Füsse, Wind und aufgefrischte Allgemeinbildung

Flugzeuge. Viele. Morgens um viertel nach sieben sieht man am Himmel über dem Wald ein Schachbrettmuster aus Kondensstreifen. Dieses leise Brummgeräusch, es ist auch wieder da. Vor Corona dachte ich, so hört sich die Welt eben an. Nee, das sind die Flugzeuge. 71 hat er gezählt, sagt das Maikind, als er von der Hunderunde wiederkommt, und das war nur die kleine Runde.

Das Gute daran ist, man kann sonntags morgens wieder die große Hunderunde im Tal am Flüsschen entlang gehen. In zwei Stunden begegnen mir nur vier Menschen. Ich höre sie erst wenige Meter, bevor wir uns treffen. Diese krakelenden Wandergruppen in nagelneuer outdoor-Bekleidung, die im Wald verzweifelt nach W-Lan suchten, sind anscheind wieder auf Malle. So ist es ja für alle schöner.


Ein Computerteil wird geliefert, das Maikind verschwindet freudestrahlend in seinem Zimmer. Das Teil ist neu. Der Computer läuft seit Juni, da waren alle Teile neu. Ein Bauteil für 100 Euro hält also, bei sachgerechter Nutzung 3 Monate? Echt jetzt?


Sonntag, der letzte freie Tag des Märzkindes, Herbstferien, wir könnten doch mal was unternehmen. Wir müssten sogar mal was unternehmen. Was soll man denn sonst erzählen, nach den Ferien? Also? Irgendwer eine Idee? Das Julikind darf nicht schwimmen, wegen Fuss. Draußen rumlaufen geht auch nicht, in den Latschen. Im Kino läuft nichts, was man zusammen anschauen wollen würde. Museum? boar nee. Ein Gesellschaftsspiel vielleicht? Ach komm, geh weg. Das Maikind fragt, ob er dann wieder ins Zimmer gehen kann, weil, er hätte da schon Dinge zu tun. Ja, kann er, wie es aussieht bleiben wir zu Hause. Wir Mädels erzählen uns, worauf wir sonst noch alles keine Lust haben, heute.

Wie wäre es denn, wenn wir etwas von der „jemand müsste mal- Liste“ erledigen? Dafür scheint der Tag geeignet. Wir holen uns die Klamottenkisten vom Dachboden. Was dem Märzkind vor zwei Jahren zu klein war passt dem Julikind. 4 neue Hosen auf einen Schlag, einfach so. Mensch, das hat sich aber mal gelohnt, damit hatten wir nicht gerechnet. Einige Sachen können in den second hand Laden, anderes in den Sack. Die Kiste ist leer, das Märzkind geht ins Zimmer und sortiert Sachen aus, die aktuell zu klein sind, die Kiste kann wieder hoch.

Zwei Klamottenkisten und eine mit fragwürdiger Adventsdekoration haben wir geschafft. Es fühlt sich gut an. Danach räumen wir den Kleiderschrank des Julikinds einmal komplett aus. Was jetzt noch drin ist passt, dem Kind und zur Saison.


Julikind hat Termin bei der medizinischen Fusspflege. In der Praxis steht eine kleine Weihnachtspyramide auf dem Tresen. Sie wird mit Teelichtern betrieben. Überhaupt brennen hier überall Teelichter. Es ist dieser Ayurvedisch-weihnachtliche- Wellnessgeruch. Das kann ich nicht gut wegatmen. Die Deko ist eine wilde Mischung aus indischem Souvenir-Kitsch und Eulen, interessant.


Eine Sturmwarnung ploppt auf. Das nehme ich zum Anlass im Garten ein bisschen aufzuräumen. Wir sitzen eh nicht mehr draußen. Ich richte mich in Sachen Sturmvorbereitung nach den Nachbarn. Wenn die das Gewächshaus mit Spanngurten sichern, wird`s heftig. Wenn nicht, dann nicht. Tja, diese analoge Warnapp funktioniert so nicht mehr. Da wurde ein Wohnmobil angeschafft, das parkt als Windbrecher vor deren Gewächshaus, fällt mir gerade auf.


Die Heizung tropft. Das ist nicht gut. Im Oktober schon garnicht. Der Außendienstler sagt, das sei kein Problem, halbe Stunde. Ich assistiere mit der Taschenlampe. Es ist wirklich kein Problem zu sein, wenn man weiß, was und wie. Ich lerne, wie eine Lötstelle aussehen sollte, damit es nicht tropft. Merke: Alle grünen Wasserhähne im Kellerraum einmal komplett zudrehen – dann komplett aufdrehen – dann eine halbe Drehung wieder zudrehen, immer Ostern und Weihnachten, jedes Jahr. Dann kann man sich sicher sein, dass die Hähne nicht zukalken und sich drehen lassen, feine Sache, wenn man mal Wasser abdrehen muss.

( Danke, danke, danke an den Notfall-Klempner)


„Hä? Warum gibt es denn am Donnerstag Brötchen?“, will das Maikind wissen. „Wegen Sturm“, sage ich. Der Bus vom Märzkind kam nicht, heute morgen. Deshalb war ich schon im Städtchen. „Du kannst fahren, aber der Bus nicht?“ Ja, weiß ich auch nicht wieso.

Gegen Mittag fegen ein paar heftige Böen ums Haus. Ich sichere provisorisch die Gewächshaus-Fenster.


Der Liebste hat keine Schrauben mehr im Fuss. Juhu!


Ich fahre 60km/h auf der mittleren Spur, die Autobahn ist voll. Ooohhh, Blaulicht im Rückspiegel, wo muss ich denn hin? Ich würde sagen nach rechts, aber der vor mir hält sich links, oohhh. „Linke Spur fährt nach ganz links, alle anderen so weit rechts wie möglich“, sagt der Liebste. OK, einen Führerschein würde ich auf keinen Fall mehr bestehen, aber, die drei Fahrzeuge hinter und vor mir haben noch länger gebraucht.

So, un wenn da jetzt gleich Stau kommt, geh ich vorher besser nochmal pullern, in 800m kommt eine Raststätte.

„Wollen Sie wirklich 50 cent verschenken?“ steht an der Toilettentür. Jo, könnte ich eigentlich. Im Restaurantbereich steht eine ganze Busladung voll 13 jähriger für Schnitzel und Burger an. „Hi, will von euch vielleicht jemand meinen Bon einlösen?“, frage ich in die Runde. Die pubertierenden Hirne brauchen einen Moment, um die Frage zu verarbeiten, das kenne ich. Alle wundern sich. „Ähm, joo“, sagt einer, ist sich aber nicht sicher, ob er vereiert wird. „Bitteschön“, sage ich und gebe ihm den Bon. Damit hatte er anscheind nicht gerechnet. „Äh, wow, danke“, ich sehe strahlende Augen und vermute ein Grinsen unter der Maske. Der freut sich definitiv mehr über die 50 cent als ich mich über ein überteuertes Snickers, das ich sonst aus Geiz hätte kaufen müssen.

Oktober 21, Halbzeit

„Mmmmhh, das riecht hier aber….gut. Irgendwie nach, ja nach was denn eigentlich?“ Ein Gast hat uns eine Tüte Äpfel geschenkt, aus dem Garten seiner Oma, in Polen. Sie sind eher klein, dunkelrot, haben erkennbar den Sommer draußen verbracht und duften herrlich. Lecker sind sie auch. Wieso kann man solche Äpfel eigentlich nicht kaufen, fragen die Kinder. Gute Frage.


Das Märzkind braucht eine Hose und ein paar Schuhe. Brauchen im Sinne von brauchen. Klamotten einkaufen und Mathe-Aufgaben können das Märzkind und ich nicht gut zusammen. Wir treiben uns dabei ohne böse Absicht gegenseitig in den Wahnsinn. Normalerweise geht der Liebste mit ihr einkaufen, aber darauf können wir nicht mehr warten. Statt einer Hose finden wir einen Winterpulli, einen Schal und ein Bikinioberteil, die Suche danach wurde schon aufgegeben, entsprechend groß ist die Freude. Wir haben uns den ganzen Nachmittag nicht angezickt, fällt uns auf der Rückfahrt auf, kaum zu glauben. Und ich habe neue Schuhe. Nach Wochen der erfolglosen Suche, einfach so im Vorbeigehen gekauft.


Das letzte Mal hatte ich für 1,38 Euro den Liter getankt. Diese Woche kostet der Liter 1,48 Euro, ich muss kurz schlucken. Am Zielort kostet der Liter 1,56 Euro. Yeah, da hab ich aber ein Schnäppchen gemacht.


Voruntersuchung steht im Kalender. Die Schrauben im Fuss des Liebsten sollen wieder raus. Morgens um halb sechs fahren wir vom Hof. Bemerknisse:

Ein Tempolimit von 130 würde mich nicht betreffen. In den zwei Stunden auf der Autobahn hatte ich nicht einmal das Gefühl 130 fahren zu können.

In dieser Klinik gibt es auffallend wenig übergewichtige Menschen. Gar keine, eigentlich.

Die Stimmung im Röntgen-Wartebereich ist zweigeteilt. Die Ü-60 jährigen sind fröhlich, die U-30jährigen nicht. Vermutlich haben die einen auf ihre OP`s warten müssen, für die anderen war es eine Überraschung.

Cafeteria geschlossen ist blöd. Als die Kinder gegen Mittag Fotos von ihrem Instagramm tauglich hergerichteten Essen schicken droht die Stimmung kurz zu kippen.

Wann sind wir eigentlich das letzte Mal zusammen vier Stunden lang über Krankenhausflure gelaufen, fragen wir uns auf der Rückfahrt. Noch nie. Es dauert insgesamt 10 Stunden und 45 Minuten, bis alle Zettel, die gebraucht werden da sind, wo sie sein müssen. Zum Glück waren die Leute an jeder einzelnen Station sehr nett, sonst wäre das wirklich nervig gewesen.

Da hatte ich doch tatsächlich gedacht, wenn sich drei Kindern zum Mittag ein Kilo Tortellini kochen, bliebe etwas übrig. Falsch gedacht.

Das Julikind war gestern noch kleiner.


Die Hose und Schuhe? Nächste Woche muss sie arbeiten, sagt das Märzkind. Also heute. Nach einer Stunde dämmert mir, dass diese eine perfekte Hose möglicherweise im Moment nicht verfügbar ist. Ich erkundige mich bei der Verkäuferin, in welchem Rythmus denn Ware geliefert wird. Ware wird jeden Tag geliefert, sagt sie. Was aber wann genau geliefert wird, das kann im Moment niemand sagen. Das einzige was sie mit Sicherheit sagen kann ist, das etwa die Hälfte von dem, was sie für den Herbst geordert hatten garnicht kommen wird, die Lieferkette hängt durch. Mit leicht gesenkter Stimme gibt sie mir durch die Blume zu verstehen, dass man die perfekte Hose in dieser Saison eventuell nicht kaufen können wird, sie habe auch eine Tochter in dem Alter, fügt sie hinzu. Wir schweigen einen Moment gemeinsam.

Hosen finden wir an diesem Nachmittag. Schuhe nicht.


Das Maikind muss einen Teil seines Computers zurückschicken. Er möge mir bitte diktieren, was ich da in den Rücksendeschein eintragen soll. Das hat er mir doch schon gesagt, sagt er. Ich habs nicht verstanden.


Im Baumarkt ist der komplette Weihnachtsmarkt aufgebaut. Das erscheint mir unangemesen früh. Obwohl. In zwei Wochen wird die Uhr umgestellt und in sechs Wochen ist Advent. Oh ha.

KW40/2021

Die Apotheke ist klein, auf dem Schild an der Tür steht, es dürfen bitte immer nur zwei Personen gleichzeitig eintreten. Drin steht eine Frau mit Kleinkind im Kinderwagen. Gilt das jetzt als zwei Personen? Ein Mädchen im Grundschulalter wartet auch draußen, sie gehört bestimmt dazu. Ein Erwachsener kommt aus der Apotheke, den hatte ich garnicht gesehen, das Mädchen geht rein. Ich warte. Nach zwei Minuten stehen noch drei Leute hinter mir. Alle mit Maske und Abstand, es sieht aus, als wäre Pandemie, hier. In der Eisdiele nebenan nicht. Das Mädchen kommt wieder raus und spricht mich an. Sie soll sagen, ich kann ruhig reinkommen, ein Platz ist frei. OK, dankeschön.


De Omma hat einen geordneten Tagesablauf. Alles hat seine Zeit. Heute müssen Brombeeren gepflückt werden. Zufällig passt es mir genau zu der Zeit am besten, in der sie ihre Mittagspause macht. Ich habe ein bisschen ein schlechtes Gewissen, aber ohne Hilfe bin ich eine Stunde schneller.


Maisernte läuft. Wohin man auch fährt, immer fährt ein Traktor mit einem Container voll Maishäcksel vor einem. Im Feld sieht es auf einmal ganz anders aus, ohne die grünen Wände.


„Un? Heiligabend dieses Jahr wieder bei euch, oder haben wir sie alle unterm Baum sitzen?“ Es war nur ein halber Satz, ein scherzhafter Gedankengang, mit den Reaktionen hatte ich nicht gerechnet. Also, die Aussicht, dass man das eventuell irgendwann mal bei uns…das wäre eine Erleichterung, sehr nett, dass wir das anbieten, gute Idee, hatte man schon länger gedacht, dass es so doch eigentlich einfacher… 12 Leute dann also, wird ein bisschen kuschelig, aber das passt, es wäre gut, wenn man den Baum verschieben könnte, in der Garage liegt eine Tischplatte, da müssen wir nur Rollen besorgen…

Ich habe noch vier Rollen von einem anderen Projekt übrig, das Maikind verschwindet in der Garage. Eine halbe Stunde später werde ich als Beispiel-Baum zu Testzwecken durchs Wohnzimmer geschoben. Das geht genauso, wie er sich das gedacht hat, nur bis in die Küche halt nicht. Gut. Dann kein Weihnachtsbaum in der Küche.

Ich informiere meine Geschwister über den geänderten Ort und lade ein. Dankeschön, wussten sie aber schon.


Elternabend auf der weiterführenden Schule. Bemerknisse: Die Klassenräume haben wirklich keine Türen. Ich dachte, das wäre ein Scherz. Der Sinn erschließt sich mir nicht. Je größer die Kinder werden, desto angenehmer werden die Elternabende. Berufsschullehrer unterscheiden sich optisch von Berufsschulschülern nur durch ein Sakko.


Die Taschen meiner neuen Jeans sind lächerlich klein. Da beim nächsten Hosenkauf unbedingt drauf achten. Den Hausschlüssel in die Gesäßtasche zu tun ist keine komfortable Lösung. Wo hab ich denn..? Ich hatte doch…Jackentasche.


Das Märzkind hat alte Videos auf dem Laptop gefunden, die könnten wir ja mal zusammen anschauen nach dem Abendessen. Ich wundere mich kurz, aber können wir gern machen. Zu viert klicken wir uns durch alte Zeiten. Abends um halb neun ruft jemand auf dem Festnetztelefon an. Das ist ungewöhnlich. Ich gucke fragend und erfahre: Facebook läuft nicht, deshalb auch kein whattsapp und kein Insta, schon seit drei Stunden nicht. Ah so. Ist auch mal schön.


„Morgen dann nur drei Stunden“, sagen die Kinder. „Hä? Wieso denn nur drei Stunden?“ „Herbstferien, Mama“. Oh, okay, dann also Herbstferien, jetzt.

KW39/2021

Da war doch was. Wegen des leicht verdichteten Alltags habe ich am Sonntag nur den Zettel in den Kasten geworfen und dann garnicht mehr weiter dran gedacht. Haben wir eigentlich eine Regierung? Dauert wohl noch ein bisschen. Wer da wann mit wem über was spricht interessiert mich gerade überraschend wenig, stelle ich fest. Die sollen einfach sagen, wenn sie fertig sind.


Jetzt koche ich schon seit 6 Wochen. Normalerweise reichen meine 15 Standard-Gerichte, zwischendurch kocht immer mal wieder der Liebste, der macht das ganz gerne. Mittlerweile bin ich auch mit allen nicht Standard-Gerichten durch. Ich habe keine Ideen mehr – und keine Lust, um ehrlich zu sein. *Werbung, unbezahlt, unbeauftragt Da scheine ich aber nicht die einzige zu sein, denn es gibt eine ganz einfache Lösung. Chefkoch-Rezepte-Wochenplan-KW40-schnelle Alltagsküche. Einkaufszettel schreiben. Fertig is die Laube.


Telefon klingelt. Die Brombeeren müssen gepflückt werden, sagt de Omma. Gut, ich gucke, wie ich es einrichten kann, sage ich. Nein, sagt de Omma, die müssen heute gepfückt werden, nicht „wenn ich es einrichten kann“, jetzt. Jetzt, kann ich nicht, wenn es denn heute unbedingt sein muss, werde ich das schon irgendwie hinbekommen, aber dann muss sie es aushalten, wenn die noch hängen bis heute nachmittag um fünf.

Oh, da wurde anscheind ein neues Level freigeschaltet, denke ich. So habe ich noch nie mit meiner Omma gesprochen. Das ist kein Problem, sagt die Omma, sie sei sowieso den ganzen Nachmittag im Garten.

Beeren pfücken mit Ommas Hilfe ist anstrengend. So wie ich das mache, einfach alle in den Eimer rein, so geht das nämlich nicht, da hängen ja zum Teil sogar noch die Stiele dran. Oooooommmmmm. „Ich tue die gleich alle so in den Entsafter, und mir ist es total egal, wenn da noch Stiel dran ist, Johannisbeeren entsafte ich auch mit Stiel, das macht mir garnix“, sage ich. Die Omma murmelt. „Jetzt sag nicht, tu pulst jede einzelne Johannisbeere ab, vorm Entsaften“. „Nee“, sagt die sie, bei Johannisbeeren sei das anders, abgesehen davon ernte ich viel zu schnell, wenn sie das macht, das dauert länger. Sie ist 89. Ich richte meinen Blick gen Himmel und flehe um die Rückkehr der Senioren-Nachmittage. Die Alten müssen sich wieder einmal im Monat gegenseitig volllabern, sonst werden wir alle wahnsinnig, diesen Winter.


Bienen füttern, die zweite Runde. Einige Völker haben alles bis auf den letzen Tropfen verwertet, bei manchen ist der Eimer noch halb voll, ein Volk hat noch nichtmal angefangen. Ich hebe die Beuten an einer Seite leicht an und murmele so vor mich hin. Wieviel 6 Kilo Schmutzwäsche sind, das kann ich in etwa sagen, aber wie schwer ein Bienenkasten vor dem Winter sein muss, da hab ich kein Handgewicht, machen wir uns nichts vor, ist Glücksache, diesen Winter.


Wieder mal muss ein Fuss in die Chirurgie begleitet werden. Es gibt da einige Möglichkeiten, wir probieren erst alle anderen bevor was geschnitten wird, sagt die Ärztin, das Julikind ist erleichtert.


Meine Güte, die Mengen, die ich an Lebensmitteln einkaufe, kann das denn sein. Jo, kann es. Der Liebste kauft sonst teilweise selber ein, und nimmt das direkt mit an die Arbeit. Außerdem hat der Schulkiosk geschlossen, weil, wegen Bauarbeiten auf dem Gelände gibt es das Gebäude im Moment nicht.

Ich bin ein bisschen erleichtert, dass heute eine andere Fleischereifachverkäuferin Schicht hat und ordere, 40 Scheiben Salami, 20 Scheiben Mortadella, 20 Scheiben Schinken und 30 Scheiben Käse – zum dritten mal in dieser Woche. Die drei Brote, die ich Dienstag morgen am Bäckerauto geholt habe sind Donnerstag abend weg. Zum Glück war noch was eingefroren.


Haben wir eigentlich noch Arbeitshandschuhe vorrätig, zum Holzstapeln? Ähm ja, aber nein. Es gibt eine Sammlung an einwandfreien linken Handschuhen in verschiedenen Größen und Ausführungen. Leider kann man nur mit linken nicht viel anfangen. Es werden also neue gebraucht. Überraschung, ich habe die kleinsten Hände. Ich besorge also Handschuhe in meiner Größe und eine Nummer größer für das Märzkind und noch eine Nummer größer für das Maikind. Ein sentimentaler Moment vorm Baumarktregal. Ich weiß noch, wie schwierig das war, damals, die kleinen Finger in den kleinen Handschuhen zu sortieren.

Eine Wagenladung Holz verräumen die drei plus eins Kinder ganz alleine. Das ist toll. Im Haus ist nämlich auch einiges liegen geblieben.


Besonderer Dank gilt diese Woche an den netten Besuch, der Spritzgebäck mitbrachte. Das kam genau zur richtigen Zeit, in einer Menge, die alle Herzen im Haus erfreuen wird.

Bienen, Kühe, Hirsche & Menschen

Im Supermarkt ist das volle Weihnachts-Süßigkeiten-Sortiment aufgebaut. Die ersten bunten Blätter sind zu sehen. Morgens bei der frühen winzigen Hunderunde und abends bei der letzen hören wir die Hirsche röhren. Der Hund ist leicht verwirrt. Das war doch sonst nicht.

Hallo Herbst! Die erste Jahreszeit dieses Jahr, die ich bewusst wahrnehme. Frühling und Sommer sind an mir vorbeigerauscht.


Beim Wäsche aufhängen komme ich mit dem Gast der Ferienwohnung ins Gespräch. Er spricht mehrere Sprachen, deshalb ist er meist derjenige, der Kollegen nach Unfällen mit ins Krankenhaus begleitet. In Deutschland muss man lieber nicht ins Krankenhaus, sage ich. Garnicht hin zu müssen ist natürlich immer am besten, da sind wir uns einig, aber wenn, dann sei Deutschland „the best“, sagt er. Belgien wäre auch sehr gut, in Polen aber, wenn man da keine pivate Versicherung hat, dann dauert es, bis jemand Zeit hat. Sein Kollege hatte sich die Fingerkuppe abgesägt, 6 Stunden haben sie gewartet und das Blut die ganze Zeit so – er macht eine Handbewegung Richtung Boden – „not good“. Oh. Mit dem Wissen das ich jetzt habe, würde ich sagen, da ist wirklich alles prima gelaufen, bei dieser Fuss-Sache de Liebsten. Für die Möglichkeit der Krankenversicherung für alle bin ich eh immer dankbar.

Am gleichen Tag begegnet mir die pflegende Freundin. Wir haben uns schon eine Weile nicht gesehen, und unterhalten uns kurz. Sie hatte sieben Tage Dienst am Stück und war sowas von fertig. Da ging nichts mehr. Vier Leute hätten sie sein sollen, in der Schicht, es ist jemand krank geworden, also haben sie es eben zu dritt gewuppt, es gibt niemanden mehr, den man anrufen könnte. Während Corona hatte sie die Hoffnung, dass sich was ändert. Danach sieht es nicht aus. Vielleicht fängt sie an, sich nach etwas anderem umzusehen. Das schwingt schon länger mit, wenn sie erzählt, aber laut gesagt hat sie es zum ersten mal.


Ich habe 100 Kilo Zucker gekauft, und weil ich schon mal im Großhandel war, noch 5 Kilo Spagetti dazu. Die Frau an der Kasse hatte ein großes Fragezeichen im Gesicht. Diese Kombination wird wohl nicht häufig genommen. „Bienenfutter und Teenager“ erkläre ich. „Ach, ja. Für Bienen. Sicher. Man nimmt den Honig raus – und dann brauchen die ja irgendwas – sicher. Da denkt man ja sonst nicht drüber nach, fressen die denn Zucker?“ Jo, tun sie.

Ich habe 50 Kilo Zucker zu Sirup gekocht und auf die Bienenvölker verteilt. Es lief etwas holprig. Der Liebste hat Garage und Scheune so organisiert – das ist für mich nicht intuitiv bedienbar. Ich musste alles suchen. Was ich fand, war zum Teil nicht einsatzbereit. Ich habe improvisiert und die nächste Runde wird schneller gehen.


Der Hund von „wo wir immer die Milch holen“ hatte einen Unfall. Vorsichtig erkundige mich, wie es ihm geht. Geht so, erfahre ich, drei Wochen muss er noch ruhig gehalten werden, richtig ruhig, das ist natürlich nicht sein Ding, aber muss, es war knapp. Tja, da könnte er sich mit dem Liebsten zusammentun, der muss auch noch drei Wochen ruhig gehalten werden. Wir kommen ins Gespräch.

Es wird neue Kühe geben demnächst, die Umstellung hat gerade angefangen, ob ich mal gucken will. Jo, gerne, ich mag Kühe. Die neuen Kühe sind eigentlich alte, also eine alte Rasse. Der Unterschied ist im direkten Vergleich leicht zu erkennen, die sind kleiner und haben Zitat: „stabilere Füsse und einen dickeren Arsch“, ( sehen aus wie die in den Ali Mitgusch Wimmelbüchern). Sie geben weniger Milch. Das macht aber nichts, weil sie länger leben und viel gesünder sind, unterm Strich lohnt sich das. Und so nebenbei wurden noch zwei Galloway-Rinder gekauft. Die sind noch robuster und sollen in der Landschaftspflege arbeiten, das ist jetzt neu, Flächen werden anders genutzt, wegen Wirtschaftlichkeit und Weltrettung. Das freut den Imker-Haushalt.


Der Liebste wird allmählich unruhig. Irgendwas will er auch tun. Egal was. Es muss doch irgendwas geben, von der samstäglichen Haus und Hof to-do-Liste, was man im Sitzen erledigen kann. Das Julikind bietet ihm an, ihre Hausaufgaben zu machen. Nee, nee, sagt er, das nun auch nicht. Tja, da bliebe noch das Sockenmemory und Taschentücher bügeln, sagen die Kinder. Jeder weiß, das der Liebste nix bügelt. Taschentücher bügeln ist hier sowieso Kinderarbeit.

Ich erledige verschiedene Draußen-Aufgaben. Als ich wieder rein komme liegt ein Stapel akkurat gefalteter Taschentücher auf dem Tisch. Ich gucke fragend. Der Knopf für die power-Dampffunktion des Bügeleisens habe geknackt, der darauf folgende Dampfstoss war gewaltig und ging durch das Bügelbrett durch, es sieht so aus, als sei die Taste möglicherweise defekt, jetzt, sagt der Liebste. Eine leichte Brandverletzung auf dem rechten Knie, hat er, natürlich nicht der Rede wert. Aber ungefährlich ist das nicht, bügeln im Sitzen, sagt er.

September 21, Halbzeit

Offensichtlich muss immer erst eine bestimmte Menge an chaotischem Zeug zusammenkommen, bevor es wieder besser werden kann. In dieser Woche wurde es zum Glück besser.


Der ganze Haushaltskram hat einen neuen Rythmus gefunden. Die Kinder haben sich die zusätzlichen Aufgaben so untereinander verteilt, dass man weiß, wer was wann macht, oder hätte machen sollen. Es ist doch einiges, was der Liebste sonst erledigt, ohne dass da groß drüber gesprochen wird.

Getränkekisten schleppe ich genauso ungern durch die Gegend wie Holz, habe ich festgestellt. Auf gut Glück schreibe ich, während ich auf das Julikind warte eine Nachricht in die Familiengruppe. Jemand soll schon mal den Tisch decken und jemand muss gleich die Getränkekisten aus dem Auto in die Garage räumen. Als wir nach Hause kommen steht tatsächlich alles fürs Abendbrot bereit. Das Pluseinskind geht an mir vorbei nach draußen. Ich gucke fragend. Er guckt auch fragend. Ich hätte doch gesagt, sie können sich aussuchen, wer was… das Maikind wollte lieber Tisch decken und er macht dann gerade mal das, was er sowieso immer macht… Ah so, sicher, gerne, Auto ist auf. Ich sage „dankeschön“, er sagt „aahhwas“. Das Pluseinskind arbeitet als Leergutautomat. 6 Kisten, sind „pffffff“, sagt er, und macht so eine abwinkende Handbewegung.

Der Liebste erhält volle Anteilnahme aus dem Freundes und Kollegenkreis. 6 Wochen nur auf dem Sofa liegen, so garnichts machen dürfen. Wirklich nichts, weil, er kann ja ganz offensichtlich nicht, meine Güte, dass will man sich garnicht vorstellen, man würde verrückt werden. Ähm ja, so gesehen ist mein Alltag gerade wie Ponyreiten im Sonnenuntergang. Ich kann alles und muss überhaupt nicht auf dem Sofa sitzen.


Ich habe in einer Woche eine ganze Tankfüllung verfahren. Das habe ich, glaube ich, noch nie.


Die Schule findet allmählich wieder in den Alltag. Diese Woche gab es den dritten Stundenplan. Beim Maikind bleibt es bei zwei kleinen Klassen. Freude! Es sah kurz so aus, als müsste man aufgrund von Lehrermangel eine große Klasse daraus machen. Theoretisch wäre das möglich gewesen. Praktisch ist es aber so für alle viel schöner.


Ich gebe zu, ich hatte da keinerlei Hoffnungen mehr. Umso mehr freut es mich, ja, fast habe ich das Bedürfnis, zur Feier dieses Ereignisses ein Piccolöchen zu öffnen. Im 17 Monat der Pandemie, nach nur zwei Schulschließungen, erhalten alle Lehrer*innen dienstliche Mailadressen. Man kann also, ohne vorherige Recherche, einfach so, nicht nur die Klassenlehrer, nein, sogar Nebenfachlehrer kontaktieren, wenn man das denn möchte. Das sowas geht.

Leider, erfahre ich auf dem Elternabend, sind diese Mailadressen so dermaßen sicher, das der Vorgang des Einloggens mehrere Minuten in Anspruch nimmt, vom Mobiltelefon aus sogar unmöglich ist. Kommunikation über die bisher genutzten privaten Mailadressen ist nicht mehr erlaubt. Man bittet um Verständnis, dass sich dadurch die Reaktionszeit entsprechend verzögert. Die versammelten Eltern entscheiden, dass wir alle ausreichend befreundet sind, um diesen whattsappchat mit Klassenlehrer solange weiter zu betreiben, bis es amtlich verboten wird. Datenschutz. Als ob die Leherer*innen nicht sowieso mitbekommen würden, was so los ist, bei den Blagen.

Es wurden neue Codes für die offizielle Lernplattform generiert. Yeah! Da hätte das Maikind dann im Ernstfall, von dem wir natürlich nach wie vor hoffen, dass es dazu nicht kommt, tatsächlich eine Chance sich wieder in Online-Unterricht einzuloggen. Nach drei Wochen Totalausfall im Mai.


Bienenfutter ist ausverkauft. Überall, in der echten Welt. Das ist blöd. Verschiedene Überlegungen laufen.


Abends, bei der letzen kleinen Hunderunde begegnet mir ein Feuersalamander in XL. Feuersalamander begegnen mir öfter, aber nicht in dieser Größe. Ich staune. Morgens, bei der großen Hunderunde begegnet mir ein Eisvogel. Den kenne ich nur aus der Bierwerbung. Ich wußte garnicht, dass es die hier gibt, am Flüsschen. Vielleicht sollte ich mir mal angewöhnen, eine Kamera mitzunehmen. Das glaubt einem ja sonst keiner, so dermaßen idylisch ist das.

Beobachtungen zur Digitalisierung und zum Gesundheits- und Bildungswesen zwei Wochen vor der Wahl

Ein Kühlakku war zu wenig, das hatte ich mir gleich gedacht. Vom ersten Arztbesuch bis zur Diagnose hat es zwei Wochen gedauert, von Diagnose bis OP-Termin dann aber nur 24 Stunden. Samstag nachmittag würde ich den Liebsten gern besuchen, in der Klinik. Das geht natürlich nicht einfach so, Corona.

Beginn der Besuchszeit ist um 15 Uhr. Um 14.57 Uhr reihe ich mich in die Warteschlange ein. Vor mir zwei Senioren und ein Elternpaar mir einem jungen Mann im Rollstuhl. Die Senioren möchten jeweils jemanden besuchen, sie weisen ihren Impfstatus nach und bekommen ein Blatt in die Hand gedrückt, dass Sie bitte ausfüllen und wieder abgeben sollen. Der junge Mann soll vorstellig werden, das örtliche Krankenhaus traut sich da nicht ran. Das ist Alltag hier, er möge sich in die Ambulanz begeben. Ah, die Eltern wollen mit? Das ist was anderes. Zwei Leute dürfen eigentlich nicht mit, aber wenn sie beide Eltern sind, nagut, das sollte gehen. Leben denn alle drei im gleichen Haushalt? Nein? Dann bitte jeder einen Zettel ausfüllen, und die Eltern jeweils den Impfstatus nachweisen. Langsam werde ich ungeduldig. Die beiden Senioren haben ihre Selbstauskunftszettel fertig ausgefüllt. Der Mann fragt höflich, ob er denn eventuell vor dürfte, um den Zettel abzugeben. Ja, darf er. Die Besucherwarteschlange geht mittlerweile bis vor die Tür. Ja, die zweite Seniorin, die vor mit in der Schlange war darf auch den Zettel noch abgeben. Dann bin ich dran.

ich: „Ich möchte meinen Mann besuchen.“

die Dame: „Da muss ich einmal bitte ihren Impf- oder Testnachweis sehen.“

Ich wedele mit dem Handy. Suche nach dem QR-Code zum einchecken

die Dame: „Nee, Äpps haben wir hier nicht.“

Ich krame meinen Impfpass raus, schlage die Seite mit den Covid19-Impfungen auf und reiche ihn der Dame durch das dafür vorgesehene Loch in der Scheibe

die Dame: guckt einmal kurz drauf, sagt „OK“, (kein Blick auf die Vorderseite, wo der Name steht), beginnt in ihre Zettelwirtschaft zu durchwühlen, findet den Ausdruck, auf dem der Name meines Mannes steht, überlegt, guckt mich an und teilt mir abschließend mit „da sind schon zwei“

Ich verstehe nicht, was das heißen soll und frage nach

die Dame: „da sind schon zwei Besucher“

Ich bin nervlich mittlerweile etwas angespannt, „gute Frau, ich bin mir sicher, dass da nicht schon zwei Besucher sind, weil, ich bin gerade zweieinhalb Stunden Auto gefahren, um herzukommen. Soweit wohnen wir nämlich weg, da kommt niemand spontan vorbei.“

Die Dame durchwühlt ihren Stapel erneut, kommt zu dem Schluss, dass da einfach zwei Patienten auf dem Zimmer sind, und dann müsste ich bitte den Zettel noch ausfüllen

ich: „ich bin die Ehefrau, ich bin als Besuchsperson eingetragen, meine Daten sind hinterlegt“

Die Dame reicht mir wortlos den Zettel und weist mich Richtung Zettelausfüllstation.

ich: „Also, ich fülle jetzt diesen Zettel aus, reiche Ihnen den hier rein und gehe dann aufs Zimmer, ist das OK für Sie“

die Dame: „ja, Sie sind ja die Ehefrau“

Ich gehe in den Zettelausfüllbereich, gebe Auskunft darüber, dass ich kein Halskratzen oder Fieber habe, wen ich hier wann genau aus welchem Grund auf welchem Zimmer besuchen möchte und dass ich in keinem Risikogebiet war. Ich reiche den Zettel durchs Fenster, die Frau, die nach mir in der Schlange stand hat ihren Zettel noch garnicht bekommen, die Stimmung im Rest der Warteschlange ist angespannt.

Ankunft im Patientenzimmer um 15.25 Uhr.


Montag kann der Liebste nach Hause. Es gibt eine extra Verwaltungskraft, die sich nur um Besucherzettel kümmert, nach zwei Minuten bin ich drin und freue mich – zu früh. Die Tasche hat er schon gepackt, sagt der Liebste, wir müssen nur noch auf den Mann vom Sanitätshaus warten, der die Orthese bringt, und einen Arztbrief. Nach anderthalb Stunden frage ich nach. Tja, also der Arztbrief sei gedruckt und müsse nur noch unterschrieben werden und das Sanitätshaus komme immer so gegen Mittag, also quasi jeden Moment. Eine halbe Stunde später kommt jemand. Nach einer freundlichen und routinierten Einweisung in die Handhabung der Orthese warten wir nur noch auf den Arztbrief. Und warten. Und warten. Wir befinden uns im 21. Jahrhundert, im siebzehnten Monat einer Pandemie, es ist das homeoffice Zeitalter. Ich komme mir verarscht vor, wenn ich hier auf einen Zettel warten soll, der angeblich vor zwei Stunden schon gedruckt wurde. Ich suche die Adresse der Hausarztpraxis raus, schreibe auch die email Adresse dazu, das Städtchen hat, glaube ich, sogar einen Brieftaubenverein, vielleicht sollte ich derern Kontaktdaten auch angeben, falls ihnen die anderen Wege zu modern sind? Da kommt zum Glück der Kaffeewagen durch. Man ist überrascht, dass dieses Zimmer immernoch belegt ist, aber wir bekommen beide einen Kaffee. Das hilft. Danach nehme ich die Tasche und wir machen uns auf Richtung Dienstzimmer, um mitzuteilen, dass wir dann jetzt gehen. Man bittet uns um einen Moment Geduld, da sei extra für uns jemand auf dem Weg. Ein Pfleger kommt mit dem Arztbrief durchs Treppenhaus gesprintet. Außerdem bekommt der Liebste noch eine Bonus-Thrombosespritze für heute Abend, weil der nächste Arztbesuch erst am Donnerstag ist, und die Klinik darf nur ein Rezept für zwei ausstellen. Das ist nett.


Dienstag nachmittag mache ich mich auf den Weg, das Rezept einzulösen. Die Apothekerin murmelt vor ihrem Bildschirm. Leider kann sie zwei Thrombosespritzen nicht bekommen. 10 könnte sie mir geben, allerdings nicht auf dieses Rezept, weil da ja nur zwei drauf stehen, ob ich es vielleicht nochmal woanders versuchen will? Vielleicht hat eine andere Apotheke diese Packungsgröße noch vorrätig. Um es kurz zu machen: Nö. Diese Packungsgröße ist nicht vorrätig und nicht zu bekommen. Ich gehe also zur Hausarztpraxis und bitte um ein anderes Rezept. Das sei kein Problem, erfahre ich zu meiner Freude. Nur leider ist die Ärztin gerade in einer längeren Untersuchung, da müsste ich kurz auf die Unterschrift warten. Das ist kein Problem. Ich warte, gehe danach wieder zur Apotheke, bekomme die Spritzen und habe die anderhalb Stunden gezahlte Parkzeit damit bis auf die letzte Minute genutzt.


Morgen hat er übrigens „Heimstudientag“, sagt das Maikind. „Hä?“, frage ich nach. Der Klassenlehrer ist krank, erfahre ich, deshalb hätten sie morgen, mal abgesehen von einer Stunde Englisch, nur Vertretungsunterricht gehabt und das macht ja nun wirklich keinen Sinn. Deswegen haben sie Aufgaben bekommen und bleiben alle zu Hause.

Ganz ehrlich, nach so einer Woche ist mir das Furzegal, dann eben keine Schule, wieder mal.

Hochgradig verwandt

Ein Honigkunde hat sich telefonisch angekündigt und steht jetzt fröhlich vor der Tür. Seine beiden Töchter begleiten ihn. Das ist schön, wir haben uns ewig nicht gesehen, sie kommen einen Moment rein. Sippen-Smalltalk. Die entferntere Verwandschaft kennt man nicht wirklich gut, aber das Wichtigste wird innerhalb der Familie natürlich weitererzählt. Der Honigkunde ist heute selbst gefahren, den ganzen Weg, sagt er. Demnächst will er an die Mosel fahren, zur Walnussernte. Dort gebe es jede Menge Walnussbäume und es gilt das Jedermannsrecht, da darf jeder sammeln. Das macht Spaß und man muss dann im Winter nicht die Walnüsse kaufen, die einmal um die halbe Welt geflogen wurden. Die Ernte wird dann im Arbeitszimmer nach Größe sortiert und getrocknet. Zum Knacken der Nüsse hat er einen kleinen, flachen Korb und einen Hammer, das geht richtig gut. Die Tochter backt dann Nusskuchen, der ist auch richtig gut. Naja, jedenfalls hatten die Mädels gesagt, bis an die Mosel lassen sie ihn nicht mit dem Auto, einfach so, da musste er vorher einmal eine lange Strecke in Begleitung fahren, um zu gucken, ob das wieder geht. „Un?“, frage ich, „ging gut?“ „Ja, sicher“, sagt er, das sei überhaupt kein Problem gewesen, hatte er ja von Anfang gesagt. Die Töchter zucken mit den Schultern und nicken. Tatsächlich, das ging, besser als gedacht. Es war ja auch nur, weil er im letzten Jahr nicht viel gefahren ist, und wenn, dann immer nur Kurzstrecke. Genaugenommen war er vor einem Jahr so krank, das man dachte, er schafft es nicht bis Weihnachten, aber das sagt natürlich niemand.

Wo denn die Kinder alle seien, erkundigen sie sich. Die schlafen noch, oder tun zumindest so. Ach, das ist schade, die hätte man gern mal wieder gesehen. Dann müssen die drei schon weiter, sie haben noch viel vor, heute. Der Honig wird bezahlt und noch ein Schein extra dazugelegt, für die Kinder, kann ich aufteilen, oder einfach Eis für alle kaufen, sagt er, und ganz herzlich grüßen soll ich alle.


Ich schiebe dem Märzkind einen kleinen Stapel Münzen hin. Sie guckt mich fragend an. „Mit herzlichen Grüßen vom Winne“. „Hä, wer ist denn Winne?“ Na, Onkel Winne, der hatte Honig bestellt und hat den heute morgen abgeholt. Sie guckt immernoch fragend. „Eigentlich ist er dein Großonkel, oder nee, warte, er ist mein Großonkel, dann ist er dein, äh, ja was denn eigentlich?“ google: der Onkel meiner Oma ist mein? Großonkel 2. Grades. Aha.

Das Pluseins-Kind hat währenddessen den Kleingeldstapel einmal umgeschichtet. „Großonkel 2. Grades“, murmelt er. Für diesen Betrag, da muss er eine Stunde arbeiten, und sie, sie bekommt das einfach so geschenkt, von einem Großonkel 2. Grades. Er schüttelt mit dem Kopf. Soweit er weiß hat er solche Verwandschaft garnicht – geschweige denn, dass die vorbei kommen und ihm was schenken. Sie kennt den Winne ja auch nicht, sagt das Märzkind. „Aber ich freue mich trotzdem, wenn der ab und zu kommt, der ist nett“, lächelnd steckt sie das Geld ein. Das Pluseins-Kind schüttelt immernoch mit dem Kopf.

Fragen und Antworten, unsortiert

Nach Weihnachten würde es ruhiger werden, hatte ich mir gesagt, damals im Dezember. Dann haben wir hier alle das Zeitgefühl verloren. Dinge werden nach Dringlichkeit abgearbeitet.

Kühlakku, da muss auf jeden Fall eins drauf. Ich durchwühle die Schubladen des Gefrierschranks. Kann das denn sein, dass wir mitten im August nicht ein einziges Kühlakku parat haben? Muss das mitreisende Kind bei Anreise einen negativen Test vorlegen, wenn die Eltern geimpft sind? Wieviel muss denn da drauf, auf den Brief, und haben wir eigentlich Briefmarken? Das Taschengeld von Juli? Haben wir noch genug leere Honiggläser? Blumen, bei einem Rasengrab? Der Hund von Lucky Luke, wie hieß der nochmal? Wollen wir den Ofen anmachen? Anlass ist jetzt, Feier im nächsten Jahr – wann schreibt man denn die Karte? An welchen Schnitt hatten Sie denn gedacht? Was ist das für eine Vase da, und wo ist eigentlich der Sarg? Wenn ich gestern geimpft wurde und morgen einen Test machen muss – ist der dann positiv? Nur noch eine Woche Ferien, wollen wir denn eigentlich noch irgendwas unternehmen? Ist es denn ein bisschen ruhiger geworden, bei euch? Du hattest doch gesagt es ist viel los und das würdest du dir wünschen.

Da muss ich kurz drüber nachdenken.

Dritte Schublade, ganz hinten. Land Hessen sagt, jede anreisende Person muss ein G nachweisen, also ja, das Kind braucht einen Test ( und wenn das demnächst zweimal die Woche kontrolliert werden soll, dann nehme ich nur noch Geimpfte und Genesene Feriengäste, fertig ). 80 cent müssen drauf – Pinnwand – ist glaube ich egal, aus wie vielen einzelnen Marken man das zusammenpuzzelt. Die einen sagen so, die anderen so, wir einigen uns auf einen Dauerauftrag, dann muss da niemand mehr dran denken. Weiß ich nicht, muss ich gucken. Keine Blumen. Rantanplan? Jemand müsste Holz reinholen, wir nehmen erstmal eine Wolldecke, jo, das reicht, für diesen Sommerabend im August, auf dem Sofa. Karte mit kleinem Betrag jetzt – Karte mit Geschenk im nächsten Jahr, wenn denn dann… Ich hätte gerne eine Jeans, die einfach passt und einigermaßen gut aussieht. Jetzt heute hier. Nicht „wenn das Lockdownröllchen eines Tages wieder weg ist“, welchen Schnitt das erfordert, kann ich derzeit nicht sagen. Es gibt keinen Sarg, wenn man verbrannt wird, bleibt gar nicht so viel übrig. Die Vase ist eine Urne, da ist die Asche drin. Nee, die Impfung legt quasi ein Schutzschild um deine Zellen, dass das Virus nicht dran kommt, der Test guckt, ob du Viren auf der Schleimhaut hast, das sind zwei verschiedene Ansätze. Plätze für die Freilichtbühne gebucht, ohne vorher jemanden zu fragen. Ein nichtoptionales Kulturerlebnis. Ja, es ist ruhiger geworden, auf jeden Fall, wenn man mal davon absieht, dass der Liebste wahrscheinlich einige Zeit nicht mit dem Hund raus und, wenn es richtig blöd läuft kein Auto fahren können wird. Aber irgendwas ist ja immer.

Nieselregen bei windigen 15°C, das Maikind und ich sind uns einig: Würde es eine Packung Spekulatius geben, wir würden sie kaufen, es fühlt sich so an. Weihnachtsgebäck gibt es aber erst nach den Sommerferien, man fragt sich, wieso.

Verschiedenes, Ende Juli 21

Die Oma hat Gäste, wir sitzen im Garten und unterhalten uns. Der Liebste hat gerade einen Schwarm Bienen wieder eingefangen. Als die losgeflogen sind, das war schon beeindruckend, sagt die Festgesellschaft, sowas sieht man nicht oft. Sowas gibt es auch Ende Juli nicht oft, es ist ein seltsames Bienenjahr.

Märzkind will mal bei der Uroma gucken, die ist im Haus geblieben. Es geht ihr nicht gut. Im Fernsehen laufen Bilder der Flutkatastrophe, den ganzen Tag. Die Zerstörung ist wirklich unvorstellbar – für uns. Käthe ist 101. Sie kann sich das durchaus vorstellen und ist entsprechend unruhig. Nach einer halben Stunde kommt das Märzkind wieder. Die Uroma habe heute vormittag jemanden in Wuppertal erreicht, der die Auskunft geben konnte, dass bei ihren Bekannten alles OK ist. Das ist eine Erleichterung. Ein ganz kleines Stück Kuchen habe sie gegessen, damit sie ihre Ruhe hat. Das ist gut.


Bei der Hunderunde begegnet uns ein örtlicher Katastrophenschützer. Er erzählt, wie der Bach, der letzte Woche doch eher ein Fluss war in der Nacht vorher ausgesehen hat. Wir waren ja am späten vormittag noch beeindruckt von der Wassermenge, da war das allermeiste aber wohl schon durch. Man habe sich im Lauf der Woche unterhalten, mit allen Wehrführern der Ortsteile, erfahren wir. Wenn man sich mal kurz vorstellt, dass der Bach zwei Ortsteile weiter von jetzt auf gleich 8 Meter höher wäre, dann, tja… es würde die Anfahrtmöglichkeiten für einige Häuser verändern.


Das Julikind wird elf. Wir grillen im Garten, mit Leuten. Es ist eigentlich eine normale Geburtstagsfeier, das ist schön. Abends bittet sie mich, noch ein Foto zu machen. Dafür hat sie alle Geschenke auf dem Bett aufgebaut und setzt sich mit dem fröhlichsten Geburtstagsgrinsen daneben. Was für ein Tag! Und so viele schöne Sachen. Wenn sie jetzt noch mit ihren Freundinnen feiern dürfte, dann wäre es perfekt gelaufen, dieses Jahr. Die Chancen stehen eigentlich ganz gut, gerade. Noch.


Das Gute an dem vielen Regen ist, wir müssen gar nicht weit fahren, der See beginnt dieses Jahr schon 10 km weiter. Im letzten Jahr war da um diese Zeit schon längst kein Wasser mehr. Am frühen Abend ist die Liegewiese so gut wie leer. Einen Strand gibt es hier nicht. Man geht von der Wiese drei Schritte durch die Hecke, dann nochmal drei Schritte ins Wasser rein, da kann man schon losschwimmen. Hier stört es niemanden, wenn der Hund auch schwimmt. Der Liebste wirft ein Spielzeug, voller Freude springt der Hund ins Wasser, holt sein Spielzeug und schwimmt uns entgegen, ziemlich weit, und ziemlich schnell. Ähm, jo, damit hatte niemand gerechnet, aber alle haben Spaß. Und die Erkenntnis, dass Hunde anders schwimmen, als Menschen. Jeder von uns hat irgendwo einen Kratzer abbekommen, was solls, sagen die Kinder.


Ich bekomme die zweite Impfung. Anderthalb Tage habe ich irgendwie schwere Knochen, und freue mich trotzdem. Der Liebste kommt sich „dezent verarscht“ vor, als Angehöriger der Priogruppe drei, weil ich jetzt zwei Wochen vor ihm fertig geimpft bin. Luxusprobleme, die man so hat. Nachdem wochenlang garnichts voran ging, in Sachen impfen, sind jetzt fast alle durch. Weihnachten kann kommen.


Wir fahren für eine Hunde-Runde in den Nachbarort. Beim Aussteigen fällt mir auf, dass die Telefonleitung sich heftig bewegt, zwischen den Masten. Oh oh. Kein Sturm, kein Erdbeben, da gibt es eigentlich nur noch eine Erklärung. 200 Meter weiter kommt uns ein LKW entgegen, der hat gerade irgendwelche Düngemitttel abgeladen, auf dem Feld, neben der Telefonleitung. Zu dicht neben der Telefonleitung. Ein Teil des Kabels liegt rechts im Graben, der andere links auf dem Feld.

Yeah! Für die Fans von „Lockdown mit Teenagern“ und „schulfrei von Dezember bis Mai“ jetzt neu: „Sommerferien bei regnerischen 15°C ohne Internet“. Wir nehmen direkt die extended version „ohne Mobilfunkempfang im Wohngebäude“, wenn schon, denn schon.

Am Ende dieses Tages sitze ich im Garten. Auf der Treppe, die man von keinem Fenster aus sehen kann, im Dunkeln. In der Hand ein Glas, darin ein großer Schluck vom besten Weihnachts-Whiskey. 20 Minuten allein sein. Herrlich. Die Ruhe ist so erholsam, dass ich mir, als das Glas leer ist, eingestehe, dass ich dem Zusammenbruch sehr viel näher bin, als irgendeiner Form von Erholung.


Die Freude, als das Internet am Nachmittag des nächsten Tages zu uns zurückkommt ist riesig. Auf einen Schlag ändert sich die Grundstimmung. Spielen, Videos, Musik, telefonieren, man könnte sogar wieder Fernseh gucken, so viele Möglichkeiten. Maikind sagt, er habe da jetzt nochmal drüber nachgedacht und, eigentlich ist es doch in manchen Situationen vielleicht praktische kein smart home zu haben. Da hat er wohl recht.


Vier Geburtstage und ein Gemeindefest in 10 Tagen, waren das. Nächste Woche haben wir garnichts vor. Das ist auch mal wieder schön.