23-27 Dezember

„Ist heute schon der 23ste? Oder?“. Ja ist es, der Baum kann rein. Ich muss nur noch mein Küchenchaos aufräumen. Ach, das schafft sie schon, sagt das Märzkind. Der Baum ist klatschnass, unhandlich und schwer. Das macht alles nichts, sie wuchtet ihn bis ins Wohnzimmer. Die Geschwister haben mittlerweile bemerkt, dass es losgeht und wollen helfen. Das Gezänk beginnt. Ich ziehe die Küchentür zu, sollen sie das selber regeln. Siehe da, innerhalb weniger Minuten werden sie sich einig. Eine Stunde später sieht der Baum toll aus und die Küche wieder normal. Große Kinder sind toll.

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Am Vormittag des 24. packe ich die letzen Päckchen. Anruf bei meiner Schwester, zur Absprache der kontaktlosen Geschenkeübergabe. Wie-ein-Onkel schlägt vor, man könne sich doch an der Weihnachtsscheune treffen und winken. Wir verabreden uns für zwei Uhr. Daraus ergibt sich der restliche Tagesplan von selbst.

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Die Weihnachtsscheune ist beeindruckend schön geworden. Lichterketten hängen auf halber Höhe, Gartenbänke und Stühle aller Art stehen im Kreis, jeder Platz mit einem Namensschild. Wir legen Geschenke ab und warten am Zaun. 10 Minuten später stehen wir in einem großen Kreis auf dem Hof und unterhalten uns kurz. Manche tragen Maske dabei. Es ist eigentlich nur ein bisschen seltsam. Man hat sich an schon an einiges gewöhnt.

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Man könnte es sich auch zu Hause anhören, aber dann wird es nicht richtig Weihnachten. Also haben wir uns für die Gottesdienstübertragung in der Ortsmitte entschieden. 15 Minuten Andacht vor Weihnachtsdorfkulisse. Von weitem kann man andere Familien sehen – Weihnachtswinken. Es ist eigentlich viel schöner, als so Arsch an Arsch in der rappelvollen Kirche zu sitzen, da sind wir uns einig, auf dem Rückweg.

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Nach der Bescherung zu Hause machen wir uns auf zu Oma und Opa. Die erste Stunde verbringen wir in der Scheune, dann wird es einfach zu kalt. Drin gibt es Schnittchenplatte und Süßigkeiten. Es ist leiser als sonst, wir sind ja auch viel weniger. Irgendwie sind auch alle ein bisschen müde. Die ständigen Umplanungen und Anpassungen waren anstrengend. Aber es ist doch schön, dass wir so zusammen sitzen können. Selbstverständlich ist das nicht. Ist es ja nie, nur in normalen Zeiten denkt man darüber nicht nach.

Gerne würde ich meinen Bruder mal in die Seite pieksen. Am Liebsten natürlich, wenn er gerade was getrunken hat. Das geht aus der Distanz nicht. Ich wußte gar nicht, dass das zum Weihnachtsabend dazu gehört. Aber das tut es offensichtlich. De Mudda sitzt neben ihm, weil sie über die Feiertage ein Haushalt sind. Ich bitte sie, das für mich zu übernehmen. Halbherzig piekst sie ihn ein bisschen. Es ist nicht dasselbe.

Die Oma aus dem Städtchen ruft an, um uns allen Frohe Weihnachten zu wünschen. „Warte, wir geben dich rum, oh nee, das geht ja nicht.“ Soweit hätte ich gar nicht gedacht… Der Haushalt zu dem das Telefon gehört spricht, alle anderen rufen leise Frohe Weihnachten. Ein liebevoll zusammengeknüddeltes Alupapier vom Marzipanstern werfe ich in den Mülleimer. Eigentlich wollte ich es dem Brüderchen an den Kopp schnipsen, das traue ich mich aus Seuchenschutzgründen nicht mehr.

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Anruf bei der Oma im Städtchen mit unserem Telefon. Sie ist fröhlicher, als ich gedacht hätte. Das war schon alles gut so. Sie hat ein bisschen mit dem alleinstehenden Onkel gefeiert und dann ferngesehen. Das Programm war wirklich gut, da hat sie sich gefreut und bis nach Mitternacht geguckt. Das macht sie sonst nicht. Für morgen sei sie zum Essen eingeladen, da hat sie auch abgesagt. Sie bekommt aber was gebracht, weil, das war schon bestellt, und dann soll sie ihre Portion auch essen, haben sie gesagt. Jo, und dann haben wir Weihnachten doch gut geschafft.

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Am ersten Feiertag kommen die Omas aus dem Nachbarort zum Mittagessen. Damit der Hund dabei nicht die ganze Zeit rumwuselt gehe ich morgens die große Runde. Bei strahlendem Sonnenschein und klarer Winterluft ist das herrlich. Der Liebste kocht solange ein klassisches Premium-Weihnachtsmenü.

Die Oma hat die Enkel länger nicht gesehen und nimmt erstmal alle in den Arm. Die Kinder wundern sich kurz, sie sind eher auf Abstand zu Omas trainiert. Eine Stimme in meinem Hinterkopf hofft, dass das hier nicht der Moment sein wird, an den wir uns ewig erinnern… Es wird ein gemütlicher Nachmittag. Wir spielen das neue Spiel, die Oma guckt sich die neuen Zimmer an, wir schauen total unsortierte Fotos der letzten Jahre, trinken nebenbei Kaffee und essen Plätzchen.

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Am zweiten Feiertag klingelt es schon um halb zehn. Nee, nee, rein wollen sie auf keinen Fall, nur was abgeben, sagen die Paten aus dem Nachbarort. Wir tauschen Geschenke im Türrahmen und unterhalten uns mit Abstand. Also, vielleicht, wenn einer da ist, würden sie doch einen Kaffee vor dem Haus… Kurzentschlossen holen wir den Stehtisch raus. Tee, Kaffee, Plätzchen vor dem Haus, das ist eigentlich ganz schön.

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Der Rest des Tages haben wir in Jogginghosen Märchenfilme geguckt. Da kommen wir sonst nicht zu. Das war auch mal schön. Es tut mir ein bisschen leid, aber ich habe so gut wie nichts vermisst, dieses Weihnachten.

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Der Coronaimpfstoff. Er ist zugelassen. Er ist da. Er wird verladen. Er wird unter Polizeischutz über die Autobahn gefahren. Er wird ausgeladen. Erste Senioren in einem Altersheim werden vor laufenden Kameras geimpft.

Mal was ganz anderes: Schulbetrieb ab Mitte Januar, gibt es da eigentlich schon Ideen FRAGEZEICHEN?

20,21,22,23 Dezember

Ab Montag wird eine Ausgangssperre gelten, zwischen 21 Uhr abends und 5 Uhr. Der Hund darf aber noch, wenn er muss. Ansonsten will man um die Zeit sowieso nichts mehr draußen. Wobei, abends nach neun noch mit Glühwein durch den Ort laufen, gerade fällt mir auf, dass man das ja könnte. Sonst will ich das nie, aber wenn ich es morgen nicht mehr darf, dann tut es mir vielleicht leid. Und, ich wollte sowieso noch eine Karte einwerfen. Da mache ich jetzt aber mal Glühwein heiß, kommt jemand mit? In nebligem Nieselregen trinken wir Glühwein und Cola auf dem Dorfplatz und laufen eine Runde durch die Altstadt, also, den unteren Teil vom Dorf. Alles ist so schön beleuchtet, das sieht man garnicht, wenn man sich nach 18 Uhr immer nur drin aufhält.

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Nach dem Abendessen spielen wir noch irgendwas. Alle zusammen. Irgendwer nörgelt immer. Es geht hier aber auch nicht um Spass, sondern darum, irgendeine Art von Shutdown-Ritual zu finden, das den Abend einläutet.

Dieses Spiel ist ganz einfach, man braucht nur einen Würfel. Man darf so oft Würfeln wie man will, die Zahl der Augen wird addiert. Würfelt man eine drei, setzt das alles, was in dieser Runde bis jetzt erwürfelt wurde auf null und der nächste ist dran. Wer zuerst hundert erreicht gewinnt. 4,9,13,16nnaaargh Mist!

Ohne Absicht verbringen wir einen schönen Familienabend.

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Die Brille des Maikinds hat einen Knacks. Noch hält sie, aber keiner weiß für wie lange. Anruf beim Optiker, Termin ist kein Problem. Das Julikind bekommt auch gleich einen, sie sieht schon länger verschwommen. Wenn es jetzt die Möglichkeit gäbe, mal unter Menschen zu kommen, muss sie aber mal ganz dringend in dm, sagt das Märzkind. Der Liebste übernimmt die tour – alle verlassen das Haus. Ungewohnt. Mein Hirn spielt weihnachtliche Musik ein.

Haaaaallelujaaaaah, halelujah, halelujah, halelujah, haleeeeheeluujaaaah.

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Weihnachtsplätzchen sollen verschenkt werden. Der Gedanke kam mir Anfang November, etwas besseres ist mir bisher nicht einfallen, also ist das jetzt der Moment, in dem die gebacken werden müssen. Teig ist schnell gemacht. Ausrollen, ausstechen, rein in den Ofen, raus aus dem Ofen- ähm, da wo im letzten Jahr der Esstisch stand steht jetzt das Sofa. Um die Plätzchen sicher zwischenzulagern muss ich einmal halb durch die Bude. Aber wenn es einmal läuft, dann läuft es.

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Das Auto fährt vor, Kinder mit Einkaufstüten queren meine Laufrichtung. Blick auf den Plätzchenberg „du hast noch nicht gekocht, vermute ich mal?“ Nee, habe ich nicht… Einkaufstüten werden mitten in der Küche abgestellt. Das ist gerade ungünstig… Der Liebste berichtet mir im Vorbeigehen, er habe den Umschlag eingeworfen. Welchen Umschlag?, erkundige ich mich, während ich versuche mit dem heißen Blech durchzukommen, ohne jemanden zu verletzen. Na den einen, hatte ich doch gesagt, er solle den mitnehmen. Ach den, ja stimmt, ich hatte gesagt, wenn der fertig ist. Da fehlte doch noch die Karte, und die dazugehörige Geschenktüte….Chaos mit Zuckerglasur…

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Kurzer Schreckmoment. Hatten wir Kontakt zu den aktuellen Coronafällen? Nein. Obwohl – hatten wir Kontakt zum Kontakt? Ja, aber nein, alles gut.

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Lebensmitteleinkauf am 23. Dezember. Das war so eigentlich nicht geplant, aber nützt ja nichts. Ich ziehe den dicken Mantel an, falls ich auf einen freien Einkaufwagen warten muss. Auf dem Supermarktparkplatz stehen aber kaum Autos. Es gibt jede Menge Einkaufswagen. Alle Regale sind voll bis zum Anschlag, die Angestellen sind fröhlich, die Kassen alle geöffnet. Großeinkauf am Tag vor Weihnachten in 45 Minuten erledigt. Beim einräumen ins Auto überlege ich, ob ich mich freuen oder gruseln soll.

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Sich nicht zu treffen ist irgendwie auch nicht einfacher. Dieses Weihnachten macht mich auf seine ganz eigene Art müde.

Welche Geschenke müssen zusammen in eine Tüte um dann wann von wem wohin mitgenommen zu werden? Ich verliere die Übersicht. Vielleicht hilft es, alle Geschenke, die das Haus verlassen sollen, einmal auf einen Tisch zu packen. Tatsächlich. So findet sich schnell eine logische Anordnung nach Haushalten. Murmeld stehe ich davor, im Keller steht noch was, im Auto auch… „Wow“, flüstert das Julikind, und bleibt im Türrahmen stehen. Stimmt eigentlich. Das hatte ich so gar nicht wahrgenommen.

Spoileralarm!

Ich wünsche euch allen von Herzen das bestmögliche Weihnachtsfest!

Eine Woche vor Weihnachten

Drei Gäste sind gebucht, von Montag bis Donnerstag. Shutdown ab Mittwoch. Geht das? Ich dachte, es wäre eine ganz einfache Frage, finde aber keine klare Antwort. Man kann wohl mit Sicherheit davon ausgehen, dass das drei Haushalte sind. Sind die dann nach Feierabend privat regelwidrig zusammen? Baustellenbetrieb ist sicherzustellen…. ich glaube aber, das sind externe von irgendeiner Firma im Umkreis. Wottsefack, wenn die anreisen, beherbege ich die und fertig. Dann finde ich einen Bussgeldkatalog und denke alles nochmal von vorne.

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Die Klassenlehrerin bedankt sich, dass ich mich gemeldet habe. Das Märzkind soll bis zu den Feiertagen gar keine Aufgaben mehr machen. Gar keine, wirklich nichts. Für alle anderen wurden die Abgabetermine auch aufgeweicht. Man verstehe, dass diese Altersgruppe im Moment ganz besonders betroffen ist. Nur leider sind die Leherer auch alle am Anschlag. Das widerum kann ich gut verstehen.

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Dienstag kommen die Kinder schwer beladen mit allen Büchern nach Hause. Das Julikind wuchtet alles mit Schwung in den Ranzenschrank und macht die Tür zu. „Mittelferien – ich ziehe mir jetzt eine Schlabberhose an.“ Ferien sind eigentlich ab Freitag, kein online Unterricht. Weise Entscheidung.

Donnerstag morgen höre ich im Autoradio, dass sämtliche Lernplattformen zusammengebrochen sind. Ach was.

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Der Liebste bekommt seine „du kommst aus dem Gefängnis frei Karte“ zugeschickt, wie er es nennt. Zur Aufrechterhaltung des Betriebs ist seine Anwesenheit am genannten Standort des Unternehmens zwingend erforderlich. Wegen Mehrschichtbetrieb kann das auch nachts oder am Wochenende der Fall sein. Er dürfte raus, wenn es zu Straßensperren kommen sollte.

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Zwei Bleche Kokosmakronen hatte ich auf dem Herd abgestellt, damit sie abkühlen können, bevor ich sie in die Dose packe. Eine Stunde später wird keine Dose mehr gebraucht. Abendessen? Eigentlich haben sie noch gar keinen Hunger.

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Die Oma aus dem Städtchen bringt einen süßen Teller und Weihnachtskarten. Sie wird Heilig Abend nicht kommen, hat sie entschieden. Das muss und darf natürlich jeder für sich selber entscheiden, niemand nimmt da was übel dieses Jahr. Aber seltsam ist es doch für alle. Heilig Abend wird zeitgleich drin und draußen stattfinden. Plan D. Wir wurschteln uns legal durch.

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Die andere Seite der Familie hatte nur einen Plan A. Der ist dahin.

Wenn da jetzt irgendeine Art der familären Zusammenkunft gewünscht ist, dann müsste aber wahrscheinlich schon irgendwer mit irgendwem irgendwie kommunizieren, oder? Ich hatte ja gesagt, ich sage nichts mehr. Der Liebste ist trotzdem grummelig. „Mental load“ nennt man das, was später Weihnachtsmagie wird. Ich koche mir einen Tee, sage wirklich nichts und bin ein bisschen stolz drauf.

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Mit einem Blick und einem Kopfnicken werden wir eingeladen, mit auf den Friedhof zu gehen. Eigentlich wollten wir nur am Zaun stehen. Anwesend sein, ohne rechnerisch teilzunehmen, quasi. Diese Variante fühlte sich in unseren Überlegungen am wenigsten falsch an.

An diesem Grab haben wir schon mal gestanden, mit der gleichen Familie.

Stille.

Nach und nach geht jeder am Grab vorbei und bleibt dann allein am Weg stehen. Kein Händedruck, keine Umarmungen, der Weg zurück mit Abstand.

Beileidsbekundungen am Grab finde ich immer schwierig. Standartfloskel mit Händedruck, es hilft ja doch nicht, dachte ich immer. Das sehe ich jetzt anders.

Nach ein paar Sätzen smalltalk im Gehen verlassen wir die Trauergemeinde schweigend.

„Väter beerdigen ist scheiße“, sagt der Liebste.

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Der Landkreis hat eine Insidenz von 257.

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Meine Schwester entschuldigt sich für Heilig Abend. Sie habe diese Woche mit einer Kollegin im Büro gesessen, die sich mit Kopfschmerzen und Geschmacksverlust krank gemeldet hat. Die Grippe, hat der Hausarzt gesagt, kein Test notwendig. Aber, ganz ehrlich, wo sollte man denn bei diesem ganzen Hygieneaufwand eine Grippe her haben? Das ist zwar richtig blöd jetzt, aber sie halten sich einfach raus, dieses Jahr, es ist zu heikel, wenn da jeder sagt „ist egal, ist Weihnachten, was soll das dann noch geben…?“ Es ist blöd. Aber danke! Denn selbst mit eingeschränktem Weihnachtsprogramm hätte das noch Sprengkraft, wenn denn dann… hoffentlich nicht. Gedankengang Ende.

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Es wird eine Weihnachtsstation eingerichtet. Jeder Haushalt wird ein Tischchen mit Namen drauf bekommen. Geschenke können so kontaktlos ausgetauscht werden. Die Kinder sind mit der Oma zum Scheune fegen verabredet.

Jetzt schon?

Ein Notarztwagen kommt uns entgegen, halb auf unserer Seite der Straße und ziemlich schnell. Ausweichen kann man auf der kurvigen Strecke durch den Wald kaum. Wenn der so schnell fährt könnte er doch ruhig mal tatütata anmachen. Ein Schreckmoment. Dann fragen wir uns kurz, was wohl los ist, denn wenn hier ein Notarzt fährt, will der ins Dorf. Merkwürdig, dass vorher kein Rettungswagen kam, den hätte man gehört.

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(Aus dramaturgischen Gründen werden im folgenden Markennamen genannt, nicht zu Werbezwecken. Wir zahlen das ganze Geraffel selber.)

Die Großen wünschen sich alle Geld, erfahre ich per whattsapp, der Kleine überlegt noch. Gefragt hatte ich vor drei Wochen. Wer mich kennt weiß eigentlich, dass ich nie im Advent in Fussgängerzonen gehe. Dass Paketzustellungen im Moment etwas länger dauern ist doch eigentlich auch klar. Ich mache eine klare Ansage. Wunsch jetzt – oder Geld zu Weihnachten.

Ein Legoset also. Lego im Dezember… wer schon mal ein bestimmtes Set gesucht hat weiß, dass das nicht so einfach ist. Ich frage nach: Wenn dieses Set nicht zu bekommen ist? Anderes Set? Gleiche Baureihe oder was ganz anderes? Gutschein? Bargeld? Es kommt ein Foto von einem Siku- Traktor. Ich seufze und schicke die Bilder weiter an den Liebsten, er ist der Onkel und hat vor Weihnachten frei. . „Jo, ist Lego, das ist ja kein Problem“. Vielleicht hat er Recht.

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Ich würde gern mal wissen, wo das Märzkind steht. Reicht das kommende Zeugnis zur Zulassung zur weiterführenden Schule oder nicht? Mehr geht nicht. Wir werden ab hier mit dem arbeiten, was da ist. In den Weihnachtferien werden wir Bewerbungen auf den Weg bringen, die Frage ist nur für was.

Die Klassenlehrerin meldet sich schnell. Sie habe da ja auch schon gesprochen und hält das für eine ganz gute Idee mit der weiterführenden Schule. Das Märzkind sei aus ihrer Sicht in jedem Fall dafür geeignet, sie wundert sich. Ich frage mich, warum so viele Lehrer da so dramatisch Druck aufbauen. Es hilft nicht.

Das Märzkind ist wie ausgetauscht. Die Tante holt sie nachmittags ab, sagt sie. Sie fahren ins Städtchen und lassen Fotos machen für Bewerbungen, vielleicht auch mal nach einem Weihnachtsoutfit gucken…

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Das Maikind fährt irgendwann demnächst ins Städtchen zur nächsten Runde im Mathewettbewerb. Also, wenn er da Hilfe braucht, sagt die Oma, dann soll er aber bescheid sagen. Sie könnte zum Beispiel vor der Tür stehen und Plakat hochhalten. Niemand wird das Datum erfahren, sagt das Maikind.

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Weihnachten bei den Eltern im Wohnzimmer war eigentlich durchgewunken. Wir hatten uns gewundert, waren aber mental an einem Punkt, wo man Sachen mit einem Schulterzucken und einem gemurmelten „wenn sie meinen“ hinnimmt. Zwei aus der Hochrisikogruppe wollen zwar einerseits gerne dabei sein, haben aber andererseits Bedenken, mit so vielen Leuten in einem Raum. Weihnachten in der Scheune kommt wieder ins Spiel. Die Scheune ist nach oben hin riesig. Mit genügend Abstand könnte man da den ganzen Abend atmen ohne irgendein Aerosol zweimal zu erwischen. Leider ist die Scheune auch einfach die Scheune. Um da einen Hauch von Landlust Weihnacht reinzubekommen müssste man schon so einiges vorher noch. Kalt wäre es trotzdem, eine Feuerschale kann man natürlich nicht aufstellen, gibt es eigentlich eine Steckdose? Zwei vom Team „wie-immer-im-Wohnzimmer-mit-Baum“ stellen sich quer. Ich bin raus. Man möge bitte entscheiden, was gewollt ist, dann helfe ich gern bei der Umsetzung. Das Märzkind schreitet zur Tat. Mit den Worten, sie werde jetzt alle Weihnachtsprobleme lösen, macht sie sich auf den Weg zur Oma. Stunden später kommt sie wieder, ein bisschen blass. Ich erkundige mich, worauf man sich denn nun geeinigt habe. Es sei alles nicht so einfach, sagt das Märzkind.

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Thüringen plant einen richtigen Lockdown. Kein Besuch in den Weihnachtsferien. Eigentlich hatten wir uns das gedacht, schade ist es trotzdem. Das wäre mal was anderes gewesen.

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Das Märzkind erhält per whattsapp ein schönes Gedicht, sie schmunzelt. Jemand möchte wissen, was sie sich zu Weihnachten wünscht, ihre Geschwister soll sie bitte auch fragen. Da braucht sie gar nicht laufen, die Liste liegt hier. Gewünscht wird noch ein Papierkorb in rosa oder lila, eine Schulterstütze für das nerf Modell… Der Liebste und ich gucken uns an und denken wohl das gleiche. „Schreib, ihr wünscht euch Geld“, sagt er.

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Da kommen jedes Jahr neue Weihnachtsbackbücher und ganze Plätzchen-Zeitschriften raus. Ich habe der Einfachheit halber alle gefragt, welche Sorten denn die besten sind und in diesem Jahr gebacken werden sollen. Johannistaler, Kokosmakronen, Zimtsterne, Vanillekipferl und einfach welche mit Plätzchengeschmack wurden gewünscht. Die Klassiker. Eigentlich brauche ich dann garnicht backen, weil da hab ich noch ein Foto vom Plätzchenteller vom letzten Jahr, das könnte ich in meinen Status stellen. Ein Scherz, natürlich.

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Der Hund ist wieder ganz der alte. Morgens eine Stunde raus und nachmittags nochmal, das ist zu wenig, zu langweilig. Die rote Müslischale, das beste Hundespielzeug der Welt, wird durchs Esszimmer gejagt, jeder der sich hinsetzt bekommt einen Ball vor die Füsse gelegt.

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Das erklärt, warum kein Rettungswagen kam, da hatte ich schon gar nicht mehr dran gedacht.

Glockengeläut morgens um acht. Jemand ist am Vortag verstorben. Ich öffne das Fenster und stehe einen Moment andächtig da.

Nachmittags überlegen wir, wie man Anteilnahme ausdrücken kann, bei Kontaktbeschränkungen und Personenzahl-Begrenzungen.

Alle anderen Probleme dieser Woche sind eigentlich keine mehr.

Erste Dezemberwoche

Eine Leiter kann man nicht stellen. Die Wand hinter dem Ofen ist nicht nur schwer erreichbar, sondern auch noch hundert Jahre schief. Es hat eine Ewigkeit gedauert und Nerven gekostet, aber die Tapete ist dran. Ich habe den Muskelkater des Jahres.

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Eine Faszienrolle sieht in etwa so aus wie eine Küchenrolle. Das Material erinnert an eine Boje. Die Rolle ist sehr fest und löst, wenn man darüber rollt, die Verklebungen der Faszien. Ist klar. Ich hatte es für ein Fitness-Gadget gehalten und nur wegen des Placeboeffekts gekauft, weil die Physiofrau gesagt hat, wir brauchen sowas. Das Märzkind hat seit Monaten kein richtiges Training mehr. Einmal die Woche Krankengymnastik ist zu wenig melden die Knochen.

Ob ich das denn auch mal probieren möchte, werde ich gefragt. Sicher, warum nicht. Unter Anweisung des Märzkindes setze ich mich auf den Boden, platziere die Rolle unter meinen Waden, stütze mich mit den Armen ab und – rolle locker über das Gerät, dachte ich. „AAAAuaaa, haaauuuaaa, aaaaa, das kann doch nicht gesund sein“. Doch, sagt das Märzkind. Da könne ich aber mal sehen, wie verspannt ich so bin. Boar nee, das ist nichts für mich. Als ich aufstehe und gehe, muss ich allerdings zugeben, es ist ein angenehmer vorher nachher Effekt erkennbar. Faszinierend.

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Da haben sie so schön gesessen und mit der Uroma drei Nüsse für Aschenbrödel geguckt und Plätzchen gegessen, dann kam der Papa dazu und hat gesagt: „guck mal die Eule, wenn man genau hinsieht, sieht man die Schnur“. Nie, niemals hat irgendwer es für möglich gehalten, dass diese Eule da nicht selber fliegt. Das Julikind ist empört, als es mir die Geschichte beim Abendessen erzählt. Der Liebste schmunzelt. Er fängt sich einen Tötungsblick und wird von beiden Mädels in die Seiten geboxt. Das ist nicht witzig. Er hat „die Glaubheit zerstört“.

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Ich bringe etwas an die Tür des Quarantäne-Haushaltes und klingele. Wer weiß, ob die das sonst finden, geht ja keiner raus, im Moment. Die Tür geht auf, ich gehe noch einen halben Schritt zurück und winke fröhlich der Mutterkollegin, die da noch halb im Flur steht. „Hast du keine Angst?“, fragt sie. „Nee“, ich wundere mich selber. „Also doch. Aber ich habe das ganze Jahr schon Angst, man gewöhnt sich…“ Die Mutterkollegin kommt bis in den Türrahmen und freut sich sehr, dass ich da bin. Sie wünscht uns wirklich von Herzen, dass uns das nicht passiert. Am Dienstag war sie mit dem Kind beim Test, direkt danach hat sie auf der Arbeit angerufen, die Chefin hat gesagt, das wäre kein Problem, sie solle ganz normal weiter arbeiten, der Test wäre doch bestimmt sowieso negativ. Sie hat dann wirklich jedesmal eine frische Maske genommen, obwohl das so gar nicht vorgesehen ist, und Hände desinfiziert und Abstand gehalten soweit es nur ging, als sie gerade anfing, selber zu glauben, dass der Test negativ sein muss, da hat die Tochter sie angerufen, und gesagt, sie muss alles sofort stehen und liegen lassen und nach Hause, Freitag war das. Seitdem sind sie alle nur im Haus. Die Kleine war am Wochenende krank. Nur zwei Tage und wenn man ehrlich ist, das könnte eine ganz normale Erkältung gewesen sein. Es geht allen gut, soweit. Nur im Kopf ist es anstrengend. Man horcht dauernt in sich rein, fragt sich, ob es vielleicht kratzt im Hals…

Das kenne ich. Die Kleine hat die ganze Woche im selben Klassenzimmer gesessen wie das Julikind.

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Was ist denn nun mit Weihnachten? Ich hole Kuchen bei der Omma und frage anstandshalber mal nach, was sie so meint. Weihnachten mit Urenkeln unter dem Baum? „Och“, sagt de Omma, „ich bin da nicht ängstlich“. Das wußten wir ja alle, aber im Moment ist es ja doch etwas bedrohlicher, deswegen… „ach, weißte, ich bin so alt, ich kann ruhig sterben“. Ähm…okee… wer fragt bekommt Antworten.

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Was ist denn nun mit Weihnachten? Gleiche Frage andere Seite der Familie. Tagelanges Schweigen von allen Beteiligten. Bei mir entsteht der Eindruck, dass niemand Gastgeber sein will. Vielleicht bietet dieses Jahr die Möglichkeit, Dinge anders zu machen als „schon immer“?, das muss ja garnicht heißen, dass es schlechter wird? Vielleicht lerne ich auch einfach irgendwann die Klappe zu halten.

Es findet sich dann doch noch eine Lösung. In der Theorie könnte das schön werden – oder Schlagzeilen machen.

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Lichter leuchten überall in den Fenstern und in den Gärten. Dieses Jahr geben sich die Leute anscheind richtig Mühe, dass kann sogar ich schön finden. Naja, das meiste zumindest. Als wir auf der Hunderunde an diesem riesigen luftgefüllten Leuchtschneemann vorbeikommen, muss ich doch grinsen. Was denn so lustig sei, erkundigt sich der Liebste. „Modell 88, dachte ich gerade, aber das ist bestimmt ein Versehen“, und deute auf die Adventsfigur. Der Schneemann sollte mit Sicherheit winken. Die Winkehand ist aber irgendwie ungünstig verklemmt und teilweise von der Luftzufuhr abgeschnitten. Statt hocherhoben zur Seite zeigt der Arm halbhoch nach vorne. „Du wieder“, sagt der Liebste, „sowas fällt doch keinem auf“.

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In der Schule werden jede Menge Arbeiten geschrieben. Die Kinder machen nachmittags Hausaufgaben und lernen. Da fällt der lockdown gar nicht weiter auf. Es hat gar keiner Zeit, sich zu verabreden. Angespannt ist die Stimmung vor den Weihnachtsferien immer, es werden jedes Jahr viele Arbeiten geschrieben. Dieses Jahr ist das Pensum aber ein anderes und es fehlt der ganze Tüddelkram. Kein Weihnachtsmarktbesuch, kein wichteln, kein Gesang, kein Gebäck.

Beim Märzkind in der Klasse gibt es in diesem Winter einen Wasserkocher. Da kann man sich Tee machen. Neben dem Wasserkocher steht auch ein kleiner Weihnachtsbaum. Ganz ehrlich, wenn das nicht wäre, dann hätte man auch langsam keinen Bock mehr. Arschkalt isses.

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Keine Wichtelgeschenke besorgen, keine Spenden für Mitbring-Buffets auf Weihnachtsfeiern, keine Sondertrainings, keine Turnveranstaltung, keine Auftritte, keine Gürtelprüfung, keine Weihnachtsfeiern. Es ist der entspannteste Advent aller Zeiten.

Luxusprobleme

Ich gehe zu Fuss durch den Weihnachtsmarkt drive in und hole uns das Adventsmenü to go. Erst an der Haustür bemerke ich, dass das Behältnis, in dem man mir die Knoblauchsoße abgefüllt hat leicht verrutscht ist, in meinem Korb. Das muss etwa auf Höhe des Briefkastens passiert sein, stelle ich bei der Hunderunde fest. Bis dahin lässt sich die Spur aus Knoblauchsoßen-Tropfen verfolgen.

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„Schwarze Jacke?“, das Maikind ist irritiert. Heute ist Totensonntag, da gedenkt man den Verstorbenen des letzten Jahres, es ist ein stiller Feiertag. Aus Respekt, vor den Trauernden zieht man halt was dunkles an. Ah so. Pause. „Wie gedenkt man denn?“, möchte er dann wissen. Wenn der Pfarrer sagt „wir gedenken“ dann ist man leise und guckt andächtig. „Auf den Boden, oder geradeaus oder irgendwohin?“ Kannste dir aussuchen, Hauptsache nicht gelangweilt in der Gegend rum. „Ok“. Im Moment des Gedenkens schaue ich aus dem Augenwinkel auf den andächtigen Konfirmanden und muss ein bisschen schmunzeln unter meiner Maske. Das macht er wirklich gut. Ich dagegen stelle in aller Stille fest, dass die schwarze Jacke bei ihrem letzten Einsatz im Januar wesentlich besser gepasst hat. Da muss ich bei Gelegenheit mal gucken, ob bei dem dazugehörigen kleinen Schwarzen der Reißverschluss noch zugeht.

Die Andacht auf dem Friedhof war trotz nieseligem Nebelwetter gut besucht. Wir wundern uns auf dem Heimweg.

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Der Wartebereich der Tierklinik ist in diesen Zeiten das eigene Auto. Eine Stunde sitzen wir und beobachten die anderen. Die Menschen kommen meist zu zweit, es darf aber nur einer mit rein. Die Wartenden gehen über den Hof, die Stimmung ist angespannt, aber man ist nett zueinander, weiß ja jeder selber wie das ist. Der Liebste begleitet den Hund und kommt nach einer viertel Stunde wieder raus. Er muss sich kurz sortieren, das letzte mal, dass er einen Hund so hat einschlafen sehen war es für immer. Heute dauert es aber nur noch eine Stunde, dann bekommen wir ihn wieder. Ohne Zahn.

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Das Märzkind ist etwas verzweifelt, sie braucht eine gute Note in einer Naturwissenschaft. In der entscheidenen Klassenarbeit gibt es einen Notenschnitt von 4,8. Das geht eigentlich noch, die Parallelklasse hat einen Schnitt von 5,2. Der Fachlehrer hat gesagt, wenn da sowas bei rauskommt, dann braucht er sich aber wirklich keine Mühe mehr zu geben. Soviel Zeit hat er investiert, um diese Arbeit zu erstellen. Nahezu alle Schüler sind weit unter dem vorgesehenen Niveau. Vermutlich sind sie alle falsch in dieser Schulform. Sicher. Ich tröste das Märzkind, sie hat ihr möglichstes getan.

Das Maikind betritt den Raum. Er teilt uns mit, dass die Fehler, die er im Mathewettbewerb gemacht hat, gar nicht so viel Punktabzug bringen, wie er dachte. Er wirkt allerdings nicht fröhlich. „Ist doch gut, oder?“, frage ich nach. Nee, ist es nicht! Wenn er Pech hat, kommt er jetzt eine Runde weiter, dann muss er im Städtchen gegen Leute aus anderen Schulen antreten, und ganz ehrlich, darauf hat er überhaupt keine Lust. Abgang Maikind.

Das Märzkind und ich schauen uns an und schütteln den Kopf. Luxusproblem.

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Der Liebste steht neben mir am großen Tisch und hobelt Weißkohl für Sauerkraut. Wir unterhalten uns. Mitten im Satz springt er einen Schritt zurück und zieht scharf die Luft ein. Wortlos geht er in die Küche und hält sich den Finger dabei. Ich warte einen Moment um mich zu wappnen. Er flucht nicht, das ist kein gutes Zeichen. Ich will gar nicht ins Detail gehen, Fingerpflaster steht auf der Einkaufsliste.

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Ich verpacke 72 adventliche Kleinigkeiten und sortiere sie in drei festlich dekorierte Schuhkartons.

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Eigentlich laufe ich ja lieber im Wald. Alleine. Aber es sind schwere Zeiten für Mannschaftssportler. Ich jogge also mit dem Liebsten. Das ist ungewohnt, aber es geht überraschend gut. Auf Feldwegen benutzt man anscheind andere Muskeln.

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Die Kinder haben auf dem Dachboden die Kiste mit aussortierten DVDs gefunden. Sie machen einen retro-Filmabend. Es ist enttäuschend. Pipi Langstrumpf Folgen waren früher viel länger und spektakulärer. Das Meer rund um Lummerland ist aus Plastik und diese rassistischen Kommentare die ganze Zeit, das man sowas kleinen Kindern zeigt… ähm, jo, also, früher…

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Ehrlich gesagt hatte ich gehofft, es gäbe irgendeine Kontaktbeschränkung, die uns die Weihnachtsplanung erleichtert. Man hätte sagen können, dieses Jahr ist es eben für alle so, wir machen das Beste daraus. Dann wäre uns irgendwas eingefallen.

Nach tagelangen Beratungen haben Miniserpräsidenten und Kanzlerin sich auf etwas geeinigt, das ich nicht habe kommen sehen. Kontaktbeschränkungen bis zum 23. Dezember in verschärfter Form. Ab da darf man sich bis zum 1. Januar mit bis zu zehn Personen treffen, Kinder unter 14 werden nicht mitgerechnet. Daraus ergeben sich, ausgehend vom Weihnachtsfest 2019 für uns folgende Rechnungen:

5+2+2+1+1+1+1 macht elf Personen. Heiligabend wären wir somit zu viele.

5+6+4+2 macht genau zehn Leute. Der erste Feiertag könnte theoretisch stattfinden wie immer.

Hohoho – hä?

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Das ist irgendwie blöd. Bei den Infektionszahlen kann man doch gar nicht entspannt feiern. Mit diesen Regelungen kann man aber auch nicht entspannt zu Hause bleiben.

Eigentlich finde ich weihnachtliches lockdown-frei sogar ein bisschen respektlos gegenüber denen, die trotzdem allein sein werden, aus welchen Gründen auch immer. Auch gegenüber denen, die sowas lieber zum Zuckerfest oder sonst irgendeinem nicht christlichen Anlass gehabt hätten. Pech haben dann wohl auch alle, die seit November ihre Berufe nicht mehr ausüben dürfen und darauf gehofft hatten, dass es bald wieder bergauf geht. Und wer im Krankenhaus arbeitet darf sich auf Applaus ab Mitte Januar freuen.

Aber das kommt nur von meiner Grinchigkeit, die anderen freuen sich.

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Die Oma hat aus (dezent weißem, dekorativem) Licht ein Herz gebastelt und ins Fenster gestellt. Der Opa macht das jeden morgen an, bevor der Schulbus vorbeifährt, damit sich die Enkel freuen können.

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Wir müssen jetzt aber auch endlich mal Lichter ins Fenster, Plätzchen backen, noch gaaarnix haben wir, alle andern haben schön längst, überall, drängelt das Märzkind.

Erstmal kommt Tapete an die Wand. Dann.

Halbzeit November

Der Liebste hat ein paar Tage frei. Das war auch nötig. Niemand von uns will jammern, wirklich nicht. Krise mit Geld ist definitiv viel besser als Krise ohne Geld. Anstrengend ist es aber trotzdem.

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Da hat der Klassenkamerad zu der Fachlehrerin gesagt „ach, halten Sie doch die Fresse“ dann hat er seine Sachen eingepackt und ist mit den Worten „den scheiß muss ich mir nicht geben“ rausgegangen und mit dem Fahrrad weggefahren. Der Klassenlehrer, der Vertrauenslehrer und die Sozialarbeiterin haben ihn dann in ihren Autos verfolgt. Diese Geschichte höre ich beim Mittagessen aus drei verschiedenen Perspektiven. Großes Kino. Der Klassenkamerad ist zwar einer von der speziellen Sorte, hat aber in dieser Sache alle Sympathien auf seiner Seite. Die Fachlehrerin hat im kognitiven Bereich noch Luft nach oben, da sind sie sich einig.

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Wir nutzen eine Sonderaktion des Einzelhandels und kaufen Kleidung ein. Ausnahmsweise mal nicht für die Kinder. Man wird am Eingang herzlich begrüßt, und gebeten, so ein Tütchen zu nehmen, damit jederzeit nachvollziehbar ist wie viele Leute gerade da sind. Es sind auffallend viele Verkäufer da, alle fachkundig und freundlich, es gibt keine Schlangen an den Umkleiden. Eigentlich ist es ein tolles einkaufen, so. Wenn da nicht dieses sanfte gruseln wäre, mit so vielen Leuten in einem Raum…

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Die Großeltern entscheiden, dass man sie trotz lockdown noch besuchen darf, weil sie keine Lust mehr haben, sich zu fürchten. Die Kinder freuen sich sehr und verschwinden.

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Die Schule hat irgendwas am Start, für den Fall, dass sie wieder schließen müssen. Das Märzkind sagt, sie habe den Zettel auch bekommen (ja Zettel, im neunten Monat der Pandemie) die Lehrerin geht aber davon aus, das dieses irgendwas eher nicht funktioniert, wenn alle gleichzeitig damit unterrichten wollen. Sie werden bei dem bleiben, was sie im Frühjahr und in der Heimstudienwoche genutzt haben, bis das andere verlässlich funktioniert. Ach, und bitte 5 Euro Kopiergeld mitgeben, pro Kind. Mit Mühe unterdrücke ich den Impuls eine Kopie der Rechnung über 42 Euro für Druckerpatronen an die Schule zu schicken, per mail, weil ich es kann.

Ich erkläre mich statt dessen dreimal handschriftlich auf Papier damit einverstanden, dass meine Kinder, im Falle eines Lockdowns, von dem wir selbstverständlich alle hoffen, dass es ihn nicht geben wird, ein Videokonferenzportal nutzen düfen, das von der Kreisbildstelle auditiert wird. Es gibt da auch ein Kästchen, dass man ankreuzen kann, wenn man damit nicht einverstanden ist. Dann würde dieses Kind nicht unterrichtet.

Funfact am Rande: Die AG „Digitale Helden“ wurde schon vor zwei Wochen ins digitale verlegt, weil sich da in der echten Welt verschiedene Klassen mischen würden. Das Maikind hat bereits Zugangsdaten zu diesem Videokonferenzportal. Wenn man die eingibt passiert rein garnichts. Die digitalen Helden sind offline.

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Ein Herr Montgomery von der Ärztekammer oder so sagt im Interview des heute journal, Kinder seien einfach ein besonderes Problem in dieser Pandemie. Ich hatte in den letzten Monaten eher den Eindruck, das Problem liegt in der schlechten Ausstattung der Schulen, vorsintflutlichen Kommunikationswegen und darin, dass verbeamtete Pädagogen sich über Wochen tot stellen, aber, man wird ja so schnell betriebsblind. Natürlich sind die Kinder das Problem.

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Was ist denn nun mit Weihnachten? Die Frage kommt immer öfter. Man hätte da gerne einen Plan. Nun, das ist etwas kniffelig, dieses Jahr, aber de Mudda und ich, wir sind Team Grinch und können das ganz nüchtern durchdenken.

Plan A: Wie immer- alle sitzen im Wohnzimmer mit Weihnachtsbaum, es gibt mehr Abstand als sonst und es wird nicht gesungen. Nach der Geschenkeübergabe, spätestens, wäre man sich dann wohl sicher, dass niemand im Raum Covid hat und würde die Abstände nach und nach verringern.

Plan B: wie Plan A, nur mit bleibenden Abständen und mit Maske (ob man sich dabei dann albern vorkommt, entscheiden die Statistiken)

Plan C: Wie Plan A aber in kleinerer Gruppe, Details würden sich von selber ergeben, oder kurzfristig abgesprochen.

Plan D: Wie Plan C mit den Massnahmen aus Plan B

Plan E: Plan A – jeder in seinem eigenen Wohnzimmer über zoom

worst case scenario: mehrere kleine maskierte Gruppen stehen vor den Fenstern von anderen Gruppen oder Einzelpersonen winken. Dabei wäre Gesang theoretisch möglich.

In jedem Fall bekommt jeder, der möchte einen Baum organisiert und natürlich ein Geschenk. „Komme was wolle“, sagt de Mudda „Hauptsache, alle leben noch“. Ist immer gut, nicht allzu hohe Erwartungen zu haben. Weihnachten in 10 Minuten durchgeplant, läuft doch.

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Oder auch nicht. Wenn man so ein Weihnachtsfest auseinander rechnet, dann treffen wir 11 verschiedene Haushalte, normalerweise, das wird mir erst allmählich klar.

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Die Frau am Bäckerwagen sagt, sie denken darüber nach, die Bestellannahme für Heilig Abend zu beenden. Mehr geht einfach nicht.

Der Tiefkühlkost-Lieferant, der alle drei Wochen bei uns klingelt sagt, die Sachen, die er sonst im Januar preisreduziert verkauft, die sind jetzt schon alle weg. 6 Wochen vor Weihnachten. Das gab es noch nie.

Wottsefack?

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Wir werden an Weihnachten essen, was auch immer es am Freitag vor Heilig Abend noch zu kaufen gibt.

Die traditionellen Weihnachtkarten für Honigkunden und andere liebe Menschen bastele ich, nachdem ich lange über die beste Möglichkeit nachgedacht habe, einfach aus dem ganzen Flitterkram, den ich in den Schränken finde.

Wir machen uns einfach nicht mehr verrückt dieses Jahr.

ungewohnte Ereignisdichte

Der Liebste hat schon länger was, nun ist klar, es bedarf einer ambulanten OP. Zur Auswahl standen ein Termin jetzt oder Mitte September, statt Sommerurlaub also Krankschreibung, ist dieses Jahr nicht tragisch.

Hunde bekommen ja nach Operationen so einen Kragen. Etwas in der Art wäre wohl auch nötig gewesen, denn „so eine Kleinigkeit“ hält den Liebsten ja von nichts ab. Über den Tag sammeln sich so drölfizig halb erledigte Arbeiten, die in guter Absicht angefangen wurden, mit einem Arm aber nicht zu Ende zu bringen waren.

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Abends um neun freue mich darauf, gleich mal auf dem Sofa zu sitzen. Nur noch kurz die Wäsche im Keller abnehmen, die da schon drei Tage hängt. Als ich die Tür öffne bemerke ich ein Geräusch, rechts über mir an der Wand, dass ich nicht zuordnen kann. Oh, der gesamte Kellerfussboden steht unter Wasser, ein Rohr ist undicht daher das Geräusch.

Was für ein Glück, dass wir alle zu Hause sind. „Höhö, guck mal, der Eimer steht gar nicht, der schwimmt“, sagt das Maikind. Ich habe an diesem Tag nicht mehr auf dem Sofa gesessen.

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Bin ich froh, dass alles was gekocht werden musste bereits gekocht war. Partyvorbereitung ohne Wasser aus dem Wasserhahn ist – mal was anderes.

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Handwerker kommen zwei Stunden, bevor die Gäste eintreffen, ich war schon ein bisschen unruhig. Jetzt kann ich sogar noch duschen. Nach 18 Stunden ohne Wasser weiß ich das zu schätzen.

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Die Party wurde aufgeteilt. Das Julikind hatte Bedenken, wie es wohl wird, wenn keine Kinder kommen. Das war aber überhaupt kein Problem. Alle Erwachsenen haben sich Zeit für sie genommen und sie hat den VIP Status sehr genossen.

Es waren tatsächlich alle fünf Omas da. In Anwesenheit einer Hundertjährigen hatten die anderen merklich weniger Beschwerden aller Art.

Partyspiel, knapp nichts passiert

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Ich bringe das Märzkind auf den Campingplatz und helfe beim Ausladen des Gepäcks. Mein Plan war eigentlich, dann wieder nach Hause zu fahren. Eine engagierte Mutter-Kollegin bietet Hilfe beim Zeltaufbau an und spannt mich mit ein. So verbringe ich eine Stunde auf einem Jugendzeltplatz.

Ich bin froh, dass ich wieder gehen kann, mit dieser Erkenntnis altere ich auf der Rückfahrt schlagartig.

Ein Corona-Moment schleicht sich ein. Die sorgsam ausgefüllte Teilnehmerliste und Gesundheitszettel, die auf der Webseite gefordert wurden wollte bei der Anmeldung niemand sehen. Auf dem Platz war vom Virus keine Spur. Ich gönne es den Kindern von Herzen, ein mulmiges Gefühl habe ich trotzdem.

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Nachdem ein halbes Jahr keine einzige Anfrage kam, hätte ich in dieser Woche so was von die Ferienwohnung vermieten können!

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De Omma hat ihren Geburtstag auch aufgeteilt. So können wir uns in der erweiterten Kernfamilie mal unterhalten. Man überlegt, wann wir uns das letzte Mal so gesehen haben. Es muss das erste Märzwochenende gewesen sein. Danach wurde dicht gemacht.

Im Tratsch erfahre ich, dass Putzkräfte in Feriendörfern ähnliche Arbeitsbedingungen haben, wie Mitarbeiter in Schlachthöfen. Man sei da letzte Woche misstrauisch geworden, weil die fünfunddreißigste Person eine Wohnadresse in einem Einfamilienhaus angab. Vermutet wurde Betrug, der Außendienst hat dann eine Situation vorgefunden.

Wir stellen mit einigem Erstaunen fest, dass die Lage um uns herum gerade ähnlich ist, wie Anfang März. Wir sitzen entspannt im Garten dabei.

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Das Julikind hatte eine Reitstunde. Ich habe in der zwischenzeit eine Stunde auf der idyllischsten Bank gesessen, die man sich vorstellen kann. Das war sehr erholsam.

Sind das wirklich schon Stoppelfelder? Ich habe kein Zeitgefühl mehr. Halbzeit der Sommerferien. Nur noch sechs Wochen bis Spekulatius, verrückt.

Halbe Sachen

Welcher Tag ist heute? Ist online Unterricht oder Feiertag oder Wochenende, ich habe kein Zeitgefühl mehr.

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Wir werden zu einer Geburtstagsfeier eingeladen. Im kleinen Kreis, an an verschiedenen Tischen. Die Kinder gehen nach dem Kaffee trinken raus, auf den Spielplatz. Die Großen besichtigen die während der Coronazeit erledigten Gartenarbeiten und unterhalten sich mit Abstand. Man gewöhnt sich allmählich an diese seltsamen Umgangsformen. Es ist ja auch nicht alles schlecht, stellt ein Gast fest. Seine Gemeinde habe zum Beispiel die Gottesdienste digitalisiert, die kann man sich jetzt von zu Hause anhören, keine Parkplatzsuche, kein hin und her, das gefällt ihm gut. Manchmal hört er sich sogar noch den Gottesdienst der Nachbargemeinde an, währenddessen fängt er dann schon an, die Kartoffeln zu schälen.

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Große Freude beim Märzkind, die Cheerleader dürfen wieder trainieren. Das Maikind guckt skeptisch, wedelt mit der Hand in der Luft und klatscht vielsagend auf der Tischplatte auf. Nee, Stunts machen sie natürlich noch nicht, sagt das Märzkind. Auch nichts, wobei Hilfstellungen im Training nötig sind, also eigentlich nur tanzen und nur mit Abstand und draußen, weil die Hallen noch zu sind, es muss ein geeignetes Gelände gefunden werden, dass dem Verein gehört, wegen der Versicherung, und dann…

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Ob ich wohl die Erkundehausarbeit mal Korrektur lesen könnte? Klar kann ich.

„…nicht mesozyklonale Tornados entstehen durch Windscherungen im Konfergenzbereich….“ Jaaääähmmmpf, wottsefack, ich mir nicht sicher.

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Also eigentlich glaubt die Frau vom Brotwagen ja nicht, was in der Bildzeitung steht, aber diesmal hatten die Recht. Dieses ganze Corona, das wurde völlig übertrieben, so schlimm, dass man deswegen ganze Länder still legen muss, ist es nicht. Vermutlich war es abgesprochen.

Mühsam unterdrücke ich ein schmunzeln. Bestimmt gibt’s ne whattsapp Gruppe der Regierungschefs aller Länder. Irgendwer hat vorgeschlagen, leere Särge einzugraben, das im Fernseh zu zeigen und dann mal so richtig lockdown zu machen. Nur so. Alle anderen haben gesagt, super Idee, wieso sind wir da nicht selber drauf gekommen? Das machen wir auch.

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Ich gebe einen Stapel Büchereibücher ab. Die wären eigentlich schon am 23. März fällig gewesen.

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Einkauf in einem anderen Laden als sonst. In der Obstabteilung staut es sich, ich warte kurz. Dabei fallen mir drei Nacktatmer auf. Sie tragen zwar eine Maske, aber mit Nasen raus. Jemand, der nicht warten kann, streift meinen Ärmel. Das war dann wohl etwas weniger als 1,5 Meter Abstand. Ein Mitarbeiter des Ladens grüßt ihn herzlich. Die Joghurteinräumer nehmen im Gespräch den Mundschutz ab, sonst versteht man ja nichts. Ich suche nur das Nötigste zusammen und gehe wieder. Ich glaube der Wissenschaft mehr als der Bildzeitung .

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Samstag Abend steht eine Flasche Bier vor der Tür, „Sonntag, 10 Uhr“ steht dran.

Sonntag wäre hier Heimatfest gewesen. Die Tradition erfordert massiven Alkoholkonsum zum Klang von Blasmusik. Das geht ja nun dieses Jahr nicht. In Friedenszeiten ist dieses Fest aber noch nie ausgefallen. Man möge also die Fahnen hissen und die Regionalhymne vor der eigenen Haustür singen, um zehn. Eher nicht. Ich habe das Fest letztes Jahr ganz geschwänzt und die 12 Jahre davor nur vor der Hüpfburg gestanden. Ich kann es einfach weglassen, ohne Schaden anzurichten. Von den anderen hat auch niemand Lust, die Fahne rauszukramen.

Sonntag um zehn gehe ich dann doch gucken. Marschmusik schallt durch den Ort. Mitten auf der Kreuzung wurden riesige Lautsprecher aufgebaut. Die Regionalhymne ertönt, man prostet sich zu. Gerade als ich dachte, es wäre vorbei, hört man 200 Meter weiter schmissige Akkordeonmusik mit Gesang „dieKarawaaaaaneziiiiehtweitaaaaaderSultanhatduuuaaasst“. Ich gehe wieder ins Haus.

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Wir feiern den Geburtstag des Maikinds mit weniger Gästen und in zwei Etappen. Wenn nur 13 Personen auf einmal da sind brauchen wir gar keine Möbel rücken und man kann sich auch anders unterhalten. Es ist eine entspannte Feier und jeder hat was zu erzählen. Die Geschenke kommen gut an und werden sofort zusammengebaut und ausprobiert. Abends um neun gehen die Kinder nochmal auf den Spielplatz. Man spürt schon einen Hauch von Sommerferien.

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Wer hat morgen wie Schule? Das Julikind hat von der ersten bis zur vierten Stunde, das Maikind hat von der ersten bis zur sechsten, in der nächsten Woche aber dann nicht, das Märzkind hätte eigentlich Präsenzunterricht gehabt, weil diese Woche eine erste Woche ist, der wurde aber ins digitale verlegt, weil der Chemielehrer zur Risikogruppe gehört und nur wegen Mathe lohnt ja nicht, um halb neun, das hatten sie mir aber doch alles gesagt. „Du hast irgendwie nicht mehr so den Durchblick, Mama, kann das sein?“ Ach was.

Tag 54 bis 57, Frau Kowallik und so

Am Samstag ist herrliches Wetter zum Wäsche trocknen. 4 Maschinen voll trocknen draußen und werden direkt auf dem Gartentisch zusammengelegt, danach Bügelwäsche und Sockenmemory und alles in die Schränke verteilen. Die anderen hauswirtschaften alle im Haus, es ist wieder viel liegen geblieben, diese Woche.

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Abends sind wir alle eingeladen. Der Opa feiert seinen Geburtstag auf dem Hof. Es hat was von Außengastronomie, wir verteilen uns an mehrere Tische. Die, die systemrelevant arbeitenden versuchen, Abstand zu den vorerkrankten Omas zu halten.

Das ist aber nicht so leicht, de Omma will auf den Friedhof, Schitt ruppen (zwecks Grabpflege). Es zieht sich schon durch die ganze Woche. Der Vatta hat abgewiegelt, also ist jetzt meine Schwester an der Reihe. De Omma rutscht mit ihrem Stuhl so dicht ran, wie es geht und fragt, wann es ihr denn passt?

Das geht leider im Moment nicht, weil, man darf nur in einem Auto fahren, wenn man auch zusammen wohnt, sagt meine Schwester und zieht ihren Stuhl dabei bis zum Zaun. Ach, das glaubt de Omma aber nicht. Doch, doch sagt der Liebste, vielleicht würde es gehen, wenn sie bereit wäre im Kofferraum zu sitzen, scherzt er. Damit ist das Thema vorerst vom Tisch.

Kurz bevor de Omma nach Hause geht, setzt sie sich neben den Vatta und sagt, er muss sie auf den Friedhof fahren, morgen. Der Vatta murmelt. Das Märzkind bekommt es mit und weist ihren Opa darauf hin, dass morgen Muttertag ist, da wird er seiner Mutter doch wohl nix abschlagen. Der Vatta murmelt, das Märzkind grinst, ich auch.

De Omma ist zufrieden. „Ihr stellt euch aber auch alle an. Wegen so einem Virus. Den gibt es vielleicht im Ausland, aufs Dorf kommt der nicht.“

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Sonntag morgen erhalte ich eine mail der lange verschollenen Englischlehrerin. Auf ihrem Schreibtisch stapeln sich die Mappen mittlerweile. Sie bittet darum, keine weiteren mehr abzugeben. Sie habe so viel zu korrigieren, es wird daher eine Weile dauern, dafür haben wir ja sicher Verständnis, und, wenn da jetzt noch mehr Mappen kämen, wäre das für den Ablauf hinderlich, die lassen sich nicht so komfortabel stapeln.

Nun, sie hatte vor den Osterferien eine Mappe in Auftrag gegeben. Seit letzter Woche gibt es die Möglichkeit zur Abgabe, die haben anscheind einige genutzt. Selbstverständlich habe ich Verständnis dafür, und entnehme die Blätter aus der Mappe, die ich extra auf dem Dachboden gesucht hatte, aus dem vom Maikind sorgfältig beschrifteten Register und tackere sie zusammen. Allerdings tackere ich auch einen Zettel mit an, auf dem ich handschriftlich mitteile, wie viel Verständnis ich genau habe.

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Och, wo ich gerade eh dabei bin, schreibe ich noch eine Mail an die Deutschlehrerin. Leider weiß ich nicht ob, und wie sie bearbeitete Aufträge entgegen nehmen will, ich schicke ihr Fotos und teile mit, dass ich die Originale in der Schule abgeben werde. Es wird allerdings schwierig, das Kind zu weiteren Aufgaben zu motivieren, da ja seit Wochen gar keine Reaktion komme, füge ich hinzu.

Eine viertel Stunde später klingelt das Telefon. Die Deutschlehrerin. Sie habe sich schon gewundert, dass von uns nichts kam und hätte heute sowieso mal angerufen. Ob ich denn nicht in der Whatsapp Gruppe von Frau Kowallik sei? Nein, ich kenne gar keine Frau Kowallik. Aber, da leite sie doch die Arbeitsaufträge drüber weiter. Die Frau Kowallik habe gesagt, es wären alle da. Ich nicht. Vermutlich weiß Frau Kowallik nicht, dass ich existiere, und konnte mein Fehlen nicht bemerken. Naja, nun ist es eben so. Wir sind uns einig, dass es im Moment an vielen Stellen nicht optimal läuft obwohl sich wirklich viele Leute viel Mühe geben. Es ist eigentlich ein nettes Gespräch. Ich hab eine Rückmeldung und sie kann jemanden von der Liste der unerreichbaren streichen.

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Ein Lesetagebuch wurde soeben beendet. Unter anderem musste jedes der 28 Kapitel kurz zusammengefasst werden. Die letzte Seite ist nicht mehr zu finden. Ich suche konzentriert nach der Datei und bemerke das Drama erst, als es schon ein Schluchzen ist. “ Das ist nicht weg“, versuche ich zu beruhigen, es nützt nur nicht viel. Ein Buch, das eigentlich sogar gern gelesen wurde, endet kurz vorm Nervenzusammenbruch. Lesetagebücher sind wie Dementoren.

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Montag morgen holen wir einen Stapel Kopien in der Grundschule ab, hauptsächlich um mal zu schauen, wie es da denn aussieht. Der Gruppentisch wurde entfernt, die anderen Tische verteilt. An jedem Tisch ein Namensschild und das Unterrichtsmaterial steht auf dem Platz, der frei sein wird. Die Lehrerin begrüßt mit Maske und erklärt kurz, wie es dann Montag laufen wird.

Es sieht nicht so aus, wie sie gedacht hätte, sagt das Julikind, dann freut sie sich doch.

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In der anderen Schule lasse ich mir die Abgabe der Englischaufgaben im Sekretariat quittieren. Alle anderen Stapel legen wir einfach in den jeweiligen Bereich ab. Obwohl das Maikind und ich aufmerksam und mehrmals gucken, finden wir keinen Arbeitsauftrag zum Thema Indianer, den die Deutschlehrerin hier ablegen wollte. Dann. Eben. Nicht. Fertig.

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Als wir das Gebäude verlassen weht uns ein kalter Wind Schneegrisel ins Gesicht. Was soll das denn? Wir haben doch vorgestern noch abends um neun im T shirt draussen gesessen?

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Hausaufgaben, Hausaufgaben, Hausaufgaben, Hausaufgaben, aufräumen, kochen, aufräumen, Hausaufgaben

Mal eine halbe Stunde, in der ich nichts soll und mich niemand anspricht, das wäre schön.

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Dienstag morgen kommt der neue Stundenplan für die vierten Klassen. Montags 1.-4. Stunde Unterricht, dienstags Heimarbeit, mittwochs 1.-4. Stunde Unterricht, donnerstags Heimarbeit, freitags online Unterricht, zwei Schulstunden. Beide Klassengruppen werden vom gleichen Lehrerteam unterrichtet. Ich verstehe jede einzelne Überlegung, die dahinter steht. Es ist wirklich die bestmögliche Lösung für alle.

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Natürlich bin ich bereit, den Bildungsauftrag in Heimarbeit zu übernehmen. Es handelt sich dabei um qualitativ hochwertige, systemrelevante care-Arbeit, die ich in diesem Umfang natürlich nicht ehrenamtlich leisten kann. Dafür hat der Steuerzahler sicher Verständnis.

In diesem Sinne: Seid frech und wild und wunderbar!