Donnerstag morgen

Es ist kurz nach sechs. Ich mache den Wecker aus, bevor er klingelt und klettere so leise wie es eben geht vom Hochbett. Der Liebste hat im Laufe der Nacht alle Mahlzeiten des letzten Quartals wieder von sich gegeben. Deshalb bin ich kurzfristig umgezogen. “ Der Soldat hat die Pflicht zur Gesunderhaltung „.

Anziehen, Zähne putzen, Haare kämmen, Spülmaschine einräumen und anstellen, Kaffee aufsetzen, Waschmaschine befüllen und anstellen – das läuft alles im Autopilot, dafür muss ich nicht wach sein. Das werde ich erst, als ich die Kalender-Klammer einen Tag weiter schiebe. Oh shit! In der Spalte für heute steht ein Termin beim Kieferorthopäden für 8 Uhr. Irgendwie hatte ich den nicht mehr im Kopf.

Ich informiere das Märzkind, das der Termin heute ist. Das wäre jetzt aber blöd, weil sie nämlich ab der dritten Stunde eine Exkursion in das Freibad der Nachbargemeinde machen würden, um da ein Interview zu führen mit irgendwem, das soll in die Zeitung. Das weiß sie selber erst seit gestern.

Der Termin steht schon länger fest.Die Entschuldigung für heute hat sie schon vor den Osterferien eingereicht, beruhige ich sie. Die wissen bescheid. Ist kein Problem, ich bringe sie danach da vorbei.

In den nächsten 20 Minuten schreibe ich einen Zettel für das ebenfalls kranke Julikind, und bereite ein ganz kleines Frühstück vor, dem Liebsten stelle ich eine frische Kanne Tee ans Bett. Kämme mir richtig die Haare und kümmere mich kurz um mein Gesicht, packe zwei Brotdosen und fülle Kaffee in den sauteuren Gutmenschen-Thermobecher, der schon lange ungenutzt in der Schublade steht.

Das Maikind fragt irritiert, ob er denn der einzige sei, der jetzt zur Schule müsse. Ja, das hat sich so ergeben. Ich verabschiede ihn.

Dann mache ich mit dem Märzkind auf den Weg. Ausser uns ist noch niemand im Wartezimmer, also könnte ich jetzt einen Hausarzttermin für den Liebsten klar machen, wegen Krankmeldung. Als ich meine Tasche öffne riecht es angenehm nach Kaffee. Shit! Jetzt ist mir klar, warum diesen Becher niemand benutzt. Zum Glück habe ich mein Handy im Auto vergessen.

Eine dreiviertel Stunde später sind wir schon fertig. Dann kann das Märzkind ja eigentlich noch von der Schule aus an der Exkursion teilnehmen. Wir machen uns also auf den Weg Richtung Schule. Unterwegs fällt ihr ein, dass noch ein Muttizettel unterschrieben werden muss. Das erledige ich schnell auf dem Parkplatz. Das Märzkind glaubt jetzt, nach einem Blick aufs Handy, dass die Klasse doch schon unterwegs ist und wir direkt zum Freibad sollen. Oh mann, dann hätten wir doch gleich…

Sie liest den Muttizettel nochmal durch. Als wir gerade aus dem Ort rausfahren, sieht es dann wieder so aus, als wäre der Start doch erst nach der zweiten Stunde, also gleich, von der Schule aus. Ich wende.

Ich warte auf dem Parkplatz, wenn sie in 10 Minuten nicht wieder da ist, kann ich fahren. Ich trinke den im Becher verbliebenen Schluck Kaffee. Nach etwa 9 Minuten wird die Beifahrertür geöffnet. „Also im Klassenraum ist niemand, im Fachraum ist niemand in der Cafeteria ist niemand und das Sekretatriat ist abgeschlossen.“ Dann werden die wohl unterwegs sein.

Wir machen uns erneut auf den Weg in das Freibad der Nachbargemeinde. Als wir dort ankommen ist es halb 10 und keine Schulklasse in Sicht. Die Tür ist allerdings auf. Wir gehen einfach mal rein und fragen. Ja, da sei eine Schulklasse dieser Schule angemeldet, für 11 Uhr. Wir wundern uns.

Ich rufe im Sekretariat an. Ja, das die 8ten Klassen heute dahin wollten sei bekannt, aber wann??? das nun wirklich nicht. Ich bemängele die Kommunikation. Wenn man weiß, dass einige Schüler der betroffenen Klassen zum Austausch weg sind, dann könne man doch vielleicht, die in der Zwischenzeit anfallende Elternkommunikation einem Geschwisterkind mitgeben oder per mail schicken, schlage ich vor.

Oh, da müsse Sie mich aber direkt unterbrechen, sagt die nette Dame am Telefon. Solche Sachen würden öfter bei ihr landen. Diese Art der Kommunikation hätte aber mit dem Sekretariat gaaaar nichts zu tun. Punkt. Das laufe alles direkt über die Klassen oder Fachlehrer. Wenn sie meine Beschwerde jetzt weiterleiten würde, dann nähmen die Lehrer das zur Kenntnis und weiter nichts.

Auf der Einverständiserklärung ist tatsächlich eine private Festnetztelefonnummer und eine Mailadresse der Fachlehrerin angegeben. Und das Datum von letzter Woche Mittwoch. Diese Art der Kommunikation ist für mich mittlerweile sehr zeitaufwändig und zermürbend sinnfrei geworden. Es ist das dritte Mal in zwei Wochen, dass mich wichtige Post verspätet erreicht. Meine Zündschnur wird merklich kürzer. Die Dame findet noch für mich heraus, dass die Klasse im Klassenraum hätte sein müssen. Vermutlich sind sie dann bereits auf dem Weg. Wir fahren zum örtlichen Backshop und kaufen Käsebrezeln.

Kurz darauf bekommt das Märzkind Nachricht von einer Freundin. Die Klasse sei unterwegs. Da sie mit den öffentlichen fahren (um keine Reisekosten zu erzeugen, was an sich ja eine super Sache ist) brauchen sie für eine Strecke von etwa 15 km etwas mehr als eine Stunde. Also ist 11 Uhr realistisch.

Ich bringe das Märzkind zurück zum Freibad. Die Sonne scheint, auf dem angrenzenden Sportplatz übt eine Gruppe Grundschüler für die Bundesjugendspiele, das Handy hat genug Akku, da kann ich sie ruhig alleine lassen.

Zu Hause liegt ein nicht mehr ganz so krankes Märzkind schon auf dem Sofa. Das Frühstück sei noch drin, berichtet sie. Der Liebste ist leider schlechter dran.

Spülmaschine ausräumen, Waschmaschine leeren und neu starten. Beim Wäsche aufhängen überkommt mich das Bedürfnis, diesen langen Tag mit einem Glas Rotwein gemütlich ausklingen zu lassen.

Stattdessen koche ich mir nochmal einen Kaffee. Den trinke ich auf der Treppe vor dem Haus in der Sonne, ganz in Ruhe. „Coffee to go“ ist eine Illusion.

Hat es früher nicht gegeben

Osterkaffee findet im Garten statt, dieses Jahr. Kaum zu glauben, dass es letzte Woche noch geschneit hat.

Die Kleinen sind auf den Spielplatz im Ort verschwunden, die Großen sind an einen Tisch zusammengerückt und genießen die plötzliche Stille.

Es ist doch wirklich schön hier.

„Ja, das ist wahr“, sagt Käthe, „aber es wäre auch schön, wenn sie dafür nicht ihr Nachmittagsnickerchen hätte weglassen müssen.“

Das ist heute aber nun mal so, morgen müssen alle wieder arbeiten, da kann sie zwischen 9 und 17 Uhr so viele Nickerchen machen wie sie möchte, wird ihr gesagt.

Käthe braucht Hilfe im Alltag. Eine Schwägerin ist Alltagsbegleiterin und besucht sie auch beruflich. Eine win/win Situation.

Die Schwägerin erzählt, letzte Woche, kurz nachdem sie im Haus angekommen sei, hat sie von oben ein Rufen gehört: “ Hilfe! Hilfe! Hilfe!“ Da hat sie natürlich alles stehen und liegen gelassen und ist gerannt. Käthe saß im Sessel, mit der Fernbedienung in der Hand, und der Fernseher wollte nicht. Das Problem war schnell gelöst und die Schwägerin ist wieder hauswirtschaften gegangen. Nach etwa einer Stunde kam wieder ein Rufen, leiser, weniger dringend. „Hallooo? Halloooo?“ Da hat sie kurz noch was eingeräumt und ist nach oben. Käthe lag mittem im Zimmer auf dem Boden.

Rund um den Tisch sieht man grinsende Gesichter, fast alle schütteln mit dem Kopf.

“ Das ist nicht witzig,“ sagt Käthe „wenn man so auf dem Boden liegt und gar nicht mehr hochkommt. Das ist blöd. Ich bin ja nun schon öfter hingefallen, aber das man dann nicht mehr hochkommt, nicht mal, wenn man eine Weile wartet, das hat es früher nicht gegeben. Wenn euch mal sowas passiert, dann denkt mal an mich.“

Fußballverletzungen, Hexenschüsse, Wehen… die meisten von uns kennen das Gefühl. Wir geben ihr Recht, das ist wirklich blöd.

Wo wir gerade von „nicht wieder hochkommen“ sprechen fällt mir ein, dass ich gleich noch mit der Omma auf den Friedhof soll. Ob wir denn vorher da vorbei fahren wollen, und schon mal zwei Kannen voll Wasser nach unten schleppen, scherzt der Liebste. Das würde nichts ändern, vermute ich.

Der Friedhof bei uns ist sehr steil, erkläre ich Käthe, die neben mir sitzt. Die Omma ist nicht mehr so gut zu Fuss und braucht auf diesem Gelände ihre Krücke. Sie besteht aber darauf, eine Gießkanne selber zu tragen. Ich nehme dann also die andere Kanne in eine Hand und habe die Omma samt Gießkanne am Arm. Es ist kompliziert.

„Dann musste mal ein Machtwort sprechen“, sagt Käthe. So würde es ihre Tochter immer machen. „Das hab ich schon probiert, es nützt aber nichts. Weißt du, ich bin ja schon die Enkeltochter, auf mich hört sie nicht so.“ „Tja“, erwidert Käthe, „man weiß nicht, wie wir mal werden, wenn wir alt sind.“ „Da hast du Recht, das kann man nicht wissen“, sage ich, und meine es ernst.

Neben mir muss eine Serviette ganz schnell vom Boden aufgehoben werden. Gegenüber nimmt jemand einen Schluck Kaffee, ein anderer hält sich das Handy vors Gesicht – bloß jetzt nicht lachen.

In dieser Runde ist Käthe die Omma. Vor drei Wochen ist sie 99 geworden. Der lebende Beweis dafür, dass Jahre keine gute Masseinheit für Alter sind.

Ach was, den Strohhut muss ihr nicht extra jemand holen, sie leiht sich die Kappe aus. Als alle die Fotoapparate auf sie richten, macht sie sich dann doch lieber unkenntlich.


Hau ruck und zack

Manchmal läufts.

Mit zwei Tabletts voll Kaffee und Torte suchen wir uns einen freien Tisch im Cafe des Modehauses. Guter Filterkaffee, aus einer Pumpkanne hinterm Tresen für mich frisch gepresst. Nicht so ein erbärmliches Gesöff aus einer 20000 Euro Kaffeemaschine, die leider niemand bedienen kann.

Wir feiern die zwei vollen Einkaufstüten, die neben uns auf der Bank stehen.
Eigentlich wollte ich nur schauen, ob das Märzkind und die Patentante schon was gefunden haben. Im Mai ist Konfirmation und dafür wird ein ganz besonderes outfit gebraucht.

Siehe da, als ich ankam hatten sie tatsächlich was gefunden. Ein Knallerkleid. Damit war der Rahmen gesteckt und nichts in meinem Kleiderschrank ist auch nur annähernd festlich. Aber mit Beratung einer sehr netten Verkäuferin ist dieses Problem bereits gelöst.

Dass es mich erleichtert, zu wissen, was ich auf einer Feier in einem knappen halben Jahr anziehen werden, hätte ich gar nicht gedacht. Es fühlt sich immernoch so an, als hätten wir viel Zeit. Die Probleme der Konfirmationsmütter-Kolleginnen sind da schon viel konkreter, als meine.

„Wieso, was haben die denn?“ möchte die Patentante wissen.

Naja, eine hat zum Beispiel letzte Woche rausgefunden, dass das gebuchte Restaurant keine Rampe hat. Jetzt hat sie keine Ahnung, wie sie die Oma im Rollstuhl da reinbekommen soll.

„Hä, was soll das denn bitte für ein Problem sein? Da fassen zwei Leute vorne an, zwei hinten dann hauruckundzack-drin-isse-de-Omma“, meint die Patentante. Ich sehe das genauso, auch auf unserer Feier wird ein Rollstuhl über die Schwelle müssen.

Die Patentante grinst. “ Weißte noch? An deiner Konfirmation? Der Wasserrohrbruch?“ Oh ja, daran erinnere ich mich. Der wunderschön gedeckte Tisch, das „Kaffee/Torten/Schnittchenteam“ schon im Einsatz und auf einmal lief Wasser die Wand runter, aber so richtig. Der Oppa raus aus dem Sakko und mit der Rohrzange in den Keller. Dann aufgeregtes Gemurmel und hin und her im ganzen Haus, schließlich die spürbare Erleichterung, als der Oppa verkündete “ wenn einer auf`n Pott muss, das geht“.

Jede nimmt einen Bissen Kuchen und einen kurzen Moment gedenken wir dem Oppa. „Oder, weißte noch, wie die Omma den Kuchen aus dem Keller geholt hat und der Hund stand auf der Treppe? Das muss Brüderchens Konfirmation gewesen sein, oder?“ Ja, muss, aber ich erinnere mich nicht. „Na, die Omma kam mit der Torte die Kellertreppe hoch, sie hatte nicht bemerkt, dass der Hund ihr gefolgt war und hat sich natürlich erschreckt. Durch die dabei enstandene Erschütterung, ist die Torte von der Platte auf den Hund gerutscht. Der hat nur doof geguckt, sich einmal über die Nase geleckt, ist die Treppe hoch und hat sich auf dem Flur, unter der Garderobe kräftig geschüttelt. Darauf folgte ein Stimmungstief, kann man sagen.“ Wir lachen, aber: „Ich glaube, wenn sowas passiert, dann muss ich heulen“, gebe ich zu.

„Ach was“, sagt die Patentante, „so erinnert man sich wenigstens an was. Über perfekte Feiern redet doch kein Mensch mehr.“