die Toten sind bitte leise

Geplant war eigentlich ein Geländespiel im Dunkeln und eine Nachtwanderung. Ab jetzt ist es improvisiert, aber was solls, es ist ja nicht unsere erste abgesoffene Geburtstagsfeier.

12 Kinder sitzen um den Tisch, zum Teil in Schlafklamotten mit geborgten Strickjacken und ohne Socken, es ist nicht kalt. Und die Stimmung ist überraschend gut. Gerade gab es Pizza im Starkregen. Also, schon unter dem Dach, aber draußen. Nass waren da sowieso schon alle. Den Rest des Abends haben wir in den kleinen Raum, aus dem normalerweise die Getränke verkauft werden, verlegt.

Der angemietete Sportplatz des Nachbardorfes liegt genau zwischen zwei Ortschaften mitten im Wald. Man sieht und hört keine Straßen, nachts wird es dunkel und still. Genau der richtige Ort für eine Zelt-Übernachtungsparty. Die Kerzengläser, die eigentlich für das Geländespiel gedacht waren kommen jetzt in die Tischmitte, das elektrische Licht wird gelöscht.

Wir spielen Werwolf* (*Werbung, wahrscheinlich, wurde selbst gekauft)

Jeder bekommt eine Karte schaut sie heimlich an und legt sie vor sich auf den Tisch. Es gibt einen Spielleiter, der macht die Ansagen.

Die Nacht bricht an, alle Dorfbewohner schlafen. – Alle Spieler schließen die Augen. Es gibt Dorfbewohner und Werwölfe, eine Hexe und einen Amor. Die Werwölfe kommen während der Nacht und „töten“ einen Dorfbewohner. Wer die Hexe gezogen hat, hat die Macht einmal zu heilen, also jemanden von den Toten zu erwecken, und einmal zu vergiften, also jemanden aus dem Spiel zu nehmen. Der Amor kann zwei Leute miteinander verlieben. Verliebte sterben gemeinsam. Egal zu welchem Team sie gehören. Am Ende des Spiels sind entweder alle Werwölfe enttarnt oder alle Dorfbewohner gefressen. Das jeweils andere Team hat dann gewonnen. Jeder kennt nur seine eigene Karte.

Der Spielleiter weckt Amor. Er erwählt zwei die ab jetzt verliebt sind. Alles ist auf einmal sehr leise. Amor schläft wieder, die Verliebten erkennen sich. Lautlos natürlich, sie werden nur angetippt, schauen sich kurz an,und zeigen sich gegenseitig ihre Spielkarten. Dann erwachen die Werwölfe und wählen ihr Opfer, natürlich ohne Worte, dann schlafen sie wieder ein. Die Hexe erwacht und bekommt das Opfer der Nacht gezeigt. Sie kann einen Trank anwenden, oder beide oder keinen.

Das Dorf erwacht, alle bis auf einen. Jetzt muss ein Schuldiger gefunden werden. Bei Tageslicht sind alle Mitspieler Dorfbewohner und können sich nach Lust und Laune gegenseitig beschuldigen. Irgendwer wird rausgewählt. Die „Toten“ müssen dann ab jetzt zugucken, dürfen aber garnichts sagen, und auch nicht kichern, noch nicht mal, wenn Leute verliebt werden. Es kommt zu herrlichen Dialogen und erste Spielrunde ist schnell zu Ende. „Hä, wieso lebt Lars noch, wir ha….a…Mist“

Jetzt haben alle verstanden, dass man hier durchaus Sachen erfinden darf. Die Geschichten, die sie versuchen, sich gegenseitig anzuhängen werden immer abenteuerlicher. Mittlerweile ist es echt warm, von den vielen Kerzen. Der Liebste öffnet das Fenster, und macht irgendwas auf dem Handy.

Marie ist sich sicher, dass sie gestern Abend gesehen hat wie Fritzi den Mond anheult. Fritzi wird „abgemurkst“ und es wird wieder Nacht im Dorf. Alle schließen die Augen und horchen ganz angestrengt auf irgendwelche Bewegungen. Draußen regnet es ziemlich heftig, man hört den Wind im Wald und, ganz leise, heult ein Wolf. Obwohl natürlich keiner gucken darf schauen sich auf einmal alle an.

„Habt ihr das auch gehört?“

„Alter, war das echt?“

„Werwölfe gibt`s gar nicht in echt. Oder?“

„Nee, Werwölfe nicht, normale Wölfe aber schon.“

Mit einem Grinsen zeige ich auf den Liebsten, bevor der Grusel echt wird „ich glaube das kam von da“.

„Booaaarmannej, jetzt dachte ich aber kurz…“ „Boar, Alter, ich aber auch“

Erleichterung macht sich breit. Nach dem Schreck machen wir eine kleine Spielpause. Wir füllen Chips und Popcorn nach, reichen Getränke rum.

Also eigentlich müsste auch mal jemand zur Toilette, aber so dringend ist es noch nicht. Man könnte ja zusammen… Schnell findet sich eine Gruppe und alle gemeinsam rennen sie brüllend um die dunkle Ecke auf die andere Seite des Gebäudes – nur zur Sicherheit.

Null acht fünfzehn

Gegen elf klingelt es an der Haustür, ein Servicemitarbeiter in Dienstkleidung steht davor.

Ich: „Hast du nicht gesagt, diese Woche Spätschicht?“

Er: “ War auch so gedacht, um halb sieben haben sie angerufen, ist aber egal, kann ich heut Abend ins Training, gibts `n Kaffee?“

Während ich Kaffee koche erklingt eine schmissige Melodie. Mit den Worten, eigentlich habe er ja jetzt Pause, zieht mein Gast das Handy aus der Tasche. Er seufzt und entschuldigt sich, da müsse er nochmal kurz den Laptop aus dem Auto holen. Im Gehen murmelt er etwas, das wie „der ganzepremiumscheiß“ klingt.

Der Gast rockt beruflich das Internet, aber nur, weil sich Berufe verändern. Im Herzen ist er Handwerker. Er unterscheidet zwischen echten Problemen und Dingen, die irgendwie die Komfortzone berühren. Sein Laptop ist kein Bürogerät. Man kann damit auch im Regen und in leichten Sandstürmen arbeiten. Das Modell für Malocher und Soldaten.

Der Kaffee kocht, der Laptop fährt hoch. Als ich die Tassen hinstelle sehe ich aus dem Augenwinkel, wie der Gast anfängt zu tippen und wundere mich.

Ich: „Samma? Hast du da jetzt gerade 123456 getippt?“

Er ist anscheind mit den Gedanken woanders und murmelt nur: „Nee, is fünfstellig.“

Ich: “ OK, aufgrund der geänderten Sachlage würde ich meine Frage gern neu formulieren: Hast du da gerade 12345 getippt?“

Er: “ Was denkst du denn?“

Ich: “ Also ich dachte, da kommt jetzt n Laserstrahl der deine Netzhaut scannt. Oder einen Fingerabdruck. Oder du gibst wenigstens 08 15 ein, oder 47 11 oder so.“

Er: „Nee, ist doch fünfstellig“

Ich drücke meine Verwunderung aus, dazu braucht es nur ein Geräusch und hole den Kaffee.

Ob ich denn eine Ahnung habe, wie viele Passwörter er sich so über Tag merken müsse, möchte der Gast dann wissen, als er fertig ist, mit der Betreuung des Premiumkunden. Naja, ein paar werden es wohl sein, vermute ich. Drei. Nur um an seinen Arbeitsbereich auf diesem Laptop zu kommen, erfahre ich. Dazu noch diverse für Untermenüs. Und das alles um die Daten von Idioten zu sichern, die meinen, wenn sie den Computer ausmachen, hat das Internet geschlossen.

Oh, da habe ich wohl einen Nerv getroffen, jetzt kommt der Gast ins erzählen. Einer Berufsschulklasse, die er manchmal unterrichtet, sollte er beibringen, Netzwerke zu sichern. Sie sollen in der Lage sein, Fehler zu sehen, zu finden und zu beheben. Das ist in der Theorie schwierig, also hat er sich mit denen in die Fußgängerzone gesetzt. Er habe ja die Hoffnung gehabt, da etwas zu finden. Aber was sie dann gefunden haben, hat ihn doch erschreckt. Direkt beim ersten Versuch sieben offene W-Lans. Sieben!

Ich verstehe nicht, ist doch super, wenn es in der Fußgängerzone W-Lan gibt. An der Ecke gibt es eine Eisdiele, eine Dönerbude, da hängen jede Menge junger Leute rum.

Nee, was ich meine, das wären hotspots. Das ist natürlich OK. Jeder meldet sich mit seinem Gerät an, ist quasi erkennbar. Offenes W-Lan ist aber eher so, als würde man sein Auto parken, den Schlüssel stecken lassen und einen Zettel hinter die Windschutzscheibe legen, wo drauf steht „habt Spass“. Keine gute Idee.

Oh, was sie denn dann gemacht haben, möchte ich wissen. Ja nix natürlich. Sechs von den Netzwerken fielen in die Kategorie „och nööö“, da haben die Berufsschüler einiges gelernt, womit man so im Alltag rechnen muss. Eins war aber eher die Kategorie „ACH DU SCH…..reck“, die mussten benachrichtigt werden. Das ist aber ganz diskret über eine andere Stelle gelaufen.

„Weil im Lehrplan nicht so ausdrücklich steht: Gehen Sie in die Fußgängerzone und häckn die Dönerbude?“ vermute ich.

„Richtich“, der Gast nimmt sich einen Keks und fügt mit Verschwörerstimme noch hinzu, „und, soviel darf ich dir sagen, die Dönerbude war safe.“

Am Abend ändere ich ein paar Passwörter, nur so.