Julischnipsel 2026

Die Hitze ist vorbei. Wir dachten wohl alle, wenn es kühler wird machen wir einfach normal weiter. Statt dessen fühlen sich alle irgendwie wärmeverkatert, mental dehydriert und froh, dass es vorbei ist. Gibt`s schon ein Wort für diesen Zustand?

Das Vogelfutterhaus hat sich verzogen, der Gartentisch auch, in der Auffahrt ist Asphalt gerissen, sämtliche Werbegeschenks- und Souvenirladen-Fächer die wir vorrätig hatten sind durch. Bewährt haben sich die mutmaßlich vietnamesischen Palmblattfächer, die ich während der Haushaltsräumung auf Ommas Dachboden gefunden hatte. Die wurden offensichtlich für Dauerbetrieb bei hohen Temperaturen konstruiert.

Die Waschmaschine funktioniert wieder. Bei Temperaturen über 35°C ließ sie sich zu nichts überreden. Touchscreen ist viel besser als Drehknöpfe haben sie gesagt, total einfach zu bedienen haben sie gesagt.

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Märzkind und ich pflücken Sauerkirschen. Das Sommergefühl wird mit eingekocht, man wird es brauchen, eines Tages, wenn wieder Schnee liegt und der Wind pfeift… unvorstellbar.

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Alle haben sich Zeit genommen, ich fühle mich geehrt. Wir im Haus weil der Wind zu kalt ist, um draußen zu sitzen. Man trägt Strickjäckchen und wundert sich darüber. Traditionell werden am Geburtstag Fotos mit Eltern gemacht, um den Verlauf der Zeit zu dokumentieren. Weil sonst niemand mit in den Garten gekommen ist, machen wir ein Dreipersonenselfie. Vatta erzählt, mit wem er wo heute vor 44 Jahren schon was getrunken hatte. Damals musste man ja noch zu Leuten hin, um Ihnen was zu erzählen, wir hatten ja nix.

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Beide Mädels haben Auftritte auf dem Altstadtfest. Lustigerweise zu genau den gleichen Zeiten wie letztes Jahr. Überhaupt ist dieses ganze Fest genauso wie immer. Die gleichen Buden an den gleichen Stellen, die gleiche Musik auf denselben Bühnen. Nur mit weniger Leuten, wegen Ferien wahrscheinlich. Der Raum vor der Bühne füllt sich, wir finden uns und schauen den Auftritt des Julikinds in einer größeren, locker verteilten Gruppe. Die, die immer dabei sind, nicken anerkennend. Diejenige von ihren Freundinnen, die zum ersten Mal zuschaut, ist ganz aus dem Häuschen. Ich bekomme viel Lob, und freue mich natürlich, aber… ehrlich gesagt, fahre ich nur gelegentlich das Auto zum Training, also… Neee, also wirklich soso toll ist das, sagt sie.

Märzkind ist erst viel später dran. Weil niemand Lust hat auf Kultur bei Kirmesfeeling, fahren wir ins nächst gelegene Freibad, in der Hoffnung, dass man da noch einen Platz frei hat, für uns. Der Mann an der Kasse freut sich, dass wir kommen. Ausser uns sind noch drei andere Badegäste im Bad. Die gesamte Liegewiese ist frei, alles ist blitzeblank sauber, man hört das sanfte Wellenplatschen am Beckenrand – an einem Sonntag nachmittag im Juli, während der Sommerferien, wie kann das sein?

Nach zwei Stunden Urlaubsgefühl fahren wir zurück und bewundern den zweiten Auftritt des Tages. Es gab Nachwuchs in diesem Verein, das ist schön, aber ich hatte so zwei oder drei Momente Nervenflattern, weil ich dachte, jemand könnte stürzen. Nix passiert. Ab hier beginnt dann eigentlich traditionell der Sommer, überlegen wir, während wir zurück zum Auto laufen. „Aber mit Sommer meint man ja was anderes, nicht wie letzte Woche“, sagt Julikind. Recht hat sie.

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Der Twizzy bremst wieder. So gut, dass er sogar TÜV bekommt. Wir freuen uns, weil er erstens gebraucht wird, als Sommerfahrzeug und zweitens, weil diese Reperatur ungefähr 3000 Euro günstiger war, als die Vertragswerkstatt kalkuliert hatte, selbst wenn man die Ersatzteilkosten und Werkzeuganschaffungen ehrlich zusammenrechnet, sagen die Herren. Naja, die investierten Wochenenden und Nerven verbuchen sie dabei als Gewinn von Lebenserfahrung.

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Frisch Getratschtes: Ich dachte, die USA Reisenden hätten Tickets für die Achtelfinale, und wüssten halt nur nicht, wer spielt. Im Pauschalangebot dieser Fussballreise waren aber nur die Tickets für Deutschland-Achtelfinals inklusive, alternativ optional eben keine Tickets. Wer hätte gedacht, dass Leute für sowas Geld bezahlen würden? Die beste Geschäftsidee, seit jemand unsichtbare Stoffe für des Kaisers neue Kleider gewoben hat. Respekt. Aber man darf natürlich nicht lachen, es wird dauern, bis das lustig ist, falls überhaupt. Die große Schwester des Investors schickt ein Foto vom Einkaufen.

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Innerhalb von wenigen Tagen bekommen alle Halskratzen und Schnupfnasen, dazu ein Gefühl von müden Knochen. Hitzeerschöpfung, Freibad-Erkältung, Klimaanlagen- Temperaturschwankungs-rotz oder vielleicht ein Hauch von Sommercovid? Man weiß es nicht. Mich streift die Erkältung nur, Glück gehabt. Dafür verknackse mir den Fuss, beim Spaziergang. Nichts geht mehr. Na toll. Ich hab die Schnauze voll und verfalle kurz in mimimi.

Bis das Telefon klingelt. Zwei Verkehrsunfälle sind im Bekanntenkreis passiert. Einer heute, der war blöd. Es gibt einen Schaden und Verletzungen, die mich aufhören lassen über einen bunten Fuss zu jammern, aber nicht so schlimm, dass man sich sorgen muss. Der andere ist wohl schon etwas länger her. Die Nachricht ist Teil einer Antwort auf die Geburtstagseinladung des Liebsten, und wird am Ende zusammengefasst mit, es bestehe keine Lebensgefahr mehr, aber man könne derzeit leider nichts im Voraus planen und deshalb noch nicht zusagen.

Ich nehme mir ein Buch, setze mich in den neuen Sessel, wickle den Fuss in Eis und genieße das Leben.

Meilensteine und Premieren unterm Hitzedom

Vier Leute sitzen um den Esstisch und spielen Siedler von Catan. Wäre es Advent würde man von hygge und Gemütlichkeit sprechen. Es ist aber Juni und wir sitzen drin, weil es draußen zu heiß ist. Wirklich. Sogar für die drei von uns, die Sommer gern mögen und das ist neu. Wir erzählen uns gegenseitig was wir heute alles nicht machen, wegen Wetter und konzentrieren uns dann aufs Spiel.

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In der Kirche ist es angenehm kühl. Auffallend viele Leute tragen weiße Hemden, bei dieser Trauerfeier, einige Fächern sich Luft zu, so richtig mit Fächern, nicht provisorisch mit Notenblättern oder so. Wir folgen dem Trauerzug bis ans Grab, wer kann steht andächtig am Zaun. Alle anderen teilen sich die schattige Ecke an der Kirchenmauer. Die Urne verschwindet im Grab, Gebet, ein Moment noch, dann erste Blickwechsel. Es geht allen gleich. Wir eilen in aller Stille auseinander. Auf der anderen Seite der Kirche steht noch eine Frau unter einem Baum, sie entschuldigt sich, die Sonne, sie könne wirklich nicht da hinten, am Grab. Wir haben vollstes Verständnis. „Also, wer das mit dem Klima jetzt noch nicht verstanden hat, der hat doch den Knall nicht gehört“, sagt eine Ü-70 jährige im Vorbeilaufen. Es tue ihr leid, sie würde sich gern unterhalten, aber sie müsse dringend nach drinnen, sagt sie und gestikuliert dabei erklärend Richtung Universum. Wir nicken. Vielleicht ist 14 Uhr keine gute Zeit mehr für sowas.

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Och guck, so im direkten Vergleich kann man tatsächlich Unterschiede wahrnehmen. Innerhalb von nur 6 Stunden hab ich einen Mückenstich, einen Zeckenbiss und einen Bremsenstich abbekommen, alle in die Kniekehle, und ich kann sagen, was wo ist, ohne hinzugucken. Nnnaaargh. Trotzdem bin ich mit dieser Sammlung noch nicht König. Jemand braucht einen Arzttermin, wegen eskaliertem Mückenstich. Hatten wir so auch alles noch nicht.

Teile der Hausapotheke dürfen nicht über 25°C gelagert werden, sollen aber auch nicht in den Kühlschrank. Äääähm, tja. Es kommt auf die Liste, mit Sachen, über die wir nachdenken wollen, wenn es wieder kühler ist.

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Das Aquarium hat Luft nach oben. Ich schütte kaltes Wasser nach und wünsche den Fischen von Herzen alles Gute.

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Es sind nur noch zwei Kühe auf der Weide, beide auf dem Weg Richtung Stall. Sie gehen langsam. Uns gehts genauso, Mädels, denke ich. Wir waren früh unterwegs, der Hund und ich. Nicht früh genug, aber wo soll man anfangen, wenn es nachts kaum kühler wird? Morgens um sieben wird es allmählich zu warm für alles. Der Unwetterwarnungs-Ping von NINA kommt um kurz nach zehn.

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Ich nutze eine Wartezeit zum volltanken, der Rabatt endet nächste Woche. Danach gucke ich mir den neuen Lebensmittelladen mal an. Dort läuft arabische Musik, das passt. Ich kaufe eine Gewürzmischung.

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Johannesbeeren und Kräuter geerntet. Immerhin. Das Gewächshaus produziert eventuell direkt luftgetrocknetes Gemüse, diese Saison.

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Märzkind ist in Sorge um eine Nachbarin. Die Betreuung ist unter normalen Umständen schon nicht ganz leicht, und bei den Temperaturen wird es gefährlich. Sie habe Hilfe angefordert, damit vielleicht Grenzen überschritten, aber ach. Ich finde, sie hat das gut gemacht, sehr professionell.

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Der Arbeitgeber des Liebsten veranstaltet einen Familientag, alle haben sich darauf gefreut und den Termin freigehalten. Man zeigt uns Maschinen die Material verarbeiten, dass einem sonst nirgendwo im Leben begegnet. Als würde man mitten durch einen Beitrag für die Sendung mit der Maus laufen. Am Ende kommt ein Papier raus, dass dann woanders weiterverarbeitet wird, in Handarbeit, bis es schließlich zu einem Filter wird, den man so wahrscheinlich nie sehen wird, sagt der Mitarbeiter, und zeigt ein Endprodukt. Das neben mir stehende Maikind nickt nur. Die Dinger hat er im gesamten Betrieb wechseln müssen, damals, zu Beginn seiner Ausbildung, sagt er.

Es gibt Burger und Pommes, mehrere Sorten Grillfleisch und Gemüse und Salate, ein Traum für Teenager, man könnte mal so richtig… aber es geht halt nicht. Man schwitzt im Sitzen, im Schatten und bedauert die, die da am Grill stehen müssen. Nach dem Essen drehen wir uns einmal unter der Sprinkleranlage neben dem Sandberg mit Baggern und Schaufeln. Die kleinen Menschen wundern sich. Es wird trotzdem zu warm, wir verabschieden uns.

Auf dem Heimweg sehen wir zwei Unfälle. Der erste so heftig, dass schon weitem klar ist, dass das eine Weile dauern wird. Wir wenden und fahren einen Umweg. Der zweite so glimpflich, dass man sich fragt wie das überhaupt passieren konnte, die können doch kaum mehr als 10 km/h schnell gewesen sein. Verkehrstechnisch gesehen sollte man 35°C im Schatten so behandeln wie einen halben Meter Schnee, sind wir uns einig, „und wenn man das Gefühl hat, man packts nit, einfach zu Hause bleiben“, sagt Märzkind. Alle nicken.

Zu Hause Siesta.

Der Liebste kommt am frühen Abend nach Hause. Suchend guckt er in den Kühlschrank, er würde gern noch ein Stück von dieser Wassermelone, wo ist denn die? Ich schüttle mit dem Kopf. 15 Kilo waren das, einfach weg.

Wir haben das absolut kühlste Schlafzimmer im ganzen Haus. Leider hab ich heute morgen vergessen, das Fenster zu schließen. Es tut mir aufrichtg leid, ist aber nicht mehr zu ändern. Ich wache auf, mit dem Gefühl, dass irgendwas nicht stimmt, aber was? Es ist zu warm. Viel zu warm. Das geht so nicht. Ich nehme mir eine Flasche Wasser mit auf die Terasse. Draußen ist es nicht wirklich kühler, aber mit ein bisschen Wind doch angenehmer. Ich schaue der Fledermaus beim Jagen zu und denke über Terassenentsiegelung und Hängematten nach. Die Tür hab ich im Halbschlaf hinter mir zugezogen und natürlich keinen Schlüssel. Naargh. Ist aber kein Problem, Samstag morgen viertel nach zwei ist für manche noch Freitag abend, und mein Handy hab ich dabei. Julikind wundert sich, dass ich noch wach bin, aber klar, sie wird mir die Tür aufmachen. Wir unterhalten uns nett. Märzkind kommt um halb drei nach Hause und wundert sich, was denn hier bitte los sei. Im Nachbarort auf dem Sportplatz sei es gefühlte 10°C kälter gewesen, eben gerade. Fast hatte man das Gefühl einen Pulli zu brauchen. Hier nicht.

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Sonntag purzeln die Hitzerekorde von Samstag. Sind wir dann jetzt soweit, dass es egal ist?, frage ich in die Runde, denn ich hatte damals, vor dieser Wetterlage eingekauft für Ofenkartoffeln. Dazu müsste ich den Backofen anmachen. Wir sind soweit, sagt die Familie. Aber, wenn das morgen noch so sein sollte, wäre er persönlich an einem Punkt, an dem er nichts warmes mehr essen wollen würde, erklärt Maikind beim Essen. Zustimmendes Gemurmel rund um den Tisch.

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Montag morgen um fünf regnet es. Das Thermometer zeigt 18°C, einfach so. Wir reißen alle Fenster auf.

Man kann tagsüber Dinge erledigen, Sachen aufräumen, zu Ende denken. Abends wird gegrillt, bei ganz normalem Sommerwetter, zur Feier des Tages. Märzkind guckt leicht irritiert, als sie in den Garten kommt. Da lag schimmeliges Brot im Kasten, sagt sie. „Brot kann schimmeln?“ fragt Maikind. Ist bisher nie vorgekommen, wie so manches letzte Woche.

Stolz und Hitze

Julikind ist auf Klassenfahrt, ihr Zimmer die ganze Woche frei, das ist die Gelegenheit eine Baustelle zu beginnen. Ich schiebe die Matratzen über den Flur, rücke Möbel und reiße Tapeten ab. Natürlich ist alles genauso kompliziert, wie wir angenommen hatten. Der Liebste und ich schlafen ab Woche zwei in der Ferienwohnung. Es hat ein bisschen was von Campingplatz, wenn man so morgens um viertel nach sechs im Schlafanzug durch den Garten läuft.

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Unwetterwarnung wegen Hitze ist irgendwie fies. Draußen scheinbar wunderschönes Sommerwetter, aber man kann nix. Der Triathlet meldet kaum noch Wasser an der nächstgelegenen Badestelle. Somit waren wir dieses Jahr genau einmal da schwimmen. Freibad im Städtchen hat geschlossen, Freibad der Nachbargemeinde wird um diese Zeit keine Schattenplätze mehr haben und sich bei 35°C mitten auf die Wiese zu legen kommt nicht in Frage. Also verbringen wir das Wochenende in abgedunkelten Räumen und freuen uns über die dicken Wände. Wohnen im Altbau hat durchaus auch Vorteile.

Hab die Winterjacken auf den Dachboden getragen.

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Fristende ist alle Jahre wieder die Gelegenheit, dieses Zettelfach im Regal zu leeren. Ein Jahresrückblick in Rechnungen quasi. Zwei Stunden lang suchen und heften wir, um dann festzustellen, das nachgezahlt werden muss. Naaarrgh.

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Zwei Bienenköniginnen wurden geliefert und müssen dem Veterinäramt gemeldet werden. Das geht per mail und ist schnell erledigt. Da wir in keinem Imkerverein mehr sind, wird allerdings noch die Tierseuchenkassennummer gebraucht, teilt das Amt in der Antwortmail mit, praktischerweise gibt es einen link. Ich hole einmal tief Luft und wappne mich für Behördenkontakt. Es ist aber überraschend einfach. Man wählt aus, wegen welchem Tier man hier ist, und bekommt Auswahlmöglichkeiten. Ich möchte einen Bienenstand melden, das Flurstück, auf dem der steht hat eine Adresse und – ich denke kurz drüber nach – wir machen definitiv weniger als 50 Mio Euro Umsatz im Jahr. Kurz darauf bekomme ich eine Nachricht mit der Nummer, teile die dem Amt mit und das wars.

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Nachdem wir im letzten Jahr die ersten Gäste waren und mit Applaus begrüßt wurden, kommen wir in diesem Jahr erst fünf Minuten vor Beginn der Veranstaltung an, um Peinlichkeiten zu vermeiden. Allerdings heißt Beginn hier anscheind, dass es wirklich genau dann anfängt, das war uns nicht klar. Es wird schon anmoderiert. Wir bleiben einen Moment in der Tür stehen und suchen nach zwei freien Plätzen. „Es kommen noch Leute, wie schön, herzlich willkommen“, sagt der Moderator, ganz vorn seien noch Plätze wir mögen doch bitte durchkommen. Julikind seufzt.

Dr Jekyll und Mr Hyde. Wir sitzen in der ersten Reihe und werden zwei Stunden lang gut unterhalten. So gut, dass wir uns ab und zu angucken und voll Bewunderung nicken. Auf der Rückfahrt sind sind wir uns sicher, eines Tages werden wir sagen können, die haben wir schon live gesehen, damals, 26, auf der Theaterbühne. Leider gabs kaum Sauerstoff in der sommerlichen Aula. Aber irgendwas ist ja immer.

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Die Bio-Heuwiese sieht so schön aus. Hüfthoch wächst das Gras, es summt und zirpt und raschelt. Aus einem Bullerbü-Gefühl heraus fange ich an Blumen zu pflücken, von jedem eine. Es kommt ein richtiger Strauß zusammen. Auf der konventionell betriebenen Grasfläche gleich nebenan blüht zeitgleich genau ein Löwenzahn.

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Endlich ist er da, der große Tag. Die Schulentlassungsfeier wurde zeitlich so gelegt, dass sie mit dem Unterrichtsschluss sämtlicher Schülerinnen kollidiert und sich 10 Minuten lang alle gegenseitig im Weg sind, so ist es Traditon. Die Aula ist schön kühl, wenn man von draußen kommt, es wird nicht lange halten. Es gibt einen Musikbeitrag, eine Tanzdarbietung, Reden und endlich Zeugnisse. Nach zwei Stunden sind wir alle nass geschwitzt und froh, nach draußen zu kommen. Keine Wehmut, keine Nostalgie. Draußen werden Fotos gemacht, man unterhält sich kurz, dann zieht es alle erstmal nach Hause.

Auf dem Weg zur Abendveranstaltung sammeln wir die Freundin des Julikinds ein. Die beiden feiern sich gegenseitig. So stolz sind sie aufeinander. Hach, es ist so ein Moment… Ich bin auch stolz, und ein bisschen gerührt.

In der Festhalle ist es angenehm kühl, noch. 150 Leute sind zum Essen gemeldet, im Nebenraum halten 15 Rechauds das Essen über offener Flamme warm. Nach dem Essen beginnt der DJ mit seinem Unterhaltungsprogramm und die Menge teilt sich, in die, die tanzen können und wollen und die, die im Sitzen schwitzen.

Nachts dann beeindruckendes Gewitter.

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Ich schaue ein halbes Fussballspiel mit an und gehe dann ins Bett. Irgendwie springt da kein Funke über.

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Wir fahren ins Städtchen, reichen das Zeugnis bei der weiterführenden Schule ein und kaufen ein. Ein Hitzedom wurde vorhergesagt, aber 15 Kilo Wassermelone sollten wohl reichen, bis zum Wochenende. Nachmittags ist Julikind mit der Nachbarin verabredet, und, keine Ahnung, wann sie nach Hause kommt, ne? Ist gut. Ferienbeginn

Frühsommer, Geburtstage und die wilde Maus

Von jetzt auf gleich ist wieder Sommer, aber so richtig. Anbaden im Edersee. Das Wasser ist bei weitem nicht so kalt wie ich dachte. Unglaublich, dass man letzte Woche noch im Wintermantel…

Abends sitzen wir im Garten. Diese Woche hatte es in sich. Morgen noch, dann ist es geschafft. Alle nicken und seufzen ein bisschen. Die alten Tanten, sie werden Dinge wissen wollen: „Was machst du nach der Schule, und danach, und was macht man dann damit?“, sagt Julikind „wie lange studierst du denn noch, was bist du denn dann, kann man damit Geld verdienen, wo denn?“, sagt Märzkind. Wenn man eine Ausbildung macht sei es aber auch nicht besser sagt Maikind, lauter Fragen zu Plänen, die man überhaupt nicht machen kann. Vielleicht sollten sie sich ein paar Konterfragen überlegen, schlage ich vor, um das Gespräch in andere Richtungen zu lenken. „Samma, bist du eigentlich schon im Altersheim?“, fragt Julikind und grinst. „Warste denn dies Jahr schon auf Kreuzfahrt?“, erkundigt sich Märzkind, „kochst du eigentlich noch selber, oder lässt du liefern?“ fragt Maikind. Wir lachen, und das hilft schon ein bisschen.

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Runder Geburtstag in einer Gaststätte im Sommer ist aber tatsächlich ganz angenehm. Zwischen Mittag und Kaffee kann man draußen rumlaufen, nach dem Kaffee setzen wir uns in den Biergarten uns spielen Hitster. Zu unserer eigenen Überraschung gehören wir zu den letzten Gästen. Alle gemeinsam räumen Geschenke und Reste ins Auto. Abends sitzen wir mit dem Gast, der bei uns wohnt im Garten bis es dunkel wird. Hier wird es nämlich dunkel und leise, an einem Sommerabend. So beeindruckt man Großstädter.

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Ein Fahrgeschäft fahren wir alle zusammen, so ist es Tradition. Wir laufen also eine Runde über den Pfingstmarkt und entscheiden uns dann für die wilde Maus, weil die Mädels da noch nie drin waren. Julikind ist ein bisschen enttäuscht, sie hätte es lieber höher und schneller, aber nagut. Ich zahle und lasse die beiden vor, vorne sind die besten Plätze und ich bin ja schon öfter gefahren, da sollen sie ruhig. Märzkind ist misstrauisch, weil ich ein bisschen grinsen muss, als der Wagen sich in Bewegung setzt, dann hört man zwei Minuten lang nur „uuuuuaaaaahhhh“ aus der ersten Reihe und ich lach mich kaputt. „Altaaa, samma, hast du? das? gewusst?“ fragt Julikind. Ja sicher. „Ich dachte kurz, ich sterbe“, murmelt Märzkind.

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Märzkind und ich schaffen Schattenplätze und decken den Tisch im Garten. Maikindgeburtstag feiern wir mit Erdbeeren, Nussecken und Grillbuffet. Weil es nur wenig Gäste sind haben alle Zeit, sich zu unterhalten, Retro-Brettspiele kommen zum Einsatz. Schöne Party.

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Start in die Status-Reise-Hauptsaison. Diese Bibliothek in Portugal scheint was besonderes zu sein, vielleicht google ich das irgendwann mal ansonsten: Strohhalmgetränke vor Sonnenuntergang, Fahrrad vor Landschaft, Füsse mit Sand und Meer, Event-Sportereignisse.

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Honig geschleudert, und es hat Spaß gemacht dieses Jahr. Der Zeitpunkt war gut, die Menge auch, so soll das.

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Plötzlich bewegt sich was, in der Wiese neben mir. Ein winziger Hase flitzt auf den Weg und läuft genau vor uns her, wie ein flauschiger high speed riesen Flummi, das ist so süüüüüß, dass ich kurz quietschen muss. Der Hund guckt irritiert. Kinderstunde im Feld und im Wald und im Garten. Ich liebe das.

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Mottowoche der Zehntklässler. Morgen ist „kein Rucksack“, sagt Julikind und sie hatte da eine Idee. Man hört Geräusche vom Dachboden, später steht die Klebepistole in der Küche. Am nächsten Morgen räumt das Kind die wenigen Sachen, die es für diese letzten Schultage noch braucht in ihre Schultüte. Fröhlich stopft sie das Krepppapier fest. Passt. Aber ehrlich gesagt hatte sie die Schultüte größer in Erinnerung. Ich auch. Hach ja.

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Ich habe keine Ahnung von der aktuellen Weltwirtschaft, aber das Bauchgefühlt sagt, heute ist der Tag. Ich wähle die Nummer des Heizöllieferanten, mein Hirn spielt „say geronimo“ im Hintergrund. Man freut sich über meinen Anruf, ob wir denn direkt einen Liefertermin ausmachen wollen? Sicher, warum nicht. Passt morgen zwischen 12 und 14 Uhr? Gern. Am nächsten Tag klingelt es um 13 Uhr. Im Moment sei nicht viel los, sagt der Fahrer. Tja, sage ich, man zockt halt. Viele verzocken sich, erzählt er. Oft ist schon Not-aus, wenn er kommt, manchmal nimmt die Heizung das übel.

Ich hefte den Lieferschein ab und halte einen Moment andächtig inne, als ich den Preis vom letzen Jahr sehe. Arschteuer hat sich das angefühlt, damals, ich erinnere mich. Es waren die guten Zeiten. Dieses Jahr, ach komm, geh weg. Andererseits war es vielleicht auch das Investment des Jahres, wie gesagt, ich habe keine Ahnung. Wenn natürlich jetzt morgen Weltfrieden wäre, das wäre irgendwie ärgerlich.

Haushalt mit Jahresringen

Ein Schrank voller Bettwäsche. Baumwolle und Leinen, gemangelt und akurat zusammengelegt. Ich liebe Stoffe. Ich kann nicht alle behalten, denn brauchen tue ich strenggenommen gar keine. Es ist kompliziert. Auf einen Kissenbezug sind Initalien gestickt, ich kann sie einer Urgroßmutter zuordnen, bewundere einen Moment die Handarbeit, und erinnere mich daran, wie die Omma mal gestenreich davon erzählt hat, wie man die Fäden in den Webrahmen einspannt, auf dem dieses Leinen vermutlich entstanden ist. Ein Zettel auf der Schranktür weist darauf hin, dass sich noch Verbandszeug hinter den Stapeln des zweiten Faches befindet. Ich ziehe einen Stapel nach vorn und finde ein Schreibheft darunter. In Grundschul-Handschrift steht dort ihr Name, 4. Klasse, da ist man ungefähr 10, das Heft ist 84 Jahre alt. Ach komm, wenn wir ehrlich sind – heute werde ich hier nicht weiterkommen. Ich schließe die Schranktür. Einen Meter weiter hängt das Medizinschränkchen an der Wand. Medikamente aussortieren sollte einfach sein. Ich schaue auf die Verfallsdaten und ja, das kann alles weg. Im obersten Fach findet sich eine stattliche Sammlung an Mullbinden. Ich ziehe das einzige verpackte Päckchen heraus und staune. Die Geschichte dazu wurde mir nie erzählt. Ich weiß nur, dass der Opa als „letzte Reserve“ kurz vor Kriegsende noch eingezogen wurde, mit 15 Jahren. Ich zeige den anderen, was ich gefunden habe.

Es ist Samstag Nachmittag. Wir waren nicht verabredet aber in jedem Raum scheint jemand zu sein. Ein Geruch von „wuäh, was isn das“ wabert durchs Treppenhaus. Im Keller werden gerade uralte Weckgläser geöffnet und der Inhalt entsorgt. Ein Wäschekorb voll leerer Schnapsflaschen steht im Flur. Der Inhalt wurde unter eine Hecke geschüttet, ob das Spätfolgen hat, wird der Frühling zeigen. Auf dem Dachboden läuft jemand hin und her, Kisten voller Honiggläser werden die Haustür rausgetragen. Im Wohnzimmer finde ich Brüderchen, er inspiziert ebenfalls einen Wäscheschrank. Wir begrüßen uns herzlich. „Wenn de Omma sehen würde, was wir hier heute machen, sie würde sich im Grabe umdrehen“, sagt er und da hat er wohl recht. Wir lachen, so, wie man eben lacht, drei Wochen nach der Beerdigung. Kaum jemand durfte je in ihre Schränke gucken. Wir waren alle ein bisschen neugierig. Spoileralarm, es gibt von allem reichlich. Gemeinsam gehen wir in die Küche, ziehen eine Schublade auf. Darin gemischtes. Brüderchen beginnt zu kramen. „Ach scheiße“, sagt er „so ein Ding hab ich letzte Woche gekauft“, „du hast ne Suppenkelle gekauft?“ erkundige ich mich und lache ihn ein bisschen aus, „jamann, hab nicht dran gedacht, scheiße ej“, murmelt er.

Auf der Fensterbank stehen eine Menge Vasen und Krüge, „Flohmarkt“ steht auf dem kleinen Zettel der daneben liegt, ich erkenne die Handschrift meiner Mutter. In einer Vase steckt ein Zettel, in Erwachsenenhandschrift weist de Omma darauf hin, dass diese Vase noch von ihrer Oma sei und wir sie stets in Ehren halten und nicht verkaufen sollen. Ich schmunzle und stecke den Zettel wieder zurück.

Ich trage eine Kiste mit Flohmarktware auf den Dachboden, und stelle sie zu den anderen unter einen Tisch. Auf dem Tisch liegt ein Buch, das war beim letzten Mal noch nicht da. Es sieht aus, als hätte es jemand aus der Hogwarts-Bibliothek entliehen. Ich klappe den Deckel auf. Eine Bibel von 1823. Lag in der Schublade des Gästezimmers, sagen die, die den Keller geräumt haben, und sowas wirft man ja nicht weg. Im Keller liegen auch die Schallplatten, die Julikind gesucht hat. Was drauf ist, ist total egal, sie wählt nach Größe aus, die werden Deko. Zwischen den Schallplatten findet sie ein Foto, in schwarz weiß, darauf eine Gruppe junger Männer. Schützenverein 1932, steht auf dem kleinen Schild im Fordergrund. Wo das Bild gemacht wurde kann man erraten, auch wenn das Gebäude im Hintergrund heute verfallener aussieht. „Das war Hitlerzeit“ murmelt Julikind. Ich nicke. Einen Moment lang sagt niemand was. Einige der Jungs sind vermutlich so alt wie Julikind. Ob sie mal ein Bild davon machen kann, fragt sie den Opa, für die Schule, sie haben das gerade in Geschichte.

Ende Januar 26

Für die Trauerfeier haben alle frei genommen und trudeln nach und nach zu Hause ein. Schwarze Winterklamotten werden zusammengesucht, es ist wirklich kalt. Dafür aber blauer Himmel und strahlender Sonnenschein. „Da hat sie aber wirklich einen schönen Tag erwischt“, sagt eine von Omas Bekannten, auf dem Weg vom Grab Richtung Ausgang. Das stimmt. Zum Ende des Trauerkaffees sitzt nur noch „die Weihnachtsrunde“ zusammen und tauschen Geschichten und gesammelte Neuigkeiten aus. Die Trauerfeier war schön, feierlich, an der ein oder anderen Stelle zum Schmunzeln, und angemessen ehrlich, da sind wir uns einig. Es wird noch zwei weitere Beerdigungen geben, in nächster Zeit,“ aber das normal“, raunt die Oma aus dem Städtchen mir zu, „es wird in dreier Gruppen gestorben, schon immer.“

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Auf dem Flur steht die Krücke, unter der Garderobe, an der ihre Jacke hängt. Auf dem Küchentisch liegt ihre Brille und das kleine Schälmesser, über dem Stuhl hängt ihre Weste. Neben dem Spülbecken steht ein kleines Schälchen mit Löffel darin. Alles sieht normal aus, als wäre sie nur mal gerade die Hühner rein lassen. Auf den zweiten Blick fällt die geöffnete Kühlschranktür auf. Er ist leer und ausgeschaltet. Und die Blumen auf der Fensterbank – ich nehme ein Glas aus dem Schrank und gebe jeder einen Schluck Wasser. Es ist seltsam hier zu sein ohne sie. Eine Stunde lang sichten wir Dinge in Schränken, nehmen Erinnerungen und nützliches mit. Dann braucht es eine Pause.

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Ein Samstagmorgen Frühstück mit Maikind und dem Liebsten, das hatten wir länger nicht. Also ich. Die beiden machen das ja jedes Wochenende.

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Weil an der Arbeit Radio läuft bekomme ich wieder regelmäßig Nachrichten mit. Das berührt meine mentale Komfortzone:

Morgens erhalte ich Nachricht von Märzkind, der Studienbeitrag habe sich erhöht. Alles andere hätte mich überrascht. Nja, sagt sie, aber eventuell kommt da sogar noch was dazu, weil ja das Deutschlandticket auch teurer geworden ist. Die Studies beraten noch, ob das weiterhin Teil des Studientickets sein soll oder aus Kostengründen lieber nicht. Nachmittags höre ich im Radio, dass unsere Regierung beschlossen hat, den Kauf von neuen E-Autos zu fördern. 1500 Euro kann man minimum abgreifen. Blöd halt, dass da trotzdem noch ein selbst zu finanzierender Restbetrag bleibt. Und außerdem bin ich sowieso stinksauer, weil einmal die Bremsen neu machen am Twizzy 3600 Euro kosten soll, und das ein Totalschaden ist.

Es hat geschneit in der Nacht. Einiges, stelle ich erstaunt fest, als Julikind das Haus Richtung Bushaltestelle verlässt, da werde ich gleich räumen müssen, mal sehen ob der Bus überhaupt kommt, scherzen wir, ansonsten kann sie mir helfen. Der Schulbus fährt. Um zwanzig nach acht bekomme ich Nachricht von Julikind, sie sei auf dem Weg nach Hause, Schule fällt aus. Hä? Eine Mutterkollegin hat die Elterntaxifahrt übernommen. Mein Arbeitstag beginnt erst um 13 Uhr, bis dahin werden die Straßen ja wohl geräumt sein, dachte ich. Aber, dem ist nicht so. Keine Unwetterwarnung, kein Räumdienst, so scheint es. Mit 30 Kmh schleiche ich den Berg hoch. Direkt in der ersten Kurve rutscht mir sportlich der Arsch weg, trotz nagelneuer Winterreifen. Oooookeeee. Zum Glück war da Platz. Der Weg an die Arbeit dauert dreimal so lang wie normal, war aber so eingeplant, alles gut. Die Nachrichten berichten an diesem Nachmittag, dass der Kanzler gerne das Recht auf „Lifestyle-Teilzeit“-Arbeit einschränken würde. Da muss ich tatsächlich einmal ganz tief Luft holen.

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Orangen-Nusskuchen gebacken und gegessen.

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Die erste Erkältung des Jahres erwischt mich, klar, das hatte ja noch gefehlt.

Glockengeläut morgens um acht

Gegen halb zehn kommt Julikind mit ihrem Gast und den ersten beiden Brettspielen vom Dachboden ins Esszimmer. Damit beginnt der offizielle Teil des Sylvesterabends. Die Spielanleitungen müssen wir tatsächlich nochmal durchlesen, solange ist das schon her. Bei „Schnappt Hubi“ leitet eine Stimme aus dem Kasten durch das Spiel. Die Teenager schmunzeln über die antike Technik. Ich weise darauf hin, dass das echt krasser scheiß war, damals, in 2012. Danach spielen wir „können Schweine fliegen?“. Einen kurzen Moment lang überlege ich, ob Steinböcke Federn haben, frage mich dann innerlich, ob ich das gerade ernsthaft…?, und bescheinige mir selbst den geistigen Tiefpunkt des Jahres. Noch eine Runde „memory“ und dann müssen wir uns schon anziehen, es ist nämlich richtig kalt draußen. Und glatt, stellen wir nach wenigen Schritten fest. Die erste halbe Stunde des Jahres verbringen wir mit lieben Nachbarn hinterm Haus. Angestoßen wird mit Feigenschnaps und Eierlikör.

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Der Neujahrstag ist wie immer zu nichts zu gebrauchen, Feinstaub lässt grüßen.

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Tja, da hab ich wohl Glück gehabt, wenn man so will. Ein hausärztlicher Notfall am Wochenende, ich muss arbeiten, der Liebste hat frei, so wie die letzten beiden male auch.

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Eine Nachricht im Familienchat, es gab einen Anruf aus dem Krankenhaus, letzter Aufruf. Ich würde dann nochmal hin wollen. Maikind und Julikind auch. Als ich von der Arbeit komme sind sie schon so gut wie abfahrtbereit. „Aber, ganz ehrlich“, sagt Maikind…. Alle drei haben wir ein bisschen Angst, das, was uns erwartet vielleicht nicht aushalten zu können. Es tut gut, das mal laut gesagt zu haben. Wer nicht mehr kann geht einfach raus, wer weinen muss, bekommt ein Taschentuch und niemand wird darüber irgendwas denken. Als wir ankommen ist es still auf dem Krankenhausflur. Es wird ein ruhiger Besuch, ohne Tränen. Gut, dass wir das gemacht haben.

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Weihnachten wieder eingepackt und auf den Dachboden getragen.

Berliner gebacken und gegessen.

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Der Elternchat informiert darüber, dass die Präsentationsprüfungen um eine Woche nach hinten verschoben werden. Persönliche Gründe. Der Liebste schickt die Nachricht weiter an Julikind. Sie schickt den Hirnexplosions-emoji und sitzt 5 Minuten später bei uns auf dem Sofa. Wir haben Verständnis für persönliche Situationen, im Moment. Die letzte Ferienwoche hätte man allerdings auch anders… naja, zwei Tage bleiben ja noch.

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Zwei Weihnachtsbesuche gäbe es noch zu erledigen, einer davon könnte schon mit einem Geburtstagsbesuch kombiniert werden.

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Ob es etwas neues gibt, erkundigt sich Märzkind. Nein. Aber wir rechnen da jederzeit mit einem Anruf, ob sie nochmal hin möchte, frage ich nach. Sie würde gern. Julikind wollte sowieso mal in die Stadt, spontan machen wir uns also auf den Weg. Die Atmosphäre im Krankenzimmer ist heute völlig anders. Jemand hat eine kleine Lampe hingestellt und eine Kerze, der Blumenstrauß von letzter Woche sieht traurig aus, leider gibts im Krankenhaus keine zu kaufen, wir könnten auf dem Rückweg noch welche vorbeibringen, überlegen wir. Eine Krankenschwester bittet uns, bescheid zu geben, wenn wir gehen, dann würden sie wieder häufiger vorbeischauen, aber solange wir da sind, wird niemand stören. Wir ziehen die dicken Winterjacken aus, setzen uns und fangen an, uns zu unterhalten. Über Geburtstage, Beerdigungen, Erinnerungen an andere Großeltern, Besonderheiten der letzten Wochen und das Wetter, ganz normal, wie wir das auch bei der Oma in der Küche getan hätten. Zwischendurch halten wir zweimal inne lauschen und beobachten, aber alles gut. Als die Tür aufgeht stehe ich schnell auf, weil ich auf dem Tisch sitze, und das tut man ja eigentlich nicht. Die Marburger Verwandschaft kommt und ist in einer völlig anderen Stimmung als wir. Wir machen eine kurze Übergabe und verabschieden uns von der Oma, auch ganz normal, heute war es nämlich schön hier und es hat gut getan, nochmal so zu sitzen.

Als wir gerade vom einkaufen nach Hause kommen informiert eine Nachricht im Familienchat, dass die Oma gestorben ist. Eine knappe Stunde nachdem wir weg waren. Die Blumen hatten wir ganz vergessen, fällt uns ein, aber das war ja dann egal.

Abendessen bei den Eltern in der Küche. Es gibt eine Gedächtnis-Wurstplatte, denn die Oma mochte mehrere Wurstsorten am liebsten. Wir erzählen vom Tag und schauen alte Fotoalben an, die der Vatta aus Omas Schrank mitgebracht hat. Julikind ist ehrlich interessiert und beeindruckt, die könnte sie ja vielleicht auch mal in der Schule zeigen. Geschichte mit echten Menschen, ist irgendwie anders, als im Buch.

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Am nächsten Morgen läuten die Glocken, morgens um acht. So wissen alle, das am Vortag jemand gestorben ist..Der Liebste und ich schaufeln dabei andächtig zehn cm klatschnassen Schnee aus der Auffahrt. Denn für Leute die Zeit hatten, sich mit anderen Nachrichten zu beschäftigen war auch noch apokalypthisches Winterwetter im Angebot, von dem wir aber, ausser diesen 10cm Schnee nichts mitbekommen haben.

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2026 hat noch Luft nach oben.

Herbst

Herbstferien und ein paar freie Tage für mich. Alle noch übrigen Urlaubstage und Überstunden müssen ja jetzt weg. Der Plan fürs Jahresende war ein anderer, aber nun ist es eben so. Erledigung von liegen gebliebem und aufgeschobenem, es fühlt sich gut an, wieder auf der Höhe der Zeit angekommen zu sein.

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Auch in den Herbstferien gab es weniger Postkarten-ersetzende- Statusmeldungen als in den letzten Jahren. Insgesamt dieses Jahr: viele Bilder von Wanderungen, Strand, Berge, Sportevents und essen, deutliche Tendenz Richtung Norden, wenige bis gar keine Standard-Touristen-Hotspot-Fotos.

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Ob es wohl an meiner eigenen Gemütsverfassung liegt, am Wetter oder ist vielleicht der Zeitpunkt erreicht, an dem plötzlich alle Redebedarf haben? Man erzählt mir verschiedene Coronageschichten, einfach so, alle in nur einer Woche.

Die Musik zum Erntedank-Gottesdienst wird per Lautsprecher eingespielt. Es war für heute einfach kein Organist zu bekommen, der Pfarrer bittet, dies zu entschuldigen. Es ist eben leider wie es ist – und es ist ja nun nicht so, als hätten wir das noch nie gemacht, vor nicht allzu langer Zeit… freuen wir uns also einfach darüber, dass wir singen dürfen – ohne Masken, nebeneinander sitzend…

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Damals, solange ist es eigentlich noch garnicht her, hat er ein Schreiben der Dienststelle und seinen Personalausweis an der Kasse vorlegen müssen um mehrere Packungen Klopapier kaufen zu dürfen. Man kann es sich garnicht mehr vorstellen. Als die alte Dame hinter ihm dann anfing, dass das „ja wohl eine Frechheit sei“, musste er der guten Frau leider mal in aller Deutlichkeit sagen, dass er dienstlich, quasi zum Wohle aller, 60 Kinderärsche abzuwischen hat, und dass es ihrerseits eine Frechheit sei, ohne Kenntnis der Sachlage hier die Leute anzumachen. Da war dann Ruhe.

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Beim Spaziergang begegnet mir ein älterer Herr, wir wechseln drei Sätze über das schöne Herbstwetter, ich beschleunige, in der Absicht, ihn zu überholen. Er hält Schritt und erzählt mir von seiner Gesundheit und von der seines Sohnes, der ist nämlich krank, seit er sich damals gegen Corona hat impfen lassen. 500 Meter lang höre ich mir feinstes Impfgegnergeschwurbel an. Es wirkt irgendwie aus der Zeit gefallen. Ich schweige und stelle fest, dass mich das nur ganz wenig Nerven kostet. Surviving of the fittest.

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Meine Friseurin hat heute vormittag ihre Coronahilfen zurückgezahlt. Den gesamten Betrag. Vielleicht hätte sie etwas davon behalten dürfen, aber ach, sie möchte sich nicht nochmal einlesen und nochmal genau nachrechnen. Es reicht, sagt sie.

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De Omma hat direkt hinter der Haustür einen kleinen Raum. Dort steht die Waschmaschine. Außerdem gibt es eine Garderobe und Ablagefläche von Haushalts-Dingen „für draußen“, Gummistiefel, Alltagsjacken und Vogelfutter sowas in der Art. Die Familien-whatsapp Gruppe für Besonderheiten in Seniorenhaushalten meldet, de Omma habe heute morgen mit der Winterfütterung der Vögel begonnen. Leider hat sie statt Vogelfutter Waschpulver verwendet. Knapp daneben. Ein Meilenstein.

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Beim Spaziergang im Nachbarort am Wegesrand einen Jutebeutel voll Äpfel gesammelt. Eigentlich wollte ich nur ein paar, aber es gab so viele verschiedene Sorten… bio, regional und kostenlos. Eigentlich schade, dass die so rumliegen.

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Alle Autos brauchen neue Winterreifen. Man träumt kurz von öffentlichem Nahverkehr.

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Maikind saugt das obere Stockwerk mit drei Staubsaugern gleichzeitig und freut sich darüber, wie unglaublich effektiv das ist. Ich mich auch.

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Zum ersten mal in dieser Saison ist es stockdunkel, als Julikind und ich nach ihrem Training nach Hause fahren. War nicht vorhin noch Sommer? Nächste Woche wird die Uhr umgestellt, und in zwei Monaten ist Weihnachten, in acht Wochen also, und das ist gar nicht mehr lange, stellen wir fest. Sie wundert sich, wie kann sowas sein, früher, da hat es immer eeeeewig gedauert bis Weihnachten.

Ende September

Sommer war angesagt und ist eingetroffen. Am Nachmittag sitze ich in kurzer Hose und T-Shirt im Garten, alleine natürlich, allen anderen ist zu warm. Ich finds toll. Bunte Blätter fallen dann und wann neben mir auf den Boden und man hört Sägegeräusche im aus verschiedenen Richtungen. Brennholz wird geschnitten, wie sich das für einen Samstag nachmittag Ende September gehört. Die gefühlte Jahreszeit passt nicht zur gehört und gesehenen.

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SterneHerzenBrezeln aus dem September-Lebkuchen Sortiment haben meine persönliche Preisgrenze erreicht. Ich kaufe jeweils eine Packung in Zartbitter und Vollmilch und wer jetzt noch welche will, muss selber investieren.

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Es ist kalt. Nicht frisch oder herbstlich, Winterjacken kalt, ist es, als ich früh morgens die Hunderunde gehe. Frost auf den Wiesen und auf Autoscheiben, im Wald röhrt der erste Hirsch. Vorgestern war doch noch Sommer. Es gibt keine Übergänge mehr.

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Der Liebste hat ein Geschäftsessen. Er wird über kurz oder lang ein weiteres Hemd kaufen müssen, sage ich. Ach was, sagt er, aber ich hab recht.

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Maikind kauft kaputte Elektrogeräte, um sie zu reparieren. Vom Esstisch aus steuert er seinen aktuellen Patienten übers Handy, weil man das kann, bei einem Saugroboter dieser Preisklasse, also wenn denn dann – aber anscheind funktioniert wieder alles. Das Problem besteht aktuell nur darin, dass Julikind eine Zimmertür geschlossen hat und ein Planquadrat deshalb nicht erreichbar ist, „sag ihm doch, er soll Julikind ne whatsapp schicken“, schlage ich vor „naargh, dass kann er leider nicht“, sagt Maikind, „obwohl“, murmelt er, „man könnte den google-Verlauf so einstellen…“ und verlässt in Gedanken versunken den Raum. Es sollte eigentlich nur ein Scherz sein.

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Das sieht nicht aus wie ein normales Stauende. LKWs blockieren die ganze Fahrbahn, als hätten die sich abgesprochen, nur eine kleine Lücke zur nächsten Abfahrt ist frei, die wir nach nach kurzem Überlegen dann auch nehmen. Pferde auf der Autobahn, sagt die Stimme im Radio. Oh, wie gut, dass wir da nicht die ersten waren. Auf kleinen Straßen und durch dunkle Wohngebiete erreichen wir das Krankenhaus genau pünktlich. Im Foyer sammeln sich Menschen mit Rollkoffern, Taschen und Begleitpersonen, ein bisschen wie Klassenfahrt, nur leiser. Um Punkt sieben Uhr kommt eine Krankenschwester und begrüßt die Anwesenden. Bitte alle einmal die Treppe hoch in den ersten Stock, wer laufen kann, möge das tun, der Fahrstuhl ist hier. Oben an der Treppe gestikuliert sie wie eine routinierte Reiseleiterin stationäre OPs links, ambulante rechts bitte. Nach wenigen Minuten Wartezeit bekommen die Patienten ihre Zimmertüren zugewiesen, und die Begleitpersonen Infos zum Wiedersehen. Ich mache noch ein Nickerchen im Auto, frühstücke aus der Brotdose, gehe eine Weile in die Stadt, bestaune die Weihnachtsexplosion in den Ramschläden, gucke mir eine Kirche an, google den Verlauf des Pilgerwegs, für den dort ein Stempel ausliegt, esse die Reste vom Vortagsmittagessen aus einer anderen Brotbox und freue mich dabei über meine Weitsicht einfach alles eingetuppert zu haben, heute morgen um vier, denn das Angebot dieser Krankenhaus-Kantine… man weiß nicht ob man lachen oder weinen möchte. Dann sind fünf Stunden Wartezeit schon um. Der Liebste ist blass aber hungrig. Ich fahre nochmal zum einkaufen, da das Mittagessen ja schon durch ist und man hier so spontan kein Abendessen für Nahrungsmittelunverträglichkeiten anbieten können wird. Macht nix, wenigstens haben sie es bemerkt.

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Mein gerade erst verlängerter Arbeitsvertrag wird, wegen eintreten des Befristungsgrunds dann doch enden, teilt man mir mit, ob zum Ende dieses Monats oder erst im nächsten vermag aber niemand zu sagen. Ich hatte im Stillen damit gerechnet, bin aber trotzdem überrascht. Alle anderen auch.

Der Liebste kommt nach Hause, wir freuen uns, bis hierher ist alles gut gelaufen. 6 Wochen Sofa und Krücken werden folgen.

Im Gäste-WC riecht es nach nassem Laminat- Fussboden, eine schnelle Sichtkontrolle ergibt, genau was ich befürchtet hatte, da tropft Wasser, wo keines sein sollte. Man müsste mal. Ich schmeiße einen Lappen auf dem Boden und erkläre dem Raum, dass das leider alles ist, was ich im Moment tun kann. Dann ziehe ich mir eine Jogginghose an und gucke zwei Stunden lang youtube-Videos ohne Sinn und Zusammenhang.

Da fallen einem all die schönen Lockdown-Formulierungen von den Herausforderungen und Besonderheiten wieder ein.

Man wundert sich

Im Einkaufswagen liegen Weintrauben, Spekulatius und der erste Kürbis, kulinarischer Jahreszeitenwechsel.

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Passend dazu eine herbstliche Hunderunde am frühen morgen, durch Nebel im dunkeln, immerhin ist es nicht kalt. Der Hund bleibt stehen, das macht er so, wenn er Rehe sieht. Ich schaue mich um, mein Hirn braucht zwei Sekunden und fasst dann mehrere gleichzeitig gedachte Gedanken zusammen: Keine! Chance! Der schwarze Fleck da, zwanzig Meter vor uns auf dem Stoppelfeld ist ein richtig großes Wildschwein und es hat uns auch gesehen. Es grunzt einmal kurz warnend und die zwei kleineren schwarzen Flecken verschwinden sofort im angrenzenden Maisfeld, die große Sau läuft hinterher, und es sind wohl auch schon einige andere da drin. Ein Geräusch, wie wenn im Jurassic Park die Raptoren kommen. Ich bin wach. Siehste, sage ich zum Hund, deswegen werfen wir nie den Ball ins Maisfeld…

Am nächsten Morgen fahre ich ein Stück ins Feld, dahin, wo uns eigentlich nie Wild begegnet. Heute ohne Nebel und im Dämmerlicht. Ich werfe den Ball auf die Wiese. „Haaalloooo??“, ruft es laut von irgendwo. Och nö. Ich möchte bitte nicht morgens um viertel vor sechs einen dementen Opi im Feld finden, oder so, denke ich, während ich mich suchend im Kreis drehe. Da ist niemand. Es bleibt still. Merkwürdig, aber soll mir recht sein. Hundert Meter weiter meldet sich die Stimme wieder „Halllloooo? Würden Sie BITTE MAL den HUND FEST machen?“ Ok, ich bin verwirrt, mache den Hund fest und gehe weiter. Hinter der Hecke steht ein Auto, unter dem Hochsitz und jetzt kann ich es erkennen, auf dem Hochsitz sitzt jemand. Ich hebe grüßend die Hand und sage laut, dass ich erleichtert bin, ihn zu sehen, weil ich nämlich dachte, ich höre Stimmen. „Tjaaa, er wollte ja eigentlich hier, aber das ist jetzt rum“, murmelt der Jäger, der direkt unter dem Hochsitz parkt. Tjaa, sorry, not sorry, denke ich, und lasse den Hund hinter der nächsten Wegbiegung wieder laufen.

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Im Wald wurde ein Weg markiert. An jeder Abzweigung drei hellgelbe Pfeile auf den Boden gesprüht, Flatterband am nächsten Baum in Sichthöhe und Pfeile mit Reflektorband an Pfosten, eindeutiger gehts nicht, man fragt sich… ah – Wanderabenteuer. Die Freundin hat es auch gesehen, auf ihren Hunderunden und während wir Spekulatius essend am Tisch sitzen machen wir uns Gedanken. Die Streckenführung geht den Eselspfad hoch, im Ort einmal über die Straße und auf der anderen Seite zurück in den Wald und über einen ausgespülten Kiesweg wieder runter. Der Eselspfad heißt nicht ohne Grund so, das ist ein Trampelpfad im Wald mit vielen Höhenmeter. Keine richtig gute Idee da lang zu laufen, abends um zehn, wenn es stockduster ist, würde man meinen, zumal man ja wenige hundert Meter die Straße runter und über einen Teerweg geradeaus laufen könnte, um genau da anzukommen, wo der Kiesweg wieder rauskommt. Aber – wenn es 80 Euro kostet und man ein T-Shirt bekommt, finden die Leute das offensichtlich toll. Warum sind wir da nicht drauf gekommen?

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Irgendwas scheint an der Grillhütte los zu sein, meldet der Liebste nach der letzten Hunderunde. Allerdings ohne Musik und nur spärlich beleuchtet, klingt nach einer Anwohner-freundlichen Abendveranstaltung, da kann man sich ruhig mal drüber freuen. Am nächsten Morgen meldet der Dorfchat, dass die Feuerwehr einen Baum gepflanzt habe. Man wundert sich. Die Auflösung kommt wenige Tage später, es läuft irgendeine Challenge, bei der Firmen und Vereine sich gegenseitig nominieren. Die Nominierten müssen dann innerhalb von 48 Stunden einen Baum pflanzen oder der örtlichen Kita Eis spendieren. Schöne Sache.

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Vor uns fährt ein Traktor auf die Straße. Ein für heutige Verhältnisse sehr kleiner, mit einem Ladewagen dahinter, den man vom Auto aus einsehen kann. Auf der Ladefläche stehen fünf Bratpfannen in haushaltsüblichen Größen. Drei davon gestapelt, zwei jeweils einzeln daneben. Sonst nichts. Fragt man sich, woher, wohin und wieso wohl…

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Dinge tun sich an Arbeitsplätzen, verschiedene, aber natürlich an allen Arbeitsplätzen zur gleichen Zeit und wo wir schon dabei sind – Schulentlassungsfeier Anfang Juni steht in der Elternpost, vorher natürlich noch Abschlussfahrt und alles andere, zum ersten Mal bemerken wir, wie kurz dieses Schuljahr sein wird. Man wappnet sich innerlich.

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Die Frage war noch halb scherzhaft gemeint, aber da hat tatsächlich jemand schon einen Weihnachtswunsch. Wie gut, dass ich gefragt habe, denn auf sowas wäre ich in hundert Jahren nicht von selber gekommen. Geklickt, bestellt, geliefert, an die Haustür, genau an dem Tag, der angesagt war. Kein Vergleich zum Einkauf im Advent. Und wegen des großen Erfolgs im letzen Jahr gleich noch Karten für ein vorweihnachtliches Kulturerlebnis- Geschenk geordert. Ich liege sowas von gut in der Zeit dies Jahr.

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„Ah ja, Bürgermeisterwahl, das ist ja heute, stimmt. Der S. hat gestern schon geflucht, dass er da am Sonntag rumsitzen muss…“ sagt Maikind, als wir uns auf den Weg machen, zum Wahllokal. „Der S. macht Wahlhelfer?“ wundere ich mich, „der wirkt garnicht so politisch interessiert.“ „Ist er auch nit“, sagt Maikind. Aber der Nachbarort verlost die Ehre des Wahlhelfertums unter allen wahlberechtigen Einwohnern, „und der S. hat eben gewonnen, höhöhö“, sagt er.