Erste Juliwoche

Vor den Sommerferien sind es immer mehr Termine als sonst, das ist normal. Normal ist ungewohnt. War das wirklich nur eine Woche?

Wir haben einen Geburtstag und zwei Konfirmationen gefeiert.

Der Liebste und ich haben einen Baumarkteinkauf erledigt, für Reperaturen, die noch nicht dringend waren, aber in absehbarer Zeit dringend werden könnten, vermutlich an einem samstag um 18 Uhr…

Nach erfolgreicher Fehlersuche habe die Steuererklärung abgeschickt, und mir selber auf die Schulter geklopft

Ein Starkregenereignis kam aus dem Nichts. Der Liebste war joggen im Feld. Kurz habe ich mir Sorgen gemacht, aber alles gut. Zum Keller wischen war er wieder da.

Märzkind und Maikind hatten ihre ersten Impfungen.

Ich hatte eine spontane Enkel-Taxi-Fahrt. Arzttermine kann man nicht verschieben, sagt de Omma.

Eine Elterntaxifahrt mit Einkauf während der Wartezeit

Zweimal offizielle GGG-Nachweise besorgt, Hinfahrt – Wartezeit- Rückfahrt.


Leider darf jeder nur drei Leute mitbringen, das Maikind verzichtet zugunsten der kleinen Schwester. Sie freut sich sehr, aber man muss ihm nicht danken, er geht eh lieber mit dem Hund raus…

Ballkleider und Anzüge, eine echte Sängerin, Zuschauer in Festtagskleidung, die Abschlussfeier des Märzkinds ist richtig feierlich. Es ist eine Gefühlsmischung aus „wo sind diese 10 Jahre geblieben“ und „endlich“. Das letzte Jahr war ein ganz besonderes, zum Glück versucht niemand ernsthaft das schön zu reden. Alle Redner fassen sich kurz. Zeugnisausgabe mit viel Applaus. Vor der Halle werden jede Menge Fotos gemacht, dann fahren schon die nächsten festlich gekleideten Familien vor. Aus Gründen findet diese Veranstaltung heute dreimal hintereinander statt.

Abends feiert das Kind auf einem Sportplatz mit den Klassenkameraden. Für die Eltern wurde eine Gegenparty geplant. Bis Mitternacht sitzen wir am Lagerfeuer und tauschen homeschooling-Geschichten aus. Die Geschichten ähneln sich, das tut gut.


Samstag nachmittag klingelt es an der Haustür. Märzkind und ich sitzen gerade am Tisch, sie ist eben erst aufgestanden und noch in Schlabberklamotte, ich bin schon in Schlabberklamotte. Besuch. Wer rechnet denn mit sowas? „Ich muss mich kämmen“, sagt das Kind und verschwindet. Ich mache die Tür auf und freue mich. „Die sehen genauso aus wie wir, kannst wieder rauskommen“, rufe ich dem Kind nach. Der Außendienstler und seine Frau gehören zum Lockdown-Freundeskreis. Zu viert sitzen wir im Garten und trinken Tee, alle in Jogginghosen, ganz normal.

man freut sich

Die Chance schätzt er auf 30%, aber ich soll doch bitte zwischen 14 und 17 in der Nähe des Telefons bleiben. Ich habe sowieso im Haus zu tun. Eine Stunde später klingelt das Telefon. Eine fröhliche Frau infomiert mich, dass WieeinOnkel mich auf die Nachrückerliste hat setzen lassen. Da sei eben eine Dose Biontech frei geworden, wenn ich die nehmen wollen würde und innerhalb der nächsten Stunde da sein könnte. Ja, ich will, und sicher, kann ich.

Ein Blick in die Küche zeigt, dass ich damit nicht wirklich gerechnet hatte. Kann alles warten. Ich ziehe mich um und melde mich bei den Kindern ab. Der Liebste kommt von der Arbeit und bietet an mich zu fahren, wer weiß… Parken, das richtige Haus finden, Zettel ausfüllen, kurz warten, Impfi, kurz warten. Das war`s. Nach einer guten Stunde sind wir wieder zu Hause. Ich freue mich. Es war kein Impfneid, ich hatte echt Schiss, gestehe ich mir ein. Drei Kinder in vollbesetzten Klassenräumen ohne Maske…

Der Liebste freut sich auch, schüttelt aber den Kopf. Da bin ich einfach so, mitten im Leben, vom Betriebsarzt einer Firma, in der ich garnicht arbeite, geimpft worden. Der offizielle Termin für ihn, aus Priogruppe drei, im Impfzentrum ist erst morgen.

Der Tag nimmt seinen Lauf. Um halb zehn treffen wir uns fröhlich, aber total platt, auf dem Sofa wieder. Der Liebste hatte sein erstes football-Training seit, ja seit wann eigentlich?, ich hab Impfkater. Die Symthome sind ähnlich. Eine Flasche Wasser wäre schön, wir schauen uns an. Niemand von uns wird deswegen extra aufstehen.

Ich bin am nächsten Nachmittag wieder fit. Der Liebste bekommt sein Impfi in einen Arm voller Muskelkater, tja.


Ein spontaner Freibadbesuch, mitten in der Woche. Es ist kaum was los. Toben, rutschen, tauchen die Kinder sind wie Kühe, die nach dem Winter das erste mal auf die Weide kommen. Der Kiosk hat geschlossen, ich gehe eine halbe Stunde vor den Kindern raus und kaufe schnell noch was ein, für´s Abendessen. Zwei Kilo Pommes und ein Kilo chicken nuggents werden an diesem Abend restlos aufgegessen.


Abends gegen elf wird es leise im Haus. Allmählich gewöhnen sich die Kinder wieder einen Tag/Nachtrhythmus an. Das Konzept von Schule und Hausaufgaben am gleichen Tag, das überzeugt leider nicht mehr so richtig.


De Omma hat in wenigen Wochen Geburtstag. Die Fenster auf dem Dachboden müssen vorher geputzt werden, selbstverständlich werden in dem Zuge auch die Gardinen gewaschen. Das Gras im Hühnergarten muss gemäht, das Beet vor dem Haus bepflanzt werden. Sie verteilt munter Aufgaben. Jeder ist mal dran. Hochbetagten-Parties sind anstrengend.


Der Honig ist abgefüllt, etikettiert und, wir überlegen kurz – verkauft. Jetzt muss der Sommer noch was bringen. Ein Nachbar- Neuimker hat ebenfalls innerhalb von drei Tagen seine gesamte Ernte verkauft. Er wundert sich. Der Liebste sagt, er hatte es ihm ja gesagt, ab der dritten Saison muss man das Schild abmontieren. Das lockt sonst Kunden an.


13°C und Regen, für die morgendliche Hunderunde brauche ich definitv eine Jacke. Wäre nicht alles so schön grün, es könnte auch Ende September sein. Andererseits, in den Nachrichten sehe ich Bilder aus Kanada, die haben es gerade 46°C. Wenn ich dran denke, wie wir nach den paar Tagen mit über 30°C drauf waren…


Fussball-Europameisterspiel gegen England. Die Jungs kommen an den Tisch, obwohl das Spiel noch läuft. Alles klar. Die Stimmung ist gedrückt. Märzkind und ich übernehmen die letzen Minuten auf dem Sofa, vielleicht schießen sie ja doch noch ein Tor. Wir könnten ein bisschen „oooohhh, ohhh“ sagen und dann fake-Jubeln, schlage ich vor „Das wäre zu gemein“, sagt das Märzkind. „Och guck, da neben David Beckham sitzt Ed Sheeran“, sage ich. Das Märzkind erkennt natürlich Ed Sheeran, aber David Beckham? Noch nie von dem gehört. In solchen Momenten altere ich. Das Spiel wird abgepfiffen und „guck, der Ed, der freut sich jetzt aber“, man wirft uns finstere Blicke zu.

Lockerungs-Übungen

Seit November gelten Lockdown-Regeln, sie sind Teil unseres Alltags geworden. Dass alle wieder täglich zur Schule gehen können erschien uns vor ein paar Wochen noch als unerreichbar. Jetzt dürfen sie auf dem Schulhof wieder ohne Maske rumlaufen, ab morgen sogar ohne Maske im Unterricht sitzen. Die Masken werden nur noch auf den Fluren und im Bus gebraucht. Es fühle sich seltsam an, alle „so nackt“ zu sehen, sagen die Kinder.

Kickboxen findet wieder statt, Chearleading findet wieder statt, das Maikind macht eine Fahrradtour mit mehreren Freunden, man darf wieder einfach so in alle Geschäfte, sich mit Leuten treffen, das Freibad hat geöffnet… es ist kaum zu glauben.


Endlich passt alles. Die Zahlen sind nicht nur bei uns gut, sondern in Thüringen auch. Wir bekommen Besuch. Die Hunde kennen sich nicht, wir treffen uns auf neutralem Boden. Der Hund muss erstmal üben, Gäste zu haben. Die kleinen Menschen brauchen nur 10 Minuten um sich wieder aneinander zu gewöhnen, die pubertierenden Menschen brauchen einen Moment länger. Vorsichtig erkundige ich mich bei dem mitgereisten Teenager, für was er sich denn interessiert. „Essen, zocken, Schwimmbad, Fahrrad fahren“ Ein Schwimmbad haben wir nicht in der Nähe, aber der Rest ist haargenau das, wofür sich das Maikind auch begeistern kann. Die zwei verschwinden.


Mitten in der Nacht werde ich wach und frage mich wieso. Der Liebste scheint auch wach zu sein, mehr oder weniger. Mit einer Hand wedelt er über seinem Wecker. Der projiziert erst die Uhrzeit an die Decke, beim zweiten Wedeln die Temperatur. 26.6°, aha, so fühlt es sich auch an. Alle Fenster sind auf, die Türen auch, es müsste quer lüften, aber die Luft bewegt sich nicht. Ich döse wieder ein, schlafen kann man das nicht nennen, eine halbe Stunde später kraschpelt es über mir. Ist da jemand auf dem Dachboden? Morgens um halb drei? Lieber mal gucken. Das Märzkind kommt mir entgegen. Sorry, aber sie musste den Ventilator holen, Pluseins krepiert sonst gleich. Verstehe, alles gut. Gerade, als ich dachte, jetzt schlafe ich aber gleich wirklich ein, flackert das Licht vor dem Fenster. Um diese Zeit dürfe da kein Licht sein, vor dem Fenster, und was ist das eigentlich für ein Geräusch? Gewitter, meldet der wache Teil meines Gehirns, aber so richtig. Es ist noch weit weg, aber ich stehe auf und ziehe alle Stecker am Computer des Maikinds. Die Fenster mache ich auch lieber zu. Das nächste mal werde ich davon wach, dass eine Windböe die Gardine ins Zimmer weht, der Liebste war anscheind nach mir nochmal wach, und wollte die Zugluft nutzen.


Die Kinder sind in der Schule, der Liebste hat Frühschicht, da kann ich mal ganz in Ruhe wohnen. Das ist die Gelegenheit. Die Steuererklärung, sie wartet auf mich. Ich habe die Zertifikatsdatei aktualisieren lassen, ich habe die Belege gesucht, ich habe den Zettel mit dem Passwort gefunden. Es gibt keine Ausrede mehr.

Siehe da, wenn man nebenher nicht noch andere Sachen suchen/finden/unterschreiben/erlauben/kochen soll, dann ist es eigentlich schnell erledigt. Das Ergebnis der Probeberechnung schockiert mich. Das ist doch wohl nicht sein. Ich kontrolliere meine Angaben und murmele Kraftausdrücke dabei. Ich telefoniere. Die Steuerfachkraft meines Vertrauens sagt auch, das kann nicht sein, da müssen wir nochmal gucken, ich bin erleichtert. Die Frist endet übrigens erst Ende Juli, nicht nächste Woche.


Elterninfos kommen wieder auf Papier. Einmal Klassenfahrt Phantasialand, zahlbar in bar, bitte in einem Umschlag mit Name drauf, einmal Klassenfahrt Phantasialand bitte überweisen aufs Schulkonto, einmal Wandertag zum Riesen-Spielplatz – 2,50Euro für den Bus zurück mitgeben, einmal Ausflug zum Disc-Golf, die Einverständniserklärungen im unteren Bereich des Zettels jeweils unterschreiben, abschneiden und dem zugehörigen Kind mit passend abgezähltem Geldbetrag aushändigen. Die Infos in den Muttizetteln unterscheiden sich, ich google die Einreisebestimmungen vom Phantasialand nach und trage alles in den Kalender ein.

Ich wette: Sollten die Schulen im Herbst nochmal schließen müssen, wird uns der Distanzunterricht wieder in der gewohnten Qualität angeboten werden.


Etwas nachdenklich sitzen wir abends um halb sieben am See. Die Honigernte war in zweieinhalb Stunden erledigt. Das hat Vor- und Nachteile.

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Frisch Getratschtes: Der neue Teilzeitnachbar hat da dieses Gartenprojekt, er hatte es doch wirklich im Detail erklärt, es wurde schlampig umgesetzt. Er ist enttäuscht. Ich überlege, ob ich mal andeute, dass die Hecke nicht schalldicht ist.

Das AS-Taxi kam spät, das ist nicht weiter schlimm, das Märzkind hat ein mediteranes Zeitgefühl, aber gewundert hatte sie sich doch. Die Fahrerin habe sich entschuldigt, es ging nicht eher. Der Vatter vom Kurt hat Geburtstag, und, wann wird schon mal jemand 92? Das muss man doch feiern, gerade in diesen Zeiten. Deswegen ist der Kurt heute in Frankfurt, und sie fährt zwei Linien, dass muss eben mal einen Tag so gehen. Das muss es, dafür haben alle Verständnis. ( Der Kurt fährt normalerweise die AS-Taxi-Route vom Städtchen bis hier – bei jedem Wetter)

to do

„Ich weiß garnicht, wann ich zuletzt in einem Geschäft drin war“, sagt das Julikind. Stimmt, ich auch nicht. Wir geben Kontaktdaten an und dürfen dann einfach so rein. Der Liebste geht mit dem Maikind in, welche Abteilung auch immer kurze Hosen in seiner Größe verkauft, das Julikind und ich gehen in die Kinderabteilung. Winterjacken, Bademode, im Moment kann man alles haben. Die Liste ist lang, denn es passt so gut wie garnichts mehr. In anderthalb Stunden holen wir ein halbes Jahr „Konsumausgaben“ nach.


Den Einschulungs-Einkauf damals habe ich gemacht, Bleistift mit Glitzersteinen, rosa Kunstmappe, es fühlt sich noch garnicht so lange her an. Den Abschlusseinkauf übernimmt der Liebste, eine winwin Situation. Das rosa Ballkleid liegt trotz Reduzierungen ein mü über dem angedachten Budget, aber toll ist es, keine Frage. Außerdem spendiert der stolze Papa eine Palette Atra Rakete Gigant (*Werbung, wobei, ganz ehrlich, ich rate ab), damit das Märzkind am Samstag das Ende der Prüfungswoche feiern kann. In echt. Mit Freunden.


Libuse Safrankova (tut mir leid, die kleinen Striche fehlen, ich glaube, meine Tastatur kann gar kein tschechisch) ist verstorben. Wir kannten sie natürlich nicht, aber die Anteilnahme ist groß. Unser Aschenbrödel. Kann man ruhig auch mal im Juni gucken, den Film, findet das Märzkind.


Ich rufe innerhalb der Geschäftszeiten an und die Leitung ist frei, es klingelt. Es ist nicht mein erster Versuch, das wollen wir doch mal sehen, denke ich. Nach dem zehnten Klingeln meldet sich eine Dame, die sich ganz offensichtlich gestört fühlt. Gut so. Ich schildere mein Anliegen, sie kann mir wenig Hoffnung machen, in dieser Sache, ist aber bereit, mich zu verbinden, mit der zuständigen Kollegin. Ich schildere mein Anliegen, die Kollegin sagt, „das das ja alles jetzt langsam wieder los gehe“, wann genau, das wisse man aber leider noch nicht, sie könne mich da auf eine Warteliste setzen. Ich weise darauf hin, dass das Kind diese Bescheinigung bis zum Beginn des Praktikums benötigt. Mein Ehrgeiz verwirrt sie. Sie erkundigt sich nach dem Betrieb, nimmt Daten auf. Also, wenn das so ist, da sei sie recht zuversichtlich, dass das noch vor August möglich sein werde. „Ganz ehrlich, Ihre Zuversicht ist mir da ein bisschen wenig“, sage ich und erkundige mich, ob es noch andere Möglichkeiten gäbe, an so eine Bescheinigung ranzukommen. Leicht angenervt sagt sie, ich könne es mal im Nachbarkreis versuchen, ob ich dann jetzt nicht auf die Warteliste will? Doch, will ich.

Nachmittags gebe ich mal „Gesundheitsamt Nachbarkreis“ in die Suchmaschine ein. Nur so. Siehe da, es gibt eine Internetseite, mit einem Button für „Belehrungen nach §42 §43 Infektionsschutzgesetz“. Wegen der aktuellen Situation werden die im Moment nicht als Präsenzveranstaltung angeboten, sind aber als online-Veranstaltung buchbar. Terminauswahl. Klick. Nächste Woche von Montag bis Freitag zwischen 8.00 und 20.20 Uhr, was darf`s denn sein? Klick. Daten angeben. Bestätigungscode senden. Gebühr überweisen. Hat alles in allem eine viertel Stunde gedauert. 5 Minuten davon hat das Märzkind überlegt, welchen Termin sie möchte.


Der Mohn hat in den letzten beiden Jahren jeweils einen Tag geblüht. Der traurige Rest der Pflanze hat mich den Sommer über so vorwurfsvoll angeguckt, dass ich sie letzten Herbst ausgebuddelt habe. Sie steht jetzt in einem Teil des Gartens, den ich vom Fenster aus nicht sehen kann. Der Mohn blüht prachtvoll, dieses Jahr, seit einer Woche schon.


Diese Woche, sie nimmt kein Ende, man meint, es müsste Freitag sein, mindestens, aber nein, es ist tatsächlich erst Dienstag. Das sind ja jetzt noch drei Tage, es ist noch nicht mal die Hälfte geschafft. Wie hat man das früher ausgehalten, man weiß es nicht mehr.

Die Kinder hatten zwei Schultage hintereinander. Ehrlich gesagt, ich habe auch so ein Freitagsgefühl. Die Woche ist zäh.


„Am Wochenende war hier die Hölle los“, sagt der Mann im Häuschen am Erdbeerfeld, wir sollen es mal in diese Richtung versuchen. Viel ist tatsächlich nicht mehr dran. Zu zweit pflücken wir eine Stunde. Es ist nicht so viel wie wir eigentlich wollten, aber es reicht für die 20 Gläser Erdbeermarmelade, die wir brauchen. Das ganze Haus riecht nach Erdbeeren.


Ein Anruf wegen dieser Zahnbaustelle, es geht nicht voran und mich würde interessieren warum. Ich habe jetzt einen Sachbearbeiter mit einer Durchwahl, damit ich nicht durch`s callcenter muss, nächstes Mal. Läuft.


Der Teilzeit-Nachbar aus der Großstadt hat ein outdoor-Projekt. Er hämmert in unregelmäßigen Abständen auf irgendetwas aus Metall. Zwischendurch diskutiert er mit einer weiteren Person darüber, wie man besten auf irgendetwas aus Metall hämmert. Ich frage mich, ob ihm bewusst ist, dass der halbe Ort ihn hören kann, einige vermutlich sogar sehen, er arbeitet unter Flutlich, abends um halb elf. Nur weil es leise ist, im Ort, heißt das nicht, dass niemand da ist.


Man sieht wieder mehr Flugzeuge. Den tiefblauen Coronahimmel, die Fernsicht und die Sonnenuntergänge werde ich vermissen, wenn wieder alle jederzeit überall hin fliegen können.


Vereinssport darf wieder stattfinden. Wie sehr das gefehlt hat, merkt man erst jetzt so richtig.

Das Märzkind muss vor dem Training einen Selbsttest machen, das ist kein Problem, die werden im Moment für 80 cent verkauft, ich bringe welche mit. Die Gruppe vom Julikind wird draußen trainieren, man wird sich vorerst nach dem Wetter richten, was die Termine angeht.


Verabredungen, Termine, Einladungen, in den nächsten drei Wochen ist hier mehr los als bisher im ganze Jahr. Schön, einerseits, andererseits kann ich es kaum glauben, nach so langer Zeit.

Hallo Juni

Ich habe im Garten gesessen, einen ganzen Nachmittag lang. Ich habe ein Buch fertig gelesen. So fühlt sich also Freizeit an. Ich nehme mir vor, dass mal wieder zu machen, es tut gut.

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Drei Tage hintereinander Gewitterluft. Eine Unwetterwarnung ploppt auf, 40l pro Regen Quadratmeter scheinen möglich. Oh ha, da lege ich aber mal eben die Sandsäcke vors Kellerfenster. Ich hatte mit Spott gerechnet, wenn man mich dabei sieht. Statt dessen geht zweimal ein Fenster auf und mir wird Hilfe angeboten. Niemand hat Lust, den Keller zu wischen.

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Ein nettes Telefonat mit der Gastgeberin der Pension in der Nachbarschaft. Monteure sind sehr angenehme Gäste. Wenn da irgendwann wieder Touristen kommen sollten, vielleicht muss man die Preise anpassen. Die Kalkulationen gehen nicht mehr auf. Touristen benehmen sich nicht mehr wie Gäste. Natürlich nicht alle, aber doch viele.

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Mehrere Pakete mit Computerbauteilen sind angekommen, das Maikind ist im Zimmer verschwunden. Ein Teil ist defekt. Er probiert hin und her und dann ist er sich sicher, das muss zurückgeschickt werden. So ein Pech, er ist genervt. Ich muss einen digitalen Rücksendeschein ausfüllen. Er diktiert mir in aller Selbstverständlichkeit, was ich in das Feld für die Fehlerbeschreibung reinschreiben soll. Ich habe ehrlich keine Ahnung, was das bedeutet. Ob er sich sicher sei damit, erkundige ich mich. Er erklärt mir, warum das nur so sein kann, ich nicke und sage „okeee“. Es fühlt sich immernoch so an, als würde ich einen Eimer Druckluft reklamieren wollen.

Innerhalb weniger Tage kommt Ersatz und alles läuft. Große Freude.

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Plötzlich und unerwartet gehen die Inzidenzzahlen auch bei uns nach unten. Ab nächster Woche wird das Julikind wieder Präsenzunterrricht haben, jeden Tag, mit der ganzen Klasse. Das Märzkind in der Woche darauf auch. Ironischerweise ist das dann die Woche nach den schriftlichen Prüfungen. Noch eine Woche später wird das Maikind…das glauben wir dann, wenn es soweit ist.

Das Märzkind wird ein Kleid brauchen, für den Abschluss.

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Kaffee trinken mit der Omma. Der neue Hund ist durchs Beet mit den Stiefmütterchen gelaufen, Drama. Die Orchidee blüht, da muss ich gucken. Ich interessiere mich nicht für Zimmerpflanzen, aber ich schaffe es nervlich wieder eine viertel Stunde „ah“ und „oh“ zu sagen. Solange dauert die Tour entlang der Fensterbänke.

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Das Julikind snackt im 2 Stunden Takt. Die Hose, die vor zwei Wochen noch gepasst hat, ist eindeutig zu kurz. Mehrmals am Tag haut sie sich irgendwo an. Das ganze Haus passt ihr nicht mehr. Als fürsorgliche Familie nehmen wir natürlich humorvoll Anteil. Jeder hat im Haus eine „verdammtescheißEcke“, an der alle anderen immer einfach so vorbeigehen, ohne sich je anzuhauen.

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Viertel nach acht. Man müsste was hören. Es tut sich aber nichts. Ich klopfe, keine Reaktion. Ich gehe rein, alles dunkel. Ein Wuschelkopf erhebt sich vom Kissen und schaut mich fragend an. „Ähm, Schule? Jetzt.“, sage ich. Oh. Das sei aber kein Problem, denn es sind noch zehn Minuten Zeit. Nee, sind`s nicht, es ist schon zweite Stunde, und das heißt, der Bus fährt in fünf Minuten. Zwei Minuten später kommt das Kind ins Esszimmer gestolpert, greift sich im Vorbeilaufen die Brotdose und erwischt tatsächlich den Bus. Respekt. Beim Mittagessen fällt mir allerdings was auf. „Samma, du warst nicht in deiner Schlafi-Hose in der Schule, oder?“ Das Kind grinst. „Wieso, haben alle gesagt, sieht voll stylisch aus, und warum ich die nicht öfter anziehe.“ Ich schüttele mit dem Kopf und murmele. Nächste Woche sind Prüfungen, bis dahin schaffe ich es noch.

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Pluseins hilft beim Mathe-Lernen. Die Lage scheint ernster zu sein, als man uns gesagt hat, denn sie lernen wirklich. Da ist sie wieder, diese Aufgabe, mit dem Kapitän, der vom Schiff guckt, und man soll berechnen wie weit. Mit`m Sinussatz macht man das, alles ganz logisch, einfach lösbar.Tja, wenn sie meinen. Ich freue mich. Vor allem darüber, dass ich das nicht können muss.

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Ich hätte da mal eine alltägliche Sache beim Gesundheitsamt zu erfragen. Leider rufe ich außerhalb der Geschäftszeiten an. An einem Montag nachmittag, um kurz vor vier, während einer Pandemie. Naja, so dringend ist es nicht, aber ich denke eben gerade jetzt dran, und wer weiß, ob ich das nochmal tue, bevor es wirklich dringend wird. Bestimmt gibt es noch irgendeine andere Möglichkeit der Kontaktaufnahme. Ich klicke unmotiviert auf der homepage rum und finde nichts. Ab heute ist die Impfpriosierung aufgehoben, wenn ich schon mal da bin, könnte ich mich im Impfzentrum registrieren. Nö. Die Nachrückerseite pausiert. Man habe da noch 8000 Leute aus der Priogruppe 3 zu versorgen, die noch keinen Termin haben, alle anderen werden um Geduld und Besonnenheit gebeten. Tja, da kann ich dann wohl nur hoffen, dass das lange genug gut geht.

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„zu verschenken“ Wir stellen an einem sonnigen Tag ein paar Teile vom Dachboden an die Straße. Der Abschied fällt ein bisschen schwer. Nur weil man es die letzten Jahre nicht benutzt hat, heißt das ja nicht, dass man es zukünftig nicht mehr brauchen wird, das Julikind seufzt. Wir einigen uns darauf, alles was heute Abend noch steht wieder rein zu holen. Es dauert nicht mal eine Stunde, bis alles weg ist. Das Julikind freut sich. Was könnten wir denn noch hinstellen?

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Normalerweise würden wir spätestens jetzt Honig schleudern, aber da braucht man noch gar nicht dran denken. Es ist ein verrücktes Jahr.

Sonst so

Wenn man die Inzidenzzahlen von allen Landkreisen in Deutschland vergleicht, liegt unserer auf Platz neun. „Das klingt doch gut“, das Julikind. Leider nein. Platz eins ist, wo es am schlimmsten ist. Oh.

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Wir werden zu einer Geburtstagsfeier eingeladen. Ganz ehrlich, ich plane doch nicht wochenlang eine fast kontaktlose Familienfeier, um dann eine Woche danach zu feiern, als gäbe es keine Pandemie. Wenn wir draußen sitzen können, gern, ansonsten – nein. Der Liebste erkundigt sich, nach dem geplanten Ablauf. Ach, ja, da war ja was, das hatte man nicht bedacht. Aus einer großen Feier werden vier kleinere gemacht, notgedrungen. Kopfschüttelnd frage ich mich so einiges.

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Nachfrage beim Hausarzt, ich würde mich gern registrieren lassen, für eine Impfung. Sicher, gern. Ob ich denn in die Priogruppe drei falle. Nein. Habe ich irgendein erhöhtes Risiko. Ja, allergisches Asthma und drei Schulkinder. Natürlich schreibe man mich damit in die Liste, aber, „ich sag Ihnen wie es ist, vor September brauchen Sie mit nichts zu rechnen, probieren Sie es lieber auch im Impfzentrum über die Nachrückerliste“. Im Impfzentrum kann ich noch nicht mal ein Formular zur Registrierung öffnen.

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Die Abschlussarbeiten werden in der Turnhalle geschrieben werden. Coronatests sind an diesem Tag ausnahmsweise freiwillig, damit auch diejenigen an der Prüfung teilnehmen können, für die ein Test ein unzumutbarer Eingriff in die medizinischen Selbstbestimmungsrechte wäre. Negativ getestete dürfen am Platz die Maske abnehmen. Das wäre bei einer vier Stunden dauernden Prüfung durchaus angenehm. Sollte der Test positiv ausfallen, dürfte man natürlich nicht mit allen anderen in der Halle sitzen. Der Nachprüfungstermin ist 10 Tage später. Eine Quarantäne würde allerdings 14 Tage dauern. Die Schule hatte auf Nachfrage bisher keine Idee für ein was-wäre-wenn-Szenario. Das Märzkind überlegt, am Prüfungstag keinen Test zu machen, ausnahmsweise.

Die Abschlussklasse wird Unterricht haben, bis zum Ferienbeginn, wurde angeordnet. Niemand weiß wieso. Eigentlich war der Plan, dass die 10ten nach den Prüfungen zu Hause bleiben damit die neunten Klassen mehr Präsenzunterricht bekommen können, denen fehlt ja auch ein Schuljahr.

Die Hoffnung, dass man eventuell noch einen gemeinsamen Tagesausflug machen könnte, wird allmählich zu Grabe getragen. So schnell werden die Zahlen nicht sinken. Das Abschluss-highlight wird vorraussichtlich ein Pizzaessen mit der ganzen Klasse im Großgruppenraum.

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Schwiegermutter hat über den Winter Ahnenforschung betrieben. Ein Zweig des Stammbaumes reicht zurück bis 1652. Ich bin beeindruckt. Sie winkt ab, das war nur das, was sie so aus den Unterlagen im Haus zusammentragen konnte. Bestimmt geht da noch was, wenn man sich ernsthaft damit beschäftigen würde. Zwei der Vornamen unserer Kinder tauchen, in Varianten, über die Jahrhunderte immer mal wieder auf. Witzig, ich hatte keine Ahnung.

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Der Vatta hat endlich wieder einen Hund. Lange, lange hat er gesucht und dann, fast zufällig den passenden gefunden. Alle freuen sich mit.

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Normalerweise überlegen wir ja um diese Zeit, wie wir die Geburtstagsfeier des Maikinds mit dem Honig schleudern unter einen Hut bekommen. Dieses Jahr ist das ganz einfach. Eine große Geburtstagsfeier wird es nicht geben und die Honigräume waren Mitte Mai noch nicht mal angefangen. Ich trage morgens bei der Hunderunde noch die Winterjacke.

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Das Maikind wird 14. Meine Güte, waren wir nicht gerade noch beim Kinderturnen? Jetzt warten wir, dass die Bitcoin-Blase platzt, damit diese eine Grafikkarte wieder günstiger wird. An diesem Tag ist keine Schule. Eine Uroma kommt zum Frühstück, Großeltern plus eine andere Uroma zum Kaffee, eine Tante zum Abendbrot.

Die normale Feier mit 20 Leuten im Haus vermisse ich kein bisschen.

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Frisch Getratschtes: Im Nachbarort geht ein Nachbarschaftsstreit in die nächste Runde. Geklagt wird wegen einer Thuja, die zu nah an der Grundstücksgrenze steht. Sie hat eine gewisse Größe erreicht und stört den Satelitenempfang, mutmaßlich wurde das schon bei der Pflanzung beabsichtigt. Dieser Nachbar hat aber in der Werkstatt einen kleinen Ofen stehen und das dazugehörige Ofenrohr entspricht nicht den Richtlinien, daran hätte er besser mal denken sollen, vorher. Sehr unterhaltsam, wenn man weit genug weg wohnt./ Die Hundewelpen aus der Nachbarschaft werden für 2900Euro angeboten. Wahnsinn./ Die Oma aus dem Städtchen macht nächste Woche Urlaub, endlich.

Beobachtungen

Das Maikind kommt nicht in den online Unterricht rein. Nicht in die erste Stunde, nicht in die zweite, wir kontrollieren das Wlan und das Endgerät, der Fehler liegt nicht bei uns. Ein Klassenkamerad wird über whattsapp informiert und sagt bescheid. Am nächsten Tag genau die gleiche Geschichte. Soll ich mal in der Schule anrufen? „Wieso“, fragt das Maikind, „es wissen doch alle, dass es nicht funktioniert.“ Von den 13 Stunden Distanzunterricht sind diese Woche vier Stunden ausgefallen, in drei Stunden konnte er sich nicht einwählen. Da hat doch fast die Hälfte stattgefunden, sagt er. Das Problem liegt in meiner Erwartungshaltung.

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Das Julikind soll Kristalle züchten. Zu diesem Zweck wurde eine Zuckerlösung angerührt. Ich bin nicht gut in Naturwissenschaften, habe aber schon oft Zuckerlösungen gekocht. Mit diesem Rezept können da keine Kristalle wachsen. Vielleicht wurden verschiedene Rezepte verteilt und es ist Teil des Plans, das da bei manchen nichts passiert? Das Julikind beobachtet seit zwei Wochen den im Glas hängenden Wollfaden und dokumentiert den Stillstand. Heute ist endlich was passiert. „Vielleicht ist es eine Falle? Ich schreibe gleich: Zwei tote Fliegen schwimmen oben drauf.“, sagt sie.

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„Geht?“, erkundigt sich der Liebste nach fünf Minuten Actionszene am Stück. Die Schnittmenge der Filme, die wir zusammen gucken ist klein. „Jo geht. Es ist eine Mischung aus Indiana Jones und Disneys Vaiana, ich frage mich gerade wer sich sowas wohl ausdenkt.“ Der Liebste sagt, mit Vaiana habe das rein garnichts zu tun, hat er sich eigentlich gedacht, das man das mit mir nicht gucken kann. Spoileralarm: Am Ende des Films kauft Lara Croft ihre Pistolen.

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Ein Kaffeetrinken mit Großeltern und pluseins gilt als Party. Danach gemütliches Beisammensein mit vier Freunden im Gartenhaus. Das Märzkind läuft den Rest des Wochenendes fröhlich summend und singend durchs Haus. Räumt ganz von selber den Partykram auf und gleich noch das Zimmer. Dieses lebensfrohe, ausgeglichenen Kind, ich hatte es schon vergessen.

Das Mutterherz bekommt einen Eindruck davon, wie schlimm dieser lockdown wirklich ist, und möchte eigentlich heulen. Aber natürlich freue ich mich mit, dass das noch gepasst hat, mit dieser kleinen Party.

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In Kassel war eine Anti-Corona-Demo mit 6000 Leuten genehmigt, irgendwo am Stadtrand. Statt dessen ziehen 20000 Leute mitten durch die Stadt, viele davon ohne Masken, ohne Abstände. Es stört mich. Die Polizei ist da leider toleranter.

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Der Lockdown wird verlängert bis 18. April. Keine Reisen in den Osterferien, Gastronomie und alle anderen Freizeiteinrichtungen bleiben geschlossen, Kontaktbeschränkungen gelten, Gottesdienste bitte nur online. Nach Mallorca fliegen, das geht.

Herbst

Die erste Hunderunde der Saison in dichtem Nebel. Man sieht etwa 100 Meter Weg vor sich, Nebelschwaden ziehen darüber hinweg, den Waldrand am Ende der Wiese kann man erahnen. Der Hund legt mir bestens gelaunt die Frisbee vor die Füße. Ich bücke mich, um sie aufzuheben, genau in dem Moment höre ich ein Rascheln in der Hecke neben mir. Hufe treffen auf dem Feldweg auf.

„Der kopflose Reiter“, meldet das Hirn, „was sonst?“ Mein Herz setzt einen Schlag aus. Während die eine Hirnhälfte versucht, sich zu erinnern, was der kopflose Reiter eigentlich tut – hatte der ein Schwert? – ich weiß es nicht mehr, meldet die andere Hälfte, dass das unmöglich Perdehufe gewesen sein können. Das Geräusch war viel zu klein. Ich drehe den Kopf und sehe einen ziemlich großen Rehbock über die Wiese laufen. Der hat sich auch erschreckt. Vorwurfsvoll schaue ich Richtung Hund. Das er sich nicht für Wild interessiert ist eigentlich sehr angenehm. Aber im Vorbeigehen mal kurz in die Richtung schnuppern könnte er doch schon, finde ich. Der Hund guckt zurück: Wirfst du jetzt die Frisbee, oder was?

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Zimmer tauschen ist ein bisschen wie umziehen.

„Haben wir keinen Drucker mehr?“

„In der Speisekammer, auf dem Froster“.

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Der Liebste holt noch vor der Schicht das neue Bett des Märzkindes ab und stellt die Einzelteile in der Garage ab. Die Kinder und ich bekommen es ohne Anleitung und ohne Streit aufgebaut, wir wundern uns.

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Alle Kinder bekommen neue Herbstklamotten. Keine bauchfreien Pullis, dieses Jahr. Alle zwanzig Minuten sollen die Klassenzimmer für drei Minuten gelüftet werden. Da wird es nie warm sein, diesen Winter.

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Ein Beherbergungsverbot wird ausgesprochen, wegen der steigenden Coronazahlen.

Nun läuft eine Buchung zu „touristischen Zwecken“ normalerweise so ab: Ich bekomme ein Anschreiben von zwei oder drei kurzen Zeilen von demjenigen, der gern kommen würde. Dazu zeigt mir das System an, wie viele Personen und aus welcher Gegend, beispielsweise Nordrhein- Westfalen oder Amsterdam. Dann muss ich die Anfrage annehmen oder ablehnen. Erst nach Bestätigung bekomme ich eine Telefonnummer der Gäste angezeigt. Ich habe also in diesem System gar keine Chance, vorab festzustellen, ob meine Gäste aus einem Risikogebiet kommen. Bei Anreise müsste ich mir dann wohl den Personalausweis zeigen lassen, checken, ob ich die Leute reinlassen darf und im ungünstigsten Fall direkt wieder nach Hause schicken, oder wie hatte man sich das gedacht?

Monteure dürfen beherbergt werden. Egal woher sie kommen.

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Eine kleine Unachtsamkeit hatte zur Folge, dass wir mal diese Kruschel-Schublade in der Küche, in der alles drin ist, was man so täglich braucht, komplett ausgeräumt haben (um alles abzutrocknen). Wenn man das ganze Zeug dann so rumliegen sieht fällt auf, so ganz dringend braucht man das allermeiste davon eigentlich gar nicht. Die Schublade ist jetzt nur noch halb so voll.

Meine Führerscheinprüfung hat übrings 252 DM gekostet, die Quittung hab ich noch.

Irgendwas erwischt dich

„Sonst ist nix mehr da?“, der Liebste deutet auf ein paar Panadekrümel in der Pfanne. „Kartoffelbrei ist noch da und etwa 15 Erbsen“, ich wundere mich selber. „Wieviel hattest du denn gemacht?“ Das waren 30 Fischstäbchen, Kartoffelbrei von anderthalb Kilo Kartoffeln/800ml Milch/halbes Stück Butter und 600g Erbsen dazu. Tja, gut, da hätte er aber auch gedacht, das reicht, sagt der Liebste und holt sich ein Glas Blutwurst zum Kartoffelbrei.

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Wo wir immer die Milch holen, denen ihr Oppa, begegnet mir im Vorbeigehen auf dem Hof. Er erkundigt sich, wie es unsrer Oma im Städtchen geht. Gut, soweit, man sieht sie allerdings fast nie, weil sie ziemlich Angst hat, sich den Virus zu fangen.

Jo, das kann er verstehen, es ist ja auch ziemlicher Mist das alles. Andererseits, also, man muss es natürlich nicht rausfordern und ein bisschen Vorsicht ist nicht verkehrt, aber, er werde nächste Woche 81. Da muss man doch auch mal ehrlich sagen, er hat sein Leben gelebt. Wer ist denn früher 81 geworden? Niemand. Und seine Generation hatte es gut, sagt er. Als Krieg war, waren sie noch klein, und danach ging es immer nur bergauf. Es war nicht immer leicht, das nun nicht. Aber er sei dankbar und irgendwann erwische einen eben irgendwas. Wir unterhalten uns über verschiedene Todesfälle im Dorf, was einen so alles erwischen kann. Einschlafen und Zitat „wenn du wach wirst, bist du tot“, wäre ihm persönlich am Liebsten.

So ein Gespräch hätte es am Kühlregal nie gegeben.

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Ich gebe die alljährliche workbook Bestellung auf. Eigentlich sind die vom letzten Jahr noch gut. Fast neuwertig.

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Wenn man die Masken wirklich bei 60°C wäscht und das öfter, sind sie relativ schnell fertig. Außerdem werden mehr gebraucht. Mittlerweile hat jeder ein Modell, das passt. Das Julikind hilft mir beim Bügeln und näht die geraden Strecken. Geteiltes Leid ist halbes Leid, so richtig gern näht niemand hier Masken. Die extra dafür angeschafften stylischen Stoffpaneele ändern daran nichts. Eigentlich werden die Modelle aus alten Blusen sogar schöner.

Die Schule, auf die Cousinen und Cousin gehen schließt, erstmal nur Montag, dann für die ganze Woche. Erst halte ich das für übertrieben, nur weil da ein Lehrer Kontakt zu irgendwem hatte… nee, war doch besser so.

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Die Katze aus der Nachbarschaft braucht einen Termin beim Tierarzt, das sagen alle, seit Wochen. Zum einschläfern. Das zu sagen traut sich keiner. Die Katze ist ein Kamerad, eine Erinnerung an die Zeit, als es noch besser lief. Wenn die Katze weg ist, ist er der nächste…

Die gute Seele, die sich zweimal in der Woche durch den Katzenhaushalt kämpft spricht mich an, ob wir vielleicht einen größeren Karton hätten? Etwa so groß, das da eine Katze reinpassen würde? Die Katze , frage ich nach. Ja, die Katze. Die gute Seele ist im Namen des Pflegedienstes da und hat Schweigepflicht. Wir kennen uns schon lange, und sie weiß, das ich sowieso weiß. Ich suche einen Karton und stelle ihn vor die Tür.

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Vormittag im Städtchen: Rezept holen, Apotheke, Schuh zur Reparatur abgeben, Brille richten lassen, Schuh abholen, Getränke holen, kleiner Lebensmitteleinkauf

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Auf dem Heimweg läuft die Katze über die Straße, im Ort steht die Polizei. Beides merkwürdig, aber schnell vergessen.

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Am frühen Abend bekomme ich einen Anruf, die gute Seele erzählt mir, aber das hat sie natürlich nie gesagt, das der Katzenhaushalt ihr gerade den Putzeinsatz für Montag abgesagt habe. Die Begründung klang dermaßen spektakulär, dass man es eigentlich nicht glauben kann, manchmal vereiert der einen ja auch, ob ich bitte mal einen Blick auf den Katzenhaushalt werfen würde, zur Sicherheit. Ich stelle fest, dass niemand da ist. Sehe am späten Abend aber Licht, alles scheint normal.

Am nächsten Tag erfahre ich, dass, während ich im Städtchen war, quasi direkt hinterm Haus Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei im Einsatz waren. Die spektakuläre Geschichte stimmt. Anscheind hatte die Katze noch ein Leben übrig.

Ein Job

Unter diesen Bedingungen ist die Aula mit 16 Kindern plus Eltern voll. Herzliches Willkommen im Namen der Schüler, der Schulleitung, des Klassenlehrers und Gottes Segen. Elterninfos wegen Essen, Hausaufgabenbetreuung, Klassenaufteilung, kein Tanz, keine Musik, alles auf Abstand. Halbe Stunde, fertig. Das Kind kommt dann einfach mit dem Bus nach Hause. Normalerweise hätte sich die Veranstaltung den ganzen Vormittag gezogen. Man darf es natürlich nicht zugeben, wenn Einkindeltern dabei sind, aber so ist es durchaus angenehm.

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Bücher werden eingeschlagen, Schnellhefter besorgt und Vokabelhefte in irgendwelchen Formaten, ein ausreichend langer gelber Buntstift gesucht, Muttizettel unterschrieben, Bestellungen zur Kenntnis genommen, Bargeld in Umschläge gesteckt, die Sporthose gesucht, Brotdosen gefüllt, die Pflaumen geerntet, das Motorrad des Liebsten braucht Ersatzteile, wenn er jetzt selber nicht da ist, dann soll ich mal sagen…, Elterntaxifahrten im Normalbetrieb, der Hund muss raus und um halb zwei möge ein Mittagessen auf dem Tisch stehen, was leckeres, es kommt ein Gast direkt nach der Schule…

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„Sag mal Mama, willst du dir eigentlich auch mal wieder einen Job suchen?“, fragt das Julikind mich abends beim Zähne putzen.

Oh mein Kind, ich hab einen.

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Ein Sommerabend zum wegtuppern. Sowas braucht man, wenn der November endlos grau ist.

Irgendwo hat es anscheind geregnet und irgendwer hat einen Damm gebaut, im Flüsschen. Das Maikind und das Julikind legen sich mittenrein. Es ist fast wie schwimmen gehen.

Es wird doch merklich früher dunkel, und auch recht schnell. Auf dem Rückweg kann man eigentlich nicht mehr sehen, wohin man tritt.

Fledermäuse machen überhaupt kein Fluggeräusch, man erschreckt sich die ersten drei Male, wenn sie einem so um den Kopf rum fliegen.

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Samstag Abend trinken der Liebste und ich ein Feierabend Bier im Garten. 12 Nachtschichten am Stück waren das für ihn, für mich der Rest.

Im Nachbarort gibt es einen Open Air Kinoabend. Anscheind stehen die Lautsprecher in unsere Richtung, wir verstehen jedes Wort. Liegt vielleicht auch daran, dass der Wald dazwischen nicht mehr ist, überlegen wir. Aus der anderen Richtung kommen Partyhits der frühen Neunziger, Geräusche der Geselligkeit aus der Ortsmitte. Ah, die Ferien sind rum. Man darf die Partyplätze wieder mieten.

Die Wechselschicht Wochen sind immer anstrengend, aber diesmal noch mehr als sonst. Wir haben keine Reserven mehr. Nur so sitzen ist schön.

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Dieser Klappstuhl-Gottesdienst wurde geplant, als Gesang noch verboten war, entschuldigt sich der Pfarrer. Seit dieser Woche seien zwei Choräle zu je zwei Strophen erlaubt, aus dem selbst mitgebrachten Gesangbuch allerdings nur, versteht sich. Ein Raunen geht durch die Gemeinde. Fragen bleiben offen. Wie lang darf denn eine Strophe wohl sein? Was passiert, wenn jemand versehentlich die dritte Strophe ansingt? Muss man das melden? Wem? Wird es gesundheitliche Auswirkungen haben? Was bedeutet das für den Standort Deutschland? Man muss es mit Humor nehmen. „So klappt zusammen und gehet hin in Frieden, möchte man sagen, aber das wäre natürlich nicht angemessen. Wir machen das schon anständig“, sagt der Pfarrer. Wir gehen mit Maske bis vor den Zaun und unterhalten uns dort ohne, über den Transport von Campingstühlen in Kleinwagen.