Irgendwas erwischt dich

„Sonst ist nix mehr da?“, der Liebste deutet auf ein paar Panadekrümel in der Pfanne. „Kartoffelbrei ist noch da und etwa 15 Erbsen“, ich wundere mich selber. „Wieviel hattest du denn gemacht?“ Das waren 30 Fischstäbchen, Kartoffelbrei von anderthalb Kilo Kartoffeln/800ml Milch/halbes Stück Butter und 600g Erbsen dazu. Tja, gut, da hätte er aber auch gedacht, das reicht, sagt der Liebste und holt sich ein Glas Blutwurst zum Kartoffelbrei.

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Wo wir immer die Milch holen, denen ihr Oppa, begegnet mir im Vorbeigehen auf dem Hof. Er erkundigt sich, wie es unsrer Oma im Städtchen geht. Gut, soweit, man sieht sie allerdings fast nie, weil sie ziemlich Angst hat, sich den Virus zu fangen.

Jo, das kann er verstehen, es ist ja auch ziemlicher Mist das alles. Andererseits, also, man muss es natürlich nicht rausfordern und ein bisschen Vorsicht ist nicht verkehrt, aber, er werde nächste Woche 81. Da muss man doch auch mal ehrlich sagen, er hat sein Leben gelebt. Wer ist denn früher 81 geworden? Niemand. Und seine Generation hatte es gut, sagt er. Als Krieg war, waren sie noch klein, und danach ging es immer nur bergauf. Es war nicht immer leicht, das nun nicht. Aber er sei dankbar und irgendwann erwische einen eben irgendwas. Wir unterhalten uns über verschiedene Todesfälle im Dorf, was einen so alles erwischen kann. Einschlafen und Zitat „wenn du wach wirst, bist du tot“, wäre ihm persönlich am Liebsten.

So ein Gespräch hätte es am Kühlregal nie gegeben.

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Ich gebe die alljährliche workbook Bestellung auf. Eigentlich sind die vom letzten Jahr noch gut. Fast neuwertig.

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Wenn man die Masken wirklich bei 60°C wäscht und das öfter, sind sie relativ schnell fertig. Außerdem werden mehr gebraucht. Mittlerweile hat jeder ein Modell, das passt. Das Julikind hilft mir beim Bügeln und näht die geraden Strecken. Geteiltes Leid ist halbes Leid, so richtig gern näht niemand hier Masken. Die extra dafür angeschafften stylischen Stoffpaneele ändern daran nichts. Eigentlich werden die Modelle aus alten Blusen sogar schöner.

Die Schule, auf die Cousinen und Cousin gehen schließt, erstmal nur Montag, dann für die ganze Woche. Erst halte ich das für übertrieben, nur weil da ein Lehrer Kontakt zu irgendwem hatte… nee, war doch besser so.

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Die Katze aus der Nachbarschaft braucht einen Termin beim Tierarzt, das sagen alle, seit Wochen. Zum einschläfern. Das zu sagen traut sich keiner. Die Katze ist ein Kamerad, eine Erinnerung an die Zeit, als es noch besser lief. Wenn die Katze weg ist, ist er der nächste…

Die gute Seele, die sich zweimal in der Woche durch den Katzenhaushalt kämpft spricht mich an, ob wir vielleicht einen größeren Karton hätten? Etwa so groß, das da eine Katze reinpassen würde? Die Katze , frage ich nach. Ja, die Katze. Die gute Seele ist im Namen des Pflegedienstes da und hat Schweigepflicht. Wir kennen uns schon lange, und sie weiß, das ich sowieso weiß. Ich suche einen Karton und stelle ihn vor die Tür.

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Vormittag im Städtchen: Rezept holen, Apotheke, Schuh zur Reparatur abgeben, Brille richten lassen, Schuh abholen, Getränke holen, kleiner Lebensmitteleinkauf

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Auf dem Heimweg läuft die Katze über die Straße, im Ort steht die Polizei. Beides merkwürdig, aber schnell vergessen.

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Am frühen Abend bekomme ich einen Anruf, die gute Seele erzählt mir, aber das hat sie natürlich nie gesagt, das der Katzenhaushalt ihr gerade den Putzeinsatz für Montag abgesagt habe. Die Begründung klang dermaßen spektakulär, dass man es eigentlich nicht glauben kann, manchmal vereiert der einen ja auch, ob ich bitte mal einen Blick auf den Katzenhaushalt werfen würde, zur Sicherheit. Ich stelle fest, dass niemand da ist. Sehe am späten Abend aber Licht, alles scheint normal.

Am nächsten Tag erfahre ich, dass, während ich im Städtchen war, quasi direkt hinterm Haus Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei im Einsatz waren. Die spektakuläre Geschichte stimmt. Anscheind hatte die Katze noch ein Leben übrig.

Ein Job

Unter diesen Bedingungen ist die Aula mit 16 Kindern plus Eltern voll. Herzliches Willkommen im Namen der Schüler, der Schulleitung, des Klassenlehrers und Gottes Segen. Elterninfos wegen Essen, Hausaufgabenbetreuung, Klassenaufteilung, kein Tanz, keine Musik, alles auf Abstand. Halbe Stunde, fertig. Das Kind kommt dann einfach mit dem Bus nach Hause. Normalerweise hätte sich die Veranstaltung den ganzen Vormittag gezogen. Man darf es natürlich nicht zugeben, wenn Einkindeltern dabei sind, aber so ist es durchaus angenehm.

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Bücher werden eingeschlagen, Schnellhefter besorgt und Vokabelhefte in irgendwelchen Formaten, ein ausreichend langer gelber Buntstift gesucht, Muttizettel unterschrieben, Bestellungen zur Kenntnis genommen, Bargeld in Umschläge gesteckt, die Sporthose gesucht, Brotdosen gefüllt, die Pflaumen geerntet, das Motorrad des Liebsten braucht Ersatzteile, wenn er jetzt selber nicht da ist, dann soll ich mal sagen…, Elterntaxifahrten im Normalbetrieb, der Hund muss raus und um halb zwei möge ein Mittagessen auf dem Tisch stehen, was leckeres, es kommt ein Gast direkt nach der Schule…

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„Sag mal Mama, willst du dir eigentlich auch mal wieder einen Job suchen?“, fragt das Julikind mich abends beim Zähne putzen.

Oh mein Kind, ich hab einen.

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Ein Sommerabend zum wegtuppern. Sowas braucht man, wenn der November endlos grau ist.

Irgendwo hat es anscheind geregnet und irgendwer hat einen Damm gebaut, im Flüsschen. Das Maikind und das Julikind legen sich mittenrein. Es ist fast wie schwimmen gehen.

Es wird doch merklich früher dunkel, und auch recht schnell. Auf dem Rückweg kann man eigentlich nicht mehr sehen, wohin man tritt.

Fledermäuse machen überhaupt kein Fluggeräusch, man erschreckt sich die ersten drei Male, wenn sie einem so um den Kopf rum fliegen.

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Samstag Abend trinken der Liebste und ich ein Feierabend Bier im Garten. 12 Nachtschichten am Stück waren das für ihn, für mich der Rest.

Im Nachbarort gibt es einen Open Air Kinoabend. Anscheind stehen die Lautsprecher in unsere Richtung, wir verstehen jedes Wort. Liegt vielleicht auch daran, dass der Wald dazwischen nicht mehr ist, überlegen wir. Aus der anderen Richtung kommen Partyhits der frühen Neunziger, Geräusche der Geselligkeit aus der Ortsmitte. Ah, die Ferien sind rum. Man darf die Partyplätze wieder mieten.

Die Wechselschicht Wochen sind immer anstrengend, aber diesmal noch mehr als sonst. Wir haben keine Reserven mehr. Nur so sitzen ist schön.

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Dieser Klappstuhl-Gottesdienst wurde geplant, als Gesang noch verboten war, entschuldigt sich der Pfarrer. Seit dieser Woche seien zwei Choräle zu je zwei Strophen erlaubt, aus dem selbst mitgebrachten Gesangbuch allerdings nur, versteht sich. Ein Raunen geht durch die Gemeinde. Fragen bleiben offen. Wie lang darf denn eine Strophe wohl sein? Was passiert, wenn jemand versehentlich die dritte Strophe ansingt? Muss man das melden? Wem? Wird es gesundheitliche Auswirkungen haben? Was bedeutet das für den Standort Deutschland? Man muss es mit Humor nehmen. „So klappt zusammen und gehet hin in Frieden, möchte man sagen, aber das wäre natürlich nicht angemessen. Wir machen das schon anständig“, sagt der Pfarrer. Wir gehen mit Maske bis vor den Zaun und unterhalten uns dort ohne, über den Transport von Campingstühlen in Kleinwagen.

August, Halbzeit

Ich habe ein Buch gelesen. Bis zum Ende. Normalerweise lese ich viele Bücher bis zum Ende, aber dieses war besonders, denn es war das erste, seit Februar, bei dem ich weiter als 12 Seiten gekommen bin. Ein Fantasyroman aus der Abteilung für 12 bis 15jährige, nun ja, es scheint eine Triologie zu sein. Wir werden sehen.

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In Thüringen fangen die Herbstferien genau dann an, wenn sie hier enden, fällt uns auf. Das ist ja blöd. Dann eben in den Weihnachtsferien…

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Das Maikind ist jetzt Konfirmand. Bis nächsten Mai soll er an mindestens 30 Gottesdiensten teilnehmen und die Gemeinde kennenlernen. Es werden außerdem Punkte vergeben für die Mithilfe bei der Kinderbibelwoche, beim Gemeindekaffee oder beim Küster. Es findet halt nur nichts statt. Oder?

Ein Klappstuhlgottesdienst wird angekündigt für Sonntag im Nachbarort. Samstag nachmittag schaue ich auf der Homepage der Gemeinde. Ja, da steht, Sonntag im Nachbarort. Für mich wäre noch interessant gewesen, wann und wo genau.

Ich stelle fest, auch nach sechs Wochen Ferien habe ich noch nicht wieder die Nerven, Infos hinterherzulaufen. Ich will das auch gar nicht mehr. Entweder es macht sich jemand die Mühe mir irgendeine Art von Mitteilung zukommen zu lassen, oder ich weiß es eben nicht.

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Siehe da, es geht.

Sonntag morgen um 10 sitzen das Maikind und ich auf der Kirchenwiese in der Sonne. Auf den dicken Sitzkissen, weil, wir haben gar keine Klappstühle. Da waren wir aber nicht die einzigen. Um uns rum sitzen Leute auf Bürostühlen, Hockern und Campingmöbeln aller Art. Dass direkt neben uns eine Frau im Rollstuhl sitzt bemerke ich erst auf den zweiten Blick. Sie winkt fröhlich.

Da hat er aber das beste Jahr erwischt, sagt das Maikind. Gottesdienste draußen und Gesang ist verboten, was für ein Glück. Also, bis auf weiteres, im Herbst wird es vielleicht blöder.

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Wir haben jetzt das beste Internet. Ein deutlicher vorher/nachher Effekt. Es hat sich gelohnt. Dank an die Fachkraft, die das installiert hat, auch im Namen meiner Kinder!

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Ich habe alle Schubladen mit Schulsachen einmal komplett ausgeräumt. Hatte mir schon gedacht, dass die nicht alle weg sind.

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Morgen wäre dann Sportunterricht, teilt das Maikind mit. Das heißt dann wohl heute Schuhe kaufen. Aber nur, wenn die, die er hat, wirklich nicht mehr passen, grummelgrummel, Abgang Maikind. Drei Minuten später haben wir Gewissheit, die Schuhe von März sind zu klein. Der Papa will sowieso gerade ins Städtchen, das trifft sich gut.

Die neuen Schuhe sind fünf (!) Nummern größer als die alten. Fünfeinhalb Nummern sogar, wenn man es genau nehmen will.

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Mögest du von fröhlichen, motivierten, pädagogischen Fachkräften unterrichtet werden, aus Büchern, die nach der Rechtschreibreform gedruckt wurden.

Mögen die Busse, in denen du transportiert wirst den TÜV bestanden haben und regelmäßig fahren. Mögen die Busfahrer*innen ortskundig oder der deutschen Sprache mächtig sein, oder beides.

Mögen deine Mitschüler unbewaffnet und mit freundlichen Absichten zum Unterricht kommen.

Mögen die sanitären Anlagen allzeit nutzbar sein und die Seife bis zum Ende des Tages reichen.

Zu lang. Ich schreibe einfach „Alles Gute zum Schulanfang“ in die Karte für das letzte i-männchen der Familie.

Hatte ich erwähnt, wie schön es ist, dass ich die Grundschule fertig habe?

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„Bisschen dreckig, aber geht noch“ geht diese Woche dann nicht mehr. Hallo Wäscheberg.

Ende Juni

Die Harvester und Kettensägengeräusche wurden abgelöst von Abriss und Baustellenverkehrsgeräuschen, von kurz nach sieben bis kurz nach vier. Mittags gibt es einen Moment, indem man sich fragt, was gerade anders ist. Dann geht es wieder los.

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Beim Märzkind gab es Noten für die mündliche Beteiligung beim online Unterricht. Es ist ein Witz. Leider ist es aber auch ein Bewerbungszeugnis und deshalb frustrierend.

Ein Jobday zur Berufsinformation wurde ins digitale verlegt. Der Arbeitslehre-Lehrer gibt einen link raus. Der link funktioniert nicht, auf verschiedene Arten, auch nicht mit Hilfe der Freundinnen. Es gab keine weiteren Hinweise. Das Angebot, für dass sich das Märzkind interessiert hätte läuft seit zwanzig Minuten, dann ist es auch egal.

Diese Art von Unterricht ist schlecht.

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Wer von den Eltern Zeit und Lust hat, kann zur Geschenkübergabe an die Grundschullehrerin dazu kommen. Um zehn auf dem Schulhof. Ohne Programm und mit Distanz ist es eine kurze aber schöne Veranstaltung. So ganz ohne alles wäre der Abschied doch seltsam gewesen. Spontan wird entschieden, die Abschlusszeugnisse auf dem Schulhof zu übergeben, natürlich ist es nicht erlaubt, Einladungen auszusprechen, aber sollten Eltern da sein, würde man sie nicht wegschicken.

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In den neunzigern habe ich mich auch schon nicht für Fussball interessiert. Damals verbrachte ich aber viel Zeit mit dem größten Liverpool-Fan des Festlandes. Fast mein gesamtes Fussball-wissen stammt aus dieser Zeit. Das Liverpool seitdem nichts großartig gewonnen hat, hatte ich nicht mitbekommen. Diese Woche sind sie Meister geworden und konnten es kaum glauben! Man kann sich mitfreuen ohne mitgefiebert zu haben.

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Wenn wieder gefeiert wird, müssen auch wieder Besorgungen gemacht werden. Der Bedarf an Süßigkeiten, Snacks und Kaffee ist fast wieder auf Vor- Corona- Niveau.

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Maikind sagt, Freibad mit Ampel-Betrieb sei nicht so blöd wie gedacht. Currywurst holen mit Maske ist ja eh normal.

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Im Auto sind es gefühlte 80 Grad, ich gehe also mit in den Baumarkt. Während der Liebste seine Liste konzentriert abarbeitet sichte ich das Angebot in der Jagdabteilung. Nur so, da war ich noch nie, nach wenigen Minuten weiß ich warum.

Der Liebste hat einen Mitarbeiter gerufen, weil man Seil nicht selber abschneiden soll. Sie fachsimpeln noch. Der Mitarbeiter sieht mich kommen, bemerkt, dass ich dazu gehöre und guckt einmal so von oben bis unten an mir runter. Es könnte Einbildung oder Zufall gewesen sein.

Giggelgiggel. „Jo, fünf Meter dürften reichen, denk ich“, er guckt zu mir und sagt im Verschwörerton zum Liebsten „oh, hat sie aber nicht gehört“. Giggelgiggel.

Doch, hat sie gehört. Aber sie hat eine handwerkliche Ausbildung und pariert Herrenwitze auf diesem Niveau mühelos.

Ich schaue dem Mitarbeiter direkt in die Augen und ziehe zweimal ganz kurz die Augenbrauen hoch. Es könnte Einbildung gewesen sein oder Zufall. Er ist sich auf einmal nicht mehr sicher, „waren das jetzt drei Meter oder schon vier?“, und muss nochmal von vorne anfangen. Ob wir denn sonst noch was brauchen? Nee.

„Macht irgendwie einen untervögelten Eindruck, der arme Kerl, oder?“, stellt der Liebste auf dem Weg zum Auto fest. Ist mir auch aufgefallen.

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Wir sind zum Hoffest eingeladen, es ist im Ort, wir gehen ohne Kinder.

Einfach nur sitzen und mit anderen Erwachsenen ein Gespräch führen, das sich nicht um homeschooling dreht, herrlich!

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Ich weiß jetzt, wer welche Häuser gekauft hat und für wen, wer alles im Krankenhaus liegt und weswegen, warum ein kompletter Jahrgang Mädels zerstritten ist, wann geheiratet wird und wer Zwillinge bekommt.

Hätte man mich im März gefragt, ob mich irgendwas davon interessiert, hätte ich wahrscheinlich nö gesagt.

Vor-Ferien

Wir haben es aufgeschoben, solange es ging, aber jetzt geht’s nicht mehr. Jemand muss das Gelärsch für die Steuererklärung zusammensuchen und jemand muss mit den Kindern Klamotten kaufen. Pest oder Cholera? Der Liebste und ich werden uns schnell einig.

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Wie jedes Jahr nehme ich mir vor, ab jetzt schneller und besser abzuheften.

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Sie haben tolle Sachen gefunden, in Größen, die ich alle so nicht bestellt hätte. Die vier sind völlig erledigt und hoffen sehr, das die Klamotten eine Weile passen. Einkaufen mit Maske ist anstrengend.

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Vier große Tüten mit Sommersachen der Kategorie „schade, das das zu klein ist“ wurden im second hand Laden gerne angenommen.

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Das Auto konnte aus der Werkstatt geholt werden. Es war mehr dran als gedacht, aber anders und daher günstiger als befürchtet. Ein ganz neues Fahrgefühl.

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Mangels Sport im Fernsehen gucken wir wieder Fussball. Die letzten drei Jahre lief hier hauptsächlich Football. Fussball ist langsamer. Viel langsamer. Jammert der jetzt, weil er hingefallen ist?

Ein Bundesliga-Geisterspiel ist akustisch nicht von der Kreisliga zu unterscheiden, stelle ich fest. Vielleicht mache ich doch lieber irgendwas anderes. Gerade, als ich beschließe zu gehen, breitet das Julikind eine Wolldecke über uns aus und kuschelt sich an.

„So ohne Publikum kann man fast einschlafen dabei, ne?“

Stimmt.

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Der Schnellkochtopf schließt nicht mehr so ganz. Alle Dichtungen wurden getauscht, ohne Verbesserungen zu erzielen. Durch Zufall fiel auf, dass der Griff zwei winzige Risse hat, fast unsichtbar, aber so kann der Topf gar nicht schließen. Große Freude! Erstens, weil es das Ersatzteil noch gibt und zweitens, weil der Defekt bemerkt wurde, bevor eine Küchenkomplettrenovierung nötig wurde.

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Fünf Leute stehen murmelnd davor. Die Tatzeit lässt sich sehr genau bestimmen. Der Hauptverdächtige hat wasserdichtes Alibi. Mysteriös.

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Die Grundschule soll ab dem 22. Juni wieder immer für alle öffnen. Abstandsregeln wären damit abgeschafft, das Konzept von „jeder wäscht sich die Hände vorm Unterricht“ bei 6 Grundschulklassen und vier Waschbecken auch eher schwierig umzusetzen. Es gäbe wohl die Möglichkeit, alles so zu lassen, wie es gerade ist. Dafür müssten sich die Eltern dann aber einstimmig entscheiden.

Natürlich gab es keine einstimmige Entscheidung. Innerhalb dieser Klasse ist von Verschwörungstheorie bis zum krebskranken Geschwisterkind alles vertreten. Der Tonfall im chat ist unangenehm. Drei Wochen noch…

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Kontaktsportarten dürfen dann anscheind auch wieder trainieren. Juhu!

In 10er Gruppen, mööööp, also nicht.

Aber das Freibad macht auf, das ist gut.

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Die Kunstnote wird anhand einer Präsentation ermittelt. Picasso hat ungefähr 12 Vornamen und auch ansonsten recht viel gemacht in seinem Leben. Es ist eine umfangreiche und nervenaufreibende Aufgabe. Das Märzkind ist ein neuer Mensch, als es endlich geschafft ist. Alle anderen können sich von Herzen mitfreuen!

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Das Julikind genießt das erste wirklich komplett Hausaufgaben und lernfreie Wochenende seit, man weiß schon nicht mehr wann eigentlich.

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Der Klassenlehrer des Maikindes überlegt, in den Ferien eine Woche online Unterricht anzubieten. Wir wissen das Engagement zu schätzen, ehrlich.

Aber nein.

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Eine Einladung zum Burger essen, wir freuen uns, das letzte mal haben wir im November so zusammengesessen. Die Großen halten Abstand und lassen die Kinder einfach ganz normal spielen. Auf dem Trampolin, im Pool, bis es fast dunkel ist. Einmal alle so richtig ehrlich müde gemacht, nicht nur geistig erschöpft.

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Nach zwei schwülen, heißen Sommertagen regnet es. Kein Unwetter, kein Hagel, einfach nur richtig Regen, wie bestellt.

Halbe Sachen

Welcher Tag ist heute? Ist online Unterricht oder Feiertag oder Wochenende, ich habe kein Zeitgefühl mehr.

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Wir werden zu einer Geburtstagsfeier eingeladen. Im kleinen Kreis, an an verschiedenen Tischen. Die Kinder gehen nach dem Kaffee trinken raus, auf den Spielplatz. Die Großen besichtigen die während der Coronazeit erledigten Gartenarbeiten und unterhalten sich mit Abstand. Man gewöhnt sich allmählich an diese seltsamen Umgangsformen. Es ist ja auch nicht alles schlecht, stellt ein Gast fest. Seine Gemeinde habe zum Beispiel die Gottesdienste digitalisiert, die kann man sich jetzt von zu Hause anhören, keine Parkplatzsuche, kein hin und her, das gefällt ihm gut. Manchmal hört er sich sogar noch den Gottesdienst der Nachbargemeinde an, währenddessen fängt er dann schon an, die Kartoffeln zu schälen.

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Große Freude beim Märzkind, die Cheerleader dürfen wieder trainieren. Das Maikind guckt skeptisch, wedelt mit der Hand in der Luft und klatscht vielsagend auf der Tischplatte auf. Nee, Stunts machen sie natürlich noch nicht, sagt das Märzkind. Auch nichts, wobei Hilfstellungen im Training nötig sind, also eigentlich nur tanzen und nur mit Abstand und draußen, weil die Hallen noch zu sind, es muss ein geeignetes Gelände gefunden werden, dass dem Verein gehört, wegen der Versicherung, und dann…

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Ob ich wohl die Erkundehausarbeit mal Korrektur lesen könnte? Klar kann ich.

„…nicht mesozyklonale Tornados entstehen durch Windscherungen im Konfergenzbereich….“ Jaaääähmmmpf, wottsefack, ich mir nicht sicher.

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Also eigentlich glaubt die Frau vom Brotwagen ja nicht, was in der Bildzeitung steht, aber diesmal hatten die Recht. Dieses ganze Corona, das wurde völlig übertrieben, so schlimm, dass man deswegen ganze Länder still legen muss, ist es nicht. Vermutlich war es abgesprochen.

Mühsam unterdrücke ich ein schmunzeln. Bestimmt gibt’s ne whattsapp Gruppe der Regierungschefs aller Länder. Irgendwer hat vorgeschlagen, leere Särge einzugraben, das im Fernseh zu zeigen und dann mal so richtig lockdown zu machen. Nur so. Alle anderen haben gesagt, super Idee, wieso sind wir da nicht selber drauf gekommen? Das machen wir auch.

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Ich gebe einen Stapel Büchereibücher ab. Die wären eigentlich schon am 23. März fällig gewesen.

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Einkauf in einem anderen Laden als sonst. In der Obstabteilung staut es sich, ich warte kurz. Dabei fallen mir drei Nacktatmer auf. Sie tragen zwar eine Maske, aber mit Nasen raus. Jemand, der nicht warten kann, streift meinen Ärmel. Das war dann wohl etwas weniger als 1,5 Meter Abstand. Ein Mitarbeiter des Ladens grüßt ihn herzlich. Die Joghurteinräumer nehmen im Gespräch den Mundschutz ab, sonst versteht man ja nichts. Ich suche nur das Nötigste zusammen und gehe wieder. Ich glaube der Wissenschaft mehr als der Bildzeitung .

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Samstag Abend steht eine Flasche Bier vor der Tür, „Sonntag, 10 Uhr“ steht dran.

Sonntag wäre hier Heimatfest gewesen. Die Tradition erfordert massiven Alkoholkonsum zum Klang von Blasmusik. Das geht ja nun dieses Jahr nicht. In Friedenszeiten ist dieses Fest aber noch nie ausgefallen. Man möge also die Fahnen hissen und die Regionalhymne vor der eigenen Haustür singen, um zehn. Eher nicht. Ich habe das Fest letztes Jahr ganz geschwänzt und die 12 Jahre davor nur vor der Hüpfburg gestanden. Ich kann es einfach weglassen, ohne Schaden anzurichten. Von den anderen hat auch niemand Lust, die Fahne rauszukramen.

Sonntag um zehn gehe ich dann doch gucken. Marschmusik schallt durch den Ort. Mitten auf der Kreuzung wurden riesige Lautsprecher aufgebaut. Die Regionalhymne ertönt, man prostet sich zu. Gerade als ich dachte, es wäre vorbei, hört man 200 Meter weiter schmissige Akkordeonmusik mit Gesang „dieKarawaaaaaneziiiiehtweitaaaaaderSultanhatduuuaaasst“. Ich gehe wieder ins Haus.

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Wir feiern den Geburtstag des Maikinds mit weniger Gästen und in zwei Etappen. Wenn nur 13 Personen auf einmal da sind brauchen wir gar keine Möbel rücken und man kann sich auch anders unterhalten. Es ist eine entspannte Feier und jeder hat was zu erzählen. Die Geschenke kommen gut an und werden sofort zusammengebaut und ausprobiert. Abends um neun gehen die Kinder nochmal auf den Spielplatz. Man spürt schon einen Hauch von Sommerferien.

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Wer hat morgen wie Schule? Das Julikind hat von der ersten bis zur vierten Stunde, das Maikind hat von der ersten bis zur sechsten, in der nächsten Woche aber dann nicht, das Märzkind hätte eigentlich Präsenzunterricht gehabt, weil diese Woche eine erste Woche ist, der wurde aber ins digitale verlegt, weil der Chemielehrer zur Risikogruppe gehört und nur wegen Mathe lohnt ja nicht, um halb neun, das hatten sie mir aber doch alles gesagt. „Du hast irgendwie nicht mehr so den Durchblick, Mama, kann das sein?“ Ach was.

Tag 10 bis 15

Die Tage gehen ineinander über. Mittlerweile hat jeder einen Rythmus gefunden.

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Ein Rezept ist nicht da, wo es sein sollte, ich vermute menschliches Versagen (hüstel) und erkundige mich telefonisch bei der Krankenkasse. Jo, wurde abgelehnt. Ich hatte es geahnt, es war nicht rechtzeitig da. Schon vor einer Weile nicht. Zum Glück haben wir das selber bemerkt, leider erst nach dem dritten Termin. Die wir dann vermutlich selber zahlen…seufz. „Fristen sind im Moment ausgesetzt, einfach ein neues Rezept einreichen, wir klären das.“ Das ist nett.

Damit die Krankengymnastik von der Physiopraxis abgerechnet werden kann ist normalerweise folgendes zu tun: Ich fahre ins Städtchen, suche einen möglichst nah gelegenen Parkplatz, laufe zur Orthopädie-Praxis, erkläre am Tresen was ich brauche und warum, warte auf eine Unterschrift, bekomme ein Rezept, laufe zur Geschäftsstelle unserer Krankenkasse, setze mich in den Wartebereich, werde aufgerufen, sage was ich brauche und warum, bekomme eine Kopie mit Stempel, und der Rest läuft ganz von selber. Alle neun Wochen. Jetzt ist aber lockdown und man soll auf gar keinen Fall unaufgefordert eine Arztpraxis betreten. Mein Kopf sinkt auf die Tischplatte, „mimmimimmi“.

Nun denn. Anruf in der Arztpraxis. Was wir denn genau brauchen? Erklärung wie am Tresen. „Kein Problem, schicken wir zu.“ Waaas? Moment, Pokerface. „Wäre es möglich, das direkt an die Krankenkasse zu schicken?“ Sicher. „Danke“, es ist nicht der Moment Fragen zu stellen, noch nicht.

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Hausaufgaben – Hausaufgaben – Hausaufgaben – Hausaufgaben

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Das Schulportal Lanis hat am Versuch, den Unterricht während der Corona-Frei-Zeit zu simulieren teilgenommen. Im Rahmen seiner Möglichkeiten hat es sich stets bemüht. Eventuell, aber ich bin natürlich kein Experte, waren die dafür vorgesehenen 500MB Speicherplatz zu knapp kalkuliert. Jetzt ist nicht die Zeit, zu nörgeln. Die Lehrer geben sich wirklich alle Mühe. Jeder löst seinen Teil des Problems, alle sind erreichbar. Auch auf menschlicher Ebene, das ist im Moment eh wichtiger.

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Corona- Traurigkeit beim Maikind. Wir planen eine Weihnachtspyramide aufzustellen, in seinem Zimmer. Das Internet sagt, im Erzgebirge machen das die Leute gerade, als Zeichen der Hoffnung, auf das Licht am Ende des Tunnels oder so. Hauptsache es hilft.

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Corona-Traurigkeit bei mir. Ich weiß jetzt, warum so oft Unterricht ausfällt. Es macht schlicht und ergreifend keinen Spaß. Die ganzen Aufgaben aus den verschiedenen Ecken zusammenzuklauben ist mühsam. Im sechsten Anlauf endlich Zugang zu Arbeitsblättern zu bekommen, nur um dann festzustellen, dass das Kind in einer anderen Versuchs-Gruppe war und nicht das Material dabei hat, um die Aufgaben zu bearbeiten ist frustrierend. Das Märzkind hat es sehr schön zusammengefasst: „Niemanden interessiert gerade, wann ein französischer König gestorben ist. Das hilft einem doch bei nichts.“

Ich erkläre ihr, wie man Hefeteig herstellt. (Weil ich’s kann. Der Liebste hat zwei Würfel Hefe gefunden, im Wittiland) Das hilft auch nicht, aber am Ende gibt’s Apfelkuchen. Und frischer Apfelkuchen ist allemal besser als kein frischer Apfelkuchen.

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Eine Lehrerin schreibt, sie habe den Eindruck, die Kinder hätten genug Aufgaben für diese Woche (richtig). Im Moment brauche es auch Zeit, einfach mal den Gedanken freien Lauf zu lassen. Wer mag, kann Tagebuch führen (gerne auch auf Englisch), müssen tut keiner was. Danke dafür.

Im Moment findet auf allen Kanälen Powi-Unterricht statt. Auch Mathe, Bio und Arbeitslehre sind im Angebot, wenn man die Zeit hat, es zu bemerken. Welcher Politiker wird vorgeschickt, um uns was zu sagen? Welche Berufsgruppen arbeiten noch? Warum sterben an der gleichen Krankheit in Italien soviel mehr Leute als hier? Woraus besteht ein Gesundheitssystem? In Indien, wie sollen die Leute denn da Abstand halten? Kostet es was, zu Hause zu bleiben? Dieser gemurmelte Halbsatz, in den Nachrichten erfahre man Sachen irgendwie anders als auf YouTube… wottsefack, wozu Schülerhirne in der Lage sind, nach neun Uhr. Erstaunlich.

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Die Krankengymnastik Praxis teilt sich einen Hausflur mit einer Hausarztpraxis. Auf dem Flur steht jetzt ein Tisch mit medizinischem Zeug, daneben sitzt jemand, mit Atemmaske und Umhang. Zur Krankengymnastik darf man einfach so, gruselig ist es aber schon.

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Wocheneinkauf macht der Liebste. Diese Woche in einer extended Version, wegen geschlossener Kantine. Klopapier auf Anfrage, keine Wahlmöglichkeit. Nächste Woche also vierlagig, hätte schlimmer kommen können.

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Eine Runde Federball mit dem Opa auf dem Hof. Eine viertel Stunde die durch den ganzen nächsten Tag trägt.

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Wir übermitteln Herzlichste Geburtstags- Glückwünsche unter einem Balkon stehend.

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Ich verschicke dicke Geburtstagspost. Briefmarken, so gut welche zu haben!

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Corona-Traurigkeit beim Liebsten. Er ist nicht der Typ der jammert, nie (Erkältungsbeschwerden ausgenommen, natürlich). Aber ich höre die Zwischentöne. Die Hände haben fiese Risse vom vielen desinfizieren. Kantine hat zu und mit Atemmasken kann man auch keinen Kaffee trinken. Lkw-Fahrer dürfen nicht mehr aussteigen, Warenannahme meldet sich nur über Telefon, das ist ja einerseits gut, andererseits… Der Oberboss schickt eine Mail und teilt allen mit wie viele Meter Filter gerade vom Band laufen, wie viel Masken und Schutzanzüge das mal werden, wie wichtig alle sind. Es geht besser. Per Post kommt ein Schreiben, dass ihm in gepfeffertem Amtsdeutsch die systemrelevante Tätigkeit bescheinigt. Seine Anwesenheit im Betrieb sei zwingend erforderlich, manchmal auch nachts oder am Wochende. Er darf eventuelle Kontrollen jederzeit passieren. Ein Blinklicht für aufs Auto wäre noch cool gewesen, aber so geht’s.

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Die Ausgangsbeschränkungen sind beim Hund angekommen. Die Leine hatte ich sonst zwar dabei, habe sie aber nie gebraucht. Jetzt begegnen einem alle 500m Wanderer oder Fahrradfahrer, wo sonst seit Jahren niemand war.

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Samstag Haus- und Hoftag, Sonntag Zeitumstellung und „Scheeflöckchen,Weißröckchen, was willst du denn jetzt noch?“

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Der Himmel ist so klar. Das Sauerland sieht man ja immer, also, wenn es nicht neblig ist. Bisher waren es Hügel am Horizont. Mittlerweile kann man die Hügel einzeln erkennen, Wald- und Wiesenflächen unterscheiden sich. Die holländischen Alpen, so schön.

Tag 7

…der Coronazeitrechnung ist ein Sonntag. Der Liebste arbeitet, die Kinder schlafen aus. Normalerweise hätte ich eine Elterntaxifahrt um elf und eine um zwei. Statt dessen wird spät gefrühstückt und dann verschwinden alle Kinder hinter Bildschirmen. Zum allerersten mal in dieser Woche kommt ein Gefühl von Freizeit auf. Die Hunde-Runde gehe ich alleine. Als ich wieder zurück komme sitzen alle Kinder um den Tisch. Sie malen und basteln. Der Opa hat eine Tüte mit Sachen an die Tür gehangen. Darin waren einige Rätsel, eine gesegnete Portion Schokoriegel und die Ente.

Die Ente sitzt normalerweise beim Opa neben dem Bett. Sie soll jetzt bei den Enkeln wohnen, die schicken dem Opa jeden Abend ein Foto von ihr, als gute Nachtgruß, in der Hoffnung, dass man sich bald wieder sieht. Eine gute Idee. Überhaupt ist die Stimmung ganz gut heute.

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Kurz nach 23 Uhr klopft dann doch die Corona-Traurigkeit an die Schlafzimmertür. Das Entenfoto lässt Tränen fließen, eigentlich ist doch alles scheiße, und man weiß kaum, wie man das aushalten soll. Stimmt, aber uns fällt was ein. Mehrere Sachen sogar. Langsam zeigt sich, was wirkliche Probleme sind und was eigentlich nur nervt.

Tag 8

Das Internet läuft, juhu. Alle anderen sind auch zu Hause. YouTuber vertreiben sich und anderen die Zeit indem sie auf kreativste Art gar nichts machen. Anscheind hatte das Märzkind das Gefühl, überall sonst gehe alles normal weiter, nur hier nicht. Dem ist nicht so.

Über Videoanrufe auf wechselnden Plattformen, je nachdem, welche gerade funktioniert macht sie mit ihrer Freundin gemeinsam Hausaufgaben.

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Ich sortiere die bisher eingegangenen Aufgaben der Kinder.

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In meinen Mails habe ich Post von airbnb, dort bieten wir seit Jahren unsere kleine Ferienwohnung an (sollten Sie von der Steuerfahndung sein und hier dienstlich mitlesen, danke für Ihren Besuch, es ist alles angemeldet. Hier funktioniert die soziale Kontrolle noch. Die Verdienste sind wirklich so mickrig.) Sinngemäß steht da folgendes: Sie hätten bemerkt, dass aufgrund von Corona einige Vermieter sich von Stornogebühren und drakonischen algorithmischen Maßnahmen, was die Anzeigenplatzierung betrifft nicht abschrecken lassen und Stornierungen akzeptieren, bzw. selber stornieren. Man habe sich jetzt entschlossen, kostenlose Stornierungen zu ermöglichen, für einen kurzen Zeitraum für bestimmte Reisen, weil da halt verstärkt nach gefragt wurde. Es tut Ihnen voll leid, dass sie mit meiner Arbeit jetzt kein Geld mehr verdienen und man bleibt natürlich am Thema dran. Sicher. Ich deaktiviere das Inserat. Leider muss ich noch abwarten, ob ich es mir leisten kann, es zu löschen.

Außerdem hatte ich Post von der kleinen Monteurzimmerseite, auf der die Ferienwohnung noch steht. Dort zahlen wir richtig Geld. Sie bringt nicht so oft Gäste, aber immer nette, die länger bleiben. Dort steht sinngemäß folgendes: Wegen Corona haben sich natürlich auch die Arbeitsabläufe geändert. Welche Auswirkungen das im einzelnen haben wird, weiß derzeit noch niemand. Alle, die einen Eintrag gebucht haben bekommen auf jeden Fall zwei Monate Verlängerung, kostenlos und ohne irgendwas tun zu müssen. Mitarbeiter seien im Moment im home office zu erreichen, man bitte um Verständnis für eventuelle Verzögerungen.

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Normalerweise kann ich beim Wäsche aufhängen den Fernseher des Nachbarn hören. Oft kommt er auf den Balkon raus, und wir reden übers Wetter. Heute nicht. Bei der zweiten Ladung auch nicht.

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Eine Gäste Anfrage erreicht uns telefonisch. Die Personenanzahl passt nicht, wie gesagt, die Wohnung ist klein. Der Liebste leitet weiter ans Gästehaus in der Nachbarschaft.

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Spontan ergibt sich die Frage, ob denn Monteurs-Mannschaften im Moment als ein Haushalt gelten. Ich finde nichts zu diesem Thema und rufe direkt mal irgendwen im home office an. Nach dem dritten klingeln habe ich eine Dame am Telefon. Sind Monteure nun einfach ein Haushalt, oder würde ich eine unerlaubte Menschenmenge beherbergen und damit womöglich gegen das Bundessseuchengestz verstoßen? Gute Frage, völlig neues Problem. Da aber auf Baustellen normal gearbeitet wird und die Gruppen ja auch im selben Auto fahren und so, dürfen die als ein Haushalt gelten. Zumindest hat noch niemand was anderes gesagt. Wir plaudern noch ein bisschen, wie sonderbar es ist, dass man auf einmal solche Fragen hat. Sehr nettes Gespräch.

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Auch beim Wäsche abnehmen keinerlei Geräusch beim Nachbarn. Ich rufe an. „Samma, ich war schon dreimal an der Wäschespinne und seh und hör dich nicht. Es ist quasi ein Kontrollanruf“. Fritz hat heute auch Corona-Traurigkeit. Alles gut, aber alles Mist zur gleichen Zeit. Man kann gar nichts und muss es aushalten. Marianne sei gerade einkaufen gefahren, der hat er ne Liste mitgegeben. Er hat auch Klopapier drauf geschrieben, eigentlich hat er noch, aber wenn das jetzt alle kaufen. Sein Onkel hatte ja früher ein Plumpsklo neben dem Stall, da gab es immer selbst gemachtes Klopapier. Dann soll er mal schön die Werbeblättchen von Samstag aufheben, rate ich ihm. Da kann er wieder n bisschen lachen. Wäre aber nett, dass wir auf ihn achten, er bedankt sich. Ich fühle mich etwas weniger wie eine stalkerin.

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Der Rest waren Hausaufgaben. Hausaufgaben. Hausaufgaben.

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Die Hauswirtschaft hängt. Allmählich bekommen auch andere eine Ahnung davon, was „nicht arbeiten“ für ein bunter Strauss an Tätigkeiten ist.

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Abends Corona-Traurigkeit beim nächsten Kind.

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Es sind lange Tage im Moment. Ich stelle erste Ermüdungserscheinungen fest. Erfahrungsgemäß macht es keinen Sinn, darüber hinweg zu gehen, sonst kommt es irgendwann nur noch schlimmer. Ich muss mir was überlegen.

Eigentlich Montag

Ich stubse das Maikind ein bißchen und wünsche leise einen guten Morgen. Ein Wuschelkopf kommt zwischen Decke und Kissen zum Vorschein und erkundigt sich nach der Uhrzeit. „Ist halb acht, hast noch Zeit“. „Aahh“ mit einem Grinsen dreht er sich um, “ das das mal jemand zu mir sagt, an einem Montag morgen“.

Gegen neun stehe ich in der Pausenhalle der Schule. Ein Lehrer mit einem Stapel Zetteln in der Hand begrüßt die Ankommenden freundlich. Die Bücher seien alle in die jeweiligen Klassenräume gebracht worden, die Räume seien auf. Er hakt ab, wer schon da war. Hilft Eltern, die ohne Kinder kommen.

Ein zierliches Mädchen mit riesiger Brille, im Arm einen beachtlichen Stapel Bücher kommt die Treppe runter. „Samma, brauchen wir auch Physik?“, fragt sie eine wartende Freundin. „Die haben gesagt alles, müsste doch alles da liegen“. „Nee, Physik war nicht dabei“. Sie überlegt sichtlich. „Guck besser nochmal“, rät die Freundin. Das Mädchen geht die Treppe wieder hoch. Am anderen Ende der Pausenhalle wird eine Tür aufgestoßen. Ein großer Mann mit Strubbelfrisur trägt ebenfalls einen riesen Stapel Bücher. Er eilt die Treppe hoch. Als er an uns vorbeikommt grüßt er mit einem zerstreuten Nicken. Ich vermute, es ist ein Physiklehrer.

Der Lehrer mit den vielen Zetteln kommt zurück, erkundigt sich, wie die Kinder denn jetzt genau wieder nach Hause kommen. „Wir hören voneinander und bleibt alle gesund.“

Im kleinen Edeka des Schulstandorts kaufen wir im Anschluss ein bisschen Obst und Gemüse. Eigentlich wollte ich auch noch einen Würfel Hefe, aber Hefe ist aus. Hefe war noch nie aus. In den kleinen Kartons fehlen selten mehr als 6 Würfel der oberen Reihe. Ich frage nach. Also, sie habe da jetzt gerade Kühlware bekommen sagt die Fachkraft und deutet auf einen isolierte Palette, könnte schon sein, das da was bei ist, wenn ich wohl 10 Minuten hätte. Nee, ach, sooo dringend ist es nicht, versichere ich, ich improvisiere einfach. Die Nachbarin von drei Häuser über uns bekommt das mit. Sie habe eventuell noch ein Tütchen Trockenhefe. Derzeit könne sie nicht garantieren, das das noch haltbar ist. Aber wenn, dann könne ich das gern haben.

Die großen verschwinden mit ihren Aufgaben, das Julikind geht mit spazieren. Auf einmal ist Frühling. Als hätte jemand den Schalter umgelegt. Wir sehen Schmetterlinge, Ameisen, Hummeln und sitzen einen Moment in der Sonne.

Es wird den ganzen Nachmittag geräumt, gewerkelt, geputzt. Wundersamerweise gehen Sachen voran, die ich schon als gegeben akzeptiert hatte. Juhu.

Bei der Abend-Hunde-Runde begegnen uns die Junggesellen von der Sonnenuntergangsbank. Zwei stehen links vom Weg einer rechts. Sie treten jeweils einen halben Schritt zurück, damit wir auf dem Weg bleiben können.“Zwei Meter sollen das schon sein“, prosten sie uns fröhlich zu.

Der Fernreisende ist wieder da und liegt im Krankenhaus. Irgendwas mit Nebenhöhlen, aber ähnliche Symptome… daher Einzelzimmer. Ab morgen dürfen keine Besucher mehr ins Krankenhaus. Er erkundigt sich nach unserem Heimunterricht und bietet eine Hotline an für Fragen rund um Physik, Chemie und technisches an.

Also, Stand heute, kann ich sagen, bei mir läuft’s.

Abgesagt

Es ist schon ein paar Wochen her, da bekam der Liebste Anweisungen vom Arbeitgeber. Der gesamte Betrieb gehöre ab jetzt zur kritischen Infrastruktur. Sollte er Kontakt mit Corona-infizierten gehabt haben, an sich selbst oder Familienmitgliedern Symptome bemerken, dann… wurden die mittlerweile bekannten Szenarien beschrieben. Es klang so gar nicht nach Panikmache und war genau deshalb ein bisschen unheimlich. Die Nachrichten habe ich ab da etwas aufmerksamer verfolgt.

Ich habe mich gewundert, dass Karneval nicht abgesagt wurde und war beruhigt. Dann gab es eigentlich jeden Tag neues aus Italien, dann aus Frankreich. Mir wurde etwas mulmig. Seitdem bestehe ich darauf, dass sich alle Kinder vor jeder Mahlzeit die Hände mit Seife waschen.

Ich habe ganz normal weiter eingekauft, stand aber öfter vor leeren Regalen. Im Verlauf der Woche begegnen mir verschiedene Supermärkte, statt einen Großeinkauf plus Kleinigkeiten bei Bäcker und Metzger waren es eben drei oder vier kleine Einkäufe. Je nachdem, wo ich Kinder zum Training gebracht habe. Klopapier war immer vergriffen. Kein Problem, wir haben da einen Vorrat. Der hielt allerdings auch nicht ewig. Das Märzkind und ich standen am Donnerstag wieder vor einem komplett leeren Regal und hatten gerade entschieden, dass wir dann nochmal woanders hin müssen. Es war ein seltsames Gefühl, wegen Klopapier in einen zweiten Laden?

Das war er, der Moment, in dem Corona für mich anfing: „Oh Mama, guck mal, da oben“ , voll Freude zeigte das Märzkind auf eine versteckte Reihe Klopapier. Zwischen einer Säule und einem fetten Werbeschild war das wohl übersehen worden. Es waren die kleinen Packungen, doppelte Lauflänge und keine Papphülsen, die sich auf der Fensterbank sammeln, das kauf ich eh am liebsten. Obwohl wir nur eine Packung brauchten, haben wir zwei gekauft. Ich hab es erst gemerkt, als das Mädel, das eine frische Palette Papier rangerollert hat in unseren Wagen guckte und dabei innerlich mit dem Kopf schüttelte. Glaube ich zumindest gesehen zu haben. Die zweite Packung steht jetzt bei mir im Kleiderschrank, so viel Platz ist im Bad ja gar nicht.

Der Freitag war unerwartet aufregend. Vormittags hatte ich im Radio von Schulschließungen gehört. Hessen war da noch nicht dabei. Das Julikind kam mit den Worten, der Ranzen sei sooo schwer die Tür rein. Sie habe alles dabei, falls nächste Woche keine Schule ist. Die beiden großen kamen in gedrückter Stimmung nach Hause. In der sechsten Stunde hatte jeder noch einen Zettel bekommen, wo drauf stand, dass die Schule sich entschlossen habe, alle außerschulischen Aktivitäten abzusagen. Wir haben uns gewundert, denn die Schule ist vergleichsweise klein. Ob man sich jetzt bei den Bundesjugendspielen oder in der Pausenhalle über den Weg läuft, macht doch eigentlich keinen Unterschied. Das Betriebspraktikum wurde abgesagt , der GirlsandBoysday, das Fussballtunier, die Bundesjugendspiele, die Klassenfahrt vom Maikind, zwei Tagesfahrten und ein Radioprojekt vom Julikind, und der Besuch der französischen Austauschschüler.

Es folgte ein ziemliches Gewusel, bis klar war, dass bis zu den Osterferien kein Unterricht mehr stattfindet. Der Ton in den Muttichats war sehr angenehm, was nun wirklich nicht selbstverständlich ist. Die Elternbeiräte und Klassenlehrer haben sich alle schnell und unaufgeregt gekümmert. Morgen holen die großen Kinder ihre Bücher und bekommen Arbeitsaufträge. Ich hoffe, ich behalte den Überblick, ehrlich gesagt graust es mir ein bisschen vor den Hypothenusen und so.

Mittlerweile wurde auch der Theaterabend, bei dem das Märzkind im Hintergrund mitgewirkt hätte abgesagt. Und alle Trainings.

Die Geburtstagsfeier lassen wir nicht ausfallen. Wir organisieren das so, dass die Hochbetagten und Vorerkrankten die Möglichkeit haben, den Schulkindern nicht zu begegnen.

Den Rest werden wir sehen. Es ist die Gelegenheit, den „zu erledigen“ Stapel in Angriff zu nehmen. Obwohl, das Wetter soll schön werden und der Wald hat noch geöffnet.