Null acht fünfzehn

Gegen elf klingelt es an der Haustür, ein Servicemitarbeiter in Dienstkleidung steht davor.

Ich: „Hast du nicht gesagt, diese Woche Spätschicht?“

Er: “ War auch so gedacht, um halb sieben haben sie angerufen, ist aber egal, kann ich heut Abend ins Training, gibts `n Kaffee?“

Während ich Kaffee koche erklingt eine schmissige Melodie. Mit den Worten, eigentlich habe er ja jetzt Pause, zieht mein Gast das Handy aus der Tasche. Er seufzt und entschuldigt sich, da müsse er nochmal kurz den Laptop aus dem Auto holen. Im Gehen murmelt er etwas, das wie „der ganzepremiumscheiß“ klingt.

Der Gast rockt beruflich das Internet, aber nur, weil sich Berufe verändern. Im Herzen ist er Handwerker. Er unterscheidet zwischen echten Problemen und Dingen, die irgendwie die Komfortzone berühren. Sein Laptop ist kein Bürogerät. Man kann damit auch im Regen und in leichten Sandstürmen arbeiten. Das Modell für Malocher und Soldaten.

Der Kaffee kocht, der Laptop fährt hoch. Als ich die Tassen hinstelle sehe ich aus dem Augenwinkel, wie der Gast anfängt zu tippen und wundere mich.

Ich: „Samma? Hast du da jetzt gerade 123456 getippt?“

Er ist anscheind mit den Gedanken woanders und murmelt nur: „Nee, is fünfstellig.“

Ich: “ OK, aufgrund der geänderten Sachlage würde ich meine Frage gern neu formulieren: Hast du da gerade 12345 getippt?“

Er: “ Was denkst du denn?“

Ich: “ Also ich dachte, da kommt jetzt n Laserstrahl der deine Netzhaut scannt. Oder einen Fingerabdruck. Oder du gibst wenigstens 08 15 ein, oder 47 11 oder so.“

Er: „Nee, ist doch fünfstellig“

Ich drücke meine Verwunderung aus, dazu braucht es nur ein Geräusch und hole den Kaffee.

Ob ich denn eine Ahnung habe, wie viele Passwörter er sich so über Tag merken müsse, möchte der Gast dann wissen, als er fertig ist, mit der Betreuung des Premiumkunden. Naja, ein paar werden es wohl sein, vermute ich. Drei. Nur um an seinen Arbeitsbereich auf diesem Laptop zu kommen, erfahre ich. Dazu noch diverse für Untermenüs. Und das alles um die Daten von Idioten zu sichern, die meinen, wenn sie den Computer ausmachen, hat das Internet geschlossen.

Oh, da habe ich wohl einen Nerv getroffen, jetzt kommt der Gast ins erzählen. Einer Berufsschulklasse, die er manchmal unterrichtet, sollte er beibringen, Netzwerke zu sichern. Sie sollen in der Lage sein, Fehler zu sehen, zu finden und zu beheben. Das ist in der Theorie schwierig, also hat er sich mit denen in die Fußgängerzone gesetzt. Er habe ja die Hoffnung gehabt, da etwas zu finden. Aber was sie dann gefunden haben, hat ihn doch erschreckt. Direkt beim ersten Versuch sieben offene W-Lans. Sieben!

Ich verstehe nicht, ist doch super, wenn es in der Fußgängerzone W-Lan gibt. An der Ecke gibt es eine Eisdiele, eine Dönerbude, da hängen jede Menge junger Leute rum.

Nee, was ich meine, das wären hotspots. Das ist natürlich OK. Jeder meldet sich mit seinem Gerät an, ist quasi erkennbar. Offenes W-Lan ist aber eher so, als würde man sein Auto parken, den Schlüssel stecken lassen und einen Zettel hinter die Windschutzscheibe legen, wo drauf steht „habt Spass“. Keine gute Idee.

Oh, was sie denn dann gemacht haben, möchte ich wissen. Ja nix natürlich. Sechs von den Netzwerken fielen in die Kategorie „och nööö“, da haben die Berufsschüler einiges gelernt, womit man so im Alltag rechnen muss. Eins war aber eher die Kategorie „ACH DU SCH…..reck“, die mussten benachrichtigt werden. Das ist aber ganz diskret über eine andere Stelle gelaufen.

„Weil im Lehrplan nicht so ausdrücklich steht: Gehen Sie in die Fußgängerzone und häckn die Dönerbude?“ vermute ich.

„Richtich“, der Gast nimmt sich einen Keks und fügt mit Verschwörerstimme noch hinzu, „und, soviel darf ich dir sagen, die Dönerbude war safe.“

Am Abend ändere ich ein paar Passwörter, nur so.

 

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