alltägliche Winterwoche KW4/2023

Sonntag morgen sind wir die ersten, die durch den verschneiten Wald spazieren. Aus Gründen. Es ist irgendwie doof kalt und trotz Schnee fühlt sich dieses Wetter grau an. So kann man aber mal sehen, was hier los ist, wenn keine Menschen unterwegs sind. Hasen können unheimlich weit hüpfen. Offensichtlich war er schneller als der Fuchs. Die kleinen Pfoten, vielleicht ein Eichhörnchen und die winzig kleinen, durch den Schnee gefrästen, das muss eine Maus gewesen sein. Neben uns murmelt ein Bach, normalerweise fließt da kein Wasser, aber es hat unheimlich viel geregnet, in den letzten zwei Wochen. Am Hang, ein Stückchen über uns aber kaum 10 Meter weit weg stehen zwei Rehe. „Samma, wollt ihr nicht weglaufen?“, fragt der Liebste in ihre Richtung. „Das sind doch immer die gleichen zwei“, sage ich, „wir sehen uns jeden morgen, irgendwo auf der Runde“. „Das ist ja wie bei Aschenbrödel, hier“, murmelt der Liebste.

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Schön, dass der noch fährt, denke ich Montag morgen, als ich zufällig um fünf Minuten vor acht den Schulbus am Haus vorbeifahren sehe. Da hätte es fast ein Muttitaxi gebraucht und – ich sags wies ist- dieser Montag kam plötzlich. Ich hab noch meine Schlafihose drunter.

Der Bus kommt jetzt später, erzählen die Blagen, irgendwas ist irgendwo gesperrt, die Schule weiß bescheid. Der Busfahrer hatte es durchgesagt, am Freitag, sie hatten das nur leider vergessen. Morgen gehen sie eine viertel Stunde später los. Abfahrt 7.55 Uhr, Fahrzeit etwa 15 Minuten, Unterrichtsbeginn 8 Uhr, mehrere Wochen. Es gab mal eine Zeit, da hätte die Schule die Eltern über sowas informiert und man hätte sich aufgeregt. Das ist lange her.

Märzkind braucht mit dem Bus morgens nur noch 20 Minuten bis zur Schule. Das AS-Taxi nach der achten Stunde fährt leider eine Schleife und braucht fast anderhalb Stunden.

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Der Hund liegt auf seiner Matte uns schläft. Gefühlt das erste mal seit zwei Wochen. Plötzlich wird mir bewusst, wie sehr mir das permanente Rumschleichen mit seufzendem Fiepen auf die Nerven gegangen ist. Er ist natürlich trotzdem mein Lieblingstier, aber die friedliche Stille ist erholsam. Gerade als ich den Gedanken zu Ende gedacht habe, kommt Maikind rein, setzt sich neben den Hundeschlafplatz. Wie schön das ist, ihn mal hier ratzen zu sehen, so ganz in Ruhe, sagt er, da hat man eine Sorge weniger, denn, wenn er ganz ehrlich sein soll, ist er ein bisschen aufgeregt, wegen seiner Prüfung….

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Jemanden früh morgens an einer Klinik abgesetzt, zwei Stunden später fröhlich Rest-sediert wieder abgeholt und einen halben Tag unter Beobachtung behalten.

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Ob er denn lieber von der Mama oder vom Papa zur Prüfung gefahren werden will, erkundigt sich der Liebste beim Maikind. Maikind sagt, dass sei ihm ehrlich scheißegal, Hauptsache er ist pünktlich da und muss vorher nicht mit Leuten reden. Alle anderen haben Unterricht in der Zeit, das heißt, in der Aula ist wahrscheinlich niemand, wir fahren also alle beide und Kickern eine Runde, während wir warten.

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Leute brauchen eigentlich viel weniger Weihnachts-Süßkram als Leute denken. Vier Wochen lang haben wir die selbst gekauften, geschenkt bekommenen und in anderen Haushalten übrig gewesenen Plätzchen, Lebkuchen, Weihnachtsmänner und sonstiges in Sternchenpapier verpacktes aufgegessen. Zum ersten Mal dieses Jahr steht Schokolade auf dem Einkaufszettel.

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Der Liebste hat Dienstjubiläum, ich bin auch eingeladen und freue mich. Das Essen schmeckt richtig gut, es gibt echte Servicekräfte, die Leute sind freundlich. Wenn mir vorher bewusst gewesen wäre, wer genau der Mann, der auf meiner anderen Seite Platz genommen hatte war, hätte ich mich vielleicht nicht so locker unterhalten. Der Chef vom Chef ist Fleischesser, Gladbach Fan und hat den ganzen Sommer versucht, einen Fischreiher, der zur Feierabendzeit über seinen Garten fliegt, zu fotografieren.

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Eigentlich konnte man an der Stimmlage der Durchsage schon merken, dass es keine Übung ist, sagt Märzkind, aber irgendwie sind doch alle davon ausgegangen. Dann kamen sehr schnell sehr viele Polizeiautos. Die Beamten alle in voller Montur und mit Hunden ins Gebäude… da haben ein paar Leute Nerven flattern bekommen. Die Lehrerin hat alle zum Rewe geleitet. Dort hat sie für die ganze Klasse Kekse geholt, von ihrem eigenen Geld, denn die meisten hatten ihre Geldbeutel garnicht dabei, „nur das allernötigste“, da nimmt man Jacke und Handy… Zwei Stunden hat es gedauert, dann durften sie zurück in die Schule. Es wurde nichts gefunden. Aber – es hat sich verdammt seltsam angefühlt wieder rein zu gehen. Bombendrohung hatten sie alle noch nie. Märzkind war mit der Organisation sehr zufrieden und hat sich insgesamt nur so mittel bedroht gefühlt. Ein herzliches Dankeschön an diese Lehrerin und natürlich an alle, die rein gegangen sind, als man noch dachte, es wäre ernst.

Sachen machen, KW 1-3 2023

Wenn man am zweiten Januar vormittags in der Hausarztpraxis anruft, ist der nächste freie Termin für eine Jugendschutzuntersuchung der 15. Februar. Tja, es ist, wie es ist, wir informieren den zukünftigen Arbeitgeber.

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Wir wollten schon ewig mal ins Kino, jetzt ist die Gelegenheit. Nur der Liebste und ich – und achtzig andere, der Saal ist voll. Wunderschöne Bilder, tolle Musik, aber, wenn es eine Handlung gab, hab ich sie nicht verstanden. Avatar zwei ist wie Avatar eins mit Wasser statt Wald, plus einem sehr langen Trailer für Avatar drei.

Möge dem Mann mit dem lauten Röchelhusten, der an meiner anderen Seite saß, der Löffel ins Müsli rutschen. In diesem Zustand gehört man zu Hause aufs Sofa. Immernoch.

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Das Schwimmbad im Städtchen ist so kalt, das es keinen Spaß macht, berichtet Märzkind. Wir fahren also ins Schwimmbad des Nachbar-Städtchens. Umkleiden, Fussböden, Duschen, Schwimmhalle, Nichtschwimmerbecken – es fühlt sich alles ganz normal an. Uuuuhhh, das Schwimmerbecken ist kälter. Ziemlich. Aber eigentlich macht das nichts, denn wer hier drin ist, schwimmt. Man reiht sich ein, in eine Bahn, die von der Schwimmgeschwindigkeit passt und schwimmt so lange, wie man Lust hat, einfach hin und her. Keine dümpelnden Aquajogger, keine tratschenden Rentnerclübchen in der Beckenmitte.

Nach einer Stunde haben die beiden kleinen Mädels Hunger. Während sie die Brotdosen leeren beobachten sie unauffällig aber interessiert die Damen, die sich zum Aquafitnesskurs einfinden. Fröhliche Genussmenschen, die seit Jahrzehnten auf einem Planeten mit Schwerkraft leben, total ungefiltert und alle sind nett miteinander. Geräuschpegel wie eine Klassenfahrt. Es ist tatsächlich unterhaltsam. Und ohne es zu merken, leisten die Damen einen großen Beitrag zur sozialen Entwicklung.

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Man öffnet mir die Tür. Märzkind hantiert mit ihrem Handy und ich sehe auf den ersten Blick, die Stimmung ist prächtig „Hiiii, da biste ja schon! Kannste ma gucken, ob da no irgenwo Blut ist?“ Nee ist nix. „Dann können wir ja jetzt gehen“, sagt sie. „Äh, du hast noch ne Nadel im Arm und bist an das Piepdings angeschlossen“ „Ah so, wir warten, bis es aufhört zu piepen?“ Ich sag mal ja und freue mich ein bisschen, die Sedierung war ihr Geld wert. Vor dieser Zahn-OP hatte sie ein bisschen Angst, wenn man ehrlich ist.

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„Samma, wie kam das eigentlich?“, frage ich den Liebsten, als wir kurz vor Mitternacht angeschickert durch den Garten gehen. Also, eigentlich waren wir zur Übergabe des letzten Weihnachtsgeschenks mit ganz anderen Leuten verabredet, das passte aber kurzfristig nicht, deswegen ist er laufen gegangen und auf dem Rückweg dem Nachbarn begegnet. Sie haben spontan beschlossen, den Apfelwein zu probieren, dann war jetzt. Hätte geplant nicht schöner sein können, dieser Abend.

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Ich schreibe eine mail ans Ordnungsamt, damit die einen Untersuchungsberechtigungsschein für die Jugendschutzuntersuchung ausstellen, denn es gibt keinen Bestell-Button oder so dafür. Als mir die Frau am Telefon erklärt hat, das sowas gebraucht wird, hätte ich fast gefragt, ob er die Unterputzfräse auch mitbringen soll, aber anscheind gibt es diesen Schein wirklich. Die Ausstellung ist auch überhaupt kein Problem, schon am Tag drauf liegt er bei der Stadt zur Abholung bereit, kostenlos. Mehrere Seiten normales, gedrucktes Papier, für den Laien sieht es fast so aus als könne man es in einen Email-Anhang packen und über verschlüsselte Verbindungen, so wie sie beispielsweise Arztpraxen oder Behörden nutzen, verschicken. Aber hej, ich hatte Zeit und war sowieso auf dem Weg.

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„kennste das, wenn man ungefähr 800 mal denkt, man müsste eigentlich mal… und dann kommt der Moment und man merkt, jetzt ist es soweit, jetzt macht man es wirklich… und dann freut man sich, weil man nicht mehr denken muss, man müsste eigentlich mal…“, frage ich Märzkind. Sie zieht die Augenbrauen hoch und fragend. Ich hab den Keller gesaugt. War nötig.

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Die erste Woche des Jahres ist richtig gut gelaufen. Wir haben fast soviel unternommen wie im ganze Jahr 2021.

Die beiden nächsten Wochen lassen sich in einem Satz zusammenfassen. Der Hund war Weihnachten schon nicht ganz knupser, mittlerweile macht er mich wahnsinnig. 10 Weiber wohnen im Umkreis von 500m um uns rum. Das geht so nicht. Ich wäre bereit Maßnahmen zu ergreifen. Der Liebste ist strikt dagegen. Der Hund packt noch was drauf. Steinerweichendes heulen morgens um 6. Na gut, sagt der Liebste, das nervt tatsächlich. Ach was. Wir finden einen Kompromiss.

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Der Wolf war da. Ist über ein Feld gelaufen 10km von hier, es gibt ein Video. Helle Aufregung, ob wir denn keine Angst hätten, hier den Hund frei laufen zu lassen, werden wir beim Spaziergang gefragt. Nö, haben wir nicht. Der war übrigens schon mal da. Weiß ich von den Jägern, die wir damals, vor Corona öfter beherbergt haben.

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Die Freundin kommt vorbei, eigentlich wollte sie nur die Kinder absetzen, aber, wir haben uns dies Jahr noch garnicht gesehen und trinken einen Kaffee. Ich müsste dann mal mit dem Hund, vielleicht hat sie Lust, spontan eine Runde mitzulaufen? Jo, könnte sie. Als wir zurück sind, wäre es fast schon Zeit, die Kinder abzuholen, deswegen kommt sie einfach nochmal mit rein. Ohne Grund und Anlass einen ganzen Nachmittag durchgeschnuddelt. Schön wars.

Jahreswechsel 2022/2023

Das war ein lockeres Weihnachten, dies Jahr, dachte ich. Bisschen anstrengend natürlich, aber alles im grünen Bereich. Dann kam „der Tag danach“. Zusammengefasst kann ich sagen, beide Omas haben drei Tage feiern hintereinander nicht gut vertragen. Die eine mental, die andere körperlich. Nach einem seltsamen Nachmittag bin ich froh, dass ich abends aufs Sofa kann.

An die Berichterstattung dieser Höhlenrettung kann ich mich dunkel erinnern. Zu der Zeit war aber irgendwie viel los. Ich dachte, bestimmt wird das eh verfilmt, und hab es nicht weiter verfolgt. Der Liebste ist beim Fussball, die Kinder vor ihren eigenen Bildschirmen. Dieser Film ist wie gemacht für meinen heutigen Gemütszustand. Den ganzen Abend gucke ich Leuten beim Klettern im Dunkeln zu und fühle mich gut unterhalten. Ich hatte keine Ahnung, dass es in Deutschland eine so große Höhle gibt, so dermaßen unzugänglich, dass da noch niemand bis zum Ende drin war. Und ich wußte wirklich nicht, wie der Film ausgehen würde.

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Wow. Den Knall konnte man hier drin im Fussboden fühlen. Der Hund braucht nur eine halbe Sekunde vom Nickerchen-Modus in die volle Alarmbereitschaft. Ich gucke aus dem Fenster und rechne fast damit, einen Gullideckel vorbeifliegen zu sehen. Dieser Böller war definitiv nicht EU-konform, zumal die hier heute noch garnicht verkauft werden. Irgendwer hat anscheind was selbst gebastelt und war jetzt offiziell der Erste Idiot, Glückwunsch.

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„So, wie wars denn eigentlich, unser 2022?“, frage ich in die Runde. Tjaähmpff, man weiß es nicht. Irgendwie ist nichts richtig in Erinnerung geblieben. Mal überlegen. Gut, soweit. Obwohl, Corona war blöd, der Krieg in der Ukraine ist mehr als blöd, der Fuss, die Zahnsachen, es war brülleheiß und irgendwie alles teurer. „Also, was ich richtig gut fand“, zwei Tage vor Jahresende traue ich mich, es laut zu sagen, „es hat sich niemand umgebracht. Nicht in der Familie, nicht im Freundeskreis, noch nicht mal im Bekanntenkreis.“ Darüber freue ich mich, denn es war in den letzten sechs Jahren anders. Der Liebste macht ein Brummgeräusch. „Naja, gut. Zweimal dachte ich, dieses Jahr setzt noch einen drauf und ich finde jemanden… war aber nix.“ „einmal schon“, erinnert der Liebste, „natürliche Todesursache, das gilt nicht“, sage ich. Wir einigen uns darauf, dass es unterm Strich kein schlechtes Jahr war. Abonnieren wollen würden wir es aber eher nicht.

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Märzkind ist Sylvester natürlich irgendwo anders. Wo genau weiß gar keiner, stellen wir fest. Tja, ist dann wohl groß, das Kind. Maikind und Julikind bekommen beide Besuch. Man hört es eine Weile kraschpeln auf Flur und Dachboden. Zwei Gästebetten gleichzeitig waren hier schon ewig nicht in Gebrauch, man muss die Sachen aus verschiedenen Ecken zusammensuchen, aber das können sie selber, ich möge mir da bitte keine Umstände machen. Gerne. Der Liebste und ich bauen ein kleines Snackbuffet in der Küche auf. Zur Feier des Tages darf jeder essen wann und wo er will. Die Mädels packen sich giggelnd die Teller voll und verschwinden wieder. Die Jungs setzen sich zu uns an den Tisch. Das Zimmer besteht ja nur noch aus Schreibtisch und Betten „und also, nee, das möchte man dann doch nicht“, sagen sie. Freut mich zu hören. Wann wir das mit dem Bleigießen machen, fragen sie im Gehen. 23 Uhr, antworte ich, als ob es einen Plan gäbe. Der Liebste und ich gucken Fernseh und wundern uns darüber, dass wir garnichts müssen. „Das buchen wir nächstes Jahr genau so wieder“, sagt der Liebste. Zehn Minuten vor elf kommen alle Kinder runter und wir machen Zinkgießen, weil, niemand kann erklären, wieso man Bleigießen sagt, wenn es doch mit Zink ist. Blitze und Meerschweinchen im nächsten Jahr, man darf gespannt sein. Dann ist es schon fast soweit. Jacken an, Gehörschützer auf wer mag, Fernseher ziemlich laut stellen, damit der Hund sich keine Sorgen machen muss und ab in den Garten. Niemand hat eine Uhr, macht nichts, zwölf ist, wenn es anfängt zu läuten. Äh? In den Nachbarorten steigen erste Raketen, der Geräuschpegel ändert sich. Ein Nachbar läuft ins Haus und kommt winkend wieder raus. Feuer frei. Es ist eine schöne klare Nacht, man kann das Feuerwerk aus den umliegenden Orten sehen und es ist kein bisschen kalt. Um halb eins kommt der erste Besuch des Jahres durch den dunklen Garten. Wir fragen uns, wieso das wohl nicht geläutet hat und stehen so lange, bis die Blagen sämtliches Leuchtzeug in die Luft geschossen haben.

Der Tag danach fühlt sich an, als hätte ich übel gesoffen, dabei hatte ich tatsächlich nur ein Glas Sekt. Feinstaubbelastung durch Feuerwerkt gibt es wirklich. Ich hatte es fast vergessen.

Willkommen 2023!

Weihnachtsgeschichten 22

„Na, schon in Weihnachtsstimmung?“ Keine Ahnung, warum ich das ständig gefragt werde. „Nein, danke der Nachfrage“, wäre die ehrliche Antwort. Dieses Gefühl von nervlich am Ende und nach wochenlangem Wunschlisten abarbeiten aus vollem Herzen keine Lust mehr irgendwas zu konsumieren, hab ich dieses Jahr garnicht. Es geht mir gut. Ich ahne aber, dass die Leute was anderes meinen, wenn sie von „Weihnachtsstimmung“ sprechen und antworte mit unverbindlichem Gemurmel.

Endlich Ferien.

Anscheind bekomme ich jetzt diese Erkältung. Schnupfen und ein Gefühl von Watte im Kopf, weder krank noch gesund, Test negativ, mein Kumpel Ibuprofen hilft bei den letzten Vorbereitungen.

Fürs Protokoll: Das vorhandene Verpackungsmaterial hat locker gereicht für die ungefähr 45 Geschenke verschiedenster Größen, die ich verpackt habe plus alles , was die Kinder selber eingepackt haben. Ich sichte das übrig gebliebene und sortiere einiges Richtung Tonne. Geschenkverpackung bleibt auf der „nicht Einkaufsliste“.

Märzkind hat festgestellt, dass sie nichts festliches zum Anziehen hat. Stimmt leider, wir müssen tatsächlich nochmal los. Ich wappne mich für eine Fussgängerzone vollgestopft mit adventlicher Einkaufsaggression. Wir parken auf der großen Freifläche und laufen die paar Meter, weil ich davon ausging, dass das Parkhaus voll sein würde. Ist es aber vielleicht garnicht. In der Fussgängerzone begegnen uns kaum Leute. Im Klamottenladen sind ausser uns noch drei andere Kunden. Die Verkäuferin hat Zeit und Märzkind findet schnell was. Wir wundern uns. Ist der Ansturm schon durch? Nee, sagt die Verkäuferin, vor Weihnachten sei es hier sehr ruhig gewesen, manchmal war sie alleine, auf der ganzen Fläche. Das hatte ich ehrlich gesagt völlig anders in Erinnerung. Aber – ich gehe ja seit zwanzig Jahren in keine adventliche Fussgängerzone mehr rein, wenn ich nicht muss. Vielleicht passe ich die Strategie nächstes Jahr an. So macht es mehr Spaß als im November.

Heilig Abend lasse ich den Gottesdienst aus und gehe stattdessen mit dem Hund raus. Im Wald höre ich die Kirchenglocken und finde es von hier aus viel weihnachtlicher, als zusammengequetscht auf der Bank sitzend… Gummistiefel aus, Festtagsklamotte an, Lichter an, Geschenke hin und zack sind alle schon wieder da. „Weihnachtsgeschichte, 6 Lieder, fertig“, sagt der Liebste, wie bei Ikea am Buffet. Nach und nach kommen die restlichen Familienmitglieder an. Essen gibt es zum Thema „Österreich“, das wurde vorher ausgelost, jeder Haushalt bringt was mit. Schnitzel, Kartoffelsalat, Käseplatte und Linzer-Torte. Zwölf Leute essen schweigend, anscheind hatten alle Hunger, erst beim Nachtisch beginnen Unterhaltungen, und „haben wir jetzt echt anderthalb Stunden gegessen?“, meine Schwester macht leicht verwirrt einen Uhrenvergleich, jo, den Programmpunkt Gemütlichkeit haben wir so gleich mit erledigt. Bescherung ist ein riesen Gewusel, das soll so. Geschenke wurden gewünscht und mit Liebe gekauft, es gibt aber auch ein paar schöne Überraschungen, man ist zufrieden und fröhlich, wie im Bilderbuch.

Am ersten Feiertag gibt es Essen bei Schwiegermutta an festlich gedeckten Tischen. Wir haben uns alle länger nicht gesehen. Mühsam verkneife ich mir zu bemerken, wie groß die Blagen geworden sind. Ich habe ein sehr nettes Tischgespräch mit dem kleinsten Neffen. Er erzählt mir, welche landwirtschaftlichen Geräte er schon fahren kann und wir überlegen, welche Führerscheine er machen muss, damit er das auch auf Straßen darf. Dauert aber leider noch elend lange, bis dahin, sagt er, darf man ja frühestens mit 15. Er geht in die dritte Klasse. Dorfkind.

Vor der Bescherung braucht es hier ein Gedicht. Wuselig wird es trotzdem, einfach, weil es so viele Leute sind. Kaffee und Kuchen holt sich später jeder selber. Essen im Sessel ist erlaubt. Kurz vor Ende der Feier lässt sich die Oma des Hauses nochmal ganz dicht an den Weihnachtsbaum ranfahren. Andächtig schaut sie eine ganze Weile. Zum ersten mal, seit ich sie kenne hat sie nicht gesagt, dass sie nächstes Jahr nicht mehr da sein wird. Ohoh.

Ein Haushalt hat „Familiengeschenke“ gemacht. Kurz hatte ich ein schlechtes Gewissen, eigentlich bekommen ja nur die Kinder was. Später, zu Hause, stellt sich heraus, die Kinder haben von diesem Haushalt nichts bekommen. Möglicherweise habe ich da unwissentlich eine „wir-schenken-uns-nix“-Absprache untergraben? Nachfrage beim anderen Haushalt. Nein, es gab keine Absprache. Sie haben auch ganz normal Geschenke gemacht und ein Familiengeschenk bekommen. Muss man sich Sorgen um deren finanzielle Situation machen? Nein, da sind sich alle sicher. Wir versuchen es mit Humor zu nehmen, aber ehrlich gesagt fällt das immer schwerer. Wenn diese Art zu schenken Alkoholkonsum wäre, würde man von Auswirkungen auf das soziale Umfeld sprechen.

Am zweiten Feiertag hat die Oma aus dem Städtchen zum Festessen geladen. In diesem Restaurant ziehen wir den Altersdurchschnitt nach unten, man könnte meinen wir sind der Kindertisch. Es gibt sämtliche Weihnachtsklassiker zu essen. Nachtisch schafft niemand und das ist eigentlich schade, wenn man bedenkt, was die Oma hier zahlen wird. Das Buffet war so organisiert, dass man wirklich zusammen essen konnte. Fast alles hat richtig gut geschemeckt. So kann man das mal machen. Danach gucken wir uns den neuen 4D-Film im Nationalparkzentrum an. Das Foto von „alle Familie mit Papp-3D-Brillen auf“ wird wahrscheinlich in die Geschichte eingehen.

Cousinenbabys werden angekündigt, auf beiden Seiten der Familie. Über ein viertes Urenkelkind freut man sich, über ein 17tes auch, aber gelassener.

Pluseinskind geht auffällig unauffällig am Weihnachtsbaum vorbei. Ich gucke nach, grinse und schweige. Erst am Abend fällt es dem Liebsten auf. „Samma, wer hat denn hier?… das kann doch wohl nicht sein…ne Zecken-Kugel??? in unserem Baum??… der Junge traut sich was…“ Mögen die Spiele beginnen.

Der Glatteisregen-Tag

Der Liebste sieht die Elternchat-Nachricht als Erster und guckt mich fragend an. Wegen der Glatteisregen-Warnungen wird morgen kein Unterricht stattfinden, Weihnachts-Wandertag natürlich auch nicht. Von Glatteisregen weiß ich nichts, wir gucken die Spätnachrichten. Jo, da kommt Wetter, die Warnungen sind eindringlich, gut, dass er morgen frei hat. Maikind und Julikind freuen sich. Märzkind klickt sich ratlos von homepage zu hompage. Der Landrat bittet dringend darum, dass alle zu Hause bleiben, die allermeisten Schulen haben schon bekannt gegeben, dass morgen frei ist. Ihre nicht. Deutscharbeit morgen. Was tun? Abwarten.

Am nächsten morgen kurz vor sieben. Eigentlich wollte ich mit dem Hund bis an die Bank, der flitscht aber von der Treppe aus einmal quer durch die Einfahrt. Ich bewege mich vorsichtig bis zu den Mülltonnen, von da aus geht es bergab. Runter wäre überhaupt kein Problem aber, wie ich zurück kommen soll, ist mir ein Rätsel. Der Hund denkt, dieses Wetter wurde zu seinem Vergnügen aufgebaut. Er springt und schliddert fröhlich. Ausnahmsweise darf er in den Garten pullern, bis dahin kann man auch mit zwei Beinen einigermaßen gehen.

Drama gegen halb zehn. Die Schule des Märzkindes sagt, Glatteisregen-Warnungen enden um 11 Uhr, ab dann Präsenzpflicht oder Attest. Das ist ein Scherz, oder? Sonst fällt wegen jedem scheiß Unterricht aus. Märzkind muss diese Deutscharbeit eigentlich mitschreiben, die ist wichtig und nachschreiben wird nicht möglich sein, Weisheitszähne… Pluseinskind würde sie fahren, weil er es kann, sagt er. Der Liebste geht vor die Tür, checkt die Lage und sagt mit seiner Sicherheitsfachkraft-Stimme schlicht „Nein. Niemand sollte bei dem Wetter fahren.“ Ich rufe im Sekretariat an und teile mit, dass eine Teilnahme am Unterricht leider heute wegen der lebensgefährlichen Straßenverhältnisse nicht möglich sein wird. Und das ist kein bisschen gelogen.

Eine Klassenkameradin des Märzkindes kann die Schule theoretisch zu Fuss erreichen. Sie stürzt und verletzt sich. Die Klassenarbeit, die hätte geschrieben werden sollen, wird durch eine kleine Hausarbeit ersetzt. Es waren zu wenig Schüler anwesend. Abgabe bis Freitag. Da sind schon Ferien. Aber – hej – wenn Arbeitnehmer wegen höherer Gewalt ihre Jobs im Büro nicht erledigen können, machen sie die an Urlaubstagen zu Hause, ist doch so, oder?

Der Winterdienst fährt mit Schneeketten. Sonst ist stundenlang niemand unterwegs, noch nicht mal die Pflegedienste, und die kämpfen sich sonst bei jedem Wetter durch.

In jedem Raum ist jemand und ich hab sie auch wirklich alle lieb. Es wären allerdings noch Sachen zu erledigen gewesen, im ganzen Haus verteilt… und heute vormittag hätten eigentlich alle unterwegs sein sollen. Tja. Die Küche ist frei, Plätzchen backen stand auch auf der Liste. Lockdown-Modus.

Am späten Nachmittag schicke ich die Kinder mit dem Hund raus. Als sie wieder kommen ist die Stimmung völlig verändert. So richtig schön geschliddert sind sie, so schön, wenn man ehrlich ist, war es ein bisschen gefährlich, aber, das konnte man sich ja denken, deswegen hatten sie extra ihre Handys nicht mitgenommen, nicht dass da jemand drauf fällt, das war allerdings dann doch schade, weil, das ganze Eis, wunderschön, echt, man hätte tolle Fotos machen können.

KW 49/50 2022, Endspurt

Die anderen: Fahrschule, Vorstellungsgespräch, Einstellungstest mit anschließendem Vorstellungsgespräch, Klassenarbeiten (viele), Termin bei der Studienberatung, Klausurersatzleistungen, Abschlusspräsentation, Schichtplanänderungen

ich: das drumherum und den ganzen Rest

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Es ist noch garnicht richtig hell im Wald. Ein sanftes Nieselregen-Geräusch auf meiner Kapuze, Nebelschwaden wabern den Hang runter und „och guck, ein Steinbock“ sagt die innere Stimme. Äh, hier gibts gar keine Steinböcke. Im Advent lese ich immer was von Astrid Lindgren, Ronja Räubertochter dieses Jahr. Graugnome, Dunkeltrolle, an so einem morgen scheint alles möglich. Ich blinzele zweimal, der Nebelschwaden lichtet sich und da am Hang steht, völlig bewegungslos ein Mufflon-Bock. Real, aber leicht zu übersehen. Der Hund guckt mich fragend an. Alles gut, wir gehen weiter.

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Einlass um 16 Uhr steht auf den Eintrittskarten. Um 16.03 Uhr ergattern wir zwei der letzten etwa 20 freien Sitzplätze auf der Tribüne. Der Veranstalter bittet die Gäste freundlich, doch noch etwas zusammenzurücken, die Treppen müssen nämlich unbedingt frei bleiben. „Möchtest du noch irgendwas?“, frage ich Julikind. Letzte Chance. Nee, diese halbdurchgebackene Laugenstange ohne Salz eben, die habe ihr gereicht, sagt sie. Wir rücken zusammen, bis sich wirklich alle unwohl fühlen.

Sportakrobaten machen den Anfang, wow, das sieht alles aus, wie im Fernseh. Julikind und ich nicken voll Bewunderung. Danach folgen verschiedene Kinderturngruppen, die zu amerikanischen Weihnachtspartyliedern Purzelbäume machen und mit adventlichen Requisiten winken. Eine Gruppe fröhlich tanzender erwachsener Elfen animiert das Publikum zum mitklatschen. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen möchten. Gerade als ich beschließe, dass es wohl für alle am Besten wäre, ich gehe aufs Klo und schließe mich eine halbe Stunde ein, ist die Darbietung zu Ende. Der leicht frustierte, leuchtende Weihnachtsstern der hier durchs Programm führt betritt die Bühne. Ich seufze, so leise ich kann, aber, ganz ehrlich, das halte ich nicht noch eine Stunde lang aus. Immer wenn du denkst es geht nicht mehr…. „meine Güte, können die nicht wenigstens diesen Moderations-Stern weglassen?? Wie lange sollen wir hier denn noch so sitzen??“ In der Reihe über uns sitzt noch ein Grinch. Mein Hirn spielt „you never walk alone“.

Auftritt vom Märzkind war natürlich toll. Märzkind in bester Weihnachtsstimmung. Deswegen waren wir ja da. „Vielleicht können wir ja, wenn wir wieder wissen, wann Märzkind dran ist, im nächsten Jahr, einfach erst eine viertel Stunde vorher kommen“, schlägt Julikind auf dem Weg zum Auto vor. Ich bin ein bisschen gerührt.

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Es war als Veranstaltung geplant, wurde aber ein gemütliches Zusammensitzen. Ein schöner Nachmittag, angenehm adventlich, und das heißt was.

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Anscheind schläft niemand so richtig. Ich liege schon eine Stunde wach und man merkt dem Haus an, dass hier noch andere versuchen, niemanden zu stören. Dieser Vollmond wirkt riesig. Ein Super-Julmond, sagt das Internet. Jo, klingt so, als könnte man dabei nicht schlafen.

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Kalt ist es, auf einmal. Aber so richtig. Plötzlich fühlt es sich an, als könnte bald Weihnachten werden. Wir kratzen eine dicke Schicht Eis von der Flitschbimmel, der Autoinnenraum sieht aus, wie eine Eisköniginnenlandschaft. Das Christkind könnte mal eine Flasche Scheibenenteiser bringen, oder Katzenstreu für den Fussraum oder sowas.

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Leider noch keine Nachricht von den Fenstern, die in KW 45 eingebaut hätten werden sollen.

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Die erste Stunde sei ausgefallen, erzählt Maikind. Die vier, die heute morgen vor Verlassen des Hauses nicht auf den Vertretungsplan geguckt hatten und deswegen unnötig früh zum Unterricht erschienen sind haben sich aus Langeweile mal getestet. Ein Test hatte zwei Balken. Da haben sie alle erstmal doof geguckt und dann dem Klassenlehrer bescheid gesagt. Der hat einen zweiten Test ausgegeben. Wieder zwei Balken. Theoretisch hätte das Mädel bleiben dürfen, mit FFP2 aber, man hat sie gebeten, nach Hause zu fahren, und – natürlich nimmt man da Rücksicht, sagt Maikind und grinst. Drei positive in einer Woche. Der Lehrer, bei dem sie danach Unterricht gehabt hätten ist gerade Papa geworden, und wenn der jetzt Corona bekommen würde, dürfte er nicht ins Krankenhaus zu seiner Frau, da hat man natürlich auch Verständnis. Anzahl der stattgefundenen Unterrichtsstunden an diesem Tag: 1 Rekord. Ein trauriger, finde ich.

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Endlich, zum ersten Mal seit Wochen, sind alle aus dem Haus. Das ist die Gelegenheit, all die Päckchen, die ich immer nur angenommen und irgendwo hin versteckt habe zu öffnen, Inhalte zu sortieren und neu zu verpacken, weihnachtlich, mit Namen versehen, Bestimmungsorten zuzuordnen und wieder so zu verräumen, dass es so aussieht, als wäre nichts gewesen. Tadaa. „Kochst du noch garnicht?“, fragt das Kind, das zuerst nach Hause kommt. Nee, tatsächlich gerade nicht.

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Der Liebste fährt mit den Kindern ins Weihnachtsbaumgeschäft und gemeinsam finden sie den allerschönsten. Zum vierten Advent gibt es eine riesige Pute mit Knödeln und Rotkohl. Gut, dass wir sowieso keine Gans mögen. Da hat die Inflation derbe reingehauen, sagt der Liebste. Pute ist anscheind ein ganzjahres-Tier.

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Ferienvorfreude. Für echte weihnachts Vorfreude fehlt noch ein bisschen Ruhe. Die drei Tage schaffen wir noch.

KW 48/49 2022 hohoho und so

Fazit der diesjährigen Freiland-Gartensaison: Kaum Freude, kaum Ertrag. Das hat so keinen Zweck. Ich fülle einen Antrag auf Mitgliedschaft in der Solawi aus und bin ehrlich. Ich will nix machen. Nur zahlen und Gemüse holen. Drei Tage später ein Anruf. Man freut sich voll und ich kann sofort, ab nächster Woche. Juhu! Ernten ohne Gartengedöns, da freu ich mich auch und erzähle es dem Liebsten. Der freut sich auch, das ist toll, da können wir ja dann mal hin und irgendwas im Garten und auf den Feldern, so mit richtigen Gärntern, kann man bestimmt viel lernen. Och nö.

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Die Weihnachtswünsche sind bescheiden aber speziell, dieses Jahr. Da brauch ich in der realen Welt garnicht anfangen zu suchen. Es ergibt sich ein Zeitfenster zum digitalen Einkauf. Ich möchte bitte, einfach das, was ich suche und wäre bereit, zu zahlen, was es kostet. Wohin ich auch komme brüllen mich blinkende Sonderangebote an. Black Friday. So kann ich nicht arbeiten.

Auf dem kurzen Weg vom Haus bis in den Nachbarort fahre ich an drei Star-Shower Installationen, unzähligen beleuchteten Eiszapfengirlanden und Sternen vorbei. Äh, war da nicht was? Sollte das nicht weniger? Es sieht eher nach „jetzt erst recht“ aus. Wobei, keine aufblasbaren Wintergestalten.

Ein gigantischer Plätzchenteller wird mir an der Tür überreicht. Die Besucherin ist auf dem Weg zu einem Termin, reinkommen möchte sie nicht. Einen schönen ersten Advent! Vielen Dank, wir freuen uns. Kurz den Vormittag neu sortieren. Dieser Programmpunkt war als Besuch angekündigt, ich dachte, wir trinken Kaffe, besprechen vielleicht weihnachtliches…

Nachricht eines Kindes: Wichtelgeschenk, für heute Abend, haben wir was oder muss man dafür jetzt extra in die Stadt? Wir haben was. „Wichtelgeschenk heute“ ist fester Bestandteil der Weihnachtsroutine, wirkt aber wie Magie, wenn man es beizeiten vorbereitet.

Alle Jahre wieder, die Adventskranz-Diskusion mit Märzkind. Sie hätte gern einen opulenten Mischgrünkranz mit dicken Kerzen und winterlich verspielter Dekorationen, die fließend in die Tischdeko übergehen. Dieser Tisch ist die Woche über quasi mein Arbeitsplatz. Wir essen hier, ich lege Wäsche, da will ich nicht jedesmal was wegräumen müssen, was dann woanders genauso im Weg ist und alles vollnadelt. Das Advents-Schwein steht nicht zur Debatte. Märzkind guckt gequält. Niemand hat so ein Schwein. Es sieht aus wie ein Holzklotz mit Ohren. Nee, nee, das ist puristisches Design von einem nordischen Markenhersteller, dieses zeitlose Dekorationsobjekt unterliegt der künstlichen Verknappung. Da musste im Oktober schon entscheiden, wenn du eins kaufen willst, wie bei Lego. Ob wir es wenigstens dekorieren können, fragt Märzkind. Sicher, sage ich und schiebe dem Schwein eine Zuckerstange unter die Schleife in der Körpermitte. Märzkind seufzt.

84 kleine Adventlichkeiten festlich verpackt, Nikolausstiefel befüllt, Süßigkeitenpäckchen für kleine Nikoläuse vorbereitet,ein Vormittag im Städtchen zum „nur“ Geschenke kaufen, Lebensmitteleinkauf, Elterntaxifahrten, Weihnachtskarten gebastelt und geschrieben,Plätzchen gebacken. Mich nach Kräften bemüht, meine Grinchigkeit zu verstecken.

Ach, du, übrigens… im vorbeigehen bekomme ich ein sehr nettes Kompliment zum Blog. Es trägt mich durch den Tag. Vielleicht schaffe ich ihn doch, diesen Advent.

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Maikind ist krank. So krank wie, man erinnert sich eigentlich nicht. Bei Corona ging es ihm besser. Eine Woche verbringt er eingemummelt in Wolldecken mit Wärmflasche in seinem Sessel.

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Eine Lehrerin versucht aus der Corona-Isolation heraus Lernlücken zu schließen. Das ehrt sie, funktioniert aber nur mittel. Julikind ist „vonne Psyche her“ am Ende ihrer Leistungsfähigkeit. Ich auch. Lagebesprechung. Julikind entscheidet, die Karten auf den Tisch zu legen, ich schreibe eine mail. Diese Lehrerin liest ihre mails nicht oft, sagt Julikind. Wir werden sehen. Innerhalb weniger Stunden kommt eine Antwort. Das gefühlte Problem existiert nicht, da sie aber jetzt weiß, was los ist, wird sie sich kümmern. Am nächsten Tag kommt Julikind völlig verändert nach Hause. Die Lehrerin war heute richtig nett und es haben sich noch drei Leute gemeldet, die Probleme hatten. Alles wurde besprochen. Das ganze Drama – einfach weg. Ich kann es kaum glauben.

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Gottesdienstbesuch zur Taufkerzenrückgabe am ersten Advent. Die, die da als Taufeltern mit Kleinkindern und Babys sitzen sind alle ungefähr so alt wie ich. Einen Moment lang komme ich mir uralt vor, dann fällt mir wieder ein, wie toll es ist, große Kinder zu haben.

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Der Außendienstler kommt vorbei, er trägt Dienstkleidung aber für einen Kaffee hat er Zeit. Wir haben uns länger nicht gesehen. Gerade gestern haben wir überlegt, ob die eigentlich im Urlaub sind. Das Gegenteil sei der Fall, sagt der Außendiestler. Vormittags ist er eingesprungen, weil sonst alle krank sind, nachmittags hat er Stromgereratoren an Heizungsanlagen angeschlossen. Ich sammele abgekühlte Plätzchen vom Tisch in die Dose und gucke fragend, „Haben alle Schiss wegen Blackout“, sagt er und gestikuliert, die Dose kann stehen bleiben „und eine Heizungsanlage ist hochkomplexes elektrisches Gerät, die ist empfindlich in ihrer Sinuskurve, wenn man da einen kleinen Baumarkt-Stromgenerator anschließt brennts einem ratzfatz die Steuerungseinheit durch, das wird im Nachgang dann teuer, oder vielleicht auch nicht, denn bei der ganzen Aktion wird die Hauselektrik so gestört dass der FI durchgeht und der löst dann natürlich nicht mehr aus, im Fall des Falles … brennt die Bude einfach ab und wenn die Leute schon Idioten sind, kannste davon ausgehen, dass die mehr Diesel lagern als erlaubt ist… mach mal die Dose zu und nimm sie mit“, sagt er. Ich räume das Spritzgebäck weg, der Liebste bringt Kaffee.

Dorfgruppen-Whatsapp: Im Fall eines Stromausfalls hätte das Internet geschlossen, was für die allermeisten heißt, man kann nicht mehr telefonieren. Sollte der Stromausfall länger als eine halbe Stunde andauern, steht die Feuerwehr im Gerätehaus bereit, man muss halt nur persönlich vorbeikommen und sagen, wo Notfall ist, Adressliste der Gerätehäuser und freundliche Grüße von Bürgermeister und Stadtbrandinspektor. Feine Sache. Darum hatte ich mir ehrlich gesagt null Gedanken gemacht.

De Omma könnte übrigens noch telefonieren. Analoger Anschluss und im Keller steht das gute alte Telefon, mit Wählscheibe, weil sie so schnell die Treppe nicht hoch kann.

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Der Weihnachtsstern an der Laterne strahlt in voller Pracht, alle Birnchen funktionieren dieses Jahr. Sie beleuchten die fallenden Schneeflocken vor dem noch dunklen Winterhimmel. Ich werfe einen Packen Weihnachtskarten in den Briefkasten und halte einen Moment inne. Idyllischer geht es kaum. Wenn man die Tatsache außer Acht lässt, dass ich eigentlich nur hier bin, damit der Hund da hinten an die Hecke pinkeln kann. Wetten? Die erste Karte, die wir bekommen ist von jemandem, den ich vergessen habe.

KW 44-47 vorweihnachtliches

Aus mir völlig unerklärlichen Gründen ergibt sich ein fauler Sonntag auf dem Sofa. Ich muss nix. Der Liebste kocht, danach fährt er mit den anwesenden Kindern eine Runde Fahrrad, den Hund nehmen sie auch mit. Ich gucke irgendwas, lese irgendwas, alles ohne Anspruch. Sehr erholsam. Ein paar Dinge denken sich auf einmal von selber. Wenn in diesem Winter wieder die alten Regeln gelten… was habe ich denn wirklich vermisst? Wenig.

Ein paar Menschen sind mir irgendwie durch die Lappen gegangen, da gab es keine Besuchs- oder Glückwuschroutine, man ist sich einfach hin und wieder begegnet. Ich könnte mal ganz old school eine Geburtstagskarte schicken, und fange an, mich nach der aktuellen Adresse zu erkundigen. Das passe aber gut, sagt die Angeschriebene, da habe sie sich sowieso mal wieder melden wollen. Wenige Tage später sitzen wir zu viert an einer herbstlich dekorierten Kaffeetafeln und wundern uns. Jahre haben wir uns nicht gesehen und jetzt einfach so? Schön ist das. Muss man ja garnicht immer jemanden beerdigen, dafür.

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Der Liebste hat sich eingelesen. Die Apfelbäume, von denen wir seit 10 Jahren ernten, die müssten mal geschnitten werden. Er könnte das und bietet es der Stadt an, sind ja öffentliche Bäume. Man freut sich, will aber erstmal gucken, wer da kommt. Morgens um acht verschwindet der Liebste. Die Mittagspause verbringt die Stadt-Gärtnerin an unserem Esstisch. Sie hatte ein bisschen Angst, dass da jemand mit ner Kettensäge auftaucht, sagt sie. Aber, der Name kam ihr bekannt vor. Der Liebste hat das gut gemacht, er darf die Bäume gern schneiden. Ist immer schön, wenn die Leute sich einbringen, viele nörgeln leider nur. Mit dem Willem, da hat sie oft tagelang Bäume geschnitten im Park…die Königin hat gesagt, wie es gemacht werden soll und er musste es überwachen… ein Grinsen… aber mit dem konnte man arbeiten. Einen kurzen Moment sitzt der Schwiegervatter mit am Tisch. „Dem Willem seiner“ zu sein ist immernoch was wert, in Handwerker-Kreisen.

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Ein Besuch im Staatstheater, nur die Mädels und ich. Peter und der Wolf für Menschen ab 4 Jahren. Wir haben ein bisschen Wartezeit und gucken Leute. Es sind sehr viele kleine Menschen da. Genaugenommen sind meine Kinder die ältesten, stellen wir fest. Die großen Menschen sind entweder auffallend schick oder auffallend Öko.

Das Stück war nicht ganz so, wie gedacht, aber gut, sagen die Mädels auf der Rückfahrt. Die vielen kleinen Kinder waren ein bisschen zu laut, da kann ja keiner was für. Vielleicht suchen wir das nächste mal was für Große aus. Theater war deutlich günstiger als Kino, wobei, die zwei Stunden Autofahrt eingerechnet dann doch nicht.

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Der Fachlehrer, der die Abschlussarbeit des Maikinds betreut, bestellt ihn zur Besprechung ein und schickt ihn direkt wieder weg. Kann alles so bleiben wie es ist, Folien machen, fertig. Juhu. Wir hatten garnicht so Lust auf die Nacharbeiten und sind stolz. Ja. Wir.

Funfact zum Thema „die Hausarbeit wird nicht gesondert bewertet“. Es hat sich tatsächlich jemand getraut, nichts abzugeben. Alle wissen, dass der zu seinem Thema jederzeit einen 10 minütigen Vortrag halten kann, bei Bedarf länger. Zahlen, Daten, Fakten alles im Kopf. Er hat erst eine 6 bekommen, dann eine Fristverlängerung. Man fragt sich verschiedenes.

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„Das hat er nur auf der Sachebene verstanden. Du musst dein Anliegen konkret formulieren“, sagt Märzkind zu mir und beißt von ihrem Brot ab. Wir sind alle lebende Beispiele für die angehende Sozialarbeiterin. Aber mir ist tatsächlich gerade selber klar geworden, dass die Frage „Hast du schon mit deiner Mutter über Weihnachten gesprochen?“, zu keinem Ergebnis führen wird. Ich formuliere also neu. „Bitte erkundige dich bei deiner Mutter nach ihren Weihnachtsplänen, damit wir uns richten können. Es gibt Terminanfragen“ „Aaaahhh sooo“ sagt der Liebste. Zwei Tage später erhalte ich die Info: erster Weihnachtstag. Mein Fehler. Die korrekte Formulierung wäre gewesen: Bitte erkundige dich bei deiner Mutter wann sie wo wie Weihnachten feiern möchte, und ob wir etwas mitbringen sollen.

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Die Oma aus dem Städtchen kommt vorbei. Das ist ungewöhnlich. Sie hat gute Nachrichten. Diese seit neun Jahre andauernde Nerv-Sache ist zu einem guten Ende gekommen. Die hatten wohl gehofft, dass sie vorher stirbt, ist sie aber nicht, deshalb bekommt sie jetzt endlich Geld ausgezahlt. Davon will sie uns einladen, alle, zum Essen, am zweiten Feiertag. Das freut mich, wirklich, es liest sich auch ganz toll, was da auf dem Restaurantzettel steht, aber, wir hatten uns fest vorgenommen nie wieder an Weihnachten essen zu gehen. Vielleicht geht da noch was? Die Oma hat ja zwei Wochen später Geburtstag. Ich wage den Versuch. „Nee, ist ja nicht an Weihnachen“, sagt sie fröhlich „ist doch der zweite Feiertag. Ihr kommt zu sechst.“ Ähm. Kurzer Blick zum Liebsten, der grinst und zuckt unauffällig mit der Schulter. Tja dann- kommen wir gern. Aber für das Pluseinkind kann ich nicht garantieren. „Sechs Leute sind gemeldet“, sagt die Oma.

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Laut der Beschilderung können und kosten diese Drucker alle ungefähr das Gleiche, wahrscheinlich ist es egal. Nach einer viertel Stunde auf und ab laufen vor dem Regal entscheide ich mich für irgendeinen, suche die passenden Patronen und stelle mich an der Kasse an. Vor mir warten schon zwei Kunden. Alle gucken suchend in den Elektromarkt, dann schauen wir uns gegenseitig fragend an. Ist überhaupt Personal hier? Man weiß es nicht. Fünf Minuten später taucht jemand auf. Das war knapp. Ich hatte gerade entschieden, diesen Karton hier stehen zu lassen und mir einen im Internet zu bestellen.

Im Klamottenladen hätte ich nur eine Kleinigkeit zu bezahlen. Die Dame an der Kasse ist völlig überfordert, man sieht es eigentlich schon von Weitem. Nach fünf Minuten im Wartebereich hänge ich das Teil zurück. Man möchte keine Umstände machen.

Mehr Zeit einplanen und mehr Nerven, nehme ich mir vor. Mal gerade nebenbei geht garnichts, diesen Advent.

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Maikind: „Wieso eigentlich schon Weihnachtsmarkt? Ist das nicht immer kurz vor Advent?“

Ich: „Nächste Woche ist Advent.“

Maikind: „Oh“

Auf dem örtlichen Weihnachtsmarkt werden die Portionsgrößen ausgewogen, dieses Jahr, es gibt keine Feuertonne und keinen Heizpilz – was aber auch daran liegen könnte, das es letzte Woche noch fast zwanzig Grad wärmer war. Man steht so mit Leuten, im Winter. Das ist auch mal wieder ganz nett.

KW 43/44 2022, Hintergrundrauschen

Wir waren nicht nur reif für Ferien, wir hatten die Schnauze voll, man muss es so sagen. Die kurze Strecke von Sommerferien bis hier hat sowas von gereicht. Die Blagen verschwinden sofort nach Schulschluss in ihren Zimmern. Stille auf dem Flur, kein K-Pop Gedudel, keine kryptischen online-Spiel-Gesprächsfetzen, kein Duftkerzengeruch. Nix wollten sie machen, in den Ferien. Einfach mal garnichts. Läuft anscheind.

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Mittags um halb zwölf bemerke ich beim Wäsche aufhängen, dass im Nachbarhaus noch alle Rollläden geschlossen sind. Das muss natürlich nichts heißen, aber ich hab ein seltsames Gefühl und schreibe die Nachbarin an. Nach einer Stunde keine gelesen-Häkchen, keine Antwort. Nachricht an die Dame der Diakonie, ich gehe davon aus, die Nachbarin ist im Urlaub – Fragezeichen. Antwort nach wenigen Minuten. „Nein – wieso?“ Das Telefon klingelt. Wir reden kurz. Wie viele Nachbarn kann man denn wohl tot auffinden, ohne sich verdächtig zu machen? Es ist nur halb lustig. Der Sohn hätte sich wohl gemeldet, wenn sie nicht ans Telefon gegangen wäre, davon gehen wir einfach mal aus. Eine Stunde später sind alle Rollläden geöffnet. Die Nachbarin bedankt sich für die Nachfrage, dass wir uns Sorgen machen, hätte sie garnicht gedacht. Den Rest der Woche hält ihre normalen Rolllädenzeiten ein.

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Winterschuhe. Winterjacken. Winterreifen. Holz. Post vom Energieversorger. Kostenvoranschläge für Klassenfahrten. Zahnarztrechnungen. Einmal tief durchatmen und sich einfach freuen, dass das alles geht. Urlaub hatten wir ja sowieso noch nicht geplant.

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Nachmittags werde ich von jetzt auf gleich kurzatmig. Keine Idee, was der Auslöser gewesen sein könnte. Hab ich Corona? Nee, fühlt sich nicht so an. Ich lade Allergiemedikamente nach und denke nicht mehr drüber nach. Später fahre ich das Julikind zur Freundin. Auf dem Weg dahin fällt mir ein Trecker auf, der Grasschnitt einsammelt, das erklärt alles, ist aber ein bisschen verrückt, Ende Oktober.

Im Supermarkt steht ein Aufsteller mit Fanschminke. Einen Moment stehe ich davor und wundere mich, dann fällt es mir wieder ein. Ist ja noch WM. Drei Meter weiter steht die Schokoweihnachtsmänner-Armee.

Der Baum vor dem Haus wird geschnitten, es ist fast noch T-Shirt Wetter. An den dünnen Ästen sind schon Knospen, bei einer Linde, Anfang November.

Wir haben alle Jahreszeiten gleichzeitig.

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Ich müsste nochmal in die Stadt, bevor der Advent eskaliert, also jetzt. Ich schreibe eine Liste. Der Liebste braucht auch Sachen, wir fahren gemeinsam. Ein Männerklamotteneinkauf ist schnell erledigt, er weiß was er braucht und fährt in den Laden, wo man es kaufen kann. Wir sind die eizigen Kunden, der Verkäufer hat Zeit, es dauert kaum eine halbe Stunde. Genauso lange stehen wir anschließend zu zweit im Spielzeugladen vor dem Regal, bevor wir gemeinsam entscheiden, dass wir das heute nicht entscheiden können. Es soll ja schon der beste Bagger von allen werden. Die Auswahl überfordert uns. Beim nächsten mal hinkommen, einen nehmen, Kasse, so der Plan.

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Maikind bekommt eine Absage auf seine Bewerbung, mit dem Hinweis, dass noch Ausbildungsplätze frei wären in zwei anderen Berufen, die sehr gut zu dem passen würden, was seine Zeugnisse und Praktia über ihn erzählen. Wir lesen nach, wir denken nach. Ungeahnte Möglichkeiten.

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Wir gehen bowlen, alle fünf, ein Ferienevent. Das Ferienevent, um genau zu sein.

Beim Liebsten klingelt das Telefon, er geht ran, und verschwindet nach wenigen aufgeregten Sätzen in den musikfreien Waschraum. Oh oh. Wir fragen uns gegenseitig, wer das denn wohl war, am Telefon. Die Arbeit. Kurzfassung: „Aus Trafohäuschen hochgegagen, das wars für dies Jahr“ wird innerhalb weniger Stunden „Sprinkleranlage hat ausgelöst, dieses Wochenende frei“. Alles gut.

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Der Liebste stellt fest, dass seine Frisur im hinteren Bereich nachgelassen hat. Weiß ich doch, kein Problem – also, für mich nicht. Man kann das aber nicht in nett sagen. Er wird die Haare ab jetzt wachsen lassen, teilt er mir mit. Ich weise ihn darauf hin, welchem Familienangehörigen er dann vorraussichtlich ähnlich sehen wird, reine Fürsorge. Tagelang ist die Stimmung gedrückt, da muss noch was anderes sein. Das Frage/Antwort Spiel beginnt. Ich erkundige mich nach dem Gesundheitszustand der Schwiegermutter, der Schwiegeroma, frage beiläufig ab, ob er von seinen Kumpels mal wieder was gehört hat und lande einen Treffer. Der Kumpel, der seinem Herzen am nächsten steht ist zu Hause ausgezogen. Frau, Kinder, Hund, Haus… es fühlt sich tatsächlich ein bisschen an, wie ein Trauerfall.

„Schweinefleisch ist im Angebot und ich hab morgen einen Werkstatttermin“, sagt der Liebste beim Frühstück. Ich gucke fragend, sehe keinen Zusammenhang. Er greift zum Telefon und bestellt für morgen Vormittag 10 kg Schweineschulter. Ich nutze das regionale Fragewort in der Tonart, die sich zeitgleich nach Vorhaben und mentaler Gesundheit erkundigt „Hä?“ „Pulled pork“ sagt der Liebste, einmal für uns und einmal für die alten Herren. Aha.

Am frühen Abend mariniert in allen großen Töpfen und Brätern die dieser Haushalt besitzt das Schwein. Der Liebste kommt fröhlich aus dem Keller. „Whiskey oder Bier?“, fragt er. „Was du für angemessen hälst“. Wir sitzen gemeinsam auf dem Sofa und trinken auf die, die das nicht mehr können, also, gemeinsam auf dem Sofa sitzen. Grüße, von Herzen, auch wenn ich offiziell garnichts weiß. Der Liebste hat die verbliebene Wartezeit für einen Friseurbesuch genutzt. „Sieht gut aus, die neue Frisur“, sage ich und meine ich. Er murmelt irgendwas zu sich selber.

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Kurz vor Mitternacht komme ich aus dem Bad. Unten auf dem Flur, eine fröhliche Unterhaltung in diesem gebrüllten Flüsterton. Märzkind und Pluseinskind waren im Stadion. Durch die verschlungenen Wege des Internet habe ich ein kurzes Video gesehen, in dem das Pluseinskind aus vollem Herzen jubelt, großes Kino. Ich rufe ein verschlafenes „oleeoleeeee“ die Treppe runter. Märzkind freut sich, dass noch jemand wach ist. Julikind kommt dazu, denn die ist um diese Zeit hellwach, Pluseinskind kommt aus der Küche, will wissen, wann denn das Fleisch im Ofen…. leider erst morgen früh, dann noch in den smoker… wenn das hier so riecht, dann kann er aber garnicht schlafen, tja, muss er durch, Julikind hat das Pluseinskind-Jubel-Video auch gesehen, „nnnnnaaarh“, sagt das Pluseinskind, was isn los da draußen, fragt der Liebste… Alltag. Sonst nichts.

KW 42/ 2022

Ich werde wach, mit dem Gefühl, verschlafen zu haben. Ein Auto nach dem anderen fährt durch den Ort, es muss kurz nach sieben sein. Es ist aber erst fünf, sagt der Wecker. ‚Die Baustelle, das ist ab heute‘, meldet ein verschlafener Gedanke. Wir wohnen dann wohl jetzt an einer Durchgangsstraße. Daran muss man sich erstmal gewöhnen. Aber, verglichen mit den Umständen, die die haben, die sonst an der Durchgangsstraße wohnen ist das leicht.

Märzkind kommt rein, wirft den Rucksack ins Zimmer, nimmt zwei Helme und geht direkt wieder raus. Ich gucke fragend. „Ach so, hallo“, sagt sie. Sie muss kurz ihre Freundin nach Hause fahren. Die wohnt zwei Orte weiter. Unter diesen Bedingungen hätte sie mit dem Bus eine Stunde länger gebraucht. Mit dem Moped sind es 10 Minuten.

Ein Kumpel des Maikindes nutzt die Ersatz-Busverbindung und braucht zwei Stunden für die 4 km lange Fahrt zur Schule im Nachbarort. Am nächsten Tag steigt er einfach in den Bus für Grundschüler, der darf eine andere Strecke fahren. Mittags läuft er nach Hause.

Man fragt sich verschiedenes.

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Nach zwei Stunden Feinschliff an der Hausarbeit mit Maikind und einer Stunde Mathearbeitsblatt mit Julikind fühlt es sich an, als hätten wir homeschooling Tag gehabt. Die Blagen müssen auch mal raus, entscheide ich. Wir gehen die Hundrunde zu dritt. Vom Feldweg aus kann man sehen, dass der Verkehr auf der Straße sich allmählich staut. Drei Autos halten hintereinander, auf jeder Seite, das ist ungewöhnlich, was könnte da wohl los sein? Wir bleiben stehen und gucken. Rinder laufen neben der Straße, Galloways, die fügen sich wunderbar in die Landschaft, aber vor dem Auto will man sie lieber nicht…vielleicht müssten wir mal den Landwirt… irgendwer hat schon. Ein Pickup kommt die Straße lang und wird von den Tieren schon am Geräusch erkannt. Fröhlich begleiten sie das Fahrzeug, dahin zurück wo sie eigentlich sein sollten. Der Stau löst sich auf. Für 5 Minuten war mal richtig was los.

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Abends um kurz nach neun kommt Maikind ins Wohnzimmer. Da fehlt noch eine Seite, bei seiner Hausarbeit, die muss dazu, das hat er nicht gewusst, wie machen wir dass denn jetzt? Wir nehmen den USB-Stick mit der Arbeit vom Märzkind, und fahren zur Oma hoch. Denn natürlich hat pünklich zwei Tage vor Abgabetermin unser Drucker endgültig den Geist aufgegeben. Während die Ukraine es schafft aus dem Krieg raus ihre in Europa verstreuten Schulkinder mit online Unterricht zu versorgen, fahren wir hier abends um halb zehn durch die Gegend, um eine Arbeit auszudrucken, die morgen als Papierversion abgegeben werden muss. Über Sinnfragen sind wir lange hinaus, wir arbeiten den Irrsinn einfach ab.

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Die Freundin und ich laufen den örtlichen Premium-Wanderweg, in Etappen. Wir lassen uns im übernächsten Ort absetzen und beginnen diesen Wandertag in dichtem Nebel. 20 Meter weit kann man gucken, in jede Richtung, Geräusche aus dem Ort werden leiser, irgendwo in der Nähe schlagen Kühe Alarm. „Wasserfass leer, wahrscheinlich“, murmelt die Freundin, sie kennt sich aus. Der Nebel verzieht sich und nach guten zwei Stunden machen wir Frühstückspause. Kaffee trinken im strahlenden Sonnenschein auf einer Bank am rauschenden Bach, buntes Laub fällt auf uns herab, idyllischer könnte es kaum sein. Eine Eichel stürzt senkrecht nach unten und verfehlt knapp meine Kaffeetasse. Warum waren wir hier eigentlich noch nie, fragen wir uns? Man weiß es nicht.

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So, nachdem mir die Omma über den Sommer etwa 18 mal gesagt hat, wie dringend die Brombeeren geschnitten werden müssen und mir im Detail gezeigt hat, welcher Ast wo wie…, ich mich über youtube rückversichert habe, dass das auch wirklich so geht und es an diesem Oktobertag sonnige 25°C sind, schneide ich mit Hilfe des Julikinds die Brombeeren. Abends ruft die Omma an. Ich habe es falsch gemacht. Totale Eskalation. Ich entschuldige mich aufrichtig, denn ich hatte wirklich nichts Böses im Sinn, im Gegenteil. Tja, das hilft nun auch nichts mehr, nie wieder wird da etwas wachsen. In der dritten Runde der Schimpftirade ist sie sich sicher, nie gesagt zu haben, die Brombeeren müssten geschnitten werden. In meinem Kopf macht irgendetwas ganz leise *klick*. Plötzlich wird mir klar, dass dieses „man müsste mal Genörgel“ für mich ab jetzt nur noch ein Geräusch sein wird. Ich lege auf, werfe das Telefon auf Sofa, packe zwei Wolldecken drüber und atme einmal tief durch.

Am nächsten Vormittag ruft sie wieder an, um mir mitzuteilen, dass sie mir nicht böse ist. Ach was. Das freut mich zu hören, aber zukünftig braucht sie mich wegen irgendwelcher Sachen ums Haus nicht mehr fragen. Ich bin raus. Da ist sie wiederum überrascht. Maikind verdient sich nachmittags 10 Euro. Äpfel abmachen, für die Omma.

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Beginn der Herbstferien. Endlich.