Tag 37 und 38

In Woche 4 kommt das Schulmaterial immernoch ziemlich verpeilt an, ich habe aber mittlerweile mehr Routine.

Das Märzkind zeigt mir völlig entnervt ihre Email. Zwei Sachen kann sie Montag beginnen, vom Zeitaufwand wäre damit die Woche wohl voll. Mittwoch müssen dann Arbeitsblätter in der Schule geholt werden für den ganzen Rest. Das Wochenende wird demnach mit eingeplant, in aller Selbstverständlichkeit. Warum es umgekehrt unzumutbar ist, das kopierte Material bereits am Montag zur Verfügung zu stellen? Ich kann das nicht erklären, beim besten Willen nicht.

Das Maikind besucht eine Kombi-Klasse. Hauptfächer werden getrennt nach Haupt- und Realschule unterrichtet, der Rest gemeinsam, aber mit unterschiedlichem Arbeitsmaterial. Das zu sortieren dauert einen Moment. Ich lache herzlich über das Pensum, das in Englisch vorgesehen ist. Aufgaben für die nächsten drei Woche wurden kommentarlos über den Klassenlehrer geschickt. Die Aufgaben der letzten drei Wochen werden nirgendwo erwähnt. Ich hätte da mal eine Meinung, aber die gute Frau hat weder Telefonnummer noch Email-Adresse bekannt gegeben. Dann ist es vielleicht auch schlicht und ergreifend egal. Ich summe Pippi Langstrumpf.

Grundschule muss ich nur ausdrucken. Diese Woche wird sogar ein Diktat geschrieben, ohne Noten, nur um Übungsmaterial passend zu machen. Was so alles geht, in diesem Internet, wenn denn dann…

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Hausaufgaben, Hausaufgaben, Hausaufgaben, Hausaufgaben

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Gespräche zur Grundschulöffnung nächste Woche, eine Meinung zu haben ist zeitaufwändig, tja, jetzt hab ich nun mal eine

Das neue Konzept wird uns mitgeteilt. Das Julikind ist in einer Gruppe mit allen anderen Buskindern und hat immer von der zweiten bis zur fünften Stunde Unterricht. Die große Pause ist nach der dritten Stunde. Die andere Gruppe besteht aus den Kindern, die zu Fuss zur Schule kommen. Man wird sich nicht begegnen. Zum Glück sind viele Freunde Buskinder. Der Landkreis sagt es wird sowas von krass geputzt im Gebäude. Zu den Bussen äußert sich niemand, aber, na gut, wenn ich mich zusammenreiße kann ich das ignorieren. Dann also wieder Schule, nächste Woche. Ein mulmiges Gefühl bleibt.

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Wir holen Unterrichtsmaterialien. Die Tür ist zu, die Klingel müssen wir kurz suchen. Während wir warten machen wir Virus Witze. Jeder drückt den gleichen Klingelknopf, wir werden alle sterben. Wir werden eingelassen, die Dame sieht, dass ich Kinder dabei habe, die sich auskennen und verschwindet wieder. Im Großgruppenraum hat jede Klasse ihren Tisch. Man nimmt sich, was man braucht und lässt es im Sekretariat kopieren. Das Märzkind muss nur einen Stapel abholen, da war alles vorbereitet. Das Maikind und ich laufen murmelnd an drei Meter Materialien vorbei und stellen fest, dass wir schon alles haben, was wir brauchen. Die Email-Adresse der Englischlehrerin steht in ihrer Mail an den Klassenlehrer. Abfotografiert, ätschibätschi.

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Die Schule schickt eine Mail mit einer geänderten Schulordnung.

Wer hüstelt oder so, bleibt zu Hause.

Hände waschen , Hände waschen, Hände waschen

Maskenpflicht. Die Masken können nicht gestellt werden, weil sie in der kritischen Infrastruktur des Kreises gebraucht werden, dafür haben wir ja sicher Verständnis.

Wer sich mehrfach widersetzt wird ausgeschlossen.

Das ist doch mal ne Drohung.

Tag 34 bis 36, Wochenende und weiter so

Samstag morgen ruft die Grundschulklassenlehrerin an, meine Fragen könne man schwer in drei Sätzen beantworten, so sei es einfacher.

Schulpflicht bestehe ja die ganze Zeit. Es werde zwei Klassen – Gruppen geben. Wer die unterrichtet hängt mit davon ab, ob Lehrer im Lauf der kommenden Woche für systemrelevant erklärt werden. Ansonsten ergebe sich ein Problem in der Kinderbetreuung. Geplant sind 20 Unterrichtsstunden in der Woche. In der Schule gibt es zwei Waschbecken, die mit funktionstüchtigen Seifenspendern ausgestattet sind. In der Notbetreuung waren während der Ferien nur wenige Kinder, man habe allerdings da schon feststellen können, dass das eher nicht ausreichen wird. Die Schulleitung telefoniere nach Seife, schön wären auch Einweghandtücher. Im Unterricht werde nach Möglichkeit Abstand gehalten, auf dem Schulhof wird das, wenn man ehrlich ist, nicht einzuhaltenden sein. Im Bus sowieso nicht.

Ich bedanke mich für diese ehrliche Rückmeldung. Butter bei die Fische.

„Würden Sie es persönlich nehmen, wenn ich das Hygienekonzept für unzureichend halte und mein Kind nicht schicke?“

Nein, überhaupt nicht. Eher im Gegenteil, ganz im Stillen hoffe man darauf, dass Eltern sich quer stellen und dieses Problem dadurch Aufmerksamkeit erhält.

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Der Landkreis verlängert sein Zweitwohnungs-Nutzungsverbot bis zum 4. Mai. Parkplätze an Seen wurden gesperrt.

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Corona Nachdenklichkeit bei mir, irgendwas passt doch da nicht.

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Im letzten Jahr haben wir die Löwenzahnblüte verpasst, das darf nicht wieder passieren. Das Maikind hat seit Tagen die Wiesen im Blick. Er sammelt einen großen Topf voll. Das gibt 15 Gläser Gelee, genug bis zum nächsten Jahr.

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Das Frisörpaket kommt an. Salon „Affenfelsen“ eröffnet.

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Die von mir gekaufte Menge Rindenmulch ist nicht annähernd ausreichend. Der Liebste amüsiert sich. Er würde dann diese Woche mal mit dem Hänger fahren. Man könnte statt Mulch ja auch Hackschnitzel in hell, dunkel oder rötlich verwenden. Ähm, jo, überrasch mich einfach. Garten Entscheidungen überfordern mich.

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Eigentlich wollte ich keine Masken nähen, weil, also, entweder braucht man Schutzkleidung oder nicht. Es erreichen mich aber immer mehr Anfragen, ob ich das denn können könnte. Ich könnte schon. Das Netz ist voll von Anleitungen, die hunderttausendfach geklickt werden. Mittlerweile kenne ich zwei Varianten, die nicht bequem sitzen.

Gummibänder, jahrelang schlummerten sie halb vergessen ganz unten im Nähkörbchen. Als wir dachten Mehl und Klopapier seien schwer zu bekommen wussten wir einfach noch nicht, wie gern wir Gummibänder kaufen wollen würden.

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Im Grundschul – Elternchat wird um Rückmeldung gebeten, wer denn nächste Woche seine Kinder zum Unterricht schickt, gerne mit Feedback.

Ich werde das Julikind nicht schicken. Es geht mir ums Prinzip. Zwei funktionstüchtige Seifenspender sind meiner Meinung nach kein strenges Hygienekonzept und das sage ich auch so. Es war gar keine Frage, aber eine Mutterkollegin antwortet darauf.

Wasser und Seife reichen aber in der Regel aus. Ich möchte nicht, dass meine Kinder mit Desinfektionsmittel hantieren und Mundschutz tragen, dafür gibt es keinen bestätigten Nutzen. Die sollen keine op am offenen Herzen durchführen, sondern was lernen.

Danke dafür. Ich kann dieses mulmige Gefühl, dass ich die ganze Zeit hatte jetzt einordnen.

Tatsächlich denke ich auch, das Wasser und Seife extrem viel bewirken. Wenn sie denn angewendet werden, an Händen, auf Tischen, Stuhllehnen, Haltegriffen, geteilten Materialien, gründlich, mehrmals pro Woche. Vielleicht empfindet man es als so selbstverständlich, dass man es nicht mitteilen muss, aber ob Busse und Gebäude derzeit häufiger oder anders gereinigt werden als normal hat noch niemand kommuniziert.

Das mulmige Gefühl ist Angst, vor ignoranter Dummheit.

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Erleichterung, endlich weiß ich, was mit mir los ist. Und ich habe auch kein schlechtes Gewissen mehr, dass ich dem Julikind Kontakte vorenthalte.

Danke, an alle, die so selbstverständlich Rücksicht nehmen auf Vorerkrankte und Angsthasen.

Scherben und Europa

Bettwäsche, Handtücher, Tischdecken, Putzzeug, alles ist einsatzbereit. Ein Blick auf die Uhr, wenn es gut läuft schaffe ich den Ferienwohnungsgästewechsel noch bevor die Kinder nach Hause kommen.

Es klingelt. Der Gast bittet mich, nochmal mit in die Wohnung zu kommen, es sei etwas kaputt gegangen. Oh, oh. Die kleine Ferienwohnung nebenan gehört mit zu dem 100 Jahre alten Haus, in dem wir wohnen. Hier ist gar nichts normgerecht. Erneuerungen sind meist zeitaufwändig und erfordern Gesprächskreise mit befreundeten Handwerkern. Das würde heute alles nicht so passen.

Auf dem Weg erklärt mir der Gast, dass der ferngesteuerte Roboter seines Sohnes leider das Kabel der Nachttischlampe mitgezogen habe. Die ist jetzt in tausend Teile zerbrochen. Ach, ich bin erleichtert. Das ist ja nun kein Problem, versuche ich den Gast zu beruhigen. Die Lampen sehen zwar stylisch aus, sind aber nicht teuer.

Er bittet mich, den Schaden zu begutachten. Ja, die Lampe ist eindeutig kaputt. Nein, dass ist kein Problem, ehrlich nicht.

Die Wohnung ist ansonsten sehr aufgeräumt, sie haben sogar den Müll schon rausgebracht. Beide Kinder waren als mitreisende Personen angegeben. Das ist alles nicht selbstverständlich. Es sind nette Gäste, und ein bißchen Schwund ist immer.

Nein, bitte, er möchte die Lampe ersetzen, ich solle einen Preis nennen. Ach was, das ist nicht nötig.

Der Mann blickt hilfesuchend zu seiner Frau. Sie steht gerade mit einer Plastikverpackung vor den vier Mülltüten, die sie am Zaun aufgereiht hat und überlegt. Mülltrennung ist sehr deutsch und gehört wahrscheinlich zum Urlaubserlebnis.

Die Gäste sind Europäer. Die Eltern kommen aus Osteuropa, ihr Englisch kann ich gut verstehen. Die Kinder sind in England aufgewachsen, ihr englisch klingt sehr britisch. Die Familie hat sich hier mit Freunden zum Ski fahren getroffen, die in Frankreich und Skandinavien leben. Mit der Frau habe ich mich diese Woche schon mal sehr nett unterhalten.

Sie kommt dazu und bittet mich ebenfalls, die Lampe bezahlen zu dürfen. Ich glaube, es geht hier nicht wirklich um Geld. Es ist ihnen irgendwie ein Bedürfnis den Schaden zu beheben.

Na gut, wenn sie unbedingt wollen, dann könnten sie mir 10 Euro geben, entscheide ich. Die Frau lächelt und drückt mir 20 Euro in die Hand. Nee, nee, ich hole Wechselgeld.

Als ich ihr das Wechselgeld gebe bedankt sie sich, und kommt ins erzählen. Letzen Herbst habe es Probleme gegeben, bei ihnen im Viertel. Sie zögert kurz. Mit Zigeunern. Die hatten auf einer Grünfläche ein wildes Camp errichtet. Es war ziemlich chaotisch, viel Müll und die Bewohner des Camps hätten gepöbelt und auch geklaut. Da es Osteuropäer waren, ist die Familie schnell in den selben Topf geworfen worden. Natürlich könne man den Ärger der Anwohner verstehen, aber – ihre eigenen Kinder hatten irgendwann Angst auf die Straße zu gehen. Es war nicht schön.

Mir wird einiges klar. Ich hatte noch nie Probleme mit Gästen aus Osteuropa, erzähle ich ihr. Eher im Gegenteil, sie hinterlassen alles besonders ordentlich, wenn ich darüber nachdenke. Mit einem Lächeln weise ich auf die säuberlich arrangierten Mülltüten. Vielleicht ist das der Grund. Naja, sagt der Mann, man bemühe sich.

Sie sollen sich keine Sorgen machen, sage ich den beiden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass jede Nation ihre Idioten hat. Deutsche verstehen das, die meisten jedenfalls.
Der Mann lächelt, er schüttelt mir zum Abschied die Hand und bedankt sich ganz herzlich für die Gastfreundschaft. Als sie schon am Auto sind dreht er sich nochmal um: „Und wenn ihr mal im Winter nach London wollt,“ ruft er mir zu, „meldet euch, dann können wir Wohnungen tauschen“. „Das ist eine gute Idee“, rufe ich zurück. Alle winken fröhlich.

Erst als sie um die Kurve fahren fällt mir auf – niemand hat auch nur ein Wort über den Brexit verloren.