Weihnachtsgeschichten 22

„Na, schon in Weihnachtsstimmung?“ Keine Ahnung, warum ich das ständig gefragt werde. „Nein, danke der Nachfrage“, wäre die ehrliche Antwort. Dieses Gefühl von nervlich am Ende und nach wochenlangem Wunschlisten abarbeiten aus vollem Herzen keine Lust mehr irgendwas zu konsumieren, hab ich dieses Jahr garnicht. Es geht mir gut. Ich ahne aber, dass die Leute was anderes meinen, wenn sie von „Weihnachtsstimmung“ sprechen und antworte mit unverbindlichem Gemurmel.

Endlich Ferien.

Anscheind bekomme ich jetzt diese Erkältung. Schnupfen und ein Gefühl von Watte im Kopf, weder krank noch gesund, Test negativ, mein Kumpel Ibuprofen hilft bei den letzten Vorbereitungen.

Fürs Protokoll: Das vorhandene Verpackungsmaterial hat locker gereicht für die ungefähr 45 Geschenke verschiedenster Größen, die ich verpackt habe plus alles , was die Kinder selber eingepackt haben. Ich sichte das übrig gebliebene und sortiere einiges Richtung Tonne. Geschenkverpackung bleibt auf der „nicht Einkaufsliste“.

Märzkind hat festgestellt, dass sie nichts festliches zum Anziehen hat. Stimmt leider, wir müssen tatsächlich nochmal los. Ich wappne mich für eine Fussgängerzone vollgestopft mit adventlicher Einkaufsaggression. Wir parken auf der großen Freifläche und laufen die paar Meter, weil ich davon ausging, dass das Parkhaus voll sein würde. Ist es aber vielleicht garnicht. In der Fussgängerzone begegnen uns kaum Leute. Im Klamottenladen sind ausser uns noch drei andere Kunden. Die Verkäuferin hat Zeit und Märzkind findet schnell was. Wir wundern uns. Ist der Ansturm schon durch? Nee, sagt die Verkäuferin, vor Weihnachten sei es hier sehr ruhig gewesen, manchmal war sie alleine, auf der ganzen Fläche. Das hatte ich ehrlich gesagt völlig anders in Erinnerung. Aber – ich gehe ja seit zwanzig Jahren in keine adventliche Fussgängerzone mehr rein, wenn ich nicht muss. Vielleicht passe ich die Strategie nächstes Jahr an. So macht es mehr Spaß als im November.

Heilig Abend lasse ich den Gottesdienst aus und gehe stattdessen mit dem Hund raus. Im Wald höre ich die Kirchenglocken und finde es von hier aus viel weihnachtlicher, als zusammengequetscht auf der Bank sitzend… Gummistiefel aus, Festtagsklamotte an, Lichter an, Geschenke hin und zack sind alle schon wieder da. „Weihnachtsgeschichte, 6 Lieder, fertig“, sagt der Liebste, wie bei Ikea am Buffet. Nach und nach kommen die restlichen Familienmitglieder an. Essen gibt es zum Thema „Österreich“, das wurde vorher ausgelost, jeder Haushalt bringt was mit. Schnitzel, Kartoffelsalat, Käseplatte und Linzer-Torte. Zwölf Leute essen schweigend, anscheind hatten alle Hunger, erst beim Nachtisch beginnen Unterhaltungen, und „haben wir jetzt echt anderthalb Stunden gegessen?“, meine Schwester macht leicht verwirrt einen Uhrenvergleich, jo, den Programmpunkt Gemütlichkeit haben wir so gleich mit erledigt. Bescherung ist ein riesen Gewusel, das soll so. Geschenke wurden gewünscht und mit Liebe gekauft, es gibt aber auch ein paar schöne Überraschungen, man ist zufrieden und fröhlich, wie im Bilderbuch.

Am ersten Feiertag gibt es Essen bei Schwiegermutta an festlich gedeckten Tischen. Wir haben uns alle länger nicht gesehen. Mühsam verkneife ich mir zu bemerken, wie groß die Blagen geworden sind. Ich habe ein sehr nettes Tischgespräch mit dem kleinsten Neffen. Er erzählt mir, welche landwirtschaftlichen Geräte er schon fahren kann und wir überlegen, welche Führerscheine er machen muss, damit er das auch auf Straßen darf. Dauert aber leider noch elend lange, bis dahin, sagt er, darf man ja frühestens mit 15. Er geht in die dritte Klasse. Dorfkind.

Vor der Bescherung braucht es hier ein Gedicht. Wuselig wird es trotzdem, einfach, weil es so viele Leute sind. Kaffee und Kuchen holt sich später jeder selber. Essen im Sessel ist erlaubt. Kurz vor Ende der Feier lässt sich die Oma des Hauses nochmal ganz dicht an den Weihnachtsbaum ranfahren. Andächtig schaut sie eine ganze Weile. Zum ersten mal, seit ich sie kenne hat sie nicht gesagt, dass sie nächstes Jahr nicht mehr da sein wird. Ohoh.

Ein Haushalt hat „Familiengeschenke“ gemacht. Kurz hatte ich ein schlechtes Gewissen, eigentlich bekommen ja nur die Kinder was. Später, zu Hause, stellt sich heraus, die Kinder haben von diesem Haushalt nichts bekommen. Möglicherweise habe ich da unwissentlich eine „wir-schenken-uns-nix“-Absprache untergraben? Nachfrage beim anderen Haushalt. Nein, es gab keine Absprache. Sie haben auch ganz normal Geschenke gemacht und ein Familiengeschenk bekommen. Muss man sich Sorgen um deren finanzielle Situation machen? Nein, da sind sich alle sicher. Wir versuchen es mit Humor zu nehmen, aber ehrlich gesagt fällt das immer schwerer. Wenn diese Art zu schenken Alkoholkonsum wäre, würde man von Auswirkungen auf das soziale Umfeld sprechen.

Am zweiten Feiertag hat die Oma aus dem Städtchen zum Festessen geladen. In diesem Restaurant ziehen wir den Altersdurchschnitt nach unten, man könnte meinen wir sind der Kindertisch. Es gibt sämtliche Weihnachtsklassiker zu essen. Nachtisch schafft niemand und das ist eigentlich schade, wenn man bedenkt, was die Oma hier zahlen wird. Das Buffet war so organisiert, dass man wirklich zusammen essen konnte. Fast alles hat richtig gut geschemeckt. So kann man das mal machen. Danach gucken wir uns den neuen 4D-Film im Nationalparkzentrum an. Das Foto von „alle Familie mit Papp-3D-Brillen auf“ wird wahrscheinlich in die Geschichte eingehen.

Cousinenbabys werden angekündigt, auf beiden Seiten der Familie. Über ein viertes Urenkelkind freut man sich, über ein 17tes auch, aber gelassener.

Pluseinskind geht auffällig unauffällig am Weihnachtsbaum vorbei. Ich gucke nach, grinse und schweige. Erst am Abend fällt es dem Liebsten auf. „Samma, wer hat denn hier?… das kann doch wohl nicht sein…ne Zecken-Kugel??? in unserem Baum??… der Junge traut sich was…“ Mögen die Spiele beginnen.

Geburtstage und Ferienanfang

Ich mag wenn es warm ist, aber, das hier, das ist sogar mir ein bisschen viel. Der Hund guckt mich vorwurfsvoll an. „Ich hatte es dir ja gleich gesagt“. Einmal Frisbee werfen und wir gehen wieder rein. 42°C Außentemperatur zeigt das Thermometer an. Abends Gewitter mit 46 Liter Regen. Der Wald sieht wieder fröhlich aus, die Hecke richtet ihre Äste auf, der Erntestaub ist aus der Luft gewaschen – herrlich.


Vormittags gibts ein gemütliches Geburtstagsfrühstück bei der Mudda. Ab Mittag gehts rund.

Die Bustüren öffnen sich und man kann von der Haustür aus hören, dass die Party quasi schon läuft. Alle Gäste kommen direkt nach der Schule, einmal im Leben nicht in Ferien Geburtstag… Es folgt ein klassischer Kindergeburtstag, mit Spagetti und Eis, Zeitungstanz und Fotoschnitzeljagd. Um halb sieben werden alle abgeholt. Der Liebste und ich gucken uns verwundert an. Das wars? Kein Starkregen-Ereignis mittendrin, niemand hat sich was gebrochen oder Kreislaufprobleme und verdroschen haben sie sich nur im Spaß, mit den Poolnudel-Lichtschwertern. Wahrscheinlich war das unser letzter Kindergeburtstag stellen wir fest. Im nächsten Jahr sind wir bestimmt zu peinlich. Es folgt ein kurzer Moment der Rührseligkeit, ach was, high five. „Da wartet man das ganze Jahr und zack, isses vorbei“, Julikind ist ein bisschen traurig. Zum Glück kommen am nächsten Tag noch die Großeltern und Paten.

Am Tag darauf wieder Geburtstagsfrühstück anlässlich Ommas 90stem. Das ist etwas offizieller, mit Pfarrer, Bürgermeister, und den Verwandten, die man selten sieht.


Die letzten Schultage haben sich gezogen wie Kaugummi. Jetzt sind endlich richtig Ferien. Stolz werden die Zeugnisse rumgezeigt. Zu recht, das war kein einfaches Schuljahr, haben sie toll gemacht, alle drei. „Brotdose raus?“ „jaja“ Schuljahr abgehakt.


„Kommt jetzt die kleine Kneipe„? erkundigt sich eine Gästin. „Nee, jetzt kommen erst die apokalypthischen Reiter, dann Peter Alexander, geht immer der Reihe nach“, sagt der Mann der das Handy mit der Musikapp in der Hand hält. Hier gehen die Geschmäcker weit auseinander, aber der Toleranzbereich ist riesig und es gibt Likörchen. Diese Feier hat keinen Anlass und braucht auch keinen. Menschen verschiedener Generationen hatten Zeit, sind gesund und das Wetter passt zum draußen sitzen. Es hat übrigens nie jemand gesagt, dass Frauen nicht an die Mauer hinter dem Haus pinkeln dürfen. „Die machen das von sich aus nicht“, sagt der Hausherr, und zuckt mit den Schultern.


Nachdem wir die verschiedensten Kuchenvarianten unterschiedlicher Hersteller durchprobieren durften (Präsentkörbe zum 90sten, de Omma backt natürlich trotzdem weiterhin selber) kommen wir zu dem Schluss – die schmecken alle gleich. Kuchengeschmack eben, das macht nachdenklich.


Beim Aufwachen höre ich leise Terassen-Frühstücksgeräusche der Nachbarn, das ist schön.

Zu meiner eigenen Überraschung bin ich überhaupt nicht neidisch, beim Anblick der Status- Urlaubsbilder der anderen. Ich hätte gerade überhaupt keine Lust, das Auto zu beladen…

Ein Freibadbesuch, ein Kinobesuch, lange schlafen, und schon ist eine Ferienwoche rum.

Die zweite Ferienwoche hatte bisher zweimal Magen-Darm vom allerfeinsten und einen spontanen Zahnarztbesuch zu bieten. Das bleibt ehrlich gesagt hinter den Erwartungen zurück. Andererseits – läuft, mit der Bikinifigur.

Osterferien 2022

Märzkind steht fröhlich, aber erkennbar müde, neben ihrem Koffer in der Tür.

„Zwei Sachen“, sagt sie „ich hab wahrscheinlich wieder Corona und mein Handy ist kaputt“.

„Hallo Kind, schön, dass du wieder da bist. Komm einfach rein, so ein FFP2-Masken-Gehampel würden wir sowieso nicht nochmal machen, das hat ja nichts gebracht und tja…“

Eine Woche war das Kind mit Freunden unterwegs und wir haben uns alle ein bisschen erholt.


Man muss in der Fastenzeit nicht unbedingt verzichten, man kann auch bewusst Sachen tun, hat de Mudda gesagt. Ich habe also seit dem Märzkind-Geburtstag jedesmal, wenn mir jemand ein Bier angeboten hat und ich nicht mehr fahren musste „ja“ gesagt, um entweder eine ausreichende Trinkfestigkeit zu erlangen, oder den Alkohlkonsum in der Öffentlichkeit einzustellen. Ostersonntag, morgens um halb drei, beende ich dieses Experiment, „nein danke, es ist genug“, trotz Freibier. Der Liebste und ich gehen zusammen mit Märzkind und Pluseinskind nach Hause. Das war ein erstklassiges Osterfeuer, da sind wir uns einig. Es folgt der faulste Ostersonntag aller Zeiten.


Am Ostermontag feiert Brüderchen seinen Geburtstag. Es gibt ein Frühstücksbuffet vom Feinsten. Da findet wirklich jeder was, zwei Stunden wird gegessen. Danach gehts zum Eierwerfen, dann wieder Sofa.

Bis Mittwoch sind alle Eier und Schokohasen aufgegessen. Gut so. Die Süßigkeitenberge vermisst niemand.


Alle Kinder haben schon wieder diese Erkältung. Ärgerlich in den Ferien. Bei den Mädels ist es nach drei Tagen wieder gut, beim Maikind beginnt nahtlos die Pollensaison.


Duschen, anziehen, mit dem Auto einmal ums Städtchen drumherum fahren, weil man wegen Baustelle nicht einfach durch kann – was für ein Aufwand, schwer vorstellbar, dass man sowas früher öfter gemacht hat. Aber, als ich mit Julikind im Kinosaal sitze, sind wir doch beide froh, dass wir uns aufgerafft haben. Ein schöner Film. Daniel Ratcliff kann den Bösen spielen, wer hätte das gedacht.


Man könnte es regelmäßiger machen, dann wäre es vielleicht weniger *wurks* , sagt eine Stimme in meinem Hinterkopf. Sicher. Man könnte seine Steuererklärung auch im Februar schon machen, sage ich. Fürs Protokoll: Waschmaschinendichtungen und Einspülkammern gereinigt, Maschine entkalkt, im April.


Julikind braucht was zum Anziehen für eine Hochzeit. Bei der Gelegenheit nehmen wir das Kommunionskleid mit, dass hier einige Jahre als Prinzessinenkleid im Einsatz war. Da passt niemand mehr rein, aber es ist immernoch gut, Julikind streicht noch einmal mit der Hand drüber, seufzt und übergibt die Tüte an die Dame im Rote Kreuz Laden. Eine Stunde später kommen wir nochmal am Laden vorbei. „Guck mal, was da im Schaufenster hängt“, sage ich. „Ooooohhh“, sagt Julikind. Da macht sich das Kleid viel besser als in unserem Dachbodenschrank.

Julikind hat aktuell drei verschiedene Kleidergrößen am Oberkörper. Klamotten kaufen ist ein bisschen kompliziert.


Post vom Energieversorger. Ab Juni wirds teurer, es sei denn, es wird günstiger, das könnte wohl auch sein, wenn da irgendwas wegfällt, aber wir sollen mal lieber davon ausgehen, dass es teurer wird. Das ist keine Überraschung. Ich rechne nach. In unserem Fall wären das in etwa die Stromkosten eines Monats, die nochmal dazu kämen, wenn denn dann.


„Wann wart ihr denn zuletzt auf einer kirchlichen Hochzeit?“ Da muss ich aber wirklich überlegen. Es ist auf jeden Fall schon länger her. Meine Schwester und ich stehen mitten im Sektempfang und schauen uns die Leute an. Dass man bei einer Hochzeit mal kaum jemanden kennt und nichts muss, ist ungewohnt, aber toll. Bestimmt füllen wir den Single-Tisch auf, vermutet meine Schwester – für sowas sind Cousinen doch da. Die vier Unbekannten, mit denen wir den Tisch teilen sind zwei Pärchen mitte zwanzig. Einer davon sieht so aus, wie Daniel Ratcliff in dem Film, flüstert Julikind mir zu. Tatsächlich. Wir sind der nicht-Schlager-hörende-Tisch, sehr viel näher an der Theke als an der Tanzfläche. Passt. Es gibt Gegrilltes und 6 Meter Salatbuffet dazu, dann Eis aus der Gefriertruhe zum selber nehmen. „Manche meinen ja, da müsse man noch mousse au chocolat servieren, wenn alle sowieso schon voll gefressen sind“ sagt die Tischnachbarin, „aber das ist doch Quatsch“. Finde ich auch. Eine richtig schöne Party.


So, von mir aus kann es jetzt gerne ein bisschen wärmer werden. Ich habe keine Lust mehr auf Hunderunden in Winterjacke.

Schnaps und zwei Tassen Kaffee

Schweigend stehen wir uns in der Küche gegenüber, jeder an eine Arbeitsplatte gelehnt. Der Liebste holt einmal tief Luft „weißte was? scheiß ein drauf“, sagt er, geht in die Speisekammer und kommt mit der Flasche Whiskey in der Hand wieder raus. Gute Idee. Er nimmt ein Wasserglas aus dem Schrank, schüttet es halb voll, nimmt einen Schluck und reicht es mir weiter. Es ist Montag morgen, noch nicht mal neun Uhr.

Das ging leichter, als er gedacht hätte, sagt der Liebste. Er hatte damit gerechnet, irgendwie panisch zu reagieren, aber, es gab ja nur eine Richtung, und was man da tun muss bekommt er jedes Jahr auf der Schulung erzählt, immer wieder, irgendwie funktionierte das einfach. Er war wirklich toll, ich hätte das garnicht so geschafft, glaube ich. „Ach, von der Kraft her war das überhaupt kein Problem“, sagt er. Aber. „Das bei Herzdruckmassage Rippen brechen, sagen die ja immer“, er nimmt noch einen Schluck, aber wie viele, und wie sich das anfühlt, und dieses Geräusch…damit hatte er nicht gerechnet. Ich war auf das Gefühl, keinen Puls zu finden auch nicht vorbereitet. Meine Hände zittern, es fällt mir gerade erst auf.

Die Frau von der Diakonie kam ganz aufgeregt durch den Garten, und bat dringend um Hilfe. Sie hatte den Nachbar bewusstlos in der Wohnung gefunden, damals, vor einer Stunde. Das war nicht wirklich eine Überraschung, wir hatten den Ernstfall vor einigen Wochen schon mal gedanklich durchgespielt. Unser Gedankengang endete allerdings damit, wer ihm eine Krankenhaustasche zukommen lassen könnte. Die braucht er nicht. „Patient ex“, hat der Notarzt es genannt.

Der Liebste hatte Nachtschicht und war quasi schon im Bett gewesen. Er will nochmal versuchen, zu schlafen. Ich koche einen Kaffee und bringe ihn der Frau von der Diakonie an den Zaun. Sie hat ein paar Telefonate erledigen müssen in der Zwischenzeit und den Rest des Tages frei. Ihre Hände zittern auch. Wir setzen uns. Die andere Nachbarin schläft länger und hat nichts mitbekommen. In ungefähr einer Stunde erwartet sie den Verstorbenen zum Kaffee, die zwei sind, wie man hier sagt „ein Kopp und ein Arsch“, aber verwandt sind sie nicht. Der offizielle Weg ist vermutlich, das ein Angehöriger ihrem Sohn bescheid sagt, der dann von Berlin aus anruft, um ihr die Nachricht schonend zu überbringen. Das kann dauern. Sie darf eigentlich noch nicht mal mit mir sprechen, sagt die Frau der Diakonie, fällt alles unter die Schweigepflicht. Wir schauen uns an. Scheiß auf den offiziellen Weg. Wenn die Nachbarin gleich den Rollladen hochzieht und hat die Polizei und den Bestatter im Garten, dann brauchen wir wieder einen Rettungswagen. Wir machen das zusammen- jetzt. Nachbarn haben keine Schweigepflicht.


Nachmittags gibts Geburtstagskaffee. Schwiegeroma wird 102. Sie freut sich über jeden einzelnen Gast. Seit neun Uhr residiert sie im Sessel. Der frühere Bürgermeister kam immer zeitig, zum Gratulieren. Der Neue kam erst um halb elf. „Der wollte erst nicht reinkommen, dann keine Hand schütteln und dann keinen Kaffee trinken“, sagt Schwiegermutter. „Aber – hat er alles gemacht“, erzählt die Jubilarin fröhlich. Schwiegermutter zuckt mit der Schulter und nickt. „Blieb ihm nichts anderes übrig“. Ab dem 95. (glaube ich), kommt der Bürgermeister persönlich zum Gratulieren. Schwiegeroma freut sich immer und schäkert legendär. „Beim letzen Mal hat sie ihn mit „mal sehen, wer von uns im nächsten Jahr noch da ist“ verabschiedet“, sagt Schwiegermutter. In dem Jahr war Wahl. „Och, der Neue ist aber auch ein ganz Netter“, sagt Schwiegeroma.


Zwei Tassen Kaffe hatte ich heute. Unterschiedlicher hätte die Stimmung kaum sein können.


Abends stoßen der Liebste und ich an, stilecht mit Bier. Auf Friedhelm.

2021 war…

Schnee, Starkregen, ein schöner bunter Herbst

Lockdown, Ausgangssperre, Kontaktbeschränkungen, home schooling, Maskenpflicht, 3G, 2G, 2G+, Coronatests

Blinddarm-OP, Bänderriss, entzündeter Zeh, Schlafstörungen, Impfungen

Ohrwürmer Wir sind das Ruhrgebiet…., ….soon may the Wellerman come to bring us sugar and tea and rum.., BTS

definitiv vielleicht (alles immer unter Coronabedingungen)

Konfirmation, Schulabsschlussfeier, Geburtstage, eine Trauerfeier, Weihnachten, eine Rubinhochzeit

„Und wenn das schön wird?“ Weihnachten 2021

Am 23. steht noch ein Termin im Kalender. Der Liebste übernimmt die Fahrt. 10 Minuten später kommt das Pluseinskind die Haustür rein. „Märzkind ist gerade nicht da“, sage ich. Weiß er, er schreibt gerade mir ihr. Die haben ein Reh angefahren. Och nö. Müssen wir da hin? Er fragt nach. Nee. Mit dem Auto ist alles gut, nur das Reh….

Eine viertel Stunde später steht das Märzkind in der Tür, Tränen in den Augen. Sie haben ein Reh… Ich weiß. Umarmung. „Und?“, frage ich. „Alles OK“, sagt der Liebste. Er war nicht schnell. Leider hat er das Reh trotzdem erwischt. Es lebte noch, konnte aber nicht mehr aufstehen. Da hat er jemanden angerufen. Hat kaum 10 Minuten gedauert, dann war der da und hat sich um das Reh gekümmert. Das Märzkind schluchzt ganz leise, der Liebste zieht die Luft ein, zwischen zusammengebissenen Zähnen. Er habe noch versucht, sich so hinzustellen, dass das Märzkind nichts sieht, aber gehört hat sie es natürlich trotzdem, und, ganz ehrlich, es war doch klar, dass da jetzt keine Tiernotrettung kommt, oder… Ja sicher. Aber…Das Pluseinskind übernimmt das Märzkind. Der Liebste erzählt mir die Geschichte nochmal unzensiert.


Kurz vor Weihnachten gibt es frische Coronaregeln, nicht das es langweilig wird. 10 Leute sind im privaten Bereich erlaubt. Äh, wir wären zwölf, Heilig Abend. Geboosterte und Kinder unter 14 zählen nicht. OK, dann sind wir sieben, und leicht verunsichert.

Der Liebste muss eh nochmal ins Städtchen und besorgt fünf Schnelltests. War etwas komplizierter als gedacht, und die Zeiten, in denen die 85 cent gekostet haben sind definitv vorbei, aber was solls. Bevor wir anfangen, den Tisch auszuziehen und Kleinmöbel zu verräumen, versammeln wir uns am Esstisch zum Test. Ich habe das tatsächlich noch nie bei mir selber gemacht und muss angeleitet werden. Jo, ist genauso widerlich wie die offiziellen Tests. Ich verziehe die nächsten fünf Minuten das Gesicht. Die Kinder finden das lustig, sie haben ja auf dem Teil des Hirns schon Hornhaut, sagen die Mädels. Wir überlegen kurz, so ein Biohazard-Tütchen mit Test drin an den Baum zu hängen. Letztes Jahr um diese Zeit, da hatten ja wir nix. Keine Tests, keine Impfungen. Der Liebste ist gedanklich schon beim Möbel rücken und räumt mit routinierter Geste den ganzen Rumms in die Mülltonne. Auch gut.


Der Weihnachtsbaum ist natürlich doch der Schönste. Da hat das Märzkind eine Begabung. Die Mädels haben geschmückt. Alle anderen haben sich rausgehalten. Frieden auf Erden.


Das Julikind guckt vom Weihnachtsbaum zum gedeckten Tisch zu den Geschenken auf der Anrichte und seufzt. Ich erkundige mich, was los ist. „Wenn das jetzt schön wird, Mama, müssen wir dann immer hier feiern?“ Äh, hä? „Weihnachten gehört doch eigentlich zur Oma ins Haus, dachte ich“. Naja, jetzt warten wir es erstmal ab, sage ich.


Ohne Weihnachtsgottesdienst kann es nicht Weihnachten werden, sagt das Märzkind, da müssen wir alle hin. Ich versuche mich rauszureden. Weihnachtsgottesdienste sind Fokloreveranstaltungen, damit kann ich nichts anfangen. Aber, es muss nichts mehr vorbereitet werden, alles ist fertig und die Gäste kommen erst danach, also gehen wir alle. Tja.

Heilig Abend ist Gottesdienst draußen, mit Maske, für alle. Offensichtlich wurde hier viel Zeit und Herzblut investiert. Das Kirchenportal wird festlich angestrahlt, es gibt einen Weihnachtsbaum, Laternen mit Kerzen, und echte Musik. Die Darbietenden singen mit solcher Inbrunst Weihnachtslieder, das ist mir zuviel. Ich bin froh, dass die Maske und die Dunkelheit mein Grinsen verbergen.


Es folgt ein auffallend entspanntes Abendessen mit anschließender Bescherung und Gemütlichkeit.


Schnee und blauer Himmel am ersten Weihnachtstag. Das Märzkind übernimmt die Hunderunde und muss dann los, zum Essen mit Schwiegerfamilie. Maikind verschwindet hinterm Bildschirm, Julikind hinter der neuen Staffelei, der Liebste hat Männerschnupfen des Todes muss aufs Sofa. Ich räume auf und wundere mich. Das Gefühl der Erschöpfung, dass normalerweise diesen Tag überlagert, es ist nicht da.

Nachmittags immernoch Schnee und blauer Himmel. Ein Spaziergang zu dritt mit Hund. Danach wieder Plätzchen, dann Jogginghose und Sofa. Perfekt.


Am zweiten Feiertag ist der Liebste genesen. Ein Leben ohne Schnupfen, herrlich. Ähm, er war gerade mal einen Tag kränklich, merke ich an. Es hat sich länger angefühlt, sagt er. Nachmittags kommt Schwiegermutter zum Kaffee. Der Klinikaufenthalt hat sich gelohnt, es wurde einiges auf den Weg gebracht. Schon jetzt kann sie wieder aufrecht gehen, mit der Aussicht auf noch mehr Verbesserung. Das freut mich. Paten vom Julikind kommen spontan dazu, ein bisschen Dorftratsch wird ausgetauscht, alles ganz gemütlich.


„Da freut man sich so lange drauf, und dann ist es so schnell vorbei“, sagt das Julikind am Abend. Sie könnte sich vorstellen, dass wir Weihnachten ruhig nochmal hier feiern. Das war eigentlich ganz schön. Jo, fand ich auch. Ich mag die Corona-Weihnachten lieber als die normalen, so leid es mir tut.

Sonst so

Wenn man die Inzidenzzahlen von allen Landkreisen in Deutschland vergleicht, liegt unserer auf Platz neun. „Das klingt doch gut“, das Julikind. Leider nein. Platz eins ist, wo es am schlimmsten ist. Oh.

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Wir werden zu einer Geburtstagsfeier eingeladen. Ganz ehrlich, ich plane doch nicht wochenlang eine fast kontaktlose Familienfeier, um dann eine Woche danach zu feiern, als gäbe es keine Pandemie. Wenn wir draußen sitzen können, gern, ansonsten – nein. Der Liebste erkundigt sich, nach dem geplanten Ablauf. Ach, ja, da war ja was, das hatte man nicht bedacht. Aus einer großen Feier werden vier kleinere gemacht, notgedrungen. Kopfschüttelnd frage ich mich so einiges.

*

Nachfrage beim Hausarzt, ich würde mich gern registrieren lassen, für eine Impfung. Sicher, gern. Ob ich denn in die Priogruppe drei falle. Nein. Habe ich irgendein erhöhtes Risiko. Ja, allergisches Asthma und drei Schulkinder. Natürlich schreibe man mich damit in die Liste, aber, „ich sag Ihnen wie es ist, vor September brauchen Sie mit nichts zu rechnen, probieren Sie es lieber auch im Impfzentrum über die Nachrückerliste“. Im Impfzentrum kann ich noch nicht mal ein Formular zur Registrierung öffnen.

*

Die Abschlussarbeiten werden in der Turnhalle geschrieben werden. Coronatests sind an diesem Tag ausnahmsweise freiwillig, damit auch diejenigen an der Prüfung teilnehmen können, für die ein Test ein unzumutbarer Eingriff in die medizinischen Selbstbestimmungsrechte wäre. Negativ getestete dürfen am Platz die Maske abnehmen. Das wäre bei einer vier Stunden dauernden Prüfung durchaus angenehm. Sollte der Test positiv ausfallen, dürfte man natürlich nicht mit allen anderen in der Halle sitzen. Der Nachprüfungstermin ist 10 Tage später. Eine Quarantäne würde allerdings 14 Tage dauern. Die Schule hatte auf Nachfrage bisher keine Idee für ein was-wäre-wenn-Szenario. Das Märzkind überlegt, am Prüfungstag keinen Test zu machen, ausnahmsweise.

Die Abschlussklasse wird Unterricht haben, bis zum Ferienbeginn, wurde angeordnet. Niemand weiß wieso. Eigentlich war der Plan, dass die 10ten nach den Prüfungen zu Hause bleiben damit die neunten Klassen mehr Präsenzunterricht bekommen können, denen fehlt ja auch ein Schuljahr.

Die Hoffnung, dass man eventuell noch einen gemeinsamen Tagesausflug machen könnte, wird allmählich zu Grabe getragen. So schnell werden die Zahlen nicht sinken. Das Abschluss-highlight wird vorraussichtlich ein Pizzaessen mit der ganzen Klasse im Großgruppenraum.

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Schwiegermutter hat über den Winter Ahnenforschung betrieben. Ein Zweig des Stammbaumes reicht zurück bis 1652. Ich bin beeindruckt. Sie winkt ab, das war nur das, was sie so aus den Unterlagen im Haus zusammentragen konnte. Bestimmt geht da noch was, wenn man sich ernsthaft damit beschäftigen würde. Zwei der Vornamen unserer Kinder tauchen, in Varianten, über die Jahrhunderte immer mal wieder auf. Witzig, ich hatte keine Ahnung.

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Der Vatta hat endlich wieder einen Hund. Lange, lange hat er gesucht und dann, fast zufällig den passenden gefunden. Alle freuen sich mit.

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Normalerweise überlegen wir ja um diese Zeit, wie wir die Geburtstagsfeier des Maikinds mit dem Honig schleudern unter einen Hut bekommen. Dieses Jahr ist das ganz einfach. Eine große Geburtstagsfeier wird es nicht geben und die Honigräume waren Mitte Mai noch nicht mal angefangen. Ich trage morgens bei der Hunderunde noch die Winterjacke.

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Das Maikind wird 14. Meine Güte, waren wir nicht gerade noch beim Kinderturnen? Jetzt warten wir, dass die Bitcoin-Blase platzt, damit diese eine Grafikkarte wieder günstiger wird. An diesem Tag ist keine Schule. Eine Uroma kommt zum Frühstück, Großeltern plus eine andere Uroma zum Kaffee, eine Tante zum Abendbrot.

Die normale Feier mit 20 Leuten im Haus vermisse ich kein bisschen.

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Frisch Getratschtes: Im Nachbarort geht ein Nachbarschaftsstreit in die nächste Runde. Geklagt wird wegen einer Thuja, die zu nah an der Grundstücksgrenze steht. Sie hat eine gewisse Größe erreicht und stört den Satelitenempfang, mutmaßlich wurde das schon bei der Pflanzung beabsichtigt. Dieser Nachbar hat aber in der Werkstatt einen kleinen Ofen stehen und das dazugehörige Ofenrohr entspricht nicht den Richtlinien, daran hätte er besser mal denken sollen, vorher. Sehr unterhaltsam, wenn man weit genug weg wohnt./ Die Hundewelpen aus der Nachbarschaft werden für 2900Euro angeboten. Wahnsinn./ Die Oma aus dem Städtchen macht nächste Woche Urlaub, endlich.

Corona-Konfirmation

Am Donnerstag zwinge ich alle, ihre Festtags-outfits einmal komplett anzuziehen. Als hätte ich es geahnt. Das Kleid, zu dem das Märzkind sich schon passende Accesoires gekauft hat, passt nicht mehr. Der Rock und die Bluse, die ich mir gekauft hatte sehen hier im tageslicht völlig anders aus als im Laden. Das geht so nicht.

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Freitag morgen um halb vier steht der Liebste auf. Normalerweise höre ich den Wecker nicht. Heute springt sofort mein Kopf an und spult die Liste, der noch zu erledigenden Sachen ab.

Um punkt neun Uhr stehen das Märzkind und ich vorm Testcentrum, um uns einen „negativen Coronatest, nicht älter als 24 Stunden“ ausstellen zu lassen. Den braucht man, wenn man in ein Geschäft möchte, dass nicht lebensnotwendige Dinge verkauft. Wir dachten, wir wären früh, vierzig Leute vor uns waren früher. Es dauert anderthalb Stunden.

Ich gebe Rock und Bluse wieder ab und bekomme eine Gutschrift. Vielleicht findet das Märzkind hier ja was. In der Damenabteilung ist die Beleuchtung nur zur Hälfte eingeschaltet, fällt mir auf. Das erklärt, warum die Farben zu Hause anders aussahen.

Wir fahren die 30km ins Nachbarstädtchen. In dem riesigen Modehaus sind vielleicht fünf Kunden, man hilft uns gern. Leider sieht die Nach-Lockdown-Mode-Kollektion so aus wie das, was meine Oma auf Fotos aus den 70ern anhat. Der Verzweiflung nahe entscheidet sich das Märzkind für einen schwarzen Bleistiftrock. Irgendwas wird sie noch im Schrank haben, was man dazu anziehen kann, Begeisterung sieht anders aus. Ob sie denn für mich auch mal schauen soll, erkundigt sich die Verkäuferin. Ja, soll sie. Vier mal sagen wir beide aus vollem Herzen nein, als ich aus der Kabine komme. Das fünfte Kleid landet immerhin in der Kategorie „passen tut es“. Ich kapituliere. In meinem Schrank sind einige Sachen die passen und darüber hinaus einigermaßen gut aussehen, ich werde irgendwas davon nehmen.

Auf der Rückfahrt stellen wir zwei Dinge fest. Erstens: Das war wirklich blöd. Entweder kann man demnächst wieder normal einkaufen, oder wir bestellen. Zweitens: In den fünf Stunden, die das ganze gedauert hat, haben wir uns nicht angeraunzt und nicht gestritten. Eigentlich hatten wir sogar Spaß, beim Warten in der Schlange vorm Testcentrum. Jedenfalls mehr Spaß als die anderern. Seltsam.

*

Das Julikind kommt in Englisch nicht weiter. Das Maikind hat die freie Zeit genutzt und den perfekten Schreibtisch gefunden, den hätte er dann gern, wann gibt es eigentlich essen heute? Gute Frage.

*

Anruf der Floristin, es ist diese sanfte Stimme, mit der alle Dienstleister mit Konfi-Müttern sprechen. Sie wolle mich nicht beunruhigen aber „ich konnte kein Gras kaufen“. Ein Teil meines Hirns lacht sich kaputt, der andere denkt schon. Der Konfirmand ist nervlich an einem Punkt, wo er nicht mehr wahrnehmen wird, ob da das Grasgesteck oder ein Blumenstrauß auf dem Altar steht, denke ich. Sie wirkt erleichtert und hat natürlich auch eine Idee.

*

De Omma hat nicht verstanden, dass die Kontaktbeschränkungen nachmittags auch gelten werden, das wird mir erst allmählich klar. Ich lade sie für Montag ein. „Aber, wo trinken wir denn dann am Sonntag Kaffee?“. Wir drehen uns im Kreis.

*

Eigentlich reicht es für einen Tag. Wenn es Arbeit wäre, was ich hier tue, dann könnte ich jetzt Feierabend machen. Meine Liste sagt, der Tag hat noch gar nicht angefangen. Seufz. Ich streiche auf das allernötigste zusammen und verteile Aufgaben. Samstag hat der Liebste frei. Tatsächlich schaffen wir alles, was wirklich erledigt werden muss, bis zum frühen Nachmittag.

*

Dann trifft der Patenonkel ein. Damit beginnt das Fest, denn wir haben uns schon wirklich lange nicht gesehen. Gespräche, in der Freizeit, mit Menschen, die man mag, aber mit denen man nicht verwandt ist, wann hat man das schon?

*

Laut Hygienekonzept dürfen 30 Leute in die Kirche. Das Maikind ist der einzige Konfirmand, wir dürfen alle Plätze besetzen. Großeltern, Paten, Onkel, Tanten, Cousins, Cousinen, alle sind da. Es war sogar noch ein Platz für den besten Freund frei. Wir feiern nicht „trotzdem“, wir genießen den VIP-Status. Es ist richtig schön.

*

Im Anschluss bilden wir einen Autokorso. Die Dönerbude im Nachbarstädtchen erwartet uns. Kurze Verwirrung, wie gibt man denn am besten eine Bestellung für 28 Leute auf? Man reicht uns einen Block durchs Fenster. Haben alle bestellt, weiß jeder seine Nummer noch? Der Liebste reicht den Zettel zurück. Sind wir ehrlich, das ist jetzt reine Glückssache. 20 Minuten später werden zwei Kartons über den Tresen gereicht. Auf dem Bahnhofsvorplatz gibt es eine 50m lange Beeteinfassung, da können wir alle distanziert sitzen. Es fehlt tatsächlich nur eine Portion Pommes.

Nachtisch gibt es an der Eisdiele. Es regnet ein bisschen. Ein Mitarbeiter kurbelt extra für uns den großen Schirm auf. Sitzen darf man nicht, stehen aber schon.

Damit ist die offizielle Feier schon vorbei. Als wir zu Hause ankommen steht ein Freund des Maikinds mit seiner Mutter vor dem Haus. Sie sind zum Kaffee eingeladen. Wir unterhalten uns kurz. Sie trauen sich nicht so recht, die Garage zu öffnen. Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, wie es darin gerade aussieht. Heute morgen um acht habe ich die Kuchen, die gestern schon abgegeben wurden geschnitten und hingestellt. Der Rest lief kontaktlos, hoffe ich.

„Wow, aber – war das nicht eure Garage?“, fragt der Freund. Das ist immernoch die Garage. Der Liebste hat hier wunder gewirkt, in der letzten Woche. Und es hat tatsächlich funktioniert. Während wir weg waren hat sich hier wie von Zauberhand ein Tortenbuffet aufgebaut, und was für eins, einen Moment stehen wir staunend davor.

Drin ist der Tisch festlich gedeckt, aber wir sind eigentlich alle noch pappsatt. Die Männer holen die Bierbänke raus. Kaffee gibt es aus den Alltags-Kaffeepötten.

Gäste kommen an, beglückwünschen das Maikind, übergeben Karten, nehmen sich Torte vom Garagenbuffet und gehen dann zum Kaffee trinken wieder nach Hause. Die freundlich fröhliche Grundstimmung hat etwas feierliches. Das Maikind freut sich. Es war schon hart, so ganz alleine im Mittelpunkt zu stehen, aber dafür musste er keine Tischrede halten, und keine Hände schütteln. Hat alles Vor- und Nachteile.

Der Patenonkel verabschiedet sich am frühen Nachmittag. Sie haben noch einen Weg vor sich und müssen auch den Hund noch abholen, ab 22 Uhr ist Ausgangssperre. Man kommt sich blöd vor und wäre gern noch geblieben, aber so ist es halt.

Am frühen Abend kommt die Oma. Feierlich öffnet das Maikind seine Umschläge. Alle Aufregung ist von ihm abgefallen, jetzt kann er sich einfach mal freuen. So viele Leute haben an ihn gedacht, das hatte er nicht erwartet.

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Danke

allen, die mitgeholfen haben.

An diese Feier werden wir uns sicher noch eine Weile erinnern. Es war besonders schön.

Anfang Mai

Samstag morgen Hundespaziergang mit Pullover und dicker Winterjacke. Sonntag nachmittag sitzen wir auf dem Hof in T-Shirt ganz ohne Jacke.

Der Vatta hat Geburtstag. Niemand war eingeladen, aber wir sind mehr Leute als an Weihnachten. Auffallend viele Motorräder fahren vorbei und Autos mit Fahrrädern hinten drauf. Der erste warme Tag in diesem Jahr, fast wie damals, vor Corona. Ein Polizeiauto fährt vorbei und wir überlegen kurz. Die Omas sind beide voll geimpft und fallen damit seit heute aus den Kontaktbeschränkungen raus. Zwei Personen sind unter vierzehn. Wir sitzen hier quasi zu dritt. Passt.

Der Vatta bietet einen guten Cognac an. Es gibt eine Geschichte dazu, wie er den bekommen hat. Wir trinken auf den Schenker und auf die Gesundheit. Aus Spaß spreche ich de Omma auf platt an. Die hat schon eine Maibowle getrunken und antwortet in aller Selbstverständlichkeit auf platt. Das Märzkind grinst. Mit uns reden immer alle hochdeutsch. Ich kann gar kein Gespräch auf platt führen. Ach, das fällt den Omas aber jetzt erst auf. Sowas. Wie kann das denn sein? Naja, damals wollte man uns was Gutes. Jo, und jetzt sind wir die einzigen, die mitten in Hessen ein aktzentfreies hochdeutsch sprechen. Die Omas versuchen, zu retten, was zu retten ist.

Aus einem Riss in der Teerdecke krabbeln Ameisen. „Do krupen de Kramenzeln uht de ritze ruut.“

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Nachbarn melden sich. Gerne wird man zum kontaklosen Kuchenbuffet vorbeikommen, gute Idee, sowas haten wir ja auch noch nie. Mit jeder Rückmeldung fällt mir ein kleiner Stein vom Herzen. Das hätte auch doof werden können. Kann es immernoch, sagt die kleine Stimme im Kopf. sssschhhttt.

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De Omma ruft an. „Samma, die Konfirmation, das ist ja jetzt Sonntag schon.“ Ja, das ist diesen Sonntag, bestätige ich. „Soll ich dir denn einen Kuchen machen?“ Das ist eine rhetorische Frage. Wenn de Omma entschieden hat, dass sie einen Kuchen backt, wird sie nichts und niemand davon abbringen. „Gerne“, sage ich. Sie freut sich und teilt mir mit, was sie backen wird. Wenn das natürlich diese Woche schon ist, dass hatte sie nicht bedacht. Da müsste ich ihr folgendes vom Einkaufen mitbringen…

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Maikind und Märzkind kommen Dienstag fröhlich von der Schule. Donnerstag ist Feiertag und damit haben sie jetzt Wochenende.

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Zahnarzttermin fürs Märzkind. Die Mama muss mit, sonst dürfen sie nicht röntgen. Es ist genau wie wir uns das dachten, die Weisheitszähne müssen raus. Ein Termin zum Aufklärungsgespräch soll gemacht werden. Übernächste Woche Donnerstag um elf wäre möglich. Wir gucken uns ratlos an, zählen an Fingern ab. Es tut mir leid, sage ich zu der Frau hinter der Plexiglasscheibe, ich rufe sie gleich an, wenn ich vor dem Kalender stehe. Niemand von uns weiß, wer übernächste Woche Donnerstag Schule hat.

Wenn wir dann schon im Städtchen sind, können wir auch gerade noch in der Drogierie einen Haarreif und eine Strumpfhose besorgen, beim Tierarzt eine Wurmkur und beim Hausarzt ein Attest holen und den Wocheneinkauf machen.

Das Maikind hat dann wohl Konfa, heute nachmittag, eine Abschlussstunde. Moment. So richtig, oder irgendwas digitales. Nee, so richtig, da muss er gleich hin (gefahren werden…).

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Diese eine Kiste mit dem Konfirmations-Dekozeug, ich suche sie seit Wochen. Mittlerweile bin ich mir sicher, auf dem Dachboden ist sie nicht, unter der Kellertreppe auch nicht, in keinem der Schränke. Hatte ich das Zeug verliehen? Aber es war ja nix, seitdem. Merkwürdig. Ach, es wird ohne gehen. Ich muss vielleicht nochmal mit der Floristin sprechen. Dann, als ich dem Liebsten kurz beim Garage räumen helfe taucht der Karton auf. Hat er doch gesagt, dass er da hinstellt, vor zwei Jahren. Er hatte sich schon gewundert, dass ich davon nichts brauche.

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Da ist er, der Punkt, an dem es einfacher ist, diesen Raum aufzuräumen, als immer um das Chaos rumzuarbeiten. Den schon halb leeren Sack Hundefutter kippe ich in den dafür vorgesehen Behälter und nehme leere Tüten und verschiedenes mit in den Müll. Nach einer viertel Stunde sieht es schon viel besser aus. Abends fragt das Maikind nach dem Becher, mit dem man die Hundefutterportion abmisst. Ähm ja, also, wenn der nicht oben drauf liegt, dann liegt er vermutlich ganz unten, musst er halt mal ein wühlen, im Hundefutter. Das Maikind lacht sich kaputt. Sowas schusseliges kann auch nur mir passieren, sagt er.

Denksportaufgaben für ungeimpfte

Ich müsste vor der Konfirmation nochmal zum Frisör. Die Stadt bietet die kostenlosen Coronatest, die anschließend als Eintrittskarten gelten, samstags zwischen 10 und 14 Uhr an. Überraschung, samstags gibt es keine Frisörtermine. Wenn ich zu einem bisher unbekannten Frisör gehe, besteht das Risiko, dass mir eine zwanzigjährige eine Trendfrisur schneidet. Das würde alles nur noch schlimmer machen. Meine Haare erfordern Erfahrung und müssen von einer Ingrid oder Brigitte geschnitten werden.

Beratung mit dem Märzkind. Man könnte mit vorhandenen Pflegeprodukten und raffinierter Föhnführung die Wellen formen. Das probieren wir mal, wenn es nicht aussieht, wird alles geglättet. Das ginge dann schnell. Chearleader definieren „schnell“ in Sachen make-up und Frisur anders als ich.

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Eine Packung Potpourri mit Schneckenhäusern, eine blaue Kerze und eine Spiegel-Girlande – alles Gartenbedarf, da kann man ohne Test einkaufen. Sonnenblumenkerne für die Vögel, wäre in meinem Fall auch Gartenbedarf, weil die Vögel fressen ja im Garten. Könnte auch Tierfutter sein, Tierfutter ist doch auch geöffnet, steht aber im Gartenmarkt in der verbotenen Abteilung, wo man auch Werkzeug bekommt und einen negativen Coronatest braucht.

Im Landhandel an der Rampe wird ohne Maske bedient.

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Konfirmationsoutfit fürs Julikind kommt an, gefällt, passt. Ein Hoch auf die digitalen Kleinanzeigen. Schuhe braucht sie noch dazu.

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Die Patentante ist geimpft und hat eine Frage zur Feier: Dürfen wir denn dann im Schnellrestaurant überhaupt alle zusammen sitzen? Nee, soweit ich weiß, darf bis dahin immernoch niemand drin sitzen. Aber im Gottesdienst sitzen wir doch auch? Das ist was anderes. Da sind wir eine Glaubensgemeinschaft, das geht. Hinter dem Zaun sind wir eine Menschenmenge, das geht nicht.

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Donnerstag ist erster Schultag. Da habe er aber Glück gehabt, sagt ein Freund zum Maikind. Er sei leider in der anderen Gruppe, mit den ganzen Idioten. Da hat er jetzt schon keine Lust auf Donnerstag. Moment. Das Mutterhirn stellt fest: Irgendwas passt da nicht. Ich scrolle ganz weit nach oben im Elternchat. Tatsächlich. Die Schulwoche beginnt für die achtklässler zwar erst Donnerstag, die Woche wird aber natürlich schon ab Montag gezählt, da es eine gerade Kalenderwoche ist, hätte Gruppe eins somit Montag/Mittwoch/Freitag Unterricht. Damit ist der erste Schultag der Freitag. Logisch.

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Distanzunterricht am Montag. Statt Mathe in der fünften Stunde findet heute aus organisatorischen Gründen Chemie in der dritten und vierten Stunde statt. „Dritte Stunde? Wann fängt die denn an?“, frage ich das Kind neben mir. Die wäre jetzt. Er war auch schon da, aber entweder weiß der Lehrer nichts von der Änderung, oder die Plattform hat wieder irgendwas, auf jeden Fall kann man sich nicht einwählen. Die Mathestunde wird verlegt auf Mittwoch dritte Stunde, da wäre Physik gewesen, Physik wurde geschoben auf heute, zweite Stunde, als die Änderung rein kam war es leider schon zu spät, um da Unterricht zu machen, man könnte quasi sagen, es ist ausgefallen. Englisch findet in dieser Woche ausnahmsweise Mittwoch in der dritten und vierten Stunde statt. Hä?

Sprecht in die Tüte.

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Meine Haare, das geht so nicht. Anruf beim Frisör, gerne morgen um elf. Entweder mit Bescheinigung über einen negativen Test oder einen Schnelltest direkt im Laden, der würde fünf Euro kosten, dann bitte eine viertel Stunde früher da sein.

Das Testcenter ist direkt neben dem Frisör. Ich fahre eine Stunde vor dem Termin los, in der Hoffnung, dass die Zeit reicht, für einen offiziellen Test. Ich bin die zweite in der Schlange und komme fast sofort dran. Auf das Ergebnis wartet man draußen. Die Person, die nach mir rauskommt kenne ich. Ewig nicht gesehen, mit Maske noch nie. Sie braucht den Test um heute nachmittag eine Sportgruppe für Kinder leiten zu dürfen. Da dürfen im Moment nur fünf Kinder kommen. Vormittags unterrichtet sie einen Sportkurs in der Schule, da dürfen es 15 Kinder sein und es reicht ein Selbsttest. Verrückte Zeiten. Wir bekommen unsere Bescheinigungen. Da hab ich jetzt sogar vor dem Frisör noch Zeit, ein paar Kleinigkeiten von meiner Liste abzuarbeiten, wenn ich schon im Städtchen bin. Oh warte, erstmal gucken, ja, ist negativ. „Stimmt“, sagt sie, „die würden das ja gar nicht sagen, ne?“ Mittlerweile warten schon zwanzig Leute vor dem Gebäude, wohl eher nicht. Wir verabschieden uns, es war nett, sich mal wieder zu sehen.

Frisör

Modehaus – Wir waren zwei Kunden im ganzen Laden, etwas gespenstisch, aber VIP-Status, outfit fertig in einer halben Stunde

Mittagessen zu Hause, der Liebste hat gekocht, wir haben uns nur im Vorbeigehen gesehen

Schuhgeschäft mit Julikind – man kennt sich, auf Ehre und Gewissen, das Kind wurde heute morgen in der Schule getestet, sie darf mit rein, das Maikind bekommt eine Auswahl von Schuhen mit nach Hause. Was nicht passt reichen wir morgen wieder durchs Fenster.

Elterntaxifahrt zur Krankgengymnastik

Erstaunlich, was man alles an einem einzigen Tag erledigen kann.