Halbzeit November

Der Liebste hat ein paar Tage frei. Das war auch nötig. Niemand von uns will jammern, wirklich nicht. Krise mit Geld ist definitiv viel besser als Krise ohne Geld. Anstrengend ist es aber trotzdem.

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Da hat der Klassenkamerad zu der Fachlehrerin gesagt „ach, halten Sie doch die Fresse“ dann hat er seine Sachen eingepackt und ist mit den Worten „den scheiß muss ich mir nicht geben“ rausgegangen und mit dem Fahrrad weggefahren. Der Klassenlehrer, der Vertrauenslehrer und die Sozialarbeiterin haben ihn dann in ihren Autos verfolgt. Diese Geschichte höre ich beim Mittagessen aus drei verschiedenen Perspektiven. Großes Kino. Der Klassenkamerad ist zwar einer von der speziellen Sorte, hat aber in dieser Sache alle Sympathien auf seiner Seite. Die Fachlehrerin hat im kognitiven Bereich noch Luft nach oben, da sind sie sich einig.

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Wir nutzen eine Sonderaktion des Einzelhandels und kaufen Kleidung ein. Ausnahmsweise mal nicht für die Kinder. Man wird am Eingang herzlich begrüßt, und gebeten, so ein Tütchen zu nehmen, damit jederzeit nachvollziehbar ist wie viele Leute gerade da sind. Es sind auffallend viele Verkäufer da, alle fachkundig und freundlich, es gibt keine Schlangen an den Umkleiden. Eigentlich ist es ein tolles einkaufen, so. Wenn da nicht dieses sanfte gruseln wäre, mit so vielen Leuten in einem Raum…

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Die Großeltern entscheiden, dass man sie trotz lockdown noch besuchen darf, weil sie keine Lust mehr haben, sich zu fürchten. Die Kinder freuen sich sehr und verschwinden.

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Die Schule hat irgendwas am Start, für den Fall, dass sie wieder schließen müssen. Das Märzkind sagt, sie habe den Zettel auch bekommen (ja Zettel, im neunten Monat der Pandemie) die Lehrerin geht aber davon aus, das dieses irgendwas eher nicht funktioniert, wenn alle gleichzeitig damit unterrichten wollen. Sie werden bei dem bleiben, was sie im Frühjahr und in der Heimstudienwoche genutzt haben, bis das andere verlässlich funktioniert. Ach, und bitte 5 Euro Kopiergeld mitgeben, pro Kind. Mit Mühe unterdrücke ich den Impuls eine Kopie der Rechnung über 42 Euro für Druckerpatronen an die Schule zu schicken, per mail, weil ich es kann.

Ich erkläre mich statt dessen dreimal handschriftlich auf Papier damit einverstanden, dass meine Kinder, im Falle eines Lockdowns, von dem wir selbstverständlich alle hoffen, dass es ihn nicht geben wird, ein Videokonferenzportal nutzen düfen, das von der Kreisbildstelle auditiert wird. Es gibt da auch ein Kästchen, dass man ankreuzen kann, wenn man damit nicht einverstanden ist. Dann würde dieses Kind nicht unterrichtet.

Funfact am Rande: Die AG „Digitale Helden“ wurde schon vor zwei Wochen ins digitale verlegt, weil sich da in der echten Welt verschiedene Klassen mischen würden. Das Maikind hat bereits Zugangsdaten zu diesem Videokonferenzportal. Wenn man die eingibt passiert rein garnichts. Die digitalen Helden sind offline.

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Ein Herr Montgomery von der Ärztekammer oder so sagt im Interview des heute journal, Kinder seien einfach ein besonderes Problem in dieser Pandemie. Ich hatte in den letzten Monaten eher den Eindruck, das Problem liegt in der schlechten Ausstattung der Schulen, vorsintflutlichen Kommunikationswegen und darin, dass verbeamtete Pädagogen sich über Wochen tot stellen, aber, man wird ja so schnell betriebsblind. Natürlich sind die Kinder das Problem.

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Was ist denn nun mit Weihnachten? Die Frage kommt immer öfter. Man hätte da gerne einen Plan. Nun, das ist etwas kniffelig, dieses Jahr, aber de Mudda und ich, wir sind Team Grinch und können das ganz nüchtern durchdenken.

Plan A: Wie immer- alle sitzen im Wohnzimmer mit Weihnachtsbaum, es gibt mehr Abstand als sonst und es wird nicht gesungen. Nach der Geschenkeübergabe, spätestens, wäre man sich dann wohl sicher, dass niemand im Raum Covid hat und würde die Abstände nach und nach verringern.

Plan B: wie Plan A, nur mit bleibenden Abständen und mit Maske (ob man sich dabei dann albern vorkommt, entscheiden die Statistiken)

Plan C: Wie Plan A aber in kleinerer Gruppe, Details würden sich von selber ergeben, oder kurzfristig abgesprochen.

Plan D: Wie Plan C mit den Massnahmen aus Plan B

Plan E: Plan A – jeder in seinem eigenen Wohnzimmer über zoom

worst case scenario: mehrere kleine maskierte Gruppen stehen vor den Fenstern von anderen Gruppen oder Einzelpersonen winken. Dabei wäre Gesang theoretisch möglich.

In jedem Fall bekommt jeder, der möchte einen Baum organisiert und natürlich ein Geschenk. „Komme was wolle“, sagt de Mudda „Hauptsache, alle leben noch“. Ist immer gut, nicht allzu hohe Erwartungen zu haben. Weihnachten in 10 Minuten durchgeplant, läuft doch.

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Oder auch nicht. Wenn man so ein Weihnachtsfest auseinander rechnet, dann treffen wir 11 verschiedene Haushalte, normalerweise, das wird mir erst allmählich klar.

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Die Frau am Bäckerwagen sagt, sie denken darüber nach, die Bestellannahme für Heilig Abend zu beenden. Mehr geht einfach nicht.

Der Tiefkühlkost-Lieferant, der alle drei Wochen bei uns klingelt sagt, die Sachen, die er sonst im Januar preisreduziert verkauft, die sind jetzt schon alle weg. 6 Wochen vor Weihnachten. Das gab es noch nie.

Wottsefack?

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Wir werden an Weihnachten essen, was auch immer es am Freitag vor Heilig Abend noch zu kaufen gibt.

Die traditionellen Weihnachtkarten für Honigkunden und andere liebe Menschen bastele ich, nachdem ich lange über die beste Möglichkeit nachgedacht habe, einfach aus dem ganzen Flitterkram, den ich in den Schränken finde.

Wir machen uns einfach nicht mehr verrückt dieses Jahr.

ungewohnte Ereignisdichte

Der Liebste hat schon länger was, nun ist klar, es bedarf einer ambulanten OP. Zur Auswahl standen ein Termin jetzt oder Mitte September, statt Sommerurlaub also Krankschreibung, ist dieses Jahr nicht tragisch.

Hunde bekommen ja nach Operationen so einen Kragen. Etwas in der Art wäre wohl auch nötig gewesen, denn „so eine Kleinigkeit“ hält den Liebsten ja von nichts ab. Über den Tag sammeln sich so drölfizig halb erledigte Arbeiten, die in guter Absicht angefangen wurden, mit einem Arm aber nicht zu Ende zu bringen waren.

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Abends um neun freue mich darauf, gleich mal auf dem Sofa zu sitzen. Nur noch kurz die Wäsche im Keller abnehmen, die da schon drei Tage hängt. Als ich die Tür öffne bemerke ich ein Geräusch, rechts über mir an der Wand, dass ich nicht zuordnen kann. Oh, der gesamte Kellerfussboden steht unter Wasser, ein Rohr ist undicht daher das Geräusch.

Was für ein Glück, dass wir alle zu Hause sind. „Höhö, guck mal, der Eimer steht gar nicht, der schwimmt“, sagt das Maikind. Ich habe an diesem Tag nicht mehr auf dem Sofa gesessen.

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Bin ich froh, dass alles was gekocht werden musste bereits gekocht war. Partyvorbereitung ohne Wasser aus dem Wasserhahn ist – mal was anderes.

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Handwerker kommen zwei Stunden, bevor die Gäste eintreffen, ich war schon ein bisschen unruhig. Jetzt kann ich sogar noch duschen. Nach 18 Stunden ohne Wasser weiß ich das zu schätzen.

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Die Party wurde aufgeteilt. Das Julikind hatte Bedenken, wie es wohl wird, wenn keine Kinder kommen. Das war aber überhaupt kein Problem. Alle Erwachsenen haben sich Zeit für sie genommen und sie hat den VIP Status sehr genossen.

Es waren tatsächlich alle fünf Omas da. In Anwesenheit einer Hundertjährigen hatten die anderen merklich weniger Beschwerden aller Art.

Partyspiel, knapp nichts passiert

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Ich bringe das Märzkind auf den Campingplatz und helfe beim Ausladen des Gepäcks. Mein Plan war eigentlich, dann wieder nach Hause zu fahren. Eine engagierte Mutter-Kollegin bietet Hilfe beim Zeltaufbau an und spannt mich mit ein. So verbringe ich eine Stunde auf einem Jugendzeltplatz.

Ich bin froh, dass ich wieder gehen kann, mit dieser Erkenntnis altere ich auf der Rückfahrt schlagartig.

Ein Corona-Moment schleicht sich ein. Die sorgsam ausgefüllte Teilnehmerliste und Gesundheitszettel, die auf der Webseite gefordert wurden wollte bei der Anmeldung niemand sehen. Auf dem Platz war vom Virus keine Spur. Ich gönne es den Kindern von Herzen, ein mulmiges Gefühl habe ich trotzdem.

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Nachdem ein halbes Jahr keine einzige Anfrage kam, hätte ich in dieser Woche so was von die Ferienwohnung vermieten können!

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De Omma hat ihren Geburtstag auch aufgeteilt. So können wir uns in der erweiterten Kernfamilie mal unterhalten. Man überlegt, wann wir uns das letzte Mal so gesehen haben. Es muss das erste Märzwochenende gewesen sein. Danach wurde dicht gemacht.

Im Tratsch erfahre ich, dass Putzkräfte in Feriendörfern ähnliche Arbeitsbedingungen haben, wie Mitarbeiter in Schlachthöfen. Man sei da letzte Woche misstrauisch geworden, weil die fünfunddreißigste Person eine Wohnadresse in einem Einfamilienhaus angab. Vermutet wurde Betrug, der Außendienst hat dann eine Situation vorgefunden.

Wir stellen mit einigem Erstaunen fest, dass die Lage um uns herum gerade ähnlich ist, wie Anfang März. Wir sitzen entspannt im Garten dabei.

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Das Julikind hatte eine Reitstunde. Ich habe in der zwischenzeit eine Stunde auf der idyllischsten Bank gesessen, die man sich vorstellen kann. Das war sehr erholsam.

Sind das wirklich schon Stoppelfelder? Ich habe kein Zeitgefühl mehr. Halbzeit der Sommerferien. Nur noch sechs Wochen bis Spekulatius, verrückt.

Halbe Sachen

Welcher Tag ist heute? Ist online Unterricht oder Feiertag oder Wochenende, ich habe kein Zeitgefühl mehr.

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Wir werden zu einer Geburtstagsfeier eingeladen. Im kleinen Kreis, an an verschiedenen Tischen. Die Kinder gehen nach dem Kaffee trinken raus, auf den Spielplatz. Die Großen besichtigen die während der Coronazeit erledigten Gartenarbeiten und unterhalten sich mit Abstand. Man gewöhnt sich allmählich an diese seltsamen Umgangsformen. Es ist ja auch nicht alles schlecht, stellt ein Gast fest. Seine Gemeinde habe zum Beispiel die Gottesdienste digitalisiert, die kann man sich jetzt von zu Hause anhören, keine Parkplatzsuche, kein hin und her, das gefällt ihm gut. Manchmal hört er sich sogar noch den Gottesdienst der Nachbargemeinde an, währenddessen fängt er dann schon an, die Kartoffeln zu schälen.

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Große Freude beim Märzkind, die Cheerleader dürfen wieder trainieren. Das Maikind guckt skeptisch, wedelt mit der Hand in der Luft und klatscht vielsagend auf der Tischplatte auf. Nee, Stunts machen sie natürlich noch nicht, sagt das Märzkind. Auch nichts, wobei Hilfstellungen im Training nötig sind, also eigentlich nur tanzen und nur mit Abstand und draußen, weil die Hallen noch zu sind, es muss ein geeignetes Gelände gefunden werden, dass dem Verein gehört, wegen der Versicherung, und dann…

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Ob ich wohl die Erkundehausarbeit mal Korrektur lesen könnte? Klar kann ich.

„…nicht mesozyklonale Tornados entstehen durch Windscherungen im Konfergenzbereich….“ Jaaääähmmmpf, wottsefack, ich mir nicht sicher.

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Also eigentlich glaubt die Frau vom Brotwagen ja nicht, was in der Bildzeitung steht, aber diesmal hatten die Recht. Dieses ganze Corona, das wurde völlig übertrieben, so schlimm, dass man deswegen ganze Länder still legen muss, ist es nicht. Vermutlich war es abgesprochen.

Mühsam unterdrücke ich ein schmunzeln. Bestimmt gibt’s ne whattsapp Gruppe der Regierungschefs aller Länder. Irgendwer hat vorgeschlagen, leere Särge einzugraben, das im Fernseh zu zeigen und dann mal so richtig lockdown zu machen. Nur so. Alle anderen haben gesagt, super Idee, wieso sind wir da nicht selber drauf gekommen? Das machen wir auch.

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Ich gebe einen Stapel Büchereibücher ab. Die wären eigentlich schon am 23. März fällig gewesen.

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Einkauf in einem anderen Laden als sonst. In der Obstabteilung staut es sich, ich warte kurz. Dabei fallen mir drei Nacktatmer auf. Sie tragen zwar eine Maske, aber mit Nasen raus. Jemand, der nicht warten kann, streift meinen Ärmel. Das war dann wohl etwas weniger als 1,5 Meter Abstand. Ein Mitarbeiter des Ladens grüßt ihn herzlich. Die Joghurteinräumer nehmen im Gespräch den Mundschutz ab, sonst versteht man ja nichts. Ich suche nur das Nötigste zusammen und gehe wieder. Ich glaube der Wissenschaft mehr als der Bildzeitung .

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Samstag Abend steht eine Flasche Bier vor der Tür, „Sonntag, 10 Uhr“ steht dran.

Sonntag wäre hier Heimatfest gewesen. Die Tradition erfordert massiven Alkoholkonsum zum Klang von Blasmusik. Das geht ja nun dieses Jahr nicht. In Friedenszeiten ist dieses Fest aber noch nie ausgefallen. Man möge also die Fahnen hissen und die Regionalhymne vor der eigenen Haustür singen, um zehn. Eher nicht. Ich habe das Fest letztes Jahr ganz geschwänzt und die 12 Jahre davor nur vor der Hüpfburg gestanden. Ich kann es einfach weglassen, ohne Schaden anzurichten. Von den anderen hat auch niemand Lust, die Fahne rauszukramen.

Sonntag um zehn gehe ich dann doch gucken. Marschmusik schallt durch den Ort. Mitten auf der Kreuzung wurden riesige Lautsprecher aufgebaut. Die Regionalhymne ertönt, man prostet sich zu. Gerade als ich dachte, es wäre vorbei, hört man 200 Meter weiter schmissige Akkordeonmusik mit Gesang „dieKarawaaaaaneziiiiehtweitaaaaaderSultanhatduuuaaasst“. Ich gehe wieder ins Haus.

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Wir feiern den Geburtstag des Maikinds mit weniger Gästen und in zwei Etappen. Wenn nur 13 Personen auf einmal da sind brauchen wir gar keine Möbel rücken und man kann sich auch anders unterhalten. Es ist eine entspannte Feier und jeder hat was zu erzählen. Die Geschenke kommen gut an und werden sofort zusammengebaut und ausprobiert. Abends um neun gehen die Kinder nochmal auf den Spielplatz. Man spürt schon einen Hauch von Sommerferien.

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Wer hat morgen wie Schule? Das Julikind hat von der ersten bis zur vierten Stunde, das Maikind hat von der ersten bis zur sechsten, in der nächsten Woche aber dann nicht, das Märzkind hätte eigentlich Präsenzunterricht gehabt, weil diese Woche eine erste Woche ist, der wurde aber ins digitale verlegt, weil der Chemielehrer zur Risikogruppe gehört und nur wegen Mathe lohnt ja nicht, um halb neun, das hatten sie mir aber doch alles gesagt. „Du hast irgendwie nicht mehr so den Durchblick, Mama, kann das sein?“ Ach was.

Tag 54 bis 57, Frau Kowallik und so

Am Samstag ist herrliches Wetter zum Wäsche trocknen. 4 Maschinen voll trocknen draußen und werden direkt auf dem Gartentisch zusammengelegt, danach Bügelwäsche und Sockenmemory und alles in die Schränke verteilen. Die anderen hauswirtschaften alle im Haus, es ist wieder viel liegen geblieben, diese Woche.

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Abends sind wir alle eingeladen. Der Opa feiert seinen Geburtstag auf dem Hof. Es hat was von Außengastronomie, wir verteilen uns an mehrere Tische. Die, die systemrelevant arbeitenden versuchen, Abstand zu den vorerkrankten Omas zu halten.

Das ist aber nicht so leicht, de Omma will auf den Friedhof, Schitt ruppen (zwecks Grabpflege). Es zieht sich schon durch die ganze Woche. Der Vatta hat abgewiegelt, also ist jetzt meine Schwester an der Reihe. De Omma rutscht mit ihrem Stuhl so dicht ran, wie es geht und fragt, wann es ihr denn passt?

Das geht leider im Moment nicht, weil, man darf nur in einem Auto fahren, wenn man auch zusammen wohnt, sagt meine Schwester und zieht ihren Stuhl dabei bis zum Zaun. Ach, das glaubt de Omma aber nicht. Doch, doch sagt der Liebste, vielleicht würde es gehen, wenn sie bereit wäre im Kofferraum zu sitzen, scherzt er. Damit ist das Thema vorerst vom Tisch.

Kurz bevor de Omma nach Hause geht, setzt sie sich neben den Vatta und sagt, er muss sie auf den Friedhof fahren, morgen. Der Vatta murmelt. Das Märzkind bekommt es mit und weist ihren Opa darauf hin, dass morgen Muttertag ist, da wird er seiner Mutter doch wohl nix abschlagen. Der Vatta murmelt, das Märzkind grinst, ich auch.

De Omma ist zufrieden. „Ihr stellt euch aber auch alle an. Wegen so einem Virus. Den gibt es vielleicht im Ausland, aufs Dorf kommt der nicht.“

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Sonntag morgen erhalte ich eine mail der lange verschollenen Englischlehrerin. Auf ihrem Schreibtisch stapeln sich die Mappen mittlerweile. Sie bittet darum, keine weiteren mehr abzugeben. Sie habe so viel zu korrigieren, es wird daher eine Weile dauern, dafür haben wir ja sicher Verständnis, und, wenn da jetzt noch mehr Mappen kämen, wäre das für den Ablauf hinderlich, die lassen sich nicht so komfortabel stapeln.

Nun, sie hatte vor den Osterferien eine Mappe in Auftrag gegeben. Seit letzter Woche gibt es die Möglichkeit zur Abgabe, die haben anscheind einige genutzt. Selbstverständlich habe ich Verständnis dafür, und entnehme die Blätter aus der Mappe, die ich extra auf dem Dachboden gesucht hatte, aus dem vom Maikind sorgfältig beschrifteten Register und tackere sie zusammen. Allerdings tackere ich auch einen Zettel mit an, auf dem ich handschriftlich mitteile, wie viel Verständnis ich genau habe.

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Och, wo ich gerade eh dabei bin, schreibe ich noch eine Mail an die Deutschlehrerin. Leider weiß ich nicht ob, und wie sie bearbeitete Aufträge entgegen nehmen will, ich schicke ihr Fotos und teile mit, dass ich die Originale in der Schule abgeben werde. Es wird allerdings schwierig, das Kind zu weiteren Aufgaben zu motivieren, da ja seit Wochen gar keine Reaktion komme, füge ich hinzu.

Eine viertel Stunde später klingelt das Telefon. Die Deutschlehrerin. Sie habe sich schon gewundert, dass von uns nichts kam und hätte heute sowieso mal angerufen. Ob ich denn nicht in der Whatsapp Gruppe von Frau Kowallik sei? Nein, ich kenne gar keine Frau Kowallik. Aber, da leite sie doch die Arbeitsaufträge drüber weiter. Die Frau Kowallik habe gesagt, es wären alle da. Ich nicht. Vermutlich weiß Frau Kowallik nicht, dass ich existiere, und konnte mein Fehlen nicht bemerken. Naja, nun ist es eben so. Wir sind uns einig, dass es im Moment an vielen Stellen nicht optimal läuft obwohl sich wirklich viele Leute viel Mühe geben. Es ist eigentlich ein nettes Gespräch. Ich hab eine Rückmeldung und sie kann jemanden von der Liste der unerreichbaren streichen.

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Ein Lesetagebuch wurde soeben beendet. Unter anderem musste jedes der 28 Kapitel kurz zusammengefasst werden. Die letzte Seite ist nicht mehr zu finden. Ich suche konzentriert nach der Datei und bemerke das Drama erst, als es schon ein Schluchzen ist. “ Das ist nicht weg“, versuche ich zu beruhigen, es nützt nur nicht viel. Ein Buch, das eigentlich sogar gern gelesen wurde, endet kurz vorm Nervenzusammenbruch. Lesetagebücher sind wie Dementoren.

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Montag morgen holen wir einen Stapel Kopien in der Grundschule ab, hauptsächlich um mal zu schauen, wie es da denn aussieht. Der Gruppentisch wurde entfernt, die anderen Tische verteilt. An jedem Tisch ein Namensschild und das Unterrichtsmaterial steht auf dem Platz, der frei sein wird. Die Lehrerin begrüßt mit Maske und erklärt kurz, wie es dann Montag laufen wird.

Es sieht nicht so aus, wie sie gedacht hätte, sagt das Julikind, dann freut sie sich doch.

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In der anderen Schule lasse ich mir die Abgabe der Englischaufgaben im Sekretariat quittieren. Alle anderen Stapel legen wir einfach in den jeweiligen Bereich ab. Obwohl das Maikind und ich aufmerksam und mehrmals gucken, finden wir keinen Arbeitsauftrag zum Thema Indianer, den die Deutschlehrerin hier ablegen wollte. Dann. Eben. Nicht. Fertig.

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Als wir das Gebäude verlassen weht uns ein kalter Wind Schneegrisel ins Gesicht. Was soll das denn? Wir haben doch vorgestern noch abends um neun im T shirt draussen gesessen?

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Hausaufgaben, Hausaufgaben, Hausaufgaben, Hausaufgaben, aufräumen, kochen, aufräumen, Hausaufgaben

Mal eine halbe Stunde, in der ich nichts soll und mich niemand anspricht, das wäre schön.

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Dienstag morgen kommt der neue Stundenplan für die vierten Klassen. Montags 1.-4. Stunde Unterricht, dienstags Heimarbeit, mittwochs 1.-4. Stunde Unterricht, donnerstags Heimarbeit, freitags online Unterricht, zwei Schulstunden. Beide Klassengruppen werden vom gleichen Lehrerteam unterrichtet. Ich verstehe jede einzelne Überlegung, die dahinter steht. Es ist wirklich die bestmögliche Lösung für alle.

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Natürlich bin ich bereit, den Bildungsauftrag in Heimarbeit zu übernehmen. Es handelt sich dabei um qualitativ hochwertige, systemrelevante care-Arbeit, die ich in diesem Umfang natürlich nicht ehrenamtlich leisten kann. Dafür hat der Steuerzahler sicher Verständnis.

In diesem Sinne: Seid frech und wild und wunderbar!

Tag 25 bis 29, Ostern

Wir färben 40 Eier, das wird in diesem Jahr ausreichen. Die Eier kommen aus dem Eierautomaten zwei Orte weiter. Das witzige ist, das da verschiedene Größen Formen und Farben in der gleichen Packung sein können. Hier gleicht kein Ei dem anderen.

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Die Kirchenglocken sind im Moment so ziemlich das einzige Geräusch in der Außenwelt. Zwischen Karfreitag und Ostersonntag schweigen die Glocken. Es fahren auch kaum Motorräder vorbei, was bei diesen Temperaturen am Wochenende sehr ungewöhnlich ist, Trecker auch nicht, wegen Feiertag. Es ist still im Ort.

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Abends um halb zwölf, ich bin auf dem Weg ins Bett, kommt das Julikind im Schlafanzug die Haustür rein.

Die waldecksche Mundart kennt ein allumfassendes Fragewort für solche Situationen. Durch Variationen in Klang und Länge kann man den eigenen Standort anzeigen und Zukunftspläne oder Herkunft seiner Mitmenschen erfragen. Es klingt kompliziert, wird aber von Ortsansässigen aller Generationen intuitiv verstanden. Deshalb brauche ich nur ein Wort.

„Hää?“

Die Patentante habe doch am späten Abend ein Osternest bringen wollen, da habe sie jetzt nur nochmal geguckt, nicht das die Waschbären…

„Ach so.“

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Der Samstag erfüllt jedes Klischee. Ein bißchen putzen, ein spontaner Baumarktbesuch, Gartenarbeiten, Straße fegen, grillen.

Als es dunkel wird machen wir Osterfeuerchen im Garten. Zu fünft sitzen wir um die Feuerschale und suchen Sternbilder. Das kleine Feuer ist angenehm. Man kann dicht genug dran sitzen, dass man nicht friert, ohne das einem dabei die Schuhsohlen schmelzen, weil es einen Meter weiter schon echt richtig heiß ist.

Die Nachbarn machen auch Osterfeuer. Es gibt also doch noch mehr Menschen außer uns.

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Normalerweise würden das Märzkind und ich um kurz vor fünf aufstehen und ins Städtchen fahren. Dort beginnt um halb sechs die Osternacht. Da ist es noch dunkel. Am Eingang der Kirche bekommt man mit eine Kerze und ein Gesangbuch gereicht, mit einem freundlichen, aber wortlosen Nicken. Entlang der Sitzbänke stehen drei kleine Laternen um grob den Weg zu zeigen, man braucht ein paar Sekunden um sich zu entscheiden, Leute sieht man nicht, aber man kann spüren, das noch andere da sind. Nicht auf gruselige Art, nur leise und dunkel. Andächtig. Irgendwann kraschpelt es ein bisschen. Während man noch überlegt, ob das Geräusch wohl echt war oder nur eingebildet, fängt der Chor an zu singen. Unplugged. In einem Gebäude, dessen Akustik genau dafür gemacht wurde, ein Gänsehautmoment. Nicht digitalisierbar.

Merkwürdig, der Gottesdienst an Heilig Abend hat mir garnicht gefehlt.

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Ich rufe meine Schwester an, um frohe Ostern zu wünschen. Nach einer viertel Stunde Gespräch fällt uns auf, das wäre gar nicht nötig gewesen. Wir sind uns die letzten 20 Jahre nie an Ostern begegnet, wenn nicht zufällig jemand Geburtstag hatte. Ach guck, haben wir das auch mal bemerkt. Es ist aber trotzdem schön sich mal zu hören.

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Das Osternest der Patentante wird gefunden. „Schöne Ostern soll ich euch sagen“ , meldet das Julikind mit einem fröhlichen Grinsen „wir machen dann was, wenn Corona vorbei ist, hat sie geschrieben“. Dazu gabs eine gesegnete Portion Schnuck, die sofort ins Kinderzimmer getragen wird. Läuft.

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Die anderen Osterkörbchen hatte der Hase wegen sommerlicher Temperaturen im Haus versteckt. Das ist unüblich, es gibt keine Standardverstecke und die Suche dauert entsprechend länger. Eiersuche im Garten geht dann schneller.

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Mittagessen besteht aus Marzipan und Blätterkrokant.

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Am frühen Nachmittag gehen wir Eierwerfen. Bei 25 Grad ist es eigentlich schon zu warm, um den Hang mehrmals wieder hochzulaufen. Nach der zweiten Runde essen wir die Eier, die noch heil geblieben sind in Picknick Atmosphäre auf der Wiese. Die zwei die kaputt gegangen sind darf der Hund sich holen. Am Himmel über der Eierwiese ist nicht ein einziges Flugzeug zu sehen, die ganze Zeit nicht.

Am Wanderparkplatz ist schon ein Hinweis auf Waldbrandgefahr angebracht. Anscheind rechnet man mit anreisenden Städtern. Das man im Wald nicht raucht und keine Zufahrtswege zuparkt ist eigentlich klar.

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Oma und Opa haben das Eiersuchareal ausgeweitet. „Die ganze Hecke, bis da hoch“, die Oma macht eine ausladende Armbewegung. Die Kinder verschwinden.

Als alles gefunden ist sitzen wir noch eine Weile auf dem Hof.

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Als wir zu Hause ankommen fährt gerade die Oma aus dem Städtchen vor. Sie bleibt im Auto sitzen, wir bleiben stehen und warten. Sie bleibt sitzen, wir wundern uns. Sie öffnet die Tür einen kleinen Spalt und sagt, sie wolle nur die Osterhasen für die Kinder bringen, bleibt aber sitzen. Der Liebste fragt, ob er denn ans Auto kommen dürfe, um sie ihr abzunehmen. Sie ringt sichtlich mit sich, steigt dann aus und übergibt mit ausgestreckten Armen eine Tasche mit Osterhasen und eine mit ausgelesenen Büchern, die ich ihr geliehen hatte.

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Abends wieder Star wars. Ich habe jetzt drei Folgen gesehen und frage mich, worin die Handlung wohl besteht. Natürlich nur innerlich, sonst wird mir das noch jemand erklären. Ich habe allerdings nachträglich noch einige Witze aus big bang theory und Lego Movie verstanden. Das Märzkind und ich waren uns einig, das die dieses Fluggerät mal grundsätzlich warten sollten. Nach jedem Start fliegen irgendwo Funken und jemand rennt fluchend mit dem Schraubenschlüssel los. Das verliert zunehmend an Unterhaltungswert. Die Jungs waren der Meinung, wir hätten keine Ahnung.

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Montag dann fünfzehn Grad weniger und viel Wind. Ich mache den Ofen an.

Nach der Hunde-Spaziergangs-Runde sammeln wir ein Osternest bei der Oma im Nachbarort ein.

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Märzkind und Maikind erkundigen sich unabhängig voneinander, ob ich schon weiß, ob die Schule nach den Ferien weitergeht, und wenn ja, wie?

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In den Nachrichten spricht ein Professor der Leopoldina. Bestimmt einer der besten seines Fachs. Leider hat er ganz offensichtlich keine Vorstellung davon, wie sich Grundschüler verhalten werden, die sich seit 5 Wochen nicht gesehen haben. Das nicht alle Schüler generell zu Fuss zur Schule kommen hat anscheind auch noch niemand im Detail bedacht.

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Zu meiner eigenen Überraschung stelle ich fest, das mir die Probleme der letzten Wochen sympathischer werden, je näher wir einer Lösung kommen.

Tag 4

„Mammmaaa, die Nachbarländer von Malaysia??“

„Ähm, ich glaube, die Hauptstadt ist Kuala Lumpur, aber schwören würde ich das nicht.“

„Hauptstadt ist egal, es geht um die Nachbarländer.“

„Gib doch einfach mal „Nachbarländer von Malaysia“ ein, irgendwas wird doch dann kommen.“

„Es. Geht. Nicht.“

Es stimmt. Dass Google Maps nicht laufen würde war mir klar, aber das noch nicht mal eine normale Suchanfrage durchgeht am Vormittag nervt jetzt wirklich. Mein erster Impuls ist es das Fenster aufzureißen und rauszuschreien „Nehmt euch alle ne Zeitung und geht einfach mal kacken!!!“ Statt dessen höre ich mich sagen „Naja, es sind im Moment halt auch viele im Home Office, ich hab ne Idee“. An dieser Stelle kann ich wohl eine Empfehlung aussprechen für den YouTube Kanal Yoga with Adrienne. Die Lösung dieses Problems liegt auf dem Dachboden.

ohne Kommentar

Bonus: Hinten in diesem antiquarischen Atlas lagen zwei Klassenarbeiten des Liebsten. Er war 16 und hatte den Lehrvertrag schon unterschrieben, hat er gesagt.

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Der Liebste übernimmt das Elterntaxi zur Krankengymnastik. Der einzige Termin dieser Woche.

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Ich backe zwei Kuchen und packe Geschenke ein.

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Am späten Nachmittag senden netflix und YouTube nicht mehr in HD. Das kann ich im Internet lesen. Erleichterung. Das Märzkind kann am Abend mit Freundinnen skypen. Das war wichtig, denn mittlerweile schlägt es aufs Gemüt.

Tag 5

Kuchen zum Frühstück, wir haben die Zeit. Die Geschenke kommen gut an und Glückwunschnachrichten erreichen das Märzkind von allen Seiten. Sogar die Klassenlehrerin hat dran gedacht, sie freut sich. Nach der Hunde-Spaziergangs-Runde portionieren wir den Kuchen und fahren die Omas an.

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Oma und Opa haben vor dem Haus einen Geschenktisch aufgebaut. Mit Blumen und Schnuck (Süßigkeiten, sagt man in Norddeutschland wohl dazu). Beide stehen im Fenster, und winken und gratulieren, so herzlich wie es nur möglich ist, in diesen verrückten Tagen. Die Oma verschwindet aus dem Bild um etwas auf dem Klavier vorzuspielen. Was von Beethoven, denn Beethovenjahr haben wir ja trotzdem. Das Märzkind strahlt.

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Dann müssen wir etwas hektisch zum Ende kommen, denn de Omma, die bis eben irgendwelche Gartenarbeiten gemacht hat, hat uns durch die Hecke gesehen. Sie war die einzige, die nicht verstanden hat, wieso wir nicht feiern. „Ooohhh, bestimmt will sie gratulieren, macht was!“ Ruft die Oma aus dem Fenster. Ich schnappe mir den dafür vorgesehenen Teller mit Kuchen und laufe der Omma entgegen. Sie freut sich, gerade wollte sie Kaffee kochen. „Guck doch mal da.“ Ich gucke da und sehe nichts. „Die Veilchen kommen. So schön. Und guck mal da.“ Mir fehlen die Nerven und gerade auch die Zeit, um mal überall im Garten „mal zu gucken“. Ich wünsche einen guten Appetit und gehe, mit einem schlechten Gewissen.

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Die Oma im Nachbarort öffnet die Tür und ruft „Keine weißen Anzüge!“ ins Treppenhaus. Gerade haben sie im Fernsehen gesagt, Leute in weißen Anzügen würden sich Zutritt zu Seniorenwohnungen verschaffen, in böser Absicht. Ab jetzt wird niemandem mehr geöffnet, der keinen Kuchen dabei hat, hat Käthe entschieden, erklärt die Oma. Normalerweise würde die Oma das Märzkind jetzt herzlich knuddeln, aber, ach, es ist ein seltsamer Moment. „Herzlichste Glückwünsche, wir holen das alles nach, nichts geht euch verloren“. (Bei Cousine und Cousin fallen gerade jede Menge Abschlussfeiern aus, harte Zeiten für das Oma-Herz)

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Die Tante erkundigt sich, wie wir die Geschenkeübergabe gestalten wollen. Vielleicht könnten sie ja sogar reinkommen? Jo, angeboten hätte ich es nicht, aber wenn sie möchten gerne. Sie hätte auch fast nicht gefragt, aber wie-ein-Onkel sitzt seit Tagen im home office und droht Gemütskrank zu werden. Na dann, bis gleich. Beim Kaffee sitzen wir noch weit auseinander, wir haben ja eh zwei Tische im Esszimmer stehen. Aber es ist zu sonderbar. Nach dem Essen beginnen Märzkind und wie-ein-Onkel über Fotografie zu fachsimpeln. Sie holt ihre Kamera und er erklärt ihr irgendwas über ISO Einstellungen. Dabei hängen sie so dicht mit den Köppen aneinander, dass es dann jetzt auch egal ist. Der Esszimmertisch hat Überbreite, abends essen wir alle zusammen da.

Der Liebste bekommt ein Video zugeschickt. Eine Frau steht auf dem Balkon, vermutlich zum Rauchen, sie geht einen Schritt zurück „Ach du scheiße“. Ein bisschen so, als würde man hinter der Turnhalle rauchen und die Aufsicht kommt unerwartet. Im Schritttempo rollt ein Kleintransporter ins Bild, auf dem Dach Megaphone. Eine Durchsage ertönt. Die Leute werden dringend gebeten, zu Hause zu bleiben und ihre sozialen Kontakte einzuschränken. Im Ort sei es vermehrt zu Infektionen mit Covid-19 gekommen. Eine Szene wie aus einem Film, 30 km von hier.

Das Handy macht die Runde, uns wird mulmig. Nach ein paar Minuten können wir wieder lachen. Wer hätte gedacht, dass man sich mal die Nachrichten vom Brexit zurückwünscht?

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Trotz allem war es ein schöner Geburtstag, sagt das Märzkind. Sie freut sich, dass die beiden da waren, sonst wäre es vielleicht doch ein bisschen traurig gewesen. Auch die anderen haben sich alle soviel Mühe gemacht. Ein glückliches Lächeln.

Es fällt ein Stein vom Mutterherz.

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Bei der Abend-Hunde-Runde stellen wir fest, das zu dem, was man woanders Skyline nennen würde bei uns auch die kleinen, sich zwischen den Orten bewegenden Lichtpunkte gehören. Die fehlen komplett. Es ist nicht ein einziges Auto unterwegs.

Tag 6

Samstag, ein ganz normaler Haus und Hoftag. Der Liebste muss arbeiten, 12 Stunden, das ist auch normal, am Wochenende.

Die Kinder helfen auffallend gut ohne zu nörgeln.

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Das Bäckerauto kommt spät, ist aber gut gefüllt, stelle ich fest. „Ach, hör bloß auf“, sagt die Brotwagenfrau. Das sei schon die zweite Fuhre, deshalb auch so spät. Gleich heute morgen hätten zwei Leute jeweils 6 Brote kaufen wollen. Die nehmen normalerweise aber nur zwei, und das hat sie denen dann auch gesagt. Mehr als normal gibts nicht. Es soll ja wohl für alle reichen, 6 Brote braucht man nicht mal einfach so, die kann man doch wohl vorbestellen, ein Anruf, dann ist es kein Problem. So, unter diesen Umständen, ist das einfach schlechtes Benehmen. Ich gebe ihr Recht und freue mich, dass wir noch was bekommen. Aber ich hätte auch improvisieren können, versichere ich ihr. Gemeinsam wundern wir uns einen Moment über die Leute.

Es war mein einziger Kontakt zur Außenwelt an diesem Tag.

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Der Himmel ist so klar. Ein Sonnenuntergang, quasi in HD. Ich ertappe mich dabei, wie ich am Fenster stehe und staune.

Tag 3

Nach einem späten Frühstück gehen die Kinder an ihre Aufgaben. Der Liebste hat einen regulären freien Tag und plant handwerkliches.

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Der Optiker ruft an. Er wolle natürlich nichts beschreien, aber im Moment sähe es so aus, dass man Kontaktlinsen lieber heute als morgen abholen kommen soll, so man sie dringend braucht. Die Kontaktlinsen werden dringend gebraucht.

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Moment. Ich frage alle Kinder einzeln, ob sie noch etwas aus normalen Geschäften brauchen. Der Liebste ruft die Ommas und die Nachbarn an. Fritz muss selber nochmal ins Städtchen, Marianne meldet, gut vorbereitet zu sein, der Opa ist quasi schon auf dem Weg und hat den Einkaufszettel von der Omma dabei.

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Ich rufe bei „wo wir immer die Milch holen“ an und erkundige mich, ob das weiterhin möglich sein wird. „Jo, sicher, hat noch niemand was anderes gesagt, un? Sonst so?“ Angenervte Kinder, handwerkelnde Männer, sorglose Senioren, wir haben gerade alle das gleiche.

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Vor der Apotheke stehen schon zwei Frauen an. Es sollen bitte immer nur 2 Kunden gleichzeitig drin sein, und bitte die Hände desinfizieren am Eingang. Eine große Plexiglasscheibe wurde quer über den Tresen gebaut, unten eine Durchreiche. Ein bißchen kleinlaut erkundige ich mich, ob es möglich sei, ein Heuschnupfen Medikament zu bekommen. Es ist so banal, ich komme mir seltsam vor, werde aber sehr freundlich bedient. Selbstverständlich laufen die ganz normalen Sachen weiter, sagt die Apothekerin. Ich bedanke mich, und meine es grundsätzlich.

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In der Drogerie holen wir notwendiges und kaufen ein neues Brettspiel. Alle anderen Geschäfte sind geschlossen. Hoffentlich kann man online noch „zwei T Shirts und eine kurze Hose“ die das Maikind nach eigenen Angaben braucht bekommen. Die vorhandenen sind von etwas knapp auf wirklich zu klein gewechselt, diese Woche.

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Ein normaler Wocheneinkauf Lebensmittel. Es sind mehr Leute im Laden als um diese Zeit üblich, aber es ist leiser. Die Kassiererin wirkt müde, was auch sonst. Ganz ehrlich, ich bin froh, dass das nicht mein Job ist. Sie reicht mir den Kassenzettel. „Danke, dass Sie den Laden am Laufen halten, wir brauchen nämlich wirklich so viel.“ Es ist nur ein Satz und er kostet mich gar nichts. Aber die Frau an der Kasse setzt sich wieder aufrecht hin und lächelt. „Gerne“, sagt sie „dafür sind wir ja da“.

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Ansprache der Bundeskanzlerin. Wir entscheiden, den Geburtstag des Märzkindes ohne Gäste zu feiern. Ohne Freunde in der Schule war eigentlich schon schlimm genug. Natürlich ist es wichtig und richtig, scheiße ist es aber auch.

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Bei der Abend-Hunde-Runde haben wir Kondensstreifen am Himmel gesehen. Es waren viel weniger als sonst und sie verlaufen anders. Es passte zu diesem verqueren Tag.

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Das Internet läuft merklich langsamer.

Fluchtgedanke

So dringend musste ich eigentlich gar nicht, aber die Toilette war gerade frei, da habe ich die Chance genutzt. 17 Leute verteilen sich auf Wohnzimmer, Diele und Küche. Für die jüngeren gibt es im hinteren Teil noch ein Zimmer, wo getobt und gespielt werden kann.

Ich setze mich neben den Liebsten auf die Ofenbank. Jeweils ein Erwachsener sitzt noch in einem Sessel und ein großes Kind quetscht sich ganz an den Rand der Couch. Auf dem Rest der Couch wird lautstark ein Lichtschwertkampf ausgetragen. Den Todesstern bekommt man nicht geschenkt. Es wird gesprungen und gerempelt.

Ein Onkel hat bereits darum gebeten, das Gefecht ins Tobezimmer zu verlegen. Die Uroma hat sowohl Darswäida als auch dem Endgegner erklärt, das sie nicht mehr so gut sieht und deshalb bitte gerne verstehen möchte, was die anderen erzählen. Das haben die beiden in keinen Zusammenhang bringen können und wurden ein weiteres Mal freundlich um Ruhe gebeten. Gebracht hat es nichts. Gespräche sind nicht möglich, so lauschen wir einfach der sakralen Weihnachtsmusik, die das Kampfgetümmel untermalt. Hin und wieder tauschen die anwesenden Erwachsenen ein ratlos schmunzelndes Augenrollen. Niemand von uns wird sich trauen, deutlicher zu werden, soviel ist klar. Wir sind ja hier selber nur Gäste und die Erziehungsberechtigten sitzen durchaus in Hörweite. Dann passiert es:

“ R U H E !!“

Sogar am Küchentisch nebenan wird es leise. “ Meine Güte, es muss doch möglich sein, dass Erwachsene Menschen ein Gespräch führen können,“ wird in ganz normalem Ton hinzugefügt. Darswäida und der Endgegner verschwinden wortlos in der Küche. Ich nutze den Moment um die festliche Musik auf nahezu unhörbar runterzuregeln. Schlagartig hat sich die Atmosphäre entspannt und ich setze mich neben Käthe.

„Das haste gut gemacht,“ raune ich ihr zu, „ich hab mich nicht getraut“. Ach was, Käthe winkt ab, bei ihr wird sich niemand beschweren. Und selbst wenn, sie grinst mich verschmitzt an, „Im nächsten Jahr feiere ich eh nicht mit.“ „Meinste? Ich würde sagen die Chance ist fünfzig/fünfzig.“ Im nächsten Frühjahr wird sie hundert.

Ach, sie habe es ja im Guten versucht. „Das hab ich gesehen“, beruhige ich sie. Dann hatte sie gedacht, sie geht einfach nach oben und setzt sich ganz in Ruhe in ihren Sessel. Sie zeigt auf den Rollator. Mit dem sperrigen Ding komme man leider nicht gut voran zwischen so vielen Leuten. In der Diele ist sie von ihrer Tochter erwischt worden. Zum Glück noch auf Höhe der Gästetoilette, da hat die gesagt, sie wolle aufs Klo. Sie musste ja eigentlich nicht, aber die Treppe hoch soll sie nicht alleine und da brauchte sie schnell eine Ausrede. Tja, und nun sitzt sie wieder hier im Sessel.

Die anderen unterhalten sich jetzt auch alle. Käthe lauscht ein bißchen den Gesprächen. „Es wundert mich, das ich so alt geworden bin, weißt du, das sah eine ganze Weile nicht danach aus.“ Es folgt eine Geschichte von einer Bombennacht im Keller. Von jemandem der es selbst erlebt hat klingt es anders als im Fernsehen und ich muss schlucken.

Aber das ist lange her und Käthe kann schnell wieder umschalten. Fröhlich verabschiedet sie die Familie der Lichtschwertkämpfer. Man möge es ihr nicht übel nehmen, das Alter, die Anstrengung der Festtage… Ach was, das wäre kein Problem. Nur, er selbst fände es gut, wenn die Kinder laut sind und toben, sagt der Erziehungsberechtigte. Denn das sind sie nur, wenn sie sich wohl fühlen.

Alle anderen fühlen sich durchaus auch bei Zimmerlautstärke wohl, und lassen den Tag in gemütlicher Runde ausklingen.

September, Halbzeitstand

Was ich so mache, wenn es aussieht, als wäre nichts los hier:

In der ersten Septemberwoche waren wir auf eine Hochzeit eingeladen. Darüber haben wir uns sehr gefreut und wollten auch alle schick sein. Also musste die Festtagsgarderobe entsprechend zusammengestellt werden und es waren zwei spontane Frisörbesuche nötig. ( Termin finden, an dem beide Kinder gleichzeitig Zeit haben – Frisör finden, der genau dann auch Zeit hat – hinfahren) Zur Hochzeit ist es etwas weiter. Wir stehen ja bei längeren Fahrten gern in Staus, daher musste ein Fresspaket gepackt werden. Außerdem der Koffer mit den schicken Klamotten. Für Übernachtungssachen hab ich nur einen Zettel geschrieben und den Kindern der Reihe nach in die Hand gedrückt. Das klappt mittlerweile echt gut, wir hatten diesmal sogar Zahnpasta.

Zweimal Elterntaxi zur Krankengymnastik, mehrmals zu Trainings.

Zwei Elternabende besucht. Einer ganz locker und schnell fertig. Einer nicht.

Ich habe mich zwei Stunden lang durch die gigantischen Klamottenberge des Kinderkleidungsbazars im Nachbarstädtchen gewühlt. Es waren wirklich schöne Sachen dabei. Manches mal habe ich mich auch gewundert, was die Leute meinen, noch verkaufen zu können…

Jeden Tag darüber gesprochen, wie dringend wir wieder einen Hund brauchen. Die Meinungen gehen da etwas auseinander.

Zum ersten Mal eine Vereinsmeisterschaft im Kickboxen angeschaut, und in aller Bescheidenheit, als Mutter der Siegerin in der Altersklasse verlassen. Oooleeeee, oleeeoleeeoleee

Honig abgefüllt. Der ist in diesem Jahr ganz anders als sonst, obwohl die Bienen genau an den gleichen Orten stehen.

Zwei geplante Arzttermine wahrgenommen.

Die Erfahrung gemacht, dass man doch auch hier auf dem Land ganz spontan einen Arzttermin bekommen kann. Einweisung in die Kinderklink mitgenommen, aber zum Glück nicht gebraucht. Großeltern beruhigt. Mich selber beruhigt.

Ein neuer Rekord wurde aufgestellt. Zwischen den Sätzen „Hitzefrei, zum Glück, das hält man ja kaum aus“ und „oohh, guck mal, Lebkuchen, wollen wir eine Packung mitnehmen?“ lagen in diesem Jahr nur sensationelle drei Stunden.

Der Liebste hat übrigens Wechselschicht. Irgendwo zwischendurch waren schon zwei Rückwärtswechsel (von Nacht auf Spät auf Früh in drei Tagen)

Und morgen wieder Hochzeit, aber nur ein bißchen.

Sie habens geschafft

Vor ziemlich genau vierzehn Jahren, da war das Märzkind wenige Monate alt, ist uns klar geworden, dass wir eine Generation aufgerückt sind. Das Kind würde älter werden und wir natürlich auch. Sicher würde diese neue Generation einen Weg finden, uns zu schockieren. Mit irgendetwas noch nie dagewesenem. Wir würden am Tisch sitzen und murmelnd mit den Köpfen schütteln. Aber – mal ehrlich – was sollte das sein? Uns ist damals nichts einfallen.

Auf einer Geburtstagsfeier trägt eine vierzehnjährige eine weite kurze Jeans, deren Bund knapp unter dem Rippenbogen endet. Das Tshirt in Überweite hat sie oben in den Hosenbund gesteckt. Komplett, nicht nur auf einer Seite ein bißchen. An den Füßen schwarze dicke Socken in Saunalatschen. Ich finde es gut, dass nicht alle diese Mega-make-up trends mitmachen und klapperdürr sein wollen. Aber diese Mode ist irgendwie auch extrem. Sie bemerkt meine Blicke. Stolz weist sie mich auf ihre neuen Adiletten hin und freut sich sichtlich darüber. Ich bin mir sicher, dass das hier so ein pubertäres Ding ist und in Klamottenfragen bin ich nicht so leicht zu schockieren.

“ Trägt man darin nicht eigentlich weiße Tennissocken?“, scherze ich. Also, ich dachte ich scherze, aber ich werde anscheind ernst genommen.

Naja, räumt sie ein, eigentlich schon. Im kleinen Städtchen seien aber leider keine weißen Tennissocken mehr zu bekommen gewesen. Im Nachbarstädtchen auch nicht, ergänzt ihre Freundin. Da seien sie nämlich extra noch mit dem Zug hin gefahren. Ich bin mir immernoch sicher, das ich vereiert werde.

„Dann fehlt dir aber noch so ein speckiger Hut und vielleicht noch ein Fotoapparat an einem Band um den Hals.“ Neben mir grinst eine Mutter-Kollegin. Die beiden vierzehnjährigen sind völlig aus dem Häuschen: „ja, das wäre geil“

Ich schüttle mit dem Kopf und frage mich, wieso um alles in der Welt, hübsche junge Frauen absichtlich so aussehen wollen, wie Opas auf dem Campingplatz. Ganz leise natürlich.

Und da wird mir klar, es ist soweit. Sie haben es tatsächlich geschafft.