Sie habens geschafft

Vor ziemlich genau vierzehn Jahren, da war das Märzkind wenige Monate alt, ist uns klar geworden, dass wir eine Generation aufgerückt sind. Das Kind würde älter werden und wir natürlich auch. Sicher würde diese neue Generation einen Weg finden, uns zu schockieren. Mit irgendetwas noch nie dagewesenem. Wir würden am Tisch sitzen und murmelnd mit den Köpfen schütteln. Aber – mal ehrlich – was sollte das sein? Uns ist damals nichts einfallen.

Auf einer Geburtstagsfeier trägt eine vierzehnjährige eine weite kurze Jeans, deren Bund knapp unter dem Rippenbogen endet. Das Tshirt in Überweite hat sie oben in den Hosenbund gesteckt. Komplett, nicht nur auf einer Seite ein bißchen. An den Füßen schwarze dicke Socken in Saunalatschen. Ich finde es gut, dass nicht alle diese Mega-make-up trends mitmachen und klapperdürr sein wollen. Aber diese Mode ist irgendwie auch extrem. Sie bemerkt meine Blicke. Stolz weist sie mich auf ihre neuen Adiletten hin und freut sich sichtlich darüber. Ich bin mir sicher, dass das hier so ein pubertäres Ding ist und in Klamottenfragen bin ich nicht so leicht zu schockieren.

“ Trägt man darin nicht eigentlich weiße Tennissocken?“, scherze ich. Also, ich dachte ich scherze, aber ich werde anscheind ernst genommen.

Naja, räumt sie ein, eigentlich schon. Im kleinen Städtchen seien aber leider keine weißen Tennissocken mehr zu bekommen gewesen. Im Nachbarstädtchen auch nicht, ergänzt ihre Freundin. Da seien sie nämlich extra noch mit dem Zug hin gefahren. Ich bin mir immernoch sicher, das ich vereiert werde.

„Dann fehlt dir aber noch so ein speckiger Hut und vielleicht noch ein Fotoapparat an einem Band um den Hals.“ Neben mir grinst eine Mutter-Kollegin. Die beiden vierzehnjährigen sind völlig aus dem Häuschen: „ja, das wäre geil“

Ich schüttle mit dem Kopf und frage mich, wieso um alles in der Welt, hübsche junge Frauen absichtlich so aussehen wollen, wie Opas auf dem Campingplatz. Ganz leise natürlich.

Und da wird mir klar, es ist soweit. Sie haben es tatsächlich geschafft.

Erdbeerkakao

Es ist später Vormittag, in einem kleineren Supermarkt.

Ich bin erst seit einigen Wochen Kundin hier. Der bisherige riesige Stamm-Supermarkt optimiert sich seit Monaten, und hat so seinen einzigen Vorteil verspielt. Ich habe schlicht keine Lust, jede Woche bei Null anzufangen, weil die Regale neu sortiert wurden. Für mich ist einkaufen Teil des Jobs, ich komme wegen Hunger. Nicht um bei Dudelmusik an Regalen entlang zu schlendern.

Heute steht Erdbeerkakao auf dem Einkaufszettel. Ich bin mir nicht sicher, ob es den hier gibt. Vermutlich am ehesten im Themenbereich Kaffee. Gegenüber vom Kaffeeregal gibt es den Bereich „was man in Getränke einrühren kann“. Ich trete zwei Schritte zurück und scanne das Angebot.

Eine Frau steht jetzt direkt neben mir. Auf den ersten Blick geht sie auf die siebzig zu, würde ich sagen. Aber ihre Augen strahlen und sie lächelt so schelmisch, dass sie auch Mitte zwanzig sein könnte.

„Sie machen das ja genau wie ich“, sagt sie “ von hier hat man den besseren Überblick, stimmt’s?“

„Stimmt, genau“, antworte ich, “ nach was suchen Sie denn?“

“ Kaffeemilch. Diese winzig kleinen Tetrapaks, kennen Sie die?“

“ Ja, ich weiß, welche Sie meinen, die hab ich hier schon gesehen. Ich glaube, die sind im Themenbereich Milch“

“ Ach. Ja. Das ist eine Idee. Was suchen Sie denn?“

“ Erdbeerkakao“

“ Oh, na dann“ , sagt sie und nickt im Gehen einmal kurz „Waidmannsheil“

Ich nicke ebenfalls kurz, „Waidmannsdank“

Und, siehe da, zwei Fächer unterhalb vom Würfelzucker finde ich ihn, den Erdbeerkakao. Nur von einer einzigen Firma im Angebot, angeordnet in nur einer einzigen Reihe. Keine weiteren Entscheidungen notwendig, so kann ich arbeiten.