Halbzeit Februar

Ich bin anscheind der einzige Mensch, der im Wald spazieren geht. Die Hunderunde, die ich sonst in 40 Minuten laufe dauert anderthalb Stunden. Auf der ganzen Strecke liegen durchgängig 30cm Schnee, ich komme bei -10°C ins schwitzen, während zeitgleich meine Haare einfrieren.

Mir begegnen immer mal Tiere hier, aber wie viele wirklich unterwegs sind, das sieht man jetzt erst. Die Rehe haben schon Pfade auf dem Weg und es gibt mehr Hasen, als ich gedacht hätte. Eine Spur wird von Pfotenabdrücken gekreuzt und ein paar Meter weiter kann man deutlich sehen, wo der Fuchs dem Hasen gute Nacht gesagt.

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Vielleicht geht er einfach nicht mehr hin, zum online Unterricht, sagt das Maikind. Da wird 10 Minuten lang was erklärt und anschließend eine Stunde lang darüber geredet. Er stellt dann auf stumm und erledigt er die Aufgaben, die beim nächsten Mal online kontrolliert werden sollen. Die Hausaufgaben macht er nicht, das ist „6 Seiten lang immer die gleiche Aufgabe nur mit anderen Zahlen“, die Lehrerin schickt Freitags die Lösungen zur Selbstkontrolle, das muss man dann nur abschreiben.

Was soll ich da sagen? Er hat gelernt, eine sinnfreie Tätigkeit zu rationalisieren. Das ist was Gutes.

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Eine Lehrkraft meldet sich per mail, mitten in der Woche. Der Wochenplan sei ja bekannt, für die nächste online Stunde solle bitte noch das Arbeitsblatt aus dem Anhang bearbeitet werden. Die Email hat keinen Anhang. „Hast du ein leeres Blatt, oder soll ich dir eins geben?“, frage ich das Maikind. Er hat eins. Immer top vorbereitet, das Kind, da muss ich aber mal loben. Wir sind an einem Punkt, wo wir darüber lachen können.

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Auf dem Englisch-Wochenplan des Julikinds steht etwas von „wenn wir uns nächste Woche wieder sehen“. Hä?

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Der Minister schreibt uns Eltern. Tatsächlich, ab nächster Woche Wechselunterricht für die Klassen 1-6, weiterhin dieser die-ganze-Klasse-geteilt-in-zwei-Räumen-zeitgleich-mit-ein und derselben Lehrkraft-Unterricht für die Abschlussklassen, und für die Klassen 7-9 ist man voller Hoffnung, dass, soweit es das Infektionsgeschehen erlaubt, eines Tages ebenfalls, irgendwas. Bla.

Das Maikind freut sich. „Das klingt nicht so, als müsste ich vor den Osterferien noch, oder?“. Nö.

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Die Saison neigt sich dem Ende und Kunden gab es keine. Ein Modehaus bietet Überraschungspakete an. Ich brauche Klamotten und kann mir sowieso nicht vorstellen, mit FFP2 Maske einkaufen zu gehen. Es passt tatsächlich alles, was in dem Paket war. Einiges davon hätte ich im Laden nicht ausgesucht, aber alle Kleidungsstücke passen zusammen. Es ergeben sich Möglichkeiten, auf die wäre ich nicht gekommen. Ich könnte wieder unter Menschen.

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Das Märzkind wird eingeladen, eine Woche Campingurlaub mit einer Freundin. Eine Mutterkollegin hat gebucht und würde, wegen der aktuellen Situation, ein paar Freunde der Tochter mitnehmen. Alle freuen sich und beginnen mit der Planung. 10 Minuten, nachdem alle Probleme gelöst scheinen ruft die Mutterkollegin an. Osterurlaube sollen vermutlich nicht gestattet werden, es wurde alles wird abgesagt. Alle sind traurig, man sagt sich die üblichen Coronafloskeln. Ist halt so.

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Das Märzkind fragt nach Geburtstagsfeier- Möglichkeiten. Ich kann da leider gar nichts versprechen. Der aktuelle shutdown soll am 7.März enden. Man weiß nicht, was das heißt, oder was danach kommt. Eine Uroma hat den zweiten Impftermin drei Tage vorher, die könnten wir auf jeden Fall einladen. Was eine Feier mit Freunden angeht, da müssen wir abwarten, wie viele dann erlaubt sind und was geöffnet hat. Wir überlegen Miniparty-Möglichkeiten. Peinlich darf es unter keinen Umständen werden, langweilig auch nicht, wenn es nur so wenige Leute sind, dann ist es auch wichtig, dass die sich leiden können. Ach, es ist kompliziert. Es ist seit langem mal wieder ein Gespräch das wir geführt haben ohne uns anzuzicken, stellen wir am Ende verwundert fest. Eigentlich – nochmal kurz nachdenken- nee, wir haben uns den ganzen Tag noch nicht angeraunzt. „Hast du im Zimmer das Fenster auf und die Heizung auf vier?“, frage ich nach. „Nee“, sagt das Märzkind, „nichtmal das“.

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Das Julikind kommt morgens in Jeans und Pulli zum Frühstück. Ich wundere mich. „Haste gesehen, Mama, ich hab mich mal normal angezogen?“ Sicher, das habe ich gesehen. Das waren 90 Tage in Jogginghosen.

Langsam wird`s unheimlich.

Winter im Februar

Aha, ich hatte mich auch schon gewundert. Dieser Roman, der da beim Maikind auf dem Sessel liegt, der soll also gelesen werden. Das ist die lockdown Lektüre. Leider ist dieses Buch das langweiligste der Welt, und man hätte ja überhaupt auch mal sagen können, dass er anfangen soll, das zu lesen und ach, habe ich überhaupt gesehen wie dick dieses Buch ist? Es waren gute Zeiten, als die Lehrkräfte sich tot gestellt haben, aber die sind vorbei. Eine kurze Internetrecherche ergibt, es handelt sich anscheind um eine Standardlektüre für die achte Klasse. Man kann Inhaltsangaben zu allen Kapiteln vorgefertigt finden. Wenn da allerdings fünf Leute den gleichen Text einreichen, das wäre auch doof. Ich bestelle das Hörbuch.

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Die Englischlehrerin hat in der letzten Woche erstmals Hausaufgaben verlangt und diese Woche Sachen zur Korrektur vorliegen. Sie bittet in einer email alle Eltern, die Fotos der Aufgaben ab jetzt als pdf Datei zu schicken, denn, es ist schon ziemlich viel, all die Fotos zur Korrektur auszudrucken. Die dazu nötige app sei natürlich kostenlos.

Das ist ja nun wirklich kein Problem. Wenn wir sonst noch irgendwie helfen können, einfach sagen.

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Wir nutzen das click und collect Angebot des Baumarktes. Drei Waschbecken lang konnte die Armatur genauso einfach wieder dran gebaut werden. Diesmal passt nichts mehr zusammen. Anscheind haben sich die Abmessungen des günstigen Standard- Waschbeckens, das wir immer nehmen, irgendwie geändert. Es hat diesmal auch wirklich lange gehalten. Aus den 85 vorrätigen Möglichkeiten muss ich die einzig wahre Waschtischarmatur finden und online bestellen. Der Wasserhahn geht gerade so bis über das Waschbecken, der hätte ruhig 5cm länger sein können. Naja, aber so geht ja erstmal, sagt der Liebste. Wir wissen beide, dass das für immer so bleiben wird.

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Insgesamt hatte ich bei diesem homeschooling Quatsch den Eindruck, ich weiß nix mehr. Ich kann beim besten Willen keine Parabel mehr verschieben. Ganz spontan habe ich keine Ahnung, welche Klärstufen Abwasser durchläuft und zur Frühgeschichte der Menschheit ist gleich nach dem Stichwort Neandertaler Ende. Ich habe mir den aktuellen Spiegel-Wissenstest (*Werbung, unbezahlt, unbeauftragt, selber gekauft) mitbestellt, um herauszufinden, was man denn so allgemein wissen müsste. Siehe da, haha, zu meiner großen Freude erreiche ich ein Ergebnis, dass in der Testauswertung als „super“ beschrieben wird. Jetzt geht es mir besser. Mit Wissenlücken im Bereich Sport komme ich prima durchs Leben. Der Ruderweltmeister im Einer war vorher Schwimmer, übrigens.

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An ihrem Geburtstag ist die Liesel nicht ans Telefon gegangen. Das war schon ungewöhnlich. Als sie das letzte mal mit ihr gesprochen hat, da war sie ganz durcheinander. Der Willi war gerade ins Krankenhaus gekommen. Da hatten sie gesagt, der hat Corona. De Omma probiert es über mehrere Tage und telefoniert schließlich so lange herum, bis sie weiß, was los ist.

Die Liesel ist verstorben. Wenige Tage danach der Willi. Es fühlt sich an, wie ein Unfall. De Omma ist ganz durcheinander, sagt sie.

Ü80-jährige sind hier auf dem Land keine unbekannten, abgeschirmten Bewohner von Altersheimen. Das sind Leute. Ich kannte beide.

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Die Oma im Städtchen hat einen Impftermin Ende Februar. Eine freudige Nachricht, die man sich innerhalb der Familie weitererzählt.

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Winterwetter wird angesagt, aber so richtig. Man möge sich auf 40cm Schnee und Stromausfälle einstellen. Na toll. Locktown level zwei. Teenager ohne Strom. „Heißt dass dann, es würde auch kein Internet gehen?“ Ja. Wir wappnen uns mental. Alle Akkus werden bis zum Anschlag aufgeladen.

Sonntag vormittag liegt schon ein bisschen Schnee. Es ist auch windig, aber als Schneesturm würde ich das insgesamt nicht bezeichnen. Ich gehe eine große Runde mit dem Hund, für den Fall, dass es nachmittags doch noch Wetter gibt. Zwei Stunden laufen wir durch frischen Pulverschnee und sind fast überall die ersten. Das ist richtig schön, nach wochenlangem nebligen Matschwetter.

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Gerade als ich dachte, von dem angekündigten Unwetter haben wir nicht wirklich was abbekommen, fängt es an zu schneien. Sonntag abend schippt der Liebste nach der Arbeit noch eine Stunde die Einfahrt frei. Montag morgen ist davon nicht mehr zu sehen. Die Luft ist herrlich klar und der zugeschneite Wald sieht aus wie auf Instagramm. Noch vor Kaffee fange ich an, Schnee zu schaufeln und merke schnell, dass es eine Weile dauern wird. Ein kleiner schneebeladener Traktor fährt an unserer Einfahrt vorbei und kommt kurze Zeit später ohne Schnee wieder. Dreimal hintereinander. Im Ort stehen die Häuser dichter, da kann man den Schnee nicht einfach den Hang runter schaufeln. Als ich es fast geschafft habe, fährt das städtische Räumfahrzeug vorbei. Die 20cm Schnee, die auf der Straße lagen, landen schwungvoll in unserer Einfahrt. Och nö.

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Das Märzkind hat diese Woche auch keine Präsenzschule. Wegen Schnee, mal was anderes.

Montag morgen um 10 sind die Server überlastet. Je mehr Schüler, desto weniger Unterricht.

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„Mama, komm schnell, ich glaube, da sind Papageien am Futterhäuschen!“ Kernbeißer sind schon beeindruckend groß.

Blick aus dem Fenster

Corona hat Geburtstag, tralalalala

Heute vor einem Jahr, da war sie auf Skifreizeit, sagt das Märzkind beim Hundespaziergang.

Am Wochenende danach hatte sie diese ungewöhnlich heftige Erkältung. Wir haben Witze gemacht, weil sie nichts schmecken konnte. Darüber haben wir öfter nachgedacht, dieses Jahr.

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Am vierzehnten Schultag des zweiten lockdown im zwölften Monat der Pandemie schickt die Schule eine Schulordnung für den Distanzunterricht. Interessant. Ich hätte es schön gefunden, wenn seitens der Schule über den Sommer schon geklärt worden wäre, welche Lernplattform im Lockdownfall genutzt werden soll und die entsprechende online-Nettikette mit den Schülern besprochen und geübt worden wäre. Aber 10-jährigen mit Strafverfolgung zu drohen geht natürlich auch. Ganz allgemein wäre es wünschenswert, wenn dieser distanzierte Ringelpietz eine Qualität hätte, die von den Kindern als Unterricht wahrgenommen werden könnte. Dann würden die Blagen vielleicht gar nicht darauf kommen, den Autopilot einzuschalten und sich erstmal Frühstück zu machen. Ich unterschreibe diese Schulordnung so nicht. Mit freundlichen Grüßen, ich glaube es hackt.

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Um viertel nach acht kommt das Maikind rein. Da hat er jetzt seinen Distanzunterricht verpasst. Das ist natürlich meine Schuld, ich hätte ihn wecken müssen. Ja, um halb neun, sage ich. Nee, um halb. Das ist diese Woche anders, hat er doch wohl gesagt. Zum Glück ist das nur Deutsch, da isses sowieso egal. Ich müsste da was erzieherisches sagen, das ist mir klar. Allerdings habe ich bisher von keiner einzigen Lehrkraft des Maikinds irgendetwas gehört. Nichts. Ich kenne keinen Stundenplan und ich weiß nicht, ob er die Aufgaben hochläd. Gut möglich, dass er Recht hat.

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Es tut mir leid, alles was ich über Parabelverschiebungen noch weiß ist, dass ich das konnte. Frag pluseins, ob der das kann.

Zinseszinsrechnung, da gibt es eine Formel für, ich bin mir sicher.

Präteritum ist ging, nicht gang.

Die können doch nicht einfach sagen, die Frist endet in drei Tagen. Da muss man doch vorher mitteilen, dass es eine Frist gibt. Auf der Internetseite steht Fristende 31. März. Was gilt denn nun? Ein Anruf. Fristende für diesen Teil der Bewerbung ist Ende Juli. Wir haben gar kein Problem, oder doch. Die Bewerbung ist garnicht eingegangen? Gut, dass wir nochmal nachgefragt haben. Wie kann das sein? Ist ja auch egal, muss neu.

Die Deutschlehrern ruft an. Das Maikind hat den Unterricht versäumt. Außerdem fehlen noch zwei Hausaufgaben. Ich bedanke mich für den Anruf, ist schön, mal was zu hören. Ohne feedback wäre da ab hier auch nichts mehr zu wollen gewesen.

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Wäsche aufhängen im Keller – 10 Minuten Ruhe – an garnichts denken – eine Aufgabe bis zu Ende bringen. „I`m going to the zoo, uuuuhhuhuhhuhhhh“ Neeeeiiin! Das Hirn spielt Track 15 von der workbook CD ein.

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Mit den Stoffmasken konnte ich nicht gut atmen, einkaufen ging aber. Zum Glück habe ich das zu Hause noch ausprobiert, denn mit diesen OP-Masken kann ich schlecht atmen, stelle ich fest. Da muss ich Medikamente nehmen. Keine Ahnung, ob die irgendwas chemisches ausdunsten? Nachmittags ist im Supermarkt nicht viel los. Wenn man die einzige Person auf dem ganzen Parkplatz ist, gilt dann trotzdem Maskenpflicht? Ich sag mal, nö, und räume das Auto ohne ein. Meine Konsumlaune ist auf dem Nullpunkt angekommen.

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An einem Nachmittag fallen 10cm Neuschnee. Das hatten wir so schon lange nicht. Der Schnee geht in Regen über und alles ist schnell wieder weg.

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Wir machen einen Hundespaziergang zum Flüsschen. Das führt sehr viel mehr Wasser als im Sommer. Und es fließt auch beeindruckend schnell. Wenn man von der Hängebrücke aus nach unten sieht , fühlt es sich fast ein bisschen an wie auf der Achterbahn.

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Im Distanz-Konfirmanden-Unterricht ist das letzte Abendmahl Thema. Das Maikind soll etwas backen und das einer einsamen Person vorbeibringen. Unter Beachtung der allseits Bekannten Regeln, natürlich. Das Maikind möchte gern der Ur-Oma im Städtchen was bringen, die beiden haben sich seit Sommer gesehen. Beide freuen sich. Allmählich wir die Oma mutiger. Ein Jahr alleine ist genug.

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Wer möchte kann freitags, bei Einbruch der Dunkelheit eine brennende Kerze ins Fenster stellen. Zum Gedenken der Corona-Opfer und als Zeichen des Zusammenhalts oder der Hoffnung, ich hab gar nicht so genau mitbekommen, was der Bundespräsident da gesagt hat. Ist aber eine schöne Idee, finde ich. Unsere Fenster sieht man von der Straße nicht. Eine Laterne in der Auffahrt tut es auch. Zwei positiv Fälle Ü80 kennen wir diese Woche. Und ein bisschen Hoffnung auf Besserung haben wir nötig.

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Januar in Bildern

Halbzeit Januar

Die Aufgaben der Kinder kommen an und sind schaffbar, das ist sehr viel besser als im Frühjahr. Man kann, wenn man ein gutes Zeitfenster erwischt, die Hausaufgaben auf der Lernplattform finden und bearbeitete Sachen abschicken. Das Julikind macht ein Fach pro Tag. Sonst verlieren wir den Überblick. Eine Lehrkraft droht mit einem Hausaufgabenstrich, sollten die Aufgaben nicht fristgerecht eingereicht werden. Wie niedlich.

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Das Märzkind hat Unterricht in der Schule. Es fährt kein richtiger Bus, sondern ein kleiner weißer Sprinter. Drei Leute sind sie nur, auf der ganzen Strecke. Der Busfahrer steigt jedesmal aus und öffnet die Tür, wenn jemand ein oder aussteigt. Das ist seltsam. Die Tür würde sie ja nun wirklich selber auf und zu bekommen, sagt das Märzkind, da muss der doch nicht jedesmal raus in den Schnee. Vielleicht gibt es irgendwelche Bestimmungen, überlegen wir. Aber sie könnte das dem Busfahrer ja mal vorschlagen, sage ich.

Das Märzkind wird mittags jetzt direkt an unserer Einfahrt rausgelassen. Gefühlter VIP-Service.

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Die Klasse wurde geteilt, nach Sozialkontakten. Es sitzen also nicht genau gleich viele in den beiden Gruppen, sondern die, die sich nachmittags auch treffen würden, wenn man sich denn treffen dürfte. Da hat sich die Klassenlehrerin schon was bei gedacht.

In Französisch sind sie 13 Leute. 10 aus der eigenen und 3 aus der Paralellklasse. Sie bekommen einen größeren Raum zugeteilt. Sie halten die Abstände und öffnen die Fenster, im Januar.

Man fragt sich folgendes: Wenn ein größerer Klassenraum für diese 13 Leute aus drei verschiedenen Lerngruppen kein Problem ist, warum kann dann nicht die normale Klasse mit 18 Leuten, denn mehr sind sie nicht, in einem noch größeren Raum gemeinsam zeitgleich unterrichtet werden? Die Sporthalle ist nur 50 Meter weiter und ganztägig ungenutzt. Auch die Cafetria hat nicht geöffnet. Aber man will natürlich keine Umstände machen, war nur so ein Gedanke.

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Ich bin keine Lehrerin, wollte nie eine sein. Ich weiß das meiste selber nicht, das, was ich weiß, kann ich nicht erklären und außerdem habe ich mindestens genauso wenig Lust wie das Kind. Nicht das wir uns falsch verstehen. Ich verbringe gern Zeit mit den Blagen. Wir würden nur lieber den aktuellen Agregatzustand des Wassers praktisch nutzen und Schlitten fahren gehen, als hier am Tisch, das ganze Zeug… mimimi…

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Erste Fragen kommen, wie wir uns das denn mit der Konfirmation vorstellen, dieses Jahr. Der Saal, das Essen, es ist doch alles bestellt, sage ich. Klamotten für das Maikind würden wir sowieso erst zwei Wochen vorher kaufen, die sollen ja passen. Ob ich ehrlich glaube, dass man im Mai mit allen feiern könne, ganz normal, hakt meine Gesprächspartnerin nach.

Nein. Aber wenn, dann ist alles schon bestellt.

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Ob ich mich denn impfen lassen wollen würde, werde ich gefragt. Ja, sicher. Ich bin generell daran interessiert, tödliche Krankheiten nicht zu bekommen. Ich schnalle mich auch an, im Auto, esse nach Möglichkeit nichts giftiges, halte mich an Baderegeln…

Spaßeshalber gebe ich meine Daten mal in den Impfterminrechner ein. Zwischen dem 06.08.2021 und dem 22.02.22 bin ich dran. Ok, da hab ich Zeit. Aber, wenn die Pandemie dann schon rum ist, will ich auch nicht mehr.

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Samstag morgen läuten die Glocken morgens um acht. Der erste Coronatote, den ich kenne. Irgendwas erwischt dich, es ist noch garnicht lange her, dass wir uns darüber unterhalten haben, und es ist wohl auch fast so gelaufen, wie er sich das gewünscht hatte. Leid tut es mir trotzdem, denn ich konnte ihn wirklich gut leiden, denen ihren Oppa.

Los geht`s

Ein Mann im Schamanenkostüm steht im Kapitol der Vereinigten Staaten von Amerika. Das ist erschreckend interessant.

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Ein Besuch bei der Omma. Die ist nicht direkt schlecht gelaunt, aber doch erkennbar unzufrieden, mit der Gesamtsituation. Der Rehbraten hat nicht geschmeckt, es gab keinen Plätzchenteller, kein Seniorenkaffee, zu wenig Besuch, ich erfahre warum genau sie sauer sie geworden ist als…

Auf dem Heimweg gestehe ich mir ein, dass das gerade ein bisschen anstrengend war. Vielleicht ist ein schlechtes Gewissen einfacher.

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Der Apfelkuchen ist tatsächlich heil geblieben, auf dem Grill. Wie viele Teller brauchen wir denn jetzt? Der Blick schweift über den Garten. „Wir sind viel zu viele, oder?“, flüstert die Freundin. Wieso? Oh. Wir erzählen uns, mit wem wir in den letzen Wochen sonst noch Kontakt hatten, vermutlich um uns gegenseitig zu beruhigen. Jede von uns hat sofort parat wer wann wen wo… eigentlich sehen wir seit Wochen nur die eigenen Eltern, vereinzelt die Großeltern, man tut sich da schon fast selber ein bisschen leid, und niemand denkt ernsthaft darüber nach, sechzehnjährigen den Kontakt zu „plus eins“ zu beschränken. Wenn Freunde einen neuen Welpen haben und ab Montag die strengen Kontaktbeschränkungen wieder gelten, was soll man da machen?

Der Geruch von Bratwurst im Brötchen, Glühwein, Apfelkuchen und Feuertonne, leise rieselt der Schnee, heute ging es wirklich nicht besser.

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Die Krankenkasse möchte dieses Stempelheftchen haben, um mir den Kostenvoranschlag für die Zahnbaustelle genehmigen zu können. Tatsächlich hatte ich gedacht, es gäbe da mittlerweile eine automatische Erfassung, die unsichtbar vom Arzt an die Kasse weitergeleitet wird, digital vielleicht. Aber so macht es ja auch fast gar keine Umstände.

In der Kaffeerösterei fragen sie immer, ob ich mein Treuekärtchen gestempelt haben möchte.

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Der Liebste arbeitet wieder. Zum ersten mal seit Wochen bin ich in der Küche, um zu kochen. Was muss denn weg?

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Neujahr hatte ich überlegt, ob ich irgendwas im Garten anbauen will, dieses Jahr. Dabei bin ich im Netz auf eine Seite gestoßen, wo man bei Landwirten direkt bestellen kann. Spontan habe ich uns 6 kg Kiwis bestellt, in Spanien. Weil wir Kiwis mögen und auf dem Bild die Sonne schien und dieser Pedro, der die angeblich anbaut und eigenhändig für uns ernten und verpacken wird, so fröhlich aussah, und, wenn man ehrlich ist, in unserm Garten wächst eigentlich nichts. Die Familie macht sich lustig. Im Nachhinein ist mir selber klar geworden, dass das alles ein bisschen viel Klischee auf einmal ist. Als vorraussichtlicher Liefertermin wurde der 19. Januar angegeben, abhängig vom Wetter in Spanien natürlich. Madrid hatte vorgestern 20cm Neuschnee. Ich frage mich, ob Pedro diese Woche ernten kann.

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Freitag werde ich ganz, ganz dringend gebeten, mitzuteilen, ob ich denn die Fünftklässlerin zum Präsenzunterricht anmelden möchte. Im Betreff der mail steht Notbetreuung. Hä?

Samstag erfährt das Märzkind, dass sie nächste Woche Schule haben wird. Die Klasse wird halbiert und zeitgleich vom gleichen Lehrer in nebeneinander liegenden Klassenräumen unterrichtet. Man könnte da Sinnfragen stellen, aber wozu.

Montag wird schnell klar, dass Lehrer sich auch keine Illusionen mehr machen. Das Maikind bekommt seine Aufgaben über einen Klassen Whattsapp chat, in dem der Lehrer auch ist. Die Aufgaben für das Julikind werden bei Lanis hochgeladen und kommen zur Sicherheit auch an meine mail Adresse, weil man davon ausgeht, dass Lanis abschmiert. Was gegen halb zehn, als wir anfangen wollen, schon passiert ist. Der Klassenlehrer meldet sich telefonisch, um abzufragen, ob noch alle Passwörter bekannt sind.

Im Lauf des Tages bekommt das Maikind einen Stundenplan. Vier Stunden online Unterricht stehen da pro Woche drauf, vorläufig. Leider funktioniert die Videoplattform derzeit nur eingeschränkt, wegen der großen Nachfrage. Man müsse eventuell auf Lanis zurückgreifen. Eigentlich ist es genau wie im Mai, nur entspannter, denn diesmal hatte ich erwartet, dass es genau so läuft.

der Türkranz kann hängen bleiben

Anfang Januar

Nichts muss mehr vorbereitet werden, nichts großartig aufgeräumt werden. Die Zeit um den Jahrswechsel ist angenehm ruhig.

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Die Patentante möchte nicht reinkommen. Geschenkeübergabe auf Abstand, kurz unterhalten wir uns, sie entschuldigt sich, sie hat viel zu tun, offiziell. Keine Zeit zu haben kommt natürlich vor, ist aber in diesem Fall ungewöhnlich. Ich hatte dem Julikind erklärt, dass die Patentante wahrscheinlich Angst hat, uns anzustecken. Sie hat Kontakt zur Feuerwehr, zur Polizei, zu Altenheimen, das ist eben so. Im Moment ist es wieder schlimmer, mit Corona, da muss man ein bisschen aufpassen. Die beiden winken sich zum Abschied, Halloweenparty im Schwimmbad wird ausgemacht, allerspätestens. „Jetzt tut sie mir aber leid“, sagt das Julikind, als wir die Haustür schließen, „sie hat so traurig geguckt“.

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Ein Bedienungsfehler, vielleicht eine Fehlfunktion, sagt das Maikind. Leider hat die Drohne Teile der Deckenverkleidung geschreddert. Tja, zum Glück war er es selber.

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Mein Körper weiß anscheind nicht, dass heute Sylvester ist. Ab halb elf muss ich mich schwer darauf konzentrieren nicht einzuschlafen.

Das Maikind hat uns ein minecraft Feuerwerk zusammengebaut. Wow! Ich wußte gar nicht, dass es sowas gibt und bin ehrlich begeistert. Anschließend gehen wir in den Garten und verlassen illegalerweise kurz das Grundstück, um den Nachbarn ein frohes Neues zu wünschen. Es gibt hier und da Feuerwerk, nicht so wie sonst, aber dafür, dass garnichts verkauft worden ist, dieses Jahr, doch ziemlich viel. Die Kinder verballern eine Packung Jugendfeuerwerk. Wir sind alle erstaunt, wie viel Rauch ein kleiner Vulkan macht und wie laut das ganze Zeug ist. Gegen halb eins wird es wieder leise im Ort. Der Hund ist total entspannt. Aus asthmatischer Sicht folgt der beste Neujahrstag aller Zeiten. Feuerwerk kommt auch auf die Liste der Dinge, die ich nicht vermisse.

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Der Außendienstler kommt auf eine Tasse Kaffee vorbei. Gestern ist er zum ersten Mal mit seinem Freifahrtschein durch eine Straßensperre gefahren. Man habe ihn abwimmeln wollen, da hat er aber mal nachgefragt, ob man denn ernsthaft glaube, dass er hier an einem Sonntag in Dienstkleidung mit dem Dienstwagen in eine völlig überfüllte nicht präparierte Winterlandschaft ohne Toiletten und so wollen würde. Ach, habe der Kontrollposten gesagt, er würde ja garnicht glauben, was man so alles schon probiert habe.

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Alle Kinder sind vor Bildschirmen, da können der Liebste und ich mal zusammen Kaffee trinken. In der viertel Stunde, die wir so sitzen kommt eine Nachricht „sie hat ja gesagt“ mit Foto von Ring am Finger und kurz danach ein anderes Foto mit dem Untertitel „rest in peace“. Beide sind in unserem Alter.

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Wenn man aus der Liegestützposition das rechte Knie an den linken Ellbogen ziehen soll und da dann halten, einen Moment, dann fragt man sich in diesem Moment, wofür das eigentlich gut sein soll.

Ich glaube, das sind genau die Muskeln, die man benutzt, wenn sich der luftgefüllte Treckerreifenschlauch, in dem man sitzt, mehrfach gedreht hat, man die Entfernung zur schanzenähnlichen Kante des Abhangs beim besten Willen nicht mehr schätzen kann und man die Fahrt spontan lieber vor dem Stopp beenden möchte.

Ich rolle durch den Schnee, das Julikind sitzt immernoch auf dem Reifen und lacht sich kaputt. Das waren doch noch vier Meter, fast, ich habe überreagiert…

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Der shutdown wird nicht nur nicht aufgehoben werden, der wird sogar noch verschärft, verlängert sowieso, das ist keine Überraschung. Ab einer 200er Inzidenz ist angedacht, den Bewegungsradius der Bewohner des jeweiligen Landkreises auf 15km um den Wohnort einzuschränken. Da würde man dann ohne triftigen Grund nicht raus dürfen. Ausflüge und Einkauf gelten ausdrücklich nicht als triftiger Grund. Ähm, Moment. Kurzer check mit der Sportapp des Liebsten. Jo, das Städtchen ist im Radius. Die Krankengymnatikpraxis auch. Aber wir liegen sowieso unter 200. Man darf sogar wieder nach 21 Uhr raus, wenn man will. Es will aber anscheind niemand. Abends, bei der letzten winzigen Gassirunde bemerkt man keinen Unterschied, alles wie immer.

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Und was ist nun mit Schule? Schule ist nicht, den ganzen Januar nicht.

Obwohl, einige Bundesländer, niemand sagt welche, überlegen die Grundschulen bis zur sechsten Klasse wieder zu öffnen. Bei uns geht die Grundschule nur bis zur vierten Klasse, was heißt das für die Fünftklässerin? Ausgenommen von dieser Regelung sind voraussichtlich die Abschlussklassen. Ok. Daraus ergeben sich für mich folgende Informationen:

Das Julikind hat vielleicht Schule, nächste Woche, wahrscheinlich aber eher nicht. Das Märzkind hat vielleicht übernächste Woche Präsentationsprüfung, wenn die Termine nicht wieder verschoben werden müssen, das wird am Samstag vermutlich fest stehen. Für das Maikind gibt es keinen Plan, aber das mit Sicherheit.

23-27 Dezember

„Ist heute schon der 23ste? Oder?“. Ja ist es, der Baum kann rein. Ich muss nur noch mein Küchenchaos aufräumen. Ach, das schafft sie schon, sagt das Märzkind. Der Baum ist klatschnass, unhandlich und schwer. Das macht alles nichts, sie wuchtet ihn bis ins Wohnzimmer. Die Geschwister haben mittlerweile bemerkt, dass es losgeht und wollen helfen. Das Gezänk beginnt. Ich ziehe die Küchentür zu, sollen sie das selber regeln. Siehe da, innerhalb weniger Minuten werden sie sich einig. Eine Stunde später sieht der Baum toll aus und die Küche wieder normal. Große Kinder sind toll.

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Am Vormittag des 24. packe ich die letzen Päckchen. Anruf bei meiner Schwester, zur Absprache der kontaktlosen Geschenkeübergabe. Wie-ein-Onkel schlägt vor, man könne sich doch an der Weihnachtsscheune treffen und winken. Wir verabreden uns für zwei Uhr. Daraus ergibt sich der restliche Tagesplan von selbst.

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Die Weihnachtsscheune ist beeindruckend schön geworden. Lichterketten hängen auf halber Höhe, Gartenbänke und Stühle aller Art stehen im Kreis, jeder Platz mit einem Namensschild. Wir legen Geschenke ab und warten am Zaun. 10 Minuten später stehen wir in einem großen Kreis auf dem Hof und unterhalten uns kurz. Manche tragen Maske dabei. Es ist eigentlich nur ein bisschen seltsam. Man hat sich an schon an einiges gewöhnt.

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Man könnte es sich auch zu Hause anhören, aber dann wird es nicht richtig Weihnachten. Also haben wir uns für die Gottesdienstübertragung in der Ortsmitte entschieden. 15 Minuten Andacht vor Weihnachtsdorfkulisse. Von weitem kann man andere Familien sehen – Weihnachtswinken. Es ist eigentlich viel schöner, als so Arsch an Arsch in der rappelvollen Kirche zu sitzen, da sind wir uns einig, auf dem Rückweg.

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Nach der Bescherung zu Hause machen wir uns auf zu Oma und Opa. Die erste Stunde verbringen wir in der Scheune, dann wird es einfach zu kalt. Drin gibt es Schnittchenplatte und Süßigkeiten. Es ist leiser als sonst, wir sind ja auch viel weniger. Irgendwie sind auch alle ein bisschen müde. Die ständigen Umplanungen und Anpassungen waren anstrengend. Aber es ist doch schön, dass wir so zusammen sitzen können. Selbstverständlich ist das nicht. Ist es ja nie, nur in normalen Zeiten denkt man darüber nicht nach.

Gerne würde ich meinen Bruder mal in die Seite pieksen. Am Liebsten natürlich, wenn er gerade was getrunken hat. Das geht aus der Distanz nicht. Ich wußte gar nicht, dass das zum Weihnachtsabend dazu gehört. Aber das tut es offensichtlich. De Mudda sitzt neben ihm, weil sie über die Feiertage ein Haushalt sind. Ich bitte sie, das für mich zu übernehmen. Halbherzig piekst sie ihn ein bisschen. Es ist nicht dasselbe.

Die Oma aus dem Städtchen ruft an, um uns allen Frohe Weihnachten zu wünschen. „Warte, wir geben dich rum, oh nee, das geht ja nicht.“ Soweit hätte ich gar nicht gedacht… Der Haushalt zu dem das Telefon gehört spricht, alle anderen rufen leise Frohe Weihnachten. Ein liebevoll zusammengeknüddeltes Alupapier vom Marzipanstern werfe ich in den Mülleimer. Eigentlich wollte ich es dem Brüderchen an den Kopp schnipsen, das traue ich mich aus Seuchenschutzgründen nicht mehr.

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Anruf bei der Oma im Städtchen mit unserem Telefon. Sie ist fröhlicher, als ich gedacht hätte. Das war schon alles gut so. Sie hat ein bisschen mit dem alleinstehenden Onkel gefeiert und dann ferngesehen. Das Programm war wirklich gut, da hat sie sich gefreut und bis nach Mitternacht geguckt. Das macht sie sonst nicht. Für morgen sei sie zum Essen eingeladen, da hat sie auch abgesagt. Sie bekommt aber was gebracht, weil, das war schon bestellt, und dann soll sie ihre Portion auch essen, haben sie gesagt. Jo, und dann haben wir Weihnachten doch gut geschafft.

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Am ersten Feiertag kommen die Omas aus dem Nachbarort zum Mittagessen. Damit der Hund dabei nicht die ganze Zeit rumwuselt gehe ich morgens die große Runde. Bei strahlendem Sonnenschein und klarer Winterluft ist das herrlich. Der Liebste kocht solange ein klassisches Premium-Weihnachtsmenü.

Die Oma hat die Enkel länger nicht gesehen und nimmt erstmal alle in den Arm. Die Kinder wundern sich kurz, sie sind eher auf Abstand zu Omas trainiert. Eine Stimme in meinem Hinterkopf hofft, dass das hier nicht der Moment sein wird, an den wir uns ewig erinnern… Es wird ein gemütlicher Nachmittag. Wir spielen das neue Spiel, die Oma guckt sich die neuen Zimmer an, wir schauen total unsortierte Fotos der letzten Jahre, trinken nebenbei Kaffee und essen Plätzchen.

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Am zweiten Feiertag klingelt es schon um halb zehn. Nee, nee, rein wollen sie auf keinen Fall, nur was abgeben, sagen die Paten aus dem Nachbarort. Wir tauschen Geschenke im Türrahmen und unterhalten uns mit Abstand. Also, vielleicht, wenn einer da ist, würden sie doch einen Kaffee vor dem Haus… Kurzentschlossen holen wir den Stehtisch raus. Tee, Kaffee, Plätzchen vor dem Haus, das ist eigentlich ganz schön.

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Der Rest des Tages haben wir in Jogginghosen Märchenfilme geguckt. Da kommen wir sonst nicht zu. Das war auch mal schön. Es tut mir ein bisschen leid, aber ich habe so gut wie nichts vermisst, dieses Weihnachten.

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Der Coronaimpfstoff. Er ist zugelassen. Er ist da. Er wird verladen. Er wird unter Polizeischutz über die Autobahn gefahren. Er wird ausgeladen. Erste Senioren in einem Altersheim werden vor laufenden Kameras geimpft.

Mal was ganz anderes: Schulbetrieb ab Mitte Januar, gibt es da eigentlich schon Ideen FRAGEZEICHEN?

20,21,22,23 Dezember

Ab Montag wird eine Ausgangssperre gelten, zwischen 21 Uhr abends und 5 Uhr. Der Hund darf aber noch, wenn er muss. Ansonsten will man um die Zeit sowieso nichts mehr draußen. Wobei, abends nach neun noch mit Glühwein durch den Ort laufen, gerade fällt mir auf, dass man das ja könnte. Sonst will ich das nie, aber wenn ich es morgen nicht mehr darf, dann tut es mir vielleicht leid. Und, ich wollte sowieso noch eine Karte einwerfen. Da mache ich jetzt aber mal Glühwein heiß, kommt jemand mit? In nebligem Nieselregen trinken wir Glühwein und Cola auf dem Dorfplatz und laufen eine Runde durch die Altstadt, also, den unteren Teil vom Dorf. Alles ist so schön beleuchtet, das sieht man garnicht, wenn man sich nach 18 Uhr immer nur drin aufhält.

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Nach dem Abendessen spielen wir noch irgendwas. Alle zusammen. Irgendwer nörgelt immer. Es geht hier aber auch nicht um Spass, sondern darum, irgendeine Art von Shutdown-Ritual zu finden, das den Abend einläutet.

Dieses Spiel ist ganz einfach, man braucht nur einen Würfel. Man darf so oft Würfeln wie man will, die Zahl der Augen wird addiert. Würfelt man eine drei, setzt das alles, was in dieser Runde bis jetzt erwürfelt wurde auf null und der nächste ist dran. Wer zuerst hundert erreicht gewinnt. 4,9,13,16nnaaargh Mist!

Ohne Absicht verbringen wir einen schönen Familienabend.

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Die Brille des Maikinds hat einen Knacks. Noch hält sie, aber keiner weiß für wie lange. Anruf beim Optiker, Termin ist kein Problem. Das Julikind bekommt auch gleich einen, sie sieht schon länger verschwommen. Wenn es jetzt die Möglichkeit gäbe, mal unter Menschen zu kommen, muss sie aber mal ganz dringend in dm, sagt das Märzkind. Der Liebste übernimmt die tour – alle verlassen das Haus. Ungewohnt. Mein Hirn spielt weihnachtliche Musik ein.

Haaaaallelujaaaaah, halelujah, halelujah, halelujah, haleeeeheeluujaaaah.

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Weihnachtsplätzchen sollen verschenkt werden. Der Gedanke kam mir Anfang November, etwas besseres ist mir bisher nicht einfallen, also ist das jetzt der Moment, in dem die gebacken werden müssen. Teig ist schnell gemacht. Ausrollen, ausstechen, rein in den Ofen, raus aus dem Ofen- ähm, da wo im letzten Jahr der Esstisch stand steht jetzt das Sofa. Um die Plätzchen sicher zwischenzulagern muss ich einmal halb durch die Bude. Aber wenn es einmal läuft, dann läuft es.

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Das Auto fährt vor, Kinder mit Einkaufstüten queren meine Laufrichtung. Blick auf den Plätzchenberg „du hast noch nicht gekocht, vermute ich mal?“ Nee, habe ich nicht… Einkaufstüten werden mitten in der Küche abgestellt. Das ist gerade ungünstig… Der Liebste berichtet mir im Vorbeigehen, er habe den Umschlag eingeworfen. Welchen Umschlag?, erkundige ich mich, während ich versuche mit dem heißen Blech durchzukommen, ohne jemanden zu verletzen. Na den einen, hatte ich doch gesagt, er solle den mitnehmen. Ach den, ja stimmt, ich hatte gesagt, wenn der fertig ist. Da fehlte doch noch die Karte, und die dazugehörige Geschenktüte….Chaos mit Zuckerglasur…

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Kurzer Schreckmoment. Hatten wir Kontakt zu den aktuellen Coronafällen? Nein. Obwohl – hatten wir Kontakt zum Kontakt? Ja, aber nein, alles gut.

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Lebensmitteleinkauf am 23. Dezember. Das war so eigentlich nicht geplant, aber nützt ja nichts. Ich ziehe den dicken Mantel an, falls ich auf einen freien Einkaufwagen warten muss. Auf dem Supermarktparkplatz stehen aber kaum Autos. Es gibt jede Menge Einkaufswagen. Alle Regale sind voll bis zum Anschlag, die Angestellen sind fröhlich, die Kassen alle geöffnet. Großeinkauf am Tag vor Weihnachten in 45 Minuten erledigt. Beim einräumen ins Auto überlege ich, ob ich mich freuen oder gruseln soll.

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Sich nicht zu treffen ist irgendwie auch nicht einfacher. Dieses Weihnachten macht mich auf seine ganz eigene Art müde.

Welche Geschenke müssen zusammen in eine Tüte um dann wann von wem wohin mitgenommen zu werden? Ich verliere die Übersicht. Vielleicht hilft es, alle Geschenke, die das Haus verlassen sollen, einmal auf einen Tisch zu packen. Tatsächlich. So findet sich schnell eine logische Anordnung nach Haushalten. Murmeld stehe ich davor, im Keller steht noch was, im Auto auch… „Wow“, flüstert das Julikind, und bleibt im Türrahmen stehen. Stimmt eigentlich. Das hatte ich so gar nicht wahrgenommen.

Spoileralarm!

Ich wünsche euch allen von Herzen das bestmögliche Weihnachtsfest!

Eine Woche vor Weihnachten

Drei Gäste sind gebucht, von Montag bis Donnerstag. Shutdown ab Mittwoch. Geht das? Ich dachte, es wäre eine ganz einfache Frage, finde aber keine klare Antwort. Man kann wohl mit Sicherheit davon ausgehen, dass das drei Haushalte sind. Sind die dann nach Feierabend privat regelwidrig zusammen? Baustellenbetrieb ist sicherzustellen…. ich glaube aber, das sind externe von irgendeiner Firma im Umkreis. Wottsefack, wenn die anreisen, beherbege ich die und fertig. Dann finde ich einen Bussgeldkatalog und denke alles nochmal von vorne.

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Die Klassenlehrerin bedankt sich, dass ich mich gemeldet habe. Das Märzkind soll bis zu den Feiertagen gar keine Aufgaben mehr machen. Gar keine, wirklich nichts. Für alle anderen wurden die Abgabetermine auch aufgeweicht. Man verstehe, dass diese Altersgruppe im Moment ganz besonders betroffen ist. Nur leider sind die Leherer auch alle am Anschlag. Das widerum kann ich gut verstehen.

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Dienstag kommen die Kinder schwer beladen mit allen Büchern nach Hause. Das Julikind wuchtet alles mit Schwung in den Ranzenschrank und macht die Tür zu. „Mittelferien – ich ziehe mir jetzt eine Schlabberhose an.“ Ferien sind eigentlich ab Freitag, kein online Unterricht. Weise Entscheidung.

Donnerstag morgen höre ich im Autoradio, dass sämtliche Lernplattformen zusammengebrochen sind. Ach was.

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Der Liebste bekommt seine „du kommst aus dem Gefängnis frei Karte“ zugeschickt, wie er es nennt. Zur Aufrechterhaltung des Betriebs ist seine Anwesenheit am genannten Standort des Unternehmens zwingend erforderlich. Wegen Mehrschichtbetrieb kann das auch nachts oder am Wochenende der Fall sein. Er dürfte raus, wenn es zu Straßensperren kommen sollte.

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Zwei Bleche Kokosmakronen hatte ich auf dem Herd abgestellt, damit sie abkühlen können, bevor ich sie in die Dose packe. Eine Stunde später wird keine Dose mehr gebraucht. Abendessen? Eigentlich haben sie noch gar keinen Hunger.

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Die Oma aus dem Städtchen bringt einen süßen Teller und Weihnachtskarten. Sie wird Heilig Abend nicht kommen, hat sie entschieden. Das muss und darf natürlich jeder für sich selber entscheiden, niemand nimmt da was übel dieses Jahr. Aber seltsam ist es doch für alle. Heilig Abend wird zeitgleich drin und draußen stattfinden. Plan D. Wir wurschteln uns legal durch.

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Die andere Seite der Familie hatte nur einen Plan A. Der ist dahin.

Wenn da jetzt irgendeine Art der familären Zusammenkunft gewünscht ist, dann müsste aber wahrscheinlich schon irgendwer mit irgendwem irgendwie kommunizieren, oder? Ich hatte ja gesagt, ich sage nichts mehr. Der Liebste ist trotzdem grummelig. „Mental load“ nennt man das, was später Weihnachtsmagie wird. Ich koche mir einen Tee, sage wirklich nichts und bin ein bisschen stolz drauf.

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Mit einem Blick und einem Kopfnicken werden wir eingeladen, mit auf den Friedhof zu gehen. Eigentlich wollten wir nur am Zaun stehen. Anwesend sein, ohne rechnerisch teilzunehmen, quasi. Diese Variante fühlte sich in unseren Überlegungen am wenigsten falsch an.

An diesem Grab haben wir schon mal gestanden, mit der gleichen Familie.

Stille.

Nach und nach geht jeder am Grab vorbei und bleibt dann allein am Weg stehen. Kein Händedruck, keine Umarmungen, der Weg zurück mit Abstand.

Beileidsbekundungen am Grab finde ich immer schwierig. Standartfloskel mit Händedruck, es hilft ja doch nicht, dachte ich immer. Das sehe ich jetzt anders.

Nach ein paar Sätzen smalltalk im Gehen verlassen wir die Trauergemeinde schweigend.

„Väter beerdigen ist scheiße“, sagt der Liebste.

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Der Landkreis hat eine Insidenz von 257.

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Meine Schwester entschuldigt sich für Heilig Abend. Sie habe diese Woche mit einer Kollegin im Büro gesessen, die sich mit Kopfschmerzen und Geschmacksverlust krank gemeldet hat. Die Grippe, hat der Hausarzt gesagt, kein Test notwendig. Aber, ganz ehrlich, wo sollte man denn bei diesem ganzen Hygieneaufwand eine Grippe her haben? Das ist zwar richtig blöd jetzt, aber sie halten sich einfach raus, dieses Jahr, es ist zu heikel, wenn da jeder sagt „ist egal, ist Weihnachten, was soll das dann noch geben…?“ Es ist blöd. Aber danke! Denn selbst mit eingeschränktem Weihnachtsprogramm hätte das noch Sprengkraft, wenn denn dann… hoffentlich nicht. Gedankengang Ende.

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Es wird eine Weihnachtsstation eingerichtet. Jeder Haushalt wird ein Tischchen mit Namen drauf bekommen. Geschenke können so kontaktlos ausgetauscht werden. Die Kinder sind mit der Oma zum Scheune fegen verabredet.

eingeschränkt besinnlich

Die Möglichkeiten, diese Nerf umzubauen sind vielfältig. Je nachdem wofür man sich entscheidet kann man schneller, weiter, lauter, mehr. Ich kenne mich da mittlerweile ein bisschen aus. So richtig springt der Funke allerdings nicht über, es mangelt mir an Leidenschaft bei diesem Thema. Das Maikind sollte eigentlich Übernachtungsbesuch bekommen, dieses Wochenende. Jemanden, der sich ernsthaft dafür interessiert und in der Lage ist, den Aufbau einer Nerf über mehrere Stunden im Detail zu diskutieren. „Luka, kommt nicht, der hat die Pumpe (Insulin) verstopft“, das Maikind ist geknickt. Mist. Also, ist mir schon lieber, dass das noch zu Hause passiert ist, aber, warum heute?

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Das Märzkind sitzt an einer Präsentation und verzweifelt. Mit all den anderen Aufgaben, die sonst noch übers Wochenende mitgegeben wurden hat sie noch nicht mal angefangen. Ich falle in den homeschooling Modus und versuche ihr zuzuarbeiten.

Dschibuti ist geografisch gesehen das Holland von Afrika. Es hat weniger Einwohner als Köln. 94 Prozent der Bevölkerung sind Muslime, gesprochen wird offiziell französisch und arabisch aber auch somali. Überlandfahrten macht man da am besten tagsüber und im Konvoi, empfiehlt das auswärtige Amt. Trinkwasser und Treibstoffreserven sollte man dabei haben. Es ist nämlich heiß und die Infrastruktur nicht so doll, die gehört aber sowieso den Chinesen, eigentlich. Kleidung und Decken sollte man vor Gebrauch schütteln, es gibt giftige Tiere.

Ich weiß nicht, ob man bei dieser googelei was lernt.

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Eine Joggingrunde mit dem Liebsten durchs Feld. Es ist neblig. Man hat die ganze Strecke immer nur ein und dasselbe Bild. Nebel. Dafür ist es aber nicht so kalt. Irgendwann verliere ich die Orientierung. Trotzdem, es zieht sich. Sind wir bald da? Tatsächlich, am Ende der Geraden steht das Auto. Er habe da ein bisschen geschummelt, sagt der Liebste. Ich hatte ja gesagt, so 6 Kilometer würde ich mitkommen, das waren gerade 7,5 km, ging aber doch gut, ne?

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Weihnachtsbäume gibt es ab 15 Uhr. Beide Mädels stehen fertig angezogen vor dem Haus. Ich hatte angedroht selber einen auszusuchen. Auf dem Weg zum Baumverkauf versuchen sie es ein letztes Mal: Der Baum sollte zwei Meter haben, wirklich. Eigentlich mehr, aber das gibt die Deckenhöhe ja leider nicht her. Zwei Meter sind durchaus üblich und angemessen. Nein. Wir haben Glück. Als wir ankommen bemängelt gerade ein Ehepaar, das „die mittlere Größe überhaupt nicht da ist“. Es gibt also nur normale Weihnachtsbäume und ein paar, die man in Wintergärten oder Kirchen aufstellen könnte. Ich richte alle normalen Weihnachtsbäume der Reihe nach auf, die Kinder laufen murmelnd drumrum und suchen den besten aus. Ins Haus holen wir ihn am 23. vorher nicht. Er könnte aber solange im Garten stehen, vom Küchenfenster aus könnte man sich dann schon mal freuen. Das würde gehen. „Aber nicht, dass da jetzt noch ein Vogel draufkackt“, sagt das Märzkind.

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Das Maikind kommt rein. Im Klassenchat haben sie gerade gesagt, ab Mittwoch schließen die Schulen, er wollte nur fragen, ob das stimmt. Ich weiß es nicht, halte es aber für möglich.

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Hausaufgaben- Verzweiflung. Ich ziehe die Notbremse und schreibe eine Mail an die Klassenlehrerin. „Ja, das kann man. Wenn du den Fuss verstaucht hättest würde niemand erwarten, dass du die 800 Meter läufst.“ Ich hoffe, dass der Vergleich mit dem verstauchten Fuss noch hinkommt.

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Der Vatta schickt ein Foto an die Enkel. Er hat den Baum schon geschmückt und feiert ab jetzt, wer weiß, was da noch kommt.

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Heißt dass, wir können garnicht Weihnachten feiern? Große Verunsicherung bei allen Kindern. Ich versuche die neuen shutdown- Regeln, die dann wohl ab Mittwoch gelten sollen, zu verstehen. Es ist nicht ganz einfach. Schulen werden schließen oder die Präsenzpflicht aussetzen, man darf sich an den Weihnachtstagen mit bis zu vier Personen treffen, die nicht dem eigenen Haushalt angehören, aber in direkter Linie verwandt sind, Kinder unter 14 werden nicht mitgerechnet, keine Böller zu Sylvester, Geschäfte, ausser Lebensmittel/Apotheken/Tierbedarf schließen.

Was heißt in direkter Linie verwandt? Man könnte Omas in beliebigen hotspots besuchen aber die Patentante aus dem homeoffice im Nachbarort darf nicht vorbeikommen? Wer will das denn kontrollieren?

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Es ist gerade mal halb elf an diesem dritten Advent und wir sind alle nervlich am Anschlag. Es braucht ein bisschen Struktur, damit wir einigermaßen heil durch den Rest des Tages kommen. „Schmorbraten gibt es in einer Stunde, danach gehen wir alle diesen Sternweg zur lebendigen Krippe und haben es scheiß besinnlich“ schreibe ich ihn die Familiengruppe. Niemand kommt augenrollend rein, kein kotzendes emoji, nichts. Die Lage ist ernster als ich dachte.

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Offiziell ersetzt der Sternweg den Gottesdienst und startet deshalb an der Kirche, wo ein Wunschbaum aufgestellt ist. Die Leute wünschen sich schöne Sachen, normale Sachen, und Dinge, die wir ganz selbstverständlich haben. Das verschiebt den Blickwinkel etwas.

„Schantalle, tu dat mä ma ei“, fällt mir dazu ein. „Schhhhhh“, sagt das Märzkind, aber sie kann wieder lachen. Deswegen waren wir ja hier.