Winterzeit

Ich habe mich entschieden. Wenn die Zeitumstellung abgeschafft wird, möchte ich die Winterzeit behalten. Mein Hirn hatte die Frage bisher so verstanden: „Was ist dir lieber: Eis essen am See – oder Eisbrocken wegräumen in der Auffahrt?“ Deshalb hatte ich eine Tendenz zur Sommerzeit, aber ich lag falsch.

Die Zeit kurz vor den Weihnachtsferien ist ähnlich anstrengend wie die kurz vor den Sommerferien. Es werden viele Arbeiten geschrieben und es muss einiges gefeiert werden. Während wir uns im Juni jeden Morgen irgendwie in den Tag hineingewurschtelt haben, läuft das 7 Uhr Chaos im Moment sehr routiniert. Ich denke, das Geheimnis ist Schlaf. Wenn es abends um halb fünf schon dunkel wird, ist sogar die kleine Eule um 22 Uhr im Bett. Schlaf hilft gegen Müdigkeit.

Alle Jahre wieder

Im letzten Jahr hat mich der Advent geschafft. Für dieses Jahr hatte ich den Vorsatz, es nicht wieder so weit kommen zu lassen. Das klappt bis jetzt ganz gut. Grundsätzlich habe ich das vorweihnachtliche Gedanken lesen eingestellt. Wünsche und Erwartungen müssen kommuniziert werden. Wenn auf Nachfragen dann nur mit „murmelmurmelwasauchimmer“ geantwortet wird, machen wir das genau so, ohne noch dreimal nachzufragen. Das entlastet enorm, also mich. Der Liebste begegnet den anfallenden Adventlichkeiten eh mit einem lässigen „muss ich meine Frau fragen“.

Die Veranstaltung „Heilig Abend ohne Alkohol“ kam im letzten Jahr so gut an, dass es dieses Jahr ein Upgrade auf „Heilig Abend ohne essen“ gab. Ist völlig in Ordnung, muss sich halt nur mal jemand trauen, dass auch zu sagen. Dann kann ich damit arbeiten.

Herstellung von Kindheitserinnerungen

Aus strategischen Gründen haben sich die Nikoläuse für unseren Ortsteil entschieden. Mehr Häuser als der eine Nachbarort, aber weniger Kinder als der andere. Abends um halb neun saßen fünf klatschnasse Nikoläuse in überzuckerter Glückseligkeit bei uns vorm Ofen und aßen Salamibrötchen. Vier Stunden dauert es also, an jeder Haustür ein Gedicht aufzusagen, wurde mit leicht heiseren Stimmen zusammengefasst. Aber es hat sich so was von gelohnt.

Ertrag pro Kind
*Werbung, weil Markennamen erkennbar

Sonstiges

Es wurden einige Möbel abgeholt, die seit über neun Jahren bei uns lagerten. Das sie gebraucht wurden freut mich, und der neu gewonnene Platz auf Dachboden auch.

Der Liebste wiegt nur noch minus 3,9kg. Also, auf der Industriewaage an der Arbeit. Da ist ein Tara eingestellt. Eventuell brauchen wir weniger weihnachtliches Gebäck als erwartet.

Meine quietschorange Mütze mit dem Reflektorstreifen, die ich bei Hundespaziergängen in der Dämmerung trage, um nicht versehentlich erschossen zu werden oder so, geht gerade schleichend in den Besitz des Märzkindes über. Weil, ich zitiere “ is eigentlich ganz schick, BillyEllish hat die in grün.“ Wer also modisch ganz vorne mit dabei sein will, diese Saison, die Mützen gibt’s im Baummarkt, bei de Schneeschüppen.

Danksagungen

Danke an die arbeitenden Mütter-Kolleginnen, die zugegeben haben, im Advent auch am Stock zu gehen. Ich fühle mich besser. Und wundere mich trotzdem, wie ihr nach Feierabend aus dem Ärmel schüttelt, womit ich in Vollzeit Mühe habe.

Danke an die Paketboten. Ohne euch müsste ich Parkplätze suchen und in adventliche Kaufhäuser mit schauerlicher Musik gehen.

Danke an Frau Klitschko vom Schulkiosk. Ich hatte bisher keine Ahnung wie viel Ihre Arbeit zum alltäglichen Wohlbefinden beiträgt. Mit dem Lehrermangel haben wir uns arrangiert, aber wenn der Kiosk eine ganze Woche gar nicht öffnen kann, das ist echt übel.

Danke an Lehrer Schmidt und YouTube. Ohne euch hätte ich keinen Term vereinfachen können. Die binomischen Formeln sind mir heute noch genauso unlogisch wie vor 20 Jahren.

Grüße an die verbeamtete Fachlehrkraft, deren Job das eigentlich gewesen wäre. Durch Ihren Unterricht hat das Kind viel über Toleranz und kreative Problemlösungen gelernt.

Jenseits der Blinklichter

Ob ich auch was essen wolle, fragt der Liebste. Ja, aber ich bringe das gerade noch weg, bevor es dunkel wird.

Vom Garagenweihnachtsmarkt der örtlichen Nebenerwerbsfloristin mache ich mich auf den Weg zum Friedhof, um das krasseste Gesteck der Christenheit zu platzieren. Sowas bekommt man nicht im Baumarkt, es wurde extra angefertigt.

Der Friedhof ist steil und die Wege sind hier nicht befestigt. Langsam gehe ich den Hang runter. Ein Nachbargrab fällt mir auf. Es wurde eingefasst und ist wirklich schön bepflanzt. Einen Moment bleibe ich stehen. Die Frau kannte ich und die Bepflanzug erinnert mich an ihren Garten. Es hätte ihr bestimmt gefallen.

Ein paar Schritte weiter ist das Grab zu dem ich wollte. Ich suche einen Platz, wo das Gesteck nicht zu sehr auffällt. Die liebevoll ausgewählte Geschmacklosigkeit ist eine Tradition, die es im Leben auch schon gab. Aber das weiß ja hier sonst keiner. Während ich ein umgefallenes Figürchen richte und ein paar Blätter wegschnipse betritt ein weiterer Besucher den Friedhof. Auch er schnippt ein paar Blätter und räumt ein Figürchen. In Gedanken scheint er ganz woanders zu sein. Eigentlich sieht alles tiptop aus.

Auf dem Rückweg nicke ich ihm zu, grußlos vorbeizugehen kommt nicht in Frage, aber ich will ihn nicht stören.

Er schaut auf das Grab, an dem ich gewesen bin und spricht mich an. Das wäre aber schön, dass ich hier sei. Jo, mach ich jedes Jahr. Ich weiß nicht, ob man das sagen darf, aber ich machs einfach mal. „Das Grab habt ihr wirklich schön zurecht gemacht, gefällt mir gut“. Zum Glück war das kein Fettnapf. Ach, das würde ihn aber freuen, das das jemand mal sagt. Sowas zu gestalten sei nicht einfach. Das glaube ich sofort. Etwas leiser frage ich ihn, wie es ihm geht.

„Ach, weißte, was soll ich sagen? Am liebsten wollen die Leute ja immer hören, dass es gut geht.“ „Ähm, nee. Wir stehen auf dem Friedhof, am Grab deiner Frau, wenn ich davon ausgegangen wäre es geht gut, hätte ich gar nicht gefragt.“ Er lächelt und überlegt ganz kurz. „Beschissen. Alles ist irgendwie wie durch Nebel, der ganze Alltag ist zäh. Manchmal weiß ich abends nicht, was ich tagsüber eigentlich gemacht habe. “ Die Kinder haben ihm gesagt, er solle langsam mal wieder einen normalen Alltag aufnehmen. Es ist ja nun schon eine Weile her. Ich blicke auf das Datum im Stein und bin anderer Meinung. „Weißt du“, ich deute auf das Grab, das ich besucht habe „das ist schon zehn Jahre her, und manchmal, im geistigen Leerlauf, kommt immernoch der Gedanke, „die hat aber lange nicht mehr angerufen““. Wahrscheinlich wird es noch eine ganze Weile dauern, bis sich Alltag wieder normal anfühlt, vermute ich.

Einen Moment ist es einfach still. Ach, eigentlich gäbe es auch schöne Momente, sagt er. Wenn die Enkel so einfach von Herzen fröhlich sind zum Beispiel, das tue ihm gut. Und an den Kindern merke man ja, das Zeit vergeht. Ich wünsche ihm, die unter diesen Umständen bestmögliche Adventszeit. „Euch auch eine schöne Zeit“, er lächelt ein bißchen fröhlicher als eben.

Nachdenklich gehe ich zurück zum Weihnachtsmarkt. Zusammen mit dem Liebsten eine Portion pulled pork zu essen ist auch eine Vorweihnachtstradition. Und gerade habe ich bemerkt, dass das gar nicht so selbstverständlich ist, wie ich dachte.

In diesem Jahr brauchte ich nichts bestellen.
Als ich an diesem Schmuckstück vorbei lief,
spielte mein Hirn einfach so ein Zitiat von Oliver Kahn ein.
„Eier, wir brauchen Eier!“

Gekauft.

Herbst im Schnelldurchlauf

Und schwupp – ist der Oktober auch schon rum. Die Wechselschichtwochen vergehen insgesamt immer rasend schnell. Wobei die einzelnen Tage sich ziehen können wie Kaugummi. Da es aber keinen Rythmus gibt und Pläne sich laufend ändern, ist es einfach ein flow. Einer arbeitet, die andere kümmert sich um den Rest. Alle sind froh, wenn es geschafft ist.

Der September-Krankheitsfall zog sich. 4 Wochen Antibiotika hochdosiert haben das Wohlbefinden doch stark beeinflusst. Es ist aber zum Glück unter dem Strich besser geworden.

Es gab eine „mathematische Situation“. Einen Nachmittag lang musste ich längst vergessene Hirnwindungen reaktivieren. Es war mühsam, aber auch faszinierend. Kein Wunder, dass ich manchmal das Gefühl habe, der Speicher ist voll.

Ich war auf einem Elternabend zur Berufsinformation. War gut gemacht, man hatte am Ende tatsächlich das Gefühl zu wissen, wo man die Infos finden kann. Hinterher noch kurz unterhalten, wir kannten vom Babyschwimmen…

Die Meerschweinchen sind ins Winterquatier umgezogen.

In einer Hauruck-Aktion wurde der diesjährige Brennholzbedarf angeliefert und mithilfe von Freunden und Nachbarn gestapelt.

Der Garten sieht nach dem zweiten Hitzesommer echt mitgenommen aus. Da muss ich mir über den Winter mal was überlegen. Aus jedem Fenster auf verdaddertes Kruppzeug zu gucken macht nicht fröhlich. Vielleicht gibts ja Schnee, dieses Jahr.

Wir haben eine Hochzeitseinladung bekommen. Der erste Eintrag im Kalender für nächstes Jahr.

Weihnachten ist angelaufen. Die Eltern sind dazu übergegangen sich Sachen zu wünschen, die Zeit und Muselkraft erfordern. Da bin ich fein raus. Der Liebste hat schon einen „Fröhliche-Weihnachten-Winterreifenwechsel“ gemacht und wird irgendwann zwischen jetzt und Frühling einen „Christmas-Kompost“ aufbauen. Bleiben nur noch die üblichen 20 Kleinigkeiten und drei Großartigkeiten…

Ansonsten haben wir alle öfter auf dem Boden gesessen als sonst und hatten viel Besuch. Außerdem waren wir öfter im Garten, auch nachts.

Irgendwer wohnt neu hier.

passt überall

Punica* sollte sie kaufen, drei Flaschen. Naja, sie habe sich kurz gewundert, aber warum nicht. Wahrscheinlich für irgendein ortsübliches Mischgetränk, oder so. Sie wohnt erst seit einigen Wochen hier, der Liebe wegen.

Auf einem Dorffest stehen wir zu sechst um einen Partytisch. Hier wurde alles ehrenamtlich gemacht, Getränke und Gegrilltes können günstig angeboten werden. Die Kinder spielen einfach im Wald rund rum, Ü70er sitzen an den Tischen, Konfirmanden etwas abseits. Die Musik ist ein Mix aus allem.

„Naja, auf jeden Fall haben die die Verschlüsse der Punicaflaschen geändert, da hat er sich drüber aufgeregt“. Die veränderten Verschlüsse waren mir auch aufgefallen, als ich neulich nach Getränken ohne Citronensäure gesucht hatte. Eigentlich wusste ich vorher gar nicht, dass es dieses Getränk überhaupt noch gibt. Ich verstehe das Problem nicht. „Ist doch egal, oder?“

Ja, sie habe auch einen Moment gebraucht bis sie das Problem erkannt habe. Sie sei ja schon öfter auf Festivals gewesen, auch mit Männern, „aber darauf musste erstmal kommen.“ Pause. Mir dämmert es, ich verziehe das Gesicht und gucke fragend. Sie legt die Stirn in Falten und nickt.

„Igitt.“

„Du sagst es, andere Leute laufen ja wohl auch bis zu den Dixies…“

„und dann…? haben die das im Rucksack…? oder wie?“

„da willste garnich drübber nachdenken…“

Sie zuckt mit den Schultern. Aus dem Sanitätshaus habe sie ihm dann eine speziell dafür geeignete Flasche gekauft. Wir schütteln grinsend die Köpfe, es ist faszinierend widerlich.

Ich gehe einmal um den Tisch rum, weil die Musik so laut ist. Ich brauche ein Tratsch-update.

„Sag mal ist der Orti fünfzig geworden, letzte Woche?“, frage ich den Mann, der jetzt Sanitätshaus- Festivalzubehör besitzt. „jo, meint man garnicht, ne?“ „nee, meint man echt nicht. Aber andererseits, wenn er vierzig wäre, wäre er ja kaum älter als ich, also, eigentlich doch.“ Er nickt nur. „Der Orti ist wie eine schwarze Hose, der passt überall dazu.“

Das klingt nicht so charmant, ist aber nett gemeint, und wahr. Von Trauerfeier bis Schneeballschlacht kann der Orti einem überall begegnen und wirkt nie fehl am Platz. Das macht ihn irgendwie alterslos.

„Ach, wo wir gerade von „passt überall“ sprechen, Tatjana und ich haben uns verlobt, hat sie dir erzählt, oder?“

„Nee, hat sie nicht. Herzlichen Glückwunsch“ Umarmung – anstoßen.

„Ich dachte, sie hätte es schon erzählt, weil ihr eben so nett geredet und gelacht habt.“

„Ähm, nee, wir hatten ein ganz anderes Thema.“

Man hat nicht das Bedürfnis, dieses Paar mit einem Disneysong * zu untermalen, aber es haben sich auf jeden Fall zwei gefunden.

Ich gehe nochmal um den Tisch rum, um herzlich zu gratulieren.


* Werbung, vermutlich , Markennennung war hier aus dramaturgischen Gründen notwendig

September, Halbzeitstand

Was ich so mache, wenn es aussieht, als wäre nichts los hier:

In der ersten Septemberwoche waren wir auf eine Hochzeit eingeladen. Darüber haben wir uns sehr gefreut und wollten auch alle schick sein. Also musste die Festtagsgarderobe entsprechend zusammengestellt werden und es waren zwei spontane Frisörbesuche nötig. ( Termin finden, an dem beide Kinder gleichzeitig Zeit haben – Frisör finden, der genau dann auch Zeit hat – hinfahren) Zur Hochzeit ist es etwas weiter. Wir stehen ja bei längeren Fahrten gern in Staus, daher musste ein Fresspaket gepackt werden. Außerdem der Koffer mit den schicken Klamotten. Für Übernachtungssachen hab ich nur einen Zettel geschrieben und den Kindern der Reihe nach in die Hand gedrückt. Das klappt mittlerweile echt gut, wir hatten diesmal sogar Zahnpasta.

Zweimal Elterntaxi zur Krankengymnastik, mehrmals zu Trainings.

Zwei Elternabende besucht. Einer ganz locker und schnell fertig. Einer nicht.

Ich habe mich zwei Stunden lang durch die gigantischen Klamottenberge des Kinderkleidungsbazars im Nachbarstädtchen gewühlt. Es waren wirklich schöne Sachen dabei. Manches mal habe ich mich auch gewundert, was die Leute meinen, noch verkaufen zu können…

Jeden Tag darüber gesprochen, wie dringend wir wieder einen Hund brauchen. Die Meinungen gehen da etwas auseinander.

Zum ersten Mal eine Vereinsmeisterschaft im Kickboxen angeschaut, und in aller Bescheidenheit, als Mutter der Siegerin in der Altersklasse verlassen. Oooleeeee, oleeeoleeeoleee

Honig abgefüllt. Der ist in diesem Jahr ganz anders als sonst, obwohl die Bienen genau an den gleichen Orten stehen.

Zwei geplante Arzttermine wahrgenommen.

Die Erfahrung gemacht, dass man doch auch hier auf dem Land ganz spontan einen Arzttermin bekommen kann. Einweisung in die Kinderklink mitgenommen, aber zum Glück nicht gebraucht. Großeltern beruhigt. Mich selber beruhigt.

Ein neuer Rekord wurde aufgestellt. Zwischen den Sätzen „Hitzefrei, zum Glück, das hält man ja kaum aus“ und „oohh, guck mal, Lebkuchen, wollen wir eine Packung mitnehmen?“ lagen in diesem Jahr nur sensationelle drei Stunden.

Der Liebste hat übrigens Wechselschicht. Irgendwo zwischendurch waren schon zwei Rückwärtswechsel (von Nacht auf Spät auf Früh in drei Tagen)

Und morgen wieder Hochzeit, aber nur ein bißchen.

Sie habens geschafft

Vor ziemlich genau vierzehn Jahren, da war das Märzkind wenige Monate alt, ist uns klar geworden, dass wir eine Generation aufgerückt sind. Das Kind würde älter werden und wir natürlich auch. Sicher würde diese neue Generation einen Weg finden, uns zu schockieren. Mit irgendetwas noch nie dagewesenem. Wir würden am Tisch sitzen und murmelnd mit den Köpfen schütteln. Aber – mal ehrlich – was sollte das sein? Uns ist damals nichts einfallen.

Auf einer Geburtstagsfeier trägt eine vierzehnjährige eine weite kurze Jeans, deren Bund knapp unter dem Rippenbogen endet. Das Tshirt in Überweite hat sie oben in den Hosenbund gesteckt. Komplett, nicht nur auf einer Seite ein bißchen. An den Füßen schwarze dicke Socken in Saunalatschen. Ich finde es gut, dass nicht alle diese Mega-make-up trends mitmachen und klapperdürr sein wollen. Aber diese Mode ist irgendwie auch extrem. Sie bemerkt meine Blicke. Stolz weist sie mich auf ihre neuen Adiletten hin und freut sich sichtlich darüber. Ich bin mir sicher, dass das hier so ein pubertäres Ding ist und in Klamottenfragen bin ich nicht so leicht zu schockieren.

“ Trägt man darin nicht eigentlich weiße Tennissocken?“, scherze ich. Also, ich dachte ich scherze, aber ich werde anscheind ernst genommen.

Naja, räumt sie ein, eigentlich schon. Im kleinen Städtchen seien aber leider keine weißen Tennissocken mehr zu bekommen gewesen. Im Nachbarstädtchen auch nicht, ergänzt ihre Freundin. Da seien sie nämlich extra noch mit dem Zug hin gefahren. Ich bin mir immernoch sicher, das ich vereiert werde.

„Dann fehlt dir aber noch so ein speckiger Hut und vielleicht noch ein Fotoapparat an einem Band um den Hals.“ Neben mir grinst eine Mutter-Kollegin. Die beiden vierzehnjährigen sind völlig aus dem Häuschen: „ja, das wäre geil“

Ich schüttle mit dem Kopf und frage mich, wieso um alles in der Welt, hübsche junge Frauen absichtlich so aussehen wollen, wie Opas auf dem Campingplatz. Ganz leise natürlich.

Und da wird mir klar, es ist soweit. Sie haben es tatsächlich geschafft.

die Toten sind bitte leise

Geplant war eigentlich ein Geländespiel im Dunkeln und eine Nachtwanderung. Ab jetzt ist es improvisiert, aber was solls, es ist ja nicht unsere erste abgesoffene Geburtstagsfeier.

12 Kinder sitzen um den Tisch, zum Teil in Schlafklamotten mit geborgten Strickjacken und ohne Socken, es ist nicht kalt. Und die Stimmung ist überraschend gut. Gerade gab es Pizza im Starkregen. Also, schon unter dem Dach, aber draußen. Nass waren da sowieso schon alle. Den Rest des Abends haben wir in den kleinen Raum, aus dem normalerweise die Getränke verkauft werden, verlegt.

Der angemietete Sportplatz des Nachbardorfes liegt genau zwischen zwei Ortschaften mitten im Wald. Man sieht und hört keine Straßen, nachts wird es dunkel und still. Genau der richtige Ort für eine Zelt-Übernachtungsparty. Die Kerzengläser, die eigentlich für das Geländespiel gedacht waren kommen jetzt in die Tischmitte, das elektrische Licht wird gelöscht.

Wir spielen Werwolf* (*Werbung, wahrscheinlich, wurde selbst gekauft)

Jeder bekommt eine Karte schaut sie heimlich an und legt sie vor sich auf den Tisch. Es gibt einen Spielleiter, der macht die Ansagen.

Die Nacht bricht an, alle Dorfbewohner schlafen. – Alle Spieler schließen die Augen. Es gibt Dorfbewohner und Werwölfe, eine Hexe und einen Amor. Die Werwölfe kommen während der Nacht und „töten“ einen Dorfbewohner. Wer die Hexe gezogen hat, hat die Macht einmal zu heilen, also jemanden von den Toten zu erwecken, und einmal zu vergiften, also jemanden aus dem Spiel zu nehmen. Der Amor kann zwei Leute miteinander verlieben. Verliebte sterben gemeinsam. Egal zu welchem Team sie gehören. Am Ende des Spiels sind entweder alle Werwölfe enttarnt oder alle Dorfbewohner gefressen. Das jeweils andere Team hat dann gewonnen. Jeder kennt nur seine eigene Karte.

Der Spielleiter weckt Amor. Er erwählt zwei die ab jetzt verliebt sind. Alles ist auf einmal sehr leise. Amor schläft wieder, die Verliebten erkennen sich. Lautlos natürlich, sie werden nur angetippt, schauen sich kurz an,und zeigen sich gegenseitig ihre Spielkarten. Dann erwachen die Werwölfe und wählen ihr Opfer, natürlich ohne Worte, dann schlafen sie wieder ein. Die Hexe erwacht und bekommt das Opfer der Nacht gezeigt. Sie kann einen Trank anwenden, oder beide oder keinen.

Das Dorf erwacht, alle bis auf einen. Jetzt muss ein Schuldiger gefunden werden. Bei Tageslicht sind alle Mitspieler Dorfbewohner und können sich nach Lust und Laune gegenseitig beschuldigen. Irgendwer wird rausgewählt. Die „Toten“ müssen dann ab jetzt zugucken, dürfen aber garnichts sagen, und auch nicht kichern, noch nicht mal, wenn Leute verliebt werden. Es kommt zu herrlichen Dialogen und erste Spielrunde ist schnell zu Ende. „Hä, wieso lebt Lars noch, wir ha….a…Mist“

Jetzt haben alle verstanden, dass man hier durchaus Sachen erfinden darf. Die Geschichten, die sie versuchen, sich gegenseitig anzuhängen werden immer abenteuerlicher. Mittlerweile ist es echt warm, von den vielen Kerzen. Der Liebste öffnet das Fenster, und macht irgendwas auf dem Handy.

Marie ist sich sicher, dass sie gestern Abend gesehen hat wie Fritzi den Mond anheult. Fritzi wird „abgemurkst“ und es wird wieder Nacht im Dorf. Alle schließen die Augen und horchen ganz angestrengt auf irgendwelche Bewegungen. Draußen regnet es ziemlich heftig, man hört den Wind im Wald und, ganz leise, heult ein Wolf. Obwohl natürlich keiner gucken darf schauen sich auf einmal alle an.

„Habt ihr das auch gehört?“

„Alter, war das echt?“

„Werwölfe gibt`s gar nicht in echt. Oder?“

„Nee, Werwölfe nicht, normale Wölfe aber schon.“

Mit einem Grinsen zeige ich auf den Liebsten, bevor der Grusel echt wird „ich glaube das kam von da“.

„Booaaarmannej, jetzt dachte ich aber kurz…“ „Boar, Alter, ich aber auch“

Erleichterung macht sich breit. Nach dem Schreck machen wir eine kleine Spielpause. Wir füllen Chips und Popcorn nach, reichen Getränke rum.

Also eigentlich müsste auch mal jemand zur Toilette, aber so dringend ist es noch nicht. Man könnte ja zusammen… Schnell findet sich eine Gruppe und alle gemeinsam rennen sie brüllend um die dunkle Ecke auf die andere Seite des Gebäudes – nur zur Sicherheit.