Tag 41 bis 45, hat Ihnen diese Information weitergeholfen?

Samstag morgen, kurz nach acht. Der Liebste und ich sitzen am Esstisch, der noch kein Frühstückstisch ist. Es wäre die Gelegenheit, mal ein normales Gespräch zu führen. Aber, wir sind zu müde. Erstmal Kaffee. Nach dem ersten Kaffee werden kurze Sätze möglich. Der Alltag macht uns fertig, stellen wir fest.

Dass das Julikind am Montag wieder zur Schule hätte gehen sollen, hat zwar allen ein komisches Gefühl gegeben, es war aber auch eine Perspektive. Das ist uns erst aufgefallen, als es abgesagt wurde. Im Klartext bedeutet dass, es wird vor den Sommerferien keine Normalität mehr geben. Die Kinder sind da schon selbst drauf gekommen. Das ihnen das niemand offiziell mal sagt, macht es nicht besser. Die Osterferien waren nicht wahrnehmbar, vor lauter Hausaufgaben, ein Wochenende hatten wir auch schon lange nicht. Die home office Mütter sprechen da immernoch von „einer Herausforderung, die eine Umstrukturierung des Alltags erfordert“. Ich persönlich neige allmählich dazu, die Situation als suboptimal zu bezeichnen, möchte aber nicht die erste sein, die jammert. Das macht müde.

Der Liebste managt auf der Arbeit das Abwasser. Der Betrieb entnimmt Wasser aus einem Flüsschen und leitet es ein paar Meter weiter wieder ein. Da gibt es strenge Auflagen, die zu erfüllen die meiste Zeit kein Problem ist. Im Moment hat das Flüsschen aber so wenig Wasser, dass alles ganz genau kontrolliert und dokumentiert werden muss, ständig. Schlimmstenfalls muss dann ein Anruf getätigt werden, „Maschine stopp“. Das war im letzten Sommer schon anstrengend, als man sich noch mit Kollegen austauschen konnte. Dürre und Pandemie macht müde.

Nach und nach tauchen die Kinder zum frühstücken auf. Heute hat niemand Lust, über Hausaufgaben zu reden, jeder pickt sich seine Aufgaben aus der Haus- und Hoftag-Liste. Wenn fünf Personen gleichzeitig Präsenz-hausarbeiten stellen sich schnell vorher/nachher Effekte ein. Das tut gut.

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Am Sonntag Rückenschmerzen des Todes beim Liebsten.

Die Tante und wie-ein-Onkel kommen auf ihrer Fahrradtour bei uns vorbei. Wir trinken einen distanzierten Kaffee. Abstandsregeln können in unserem Esszimmer eingehalten werde, es fühlt sich seltsam an.

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Montag morgen möchte ich einen Anruf tätigen, über Festnetz, weil in unserem Haus der Mobilfunkempfang schlecht ist. Kein tuut. Vielleicht haben die geschlossen? Ein Blick ins Internet, ähm, ich bin offline? Router ausschalten, Router einschalten, immernoch offline. Eine halbe Stunde vor Beginn des online Unterrichtes ist das nicht gut. Ich gehe also vors Haus und rufe die Störungsstelle an. Während ich mich durch das Menü klicke, kommt das Märzkind dazu, sie ist offline, weiß ich doch, bin dran. Sie setzt sich auf die Treppe und amüsiert sich über meine Unterhaltung mit dem Algorithmus. Nach einigen Minuten erfahren wir:

„Ihr Anschluss ist von einer Störung betroffen, wir arbeiten bereits an diesem Problem. Hat Ihnen diese Information weitergeholfen?“

“ N E I N!!“, sage ich sehr laut und sehr deutlich. Das Märzkind guckt irritiert, normalerweise bin ich nett am Telefon. Na gut, ein bisschen hat es geholfen, ich muss jetzt nicht panisch nach dem Fehler suchen. Allerdings kann ich auch sonst nichts.

Sind Sie gerade so richtig angepisst, drücken Sie die 2.

Möchten Sie uns Kraftausdrücke Ihrer Wahl aufs Band sprechen, drücken Sie die 3.

Möchten Sie sich unter die Kellertreppe setzen und heulen, drücken Sie die 4

Möchten Sie ein Glas Rotwein und eine Schachtel Pralinen dazu, drücken Sie die 5

Ich hätte gerne eine Wahlmöglichkeit, aber der Algorithmus hat das „Gespräch“ schon beendet.

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„Hä? Haben wir jetzt kein Internet? Wie lange denn? Dann kann ich nicht in den online Unterricht?“

„Nö. Keine Ahnung. Nö. Hat Ihnen diese Information weitergeholfen?“

Wir lachen, noch.

Dann schreibt sie ihrer Freundin schnell ne Whatsapp, dass die Bescheid sagt. Whatsapp läuft über WLAN. Ah so, dann ne Email. Für Emails braucht man Internet. Stimmt. Dann ruft sie halt an. Festnetz geht nicht. Das Märzkind geht an die Stelle, an der mobil telefonieren möglich.

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Zusammenfassend kann ich sagen, dass keine Schule und keine Freizeitaktivitäten und keine Freunde treffen und kein Internet selbst für die tapfersten Kinder der Welt zu viel ist.

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Auf nichts davon Einfluss nehmen zu können ist schwer fürs Mutterherz.

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Dienstag Mittag gegen halb eins ist die Störung behoben. Die Erleichterung ist sofort spürbar. Es dauert eine ganze Weile, bis sich das Chaos sortiert, aber die Freunde können jetzt wieder helfen.

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Das Mutterherz braucht den ganzen Mittwoch zur Regeneration. Aus Erschöpfung wird wieder Müdigkeit. Es geht bergauf.

Tag 16 bis 19

Rehe, nicht mal hundert Meter von der Bushaltestelle weg. An einem Dienstag morgen um halb acht.

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Den Arm voller Backwaren klopfe ich an die Haustür und warte vergebens. Die schlafen alle noch. Offensichtlich habe ich mich dran gewöhnt, dass immer jemand zu Hause ist. Als der Brotwagen hupte hab ich die Tür einfach so hinter mir zugezogen.

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Mein Alltag hat sich, mal abgesehen von den Bergen an Hausaufgaben, und Distanz zu Großeltern, eigentlich wenig geändert. Dass Kinos, Restaurants und Geschäfte geschlossen sind, fällt nicht weiter auf. Auch im Bekanntenkreis wird relativ normal weiter gearbeitet. Vermutlich, weil der Bekanntenkreis einer Familie, die sich rund um ein Vierschichtsystem organisieren muss irgendwann nur noch aus Leuten im öffentlichen Dienst, Pflegenden, Außendienstlern und Feuerwehrleuten besteht.

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Ich habe 10 Wassergläser in einen Karton gepackt und in den Keller gebracht. Wir haben anscheind mehr Gläser, als in den Schrank passen. Unter normalen Bedingungen stehen ja immer welche in der Spülmaschine, da fällt das nicht auf. Seit zwei Wochen kein Besuch, ich weiß nicht, ob es das schon je gegeben hat.

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Glockengeläut um 19.30 Uhr ist ungewöhnlich. Eigentlich läutet es abends um 18 Uhr. Am ersten Tag nach der Zeitumstellung ist es gar nicht richtig aufgefallen. Am zweiten Tag haben wir uns gewundert und sind davon ausgegangen, dass bei der Uhrumstellung wohl etwas schief gelaufen ist, kann ja passieren. Am dritten Tag frage ich bei einem engagierten Kirchenmitglied nach. Es handele sich dabei um eine Aktion der Landeskirche, erfahre ich. Man habe so die Möglichkeit der persönlichen Andacht, weil ja keine Gottesdienste sind. Ah so.

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Kaffee getrunken mit dem Pfarrer. Nicht in echt natürlich. Über die Whatsapp Gruppe der Alten Herren kam der Link zur persönlichen Andacht. War so unterhaltsam, das wir direkt einen ganzen Kaffee lang andächtig waren.

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Mit der Omma telefoniert.

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Den Computer fernwarten lassen. Er ist in aller Stille von uns gegangen. Ich hatte es geahnt.

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Ich war anwesend als Star wars lief und habe fast den ganzen Film gesehen.

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Der Liebste bräuchte zwei neue Sommerreifen, wenn er dann sowieso ins Städtchen muss, kann er ja auch einkaufen. Jeder möge intensiv nachdenken, es findet nur ein Einkauf statt diese Woche. Eine Gesichtsmaske (Kosmetikbedarf) wird gewünscht und frische Schnittblumen. Der Liebste zieht die Stirn kraus und guckt fragend. „Blumen machen das Leben fröhlich“, sagt das Julikind zwischen zwei Löffeln Cornflakes. Noch vor drei Wochen wäre dieser Wunsch mit „Du hast wohl n Vogel“ oder etwas ähnlichem kommentiert worden. Aber das ist lange her.

*Werbung, weil Markennamen erkennbar

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Ein Kapitän steht auf der Brücke seines Schiffes. Das Schiff ist 40m hoch. Der Erdradius beträgt sechstausendachthundertdrölfizig km. Wie weit kann der Kapitän gucken?

Herausforderung angenommen.

Es ist Mathe, also kann man wohl getrost davon ausgehen, dass die aktuellen Wetterbedingungen und mögliche Verunreinigungen im Frontscheibenbereich, durch beispielsweise Seevogelkot nicht von Bedeutung sind. Es wird irgendwas mit Pythagoras sein. Man bräuchte einen rechten Winkel. Ich suche im Speicher nach einer Hirnwindung aus den späten neunziger Jahren. Irgendwas muss doch da noch sein.

Skizze, nicht Maßstabsgetreu

Der visualisierte kleine Kapitän in meinem Kopf trägt plötzlich ein Superheldenkostüm und beginnt zu rappen: “ This looks like a job for me, so everybody just follow me, we need a little contreversy, cause it feels so empty without me. La la la laa la, la la la laa laa, la la la laaaa…“ Ich nehme mir vor, mal zu googln, was Marshal Mathers jetzt beruflich macht. Zeitlich war diese Hirnwindung dicht dran, thematisch, ach, machen wir uns nichts vor.

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Das Märzkind telefoniert mit der Mathelehrerin. Old school, das funktioniert gut.

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Für ein Lesetagebuch soll ein Elfchen über die Hauptperson der Lektüre geschrieben werden.

„Was ist denn ein Elfchen?“ frage ich in die Runde.

„Zwei kleine Einsen nebeneinander?“ schlägt das Maikind vor.

„Nee, das sind so Worte, so untereinander“ erklärt mir das Julikind.

Onlinerecherche ergibt, das es sich bei einem Elfchen um eine pädagogisch wertvolle Wortspielerei handelt, die am Ende aus elf Worten besteht. In Zeile eins steht ein Wort, in der zweiten Zeile zwei… Mehrere Elfchen ergeben quasi als Strophen sowas wie ein Gedicht. Ist klar.

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Käptn

Guckst du

Licht am Horizont

Unberechenbar ist die Weite

Ferienbeginn?

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Ich glaube, die lernen auch viel Quatsch in der Schule.

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Das Radioprojekt der Grundschule kann in einer digitalisierten Version doch stattfinden. Das Julikind hatte Spaß bei der Umsetzung. So könnte digitales Lernen gehen.

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Mit warmen Worten und lieben Wünschen verabschieden uns die Klassenlehrer in diese seltsamen Ferien. Wenn man ehrlich ist klang es nicht so, als würde es danach anders werden. Aber, bis hierher haben wir es geschafft.

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Ab morgen wird nicht um neun geweckt und man darf in Jogginghose rumlaufen. Die Duschpflicht alle zwei Tage bleibt bestehen.

Donnerstag morgen

Es ist kurz nach sechs. Ich mache den Wecker aus, bevor er klingelt und klettere so leise wie es eben geht vom Hochbett. Der Liebste hat im Laufe der Nacht alle Mahlzeiten des letzten Quartals wieder von sich gegeben. Deshalb bin ich kurzfristig umgezogen. “ Der Soldat hat die Pflicht zur Gesunderhaltung „.

Anziehen, Zähne putzen, Haare kämmen, Spülmaschine einräumen und anstellen, Kaffee aufsetzen, Waschmaschine befüllen und anstellen – das läuft alles im Autopilot, dafür muss ich nicht wach sein. Das werde ich erst, als ich die Kalender-Klammer einen Tag weiter schiebe. Oh shit! In der Spalte für heute steht ein Termin beim Kieferorthopäden für 8 Uhr. Irgendwie hatte ich den nicht mehr im Kopf.

Ich informiere das Märzkind, das der Termin heute ist. Das wäre jetzt aber blöd, weil sie nämlich ab der dritten Stunde eine Exkursion in das Freibad der Nachbargemeinde machen würden, um da ein Interview zu führen mit irgendwem, das soll in die Zeitung. Das weiß sie selber erst seit gestern.

Der Termin steht schon länger fest.Die Entschuldigung für heute hat sie schon vor den Osterferien eingereicht, beruhige ich sie. Die wissen bescheid. Ist kein Problem, ich bringe sie danach da vorbei.

In den nächsten 20 Minuten schreibe ich einen Zettel für das ebenfalls kranke Julikind, und bereite ein ganz kleines Frühstück vor, dem Liebsten stelle ich eine frische Kanne Tee ans Bett. Kämme mir richtig die Haare und kümmere mich kurz um mein Gesicht, packe zwei Brotdosen und fülle Kaffee in den sauteuren Gutmenschen-Thermobecher, der schon lange ungenutzt in der Schublade steht.

Das Maikind fragt irritiert, ob er denn der einzige sei, der jetzt zur Schule müsse. Ja, das hat sich so ergeben. Ich verabschiede ihn.

Dann mache ich mit dem Märzkind auf den Weg. Ausser uns ist noch niemand im Wartezimmer, also könnte ich jetzt einen Hausarzttermin für den Liebsten klar machen, wegen Krankmeldung. Als ich meine Tasche öffne riecht es angenehm nach Kaffee. Shit! Jetzt ist mir klar, warum diesen Becher niemand benutzt. Zum Glück habe ich mein Handy im Auto vergessen.

Eine dreiviertel Stunde später sind wir schon fertig. Dann kann das Märzkind ja eigentlich noch von der Schule aus an der Exkursion teilnehmen. Wir machen uns also auf den Weg Richtung Schule. Unterwegs fällt ihr ein, dass noch ein Muttizettel unterschrieben werden muss. Das erledige ich schnell auf dem Parkplatz. Das Märzkind glaubt jetzt, nach einem Blick aufs Handy, dass die Klasse doch schon unterwegs ist und wir direkt zum Freibad sollen. Oh mann, dann hätten wir doch gleich…

Sie liest den Muttizettel nochmal durch. Als wir gerade aus dem Ort rausfahren, sieht es dann wieder so aus, als wäre der Start doch erst nach der zweiten Stunde, also gleich, von der Schule aus. Ich wende.

Ich warte auf dem Parkplatz, wenn sie in 10 Minuten nicht wieder da ist, kann ich fahren. Ich trinke den im Becher verbliebenen Schluck Kaffee. Nach etwa 9 Minuten wird die Beifahrertür geöffnet. „Also im Klassenraum ist niemand, im Fachraum ist niemand in der Cafeteria ist niemand und das Sekretatriat ist abgeschlossen.“ Dann werden die wohl unterwegs sein.

Wir machen uns erneut auf den Weg in das Freibad der Nachbargemeinde. Als wir dort ankommen ist es halb 10 und keine Schulklasse in Sicht. Die Tür ist allerdings auf. Wir gehen einfach mal rein und fragen. Ja, da sei eine Schulklasse dieser Schule angemeldet, für 11 Uhr. Wir wundern uns.

Ich rufe im Sekretariat an. Ja, das die 8ten Klassen heute dahin wollten sei bekannt, aber wann??? das nun wirklich nicht. Ich bemängele die Kommunikation. Wenn man weiß, dass einige Schüler der betroffenen Klassen zum Austausch weg sind, dann könne man doch vielleicht, die in der Zwischenzeit anfallende Elternkommunikation einem Geschwisterkind mitgeben oder per mail schicken, schlage ich vor.

Oh, da müsse Sie mich aber direkt unterbrechen, sagt die nette Dame am Telefon. Solche Sachen würden öfter bei ihr landen. Diese Art der Kommunikation hätte aber mit dem Sekretariat gaaaar nichts zu tun. Punkt. Das laufe alles direkt über die Klassen oder Fachlehrer. Wenn sie meine Beschwerde jetzt weiterleiten würde, dann nähmen die Lehrer das zur Kenntnis und weiter nichts.

Auf der Einverständiserklärung ist tatsächlich eine private Festnetztelefonnummer und eine Mailadresse der Fachlehrerin angegeben. Und das Datum von letzter Woche Mittwoch. Diese Art der Kommunikation ist für mich mittlerweile sehr zeitaufwändig und zermürbend sinnfrei geworden. Es ist das dritte Mal in zwei Wochen, dass mich wichtige Post verspätet erreicht. Meine Zündschnur wird merklich kürzer. Die Dame findet noch für mich heraus, dass die Klasse im Klassenraum hätte sein müssen. Vermutlich sind sie dann bereits auf dem Weg. Wir fahren zum örtlichen Backshop und kaufen Käsebrezeln.

Kurz darauf bekommt das Märzkind Nachricht von einer Freundin. Die Klasse sei unterwegs. Da sie mit den öffentlichen fahren (um keine Reisekosten zu erzeugen, was an sich ja eine super Sache ist) brauchen sie für eine Strecke von etwa 15 km etwas mehr als eine Stunde. Also ist 11 Uhr realistisch.

Ich bringe das Märzkind zurück zum Freibad. Die Sonne scheint, auf dem angrenzenden Sportplatz übt eine Gruppe Grundschüler für die Bundesjugendspiele, das Handy hat genug Akku, da kann ich sie ruhig alleine lassen.

Zu Hause liegt ein nicht mehr ganz so krankes Märzkind schon auf dem Sofa. Das Frühstück sei noch drin, berichtet sie. Der Liebste ist leider schlechter dran.

Spülmaschine ausräumen, Waschmaschine leeren und neu starten. Beim Wäsche aufhängen überkommt mich das Bedürfnis, diesen langen Tag mit einem Glas Rotwein gemütlich ausklingen zu lassen.

Stattdessen koche ich mir nochmal einen Kaffee. Den trinke ich auf der Treppe vor dem Haus in der Sonne, ganz in Ruhe. „Coffee to go“ ist eine Illusion.

Hat es früher nicht gegeben

Osterkaffee findet im Garten statt, dieses Jahr. Kaum zu glauben, dass es letzte Woche noch geschneit hat.

Die Kleinen sind auf den Spielplatz im Ort verschwunden, die Großen sind an einen Tisch zusammengerückt und genießen die plötzliche Stille.

Es ist doch wirklich schön hier.

„Ja, das ist wahr“, sagt Käthe, „aber es wäre auch schön, wenn sie dafür nicht ihr Nachmittagsnickerchen hätte weglassen müssen.“

Das ist heute aber nun mal so, morgen müssen alle wieder arbeiten, da kann sie zwischen 9 und 17 Uhr so viele Nickerchen machen wie sie möchte, wird ihr gesagt.

Käthe braucht Hilfe im Alltag. Eine Schwägerin ist Alltagsbegleiterin und besucht sie auch beruflich. Eine win/win Situation.

Die Schwägerin erzählt, letzte Woche, kurz nachdem sie im Haus angekommen sei, hat sie von oben ein Rufen gehört: “ Hilfe! Hilfe! Hilfe!“ Da hat sie natürlich alles stehen und liegen gelassen und ist gerannt. Käthe saß im Sessel, mit der Fernbedienung in der Hand, und der Fernseher wollte nicht. Das Problem war schnell gelöst und die Schwägerin ist wieder hauswirtschaften gegangen. Nach etwa einer Stunde kam wieder ein Rufen, leiser, weniger dringend. „Hallooo? Halloooo?“ Da hat sie kurz noch was eingeräumt und ist nach oben. Käthe lag mittem im Zimmer auf dem Boden.

Rund um den Tisch sieht man grinsende Gesichter, fast alle schütteln mit dem Kopf.

“ Das ist nicht witzig,“ sagt Käthe „wenn man so auf dem Boden liegt und gar nicht mehr hochkommt. Das ist blöd. Ich bin ja nun schon öfter hingefallen, aber das man dann nicht mehr hochkommt, nicht mal, wenn man eine Weile wartet, das hat es früher nicht gegeben. Wenn euch mal sowas passiert, dann denkt mal an mich.“

Fußballverletzungen, Hexenschüsse, Wehen… die meisten von uns kennen das Gefühl. Wir geben ihr Recht, das ist wirklich blöd.

Wo wir gerade von „nicht wieder hochkommen“ sprechen fällt mir ein, dass ich gleich noch mit der Omma auf den Friedhof soll. Ob wir denn vorher da vorbei fahren wollen, und schon mal zwei Kannen voll Wasser nach unten schleppen, scherzt der Liebste. Das würde nichts ändern, vermute ich.

Der Friedhof bei uns ist sehr steil, erkläre ich Käthe, die neben mir sitzt. Die Omma ist nicht mehr so gut zu Fuss und braucht auf diesem Gelände ihre Krücke. Sie besteht aber darauf, eine Gießkanne selber zu tragen. Ich nehme dann also die andere Kanne in eine Hand und habe die Omma samt Gießkanne am Arm. Es ist kompliziert.

„Dann musste mal ein Machtwort sprechen“, sagt Käthe. So würde es ihre Tochter immer machen. „Das hab ich schon probiert, es nützt aber nichts. Weißt du, ich bin ja schon die Enkeltochter, auf mich hört sie nicht so.“ „Tja“, erwidert Käthe, „man weiß nicht, wie wir mal werden, wenn wir alt sind.“ „Da hast du Recht, das kann man nicht wissen“, sage ich, und meine es ernst.

Neben mir muss eine Serviette ganz schnell vom Boden aufgehoben werden. Gegenüber nimmt jemand einen Schluck Kaffee, ein anderer hält sich das Handy vors Gesicht – bloß jetzt nicht lachen.

In dieser Runde ist Käthe die Omma. Vor drei Wochen ist sie 99 geworden. Der lebende Beweis dafür, dass Jahre keine gute Masseinheit für Alter sind.

Ach was, den Strohhut muss ihr nicht extra jemand holen, sie leiht sich die Kappe aus. Als alle die Fotoapparate auf sie richten, macht sie sich dann doch lieber unkenntlich.


Hau ruck und zack

Manchmal läufts.

Mit zwei Tabletts voll Kaffee und Torte suchen wir uns einen freien Tisch im Cafe des Modehauses. Guter Filterkaffee, aus einer Pumpkanne hinterm Tresen für mich frisch gepresst. Nicht so ein erbärmliches Gesöff aus einer 20000 Euro Kaffeemaschine, die leider niemand bedienen kann.

Wir feiern die zwei vollen Einkaufstüten, die neben uns auf der Bank stehen.
Eigentlich wollte ich nur schauen, ob das Märzkind und die Patentante schon was gefunden haben. Im Mai ist Konfirmation und dafür wird ein ganz besonderes outfit gebraucht.

Siehe da, als ich ankam hatten sie tatsächlich was gefunden. Ein Knallerkleid. Damit war der Rahmen gesteckt und nichts in meinem Kleiderschrank ist auch nur annähernd festlich. Aber mit Beratung einer sehr netten Verkäuferin ist dieses Problem bereits gelöst.

Dass es mich erleichtert, zu wissen, was ich auf einer Feier in einem knappen halben Jahr anziehen werden, hätte ich gar nicht gedacht. Es fühlt sich immernoch so an, als hätten wir viel Zeit. Die Probleme der Konfirmationsmütter-Kolleginnen sind da schon viel konkreter, als meine.

„Wieso, was haben die denn?“ möchte die Patentante wissen.

Naja, eine hat zum Beispiel letzte Woche rausgefunden, dass das gebuchte Restaurant keine Rampe hat. Jetzt hat sie keine Ahnung, wie sie die Oma im Rollstuhl da reinbekommen soll.

„Hä, was soll das denn bitte für ein Problem sein? Da fassen zwei Leute vorne an, zwei hinten dann hauruckundzack-drin-isse-de-Omma“, meint die Patentante. Ich sehe das genauso, auch auf unserer Feier wird ein Rollstuhl über die Schwelle müssen.

Die Patentante grinst. “ Weißte noch? An deiner Konfirmation? Der Wasserrohrbruch?“ Oh ja, daran erinnere ich mich. Der wunderschön gedeckte Tisch, das „Kaffee/Torten/Schnittchenteam“ schon im Einsatz und auf einmal lief Wasser die Wand runter, aber so richtig. Der Oppa raus aus dem Sakko und mit der Rohrzange in den Keller. Dann aufgeregtes Gemurmel und hin und her im ganzen Haus, schließlich die spürbare Erleichterung, als der Oppa verkündete “ wenn einer auf`n Pott muss, das geht“.

Jede nimmt einen Bissen Kuchen und einen kurzen Moment gedenken wir dem Oppa. „Oder, weißte noch, wie die Omma den Kuchen aus dem Keller geholt hat und der Hund stand auf der Treppe? Das muss Brüderchens Konfirmation gewesen sein, oder?“ Ja, muss, aber ich erinnere mich nicht. „Na, die Omma kam mit der Torte die Kellertreppe hoch, sie hatte nicht bemerkt, dass der Hund ihr gefolgt war und hat sich natürlich erschreckt. Durch die dabei enstandene Erschütterung, ist die Torte von der Platte auf den Hund gerutscht. Der hat nur doof geguckt, sich einmal über die Nase geleckt, ist die Treppe hoch und hat sich auf dem Flur, unter der Garderobe kräftig geschüttelt. Darauf folgte ein Stimmungstief, kann man sagen.“ Wir lachen, aber: „Ich glaube, wenn sowas passiert, dann muss ich heulen“, gebe ich zu.

„Ach was“, sagt die Patentante, „so erinnert man sich wenigstens an was. Über perfekte Feiern redet doch kein Mensch mehr.“