…und dann der Hund

Alle Kinder sind in der Schule, der Liebste arbeitet. Das wäre die Gelegenheit, ohne Unterbrechungen einfach mal was von der to do Liste abzuarbeiten. Liegen geblieben ist genug in den letzten Wochen. Oder, ich könnte eins von den Projekten in der Warteschleife auf den Weg bringen. Oder, ein verrückter Gedanke, ich könnte ein Buch lesen.

Der Hund denkt, dass ich da nur so sitze und stupst mich vorsichtig. Ja, wir gehen gleich, ich muss nur noch die Überweisungen… jaahaa, eine Minute dauert es noch, jaaahhaaaa, so gibt das eh nichts. Es ist wie mit einem Kleinkind diese Woche. Ich schaffe genau eine online Überweisung, bevor der Hund raus muss.

Es ist auch kein spazieren gehen im eigentlichen Sinn, alle paar Meter muss ein Stock geworfen werden, keine Ermüdungserscheinungen erkennbar. Auf halber Strecke entschließe ich mich, die Standardrunde zu erweitern. Welch Freude, hier waren wir schon lange nicht, da hat er was zu schnuppern und ich kann aufhören, Stöcke zu werfen, immerhin.

Die neue Hunderunde, die ich morgens noch vor der zweiten Tasse Kaffee gehe, ist in der örtlichen Wanderkarte verzeichnet. Als Rundwanderweg. Der Hund ist danach tatsächlich müde, ein bisschen, für zwei Stunden…

Einmal am Tag wasche ich meine Hände, weil sie wirklich schmutzig sind.

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Der Wald müsste um diese Jahreszeit nach Herbst riechen. Nach ersten bunten Blättern auf feuchter Erde, Pilzen, irgendwie frisch modrig. Das tut er nicht, es riecht nach nichts. Der Boden unterscheidet sich auch kaum von den Feldwegen, was die Dämpfung angeht. Es müsste ganz dringend mal eine längere Zeit regnen.

Elternabend mit Abstand, keine Fachlehrer, die sich vorstellen wollen, Klassenfahrt verschoben und online Unterricht, naja, jetzt warten wir erstmal ab, ob es überhaupt nochmal dazu kommt. Zwei Mutter-Koleginnen erklären sich spontan bereit, Elternbeirat zu werden, beide wirken nett und normal. Unregelmäßigkeiten nach dem ersten Wahlgang, Frage in die Runde, Missverständnis, im zweiten Wahlgang wird so zurecht gewählt, dass es alles passt, auf den offiziellen, gestempelten Zetteln, Dokumentation, danke schön, schönen Abend noch, eine gute Stunde, fertig.

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Als ich vom Hundespaziergang wiederkomme ist der Liebste gerade wach geworden. Er sitzt mit Handy und Tablet vor dem geöffneten Fenster und fragt, ob ich schon was gehört habe. Was hätte ich den hören sollen?

Heute ist doch bundesweiter Warntag, erfahre ich. Gleich wird er per App gewarnt und die Sirenen werden gehen. Also, mich würde das nicht in alarmbereitschaft versetzten, ich bin ja gar nicht in der Feuerwehr. Nee, nicht der normale Sirenenton, irgendein anderer solle heute kommen.

Hätte der Liebste mir nichts erzählt, hätte ich den Warntag gar nicht mitbekommen. Es ist keinerlei Alarm angekommen. Und was genau ich bei diesem anderen Sirenenton hätte tun sollen, weiß ich auch nicht. Wir haben drei Päckchen Klopapier im Keller, was soll schon passieren.

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Mein Auto ist durch den TÜV, juhu. Für den Spottpreis von nur 10 Euro. Gut, eigentlich für 610 Euro. Der Kinderbonus war genau einen Tag auf dem Konto. Dann haben wir sowohl einen regionalen Handwerksbetrieb, als auch die gesamtwirtschaftliche Erholung unterstützt, indem wir alles auf einmal ausgegeben haben. Bitte Deutschland.

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In der letzten Woche sind das Bügeleisen, die Bohrmaschine und der Staubsauger kaputt gegangen. Außerdem sind natürlich alle Jacken der letzten Saison zu klein, die Pullover auch. Tja.

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Auf dem Wanderparkplatz „Irgendwo am Wald“ steht ein Camper mit dänischem Kennzeichen. Merkwürdig. Anderthalb Stunden später ist der immernoch da, hoffentlich kommen die nicht auf die Idee, hier zu grillen. Die Tür geht auf, ein Mann kommt einen Schritt aus der Tür und fragt, ob er was fragen darf. Sicher. Da wäre gerade so ein Alarm gewesen. Sie haben hier überhaupt kein Internet und was muss man tun? Ist Gefahr?

Nein, keine Gefahr, es ist der zweite Samstag im Monat, da heulen die Sirenen nur zur Probe, alles gut, das hier so üblich. Der Mann wundert sich, wirkt aber erleichtert. Wir unterhalten uns kurz. Er erkundigt sich nach der aktuellen Coronalage. In Dänemark sieht es gerade leider übel aus. Bei uns geht es, kann ich erzählen, wir sind froh, dass die Schulen wieder auf haben und alle geben sich Mühe.

Ehrlich gesagt hatten sie gerade überlegt, ob sie nicht lieber weiter fahren bis Österreich, sagt der Mann. Sie haben gestern Leute feiern sehen, draussen zwar, aber doch mit viel Bier und wenig Abstand. Sie arbeiten beide im Hospital und wollten genau so was nicht. Ich erkundige mich, wo sie denn gestern gewesen sind. Oh ha, jo, Willingen ist ein bisschen anders, als der Rest von Deutschland.

Ich vermisse Airbnb, wie es früher war, stelle ich fest. Das hat mal Spass gemacht.

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Die Katze ist verstorben. Ich kondoliere.

Es gibt eine Folge bei „Gilmore girls“ in der stirbt die Nachbarskatze, die könnte ich eigentlich mal wieder gucken.

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Ich hab das erste mal morgens wieder Licht angemacht, beim Brote schmieren.

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Ein erstes Vorgespräch für den 24.12.20 hat stattgefunden. Wie viel Distanz verträgt ein Weihnachtsabend? Eigentlich keine. Wir kommen zu dem Schluss, joooääähhmmpfff

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Eigentlich war die Woche mit dem hyperaktiven Hund gar nicht schlecht. Der gefühlte Kinder Overload wird besser und ich hab bemerkenswert gut geschlafen. Diese Jeans passt auch wieder.

Irgendwer müsste allerdings mal wieder aufräumen und so.

Anfang September

In normalen Zeiten wäre es einfach ein „FauchiBauchi“ gewesen, ein Laie hätte drei Tagen Pfefferminztee und Ruhe verordnet, danach wäre es wieder gegangen. Nicht so richtig gut, aber gut genug. Jetzt, muss es aber richtig gut gehen, damit das Maikind wieder zur Schule kann. Er bleibt also die ganze Woche zu Hause, mit Attest.

Da ja noch zwei Geschwisterkinder auf die gleiche Schule gehen, sollte es kein Problem sein, Bücher und Arbeitsblätter nach Hause zu bekommen, dachte ich. Der Klassenkamerad, der das übernehmen wollen würde, darf allerdings keinesfalls die Bücher eines Mitschülers berühren. Selbst wenn er sie rausschmuggeln könnt, gäbe es ein Problem mit der Übergabe. Die Geschwister des Maikinds gehen in andere Jahrgangsstufen und haben deswegen andere Pausenhofabteile. Einfach so bei einer anderen Klasse vorbeigehen soll man nicht, macht ja alles Sinn, theoretisch. Blöderweise ist der Klassenkamerad männlich und fährt mit einer anderen Buslinie, Bus und Toilette sind also keine geeigneten Übergabeorte.

Der Klassenkamerad schickt Fotos von seinen eigenen Schulbüchern, über sein privates Internet.

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Ein Elternabend wird angekündigt. Da muss ich doch beim Lesen schon schmunzeln. Punkt drei der Tagesordnung: Ablauf des online Unterrichts. Nach meiner Erfahrung gibt es da zwei Möglichkeiten. Läuft oder läuft nicht.

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Die Adventszeit hat begonnen, sagt der Einzelhandel. Nach vereinzelten Spritzgebäck und Spekulatius Sichtungen in der letzten Woche ist endlich das volle Sortiment eingetroffen. Ich laufe routiniert drumrum.

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Lebensmitteleinkauf diese Woche zweimal in klein, weil ich eh auf dem Weg war, und einmal etwas größer. In der Nachbargemeinde geht das erfreulich schnell, da kaufen hauptsächlich Camper ein, die brauchen nicht viel. Auf dem Rückweg werde ich ungewollt Teil einer Hochzeit. Der Autokorso wird angeführt von einem großen Traktor, den man auf der kurvigen Strecke durch den Wald nicht überholen kann. 10 km bei 30km/h.

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Abends um neun ist es schon dunkel, ich möge bitte auf die andere Seite der Turnhalle kommen, sagt das Märzkind, da gibt es eine Laterne und der Weg ist in diese Richtung viel weniger gruselig.

Weil es nicht nur dunkel sondern auch kühl ist, mache ich im Auto die Filmmusik vom Grinch an. „Dein Ernst?“ , werde ich begrüßt. Nee, natürlich nicht. Aber vielleicht ist es das einzige mal, das ich Lust auf Weihnachtslieder habe, dieses Jahr. 300m weiter wird fröhlich mitgesungen, als wir durch den Nachbarort kommen, fragen wir uns, ob die denn ihr Bushäuschen dieses Jahr gar nicht schmücken wollen. Wobei, ein bisschen Zeit ist ja noch…

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Erinnerung an eine Kehlkopfentzündung, kein Gesang mehr, diese Woche.

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Das Märzkind plant, später nach Hause zu kommen. Sie würden einfach laufen. Der Weg an der Straße lang… Also, mir wäre lieber, ihr geht durch den Wald, sage ich. An der Straße lang, da weißte nie, wer da angetrunken nach Hause fährt…außerdem ist der Weg 6km kürzer. Als ich ihr eine Taschenlampe mitgeben will guckt sie mich fragend an. Ist doch noch fast Vollmond.

Dorfkind.

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Ich habe ein Schnitzelbuffet bestellt, für 13 Uhr, am 16.Mai. Details besprechen wir dann im Januar, hat die Frau vom Catering gesagt.

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25 Nachrichten in einer Whatsappgruppe mit dem Titel „Festausschuss“.

Hä? Die Festhalle ist am Freitag vor den Sommerferien schon vermietet, erfahre ich, es muss Ersatz gefunden werden. Aha.

Es geht um die Schulabschlussfeier des Märzkindes, reime ich mir zusammen. Hatte ich nicht kürzlich erst den ganzen Abend Glitzersteine und Federn an eine Feen- Schultüte geklebt?

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An der Schule in der Nachbargemeinde, die letzte Woche geschlossen war, sind drei Kinder positiv auf Covid19 getestet worden. Das ist irgendwie blöd, da hätte ich gerne mehr Infos gehabt, oder weniger.

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Uns erreichen Grüße aus dem Krankenhaus, die spektakuläre Geschichte der letzten Woche ist den Umständen entsprechend gut ausgegangen.

Irgendwas erwischt dich

„Sonst ist nix mehr da?“, der Liebste deutet auf ein paar Panadekrümel in der Pfanne. „Kartoffelbrei ist noch da und etwa 15 Erbsen“, ich wundere mich selber. „Wieviel hattest du denn gemacht?“ Das waren 30 Fischstäbchen, Kartoffelbrei von anderthalb Kilo Kartoffeln/800ml Milch/halbes Stück Butter und 600g Erbsen dazu. Tja, gut, da hätte er aber auch gedacht, das reicht, sagt der Liebste und holt sich ein Glas Blutwurst zum Kartoffelbrei.

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Wo wir immer die Milch holen, denen ihr Oppa, begegnet mir im Vorbeigehen auf dem Hof. Er erkundigt sich, wie es unsrer Oma im Städtchen geht. Gut, soweit, man sieht sie allerdings fast nie, weil sie ziemlich Angst hat, sich den Virus zu fangen.

Jo, das kann er verstehen, es ist ja auch ziemlicher Mist das alles. Andererseits, also, man muss es natürlich nicht rausfordern und ein bisschen Vorsicht ist nicht verkehrt, aber, er werde nächste Woche 81. Da muss man doch auch mal ehrlich sagen, er hat sein Leben gelebt. Wer ist denn früher 81 geworden? Niemand. Und seine Generation hatte es gut, sagt er. Als Krieg war, waren sie noch klein, und danach ging es immer nur bergauf. Es war nicht immer leicht, das nun nicht. Aber er sei dankbar und irgendwann erwische einen eben irgendwas. Wir unterhalten uns über verschiedene Todesfälle im Dorf, was einen so alles erwischen kann. Einschlafen und Zitat „wenn du wach wirst, bist du tot“, wäre ihm persönlich am Liebsten.

So ein Gespräch hätte es am Kühlregal nie gegeben.

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Ich gebe die alljährliche workbook Bestellung auf. Eigentlich sind die vom letzten Jahr noch gut. Fast neuwertig.

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Wenn man die Masken wirklich bei 60°C wäscht und das öfter, sind sie relativ schnell fertig. Außerdem werden mehr gebraucht. Mittlerweile hat jeder ein Modell, das passt. Das Julikind hilft mir beim Bügeln und näht die geraden Strecken. Geteiltes Leid ist halbes Leid, so richtig gern näht niemand hier Masken. Die extra dafür angeschafften stylischen Stoffpaneele ändern daran nichts. Eigentlich werden die Modelle aus alten Blusen sogar schöner.

Die Schule, auf die Cousinen und Cousin gehen schließt, erstmal nur Montag, dann für die ganze Woche. Erst halte ich das für übertrieben, nur weil da ein Lehrer Kontakt zu irgendwem hatte… nee, war doch besser so.

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Die Katze aus der Nachbarschaft braucht einen Termin beim Tierarzt, das sagen alle, seit Wochen. Zum einschläfern. Das zu sagen traut sich keiner. Die Katze ist ein Kamerad, eine Erinnerung an die Zeit, als es noch besser lief. Wenn die Katze weg ist, ist er der nächste…

Die gute Seele, die sich zweimal in der Woche durch den Katzenhaushalt kämpft spricht mich an, ob wir vielleicht einen größeren Karton hätten? Etwa so groß, das da eine Katze reinpassen würde? Die Katze , frage ich nach. Ja, die Katze. Die gute Seele ist im Namen des Pflegedienstes da und hat Schweigepflicht. Wir kennen uns schon lange, und sie weiß, das ich sowieso weiß. Ich suche einen Karton und stelle ihn vor die Tür.

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Vormittag im Städtchen: Rezept holen, Apotheke, Schuh zur Reparatur abgeben, Brille richten lassen, Schuh abholen, Getränke holen, kleiner Lebensmitteleinkauf

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Auf dem Heimweg läuft die Katze über die Straße, im Ort steht die Polizei. Beides merkwürdig, aber schnell vergessen.

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Am frühen Abend bekomme ich einen Anruf, die gute Seele erzählt mir, aber das hat sie natürlich nie gesagt, das der Katzenhaushalt ihr gerade den Putzeinsatz für Montag abgesagt habe. Die Begründung klang dermaßen spektakulär, dass man es eigentlich nicht glauben kann, manchmal vereiert der einen ja auch, ob ich bitte mal einen Blick auf den Katzenhaushalt werfen würde, zur Sicherheit. Ich stelle fest, dass niemand da ist. Sehe am späten Abend aber Licht, alles scheint normal.

Am nächsten Tag erfahre ich, dass, während ich im Städtchen war, quasi direkt hinterm Haus Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei im Einsatz waren. Die spektakuläre Geschichte stimmt. Anscheind hatte die Katze noch ein Leben übrig.

Ein Job

Unter diesen Bedingungen ist die Aula mit 16 Kindern plus Eltern voll. Herzliches Willkommen im Namen der Schüler, der Schulleitung, des Klassenlehrers und Gottes Segen. Elterninfos wegen Essen, Hausaufgabenbetreuung, Klassenaufteilung, kein Tanz, keine Musik, alles auf Abstand. Halbe Stunde, fertig. Das Kind kommt dann einfach mit dem Bus nach Hause. Normalerweise hätte sich die Veranstaltung den ganzen Vormittag gezogen. Man darf es natürlich nicht zugeben, wenn Einkindeltern dabei sind, aber so ist es durchaus angenehm.

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Bücher werden eingeschlagen, Schnellhefter besorgt und Vokabelhefte in irgendwelchen Formaten, ein ausreichend langer gelber Buntstift gesucht, Muttizettel unterschrieben, Bestellungen zur Kenntnis genommen, Bargeld in Umschläge gesteckt, die Sporthose gesucht, Brotdosen gefüllt, die Pflaumen geerntet, das Motorrad des Liebsten braucht Ersatzteile, wenn er jetzt selber nicht da ist, dann soll ich mal sagen…, Elterntaxifahrten im Normalbetrieb, der Hund muss raus und um halb zwei möge ein Mittagessen auf dem Tisch stehen, was leckeres, es kommt ein Gast direkt nach der Schule…

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„Sag mal Mama, willst du dir eigentlich auch mal wieder einen Job suchen?“, fragt das Julikind mich abends beim Zähne putzen.

Oh mein Kind, ich hab einen.

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Ein Sommerabend zum wegtuppern. Sowas braucht man, wenn der November endlos grau ist.

Irgendwo hat es anscheind geregnet und irgendwer hat einen Damm gebaut, im Flüsschen. Das Maikind und das Julikind legen sich mittenrein. Es ist fast wie schwimmen gehen.

Es wird doch merklich früher dunkel, und auch recht schnell. Auf dem Rückweg kann man eigentlich nicht mehr sehen, wohin man tritt.

Fledermäuse machen überhaupt kein Fluggeräusch, man erschreckt sich die ersten drei Male, wenn sie einem so um den Kopf rum fliegen.

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Samstag Abend trinken der Liebste und ich ein Feierabend Bier im Garten. 12 Nachtschichten am Stück waren das für ihn, für mich der Rest.

Im Nachbarort gibt es einen Open Air Kinoabend. Anscheind stehen die Lautsprecher in unsere Richtung, wir verstehen jedes Wort. Liegt vielleicht auch daran, dass der Wald dazwischen nicht mehr ist, überlegen wir. Aus der anderen Richtung kommen Partyhits der frühen Neunziger, Geräusche der Geselligkeit aus der Ortsmitte. Ah, die Ferien sind rum. Man darf die Partyplätze wieder mieten.

Die Wechselschicht Wochen sind immer anstrengend, aber diesmal noch mehr als sonst. Wir haben keine Reserven mehr. Nur so sitzen ist schön.

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Dieser Klappstuhl-Gottesdienst wurde geplant, als Gesang noch verboten war, entschuldigt sich der Pfarrer. Seit dieser Woche seien zwei Choräle zu je zwei Strophen erlaubt, aus dem selbst mitgebrachten Gesangbuch allerdings nur, versteht sich. Ein Raunen geht durch die Gemeinde. Fragen bleiben offen. Wie lang darf denn eine Strophe wohl sein? Was passiert, wenn jemand versehentlich die dritte Strophe ansingt? Muss man das melden? Wem? Wird es gesundheitliche Auswirkungen haben? Was bedeutet das für den Standort Deutschland? Man muss es mit Humor nehmen. „So klappt zusammen und gehet hin in Frieden, möchte man sagen, aber das wäre natürlich nicht angemessen. Wir machen das schon anständig“, sagt der Pfarrer. Wir gehen mit Maske bis vor den Zaun und unterhalten uns dort ohne, über den Transport von Campingstühlen in Kleinwagen.

August, Halbzeit

Ich habe ein Buch gelesen. Bis zum Ende. Normalerweise lese ich viele Bücher bis zum Ende, aber dieses war besonders, denn es war das erste, seit Februar, bei dem ich weiter als 12 Seiten gekommen bin. Ein Fantasyroman aus der Abteilung für 12 bis 15jährige, nun ja, es scheint eine Triologie zu sein. Wir werden sehen.

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In Thüringen fangen die Herbstferien genau dann an, wenn sie hier enden, fällt uns auf. Das ist ja blöd. Dann eben in den Weihnachtsferien…

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Das Maikind ist jetzt Konfirmand. Bis nächsten Mai soll er an mindestens 30 Gottesdiensten teilnehmen und die Gemeinde kennenlernen. Es werden außerdem Punkte vergeben für die Mithilfe bei der Kinderbibelwoche, beim Gemeindekaffee oder beim Küster. Es findet halt nur nichts statt. Oder?

Ein Klappstuhlgottesdienst wird angekündigt für Sonntag im Nachbarort. Samstag nachmittag schaue ich auf der Homepage der Gemeinde. Ja, da steht, Sonntag im Nachbarort. Für mich wäre noch interessant gewesen, wann und wo genau.

Ich stelle fest, auch nach sechs Wochen Ferien habe ich noch nicht wieder die Nerven, Infos hinterherzulaufen. Ich will das auch gar nicht mehr. Entweder es macht sich jemand die Mühe mir irgendeine Art von Mitteilung zukommen zu lassen, oder ich weiß es eben nicht.

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Siehe da, es geht.

Sonntag morgen um 10 sitzen das Maikind und ich auf der Kirchenwiese in der Sonne. Auf den dicken Sitzkissen, weil, wir haben gar keine Klappstühle. Da waren wir aber nicht die einzigen. Um uns rum sitzen Leute auf Bürostühlen, Hockern und Campingmöbeln aller Art. Dass direkt neben uns eine Frau im Rollstuhl sitzt bemerke ich erst auf den zweiten Blick. Sie winkt fröhlich.

Da hat er aber das beste Jahr erwischt, sagt das Maikind. Gottesdienste draußen und Gesang ist verboten, was für ein Glück. Also, bis auf weiteres, im Herbst wird es vielleicht blöder.

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Wir haben jetzt das beste Internet. Ein deutlicher vorher/nachher Effekt. Es hat sich gelohnt. Dank an die Fachkraft, die das installiert hat, auch im Namen meiner Kinder!

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Ich habe alle Schubladen mit Schulsachen einmal komplett ausgeräumt. Hatte mir schon gedacht, dass die nicht alle weg sind.

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Morgen wäre dann Sportunterricht, teilt das Maikind mit. Das heißt dann wohl heute Schuhe kaufen. Aber nur, wenn die, die er hat, wirklich nicht mehr passen, grummelgrummel, Abgang Maikind. Drei Minuten später haben wir Gewissheit, die Schuhe von März sind zu klein. Der Papa will sowieso gerade ins Städtchen, das trifft sich gut.

Die neuen Schuhe sind fünf (!) Nummern größer als die alten. Fünfeinhalb Nummern sogar, wenn man es genau nehmen will.

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Mögest du von fröhlichen, motivierten, pädagogischen Fachkräften unterrichtet werden, aus Büchern, die nach der Rechtschreibreform gedruckt wurden.

Mögen die Busse, in denen du transportiert wirst den TÜV bestanden haben und regelmäßig fahren. Mögen die Busfahrer*innen ortskundig oder der deutschen Sprache mächtig sein, oder beides.

Mögen deine Mitschüler unbewaffnet und mit freundlichen Absichten zum Unterricht kommen.

Mögen die sanitären Anlagen allzeit nutzbar sein und die Seife bis zum Ende des Tages reichen.

Zu lang. Ich schreibe einfach „Alles Gute zum Schulanfang“ in die Karte für das letzte i-männchen der Familie.

Hatte ich erwähnt, wie schön es ist, dass ich die Grundschule fertig habe?

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„Bisschen dreckig, aber geht noch“ geht diese Woche dann nicht mehr. Hallo Wäscheberg.

Sommer

Morgens um 10 ist es fast schon zu warm zum spazieren gehen. Mitten auf dem Waldweg frühstückt ein junges Reh (Sind das Mitte August noch Kitze? Ich weiß es nicht.) Dass der Hund so gar keinen Jagdtrieb hat, ist doch wirklich angenehm. Ich bleibe stehen und beobachte. Ein Vogel meldet Besucher im Wald, das Reh schaut in unsere Richtung, der Hund und ich stehen still, völlig unbeeindruckt frisst es weiter. Ein Flugzeuggeräusch über uns, das Reh schaut sich suchend um, wundert sich, überlegt kurz und frisst weiter. Ich nehme den Hund an die Leine, nicht das er doch noch auf Ideen kommt, und gehe ein paar Schritte weiter. Das Reh wartet kurz, ja, leider wollen wir echt genau da lang. Betont langsam flüchtet es ins Unterholz, als Teeniemutter meint man ein augenrollendes „boooaaarmanneejj“ hören zu können.

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Im Schreibwarenladen der Nachbargemeinde haben sie Collegeblöcke mit dieser Pünktchenlineatur. Die habe ich zuletzt beim Französischaustausch in den 90ern gesehen, hier gab’s die leider nicht. Dann -aus dem Nichts- ein Geistesblitz! In NRW beginnt die Schule eine Woche früher. Das heißt, die ganzen Muddis hier haben den alljährlichen Einkauf des Wahnsinns zu Schulbeginn schon durch, wenn ich los muss. Die Nachbargemeinde ist genauso weit weg wie das Städtchen. Warum zum Geier komme ich da erst jetzt drauf?

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Wir stellen überrascht fest, dass wir vorher noch nie im eigenen Garten gefrühstückt haben. „Es fühlt sich an wie im Urlaub“, sagt das Maikind.

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Das Julikind verbringt einen geschenkten Pferdetag mit Tante und Cousinen. Auf der Rückfahrt erfahre ich, dass frischer Pferdemist doch deutlich mehr wiegt als welcher, der schon eine Weile rumlag, dass man Pferde mit Fingerfarbe anmalen kann, nur nicht da, wo der Sattel hin muss, wie man antrabt und bremst und und und und und und dann schläft das Julikind ein.

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Das Märzkind übernachtet auswärts.

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Ich bringe sechs ungenutzte Kaffeegedecke in die givebox und finde ein Lieblingsbuch, das irgendwann einfach weg war. In einer offensichtlich ungelesenen Orginalausgabe, guter Tausch, ich freu mich. Sicher taucht das abgeschrammelte Taschenbuch im Laufe der Woche wieder auf.

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Eis essen stand noch auf der Ferienliste. Die Eisdiele ist natürlich proppevoll. Die Tische stehen weit auseinander, drei junge Männer sprinten mit Eisbechern hin und her, bei 36°C. Sie sind auffallend freundlich, zu jedem. Im reinlaufen rufen sie der Frau hinter der Eistheke zu, was gebraucht wird. In atemberaubender Geschwindigkeit werden die Bestellungen zusammengebaut und sind wenige Minuten später zeitgleich am richtigen Tisch. Ungewohnt, aber so kann Gastronomie auch sein. Das Märzkind schüttelt den Kopf, „man hat fast den Eindruck, das macht denen Spaß“.

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Die Fussgängerzone war vorher schon kein Schmuckstück. Mit leeren Schaufenstern ist es eine trostlose Gegend.

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Die Schule schickt das neue Regelwerk für den Regelbetrieb. Fünf Tage die Woche für alle mit Nachmittagsunterricht und geöffneter Cafeteria sind geplant. Es gibt ein Hygienekonzept, das liest sich richtig gut. Wenn man allerdings einen Moment länger darüber nachdenkt…. ach was. Der Landkreis hat gerade null Neuinfektionen. Da tun wir einfach mal so, als würden nur Einzelkinder zu Fuss zur Schule kommen, die den ganzen Tag nicht auf Toilette müssen. Läuft.

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Starkregen. Der Liebste stürmt die Haustür rein, reißt die Kellertür auf, flucht und rennt wieder raus. Von oben höre ich ein „Och nee, müssen wir schon wieder den Keller wischen?“ Zum Glück nicht. Aber der liebevoll hingemörtelte Schutzwall steht leider an der völlig falsche Ecke. Das hätte man so nicht für möglich gehalten. Der Liebste verteidigt das Kellerfenster gegen die Flut, mit dem was gerade da ist.

Mann mit Tapeziertisch im Regen, das Bild wurde nicht freigegeben.

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Nach dem Regenguss öffnen wir alle Fenster und freuen uns über die angenehm kühlen 25°C.

Empfindlich?

Der Biergarten wurde schon im letzten Jahr leicht vergrößert, das hatte sich so ergeben, Altbauten entscheiden manchmal Sachen. In diesem Jahr wurden Bambus Windschutzmatten rund rum gebaut. Es gibt unterschiedlich große Tische unter riesigen Sonnenschirmen, die Bestuhlung ist nicht einheitlich.

„Habt ihr gut hingekriegt, sieht fast nach Strandbar aus“, sage ich zum Wirt.

„Och jo, findste?“ Der Wirt wirkt überrascht.

„Jo, schon. Also, wenn man mal vom Spießbraten-Bräter im Eingangsbereich absieht.“

„Weißte“, sagt der Wirt, „am wichtigsten ist, das man im Vorbeifahren nicht so ganz genau alles sieht, diesen Sommer.“

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Die Arme werden ausgebreitet, um das Märzkind zu knuddeln. Sie zögert, guckt mich fragend an. Das wird bemerkt und falsch verstanden. „Seid ihr empfindlich, oder was?“, es klingt fast etwas ruppig. Ich zucke mit einer Schulter, wir umarmen alle nacheinander die Risikogruppe.

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Nach einer Hunderunde in schwüler Hitze machen wir Halt bei den Großeltern. Da kann sich der Hund unter dem Gartenschlauch abkühlen, alle anderen, die daneben stehen, auch. Das Märzkind klingelt, die Oma öffnet und bleibt in der Tür stehen.

„Wie geht es Dir?“ Das Kind denkt, es sei eine Anspielung auf die Camper-müdigkeit und lacht. „Alles supi“. Die Oma meint es aber ganz im Ernst, sie darf dieses Virus einfach nicht kriegen. Punkt. „Kein Halskratzen, Fieber….?“ „Neee, natürlich nicht!“

„Also, wir waren in den letzten Tagen viel unter Leuten, die 1,5m können wir ruhig einhalten“, entscheide ich. Hier wurde eine zweite Bank für den Hof angeschafft. Wir sitzen auf der einen, die Großeltern auf der anderen.

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Bei der Omma im Garten wurde mit dem Aufsitzmäher über das Efeu gemäht, das da den Zugang zum Nebeneingang zuwuchert. Das hatte sie erst gar nicht gesehen. Hätte sie es gesehen gehabt, hätte sie dem Mähenden aber gleich gesagt wie sie das findet. Also, wirklich. Wie sieht das denn aus? Wenn einem jemand seit Jahren den Rasen mäht, kann man doch wohl erwarten, dass da ein bisschen sorgfältig gearbeitet wird. Jetzt ist da so eine Dreckecke. Es wird wohl den ganzen nächsten Vormittag dauern, da wieder so einigermaßen Struktur rein zu bekommen. Ach was, wenn man ehrlich ist, ist es wohl für immer verdorben. Man muss sich ernsthaft fragen, was der Mähende sich wohl dabei gedacht hat. Das wird sie auch tun, das kann ich aber ruhig glauben, sobald der aus dem Urlaub zurück ist, kriegt er was erzählt.

Und bis dahin muss ich es mir anscheind anhören.

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Zur Feierabendzeit liegen in der Selbstbedienungs-Brötchen-und-so-Theke des Supermarkts auffallend viele Donuts, mindestens vier verschiedene Farben, gefüllte und ungefüllte…

„Kann ich einen?“, fragt das Julikind.

„Ja. Einen.“

„Dann nehm ich für die anderen auch einen mit?“

Eine kurze Hochrechnung ergibt, das zu Hause noch fünf Kinder sind, und der Papa. So ein Donut kostet 90 Cent, und ist schnell weg gesnäckt.

„Nee, nimm dir einen und iß den gleich heimlich im Auto“, sage ich.

Als ich den Einkauf verstaut habe, ist der Donut schon angebissen und wird eine Weile hin und her gedreht. Dann tippt das Julikind irgendwas auf dem Handy und beißt wieder ab.

„Was machst Du?“, frage ich, nur aus Interesse.

„Hab den Donut fotografiert, für meinen Status.“

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In Berlin demonstrieren Impfgegener, Rechtsradikale, Chemtrail-Leute und werweißwer dafür, dass Deutschland auch eine richtige Corona-Welle bekommt, das wird man ja noch sagen dürfen.

Sicher darf man, das ist ja das geile an Demokratie. Man darf alles sagen, auch auf der Strasse und in Kameras.

Ich schäme mich für jeden einzelnen, der da so fröhlich auf alle Regeln pfeift. Hoffentlich sehen die Leute in Bergamo und NewYork und so diese Bilder nicht.

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„Braucht ihr eigentlich neue Sportschuhe?“

Sportschuhe, wofür? Die Kinder überlegen, ach so, ja, sicher, also wenn denn dann…lieber nochmal abwarten.

Ich bestelle uns einen WLan Router, der laut Beschreibung in der Lage ist, gutes Internet für mehrere Personen gleichzeitig zu produzieren.

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Ferienakademie:

Das Märzkind kann jetzt Kronkorkenverschlüsse mit Hilfe einer anderen Flasche oder einem Feuerzeug öffnen.

„Gütersloh“ bringt bei Stadt/Land/Einhorn leider nur läppische 5 Punkte.

„Beste Leben, Digga!“ heißt übersetzt „Alter, wie geil ist das denn?“

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Wegen sommerlichen Temperaturen drehen wir eine Hunderunde am späten Abend. Ich mag diesen Flugzeug freien Himmel und diese Sonnenuntergänge in HD. Da sieht man jetzt noch schemenhaft Berge hinter den Bergen. Richtig schön! Leider kein Foto

Bemerkungen: -keine-

Das Märzkind bekam bereits am Donnerstag ihr Zeugnis. Darauf das Datum von Freitag und der Hinweis, dass “ das Betriebspraktikum aus Gründen, die die Schülerin nicht zu vertreten hatte, nicht stattfinden konnte.“

Für die Woche nach den Ferien wurde eine Mathearbeit angekündigt. Es wurde darauf verzichtet, Aufgaben über die Ferien aufzugeben, aber ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der Schulbetrieb danach normal weitergeht und die Abschluss-Hausarbeit nebenher geschrieben werden muss, Abgabe der Gliederung zur Genehmigung durch die Schulleitung eine Woche nach den Ferien.

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Das Maikind hat einen Klassenlehrer verabschiedet und ist mit dem, der danach kommt zufrieden.

Er war seit 53 Tagen nicht in fortnite, stellt er erschrocken fest. Nach den ganzen Hausaufgaben konnte man sich ja auf nichts mehr konzentrieren. Naja, so wurde wenigstens das ganze Lego mal abgestaubt. Aber jetzt…

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Grundschulzeugnis-Abschlusszeremonie entfiel wegen Krankheit der Klassenlehrerin. Die letzten Grundschultage wurden von unbekannten, aber sehr netten Vertretungslehrern übernommen.

Ein Brief und ein Geschenk der Klassenlehrerin für das Kind und einen Elternbrief.

Die neue Schule lädt herzlich zur Einschulungsfeier am Mittwoch nach den Ferien. Jede Klasse bekommt eine eigene kleine Feier, jedes Kind darf zwei Personen mitbringen, die sich vorher namentlich anmelden müssen und am Tag der Veranstaltung bitte ihren unbedenklichen Gesundheitszustand schriftlich erklären. Verschiedene Zettel für alles liegen bei.

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Alle Zeugnisse waren gut. Ich gebe zu, besser als ich erwartet hatte. Anscheind habe ich während des Hausaufgabenmarathons gar nicht mitbekommen, dass vieles auch von alleine gut lief. Irgendwo gab es immer ein Problem, mindestens eins.

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Dieses Schuljahr war ein wenig anders als die anderen, aber vielleicht war es auch nur mein persönliches Empfinden. In den Zeugnissen steht jedenfalls nichts davon.

Die Elternbriefe sprechen von einem turbulenten Jahr, dass einige Herausforderungen mit sich brachte. Ist klar. Ihr mich auch.

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Fast volle Hefte werden zerlegt, Ordner und Schnellhefter entleert. Ein Schmierzettelblock für’s nächste Schuljahr wird zusammengestellt und der Rest kommt feierlich in die Tonne.

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Eine Joggingrunde ganz alleine. Es fühlt sich an wie Urlaub.

Statt in Sofasitzhose und T-Shirt lief ich in extra für diese Sportart entwickelter, farblich zueinander passenden Funktionskleidung. Diesmal ist mir natürlich niemand begegnet.

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Wir haben Honig geschleudert und uns über den Ertrag gefreut. Zwischen den beiden Bienenständen liegen nur 3 Kilometer. Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich der Honig geworden ist.

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Müde. Wir sind alle müde. Sogar die kleine Eule ist Abends um 11 schon im Bett. Im stillen bin ich ein bisschen froh, dass ich kein Auto beladen werden muss, und keine Urlaubsort erkundet werden will.

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Alle Freizeit Einrichtungen haben verschiedene, teilweise seltsame Hygieneregeln. Manche schränken derart ein, dass ich schon vom Lesen keine Lust mehr habe. Halber Spass zum vollen Preis, quasi.

Ich bitte alle Kinder eine Liste mit Sachen zusammenzustellen, die sie in den Ferien gern machen würden.

Viele verschiedene Freunde möchten Sie sehen, einige Übernachtungen wurden schon geplant. Boot fahren, Trampelboot fahren, im Zelt schlafen, schwimmen, chinesisch essen, Döner essen, Eis essen, Pizza essen, pulled pork essen, grillen und Burger bestellen. Ich erkenne da eine Richtung.

Heu und Regelbetrieb

Männer, die mit hochauflösenden Ferngläsern irgendwo im Feld stehen, sind mir unheimlich. Vor allem, wenn verschiedene Männer zu verschiedenen Zeiten scheinbar die gleiche Stelle beobachten. Mein Hirn möchte wissen, was da beobachtet wird. Man sieht aber ohne Fernglas natürlich nichts. Merkwürdig.

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„Warum kreisen da so viele Vögel?“, wollte das Maikind wissen.

„Das sind Milane, die sind eigentlich sehr selten.“

„Sieht nicht so aus…“

„Stimmt.“

Merkwürdig.

Windräder sollen da irgendwo gebaut werden. Das ist einerseits schade, weil es wirklich eine schöne Ecke ist und zu meinen Lieblings- Hunde -Runden gehört. Andererseits nutze ich natürlich gerne Strom. Jeden Tag. Deshalb kann ich nicht dagegen sein.

Irgendwer ist aber so richtig dagegen und wurde erwischt. Am Samstag stand in der Zeitung, dass seit längerem Schweinefleisch für die Milane ausgelegt wurde, um das Gutachten zu manipulieren.

Krass, ich dachte immer, hier ist nichts los…

Die Milane fliegen übrigens wieder einzeln über die frisch gemähten Wiesen.

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Regelbetrieb der Grundschule, man muss es mit Humor nehmen. Täglicher Unterricht mit der ganzen Klasse von der zweiten bis zur vierten Stunde. Mit Busfahrten dauert ein Schultag von zwanzig nach acht bis zwanzig vor zwölf. Dann Hausaufgaben.

In der Schule sitzt das Julikind neben der Freundin, mit der sie auch die Nachmittage verbringt.

„Weißt du was Mama, an der Bushaltestelle, als keiner geguckt hat, hat Lara mich dann einfach mal geknuddelt,“ bekomme ich im Flüsterton erzählt.

Da haben sich die kleinen Mädels tatsächlich über Wochen tapfer an die Regeln gehalten. Ich staune und mir wird einiges klar. Lara geht nach den Ferien auf eine andere Schule. Es sind die letzten gemeinsamen Schultage.

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Das Maikind hat mittlerweile so viel Präsenzunterricht, das es schon wieder Freistunden gab. Es sind sich aber alle einig, dass es mit halber Klassenstärke viel besser geht. Alles.

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Das Märzkind hat diese Woche nur einen Schultag. Nächste Woche werden dann die Bücher abgegeben.

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Nach einigen Wochen warten auf einen freien Trainingstermin dürfen die Cheerleader wieder zu den alten Zeiten in der gewohnten Halle trainieren. In festen „Päckchen“ und mit viel Abstand zwischen den Kleingruppen. Es wird eingetragen, wer da war. Alles besser als nichts.

Plus vier Elterntaxifahrten pro Woche.

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Das Maikind und ich gehen Erdbeeren pflücken. Nach einer halben Stunde wird uns klar, warum die im Moment so teuer sind. Man muss sie fast suchen, auf dem Feld. 9 Kilo reichen für 25 Gläser Marmelade. 3 Gläser werden direkt in den ersten drei Tagen geleert. Das Maikind hat Sorge, dass die Vorräte nicht bis zum nächsten Jahr reichen.

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Eine kleine Gruppe Jugendlicher versucht einen freien Zeltplatz im Juli zu ergattern. Es gibt genau einen Campingplatz in der Umgebung, der für Zelte öffnet, seit drei Tagen warten sie auf eine Antwort auf ihre Anfrage. Ich befürchte das Schlimmste.

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Überall wird Heu gemacht. Ich musste die Dosis der Medikamente anpassen und befinde mich im geistigen Tiefflug. Alles in allem geht es aber ganz gut, dieses Jahr.

Vielleicht fällt es auch einfach weniger auf. Seit März liegen die gleichen Bücher auf meinem Nachttisch. Ich komme nicht zum lesen, und wenn, ist mehr so ein Buchstaben angucken.

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Ich habe nach fast sieben Jahren mal wieder ein Neugeborenes aus der Nähe gesehen. Ich hatte völlig vergessen, wie klein die sind. Es standen zwei Hobby-Footballer neben dem Kinderwagen, das hat vielleicht die Wahrnehmung verzerrt.

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Zum zweiten Mal wurde ein angefragter Zeitraum für die Ferienwohnung kommentarlos nicht wahrgenommen. Es gab zwei neue Anfragen, seltsame allerdings.

Ganz grundsätzlich kann ich sagen, es geht mir dabei um Geld. Diese Anfragen, die so tun, als wäre es ein unfassbares Glück für mich, stundenlang für wildfremde Menschen zu putzen beantworte ich mittlerweile ohne Umschweife: Nein.

Solange ich es mir leisten kann.

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Ein voll besetzter Ferienflieger macht sich auf Richtung Mallorca. Das Märzkind leidet meist leise unter den Kontaktbeschränkungen, hat jetzt aber Schnappatmung. „Wieso dürfen die so in den Urlaub und wir nicht normal in die Schule?“ Ich weiß es nicht.

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In NRW gibt es den ersten regionalen lockdown, nachdem sich jede Menge Arbeiter in einem Schlachthof angesteckt haben. Ich wundere mich, dass scheinbar alle überrascht sind, wie die Leute wohnen (müssen). Reisende Malocher erzählen oft Geschichten von Unterkünften, die sie so angeboten bekommen. Wir sind alle ein bisschen froh, das der Fleischverarbeitende Betrieb im Landkreis letztes Jahr schon pleite gemacht hat.

Vor-Ferien

Wir haben es aufgeschoben, solange es ging, aber jetzt geht’s nicht mehr. Jemand muss das Gelärsch für die Steuererklärung zusammensuchen und jemand muss mit den Kindern Klamotten kaufen. Pest oder Cholera? Der Liebste und ich werden uns schnell einig.

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Wie jedes Jahr nehme ich mir vor, ab jetzt schneller und besser abzuheften.

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Sie haben tolle Sachen gefunden, in Größen, die ich alle so nicht bestellt hätte. Die vier sind völlig erledigt und hoffen sehr, das die Klamotten eine Weile passen. Einkaufen mit Maske ist anstrengend.

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Vier große Tüten mit Sommersachen der Kategorie „schade, das das zu klein ist“ wurden im second hand Laden gerne angenommen.

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Das Auto konnte aus der Werkstatt geholt werden. Es war mehr dran als gedacht, aber anders und daher günstiger als befürchtet. Ein ganz neues Fahrgefühl.

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Mangels Sport im Fernsehen gucken wir wieder Fussball. Die letzten drei Jahre lief hier hauptsächlich Football. Fussball ist langsamer. Viel langsamer. Jammert der jetzt, weil er hingefallen ist?

Ein Bundesliga-Geisterspiel ist akustisch nicht von der Kreisliga zu unterscheiden, stelle ich fest. Vielleicht mache ich doch lieber irgendwas anderes. Gerade, als ich beschließe zu gehen, breitet das Julikind eine Wolldecke über uns aus und kuschelt sich an.

„So ohne Publikum kann man fast einschlafen dabei, ne?“

Stimmt.

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Der Schnellkochtopf schließt nicht mehr so ganz. Alle Dichtungen wurden getauscht, ohne Verbesserungen zu erzielen. Durch Zufall fiel auf, dass der Griff zwei winzige Risse hat, fast unsichtbar, aber so kann der Topf gar nicht schließen. Große Freude! Erstens, weil es das Ersatzteil noch gibt und zweitens, weil der Defekt bemerkt wurde, bevor eine Küchenkomplettrenovierung nötig wurde.

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Fünf Leute stehen murmelnd davor. Die Tatzeit lässt sich sehr genau bestimmen. Der Hauptverdächtige hat wasserdichtes Alibi. Mysteriös.

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Die Grundschule soll ab dem 22. Juni wieder immer für alle öffnen. Abstandsregeln wären damit abgeschafft, das Konzept von „jeder wäscht sich die Hände vorm Unterricht“ bei 6 Grundschulklassen und vier Waschbecken auch eher schwierig umzusetzen. Es gäbe wohl die Möglichkeit, alles so zu lassen, wie es gerade ist. Dafür müssten sich die Eltern dann aber einstimmig entscheiden.

Natürlich gab es keine einstimmige Entscheidung. Innerhalb dieser Klasse ist von Verschwörungstheorie bis zum krebskranken Geschwisterkind alles vertreten. Der Tonfall im chat ist unangenehm. Drei Wochen noch…

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Kontaktsportarten dürfen dann anscheind auch wieder trainieren. Juhu!

In 10er Gruppen, mööööp, also nicht.

Aber das Freibad macht auf, das ist gut.

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Die Kunstnote wird anhand einer Präsentation ermittelt. Picasso hat ungefähr 12 Vornamen und auch ansonsten recht viel gemacht in seinem Leben. Es ist eine umfangreiche und nervenaufreibende Aufgabe. Das Märzkind ist ein neuer Mensch, als es endlich geschafft ist. Alle anderen können sich von Herzen mitfreuen!

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Das Julikind genießt das erste wirklich komplett Hausaufgaben und lernfreie Wochenende seit, man weiß schon nicht mehr wann eigentlich.

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Der Klassenlehrer des Maikindes überlegt, in den Ferien eine Woche online Unterricht anzubieten. Wir wissen das Engagement zu schätzen, ehrlich.

Aber nein.

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Eine Einladung zum Burger essen, wir freuen uns, das letzte mal haben wir im November so zusammengesessen. Die Großen halten Abstand und lassen die Kinder einfach ganz normal spielen. Auf dem Trampolin, im Pool, bis es fast dunkel ist. Einmal alle so richtig ehrlich müde gemacht, nicht nur geistig erschöpft.

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Nach zwei schwülen, heißen Sommertagen regnet es. Kein Unwetter, kein Hagel, einfach nur richtig Regen, wie bestellt.