oh oh, oder so

„Na? Heimstudienwoche?“ Frage ich Montag morgen bei der Freundin nach. Sie haben eine Fahrgemeinschaft mit der kleinen Schwester des Coronafalls. „Nee, nix Heimstudienwoche. Offiziell wissen wir noch nicht mal was“, sagt die Freundin. Sie habe quasi den ganzen Freitag telefoniert. Außer ihr sahen das aber alle ganz entspannt. Die kleine Schwester wurde nicht getestet, somit gäbe es keine Veranlassung zu irgendwas. Die Kinder gehen ganz normal zur Schule und sie muss auch zum Diest. Die Coronastation wird aufgemacht. Die, die sich da freiwillig gemeldet haben fehlen ja auf Normalstation.

Zwei Möglichkeiten: Entweder, es gibt kein Problem und wir sorgen uns umsonst, oder wir sind komplett am Arsch.

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Der Außendienstmitarbeiter ruft an, um sich zu erkundigen, wie es uns im neuen homeschooling geht. Es ist kein homeschooling, ich erkläre kurz den Ablauf. „Oh, ähm, oh“, sagt er. Ganz genau.

Also, er war letzte Woche Mittwoch zum Routine-Test, dass war nachdem er hier Kaffee getrunken hatte. Man hatte gesagt, er bekomme das Ergebnis auf die App. Samstag kam es mit der Post, er ist negativ. Die App schweigt dazu bis heute.

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Ich lande in einer whattsapp-Gruppe des gesamten Ortsteils. Das soll keine Geburtstags-Glückwunsch-Gruppe sein erfahre ich, vielmehr soll sie dazu dienen, sich gegenseitig über Straßensperrungen oder ähnliches zu informieren, nur der Ortsbeirat kann schreiben. Natürlich bleiben die allermeisten in der Gruppe, wenn irgendwer Corona hat, will man das schon wissen…

Als da vor ein paar Wochen auf einmal dieses riesen Loch hinter dem Haus gegraben wurde gab es keine Informationen, das war blöd. Vielleicht funktioniert es ja wirklich, ich bleibe auch.

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Ich lese ein paar Pflaumen auf, die auf dem Gartenweg lagen. Als ich sie zum Kompost bringe, fällt mir auf, das der Garten von dieser Seite aus wirklich erbärmlich aussieht. Ich frage, ob irgendwer helfen würde da mal irgendwas… Zu meiner Überraschung helfen alle. So braucht es nur eine Stunde, bis es wieder aussieht, als würde der Garten jemandem gehören.

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Elterntaxifahrt zum Training. Die eine Stunde Wartezeit reicht genau zum Einkaufen. Gleich bei den Einkaufswagen ein handgeschriebenes Schild, man möge bitte, soweit das möglich ist, die Einkäufe allein erledigen, um die Anzahl der Personen im Laden so gering wie möglich zu halten. Danke für das Verständnis.

Im Laden wirkt erstmal alles normal. Im hinteren Teil steht eine Palette Klopapier mitten im Gang, daneben eine Palette Mehl. Man sollte doch meinen, die haben alle noch genug zu Hause. Der Hefekarton im Kühlregal ist noch fast voll, es klebt allerdings ein Schild drauf. Nur zwei Würfel pro Haushalt. Mehr brauch ich doch eh nicht. Ich kaufe ganz normal ein, bis ich am Klopapierregal vorbeikomme. Das ist leer gefegt. Ganz unten ganz hinten liegt noch eine Packung mit Herbstmotiven.

Brauchen im Sinne von brauchen tun wir eigentlich keins. Allerdings will ich auch nicht wieder wie eine Idiotin in drei Läden müssen, nur wegen Klopapier. Ich nehme die letzte Packung aus dem Regal und es fühlt sich gut an. Ab jetzt gibt es nur noch weißes, direkt von der Palette. Wir aber werden welches mit Herbstmotiven haben, was für ein Glück. Dann geht es ein bisschen mit mir durch. Ich merke es, kann aber nichts dagegen tun. Wir haben nämlich auch nur noch 25 Pfefferkörner in der Mühle, ist mir heute aufgefallen, wie weit kommt man damit schon? Und von diesen Marzipanbaumstämmen mit Nougatfüllung haben wir noch gar keine vorrätig! Wer weiß, was die nächsten Wochen bringen. Am Ende müssen wir ohne durch den Advent. Ich nehme 6, sicher ist sicher.

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Der Liebste muss arbeiten. Weil viele krank sind teilen sie sich diese Woche die vier Schichten zu dritt. Spoileralarm: Niemand macht die Freischicht. Über Mittag werden zwei Leute gebraucht, Ruhezeiten müssen trotzdem eingehalten werden. Das geht alles – irgendwie.

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Der Klassenkamerad, der neben dem Coronafall gesessen hat, meldet ein negatives Testergebnis. Sein Bruder ist der Banknachbar des Maikinds. Wie groß die Anspannung wirklich war merkt man daran, wie sehr wir uns freuen. Dem Klassenkamerad geht es aber leider trotzdem schlecht.

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Wir verabreden uns mit der Oma zu einem Waldspaziergang. Das tut allen gut. Wir haben uns schon länger nicht gesehen.

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De Omma ruft an. Mit dem Apfelpflücker, den der Liebste ihr gebracht hat, kann sie nichts anfangen, der ist zu kurz. Man möge ihr den anderen bringen. Gerne jetzt. Jetzt geht aber nicht, weil ich warte auf eine Holzlieferung. Der Liebste arbeitet. Das Holz werde ich mit den Kindern verräumen, und zwar heute noch. Naja, dann wird es wohl schon dunkel sein. Da muss der Apfelpfücker wohl bis morgen… Ein Gesteck muss auch noch auf den Friedhof. Vielleicht noch diese Woche, ich möge bitte nachfragen, bei der Floristin, wann man da kommen kann, und dann bringen wir das direkt auf den Friedhof. Und den Apfelpflücker, ne?, da denke ich aber dran.

Zeitgleich schickt meine Schwester ein Foto von sich im Bademantel auf einer Relaxliege. Weil sie es kann. Sie sind nämlich gerade ganz alleine im Wellnessbereich, Fotos machen ist da sonst verboten. Wie-ein-Onkel zeigt in seinem Status eine Bilderstrecke, Wellnessbereich ohne Menschen, kommentiert mit „wir haben die letze Chance nochmal genutzt“. Freut mich für euch. Möge dich der Blitz beim scheißen treffen.

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2,7 Schüttraummeter verräumt man zu viert in einer Stunde. Große Kinder zu haben ist manchmal auch richtig toll.

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Die Waschmaschine pumpt nicht ab und schlägt mir vor, mal die Laugenpumpe zu reinigen, oder den Ablauf, oder beides.

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Ich soll das Arbeitsblatt ausdrucken? Damit du es handschriftlich ausfüllst und dann als Foto hochlädst, um es an eine Lehrerin zur Korrektur zu schicken, in einer App, die für Gamer entwickelt wurde? Nicht im Ernst, oder? Ich weiß dass das anders besser und schneller geht, weil das Julikind diese Woche eine Einweisung hatte. Gerne würde ich diese Lehrerin an meinem Wissen teilhaben lassen. Sie hat aber keine Emailadresse.

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Ab Freitag gilt Maskenpflicht im Unterricht, die ganze Zeit. Ab Montag gibt es neue Stundenpläne. Sportunterricht findet nicht mehr statt, auch die klassenübergreifenden AG’s nicht. Vereinssport geht nicht mehr und es dürfen nur noch zwei Haushalte zusammenkommen. Der Rest von diesem Lockdown betrifft uns eigentlich gar nicht. Entweder hilft das oder wir werden sicher Verständnis dafür haben, dass die Schulen wieder geschlossen werden, vermute ich mal.

Tag 20 bis 25

Samstag

Haus und Hoftag läuft etwas zäh. Irgendwie ist die Luft raus.

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Der Ferienbeginn war ein Punkt, auf den wir hingearbeitet hatten. Die Erkenntnis, dass es im Grunde genauso weitergehen wird wie die letzten drei Wochen trifft uns hart. Es sind noch so viele Aufgaben zu erledigen. Die Kinder haben viel gearbeitet, ich würde behaupten, mehr als im Unterricht. Aber das Pensum war für zwei von drei Kindern unter diesen Bedingungen nicht zu schaffen. Die Bedingungen machen mich allmählich wütend.

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Das Julikind fragt, ob es denn möglich sein wird, trotz Corona bei der Patentante im neuen Haus zu übernachten. Leider macht es keinen Unterschied, ob man das schon im Januar verabredet hat. Die Enttäuschung ist groß, obwohl sie sich das gedacht hatte.

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Letzte Woche hats noch geschneit, da waren Winterstiefel in Ordnung. Heute sind es über 20 Grad. Ich suche auf dem Dachboden nach Schuhen für das Julikind. Wir haben einen Fundus an Sportschuhen, die nur 8 Wochen gepasst haben und ähnlichem. In dieser Größe aber leider gar nichts. Ich überlasse ihr meine Sportschuhe, aber die drücken.

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Der Landkreis untersagt ab heute für die Dauer der Osterferien die Nutzung von Zweit-und Ferienwohnungen. Wir hätten sowieso nicht vermietet, unter diesen Umständen. Wir hatten überlegt, Freunde einzuladen, aber den Gedanken auch schon vor Wochen fallen gelassen. Trotzdem. Etwas amtlich verboten zu bekommen fühlt sich seltsam an.

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Bei der Abend-Hunde-Runde schallt Musik durch das Tal. Vor einer Feldscheune auf dem Hügel stehen zwei Gestalten und – prosten uns zu? In dieser Scheune war noch nie Musik. Da waren auch noch nie Leute. Die Fragen kommen prompt.

„Ich denke, man soll sich nicht treffen und nicht feiern, warum dürfen die denn? Und wir nicht?“

„Die dürfen auch nicht. Das sind Kameradenschweine.“

Das Märzkind seufzt. „Ich wäre jetzt auch gerne ein Kameradenschwein.“

Ich weiß.

Die Kinder haben seit Wochen ihre Freunde nicht gesehen, die Großeltern nur auf dem Hof, mit viel Abstand. Die Schule funktioniert nur analog, alles andere haben wir selbst zusammengebastelt, in dieser Zeit. Der Nullpunkt der Stimmung ist erreicht. Ein bisschen erschrecke ich mich vor mir selbst. Ich bin normalerweise kein Blockwart, aber ich schwöre, wäre da eine dritte Person aufgetaucht, ich hätte gepetzt.

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Das Märzkind telefoniert mit ihren Freundinnen bis irgendwann nachts.

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Ich gucke mit den beiden anderen Star Wars. Die Ereignisdichte ist überschaubar, so habe ich nebenbei Zeit, darüber nachzudenken, wie seltsam es doch ist. Seit über 20 Jahren bin ich erfolgreich drumrum gekommen, mir dieses Epos anschauen zu müssen. Und nun sitze ich hier und freue mich, dass die Kinder sich darüber freuen. Außerhalb von lockdown Maßnahmen werde ich vorraussichtlich keine weiteren Episoden anschauen.

Sonntag

Der Liebste schläft zwischen zwei Wochenend-Nachtschichten. Alle anderen sitzen vor verschiedenen Bildschirmen oder kruscheln irgendwas.

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Hier steht eigentlich nie ein Auto. Und wenn, dann von Einheimischen, die mal ne andere Runde mit dem Hund gehen. Gerade fährt ein fetter schwarzer SUV in Schrittgeschwindigkeit auf den Parkplatz im Nirgendwo. Kennzeichen aus dem Nachbarkreis, die hinteren Scheiben getönt, die Felgen waren noch nie Offroad unterwegs . Es ist so merkwürdig, dass ich die Leute direkt anschaue, falls ich später eine Personenbeschreibung abgeben muss, oder so. Beide Insassen senken den Blick und bleiben im Auto sitzen, bis ich um die Kurve bin. Vermutlich fanden sie mich auch unheimlich.

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Ich versuche, das home office freie Internet zu nutzen, um das Radioprojekt des Märzkindes an den hr zu senden. Es geht nicht, auf verschiedene Arten. Kurz überlege ich, jemanden zu fragen. Aber ich möchte eigentlich keine Tipps mehr bekommen. Wenn mir noch einmal jemand sagt, ich solle mich entspannen, die Dinge lockerer angehen, den Kindern auch einfach Halt geben in diesen ungewohnten Abläufen, dann schreie ich.

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Wir planen ein bisschen an unserem Osterfest. Das wird auf jeden Fall schön.

Montag, Dienstag, … was auch immer

De Omma ruft an, jemand möge den Kuchen holen. Die letzten beiden Wochen haben wir aus fadenscheinigen Gründen keinen Kuchen geholt. Montags kommt ja sonst immer die Dora, aber die hat Schiss jetzt, zwei Wochen war sie schon nicht da, sagt de Omma.

Ich hole also Kuchen, bei meiner herzkranken 87-jährigen Oma. Für alles andere fehlt mir der Kampfgeist.

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Eine Mutterkollegin fragt vorsichtig, ob ich denn den Radiobeitrag schon gesendet hätte, und wenn ja? Wie?

Zwei Minuten später kommt ein, danke, es habe sich erledigt.

Wie? Möchte ich gern wissen. Die große Schwester des Grundschulkindes hat einen Weg gefunden, der bei mir auch schon nicht ging. Pech gehabt.

„Wenn ich noch einmal den Satz ‚und wenn euch langweilig ist…‘ höre, dann eskaliere ich, echt!“, sagt die Mutter Kollegin. Danke dafür. Ich packe die Dateien in einen Email Anhang und schicke sie der Klassenlehrerin. Fertig ist die Laube.

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Meerschweindame Elsa tritt nach einem langen und erfüllten Leben die Reise über die Regenbogenbrücke an. Ein Drama. Große Anteilnahme. Das feierlichste Kleintierbegräbnis, das diese Familie bisher hatte. Dann geht es wieder besser.

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Das Märzkind kann möglicherweise eine neue Kamerafunktion bedienen und würde gerne mal Fotos machen, von Menschen. Zur Not auch von Geschwistern, das Maikind stellt sich zur Verfügung.

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Ich gucke die Ansprache der Queen beim Wäsche zusammenlegen.

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Die Freundin ruft an, nur mal so hören. Wir sind dann anscheind in einem Alter, wo man sich zu diesem Zweck übers Festnetz anruft. Ich freue mich. Die Freundin hat gerade frei, obwohl sie systemrelevant ist. Alle Fortbildungen und Einweisungen sind erledigt, Normalbetrieb findet im Moment nicht statt. Alle warten auf die Welle. Und die wird kommen. Denn der Normalbetrieb wird ja nicht einfach von alleine gesund, das kommt einfach alles später wieder. Ansonsten, fröhliche Distanz.

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Der Liebste macht die Bienenkästen startklar.

„Was hast du denn da für einen Fleck am Oberschenkel“, erkundige ich mich.

„Das ist Blut.“

„Wie das?“

Nun, durch eine Verkettung diverser Unwahrscheinlichkeiten ist es im Rahmen der geltenden physikalischen Gesetze zu einer leichten Verletzung….

„Du hast dir selber ins Bein getackert?“

Schadenfreude Lebensfreude, willkommen zurück!

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Ein später Spaziergang, der Vollmond strahlt so hell, dass man Schatten sieht. Wahnsinn.

Lockdown Einkäufe/Dienstleistungen

man gewöhnt sich an das Arbeiten mit tutorials

Mein erster Lebensmitteleinkauf seit über drei Wochen. Alles sehr geordnet, alle nehmen Rücksicht, halten sich an Regeln und Abstand voneinander. Im Zweifel redet man miteinander und schaut sich in die Augen dabei. Es ist sowas von nicht normal, ein beklemmendes Gefühl. Könnte aber gut werden, sollte etwas davon über bleiben, wenn sie die ganzen Absperrungen zurückbauen.

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6 beim gleichen Betrieb bestellte Tshirts werden in 5 Einheiten unabhängig voneinander geliefert. Natürlich passt die Hälfte nicht und muss tatsächlich in drei verschiedene Logistikzentren zurückgeschickt werden. Ich werde weich.

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Kontaktlose Heulieferung

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Vorm Baumarkt steht ein Schild. Aufgrund der Kita und Schulschließungen sei Beratung im Moment nur sehr eingeschränkt möglich, man bitte um Verständnis. Im Kassenbereich wurden Markierungen auf den Boden geklebt. Die Kunden bleiben jeweils dahinter stehen. Es fühlt sich in diesem Ambiente ganz natürlich an. Der Kassierer sitzt hinter Plexiglas, die Einschnitte für den Zahlungsvorgang wurden sinnig gesägt, keine Verrenkungen nötig. Ich möge bitte vorfahren, der Kollege räumt die Säcke ins Auto, schöne Feiertage.

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Der Kalli stellt eine Auswahl an Schuhen für das Märzkind zusammen, das wäre kein Probem. Die kann sie zu Hause probieren, den Rest bringen wir zurück, das geht alles kontaktlos. Der Liebste fährt.

*Werbung
Für den regionalen kleinen Einzelhandel

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Für diese Woche haben wir alle Probleme gelöst.

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My warmest wishes to all of you!

Schwarzwälder Kirsch

Wir sind zur Geburtstagsfeier eingeladen. Die Omma im nächstgelegenen Städtchen feiert, wie sie es nennt, im kleinen Kreis. 20 Leute verteilen sich auf Esszimmer und Wohnzimmer.

Bei uns folgen die Generationen etwas rascher aufeinander als die statistischen 28 Jahre. Das Geburtstagskind ist heute Schwester, Schwägerin, Mutter, Schwiegermutter, Oma und Uroma. Zwischen 8 und 80 sind Gäste aus jedem Lebensjahrzehnt anwesend. Wir landen am Kindertisch, wo Leute bis etwa Mitte fünfzig sitzen, die noch arbeiten mussten oder lange Schule hatten.

Das Kuchenangebot wird gesichtet und probiert. Dann macht sich der erste auf, mal zu schauen, was es am Tisch im Nebenzimmer so gibt. Ein Onkel kommt mit einem Stück Schwarzwälder-Kirschtorte zurück, und meldet, drüben gäbe es die besseren Kuchen. Die Omma schaut, ob wir auch alles haben. Der Onkel lobt die Torte: Ist toll, dass sie die gemacht hat, da habe er sich schon drauf gefreut. So ne richtige Schwarzwälder mit „ordentlich was drin“. Jooo, sagt die Omma, da habe er aber Glück, dass der Achim für heute abgesagt habe, weil, sonst hätte sie die nicht gemacht.

Sie wendet sich an eine ganz frisch gepachworkte Tantentochter, die heute das erst Mal mitfeiert und erklärt: “ Der Achim ist nämlich ein richtiger Alkoholiker, der darf sowas nicht essen. Eigentlich darf er es noch nicht mal riechen. Sonst geht alles wieder von vorne los.“ Die Tantentochter ist leicht überfordert. Andere Familien handhaben die Alkoholprobleme der Verwandschaft vermutlich diskreter. Aber wir haben es nicht so mit dem politsch korrekten Geschwurbel.

“ Also, manche Leute machen Schwarzwälderkirsch ja auch ohne Alkohol…“ wagt sie den Versuch. „Nä“, sagt die Omma, „dann hätte ich eher was anderes gebacken, Schwarzwälder ohne Kirsch, sowas macht man nicht.“ Eine Cousine fasst sich mit drei Fingern an die Stirn, senkt den Blick und schüttelt unauffällig mit dem Kopf. „Wer sowas will, der kann ja auch Kirschkuchen essen“, ergänzt jemand in der Runde. Die Omma geht mit den Worten, dann könne „man ja jetzt mal n Likörchen…“

„Tja, so isse“, sagt eine Tante. „Manchmal erschreckt man sich ein bißchen“, meint die kopfschüttelnde Cousine. „Also, wir mögen den Achim“, wende ich mich an die neue Tantentochter, „das kam jetzt nur seltsam rüber“. „Selbstverständlich“, sagt der Onkel mit der Torte auf dem Teller und alle nicken und murmeln, „aber wir mögen eben auch Schwarzwälder-Kirsch“ fügt kauend hinzu.