Tag 10 bis 15

Die Tage gehen ineinander über. Mittlerweile hat jeder einen Rythmus gefunden.

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Ein Rezept ist nicht da, wo es sein sollte, ich vermute menschliches Versagen (hüstel) und erkundige mich telefonisch bei der Krankenkasse. Jo, wurde abgelehnt. Ich hatte es geahnt, es war nicht rechtzeitig da. Schon vor einer Weile nicht. Zum Glück haben wir das selber bemerkt, leider erst nach dem dritten Termin. Die wir dann vermutlich selber zahlen…seufz. „Fristen sind im Moment ausgesetzt, einfach ein neues Rezept einreichen, wir klären das.“ Das ist nett.

Damit die Krankengymnastik von der Physiopraxis abgerechnet werden kann ist normalerweise folgendes zu tun: Ich fahre ins Städtchen, suche einen möglichst nah gelegenen Parkplatz, laufe zur Orthopädie-Praxis, erkläre am Tresen was ich brauche und warum, warte auf eine Unterschrift, bekomme ein Rezept, laufe zur Geschäftsstelle unserer Krankenkasse, setze mich in den Wartebereich, werde aufgerufen, sage was ich brauche und warum, bekomme eine Kopie mit Stempel, und der Rest läuft ganz von selber. Alle neun Wochen. Jetzt ist aber lockdown und man soll auf gar keinen Fall unaufgefordert eine Arztpraxis betreten. Mein Kopf sinkt auf die Tischplatte, „mimmimimmi“.

Nun denn. Anruf in der Arztpraxis. Was wir denn genau brauchen? Erklärung wie am Tresen. „Kein Problem, schicken wir zu.“ Waaas? Moment, Pokerface. „Wäre es möglich, das direkt an die Krankenkasse zu schicken?“ Sicher. „Danke“, es ist nicht der Moment Fragen zu stellen, noch nicht.

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Hausaufgaben – Hausaufgaben – Hausaufgaben – Hausaufgaben

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Das Schulportal Lanis hat am Versuch, den Unterricht während der Corona-Frei-Zeit zu simulieren teilgenommen. Im Rahmen seiner Möglichkeiten hat es sich stets bemüht. Eventuell, aber ich bin natürlich kein Experte, waren die dafür vorgesehenen 500MB Speicherplatz zu knapp kalkuliert. Jetzt ist nicht die Zeit, zu nörgeln. Die Lehrer geben sich wirklich alle Mühe. Jeder löst seinen Teil des Problems, alle sind erreichbar. Auch auf menschlicher Ebene, das ist im Moment eh wichtiger.

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Corona- Traurigkeit beim Maikind. Wir planen eine Weihnachtspyramide aufzustellen, in seinem Zimmer. Das Internet sagt, im Erzgebirge machen das die Leute gerade, als Zeichen der Hoffnung, auf das Licht am Ende des Tunnels oder so. Hauptsache es hilft.

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Corona-Traurigkeit bei mir. Ich weiß jetzt, warum so oft Unterricht ausfällt. Es macht schlicht und ergreifend keinen Spaß. Die ganzen Aufgaben aus den verschiedenen Ecken zusammenzuklauben ist mühsam. Im sechsten Anlauf endlich Zugang zu Arbeitsblättern zu bekommen, nur um dann festzustellen, dass das Kind in einer anderen Versuchs-Gruppe war und nicht das Material dabei hat, um die Aufgaben zu bearbeiten ist frustrierend. Das Märzkind hat es sehr schön zusammengefasst: „Niemanden interessiert gerade, wann ein französischer König gestorben ist. Das hilft einem doch bei nichts.“

Ich erkläre ihr, wie man Hefeteig herstellt. (Weil ich’s kann. Der Liebste hat zwei Würfel Hefe gefunden, im Wittiland) Das hilft auch nicht, aber am Ende gibt’s Apfelkuchen. Und frischer Apfelkuchen ist allemal besser als kein frischer Apfelkuchen.

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Eine Lehrerin schreibt, sie habe den Eindruck, die Kinder hätten genug Aufgaben für diese Woche (richtig). Im Moment brauche es auch Zeit, einfach mal den Gedanken freien Lauf zu lassen. Wer mag, kann Tagebuch führen (gerne auch auf Englisch), müssen tut keiner was. Danke dafür.

Im Moment findet auf allen Kanälen Powi-Unterricht statt. Auch Mathe, Bio und Arbeitslehre sind im Angebot, wenn man die Zeit hat, es zu bemerken. Welcher Politiker wird vorgeschickt, um uns was zu sagen? Welche Berufsgruppen arbeiten noch? Warum sterben an der gleichen Krankheit in Italien soviel mehr Leute als hier? Woraus besteht ein Gesundheitssystem? In Indien, wie sollen die Leute denn da Abstand halten? Kostet es was, zu Hause zu bleiben? Dieser gemurmelte Halbsatz, in den Nachrichten erfahre man Sachen irgendwie anders als auf YouTube… wottsefack, wozu Schülerhirne in der Lage sind, nach neun Uhr. Erstaunlich.

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Die Krankengymnastik Praxis teilt sich einen Hausflur mit einer Hausarztpraxis. Auf dem Flur steht jetzt ein Tisch mit medizinischem Zeug, daneben sitzt jemand, mit Atemmaske und Umhang. Zur Krankengymnastik darf man einfach so, gruselig ist es aber schon.

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Wocheneinkauf macht der Liebste. Diese Woche in einer extended Version, wegen geschlossener Kantine. Klopapier auf Anfrage, keine Wahlmöglichkeit. Nächste Woche also vierlagig, hätte schlimmer kommen können.

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Eine Runde Federball mit dem Opa auf dem Hof. Eine viertel Stunde die durch den ganzen nächsten Tag trägt.

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Wir übermitteln Herzlichste Geburtstags- Glückwünsche unter einem Balkon stehend.

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Ich verschicke dicke Geburtstagspost. Briefmarken, so gut welche zu haben!

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Corona-Traurigkeit beim Liebsten. Er ist nicht der Typ der jammert, nie (Erkältungsbeschwerden ausgenommen, natürlich). Aber ich höre die Zwischentöne. Die Hände haben fiese Risse vom vielen desinfizieren. Kantine hat zu und mit Atemmasken kann man auch keinen Kaffee trinken. Lkw-Fahrer dürfen nicht mehr aussteigen, Warenannahme meldet sich nur über Telefon, das ist ja einerseits gut, andererseits… Der Oberboss schickt eine Mail und teilt allen mit wie viele Meter Filter gerade vom Band laufen, wie viel Masken und Schutzanzüge das mal werden, wie wichtig alle sind. Es geht besser. Per Post kommt ein Schreiben, dass ihm in gepfeffertem Amtsdeutsch die systemrelevante Tätigkeit bescheinigt. Seine Anwesenheit im Betrieb sei zwingend erforderlich, manchmal auch nachts oder am Wochende. Er darf eventuelle Kontrollen jederzeit passieren. Ein Blinklicht für aufs Auto wäre noch cool gewesen, aber so geht’s.

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Die Ausgangsbeschränkungen sind beim Hund angekommen. Die Leine hatte ich sonst zwar dabei, habe sie aber nie gebraucht. Jetzt begegnen einem alle 500m Wanderer oder Fahrradfahrer, wo sonst seit Jahren niemand war.

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Samstag Haus- und Hoftag, Sonntag Zeitumstellung und „Scheeflöckchen,Weißröckchen, was willst du denn jetzt noch?“

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Der Himmel ist so klar. Das Sauerland sieht man ja immer, also, wenn es nicht neblig ist. Bisher waren es Hügel am Horizont. Mittlerweile kann man die Hügel einzeln erkennen, Wald- und Wiesenflächen unterscheiden sich. Die holländischen Alpen, so schön.

Liebes Brautpaar

Ein Hochzeitsspiel bat uns, uns an eure Feier zu erinnern. Im März. Und, in dem ganzen Gewusel hätte ich es fast, übersehen. Es ist März.

Der perfekte Ort und wir

Es ist die Hochzeitslocation. Früher wars wohl mal die Scheune einer Mühle, aber das sieht man kaum noch. Stoffbahnen und Lichtinstallationen, weiße Tischtücher und Stuhlhussen, Wiesenblumen in Vintagevasen auf Baumscheiben, Team Braut trägt pastellfarbene Tüllkleider mit Jeansjacken, die Herren haben ihre Socken farblich mit den Einstecktüchern abgestimmt. Professionelle Restaurantfachkräfte umsorgen stets freundlich lächelnd die 160 Gäste, zwei Fotografinnen halten alles aus verschiedenen Perspektiven fest, auf der Damentoilette steht ein Notfallkörbchen.

Auf unserer Hochzeit gab’s sowas nicht. Laufmaschen wurden mit Nagellack behandelt, Flecken durch geliehene Halstücher, Blasen an den Füssen? Damals hat man Schuhe eingelaufen, oder einfach ausgezogen. Von der Feier gibts keine 20 Bilder, aber so manches zu erzählen. Ich komme mir uralt vor.

„Wollen wir mal nach draußen?“ werde ich gefragt. Gerne. Draußen stehen outdoor Sitzgruppen wie Sofalandschaften. Jeweils mit einem mobilen Außenkamin in der Mitte. Wir entscheiden uns für eine Sitzgruppe etwas abseits. Ein sehr romantischer Ort. Man blickt auf eine Teichanlage, die umstehenden Bäume werden dezent angestrahlt, im Hintergrund das sanfte Rauschen des Mühlenbachs und neben mir – ein markantes Furzgeräusch.

„Samma?“, erkundige ich mich, „geht’s noch?“ „Ja, jetzt gehts wieder, der hing schon seit ner halben Stunde quer“. Mit einem entspannten Seufzer legt die Person neben mir die Füsse auf den Tisch. Eine weitere Person setzt sich zu uns in die hinterletzte Ecke, wirft die Kissen auf den letzten freien Sessel, schaut sich verstohlen um – Furzgeräusch.

Ich schlage die Hände vors Gesicht und murmele. „Was?“ fragt der Neuankömmling, „seid nur ihr hier, hab extra geguckt“. Eine Weile beobachten wir die Festgesellschaft von hier aus. Die Braut bahnt sich einen Weg nach draußen. Etwa alle drei Meter muss sie ein selfie mit irgendwem machen. Eine weitere Person findet zu uns, setzt sich und schaut sich dann suchend um. „Da is aber grad ne Brüllmücke vorbei, haste gehört?“ „Tut gut, ne?“ „Joo, da drinne isses so schick…“ Ich schlage die Hände vors Gesicht und murmele.

Die Braut kommt auf uns zu. Ihr Gesicht entspannt sich und so ohne Instagramlächeln sieht sie ein bisschen müde aus. „Warum sitzt ihr denn so hier hinten, stimmt was nicht?“ Nein, alles super, wirklich eine ganz tolle Feier, es ist perfekt. Nur, einige von uns mussten sich mal einen Moment unflätig benehmen, erkläre ich, deshalb sitzen wir hier.

Ach so, ja denn. Also, eben habe sie sich gefragt, ob denn die Leute nicht langsam nach Hause gehen wollen. Aber, es sei ja noch nicht mal halb zehn, hat sie gerade gesehen und seufzt. Ich ramme meinem Sitznachbarn unauffällig den Ellbogen in die Seite, und bitte im Flüsterton darum, in Anwesenheit der Braut doch bitte die Füsse vom Tisch zu nehmen.

„Was? Oh, sicher, ich dachte sie muss nur pupsen.“ Die Braut posiert da schon für das nächste Foto und hat das zum Glück nicht mitbekommen.

Tja, ein Jahr intensiver Vorbereitungen, hunderte liebevoll ausgewählte Details und das ist er nun, der Moment, der in Erinnerung geblieben ist.

In diesem Sinne, Prost, auf Euch!

Tag 7

…der Coronazeitrechnung ist ein Sonntag. Der Liebste arbeitet, die Kinder schlafen aus. Normalerweise hätte ich eine Elterntaxifahrt um elf und eine um zwei. Statt dessen wird spät gefrühstückt und dann verschwinden alle Kinder hinter Bildschirmen. Zum allerersten mal in dieser Woche kommt ein Gefühl von Freizeit auf. Die Hunde-Runde gehe ich alleine. Als ich wieder zurück komme sitzen alle Kinder um den Tisch. Sie malen und basteln. Der Opa hat eine Tüte mit Sachen an die Tür gehangen. Darin waren einige Rätsel, eine gesegnete Portion Schokoriegel und die Ente.

Die Ente sitzt normalerweise beim Opa neben dem Bett. Sie soll jetzt bei den Enkeln wohnen, die schicken dem Opa jeden Abend ein Foto von ihr, als gute Nachtgruß, in der Hoffnung, dass man sich bald wieder sieht. Eine gute Idee. Überhaupt ist die Stimmung ganz gut heute.

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Kurz nach 23 Uhr klopft dann doch die Corona-Traurigkeit an die Schlafzimmertür. Das Entenfoto lässt Tränen fließen, eigentlich ist doch alles scheiße, und man weiß kaum, wie man das aushalten soll. Stimmt, aber uns fällt was ein. Mehrere Sachen sogar. Langsam zeigt sich, was wirkliche Probleme sind und was eigentlich nur nervt.

Tag 8

Das Internet läuft, juhu. Alle anderen sind auch zu Hause. YouTuber vertreiben sich und anderen die Zeit indem sie auf kreativste Art gar nichts machen. Anscheind hatte das Märzkind das Gefühl, überall sonst gehe alles normal weiter, nur hier nicht. Dem ist nicht so.

Über Videoanrufe auf wechselnden Plattformen, je nachdem, welche gerade funktioniert macht sie mit ihrer Freundin gemeinsam Hausaufgaben.

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Ich sortiere die bisher eingegangenen Aufgaben der Kinder.

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In meinen Mails habe ich Post von airbnb, dort bieten wir seit Jahren unsere kleine Ferienwohnung an (sollten Sie von der Steuerfahndung sein und hier dienstlich mitlesen, danke für Ihren Besuch, es ist alles angemeldet. Hier funktioniert die soziale Kontrolle noch. Die Verdienste sind wirklich so mickrig.) Sinngemäß steht da folgendes: Sie hätten bemerkt, dass aufgrund von Corona einige Vermieter sich von Stornogebühren und drakonischen algorithmischen Maßnahmen, was die Anzeigenplatzierung betrifft nicht abschrecken lassen und Stornierungen akzeptieren, bzw. selber stornieren. Man habe sich jetzt entschlossen, kostenlose Stornierungen zu ermöglichen, für einen kurzen Zeitraum für bestimmte Reisen, weil da halt verstärkt nach gefragt wurde. Es tut Ihnen voll leid, dass sie mit meiner Arbeit jetzt kein Geld mehr verdienen und man bleibt natürlich am Thema dran. Sicher. Ich deaktiviere das Inserat. Leider muss ich noch abwarten, ob ich es mir leisten kann, es zu löschen.

Außerdem hatte ich Post von der kleinen Monteurzimmerseite, auf der die Ferienwohnung noch steht. Dort zahlen wir richtig Geld. Sie bringt nicht so oft Gäste, aber immer nette, die länger bleiben. Dort steht sinngemäß folgendes: Wegen Corona haben sich natürlich auch die Arbeitsabläufe geändert. Welche Auswirkungen das im einzelnen haben wird, weiß derzeit noch niemand. Alle, die einen Eintrag gebucht haben bekommen auf jeden Fall zwei Monate Verlängerung, kostenlos und ohne irgendwas tun zu müssen. Mitarbeiter seien im Moment im home office zu erreichen, man bitte um Verständnis für eventuelle Verzögerungen.

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Normalerweise kann ich beim Wäsche aufhängen den Fernseher des Nachbarn hören. Oft kommt er auf den Balkon raus, und wir reden übers Wetter. Heute nicht. Bei der zweiten Ladung auch nicht.

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Eine Gäste Anfrage erreicht uns telefonisch. Die Personenanzahl passt nicht, wie gesagt, die Wohnung ist klein. Der Liebste leitet weiter ans Gästehaus in der Nachbarschaft.

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Spontan ergibt sich die Frage, ob denn Monteurs-Mannschaften im Moment als ein Haushalt gelten. Ich finde nichts zu diesem Thema und rufe direkt mal irgendwen im home office an. Nach dem dritten klingeln habe ich eine Dame am Telefon. Sind Monteure nun einfach ein Haushalt, oder würde ich eine unerlaubte Menschenmenge beherbergen und damit womöglich gegen das Bundessseuchengestz verstoßen? Gute Frage, völlig neues Problem. Da aber auf Baustellen normal gearbeitet wird und die Gruppen ja auch im selben Auto fahren und so, dürfen die als ein Haushalt gelten. Zumindest hat noch niemand was anderes gesagt. Wir plaudern noch ein bisschen, wie sonderbar es ist, dass man auf einmal solche Fragen hat. Sehr nettes Gespräch.

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Auch beim Wäsche abnehmen keinerlei Geräusch beim Nachbarn. Ich rufe an. „Samma, ich war schon dreimal an der Wäschespinne und seh und hör dich nicht. Es ist quasi ein Kontrollanruf“. Fritz hat heute auch Corona-Traurigkeit. Alles gut, aber alles Mist zur gleichen Zeit. Man kann gar nichts und muss es aushalten. Marianne sei gerade einkaufen gefahren, der hat er ne Liste mitgegeben. Er hat auch Klopapier drauf geschrieben, eigentlich hat er noch, aber wenn das jetzt alle kaufen. Sein Onkel hatte ja früher ein Plumpsklo neben dem Stall, da gab es immer selbst gemachtes Klopapier. Dann soll er mal schön die Werbeblättchen von Samstag aufheben, rate ich ihm. Da kann er wieder n bisschen lachen. Wäre aber nett, dass wir auf ihn achten, er bedankt sich. Ich fühle mich etwas weniger wie eine stalkerin.

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Der Rest waren Hausaufgaben. Hausaufgaben. Hausaufgaben.

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Die Hauswirtschaft hängt. Allmählich bekommen auch andere eine Ahnung davon, was „nicht arbeiten“ für ein bunter Strauss an Tätigkeiten ist.

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Abends Corona-Traurigkeit beim nächsten Kind.

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Es sind lange Tage im Moment. Ich stelle erste Ermüdungserscheinungen fest. Erfahrungsgemäß macht es keinen Sinn, darüber hinweg zu gehen, sonst kommt es irgendwann nur noch schlimmer. Ich muss mir was überlegen.

Tag 4

„Mammmaaa, die Nachbarländer von Malaysia??“

„Ähm, ich glaube, die Hauptstadt ist Kuala Lumpur, aber schwören würde ich das nicht.“

„Hauptstadt ist egal, es geht um die Nachbarländer.“

„Gib doch einfach mal „Nachbarländer von Malaysia“ ein, irgendwas wird doch dann kommen.“

„Es. Geht. Nicht.“

Es stimmt. Dass Google Maps nicht laufen würde war mir klar, aber das noch nicht mal eine normale Suchanfrage durchgeht am Vormittag nervt jetzt wirklich. Mein erster Impuls ist es das Fenster aufzureißen und rauszuschreien „Nehmt euch alle ne Zeitung und geht einfach mal kacken!!!“ Statt dessen höre ich mich sagen „Naja, es sind im Moment halt auch viele im Home Office, ich hab ne Idee“. An dieser Stelle kann ich wohl eine Empfehlung aussprechen für den YouTube Kanal Yoga with Adrienne. Die Lösung dieses Problems liegt auf dem Dachboden.

ohne Kommentar

Bonus: Hinten in diesem antiquarischen Atlas lagen zwei Klassenarbeiten des Liebsten. Er war 16 und hatte den Lehrvertrag schon unterschrieben, hat er gesagt.

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Der Liebste übernimmt das Elterntaxi zur Krankengymnastik. Der einzige Termin dieser Woche.

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Ich backe zwei Kuchen und packe Geschenke ein.

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Am späten Nachmittag senden netflix und YouTube nicht mehr in HD. Das kann ich im Internet lesen. Erleichterung. Das Märzkind kann am Abend mit Freundinnen skypen. Das war wichtig, denn mittlerweile schlägt es aufs Gemüt.

Tag 5

Kuchen zum Frühstück, wir haben die Zeit. Die Geschenke kommen gut an und Glückwunschnachrichten erreichen das Märzkind von allen Seiten. Sogar die Klassenlehrerin hat dran gedacht, sie freut sich. Nach der Hunde-Spaziergangs-Runde portionieren wir den Kuchen und fahren die Omas an.

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Oma und Opa haben vor dem Haus einen Geschenktisch aufgebaut. Mit Blumen und Schnuck (Süßigkeiten, sagt man in Norddeutschland wohl dazu). Beide stehen im Fenster, und winken und gratulieren, so herzlich wie es nur möglich ist, in diesen verrückten Tagen. Die Oma verschwindet aus dem Bild um etwas auf dem Klavier vorzuspielen. Was von Beethoven, denn Beethovenjahr haben wir ja trotzdem. Das Märzkind strahlt.

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Dann müssen wir etwas hektisch zum Ende kommen, denn de Omma, die bis eben irgendwelche Gartenarbeiten gemacht hat, hat uns durch die Hecke gesehen. Sie war die einzige, die nicht verstanden hat, wieso wir nicht feiern. „Ooohhh, bestimmt will sie gratulieren, macht was!“ Ruft die Oma aus dem Fenster. Ich schnappe mir den dafür vorgesehenen Teller mit Kuchen und laufe der Omma entgegen. Sie freut sich, gerade wollte sie Kaffee kochen. „Guck doch mal da.“ Ich gucke da und sehe nichts. „Die Veilchen kommen. So schön. Und guck mal da.“ Mir fehlen die Nerven und gerade auch die Zeit, um mal überall im Garten „mal zu gucken“. Ich wünsche einen guten Appetit und gehe, mit einem schlechten Gewissen.

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Die Oma im Nachbarort öffnet die Tür und ruft „Keine weißen Anzüge!“ ins Treppenhaus. Gerade haben sie im Fernsehen gesagt, Leute in weißen Anzügen würden sich Zutritt zu Seniorenwohnungen verschaffen, in böser Absicht. Ab jetzt wird niemandem mehr geöffnet, der keinen Kuchen dabei hat, hat Käthe entschieden, erklärt die Oma. Normalerweise würde die Oma das Märzkind jetzt herzlich knuddeln, aber, ach, es ist ein seltsamer Moment. „Herzlichste Glückwünsche, wir holen das alles nach, nichts geht euch verloren“. (Bei Cousine und Cousin fallen gerade jede Menge Abschlussfeiern aus, harte Zeiten für das Oma-Herz)

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Die Tante erkundigt sich, wie wir die Geschenkeübergabe gestalten wollen. Vielleicht könnten sie ja sogar reinkommen? Jo, angeboten hätte ich es nicht, aber wenn sie möchten gerne. Sie hätte auch fast nicht gefragt, aber wie-ein-Onkel sitzt seit Tagen im home office und droht Gemütskrank zu werden. Na dann, bis gleich. Beim Kaffee sitzen wir noch weit auseinander, wir haben ja eh zwei Tische im Esszimmer stehen. Aber es ist zu sonderbar. Nach dem Essen beginnen Märzkind und wie-ein-Onkel über Fotografie zu fachsimpeln. Sie holt ihre Kamera und er erklärt ihr irgendwas über ISO Einstellungen. Dabei hängen sie so dicht mit den Köppen aneinander, dass es dann jetzt auch egal ist. Der Esszimmertisch hat Überbreite, abends essen wir alle zusammen da.

Der Liebste bekommt ein Video zugeschickt. Eine Frau steht auf dem Balkon, vermutlich zum Rauchen, sie geht einen Schritt zurück „Ach du scheiße“. Ein bisschen so, als würde man hinter der Turnhalle rauchen und die Aufsicht kommt unerwartet. Im Schritttempo rollt ein Kleintransporter ins Bild, auf dem Dach Megaphone. Eine Durchsage ertönt. Die Leute werden dringend gebeten, zu Hause zu bleiben und ihre sozialen Kontakte einzuschränken. Im Ort sei es vermehrt zu Infektionen mit Covid-19 gekommen. Eine Szene wie aus einem Film, 30 km von hier.

Das Handy macht die Runde, uns wird mulmig. Nach ein paar Minuten können wir wieder lachen. Wer hätte gedacht, dass man sich mal die Nachrichten vom Brexit zurückwünscht?

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Trotz allem war es ein schöner Geburtstag, sagt das Märzkind. Sie freut sich, dass die beiden da waren, sonst wäre es vielleicht doch ein bisschen traurig gewesen. Auch die anderen haben sich alle soviel Mühe gemacht. Ein glückliches Lächeln.

Es fällt ein Stein vom Mutterherz.

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Bei der Abend-Hunde-Runde stellen wir fest, das zu dem, was man woanders Skyline nennen würde bei uns auch die kleinen, sich zwischen den Orten bewegenden Lichtpunkte gehören. Die fehlen komplett. Es ist nicht ein einziges Auto unterwegs.

Tag 6

Samstag, ein ganz normaler Haus und Hoftag. Der Liebste muss arbeiten, 12 Stunden, das ist auch normal, am Wochenende.

Die Kinder helfen auffallend gut ohne zu nörgeln.

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Das Bäckerauto kommt spät, ist aber gut gefüllt, stelle ich fest. „Ach, hör bloß auf“, sagt die Brotwagenfrau. Das sei schon die zweite Fuhre, deshalb auch so spät. Gleich heute morgen hätten zwei Leute jeweils 6 Brote kaufen wollen. Die nehmen normalerweise aber nur zwei, und das hat sie denen dann auch gesagt. Mehr als normal gibts nicht. Es soll ja wohl für alle reichen, 6 Brote braucht man nicht mal einfach so, die kann man doch wohl vorbestellen, ein Anruf, dann ist es kein Problem. So, unter diesen Umständen, ist das einfach schlechtes Benehmen. Ich gebe ihr Recht und freue mich, dass wir noch was bekommen. Aber ich hätte auch improvisieren können, versichere ich ihr. Gemeinsam wundern wir uns einen Moment über die Leute.

Es war mein einziger Kontakt zur Außenwelt an diesem Tag.

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Der Himmel ist so klar. Ein Sonnenuntergang, quasi in HD. Ich ertappe mich dabei, wie ich am Fenster stehe und staune.

Tag 3

Nach einem späten Frühstück gehen die Kinder an ihre Aufgaben. Der Liebste hat einen regulären freien Tag und plant handwerkliches.

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Der Optiker ruft an. Er wolle natürlich nichts beschreien, aber im Moment sähe es so aus, dass man Kontaktlinsen lieber heute als morgen abholen kommen soll, so man sie dringend braucht. Die Kontaktlinsen werden dringend gebraucht.

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Moment. Ich frage alle Kinder einzeln, ob sie noch etwas aus normalen Geschäften brauchen. Der Liebste ruft die Ommas und die Nachbarn an. Fritz muss selber nochmal ins Städtchen, Marianne meldet, gut vorbereitet zu sein, der Opa ist quasi schon auf dem Weg und hat den Einkaufszettel von der Omma dabei.

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Ich rufe bei „wo wir immer die Milch holen“ an und erkundige mich, ob das weiterhin möglich sein wird. „Jo, sicher, hat noch niemand was anderes gesagt, un? Sonst so?“ Angenervte Kinder, handwerkelnde Männer, sorglose Senioren, wir haben gerade alle das gleiche.

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Vor der Apotheke stehen schon zwei Frauen an. Es sollen bitte immer nur 2 Kunden gleichzeitig drin sein, und bitte die Hände desinfizieren am Eingang. Eine große Plexiglasscheibe wurde quer über den Tresen gebaut, unten eine Durchreiche. Ein bißchen kleinlaut erkundige ich mich, ob es möglich sei, ein Heuschnupfen Medikament zu bekommen. Es ist so banal, ich komme mir seltsam vor, werde aber sehr freundlich bedient. Selbstverständlich laufen die ganz normalen Sachen weiter, sagt die Apothekerin. Ich bedanke mich, und meine es grundsätzlich.

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In der Drogerie holen wir notwendiges und kaufen ein neues Brettspiel. Alle anderen Geschäfte sind geschlossen. Hoffentlich kann man online noch „zwei T Shirts und eine kurze Hose“ die das Maikind nach eigenen Angaben braucht bekommen. Die vorhandenen sind von etwas knapp auf wirklich zu klein gewechselt, diese Woche.

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Ein normaler Wocheneinkauf Lebensmittel. Es sind mehr Leute im Laden als um diese Zeit üblich, aber es ist leiser. Die Kassiererin wirkt müde, was auch sonst. Ganz ehrlich, ich bin froh, dass das nicht mein Job ist. Sie reicht mir den Kassenzettel. „Danke, dass Sie den Laden am Laufen halten, wir brauchen nämlich wirklich so viel.“ Es ist nur ein Satz und er kostet mich gar nichts. Aber die Frau an der Kasse setzt sich wieder aufrecht hin und lächelt. „Gerne“, sagt sie „dafür sind wir ja da“.

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Ansprache der Bundeskanzlerin. Wir entscheiden, den Geburtstag des Märzkindes ohne Gäste zu feiern. Ohne Freunde in der Schule war eigentlich schon schlimm genug. Natürlich ist es wichtig und richtig, scheiße ist es aber auch.

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Bei der Abend-Hunde-Runde haben wir Kondensstreifen am Himmel gesehen. Es waren viel weniger als sonst und sie verlaufen anders. Es passte zu diesem verqueren Tag.

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Das Internet läuft merklich langsamer.

Tag 2

Das ich keine Ahnung von der französichen Revulotion habe wußte ich. Das es aber noch viel mehr Revolutionen gibt, mit denen ich mich nicht auskenne ist mir neu.

„Worin unterscheiden sich die Märzrevolution und die Septemberrevolution in Berlin?“

„Ähm, spontan würde ich vermuten, eine fand im März statt und eine im September.“

„Boar, nee, Mama, weißte. Die Frau Geschichtslehrerin die interessiert sich wirklich für sowas. Die weiß solche Sachen. Ich glaube die macht das gerne, dass muss ich schon richtig machen.“

„Du hast doch ein Buch, wenn das die Aufgabe ist, wird es da wohl drin stehen.“

„Steht nix, gar! nichts!“

„Dann Google.“

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Ich war nebenbei noch damit beschäftigt rauszufinden, wie PowerPoint auf unserem Tablet funktioniert. Anscheind anders als in der Schule am PC. Da ich vorher aber noch nie irgendwas mit PowerPoint gemacht habe, kann ich natürlich keine Unterschiede feststellen. Es enstanden Dialoge wie bei Loriot.

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Das Märzkind ist mit den Nerven runter. Sie versteht beim besten Willen ihre Arbeitsanweisung nicht, und reicht mir ihr Handy: Es ist die Botschaft eines Akademikers, der sich erkennbar Mühe gibt, aber leider kein blödisch spricht: Wegen Überlastung des Schulportals wurde eine Subdomain eingerichtet und die Aufgaben aus datenschutzrechtlichen Gründen passwortgeschützt für jede Klasse einzeln hinterlegt. Gerne können die Schüler ihre bearbeiteten Aufgaben zusenden. Sollten Sie sich einverstanden erklären, könne man die dann für alle anderen sichtbar machen, übrigens auch Videos, so könne eine Unterrichtsatmosphäre entstehen, obwohl man sich nicht begegnet. Bleibt gesund.

„Samma, der ist aber doch kein Religionslehrer?“

„Doch, sicher. Aber ich glaube der hat Physik studiert, oder so.“

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Die Mathelehrerin, die mich auch im normalen Alltag beschäftigt hält, teilt mit, sie habe die Aufgaben auf die Plattform geladen, die da schon seit Stunden abgeschmiert war. Lösungen im Email-Anhang. Die Email hat keine Anhänge. Über Klassenlehrerin und Klassensprecher landen die Lösungen im Klassenchat. Die Lösungen haben wir also, bleibt das Problem.

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Nachmittags waren wir im Wald. Trotz Frühlingseinbruch habe ich bemerkenswert viel Luft. Erst oben auf dem Berg ist mir aufgefallen, dass ich keine Medikamente gebraucht habe, für den Weg. Sechs Leute sind uns begegnet.

Der Hund ist mehrmals hoch und runter gelaufen. Weil er’s kann.

Es wurde eine Reisewarnung für die ganz Welt ausgesprochen. Der Liebste stellt sich innerlich auf dieses sonderbare „frei haben“ ein.

Kein einziger Kondensstreifen. So blau war der Himmel nicht mehr, seit dieser Vulkan auf Island ausgebrochen war.

Der Theaterabend hatte ein upgrade von „abgesagt“ auf „verschoben“. Verschoben wurde auch Käthes fette Party zum hundertsten. Frisch abgesagt wurde das Osterfeuer. Wir planen eine private Alternativveranstaltung mit Feuerkorb und den Holzresten aus der Garage. De Omma hat für nächste Woche Klopapier auf dem Einkaufszettel stehen.

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Es ist still im Ort. Noch stiller als normal. Wenn man hört, dass jemand Altglas einwirft möchte man ans Fenster gehen, um zu gucken, was denn los ist.

Eigentlich Montag

Ich stubse das Maikind ein bißchen und wünsche leise einen guten Morgen. Ein Wuschelkopf kommt zwischen Decke und Kissen zum Vorschein und erkundigt sich nach der Uhrzeit. „Ist halb acht, hast noch Zeit“. „Aahh“ mit einem Grinsen dreht er sich um, “ das das mal jemand zu mir sagt, an einem Montag morgen“.

Gegen neun stehe ich in der Pausenhalle der Schule. Ein Lehrer mit einem Stapel Zetteln in der Hand begrüßt die Ankommenden freundlich. Die Bücher seien alle in die jeweiligen Klassenräume gebracht worden, die Räume seien auf. Er hakt ab, wer schon da war. Hilft Eltern, die ohne Kinder kommen.

Ein zierliches Mädchen mit riesiger Brille, im Arm einen beachtlichen Stapel Bücher kommt die Treppe runter. „Samma, brauchen wir auch Physik?“, fragt sie eine wartende Freundin. „Die haben gesagt alles, müsste doch alles da liegen“. „Nee, Physik war nicht dabei“. Sie überlegt sichtlich. „Guck besser nochmal“, rät die Freundin. Das Mädchen geht die Treppe wieder hoch. Am anderen Ende der Pausenhalle wird eine Tür aufgestoßen. Ein großer Mann mit Strubbelfrisur trägt ebenfalls einen riesen Stapel Bücher. Er eilt die Treppe hoch. Als er an uns vorbeikommt grüßt er mit einem zerstreuten Nicken. Ich vermute, es ist ein Physiklehrer.

Der Lehrer mit den vielen Zetteln kommt zurück, erkundigt sich, wie die Kinder denn jetzt genau wieder nach Hause kommen. „Wir hören voneinander und bleibt alle gesund.“

Im kleinen Edeka des Schulstandorts kaufen wir im Anschluss ein bisschen Obst und Gemüse. Eigentlich wollte ich auch noch einen Würfel Hefe, aber Hefe ist aus. Hefe war noch nie aus. In den kleinen Kartons fehlen selten mehr als 6 Würfel der oberen Reihe. Ich frage nach. Also, sie habe da jetzt gerade Kühlware bekommen sagt die Fachkraft und deutet auf einen isolierte Palette, könnte schon sein, das da was bei ist, wenn ich wohl 10 Minuten hätte. Nee, ach, sooo dringend ist es nicht, versichere ich, ich improvisiere einfach. Die Nachbarin von drei Häuser über uns bekommt das mit. Sie habe eventuell noch ein Tütchen Trockenhefe. Derzeit könne sie nicht garantieren, das das noch haltbar ist. Aber wenn, dann könne ich das gern haben.

Die großen verschwinden mit ihren Aufgaben, das Julikind geht mit spazieren. Auf einmal ist Frühling. Als hätte jemand den Schalter umgelegt. Wir sehen Schmetterlinge, Ameisen, Hummeln und sitzen einen Moment in der Sonne.

Es wird den ganzen Nachmittag geräumt, gewerkelt, geputzt. Wundersamerweise gehen Sachen voran, die ich schon als gegeben akzeptiert hatte. Juhu.

Bei der Abend-Hunde-Runde begegnen uns die Junggesellen von der Sonnenuntergangsbank. Zwei stehen links vom Weg einer rechts. Sie treten jeweils einen halben Schritt zurück, damit wir auf dem Weg bleiben können.“Zwei Meter sollen das schon sein“, prosten sie uns fröhlich zu.

Der Fernreisende ist wieder da und liegt im Krankenhaus. Irgendwas mit Nebenhöhlen, aber ähnliche Symptome… daher Einzelzimmer. Ab morgen dürfen keine Besucher mehr ins Krankenhaus. Er erkundigt sich nach unserem Heimunterricht und bietet eine Hotline an für Fragen rund um Physik, Chemie und technisches an.

Also, Stand heute, kann ich sagen, bei mir läuft’s.