KW20/2022

Eine Zugfahrt nach Frankfurt. Die Züge sind merklich voller als noch vor acht Wochen. Zwei Fahrräder blockieren 6 Sitzplätze. Ich hatte gedacht man könnte im Sommer mal mit so einem 9 Euro Ticket irgendwohin, aber, wenn das im Normalbetrieb schon so ist, hab ich da eigentlich keine Lust drauf.


Wir schließen das Kapitel „eingewachsene Zehnägel“, hoffentlich. Angeblich ist das Kind übernächste Woche wieder sporttauglich. Das wäre schön.


De Omma fragt, wann wir denn in den Urlaub fahren und ist auffallend erleichtert, als ich sage, dass wir noch nichts geplant haben. Merkwürdig.


Stundenplanänderung. Jetzt neu: Maikind hat kein Arbeitslehre mehr. Deutsch fällt aus, erstmal nur diese Woche. Beim Julikind sind noch alle Fächer da, nur anders verteilt. Eine Klassenkameradin strandet bei uns, nach der Schule. Sie wohnt einen Ort weiter, bis dahin geht die Busverbindung nicht. Normalerweise taktet die Familie die Dienstpläne so, dass das kein Problem ist. Aber wenn Stundenpläne nur 10 Tage gelten, wird es schwierig.


Der Hund. Seufz. An einem Tag ist er mir gleich zweimal abgehauen. Ich fahre im Schritttempo die Hundedamen-Haushalte im Ort ab, gucke in Gärten und Hinterhöfe und komme mir bescheuert vor. Große Anteilnahme der Rüden-Besitzer. Preisanfrage beim Tierarzt. Abends frisst der Hund wieder uns schläft danach. Vielleicht geht es ja doch so, sagen die Männer. Vielleicht.


Eine Geburtstagsfeier wird abgesagt wegen Hexenschuss. Das Telefongespräch ist an sich ist schon ungewöhnlich, die Nachrichten merkwürdig. Innerhalb kürzester Zeit wird aus Hexenschuss ein Arzttermin, ein Krankenhausaufenthalt, eine OP und ein am Rande mitbekommenes Gespräch über Pflegedienste. Oh,oh.


Niemand wird diese Rasenfläche nutzen, den ganzen Sommer nicht. Das Grundstück liegt hinter einer dichten Hecke am Ende einer Straße ohne Durchgangsverkehr. „Mal gerade drüber mähen“ dauert eine Stunde, plus Zeit für Pflege und Wartung des Aufsitzrasenmähers. Warum das alle 10 Tage gemacht werden muss, ist mir ein Rätsel. Der Garten bei uns am Haus wird genutzt aber, naja, muss halt passen, von der Zeit, dem Wetter…


Pluseins-Kind hat eine Lehrstelle im nächsten Jahr. Glückwunsch, Freude. Ein nachdenklicher Moment. Müssen da denn jetzt schon Bewerbungen? Oh,oh.


Unwetter sind angesagt, teilt mir der Liebste mit. Ich gucke ja keine Nachrichten mehr. Bestimmt will man uns nur warnen, damit es nicht wieder so wie im Ahrtal letztes Jahr…, denke ich. Die Warnungen wechseln die Farbe. Ich sauge einmal durch den Wäschekeller, wenn da wieder Wasser reinläuft, wäre das wenigstens nicht so eklig staubig. Die Warnungen wechseln nochmal die Farbe. Ich lege ein paar Sandsäcke vors Kellerfenster, denn eigentlich habe ich gar keine Lust, den Keller zu wischen.

Wir bekommen nichts ab vom Unwetter. Auch gut.

Seniorengeschichten und Musik

Alle Rechnungen, die irgendwas mit Haus und Wohnen zu tun haben kommen adressiert an „Eheleute“ oder meine Mailadresse. Die Zensus Post ist adressiert an den Liebsten. Anscheind müssen offizielle Sachen auch im 21. Jahrhundert vom Herrn des Hauses persönlich erledigt werden.


In unserer Straße sind drei Hündinnen heiß. Der Hund kratzt an der Tür des Märzkindes, an der Tür des Maikindes, geht runter ins Wohnzimmer, schmeißt sich seufzend vor die Haustür. 10 Minuten später steht er an meiner Seite des Bettes und fragt, ob wir denn jetzt vielleicht eine Runde raus wollen, wird ja gerade hell… Entweder er geht jetzt auf seinen Platz oder… zwei Eier und eine Schere – Emoji


Ich weiß nicht mehr wie es dazu kam, aber zum Tisch abräumen am Freitag abend wurde das Lied von der Karawane gespielt. Maikind kannte das nicht. Wir fragen uns kurz, wie das sein kann, kommen aber schnell drauf. Die Kinder kramen in alten Playlisten, es wird nostalgisch, dann zeigen sie mir was im Moment „gefeiert“ wird. Wir mögen unterschiedliche Richtungen, aber, es gibt Schnittmengen. Märzkind und ich bekommen Gänsehaut und müssen uns in genau dem gleichen Moment kurz schütteln. Jo ho. Was man so alles vererben kann…


Die Oma aus dem Städtchen ruft an, um zu fragen, wann wir denn dann morgen fahren wollen. Hä? Na das Konzert. Oh. Ich gebe zu, als ich ihr die Karten zu Weihnachten geschenkt habe, hatte ich angenommen, sie würde ihre Schwester oder die Wanderfreundin mitnehmen, aber anscheind habe ich Heilig Abend gesagt, dass ich mitkomme. Blasmusik ist so garnicht meins, andererseits, ich habe in meinem ganzen Leben noch nichts mit der Oma zusammen gemacht, glaube ich. Wer weiß, wie viele Gelegenheiten da noch kommen…

Ich fahre jede Woche an diesem Grundstück vorbei aber, ich hatte ehrlich keine Ahnung, was sich hinter dieser Hecke verbirgt. Das Anwesen derer von und zu ist beeindruckend. Man freut sich, dass das hier heute in „der renovierten Scheune“ stattfinden kann. Was man hier eine renovierte Scheune nennt würde ich eher als rustikalen Ballsaal bezeichnen. Ich schicke der Freundin ein Foto von den Dachbalken. „Guck mal, so kann man Scheunendach .“ Sie wird in der kommenden Woche den Eurojackpot gewinnen und das dann bei ihrer Scheune auch in etwa so machen lassen, sagt sie. Ich beantrage einen Getränkestand auf ihrem Hof, für die Zeit in der die Zimmerleute arbeiten. Genehmigung wird erteilt. Ich werde also meine erste Million mit Aperol Spritz verdienen.

„Das war toll“, sagt die Oma, als das Konzert endet. Es war tatsächlich ein schöner Abend – ein Ausflug in eine ganz andere Welt.


Die Schwalben sind da. Der Garten hört sich nach Sommer an. Schön ist das.


Er: „Samma, wie viele Mückenstiche hast du eigentlich?“

Ich: „Mückenstiche? Noch gar keine. Un du?“

Er: „23“ grummelgrummel

Ich bräuchte gar kein Fliegengitter – außer vielleicht wenn der Liebste Nachtschicht hat.


Neue Stundenpläne, die alten sind ja schon drei Wochen alt… Maikind hat jetzt Mittwochs planmäßig die fünfte Stunde frei, weil da Französisch wäre, die 7. und 8. Stunde finden statt. Macht anderthalb Stunden freie Zeit, auf dem Dorf – ohne Schulkantine. Die Blagen werden sich schon irgendwie beschäfigen. Nachdem bei der letzten Stundenplanänderung Kunst weggefallen war, hat Julikind jetzt neu: auch kein Religion mehr. Wenn das in dem Tempo weitergeht, können sie im Sommer Teilnahmeurkunden statt Zeugnissen verteilen.


„Ah, das Grab, das hat sie übrigens einebnen lassen“, erzählt mir eine Witwe beiläufig. Da waren zwar noch vier Jahre Nutzungszeit drauf, aber wer soll das denn machen, wenn sie nicht mehr ist? Die vier Jahre zahlt sie dann eben fürs Rasen mähen. Zwanzig Euro kostet das im Jahr, ist eigentlich ganz schön viel, für so eine kleine Fläche, sagt sie. Ich muss lachen, kann es aber gerade so als Räuspern tarnen. Schöner kann man „ich will nicht neben meinem Mann beerdigt werden“ wohl kaum formulieren. Dieser Todesfall war Ortsgespräch. Jetzt wächst dann wohl Gras drüber.


Der Liebste zeigt mir ein Foto, „das wirste mir nicht glauben“. Er hat den Kuchen bei der Omma geholt und sie erwischt, auf einem wackeligen Höckerchen im Lichtschacht vor dem Haus. Die Blätter mussten raus, und wenn sie schon mal drin ist, kann sie von da aus auch gleich das Unkraut im Umkreis jäten, dann muss sie sich nicht bücken. Ich schüttele mit dem Kopf. Seit Wochen versuche ich rauszufinden, ob und wie sie ihren Geburtstag feiern möchte. Sie will garnicht 90 werden, sagt sie dann immer. Anscheind legt es drauf an.


Es ist immernoch Murks bei den Bienen, sagt der Liebste. Wir denken hin und her. Ich bestelle zwei Bienenköniginnen. Mittlere Preisklasse. Jetzt warten alle auf einen summenden Brief.

ein Wochenende wie damals

Herrliches Frühlingswetter. Auf einmal blüht alles, Farben und Geruch wechseln alle paarhundert Meter. Nicht mehr nur grau und Gülle. So macht die Hunderunde wieder Spaß.


Brot und Milch kaufe ich einzeln, also am Bäckerauto und vom Bauernhof, immer das Gleiche ohne irgendwas anderes dazu, da fällt die Preissteigerung auf. Aus 6,90 Euro sind 8,70 Euro geworden und aus 50 cent 75.


Am stillgelegten Auto auf dem Nachbargrundstück kraschpelt irgendwas, fällt mir auf, beim Wäsche aufhängen. Ich vermute irgendwelche Tiere. Och nö. Zum Glück ist es nur der Besuch der Nachbarin. Wir kennen uns flüchtig, haben uns aber lange nicht gesehen. Smalltalk über den Zaun. Nach wenigen Sätzen wird ein richtiges Gespräch daraus. Der Besuch konnte in den letzen zweieinhalb Jahren nicht kommen, wegen Corona und Arbeit, es ging nicht, im Sinne von es war unmöglich. Ich weiß, sage ich (Berufsfeuerwehr in Australien). Während dieser zwei Jahre hat sich die Nachbarin verändert. Ich weiß, sage ich. Der Besuch kämpft mit den Tränen. Ich bin ehrlich gesagt erleichtert, dass das mal jemand bemerkt hat, der die Macht hat, sich zu kümmern.


Märzkind meldet Hunger, Freitag abend um sechs. Auf keinen Fall kann das warten, bis Julikind vom Kickboxen zurück ist. Das kommt davon, dass es an der Arbeit immer schon um zwölf Mittagessen gibt. Sie versteht jetzt, warum die Omis abends immer so zeitig essen. Abendessen also zu dritt, wir unterhalten uns nett und sitzen immernoch da, als die anderen beiden zwei Stunden später dazukommen. Julikind ist entspannt und fröhlich und schläft schon, als ich ihr um halb elf gute Nacht sagen will.

Der Liebste kommt Samstag morgen von der Nachtschicht, steht mittags auf, weil Montag wieder Frühschicht ist, ganz normal, wie es auf dem Plan steht. Die Kinder und ich sind da mit dem Hausteil des „Haus und Hoftags“ schon fast fertig. Draußen ist allerdings noch genug zu tun. Märzkind hat den ersten Chearleading Auftritt, seit – man kann sich erinnern, wann. Sie beginnt mit der Schminkaktion. Maikind kramt das Feldbett aus der hinteren Ecke des Dachbodens und sucht Übernachtungssachen zusammen. Julikind nimmt an einem Malwettbewerb teil und, upsi, da ist nächste Woche Abgabe. Ich backe einen Tortenboden für Konfirmation am Sonntag. Ein Paket steht vor der Haustür. Märzkind ist erleichtert, das ist ihr Festoutfit für morgen, wir hatten schon überlegt, wie man die Alltagsklamotten zu was Schickem kombinieren könnte… Märzkind verschwindet, Maikind wird gefahren, Abendessen für drei, Märzkind kommt fröhlich wieder. Ein Hauch von Teenager in Polyester weht über den Flur, dann ist das Bad besetzt.

Sonntag morgen mach ich die Torte fertig. Der Liebste fährt Märzkind mit Torte zum Fest. Ich backe einen Geburtstags-Geschenk-Kuchen für Montag. Julikind müsste mal gelüftet werden. Hunderunde zur Hängebrücke. Auf halber Strecke meldet Maikind, man könne ihn dann gleich abholen. Das liegt auf dem Weg, kein Problem, obwohl, der Hund ist ja im Auto und das ganze Übernachtungsgepäck…. ach, ich laufe einfach von hier aus nach Hause, dann ist Platz. Als ich ankomme sind die Kinder schon bei Oma und Opa. Ich mache den Geburtstagskuchen fertig und wir fahren hinterher. Gut, dass wir mit dem Auto da sind, sagt Julikind. Auf dem Weg haben sie ein bisschen rumgeblödelt, da ist sie irgendwie vom Bordstein und hat sich den Fuss umgeknickt, aber so richtig. Der Fuss ist tatsächlich beachtlich angeschwollen. Notaufnaheme vielleicht? „Sieht nach Innenband aus“, sagt der Liebste, Kühlpack. Sportsalbe, hochlegen und dieser Haushalt hat eine aircast-Schiene für solche Fälle, was anderes würden die im Krankenhaus auch nicht machen.


Montag morgen begegnet mir der Biolandwirt im Wald. Er hält an, um zu fragen, warum ich mich denn so in der Hecke verstecke. Ich dachte, er gehört zu dem Jäger-Konvoi, der hier eben lang kam. Da halte ich den Hund immer lieber fest. Glaubt einem ja niemand, dass der so überhaupt keinen Jagdtrieb hat. „Alles gut bei euch?“ „Alles gut. Un selba?“ „Prima. Wir haben gerade zum ersten Mal in diesem Jahr Normalbetrieb. Das tut richtig gut, ist aber irgendwie ungewohnt.“ Fast zu gut. Da fällt mir ein, ist ja neunter Mai, heute. Ich deute auf sein Autoradio. „Ham wa schon Apokalypse?“ „Nee, noch nit“, sagt er, hat er aber extra angemacht, das Radio, nicht, dass Atomkrieg ist und er zieht Zäune, das könnte man sich ja dann sparen. „Tja, dann muss er wohl“, sage ich und wir sind uns einig, dass das was Gutes ist.


Abends haben wir Vattas Geburtstag gefeiert. Mit Leuten, als wäre es das normalste der Welt. Alle hatten was zu erzählen.

KW 17/18 2022

Es war angenehm ereignislos.

Die Wechselschichtwochen des Liebsten sind schon vorbei. Ich glaube, es war nur ein Rückwärtswechsel dabei. Aber Normalbetrieb ist noch einfacher. Naja, was man so Normalbetrieb nennt. Die Lieferketten, die Rohstoffe, eigentlich ist alles möglich.

Märzkind hat Theorieprüfung für den Autoführerschein. Zwanzig nach acht muss sie beim TÜV sein, danach in die Schule. Das geht nur mit Muttitaxi. Mein Plan war, in der halben Stunde Wartezeit einzukaufen, aber wegen der Baustelle quer durchs Städtchen kommt das hin. Ich habe also einen Aufenthalt auf dem TÜV Parkplatz. Ein Fahrschulauto mit einem sichtlich angespannten jungen Mann am Steuer fährt gerade los. Ich schicke gute Gedanken und drücke die Daumen. Nach zehn Minuten sind sie zurück. Der junge Mann sieht blass aus und geht mit gesenktem Kopf davon. Schade. Ich nutze die Zeit um in meinem Auto Müll einzusammeln, es lohnt sich. Märzkind hat bestanden – juhu! Dann jetzt schnell zur Schule, dritte Stunde Mathearbeit. Ich bin heimlich froh, dass das nicht mein Tagesprogramm ist.

Aus Gewohnheit gehe ich mit Maske in den Baumarkt. Eine niederländische Familie, die im gleichen Gang steht guckt mich komisch an. Die fühlen sich sichtlich unwohl, neben mir. Erst da fällt mir auf, dass alle anderen keine Maske aufhaben. Soll mir recht sein. Ich nehme sie ab und kaufe ohne weiter ein. Es fühlt sich genauso verrückt an wie der erste Einkauf mit Maske, damals.

Man möge sich doch bitte auf Katastrophen vorbereiten, geht durch die Nachrichten. 10 Tage ohne einkaufen sollte man durchhalten. Das würde gehen, glaube ich. Wobei, ohne Strom wäre blöd. Ein Wasservorrat macht natürlich auch Sinn, das haben wir ja letzten Herbst gesehen, als da dieses Rohr im Keller… aber auf unsere Haushaltsgröße gerechnet wären das nach amtlicher Liste 220 Liter. Wo sollten wir die denn lagern? Andererseits wollen wir natürlich auch nicht die ersten Idioten sein, die nichts mehr haben. Weltfrieden wäre am komfortabelsten.

Ein bei rebuy im Zustand „sehr gut“ gekauftes Mobiltelefon gibt nach einem halben Jahr den Geist auf. Ich schicke es ein, die sagen, kein Garantiefall, wegen nicht sachgemäßer Bedienung. Keine Ahnung was damit gemeint ist. Das Handy hatte keinen Unfall, war keinen Naturgewalten ausgesetzt, nix. Nachfrage im Handyladen. Natürlich kann man das reparieren. Würde 289,98 Euro kosten. Totalschaden. Sehr! Ärgerlich! Schrott hätte ich billiger kaufen können.

Wenn in der Hexennacht auf den ersten Mai vorm Haus Sachen weg gehext und irgendwo im Ort versteckt werden, ist das völlig in Ordnung. Brauchtum. Da muss man eben dran denken, den Kram reinzuholen, oder Maibowle hinstellen, für die Hexen. Wenn Sachen hinterm Haus, im umzäunten Grundstück gehext werden ist das weniger in Ordnung, finde ich. Wenn etwas aus dem Garten mitgenommen wird und nicht mehr zu finden ist – das ist klauen. War nur Gartenkitsch, aber ich mochte den.

Die blauen Briefe wurden verschickt und, ich will nicht angeben, aber ein bisschen stolz bin ich schon, denn ich habe keinen bekommen. Von den 12 Jungs in seiner Klasse sind 6 versetzungsgefährdet, sagt Maikind. In der Paralellklasse sieht es nicht besser aus. Wenn kein Wunder geschieht, wird aus zwei Abschlussklassen mit etwa 18 Kindern, wohl eine mit irgendwas um die 30 Schülern werden.

Ich habe einen neuen Filter im Denken, stelle ich fest. Vermutlich kommt das von der mentalen Überlastung der letzten Jahre. Manche Dinge sind mir so von Herzen egal, dass ich noch nicht mal aus Höflichkeit so tun kann, als würde ich mich dafür interessieren. Die Länge des Rasens in Schwiegermutters Garten beispielsweise und nein, ehrlich gesagt habe ich die Folge vom Traumschiff, in der Wie ein Onkel mitspielt nicht gesehen, weil, ich gucke nie Traumschiff.

Der Liebste hat neue Beete angelegt und Mist von regionalen Biorindern im Garten verteilt. Gemüsepflanzen haben wir in einer kleinen Gärnterei gekauft, mit Beratung. Ich habe die am ersten sonnigen Nachmittag eingepflanzt und schon mehrmals gegossen. Wenn das jetzt nichts wird, betonieren wir die Fläche und streichen sie grün.

Es wird grün und bunt draußen, endlich.

Osterferien 2022

Märzkind steht fröhlich, aber erkennbar müde, neben ihrem Koffer in der Tür.

„Zwei Sachen“, sagt sie „ich hab wahrscheinlich wieder Corona und mein Handy ist kaputt“.

„Hallo Kind, schön, dass du wieder da bist. Komm einfach rein, so ein FFP2-Masken-Gehampel würden wir sowieso nicht nochmal machen, das hat ja nichts gebracht und tja…“

Eine Woche war das Kind mit Freunden unterwegs und wir haben uns alle ein bisschen erholt.


Man muss in der Fastenzeit nicht unbedingt verzichten, man kann auch bewusst Sachen tun, hat de Mudda gesagt. Ich habe also seit dem Märzkind-Geburtstag jedesmal, wenn mir jemand ein Bier angeboten hat und ich nicht mehr fahren musste „ja“ gesagt, um entweder eine ausreichende Trinkfestigkeit zu erlangen, oder den Alkohlkonsum in der Öffentlichkeit einzustellen. Ostersonntag, morgens um halb drei, beende ich dieses Experiment, „nein danke, es ist genug“, trotz Freibier. Der Liebste und ich gehen zusammen mit Märzkind und Pluseinskind nach Hause. Das war ein erstklassiges Osterfeuer, da sind wir uns einig. Es folgt der faulste Ostersonntag aller Zeiten.


Am Ostermontag feiert Brüderchen seinen Geburtstag. Es gibt ein Frühstücksbuffet vom Feinsten. Da findet wirklich jeder was, zwei Stunden wird gegessen. Danach gehts zum Eierwerfen, dann wieder Sofa.

Bis Mittwoch sind alle Eier und Schokohasen aufgegessen. Gut so. Die Süßigkeitenberge vermisst niemand.


Alle Kinder haben schon wieder diese Erkältung. Ärgerlich in den Ferien. Bei den Mädels ist es nach drei Tagen wieder gut, beim Maikind beginnt nahtlos die Pollensaison.


Duschen, anziehen, mit dem Auto einmal ums Städtchen drumherum fahren, weil man wegen Baustelle nicht einfach durch kann – was für ein Aufwand, schwer vorstellbar, dass man sowas früher öfter gemacht hat. Aber, als ich mit Julikind im Kinosaal sitze, sind wir doch beide froh, dass wir uns aufgerafft haben. Ein schöner Film. Daniel Ratcliff kann den Bösen spielen, wer hätte das gedacht.


Man könnte es regelmäßiger machen, dann wäre es vielleicht weniger *wurks* , sagt eine Stimme in meinem Hinterkopf. Sicher. Man könnte seine Steuererklärung auch im Februar schon machen, sage ich. Fürs Protokoll: Waschmaschinendichtungen und Einspülkammern gereinigt, Maschine entkalkt, im April.


Julikind braucht was zum Anziehen für eine Hochzeit. Bei der Gelegenheit nehmen wir das Kommunionskleid mit, dass hier einige Jahre als Prinzessinenkleid im Einsatz war. Da passt niemand mehr rein, aber es ist immernoch gut, Julikind streicht noch einmal mit der Hand drüber, seufzt und übergibt die Tüte an die Dame im Rote Kreuz Laden. Eine Stunde später kommen wir nochmal am Laden vorbei. „Guck mal, was da im Schaufenster hängt“, sage ich. „Ooooohhh“, sagt Julikind. Da macht sich das Kleid viel besser als in unserem Dachbodenschrank.

Julikind hat aktuell drei verschiedene Kleidergrößen am Oberkörper. Klamotten kaufen ist ein bisschen kompliziert.


Post vom Energieversorger. Ab Juni wirds teurer, es sei denn, es wird günstiger, das könnte wohl auch sein, wenn da irgendwas wegfällt, aber wir sollen mal lieber davon ausgehen, dass es teurer wird. Das ist keine Überraschung. Ich rechne nach. In unserem Fall wären das in etwa die Stromkosten eines Monats, die nochmal dazu kämen, wenn denn dann.


„Wann wart ihr denn zuletzt auf einer kirchlichen Hochzeit?“ Da muss ich aber wirklich überlegen. Es ist auf jeden Fall schon länger her. Meine Schwester und ich stehen mitten im Sektempfang und schauen uns die Leute an. Dass man bei einer Hochzeit mal kaum jemanden kennt und nichts muss, ist ungewohnt, aber toll. Bestimmt füllen wir den Single-Tisch auf, vermutet meine Schwester – für sowas sind Cousinen doch da. Die vier Unbekannten, mit denen wir den Tisch teilen sind zwei Pärchen mitte zwanzig. Einer davon sieht so aus, wie Daniel Ratcliff in dem Film, flüstert Julikind mir zu. Tatsächlich. Wir sind der nicht-Schlager-hörende-Tisch, sehr viel näher an der Theke als an der Tanzfläche. Passt. Es gibt Gegrilltes und 6 Meter Salatbuffet dazu, dann Eis aus der Gefriertruhe zum selber nehmen. „Manche meinen ja, da müsse man noch mousse au chocolat servieren, wenn alle sowieso schon voll gefressen sind“ sagt die Tischnachbarin, „aber das ist doch Quatsch“. Finde ich auch. Eine richtig schöne Party.


So, von mir aus kann es jetzt gerne ein bisschen wärmer werden. Ich habe keine Lust mehr auf Hunderunden in Winterjacke.

KW 14/15 2022

Die Nachbarin ist Ü70. Sie schreibt whattsapps wie Briefe. Meine liebe…, Text in ganzen Sätzen, neue Zeile ihr Vorname und der Nachname dargestellt durch das passende Emoji. Das hat was. Schön zu lesen.


Abends um zehn der letzte Blick auf die Vertretungsplan-app. Morgen zur ersten Stunde, seufzt Julikind. Morgens um halb sieben Nachrichten von den Mütterkolleginnen auf dem Handy – erste Stunde entfällt. Die Mathearbeit wurde verlegt, auf irgendwann nach den Ferien, sagt Julikind. In der Paralellklasse sind sieben Kinder positiv zu Hause diese Woche, da macht das keinen Sinn, wegen der Vergleichbarkeit der Ergebnisse, hat der Lehrer gesagt. Letzte Woche waren in der eigenen Klasse sechs Kinder nicht da. Die Deutscharbeit haben sie trotzdem geschrieben, weil, auf was soll man denn warten, hatte die Lehrerin gesagt. Ach, es gäbe da übrigens einen neuen Stundenplan, ob ich den vielleicht irgendwo aufhängen will, fragt Julikind. Nö. Schule ist wie Wetter, wir nehmen es wie es kommt.


Wegen Spritpreisen und Weltrettung schien es eine gute Idee zu sein, dass der Liebste auf dem Heimweg einkauft. Ich müsste ja sonst extra dahin fahren, wo er sowieso vorbeikommt. In der Praxis funktioniert das nicht, stellen wir fest. Ich habe die Bestände eher im Kopf und kaufe manchmal Sachen, die nicht sofort gebraucht werden, einfach, weil ich im Vorbeigehen dran denke. Wenn der Liebste „Filtertüten“ auf der Liste stehen hat und es gibt die in der passenden Größe nicht, ist das für ihn eine Stresssituation. Da wäre ich nicht drauf gekommen. Wir haben übrigens noch welche, ist halt nur die letzte Packung und ich beim Zettel schreiben ist mir das eingefallen… „Das ist schon richtige Arbeit, so ein Einkauf, hat er immer gewusst“, sagt er. Mir war das nicht so klar, aber ja, stimmt schon.


Der Hund bellt, meldet mein Hirn. Egal, da kommen bestimmt gerade Märzkind und Pluseinskind nach Hause, ich schlafe. Kann nicht sein, sagt das Hirn, die übernachten woanders. Es klingelt an der Haustür. Völlig verpennt mache ich Licht und schaue auf die Uhr. OK, wenn es um diese Zeit klingelt, dann muss was passiert sein. Jetzt bin ich wach, aber so richtig. Ich brauche Socken und meine Brille, und ach, ich wünschte, ich hätte ein Shirt ohne Zahnpastafleck drauf an… unglaublich, was man alles denken kann, in zwei Sekunden. Der Liebste ist schon auf halben Weg an die Tür. „Hallo?“ ruft er raus in die Nacht. Eine Minute später kommt er zurück. „Irgendwer ist lachend weggelaufen“, sagt er und knurrt fast, dabei. Ich bin erleichtert. Klingelstreiche Samstag morgen um halb zwei, „möge euch der Blitz der beim scheißen treffen“, denke ich und schlafe wieder ein.


Schnee, Regen, Sonne und wieder von vorn. In zwei Stunden „Aktion sauberer Ortsteil“ erleben wir so ziemlich jedes Wetter, dass dieser April zu bieten hat. Auf der Strecke, die ich mitlaufe finden wir gar nicht so viel. Es kommt trotzdem eine beeindruckende Menge zusammen. Beim Abschluss-Grillen steht man kopfschüttelnd vor dem Berg Müll und fragt sich, was das wohl für Leute sind, die Reifen dieser Größe in den Wald bringen. Das ist doch viel aufwendiger, als sie zum Entsorger zu bringen – mal ganz abgesehen davon, dass man eigentlich im Kindergarten schon lernt, dass man sowas einfach nicht macht.

Soziale Kontakte mit Nicht-Familien-Mitgliedern sind immernoch was Besonderes. Wenn man so läuft, kann man prima tratschen… Die beste Grundschul-Freundin des Märzkindes hat einen Ausbildungsplatz und zieht im Sommer aus. Häuser haben den Besitzer gewechselt, Leute sind gestorben…Die Zeit ist doch weitergelaufen, in den letzten zwei Jahren. Manchmal vergesse ich das.


Vor der Kapelle steht der Bestatter, die Urne ist unter dem Dach aufgebahrt. Außer mir sind nur vier andere Leute da. Beileidsbekundungen. Drei weitere Gäste kommen dazu, das Wetter ist frühlingshaft und dieser Friedhof ist wirklich schön. Wir unterhalten uns, es ist eine angenehme Atmosphäre. Anscheind sind alle da. Der Verstorbene habe eine stille Beerdigung gewünscht, sagt der Bestatter, aber, wenn noch jemand etwas sagen möchte… Alle gucken sich fragend an. Eine Frau zuckt mit den Schultern und sagt in einem feierlichen Ton: „Er war ein Chaot, sein Leben lang.“ Alle nicken und lachen – dieses flüchtige Beerdigungslachen. Die Frau ist die Schwester des Verstorbenen. Und das war wahrscheinlich eine der aufrichtigsten und herzlichsten Grabreden, die ich je gehört habe. Die Urne wird zum Grab getragen, man verabschiedet sich andächtig. 10 Minuten später stehen alle auf dem Parkplatz und unterhalten sich noch kurz. Die Angehörigen erzählen ihre Sicht auf die Dinge und alles puzzelt sich nochmal anders zusammen. Dieses „in aller Stille auseinander gehen“ fühlt sich sonst immer irgendwie seltsam an. Aber diese Feier war eine Runde Sache.


Jetzt Osterferien.

Anfang April 22

Der April startet mit 20cm Neuschnee und bitterkalt. Die Schneeschaufel hatte ich eigentlich schon nach hinten gestellt, im Schuppen. So richtig Lust hab ich nicht mehr, auf dieses Wetter.


Tja, dann haben wir jetzt offiziell nur noch halb so viele Bienen, wie im letzen Jahr, meldet der Liebste. Keine Ahnung wieso, vielleicht irgendwas mit Klimawandel.


Ob schon jemand was gehört hat, wegen Beerdigung, frage ich vorsichtig nach. Es dauert einen Moment, bis ich Antwort bekommen. Kontakt hatte bisher niemand, zu den Angehörigen, aber sie haben Eindruck hinterlassen. Das erklärt im Nachhinein so einiges.

*

Wir lernen daraus, dass wir unbedingt mal unseren Papierkram auf die Reihe bringen müssen. Es wäre doch schön, wenn die Ordner im Ernstfall intuitiv bedienbar wären. Der Liebste findet eine Unfallversicherung. Die hätten wir im letzten Jahr…nnaaargh


Der Außendienstler und der Liebste sitzen mit Kaffee am Tisch und rechnen mal ganz grob, was wir durch Warmwasserkollektoren sparen könnten – oder wenn man eine PV-Anlage installieren und die Heizung umrüsten würde. Also, wenn man da mal ganz ehrlich den zu erwartenden Stromverbrauch mit reinrechnet, so, wie das Haus steht und hier die Sonne scheint bzw, eben nicht scheint, wäre ein Pufferspeicher notwendig, den man im warmen viertel Jahr aufheizt, um die Wärme dann im Winter kontinuierlich zu entnehmen, der müsste natürlich die entsprechende Größe haben. Als sie gedanklich das Haus entkernen unterbreche ich kurz: Nope.


Maikind zwei Tage krank. Der Wechsel von „irgendwas Unterrichts-ähnlichem von acht bis eins, es sei denn es entfällt“ auf Betriebspraktikum von halb acht bis halb fünf mit körperlicher Bewegung hat ihn umgehauen. Wen wunderts?


Post vom Kultusminister. Sinngemäß: Mit der Maskenpflicht und dem Testen und so, das hat alles gut funktioniert, aber wir machen dann jetzt doch das mit der Durchseuchung, weil allmählich nervt es ja wirklich und so schlimm ist es gar nicht, wurde entschieden. Vielleicht ist das bei einer Inzidenz von 1600 keine richtig gute Idee, aber eigentlich betrifft es uns gar nicht. Ich glaube, in den drei Klassen, in denen die Kinder sitzen ist niemand mehr, der nicht geimpft oder genesen wäre. Man ist eher beides.

Julikind kommt fröhlich nach Hause. In der ganzen Schule kann man jetzt ohne Maske rumlaufen, einfach so, das war schön. Märzkind war Samstag Abend noch kurz was einkaufen. Da waren tatsächlich schon Leute ohne Maske im Laden. Sie hat ihre Maske dann kurz bis über die Nase gezogen, einmal geatmet und sie wieder aufgesetzt. Von jetzt auf gleich, mit wildfremden Leuten die gleiche Luft atmen, das ist ihr dann doch irgendwie zu persönlich, sagt sie.


Eigentlich wollte ich nur mal gerade Nachrichten gucken, so hin und wieder muss man das doch. Ich sehe Bilder aus Butscha und sitze dann eine Weile fassungslos da. Der Opa musste mit 15 in den Krieg, als der schon fast vorbei war, „zum aufräumen“ hat er gesagt, und dass er „für sein Lebtag genug Tote“ gesehen hat. Ich hab mich nie getraut, weiter nachzufragen, fällt mir gerade auf.

Schnaps und zwei Tassen Kaffee

Schweigend stehen wir uns in der Küche gegenüber, jeder an eine Arbeitsplatte gelehnt. Der Liebste holt einmal tief Luft „weißte was? scheiß ein drauf“, sagt er, geht in die Speisekammer und kommt mit der Flasche Whiskey in der Hand wieder raus. Gute Idee. Er nimmt ein Wasserglas aus dem Schrank, schüttet es halb voll, nimmt einen Schluck und reicht es mir weiter. Es ist Montag morgen, noch nicht mal neun Uhr.

Das ging leichter, als er gedacht hätte, sagt der Liebste. Er hatte damit gerechnet, irgendwie panisch zu reagieren, aber, es gab ja nur eine Richtung, und was man da tun muss bekommt er jedes Jahr auf der Schulung erzählt, immer wieder, irgendwie funktionierte das einfach. Er war wirklich toll, ich hätte das garnicht so geschafft, glaube ich. „Ach, von der Kraft her war das überhaupt kein Problem“, sagt er. Aber. „Das bei Herzdruckmassage Rippen brechen, sagen die ja immer“, er nimmt noch einen Schluck, aber wie viele, und wie sich das anfühlt, und dieses Geräusch…damit hatte er nicht gerechnet. Ich war auf das Gefühl, keinen Puls zu finden auch nicht vorbereitet. Meine Hände zittern, es fällt mir gerade erst auf.

Die Frau von der Diakonie kam ganz aufgeregt durch den Garten, und bat dringend um Hilfe. Sie hatte den Nachbar bewusstlos in der Wohnung gefunden, damals, vor einer Stunde. Das war nicht wirklich eine Überraschung, wir hatten den Ernstfall vor einigen Wochen schon mal gedanklich durchgespielt. Unser Gedankengang endete allerdings damit, wer ihm eine Krankenhaustasche zukommen lassen könnte. Die braucht er nicht. „Patient ex“, hat der Notarzt es genannt.

Der Liebste hatte Nachtschicht und war quasi schon im Bett gewesen. Er will nochmal versuchen, zu schlafen. Ich koche einen Kaffee und bringe ihn der Frau von der Diakonie an den Zaun. Sie hat ein paar Telefonate erledigen müssen in der Zwischenzeit und den Rest des Tages frei. Ihre Hände zittern auch. Wir setzen uns. Die andere Nachbarin schläft länger und hat nichts mitbekommen. In ungefähr einer Stunde erwartet sie den Verstorbenen zum Kaffee, die zwei sind, wie man hier sagt „ein Kopp und ein Arsch“, aber verwandt sind sie nicht. Der offizielle Weg ist vermutlich, das ein Angehöriger ihrem Sohn bescheid sagt, der dann von Berlin aus anruft, um ihr die Nachricht schonend zu überbringen. Das kann dauern. Sie darf eigentlich noch nicht mal mit mir sprechen, sagt die Frau der Diakonie, fällt alles unter die Schweigepflicht. Wir schauen uns an. Scheiß auf den offiziellen Weg. Wenn die Nachbarin gleich den Rollladen hochzieht und hat die Polizei und den Bestatter im Garten, dann brauchen wir wieder einen Rettungswagen. Wir machen das zusammen- jetzt. Nachbarn haben keine Schweigepflicht.


Nachmittags gibts Geburtstagskaffee. Schwiegeroma wird 102. Sie freut sich über jeden einzelnen Gast. Seit neun Uhr residiert sie im Sessel. Der frühere Bürgermeister kam immer zeitig, zum Gratulieren. Der Neue kam erst um halb elf. „Der wollte erst nicht reinkommen, dann keine Hand schütteln und dann keinen Kaffee trinken“, sagt Schwiegermutter. „Aber – hat er alles gemacht“, erzählt die Jubilarin fröhlich. Schwiegermutter zuckt mit der Schulter und nickt. „Blieb ihm nichts anderes übrig“. Ab dem 95. (glaube ich), kommt der Bürgermeister persönlich zum Gratulieren. Schwiegeroma freut sich immer und schäkert legendär. „Beim letzen Mal hat sie ihn mit „mal sehen, wer von uns im nächsten Jahr noch da ist“ verabschiedet“, sagt Schwiegermutter. In dem Jahr war Wahl. „Och, der Neue ist aber auch ein ganz Netter“, sagt Schwiegeroma.


Zwei Tassen Kaffe hatte ich heute. Unterschiedlicher hätte die Stimmung kaum sein können.


Abends stoßen der Liebste und ich an, stilecht mit Bier. Auf Friedhelm.

Ein Geburtstag und ein Großstadtmoment

Die Omas, der Opa, die Patentante mehr Gäste kommen gar nicht. Die können alle so am Tisch sitzen, es braucht nur eine weitere Platte. Oder kommt man sich da doch zu nah? Ich weiß es nicht. Und ich hab auch eigentlich keine Lust mehr, über sowas nachzudenken. Wir feiern jetzt so und fertig. Man merkt, dass es für einige Gäste ungewohnt ist, mit so vielen Leuten am Tisch zu sitzen, aber schön.

Ich altere mehr an den Geburtstagen der Kinder, als meinen eigenen. 17 Jahre, meine Güte. Diese verkleinerten Familienfeiern gefallen mir gut. Damals, als zu solchen Anlässen 26 Leute im Haus waren, habe ich alle nur im Vorbeigehen gesehen. Da war keine Zeit für Gespräche. Das Möbel rücken vermisse ich auch nicht.


Julikind und ich machen Frühstücks-Pause auf dem Bahnhofsvorplatz. Nach drei Stunden im Zug und anderthalb Stunden in einer Arztpraxis einfach mal ohne Maske atmen – herrlich. Obwohl, „es stinkt irgendwie“, sagt Julikind. Stimmt. Und es ziemlich laut, ohne das man die Lautstärke irgendwas Bestimmtem zuordnen kann. „Die Menschen sind so schön hier“, sagt Julikind. Stimmt auch. Im Wartezimmer saß mir eine Frau gegenüber, die sah in Leggins und T-Shirt schick aus. Sowas gibt es bei uns nicht. „Guck mal“, sagt Julikind, „diese Zug-Busse fahren da einfach mitten durch“. „Das ist eine Straßenbahn“, sage ich. „Ach, das ist eine Straßenbahn?“ „Jo“, sage ich. Auf der Rückfahrt winkt Julikind den Hochhäusern, solche Hochhäuser hat sie noch gesehen. Der Tag in der Großstadt war interressant, aber man kann sich eigentlich nicht vorstellen, dass es Leute gibt, die da wohnen wollen, sagt sie. Je weiter wir Richtung Heimat fahren, desto schöner wird der Blick aus dem Zugfenster. Wir sind Dorfkinder durch und durch, machste nix dran.

Abends bei der letzten kleinen Hunderunde höre ich die Rehe im Wald – ziemlich laut.


Morgens nach dem Aufstehen im Kopf die dringenden Tagesaufgeben durchzugehen, und festzustellen, dass es möglich ist, alles in den folgenden 17 wachen Stunden zu schaffen, es ist ein großartiges Gefühl. Wenn da zwischendurch sogar noch Zeit für eine Pause bleibt… Der Liebste und ich sitzen auf der Treppe vor dem Haus, trinken ganz in Ruhe einen Kaffee und können es kaum glauben. Wie Urlaub.

So könnte das gerne mal eine Weile sein jetzt.

Wahnsinn, ganz normaler

Alle drei Kinder waren an allen fünf Wochentagen in der Schule bzw. im Praktikum. Das hatten wir in diesem Jahr so noch nicht.


Ich stelle fest, das ich unbedingt mal wieder zum Frisör muss, dann lese ich beim Frühstück einen Artikel über ukrainische Frauen im Krieg. Ein rausgewachsener Haarschnitt ist ein banales Luxusproblem. Andererseits feiern wir nächste Woche Geburtstag – während gar nicht mal so weit weg von hier Bomben fallen. Es ist gerade kompliziert in meinem Kopf. Ich mache einen Frisörtermin. Das Städtchen hat ukrainische Flaggen gehisst. Och guck, das hätten wir rückblickend vielleicht besser schon mit der syrischen Flagge gemacht, vor zehn Jahren, denke ich, im Vorbeifahren.


Da bin ich aber froh, dass ich direkt nach der Quarantäne die Vorräte wieder aufgefüllt hatte. Mehl ist ausverkauft. Märzkind sagt, die Physiofrau hat erzählt, in der Nachbargemeinde gibts nicht nur kein Mehl, da fehlen sämtliche Corona-Klassiker in den Regalen: Hefe, Nudeln, Klopapier und jetzt neu, Speiseöl. Boar nee, nicht das wieder.


Ein Termin in Frankfurt, morgens um elf, wir würden die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen wollen. Das Kind kann mit dem Hessenticket fahren, ich brauche eine Fahrkarte. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, zu verschiedenen Preisen. Die Fahrzeiten unterscheiden sich aber nur um zwanzig Minuten. Nach einer halben Stunde Internetrecherche und einem Gespräch am Servicecenter entscheide ich mich für Plan C. Wir werden in den Zug einsteigen, und mangels Automat am Dorfbahnhof, ein Ticket bei der Zugbegleitung kaufen für was auch immer verfügbar ist und zahlen was es kostet. Und wenn das Kind bis dahin doch positiv ist, dann nicht.


Wir hatten verschiedene Wege durchs Städtchen und treffen uns beim Optiker. Eigentlich brauchte der Liebste nur Kontaktlinsen aber, seufzend zeigt er mir ein Etui. Vor diesem Tag hat er sich lange gefürchtet, mitfühlend streiche ich ihm über den Arm. Tja, nun sind wir ja nicht nur verheiratet, sondern auch befreundet. „Samma, kennst du diese Meilensteinkarten, mit denen man kleine Kinder fotografiert?“, frage ich. „Hä?“ sagt er. „kleine Schilder halt, da steht drauf *heute bin ich die ersten Schritte gelaufen* oder so“. Er zieht die Augenbrauen so zusammen. Ich grinse. „Wenn wir gleich zu Hause sind, dann bastle ich dir eins, *meine erste Lesebrille* und dann machen wir ein Foto…“ Er piekst mich in die Seite, ich quieke und rutsche fast vom Stuhl vor lachen. Dann kommt die Optikerin mit meiner frisch gerichteten Brille aus der Werkstatt und wir benehmen uns ganz schnell wieder wie Erwachsene im Lesebrillenalter.


Seit letzter Woche dürfen die Kinder im Unterricht am Platz die Maske abnehmen. Das war schön, weil sie dann nachmittags wacher und fröhlicher sind. Leider ist diese kleine Lockerung ganz gewaltig eingeschlagen. In der Klasse des Maikinds sind sie aktuell zu zwölft. Eltern dürfen entscheiden, ob sie die Kinder schicken, da gäbe es gerade eine Ausnahme, sagt Maikind. Nix. Er ist geboostert und genesen, wenn irgendwer gehen kann dann er, sage ich. Ein Seufzer, das hatte er sich schon gedacht. In der Klasse des Julikinds sind sie noch neun. Statt ganz ohne Maske sitzen wieder alle mit FFP2. Ich bin mir ziemlich sicher, dass man sich das nicht zweimal innerhalb von 8 Wochen einfängt. Aber diese bange halbe Stunde Montags, Mittwochs, Freitags ab 8.20 Uhr, sie ist wieder da.

Wenn alle anderen in Quarantäne sind, das ist fast so doof, als wäre man es selber. Julikind telefoniert jeden Nachmittag alle ihre Freundinnen ab. Das Kinder Corona bekommen, ohne es zu bemerken ist Quatsch.


Maikind hat so gar keine Lust auf Nachmittagsunterricht. Das der tatsächlich dreimal hintereinander statt findet ist eigentlich unzumutbar. Aber es gibt eine gute Nachricht. Die Dönerbude im Städtchen liefert bis an die Dorf- Schule. Wenn man da anruft, mittags, und sagt „bitte 6 Döner mit doppelt Fleisch und 3 Familien-Pizzen in den Ortsteil“, dann fragen die garnicht mehr wohin, die sind einfach eine halbe Stunde später da. Service der begeistert. Anscheind vermisst niemand die Schulcafeteria. Ich stelle mir eine Gruppe Jungs vor, alle ungefähr 1,80m groß und 65kg schwer, wie sie sich freuen, wenn das Dönerauto vorfährt. Sind bestimmt schöne Bilder. Man könnte ein Schild aufstellen, Fütterung der Teenager um 13.40 Uhr