahr feiere ich eh nicht mit.“ „Meinste? Ich würde sagen die Chance ist fünfzig/fünfzig.“ Im nächsten Frühjahr wird sie hundert.

Ach, sie habe es ja im Guten versucht. „Das hab ich gesehen“, beruhige ich sie. Dann hatte sie gedacht, sie geht einfach nach oben und setzt sich ganz in Ruhe in ihren Sessel. Sie zeigt auf den Rollator. Mit dem sperrigen Ding komme man leider nicht gut voran zwischen so vielen Leuten. In der Diele ist sie von ihrer Tochter erwischt worden. Zum Glück noch auf Höhe der Gästetoilette, da hat die gesagt, sie wolle aufs Klo. Sie musste ja eigentlich nicht, aber die Treppe hoch soll sie nicht alleine und da brauchte sie schnell eine Ausrede. Tja, und nun sitzt sie wieder hier im Sessel.

Die anderen unterhalten sich jetzt auch alle. Käthe lauscht ein bißchen den Gesprächen. „Es wundert mich, das ich so alt geworden bin, weißt du, das sah eine ganze Weile nicht danach aus.“ Es folgt eine Geschichte von einer Bombennacht im Keller. Von jemandem der es selbst erlebt hat klingt es anders als im Fernsehen und ich muss schlucken.

Aber das ist lange her und Käthe kann schnell wieder umschalten. Fröhlich verabschiedet sie die Familie der Lichtschwertkämpfer. Man möge es ihr nicht übel nehmen, das Alter, die Anstrengung der Festtage… Ach was, das wäre kein Problem. Nur, er selbst fände es gut, wenn die Kinder laut sind und toben, sagt der Erziehungsberechtigte. Denn das sind sie nur, wenn sie sich wohl fühlen.

Alle anderen fühlen sich durchaus auch bei Zimmerlautstärke wohl, und lassen den Tag in gemütlicher Runde ausklingen.

Winterzeit

Ich habe mich entschieden. Wenn die Zeitumstellung abgeschafft wird, möchte ich die Winterzeit behalten. Mein Hirn hatte die Frage bisher so verstanden: „Was ist dir lieber: Eis essen am See – oder Eisbrocken wegräumen in der Auffahrt?“ Deshalb hatte ich eine Tendenz zur Sommerzeit, aber ich lag falsch.

Die Zeit kurz vor den Weihnachtsferien ist ähnlich anstrengend wie die kurz vor den Sommerferien. Es werden viele Arbeiten geschrieben und es muss einiges gefeiert werden. Während wir uns im Juni jeden Morgen irgendwie in den Tag hineingewurschtelt haben, läuft das 7 Uhr Chaos im Moment sehr routiniert. Ich denke, das Geheimnis ist Schlaf. Wenn es abends um halb fünf schon dunkel wird, ist sogar die kleine Eule um 22 Uhr im Bett. Schlaf hilft gegen Müdigkeit.

Alle Jahre wieder

Im letzten Jahr hat mich der Advent geschafft. Für dieses Jahr hatte ich den Vorsatz, es nicht wieder so weit kommen zu lassen. Das klappt bis jetzt ganz gut. Grundsätzlich habe ich das vorweihnachtliche Gedanken lesen eingestellt. Wünsche und Erwartungen müssen kommuniziert werden. Wenn auf Nachfragen dann nur mit „murmelmurmelwasauchimmer“ geantwortet wird, machen wir das genau so, ohne noch dreimal nachzufragen. Das entlastet enorm, also mich. Der Liebste begegnet den anfallenden Adventlichkeiten eh mit einem lässigen „muss ich meine Frau fragen“.

Die Veranstaltung „Heilig Abend ohne Alkohol“ kam im letzten Jahr so gut an, dass es dieses Jahr ein Upgrade auf „Heilig Abend ohne essen“ gab. Ist völlig in Ordnung, muss sich halt nur mal jemand trauen, dass auch zu sagen. Dann kann ich damit arbeiten.

Herstellung von Kindheitserinnerungen

Aus strategischen Gründen haben sich die Nikoläuse für unseren Ortsteil entschieden. Mehr Häuser als der eine Nachbarort, aber weniger Kinder als der andere. Abends um halb neun saßen fünf klatschnasse Nikoläuse in überzuckerter Glückseligkeit bei uns vorm Ofen und aßen Salamibrötchen. Vier Stunden dauert es also, an jeder Haustür ein Gedicht aufzusagen, wurde mit leicht heiseren Stimmen zusammengefasst. Aber es hat sich so was von gelohnt.

Ertrag pro Kind
*Werbung, weil Markennamen erkennbar

Sonstiges

Es wurden einige Möbel abgeholt, die seit über neun Jahren bei uns lagerten. Das sie gebraucht wurden freut mich, und der neu gewonnene Platz auf Dachboden auch.

Der Liebste wiegt nur noch minus 3,9kg. Also, auf der Industriewaage an der Arbeit. Da ist ein Tara eingestellt. Eventuell brauchen wir weniger weihnachtliches Gebäck als erwartet.

Meine quietschorange Mütze mit dem Reflektorstreifen, die ich bei Hundespaziergängen in der Dämmerung trage, um nicht versehentlich erschossen zu werden oder so, geht gerade schleichend in den Besitz des Märzkindes über. Weil, ich zitiere “ is eigentlich ganz schick, BillyEllish hat die in grün.“ Wer also modisch ganz vorne mit dabei sein will, diese Saison, die Mützen gibt’s im Baummarkt, bei de Schneeschüppen.

Danksagungen

Danke an die arbeitenden Mütter-Kolleginnen, die zugegeben haben, im Advent auch am Stock zu gehen. Ich fühle mich besser. Und wundere mich trotzdem, wie ihr nach Feierabend aus dem Ärmel schüttelt, womit ich in Vollzeit Mühe habe.

Danke an die Paketboten. Ohne euch müsste ich Parkplätze suchen und in adventliche Kaufhäuser mit schauerlicher Musik gehen.

Danke an Frau Klitschko vom Schulkiosk. Ich hatte bisher keine Ahnung wie viel Ihre Arbeit zum alltäglichen Wohlbefinden beiträgt. Mit dem Lehrermangel haben wir uns arrangiert, aber wenn der Kiosk eine ganze Woche gar nicht öffnen kann, das ist echt übel.

Danke an Lehrer Schmidt und YouTube. Ohne euch hätte ich keinen Term vereinfachen können. Die binomischen Formeln sind mir heute noch genauso unlogisch wie vor 20 Jahren.

Grüße an die verbeamtete Fachlehrkraft, deren Job das eigentlich gewesen wäre. Durch Ihren Unterricht hat das Kind viel über Toleranz und kreative Problemlösungen gelernt.

Jenseits der Blinklichter

Ob ich auch was essen wolle, fragt der Liebste. Ja, aber ich bringe das gerade noch weg, bevor es dunkel wird.

Vom Garagenweihnachtsmarkt der örtlichen Nebenerwerbsfloristin mache ich mich auf den Weg zum Friedhof, um das krasseste Gesteck der Christenheit zu platzieren. Sowas bekommt man nicht im Baumarkt, es wurde extra angefertigt.

Der Friedhof ist steil und die Wege sind hier nicht befestigt. Langsam gehe ich den Hang runter. Ein Nachbargrab fällt mir auf. Es wurde eingefasst und ist wirklich schön bepflanzt. Einen Moment bleibe ich stehen. Die Frau kannte ich und die Bepflanzug erinnert mich an ihren Garten. Es hätte ihr bestimmt gefallen.

Ein paar Schritte weiter ist das Grab zu dem ich wollte. Ich suche einen Platz, wo das Gesteck nicht zu sehr auffällt. Die liebevoll ausgewählte Geschmacklosigkeit ist eine Tradition, die es im Leben auch schon gab. Aber das weiß ja hier sonst keiner. Während ich ein umgefallenes Figürchen richte und ein paar Blätter wegschnipse betritt ein weiterer Besucher den Friedhof. Auch er schnippt ein paar Blätter und räumt ein Figürchen. In Gedanken scheint er ganz woanders zu sein. Eigentlich sieht alles tiptop aus.

Auf dem Rückweg nicke ich ihm zu, grußlos vorbeizugehen kommt nicht in Frage, aber ich will ihn nicht stören.

Er schaut auf das Grab, an dem ich gewesen bin und spricht mich an. Das wäre aber schön, dass ich hier sei. Jo, mach ich jedes Jahr. Ich weiß nicht, ob man das sagen darf, aber ich machs einfach mal. „Das Grab habt ihr wirklich schön zurecht gemacht, gefällt mir gut“. Zum Glück war das kein Fettnapf. Ach, das würde ihn aber freuen, das das jemand mal sagt. Sowas zu gestalten sei nicht einfach. Das glaube ich sofort. Etwas leiser frage ich ihn, wie es ihm geht.

„Ach, weißte, was soll ich sagen? Am liebsten wollen die Leute ja immer hören, dass es gut geht.“ „Ähm, nee. Wir stehen auf dem Friedhof, am Grab deiner Frau, wenn ich davon ausgegangen wäre es geht gut, hätte ich gar nicht gefragt.“ Er lächelt und überlegt ganz kurz. „Beschissen. Alles ist irgendwie wie durch Nebel, der ganze Alltag ist zäh. Manchmal weiß ich abends nicht, was ich tagsüber eigentlich gemacht habe. “ Die Kinder haben ihm gesagt, er solle langsam mal wieder einen normalen Alltag aufnehmen. Es ist ja nun schon eine Weile her. Ich blicke auf das Datum im Stein und bin anderer Meinung. „Weißt du“, ich deute auf das Grab, das ich besucht habe „das ist schon zehn Jahre her, und manchmal, im geistigen Leerlauf, kommt immernoch der Gedanke, „die hat aber lange nicht mehr angerufen““. Wahrscheinlich wird es noch eine ganze Weile dauern, bis sich Alltag wieder normal anfühlt, vermute ich.

Einen Moment ist es einfach still. Ach, eigentlich gäbe es auch schöne Momente, sagt er. Wenn die Enkel so einfach von Herzen fröhlich sind zum Beispiel, das tue ihm gut. Und an den Kindern merke man ja, das Zeit vergeht. Ich wünsche ihm, die unter diesen Umständen bestmögliche Adventszeit. „Euch auch eine schöne Zeit“, er lächelt ein bißchen fröhlicher als eben.

Nachdenklich gehe ich zurück zum Weihnachtsmarkt. Zusammen mit dem Liebsten eine Portion pulled pork zu essen ist auch eine Vorweihnachtstradition. Und gerade habe ich bemerkt, dass das gar nicht so selbstverständlich ist, wie ich dachte.

In diesem Jahr brauchte ich nichts bestellen.
Als ich an diesem Schmuckstück vorbei lief,
spielte mein Hirn einfach so ein Zitiat von Oliver Kahn ein.
„Eier, wir brauchen Eier!“

Gekauft.