Frühsommer, Geburtstage und die wilde Maus

Von jetzt auf gleich ist wieder Sommer, aber so richtig. Anbaden im Edersee. Das Wasser ist bei weitem nicht so kalt wie ich dachte. Unglaublich, dass man letzte Woche noch im Wintermantel…

Abends sitzen wir im Garten. Diese Woche hatte es in sich. Morgen noch, dann ist es geschafft. Alle nicken und seufzen ein bisschen. Die alten Tanten, sie werden Dinge wissen wollen: „Was machst du nach der Schule, und danach, und was macht man dann damit?“, sagt Julikind „wie lange studierst du denn noch, was bist du denn dann, kann man damit Geld verdienen, wo denn?“, sagt Märzkind. Wenn man eine Ausbildung macht sei es aber auch nicht besser sagt Maikind, lauter Fragen zu Plänen, die man überhaupt nicht machen kann. Vielleicht sollten sie sich ein paar Konterfragen überlegen, schlage ich vor, um das Gespräch in andere Richtungen zu lenken. „Samma, bist du eigentlich schon im Altersheim?“, fragt Julikind und grinst. „Warste denn dies Jahr schon auf Kreuzfahrt?“, erkundigt sich Märzkind, „kochst du eigentlich noch selber, oder lässt du liefern?“ fragt Maikind. Wir lachen, und das hilft schon ein bisschen.

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Runder Geburtstag in einer Gaststätte im Sommer ist aber tatsächlich ganz angenehm. Zwischen Mittag und Kaffee kann man draußen rumlaufen, nach dem Kaffee setzen wir uns in den Biergarten uns spielen Hitster. Zu unserer eigenen Überraschung gehören wir zu den letzten Gästen. Alle gemeinsam räumen Geschenke und Reste ins Auto. Abends sitzen wir mit dem Gast, der bei uns wohnt im Garten bis es dunkel wird. Hier wird es nämlich dunkel und leise, an einem Sommerabend. So beeindruckt man Großstädter.

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Ein Fahrgeschäft fahren wir alle zusammen, so ist es Tradition. Wir laufen also eine Runde über den Pfingstmarkt und entscheiden uns dann für die wilde Maus, weil die Mädels da noch nie drin waren. Julikind ist ein bisschen enttäuscht, sie hätte es lieber höher und schneller, aber nagut. Ich zahle und lasse die beiden vor, vorne sind die besten Plätze und ich bin ja schon öfter gefahren, da sollen sie ruhig. Märzkind ist misstrauisch, weil ich ein bisschen grinsen muss, als der Wagen sich in Bewegung setzt, dann hört man zwei Minuten lang nur „uuuuuaaaaahhhh“ aus der ersten Reihe und ich lach mich kaputt. „Altaaa, samma, hast du? das? gewusst?“ fragt Julikind. Ja sicher. „Ich dachte kurz, ich sterbe“, murmelt Märzkind.

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Märzkind und ich schaffen Schattenplätze und decken den Tisch im Garten. Maikindgeburtstag feiern wir mit Erdbeeren, Nussecken und Grillbuffet. Weil es nur wenig Gäste sind haben alle Zeit, sich zu unterhalten, Retro-Brettspiele kommen zum Einsatz. Schöne Party.

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Start in die Status-Reise-Hauptsaison. Diese Bibliothek in Portugal scheint was besonderes zu sein, vielleicht google ich das irgendwann mal ansonsten: Strohhalmgetränke vor Sonnenuntergang, Fahrrad vor Landschaft, Füsse mit Sand und Meer, Event-Sportereignisse.

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Honig geschleudert, und es hat Spaß gemacht dieses Jahr. Der Zeitpunkt war gut, die Menge auch, so soll das.

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Plötzlich bewegt sich was, in der Wiese neben mir. Ein winziger Hase flitzt auf den Weg und läuft genau vor uns her, wie ein flauschiger high speed riesen Flummi, das ist so süüüüüß, dass ich kurz quietschen muss. Der Hund guckt irritiert. Kinderstunde im Feld und im Wald und im Garten. Ich liebe das.

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Mottowoche der Zehntklässler. Morgen ist „kein Rucksack“, sagt Julikind und sie hatte da eine Idee. Man hört Geräusche vom Dachboden, später steht die Klebepistole in der Küche. Am nächsten Morgen räumt das Kind die wenigen Sachen, die es für diese letzten Schultage noch braucht in ihre Schultüte. Fröhlich stopft sie das Krepppapier fest. Passt. Aber ehrlich gesagt hatte sie die Schultüte größer in Erinnerung. Ich auch. Hach ja.

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Ich habe keine Ahnung von der aktuellen Weltwirtschaft, aber das Bauchgefühlt sagt, heute ist der Tag. Ich wähle die Nummer des Heizöllieferanten, mein Hirn spielt „say geronimo“ im Hintergrund. Man freut sich über meinen Anruf, ob wir denn direkt einen Liefertermin ausmachen wollen? Sicher, warum nicht. Passt morgen zwischen 12 und 14 Uhr? Gern. Am nächsten Tag klingelt es um 13 Uhr. Im Moment sei nicht viel los, sagt der Fahrer. Tja, sage ich, man zockt halt. Viele verzocken sich, erzählt er. Oft ist schon Not-aus, wenn er kommt, manchmal nimmt die Heizung das übel.

Ich hefte den Lieferschein ab und halte einen Moment andächtig inne, als ich den Preis vom letzen Jahr sehe. Arschteuer hat sich das angefühlt, damals, ich erinnere mich. Es waren die guten Zeiten. Dieses Jahr, ach komm, geh weg. Andererseits war es vielleicht auch das Investment des Jahres, wie gesagt, ich habe keine Ahnung. Wenn natürlich jetzt morgen Weltfrieden wäre, das wäre irgendwie ärgerlich.

Mai, ganz normal eigentlich

Die Freundin kommt spontan vorbei, ich freue mich. Vor der Haustür klopft sie sich symbolisch den Staub aus den Klamotten, ich winke ab, einfach hinsetzen, ist heute total egal. Sie erzählt von der Baustelle. Da ist leider alles ziemlich genauso wie erwartet, was kein Vorwurf sein soll, der Mieter war Ü-80 und ein Guter. So einen werden sie wohl nicht mehr finden. Wer will schon direkt an der Bundesstraße wohnen, mit Gasheizung? De Politik tut so, als hätten Vermieter grundsätzlich einen Sack voll Geld, aber dem ist nicht so. Die Wohnung müsste mal etwas abwerfen, damit Geld für Investitionen da ist, aber, Hauptsache ist natürlich es wohnt überhaupt jemand in so alten Häusern. Es ist kompliziert.

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Zum Muttertag bekomme ich Geschenke, und freue mich sehr. Große Kinder sind toll.

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Elf Leute sitzen um den Küchentisch und lauschen angestregt.

Märzkind: „ooohhhh, das ist der, der das Tarzan-Lied singt“

ich: „stimmt, Phil Collins“

Vatta zeigt zielsicher auf zwei kleine Kärtchen, die schon auf dem Tisch liegen: „Genesis, das kommt dazwischen“, sagt er. Alle anderen staunen.

Hitster, battle of the generations (Werbung, Spiel natürlich selber gekauft), man lernt sich irgendwie nochmal anders kennen dabei.

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Bei Schichtwechsel sind kurz fast alle da, man verabschiedet mich nett. Am nachmittag ist nicht viel los. Zur Feier des Tages setzen wir uns doch einfach selber hin, sagt die Kollegin. Wir trinken Kaffee, essen Sahnetorte und unterhalten uns. Ich war gern hier und dachte, ich wäre trauriger. Aber, weil die Dinge jetzt so sind, wie sie sind, bin ich leider ein bisschen froh…schade, ist das, sind wir uns einig.

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Ein Blick auf Thermometer verrät, dass das Wetter tatsächlich so ist, wie der Blick aus dem Fenster vermuten lässt, aber nützt ja nix. Ich nehme mir also den Wintermantel, Handschuhe und Mütze, ziehe die warmen Stiefel an und gehe die morgendliche Hunderunde bei stürmischen 3°C. Das Weihnachtsbaum-Feld wurde geschreddert. Ein trauriger Anblick, aber es riecht gut. Das Wetter, der Geruch, dazu ein Gefühl von fast völlig verbrauchten Nerven- sehr adventlich. Zu Hause mache ich den Ofen an. Mir doch egal, ob Mai ist.

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Am frühen Sonntag morgen machen wir uns auf, in die Kurstadt zum Mädchenflohmarkt, das Auto ist voller Mädels. Auch dieser Flohmarkt ist ein bisschen ramschiger geworden, aber es lohnt sich noch. Vielleicht könnte man auch mal nur so hierher kommen, überlegen auf dem Rückweg. Hier gibt es noch Geschäfte und Cafes. Nicht nur Modeketten und Dönerbuden. Man fährt 45 Minuten, so weit ist das eigentlich garnicht.

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Nagut. Weil man mich so nett gefragt hat, gehe ich nachmittags kurz mit zum Brauchtumsfest. Aber wirklich nur Kaffee trinken. Ja sicher, sagen die, die gerne hin wollen. Auf dem Weg zum Eingang das Geräusch von billigen Plastiktrompeten und „bin ich froh, dass ich so einen scheiß nicht mehr kaufen muss“, sage ich zu Märzkind. Sie grinst nur. Man begrüßt uns herzlich, was kein Wunder ist, es gab hier im tagesverlauf mehrere hundert Liter Freibier. Überraschend guter Kaffee und leckerer Kuchen. People watching. Ich kenne die Kinder nicht mehr. Ein Alterungsmoment. Obwohl, wenn man da einen Moment länger hinguckt – sehen einige doch Leuten ähnlich.

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Dienstag abend sitzen wir zu dritt auf dem Sofa und schauen uns eine Sendung über Essen an. Stanley Tucci dreht die Spagetti gegen den Uhrzeigersinn, bemerkt der Liebste. Ist mir nicht aufgefallen, sage ich. Hä? sagt Julikind, das ist doch die ganz normale Richtung. Nee. Ich drehe kurz eine imaginäre Gabel, der Liebste neben mir macht das gleiche. Hää? sagt Julikind, geht an die Besteckschublade und holt eine Gabel. Sie dreht Spagetti nach links auf, ganz normal. Wenn beide Eltern die Spagetti nach rechts drehen, wie kommt es dann, dass das Kind…? Nee, nee, macht Sinn, sagt der Liebste, spiegelverkehrt.

Prüfungswoche der Realschüler. Montag Englisch, Mittwoch Deutsch, Freitag Mathe. Dazwischen Anspannung und geistiger Tiefflug gleichzeitig.

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Wir decken gemeinsam den Tisch fürs Abendbrot, alle versuchen, sich dabei so wenig wie möglich auf den Sack zu gehen, jeder hatte heute irgendwas, alle geben sich Mühe. Das Festnetztelefon klingelt, wir wundern uns kurz, denn das tut es nicht oft. Der Liebste geht ran, murmelt etwas von, da sei er leider noch nicht zu gekommen, dann schaut er mich an, und fragt, völlig ernst „Möchtest du Freitag Matjes essen?“ Ich bin gedanklich gerade woanders und antworte daher das offensichtliche, formuliere es aber intuitiv so, dass die Frage nach seiner mentalen Gesundheit mitschwingt „Nein!? Ich möchte nie Matjes essen.“ Er gibt das wortgetreu so weiter, und fügt hinzu, dass er dann alleine kommt. In dem Moment puzzelt mein Hirn die Informationen Festnetzanruf, Freitag und Matjes zusammen. Ohauahauaha. Wobei, eigentlich, war das genau die richtige Antwort, und jetzt ist es sowieso egal, aber, nur fürs Protokoll, auf die Frage „Hamburg reist schon Freitag an, möchtest du mit zum Geburtstagsessen meiner Mutter?“, hätte ich diplomatischer reagiert.

Symbolbild des Monats

Anfang Mai

Ich sehe ein Binnenschiff, ein Touristenschiff, eine Seilbahn, einen Güterzug, ein Flugzeug, mehrere Autos und Fahrräder und Menschen, alles auf einen Blick. Wie in so nem Wimmelbuch. Es ist interessant. Also das Gesamtbild, die Sehenswürdigkeit an sich beeindruckt mich eher weniger, aber gut, haben wir das auch mal gemacht. Danach, bestes Eis des Jahres gegessen.

Am zweiten Tag unseres Ausflugs gucken wir eine Burg an, naja, eigentlich gucken wir Menschen an, die eine Burg angucken. Anschließend würden wir was essen wollen. Die Kombination von Nahrungsmittelunverträglichkeit, Feiertag und touristischer Zielgruppe macht es ungeahnt kompliziert. Zwei Stunden später sitzen wir mit einer Schale Erdbeeren und einer Flasche Wein auf einer Parkbank an der Mosel. Sehr idyllisch. Und dieser Wein, der ist dermaßen gut, wahrscheinlich liegt es am Sonnenschein und an den Segelbooten, die da direkt vor uns so angenehm leise vorbei fahren, aber wenn der aus der Flasche schon so schmeckt, überleg mal wie das erst aus einem Glas schmecken würde… Der Fussweg vor unserer Picknick-Bank führt zu einem Maifest. Gruppen fröhlicher junger Menschen laufen stetig vorbei. Viele von ihnen haben richtige Weingläser in der Hand, oder an extra dafür gemachten Tragevorrichtungen um den Hals hängen. Ich hatte keine Ahnung, dass es sowas gibt.

Am Abend finden wir ein Restaurant und essen gut und reichlich. Vor der Eisdiele von gestern steht eine 200 Meter lange Warteschlange. Beeindruckend.

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Als wir wieder zu Hause ankommen ist Sommer. Das trifft mich unvorbereitet. Ich hole die Box vom Dachboden, räume T-Shirts und kurze Hosen in den Schrank ein und bringe Wollpullis und Winterkram ins Sommerlager. Abends wird gegrillt, danach sitzen wir mit der ganzen Familie im Garten und spielen Karten, in kurzen Klamotten, barfuss und wundern uns. Vorgestern war noch Winterjacke.

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Maikind hat die familienfreie Zeit genutzt um verschiedene Projekte mal ganz in Ruhe zu reparieren. Mit dem Scharnier an meiner Autotür ist alles in Ordnung, sagt er, die Tür ist gerissen. Naargh.

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Überraschend wurden wir zu einer Konfirmation eingeladen. Den Konfirmanden kennen wir eigentlich gar nicht, er freut sich anscheind trotzdem, dass wir da sind. Die anderen Gäste kennen sich auch nicht alle untereinander, aber wir kommen schnell ins Gespräch. Die Gastgeberin erzählt auf Nachfrage von ihrem Ausflug in die Notaufnahme, neulich. Fast wäre sie gestorben. Aber wirklich nur fast, und natürlich hat sie die Bienen noch, sagt sie, das war ja keine Allergie im eigentlichen Sinn, bei 20 Stichen auf einmal wird so ziemlich jedem schwummerig und sie ist halt ein bisschen empfindlich. „ja, aber…“ sagen die Nicht-Imker und schütteln die Köpfe. Naja, sie wird in Zukunft wohl den Schleier genauer kontrollieren, nur noch an die Bienen gehen, wenn jemand mit Führerschein zu Hause ist, und dieses Ereignis zum Anlass nehmen, sich dieses Jahr eine Norderney-Königinn zu kaufen, sagt sie und grinst. „Gute Idee“ sagen die andern Imker am Tisch, „ja, aber…“ sagen die Nicht-Imker, „ach, das war doch nicht persönlich“, sagt die Imkerin und wechselt das Thema. Einfach so. Man kann also doch noch unterschiedlicher Meinung sein, ohne sich anschließend gegenseitig doof finden zu müssen. Ein sehr entspannter sommerlicher Sonntag nachmittag im Mai- grün-bunten-Garten, mit leckerem Buffet.

Zum Abschied bekommt jeder eine Klemmbaustein-Jesusfigur geschenkt. Die steht jetzt auf dem Aquariumreinigunsmagneten und läuft übers Wasser. Hihi

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Regen war angesagt und wirklich nötig. Ein normaler Mairegen wäre toll gewesen, stattdessen gibts Starkregen. Wie schön, dass nichts davon bei uns in den Keller läuft, denke ich und lausche einfach dem Geräusch, beim Einschlafen.

Ostern, und sonst nichts, eigentlich

Das Geräusch eines Bienenstands im April, wir haben es doch vermisst. Neue Bienen ziehen auf dem alten Standplatz ein. Der Frühling kann kommen.

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Osterhasen gebacken und gemeinsam, nun ja, verziert ist vielleicht nicht ganz das richtige Wort, aber auf jeden Fall hat das Ergebnis fröhlich gemacht, und darum gehts ja.

Einmal Ostern mit allem: Karfreitagsgottesdienst am Nachmittag, am Samstag verschiedene Haus und Hof Tätigkeiten, abends Osterfeuer. Ostergottesdienst Sonntag morgen um sechs, anschließend Brötcheneinkauf und kleines Frühstück, Eiersuche im Garten, Rouladen essen, Spaziergang bis zur Wiese mit Großeltern und Onkel, Eierwerfen, Eier essen, im Anschluss Kaffee und Kuchen und das ein oder andere Blätterkrokantei in geselliger Runde, danach in Joggighosen auf dem Sofa sitzen. Montag ein unerwartet ruhiger Arbeitstag.

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Osterferien, die beste Gelegenheit ein Abschlussfeier-Kleid zu kaufen, alle haben Zeit. Ach ja. Ich lasse die Mädels schon mal raus, suche einen Parkplatz, kaufe mir selbst einen Pullover und gehe erst dann in die Abteilung für Abendgarderobe. Es gibt schon eine engere Auswahl und die Entscheidung fällt verhältnismäßig schnell. Es ist nur eine kleine Änderung nötig, das könnte man sofort… gut, wir warten eine Stunde im Modehaus, auf dem Rückweg isst jede noch eine Kugel Eis. Geschafft. Auffällig war die entspannte Stimmung, obwohl die Abteilung wirklich voll war.

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Endlich wieder Sonnenschein und frühlingshafte Temperaturen, vor dem Haus zumindest, im Garten ist es zu windig. Zu viert sitzen wir auf der Treppe und essen Beeren-Kuchen, ganz ohne Anlass, einfach weil alle heute nachmittag frei haben. Der Kuchen war schneller alle als ich gedacht hätte, daher kein Foto.

Abends auf dem Sofa Whiskey getrunken, auch ohne Anlass, das wird allerdings in Zukunft schwieriger, denn dieser Whiskey ist so dermaßen gut, „der kommt ganz hinten ins Regal“, sagt der Liebste, und lächelt „für besondere Anlässe“.

Also, wenn man die Spritpreise und die allgemeine Weltsituation mal aussen vorlässt, gehts uns richtig gut. Nagut, die Motorkontrollleuchte am gerade erst kostspielig reparierten Auto leuchtet, aber irgendwas ist ja immer.

Geburtstage und Glitzer

Beide Mädels brauchen Abendkleidung. Eine für den Schulabschluss, eine für eine Hochzeit. Wir fahren zum Abendkleider-outlet in die Stadt. Ich bin nur als Begleitung dabei und beobachte. Als erstes fällt mir auf, dass die in der Werbung erwähnten 1000 Kleider für unter 200 Euro anscheind gestern schon verkauft wurden und das, was hier hängt zwar wunderschön, aber nicht unbedingt günstig ist, andererseits, sind Leute vermutlich gern bereit für wallende Polyester-Träume viel Geld zu bezahlen. Der Weg zur Umkleide ist mit Glitzer bestreut. Vor dem Eingang Sitzgelegenheiten, Männer dürfen nicht rein. Hinter den Vorhängen ein riesiger Raum voller Kleiderständer und Spiegel, auf jedem ein Aufkleber, der darauf hinweist, dass man bitte nicht sein Spiegelbild fotografieren möge, aus Rücksicht auf alle, die da im Hintergrund mit drauf sein könnten. Faszinierend welchen Unterschied Klamotten machen. Frauen aller Alterklassen und Kleidergrößen verwandeln sich innerhalb von wenigen Minuten. Man fotografiert sich gegenseitig, hilft in aller Selbstverständlichkeit mit Reißverschlüssen und Bändern. Sehr nette Atmosphäre. Wir verlassen das Event ohne etwas zu kaufen und überlegen auf dem Rückweg, zu welcher Art von Veranstaltungen man wohl solche Roben trägt. Und – dass das Kleid, dass ich zur standesamtlichen Trauung anhatte eigentlich fast so aussieht, wie das, was Julikind gefiel und – es existiert noch. Vielleicht…

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Mit einem gemütlichen Abendessen in Gesellschaft der „Weihnachtsrunde“ Märzkind-Geburtstag gefeiert. Die Gäste stellen fest, dass man dann mit 21 wirklich groß. Sie dürfte sich jetzt eine Waffe kaufen und beschwipst Auto fahren.

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Julikind kommt normalerweise fröhlich vom Tanztraining. Heute nicht. Suizid einer 15-jährigen. Nachrichten werden hin und her geschrieben.

Stille Anteilnahme – auch mit all den anderen Familien, die im verborgenen kämpfen. Und riesengroße Dankbarkeit, dass hätte auch ganz anders laufen können, damals.

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Der Schwager hat zum Geburtstag eingeladen, das ist ungewöhnlich. Nach dem Kaffee trinken überlegen die Blagen, was man denn jetzt wohl macht, weil, sonst sind sie danach immer auf den Spielplatz gegangen und das geht ja jetzt nicht mehr. Doch, natürlich, sage ich, sie dürften jetzt sogar ganz alleine. Wir bleiben einfach sitzen und unterhalten uns. Ein schöner Nachmittag, da sind wir uns alle einig auf dem Rückweg.

Der Blick geht im vorbei fahren auf jede Tankstellen-Preistafel, jedesmal gefolgt von einem Seufzer. Stillschweigend sind wir überein gekommen nicht zu klagen, es nützt ja nix. 50 Euro mehr als normalerweise kostet es uns, jede Woche

Nur eine Stunde Fahrzeit von hier ist der Frühling schon angekommen. Es blüht in allen Farben. Nicht nur acht Osterglocken und ein sanfter Hauch von kommendem gelb in der Hecke, wie hier.

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Die Betriebswaschmaschine steht im Keller. Der Aufzug ist nicht öffentlich, man braucht einen Schlüssel. Es ist Sonntag, außer uns ist niemand im Gebäude. Ich hatte damit gerechnet, dass die Tür einfach aufgeht, als ich den Schlüssel drehe, um im Keller den Trockner anzustellen, denn außer mir, kann da ja keiner mit gefahren sein, in der Zwischenzeit. Der Aufzug kommt von ganz oben. Ein sanfter Grusel-Schauer läuft mir den Rücken herunter.

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Es war definitv die größte Beerdigung die der Ort je gesehen hat, sagt die Freundin. Nicht nur die Kirche und der Platz, wo der Lautsprecher hängt proppevoll, die Leute standen noch über den ganzen Friedhof verteilt. Abends erkundige ich mich beim Liebsten, ob er denn da schon in irgendeiner Form Anteilnahme…? Aber er ist genauso erstaunt wie ich. Zwei Haushalte sind damit beauftragt, Traueranzeigen aus der Zeitung an uns weiterzuleiten, wir sind in mehreren whatssapp Gruppen, haben in der letzten Woche auf zwei Geburtstagsfeiern länger mit vielen Leuten zusammengessen, und dennoch: Wir haben einen Trauerfall komplett verpasst.

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Mohnkuchen gebacken und gegessen, kam durchschnittlich gut an. Cookies gebacken und verschenkt. Eine Biskuitrolle gebacken, die in alter Traditon, aussah wie ein Unfall. Ein weiterer nice-try-award wurde mir verliehen.

Ende Januar 26

Für die Trauerfeier haben alle frei genommen und trudeln nach und nach zu Hause ein. Schwarze Winterklamotten werden zusammengesucht, es ist wirklich kalt. Dafür aber blauer Himmel und strahlender Sonnenschein. „Da hat sie aber wirklich einen schönen Tag erwischt“, sagt eine von Omas Bekannten, auf dem Weg vom Grab Richtung Ausgang. Das stimmt. Zum Ende des Trauerkaffees sitzt nur noch „die Weihnachtsrunde“ zusammen und tauschen Geschichten und gesammelte Neuigkeiten aus. Die Trauerfeier war schön, feierlich, an der ein oder anderen Stelle zum Schmunzeln, und angemessen ehrlich, da sind wir uns einig. Es wird noch zwei weitere Beerdigungen geben, in nächster Zeit,“ aber das normal“, raunt die Oma aus dem Städtchen mir zu, „es wird in dreier Gruppen gestorben, schon immer.“

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Auf dem Flur steht die Krücke, unter der Garderobe, an der ihre Jacke hängt. Auf dem Küchentisch liegt ihre Brille und das kleine Schälmesser, über dem Stuhl hängt ihre Weste. Neben dem Spülbecken steht ein kleines Schälchen mit Löffel darin. Alles sieht normal aus, als wäre sie nur mal gerade die Hühner rein lassen. Auf den zweiten Blick fällt die geöffnete Kühlschranktür auf. Er ist leer und ausgeschaltet. Und die Blumen auf der Fensterbank – ich nehme ein Glas aus dem Schrank und gebe jeder einen Schluck Wasser. Es ist seltsam hier zu sein ohne sie. Eine Stunde lang sichten wir Dinge in Schränken, nehmen Erinnerungen und nützliches mit. Dann braucht es eine Pause.

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Ein Samstagmorgen Frühstück mit Maikind und dem Liebsten, das hatten wir länger nicht. Also ich. Die beiden machen das ja jedes Wochenende.

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Weil an der Arbeit Radio läuft bekomme ich wieder regelmäßig Nachrichten mit. Das berührt meine mentale Komfortzone:

Morgens erhalte ich Nachricht von Märzkind, der Studienbeitrag habe sich erhöht. Alles andere hätte mich überrascht. Nja, sagt sie, aber eventuell kommt da sogar noch was dazu, weil ja das Deutschlandticket auch teurer geworden ist. Die Studies beraten noch, ob das weiterhin Teil des Studientickets sein soll oder aus Kostengründen lieber nicht. Nachmittags höre ich im Radio, dass unsere Regierung beschlossen hat, den Kauf von neuen E-Autos zu fördern. 1500 Euro kann man minimum abgreifen. Blöd halt, dass da trotzdem noch ein selbst zu finanzierender Restbetrag bleibt. Und außerdem bin ich sowieso stinksauer, weil einmal die Bremsen neu machen am Twizzy 3600 Euro kosten soll, und das ein Totalschaden ist.

Es hat geschneit in der Nacht. Einiges, stelle ich erstaunt fest, als Julikind das Haus Richtung Bushaltestelle verlässt, da werde ich gleich räumen müssen, mal sehen ob der Bus überhaupt kommt, scherzen wir, ansonsten kann sie mir helfen. Der Schulbus fährt. Um zwanzig nach acht bekomme ich Nachricht von Julikind, sie sei auf dem Weg nach Hause, Schule fällt aus. Hä? Eine Mutterkollegin hat die Elterntaxifahrt übernommen. Mein Arbeitstag beginnt erst um 13 Uhr, bis dahin werden die Straßen ja wohl geräumt sein, dachte ich. Aber, dem ist nicht so. Keine Unwetterwarnung, kein Räumdienst, so scheint es. Mit 30 Kmh schleiche ich den Berg hoch. Direkt in der ersten Kurve rutscht mir sportlich der Arsch weg, trotz nagelneuer Winterreifen. Oooookeeee. Zum Glück war da Platz. Der Weg an die Arbeit dauert dreimal so lang wie normal, war aber so eingeplant, alles gut. Die Nachrichten berichten an diesem Nachmittag, dass der Kanzler gerne das Recht auf „Lifestyle-Teilzeit“-Arbeit einschränken würde. Da muss ich tatsächlich einmal ganz tief Luft holen.

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Orangen-Nusskuchen gebacken und gegessen.

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Die erste Erkältung des Jahres erwischt mich, klar, das hatte ja noch gefehlt.

Jahresende 2025

Einen Nachmittag lang haben wir bei der Freundin in der Küche gesessen, uns nett unterhalten und Waffeln gegessen. Das hat gut getan.

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Am vierten Advent essen wir einen Vogel, das hatten wir schon im Sommerurlaub so verabredet. Der Liebste kocht seit den frühen Morgenstunden, mit Liebe, ein bisschen vielleicht zur Entspannung und mit Vorfreude. Schön ist das. Auch, weil ich nichts muss. Nach und nach tauchen die jungen Menschen auf und um 13 Uhr können wir essen. Hätten wir das als Uhrzeit geplant, es wäre nie im Leben so ausgekommen. Ein gemütliches Mittagessen und ab hier weihnachtet es dann wirklich. Früher gehörte zur Tradition ein gemeinsamer Spaziergang, heute haben sie aber alle noch was vor und das macht nichts. Der Liebste und ich verbringen den Sonntag nachmittag auf dem Sofa und gucken „leave the world behind“. Er sieht einen dystopischen Thriller und ich einen interesanten Gruselfilm. Das Terassenlicht geht an, es stehen Hirsche im Garten, Gruselmusik, das Licht geht wieder aus. Ich: „Alltaaaa, ich hoffe mir begegnen in nächster Zeit keine Hirsche im Wald.“ Er: „Hä? Wieso?“

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Wir bekommen einen Geschenkkorb, mit lieben Dankesworten, von einer Freundin des Julikinds und deren Mama, für etwas, das keine Mühe gemacht hat, aber offensichtlich eine Hilfe war. Alle freuen sich, weihnachtliche Umarmungen.

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So, vier Tage noch, da könnte man doch eigentlich mal einen Plan machen. Zeitverzögerte Kommunikation mit meiner Cousine. Sie richtet die andere Heiligabendverstaltung aus und an einer von beiden wird die Oma aus dem Städtchen teilnehmen, wobei sie auch alleine feiern könnte, wie sie mehrfach betont hat. Wir sind uns einig, dass das keine Option ist. Die Oma möchte einfach keine Umstände machen, niemandem, es ist kompliziert. Meine Cousine bietet eine Nachmittagsveranstaltung an und es wäre wirklich kein Problem, sagt sie. Auch hier wäre es kein Problem, allerdings, unter den diesjährigen Umständen, entscheide ich spontan, wäre es toll, wenn das so gehen könnte, nehme ihr Angebot an, und teile anschließend meiner Mudda mit, dass es jetzt so ist. Sie ist sehr erleichtert, denn sie könne ja schlecht Gäste zu mir einladen und wusste auch nicht recht… Ich schicke der Cousine noch eine Nachricht, lachende smileys auf allen Seiten. Eigentlich war es ganz einfach.

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Wenn fast alle bis zum letzten Tag arbeiten, passiert Heilig Abend nicht von alleine. Es gibt eine recht lange to-do-Liste, ungewohnt aber es funktioniert.

Ein angenehm weihnachtlicher Gottesdienst. Der Pfarrer bedankt sich am Ende, dass wir Heilig Abend in die Kirche gekommen sind und das ganze Jahr über Kirchensteuer gezahlt haben. Das ist neu, man wünscht fröhlich Frohe Weihnachten.

Es ist richtig, richtig kalt draußen. Auf den paar hundert Metern von der Kirche bis nach Hause friere ich mir fast die Ohren ab und wundere mich darüber.

Kartoffelsalat, „billige Brötchen“ mit verschiedenen Dipps, Pfefferbeißer, Mettbrötchen, Käseplatte, ein Pfirsichsahnetraum zum Nachtisch, dazu Marzipankartoffeln, Plätzchen, Gummielche und Marshmallow-Schneeflocken, Geschenke-Gewusel, Freude über gewünschtes und gute Überraschungen, eine Runde „was bin ich?“ endet um halb zwölf.

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Am ersten Feiertag sitzen wir in fast genau der gleichen Besetzung wie letztes Jahr am kleinen Tisch bei Schwiegermutter im Wohnzimmer – vor der Musik. Dieses Jahr ist Panflöte im Angebot. Ob man das nicht vielleicht ändern könnte, fragt die Schwägerin. Sicher, wenn sie sich traut, sagen die, die letztes Jahr auch hier gesessen haben. Sie steht auf und sichtet das Angebot an CD`s. Es dauert eine Weile. Vogelstimmen wären im Angebot. Wir schütteln mit dem Kopf, „haben wir versucht, letztes Mal, fällt auf“. „Nagut“ sagt sie und wechselt die CD. Die Teenager gucken leidend. „Gleich wirds besser“, „gleich rockt das, pass auf“, wird zum geflügelten Wort des nachmittags.

Bis zum Kaffeetrinken hab ich durchgehalten, aber zu Hause geht`s direkt aufs Sofa. Schnupfen des Todes, Kopf- und Gliederschmerzen. Alle für den zweiten Feiertag geplanten Besuche werden verschoben.

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Zwischen den Jahren ein Arbeitstag, der beeindruckt.

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Ein Besuch im Krankenhaus mit Märzkind zusammen. Nachdenklich gehen wir zurück zum Auto. Man kann nicht helfen. Ich bringe sie zum Bahnhof und fahre einkaufen, wie alle anderen auch, stelle ich auf dem Parkplatz fest.

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Heute abend Kleinigkeitenbuffet und Kartenspiele, wahrscheinlich. Tschüß 2025.

Alles Gute zum neuen Jahr!

Weihnachtsstimmungen, zweiter Teil

Mein umgekehrter Adventskalender hatte vielleicht schon 24 Türchen bzw Tonnen. Ich habe mehrere Kleidungsstücke in die give box getragen und einige so klein geschnitten, dass sie eine zweite Karriere als Öltücher in der Garage machen können, mehrere Bücher weitergegeben, vier Handys wurden zur passenden Entsorgungsstelle mitgenommen. Ich habe einige Kontakte aus der Telefonliste gelöscht, außerdem jede Menge emails und Fotos mit nutzlos gewordenen Informationen, eine größere Menge Altpapier vom Dachboden entsorgt und zweimal Sperrmüll bestellt, für die wirklich großen Teile. Fühlt sich gut an.

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Wir haben einen Baum gekauft und im Anschluss daran Bratwurst gegessen.

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Julikind hatte einen Teller frisch dekorierter Plätzchen in der Küche stehen lassen, damit sie trocknen können. Abends ist der Teller leer. Sie wundert sich, wie sowas sein kann? Die waren lecker, erklärt Maikind. Ob eigentlich irgend jemand eine Ahnung hat, wieviel Arbeit sowas macht? fragt sie nach. Ja sicher. Alle nicken anerkennend.

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Vom Weihnachtsoratorium wird uns wohl hauptsächlich das grelle Licht und die unbequemen Sitzmöbel in Erinnerung bleiben. Das macht nichts, denn es ging bei dieser Veranstaltung ja um die gemeinsam verbrachte Zeit. Danach waren wir noch auf dem Weihnachtsmarkt. Märzkind und Schwiegermutter genossen die Atmosphäre, Julikind und ich beobachteten das Ganze interessiert. Wir haben alle gut gegessen und ich hab sogar was gekauft. Been there, done that, got the t-shirt, quasi.

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Ich will kein Corona haben, auf keinen Fall, das wäre das letzte, was uns jetzt noch fehlt, da sind sich alle hier einig. Wir meiden also den Großelternhaushalt und besuchen nicht die Omma im Krankenhaus. Die Berichte über ihren Zustand machen allerdings nachdenklich. Und als der Liebste es laut ausspricht ist die Antwort auf einmal ganz einfach. Ich würde da schon nochmal hin wollen, und wenn das so ist, kommt er mit, sagt er. Während wir Kittel, Handschuhe, FFP2 Maske anziehen überlegen wir, wann wir diese Kombi zuletzt… ist zum Glück schon länger her, aber man erinnert sich gut. Vor zwei Wochen habe ich die Omma zuletzt gesehen. Es wirkt, als wäre es Jahre her. Alles an ihr hat sich verändert, aber mit meinem Namen kann sie was anfangen, zwei Minuten lang, dann siezt sie mich. Wir verlassen das Krankenhaus in Hoffnung auf baldige Besserung, und sind froh, dass wir da waren. Wir haben den allerbesten Tag für einen Besuch erwischt.

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Überall werden die immer gleichen Zuckerguss überzogenen Gemütlichkeitskonsum Weihnachtslieder gespielt. Ich kanns nicht mehr hören. Gerade als ich überlege, wo ich denn mal unbeobachtet mit der Stirn gegen eine Wand klopfen könnte, spielen sie doch tatsächlich „fairytail of new york“, nicht die orginal Version, aber immerhin. Die Zeile mit den Flüchen singe ich leise mit, wie andere Leute den refrain von „last christmas“. So. Es geht wieder.

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Montag vormittag ein Besuch in einer Facharztpraxis wegen der einen Sache, Montag nachmittag im Krankenhaus wegen der anderen. Danach sitzen wir bei den Eltern in der Küche. Der Adventskranz leuchtet und wir überlegen mal, nur so für den Fall des Falles, wie viele Leute denn wohl zum Trauerkaffee kommen würden. Eigentlich ein gemütliches Beisammensein. Es ist eben wie es ist, dieses Jahr.

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Der Flur soll gestrichen werden. Alle Farben der Baumarkt Farbmusterwand stehen zur Auswahl, wir müssten uns für eine entscheiden. Der Liebste schlägt gelb vor. Ich wäre für ocker oder sandfarben, markiere den Bereich in der Farbpalette und reiche das Bild zurück. Ja gut, sagt er, dann sind wir uns doch einig, denn welche Art von gelb genau ist ihm egal.

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Der Elternbeirat informiert per Sprachnachricht über eine Sachlage. Der Liebste und ich tauschen einen Blick und würdigen kurz den Augenblick, denn uns betrifft es nicht. Wir haben kein Problem. Das ist schön.

Geburtstage und frühsommerliches

Die neue Spülmaschine hat ihren ersten Spülgang beendet. Die Tür wird von einem weißen Plastikteil einen Spaltbreit offen gehalten, oder geschlossen, je nachdem. Wir schauen uns fragend an, jeder zieht mal vorsichtig an der Tür, man will nicht gleich was kaputt machen. Die Bedienungsanleitung sagt, es handelt sich um einen energiesparenden Trockungsvorgang, man solle kräftig ziehen, wenn das Display anzeigt, das die Zeit abgelaufen ist, na dann. Mit einem mechanischen Geräusch verschwindet das weiße Plastikteil in der Maschine und ich ahne, was an diesem Gerät als allererstes kaputt gehen wird.

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Der Dorftratsch meldet einen Todesfall im erweiterten Familienkreis. Das kann nicht sein, sage ich, es gibt whatsapp Gruppen, das wüsste ich. Es ist aber tatsächlich so und das ist so merkwürdig, dass meine Mutter sich erkundigt, ob meine Schwester und ich uns denn wohl einigen können würden, wenn da mal was kritsches entschieden werden müsste. Ich denke schon, sage ich. Sie verfügt mündlich, dass wir bei Uneinigkeit eine Münze werfen.

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Der Nachbarort möchte ein Ortssippenbuch erstellen. Man sammelt Daten von ortsansässigen Familien. Es ist ein bisschen kompliziert, weil es sich um nicht googlebares Wissen handelt, und sich jeder persönlich schriftlich damit einverstanden erklären, dass die gefundenen Daten veröffentlicht werden dürfen. Auf Schwiegermutters Geburtstagskaffee werden entsprechende Formulare verteilt. Julikind bestaunt gemeinsam mit ihrer Cousine den Stammbaum, den Schwiegermutter in Lockdownzeiten aus den in den Schränken der Oma lagernden Informationen zusammenngestellt hatte. Ein gemeinsamer 8-mal-Ur-Opa hat am 21. Mai 1687 geheiratet. Das ist beeindruckend lange her, solche Daten kennt man sonst eher aus Geschichtsbüchern, dass die mal Wirklichkeit waren, wird ihnen gerade erst klar.

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Die Honigernte läuft total entspannt ab, im Vergleich zum letzten Jahr. Die Bienen wurden vermisst, von Nachbarn, das ist schön und schade gleichzeitig.

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Der lang ersehnte Geburtstag des Maikinds ist endlich da. Leider fällt er auf einen Wochentag, an dem alle erst später kommen, macht aber eigentlich nichts. Wir verabreden uns zum Geburtstagskaffee im kleinsten Kreis. Märzkind ruft an, sie habe natürlich den Anschlussbus verpasst, es müsste bitte jemand. Maikind grinst, „dann fahr ich mal gerade“, sagt er und zieht den Schuh, den er gerade ins Regal stellen wollte direkt wieder an. Die erste Fahrt ganz alleine im Auto – ein Fest.

Zur Geburtstagsfeier am Wochenende hat er die ganze Familie und alle Fahrgemeinschaften eingeladen. Die Planung läuft irgendwie nicht so voll automatisch, wie damals, als wir noch regelmäßig Familienfeiern ausgerichtet haben. Dauernd fragen wir uns wieviel wohl von was wann eingekauft werden muss, um dann wo genau zu lagern?

Der zentrale Sammelplatz für Geschirr, Deko und Sonstiges ist voll, wir brechen auf um schon „mal gerade“ eine Ladung ins Sportlerheim zu fahren, und, welch ein Glück, das es noch so früh ist. Das Sportlerheim sieht nämlich orginal so aus, wie man es sich an einem Samstagmorgen vorstellt, Rasenschnitt und Scherben auf klebrigem Fussboden, Sportzubehör, Aschenbecher…. Zu dritt brauchen wir anderthalb Stunden um das Ambiente soweit herzustellen, dass hier Omas am Tisch sitzen können. Das war so nicht geplant und das Zeitmanagment fühlt sich daraufhin eine ganze Weile so an, als hätte man verschlafen. Mittags kommen die ersten Gäste, Maikind freut sich sehr, alle anderen auch. Wir haben uns auf seiner Konfirmation das letzte Mal gesehen. Abends dann gemütliche Party bei ständig wechselndem Wetter.

Nach-Party-Überlegungen: Erdbeerbowle kam überraschend gut an, das hätte mehr sein können, aber wer ahnt denn sowas. / Wir spielen Kubb seit ungefähr 15 Jahren auf jeder Sommerparty nach den falschen Regeln, es hat wohl einfach nie jemand die Anleitung gelesen. / Bisher galt immer die unausgesprochene Party-AGB wer nicht absagt kommt, das scheint sich irgendwie verändert zu haben. / Niemand hat Fotos gemacht.

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Breakdancer gefahren im Regen und dann eine Weile staunend unter dem größten fahrbaren freefall-Tower Europas gestanden, in dem Julikind mit einer Freundin saß, vorher-nachher Fotos gemacht. Ansonsten faule Pfingsten genossen.

Eier und Gesang

In der Woche vor Ostern haben drei von fünf Leuten frei. Einkäufe werden erledigt, kleinere Projekte abgeschlossen, der Haushalt auf normal-Zustand gebracht und ausgeschlafen. So. Nach einem durchwachsenen ersten viertel Jahr sind wir jetzt vielleicht auf der Höhe der Zeit angekommen. .

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Ein Gottesdienstbesuch zum Karfreitag mit der ehemaligen Konfirmandin. Kaum zu glauben, dass in drei Wochen schon die nächsten dran sind, sagt sie, ein Jahr hat sich sonst länger angefühlt.

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Acht Leute wollen zum Osterfeuer, drei werden von dort wieder nach Hause fahren. Es wird nur ein Auto gebraucht, irgendwer wird die Strecke bis zum Sportplatz also laufen müssen. Einen Moment lang gucken sich alle gegenseitig fragend an. Der Vorschlag war eigentlich ein Scherz, aber die andern finden den spontan gut und sind so schnell auf dem Weg zum Auto, dass ich garnicht mehr dazu komme, den Kindern bescheid zu geben, naja, werden sie schon merken, sagt die Freundin. Vier Erwachsene fahren einfach so los, ohne Kinder, hihihi.

Die lieben Kleinen kommen etwas später an, als wir (augenrollendes Nicken einfügen) die Stimmung ist aber gut, denn das kulinarische Angebot wurde erweitert. Statt nur Bratwurst im Brötchen gibts jetzt auch Pommes, Currywurst, Mantaplatte und Butterbrezeln. Man plant die Speisenfolge des Abends. Gegen elf sind alle Erwachsenen müde genug für nach Hause. Um halb zwei werde ich halb wach, wegen ungewöhnlicher Geräuschkulisse im Haus: Treppe, Küchentür, Speisenkammertür, Stille, Küchentür in leise, Treppe in noch leiser, Zimmertür normal, dann gegiggel. Julikind hat einen Übernachtungsgast, anscheind waren die Snacks ausgegangen

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Ich hatte gesagt, ich hole sie ab. Wir sind beide auf die Minute pünktlich und wundern uns selber darüber. Vor der Kirche sind auffallend viele Parkplätze frei, so viele, das man sich fragt….? war klar, wir stehen natürlich vor der falschen. Aber, selbst vor der richtigen Kirche gibt es noch freie Parkplätze, als wir dort ankommen. Eine gut gelaunte Dame steigt aus dem Auto neben uns. Sie kennen sich hier garnicht aus und seien uns einfach mal hinterher gefahren, sagt sie, und „Frohe Ostern und ihr linkes Rücklicht funktioniert nicht“. Wir wünschen ebenfalls frohe Ostern und danken für den Hinweis, das Problem ist bekannt, und leider hartnäckig.

Das Kirchenportal ist angelehnt, ab hier wird man automatisch leise, denn drin ist es dunkel. Nach 5 Minuten haben sich die Augen daran gewöhnt und die wenigen Kerzen auf dem Fussboden wirken wie Scheinwerfer, wenn man direkt darauf guckt. Irgendwann beginnt die Kantorei zu singen, ein Gänsehautmoment, alle Jahre wieder.

Gemütliches Osterfrühstück zu Hause, anschließend Eiersuche im Garten. Die Eier wurden gut versteckt, schließlich sind die Blagen schon groß. Wie immer sind zwei Eier unauffindbar. Der Liebste möchte die Suche trotzdem nur ungern beenden, weil er immer derjenige ist, der diese Eier dann später im Jahr findet, und man sich über faule Eier weniger freut. Noch einmal werden die gefundenen Eier gezählt und mööööglicherweise wurden die beiden fehlenden bereits gestern Abend entnommen, als das Körbchen noch in der Speisekammer stand, sagt jemand, wir haben sie also alle.

Am frühen Nachmittag sind wir zum Eierwerfen verabredet. Entgegenkommende Spaziergänger schauen uns verwundert an. Wahrscheinlich ist es eher selten, dass 10 Leute gemeinsam spazieren gehen, überlegen wir. Am Eierwerfplatz ist schnell eine Reihenfolge festgelegt und der erste Werfer beginnt. Neun Leute rufen laut „ooohhhh“, als bei der Landung ein Feuerwerk aus hart gekochtem Ei zu sehen ist. Noch nie sind so viele Eier kaputt gegangen, wie in diesem Jahr, außerdem wurden einige garnicht wieder gefunden. Die Siegereier werden am Ende aufgegessen. Fast ohne Salz, weil es windig war und das hätte man einkalkulieren müssen, beim kippen des Salzstreuers.

Dann Kaffee und Kuchen bei den Eltern.

Dann sitzen am Küchentisch bei Schwiegermutter, bei Wasser und Apfelschorle. Alle sind gut satt.

Abends steht ein Rudel aus Schokoladenhasen auf der Anrichte.

Es war richtig schön, dieses Ostern so mit allem. Alle gesund, keine Baustelle im Haus, fließendes Wasser in dichten Leitungen, kein Lockdown, Wetter jahreszeitlich angemessen, früher war sowas ja ganz normal, heute weiß man es zu schätzen.

Ostermontag ist aber zum Glück ein Sofasitztag. Sozialkontakte-Kater.

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Auf dem Weg vom Esstisch in die Küche kommt man jetzt wieder am Sofa vorbei, begegnet also hin und wieder zufällig, anderen Familienmitgliedern, tauscht Neuigkeit, verteilt gute Ratschläge oder macht im vorübergehen Fratzen. Das hat gefehlt.

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In der Ansprache zur Trauerfeier für die Großtante ist der, ich zitiere „legendäre Heilige Abend“ in ihrem Elternhaus ein großes Thema. Es ist das Haus, in dem wir jetzt wohnen, ich kenne die Geschichten und muss fast Grinsen. Es wurde viel gesungen, das stimmt, wunderschön können die alle singen, zweistimmig mit Melodievariationen und auswendig natürlich. Funfact: Teil der Legende sind etliche Kästen Bier und es wurde nicht, wie der Pfarrer dieser Gemeinde offensichtlich annimmt, „zur Lobpreisung unseres Herrn“ gesungen, sondern schlicht zur Deeskalation. Zwei Schwager sind sich gegenseitig so dermaßen auf den Sack gegangen, dass es jederzeit zu ernsteren Streitigkeiten hätte kommen können. Der hauseigene Opa hatte das im Auge und unter den Schwestern gab es ein Abkommen, dass, wann auch immer der Opa sagt, jetzt wir singen mal ein Lied, sofort alle einstimmen. Hat die Oma erzählt, an Weihnachten.

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Maikind hat die Zwischenprüfung hinter sich, Julikind die Präsentation abgegeben. Man kann sich bei den gemeinsamen Mahlzeiten wieder ganz normal unterhalten. Schön ist das.

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Eigentlich wollte ich nochmal grüne Soße machen, mit übrig gebliebenen Ostereiern, aber, äh, es gibt keine Reste. Mit nachlassender nervlicher Anspannung ist der Apetit wohl wieder zurück. 50 Eier waren das.