20,21,22,23 Dezember

Ab Montag wird eine Ausgangssperre gelten, zwischen 21 Uhr abends und 5 Uhr. Der Hund darf aber noch, wenn er muss. Ansonsten will man um die Zeit sowieso nichts mehr draußen. Wobei, abends nach neun noch mit Glühwein durch den Ort laufen, gerade fällt mir auf, dass man das ja könnte. Sonst will ich das nie, aber wenn ich es morgen nicht mehr darf, dann tut es mir vielleicht leid. Und, ich wollte sowieso noch eine Karte einwerfen. Da mache ich jetzt aber mal Glühwein heiß, kommt jemand mit? In nebligem Nieselregen trinken wir Glühwein und Cola auf dem Dorfplatz und laufen eine Runde durch die Altstadt, also, den unteren Teil vom Dorf. Alles ist so schön beleuchtet, das sieht man garnicht, wenn man sich nach 18 Uhr immer nur drin aufhält.

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Nach dem Abendessen spielen wir noch irgendwas. Alle zusammen. Irgendwer nörgelt immer. Es geht hier aber auch nicht um Spass, sondern darum, irgendeine Art von Shutdown-Ritual zu finden, das den Abend einläutet.

Dieses Spiel ist ganz einfach, man braucht nur einen Würfel. Man darf so oft Würfeln wie man will, die Zahl der Augen wird addiert. Würfelt man eine drei, setzt das alles, was in dieser Runde bis jetzt erwürfelt wurde auf null und der nächste ist dran. Wer zuerst hundert erreicht gewinnt. 4,9,13,16nnaaargh Mist!

Ohne Absicht verbringen wir einen schönen Familienabend.

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Die Brille des Maikinds hat einen Knacks. Noch hält sie, aber keiner weiß für wie lange. Anruf beim Optiker, Termin ist kein Problem. Das Julikind bekommt auch gleich einen, sie sieht schon länger verschwommen. Wenn es jetzt die Möglichkeit gäbe, mal unter Menschen zu kommen, muss sie aber mal ganz dringend in dm, sagt das Märzkind. Der Liebste übernimmt die tour – alle verlassen das Haus. Ungewohnt. Mein Hirn spielt weihnachtliche Musik ein.

Haaaaallelujaaaaah, halelujah, halelujah, halelujah, haleeeeheeluujaaaah.

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Weihnachtsplätzchen sollen verschenkt werden. Der Gedanke kam mir Anfang November, etwas besseres ist mir bisher nicht einfallen, also ist das jetzt der Moment, in dem die gebacken werden müssen. Teig ist schnell gemacht. Ausrollen, ausstechen, rein in den Ofen, raus aus dem Ofen- ähm, da wo im letzten Jahr der Esstisch stand steht jetzt das Sofa. Um die Plätzchen sicher zwischenzulagern muss ich einmal halb durch die Bude. Aber wenn es einmal läuft, dann läuft es.

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Das Auto fährt vor, Kinder mit Einkaufstüten queren meine Laufrichtung. Blick auf den Plätzchenberg „du hast noch nicht gekocht, vermute ich mal?“ Nee, habe ich nicht… Einkaufstüten werden mitten in der Küche abgestellt. Das ist gerade ungünstig… Der Liebste berichtet mir im Vorbeigehen, er habe den Umschlag eingeworfen. Welchen Umschlag?, erkundige ich mich, während ich versuche mit dem heißen Blech durchzukommen, ohne jemanden zu verletzen. Na den einen, hatte ich doch gesagt, er solle den mitnehmen. Ach den, ja stimmt, ich hatte gesagt, wenn der fertig ist. Da fehlte doch noch die Karte, und die dazugehörige Geschenktüte….Chaos mit Zuckerglasur…

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Kurzer Schreckmoment. Hatten wir Kontakt zu den aktuellen Coronafällen? Nein. Obwohl – hatten wir Kontakt zum Kontakt? Ja, aber nein, alles gut.

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Lebensmitteleinkauf am 23. Dezember. Das war so eigentlich nicht geplant, aber nützt ja nichts. Ich ziehe den dicken Mantel an, falls ich auf einen freien Einkaufwagen warten muss. Auf dem Supermarktparkplatz stehen aber kaum Autos. Es gibt jede Menge Einkaufswagen. Alle Regale sind voll bis zum Anschlag, die Angestellen sind fröhlich, die Kassen alle geöffnet. Großeinkauf am Tag vor Weihnachten in 45 Minuten erledigt. Beim einräumen ins Auto überlege ich, ob ich mich freuen oder gruseln soll.

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Sich nicht zu treffen ist irgendwie auch nicht einfacher. Dieses Weihnachten macht mich auf seine ganz eigene Art müde.

Welche Geschenke müssen zusammen in eine Tüte um dann wann von wem wohin mitgenommen zu werden? Ich verliere die Übersicht. Vielleicht hilft es, alle Geschenke, die das Haus verlassen sollen, einmal auf einen Tisch zu packen. Tatsächlich. So findet sich schnell eine logische Anordnung nach Haushalten. Murmeld stehe ich davor, im Keller steht noch was, im Auto auch… „Wow“, flüstert das Julikind, und bleibt im Türrahmen stehen. Stimmt eigentlich. Das hatte ich so gar nicht wahrgenommen.

Spoileralarm!

Ich wünsche euch allen von Herzen das bestmögliche Weihnachtsfest!

Eine Woche vor Weihnachten

Drei Gäste sind gebucht, von Montag bis Donnerstag. Shutdown ab Mittwoch. Geht das? Ich dachte, es wäre eine ganz einfache Frage, finde aber keine klare Antwort. Man kann wohl mit Sicherheit davon ausgehen, dass das drei Haushalte sind. Sind die dann nach Feierabend privat regelwidrig zusammen? Baustellenbetrieb ist sicherzustellen…. ich glaube aber, das sind externe von irgendeiner Firma im Umkreis. Wottsefack, wenn die anreisen, beherbege ich die und fertig. Dann finde ich einen Bussgeldkatalog und denke alles nochmal von vorne.

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Die Klassenlehrerin bedankt sich, dass ich mich gemeldet habe. Das Märzkind soll bis zu den Feiertagen gar keine Aufgaben mehr machen. Gar keine, wirklich nichts. Für alle anderen wurden die Abgabetermine auch aufgeweicht. Man verstehe, dass diese Altersgruppe im Moment ganz besonders betroffen ist. Nur leider sind die Leherer auch alle am Anschlag. Das widerum kann ich gut verstehen.

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Dienstag kommen die Kinder schwer beladen mit allen Büchern nach Hause. Das Julikind wuchtet alles mit Schwung in den Ranzenschrank und macht die Tür zu. „Mittelferien – ich ziehe mir jetzt eine Schlabberhose an.“ Ferien sind eigentlich ab Freitag, kein online Unterricht. Weise Entscheidung.

Donnerstag morgen höre ich im Autoradio, dass sämtliche Lernplattformen zusammengebrochen sind. Ach was.

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Der Liebste bekommt seine „du kommst aus dem Gefängnis frei Karte“ zugeschickt, wie er es nennt. Zur Aufrechterhaltung des Betriebs ist seine Anwesenheit am genannten Standort des Unternehmens zwingend erforderlich. Wegen Mehrschichtbetrieb kann das auch nachts oder am Wochenende der Fall sein. Er dürfte raus, wenn es zu Straßensperren kommen sollte.

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Zwei Bleche Kokosmakronen hatte ich auf dem Herd abgestellt, damit sie abkühlen können, bevor ich sie in die Dose packe. Eine Stunde später wird keine Dose mehr gebraucht. Abendessen? Eigentlich haben sie noch gar keinen Hunger.

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Die Oma aus dem Städtchen bringt einen süßen Teller und Weihnachtskarten. Sie wird Heilig Abend nicht kommen, hat sie entschieden. Das muss und darf natürlich jeder für sich selber entscheiden, niemand nimmt da was übel dieses Jahr. Aber seltsam ist es doch für alle. Heilig Abend wird zeitgleich drin und draußen stattfinden. Plan D. Wir wurschteln uns legal durch.

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Die andere Seite der Familie hatte nur einen Plan A. Der ist dahin.

Wenn da jetzt irgendeine Art der familären Zusammenkunft gewünscht ist, dann müsste aber wahrscheinlich schon irgendwer mit irgendwem irgendwie kommunizieren, oder? Ich hatte ja gesagt, ich sage nichts mehr. Der Liebste ist trotzdem grummelig. „Mental load“ nennt man das, was später Weihnachtsmagie wird. Ich koche mir einen Tee, sage wirklich nichts und bin ein bisschen stolz drauf.

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Mit einem Blick und einem Kopfnicken werden wir eingeladen, mit auf den Friedhof zu gehen. Eigentlich wollten wir nur am Zaun stehen. Anwesend sein, ohne rechnerisch teilzunehmen, quasi. Diese Variante fühlte sich in unseren Überlegungen am wenigsten falsch an.

An diesem Grab haben wir schon mal gestanden, mit der gleichen Familie.

Stille.

Nach und nach geht jeder am Grab vorbei und bleibt dann allein am Weg stehen. Kein Händedruck, keine Umarmungen, der Weg zurück mit Abstand.

Beileidsbekundungen am Grab finde ich immer schwierig. Standartfloskel mit Händedruck, es hilft ja doch nicht, dachte ich immer. Das sehe ich jetzt anders.

Nach ein paar Sätzen smalltalk im Gehen verlassen wir die Trauergemeinde schweigend.

„Väter beerdigen ist scheiße“, sagt der Liebste.

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Der Landkreis hat eine Insidenz von 257.

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Meine Schwester entschuldigt sich für Heilig Abend. Sie habe diese Woche mit einer Kollegin im Büro gesessen, die sich mit Kopfschmerzen und Geschmacksverlust krank gemeldet hat. Die Grippe, hat der Hausarzt gesagt, kein Test notwendig. Aber, ganz ehrlich, wo sollte man denn bei diesem ganzen Hygieneaufwand eine Grippe her haben? Das ist zwar richtig blöd jetzt, aber sie halten sich einfach raus, dieses Jahr, es ist zu heikel, wenn da jeder sagt „ist egal, ist Weihnachten, was soll das dann noch geben…?“ Es ist blöd. Aber danke! Denn selbst mit eingeschränktem Weihnachtsprogramm hätte das noch Sprengkraft, wenn denn dann… hoffentlich nicht. Gedankengang Ende.

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Es wird eine Weihnachtsstation eingerichtet. Jeder Haushalt wird ein Tischchen mit Namen drauf bekommen. Geschenke können so kontaktlos ausgetauscht werden. Die Kinder sind mit der Oma zum Scheune fegen verabredet.

eingeschränkt besinnlich

Die Möglichkeiten, diese Nerf umzubauen sind vielfältig. Je nachdem wofür man sich entscheidet kann man schneller, weiter, lauter, mehr. Ich kenne mich da mittlerweile ein bisschen aus. So richtig springt der Funke allerdings nicht über, es mangelt mir an Leidenschaft bei diesem Thema. Das Maikind sollte eigentlich Übernachtungsbesuch bekommen, dieses Wochenende. Jemanden, der sich ernsthaft dafür interessiert und in der Lage ist, den Aufbau einer Nerf über mehrere Stunden im Detail zu diskutieren. „Luka, kommt nicht, der hat die Pumpe (Insulin) verstopft“, das Maikind ist geknickt. Mist. Also, ist mir schon lieber, dass das noch zu Hause passiert ist, aber, warum heute?

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Das Märzkind sitzt an einer Präsentation und verzweifelt. Mit all den anderen Aufgaben, die sonst noch übers Wochenende mitgegeben wurden hat sie noch nicht mal angefangen. Ich falle in den homeschooling Modus und versuche ihr zuzuarbeiten.

Dschibuti ist geografisch gesehen das Holland von Afrika. Es hat weniger Einwohner als Köln. 94 Prozent der Bevölkerung sind Muslime, gesprochen wird offiziell französisch und arabisch aber auch somali. Überlandfahrten macht man da am besten tagsüber und im Konvoi, empfiehlt das auswärtige Amt. Trinkwasser und Treibstoffreserven sollte man dabei haben. Es ist nämlich heiß und die Infrastruktur nicht so doll, die gehört aber sowieso den Chinesen, eigentlich. Kleidung und Decken sollte man vor Gebrauch schütteln, es gibt giftige Tiere.

Ich weiß nicht, ob man bei dieser googelei was lernt.

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Eine Joggingrunde mit dem Liebsten durchs Feld. Es ist neblig. Man hat die ganze Strecke immer nur ein und dasselbe Bild. Nebel. Dafür ist es aber nicht so kalt. Irgendwann verliere ich die Orientierung. Trotzdem, es zieht sich. Sind wir bald da? Tatsächlich, am Ende der Geraden steht das Auto. Er habe da ein bisschen geschummelt, sagt der Liebste. Ich hatte ja gesagt, so 6 Kilometer würde ich mitkommen, das waren gerade 7,5 km, ging aber doch gut, ne?

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Weihnachtsbäume gibt es ab 15 Uhr. Beide Mädels stehen fertig angezogen vor dem Haus. Ich hatte angedroht selber einen auszusuchen. Auf dem Weg zum Baumverkauf versuchen sie es ein letztes Mal: Der Baum sollte zwei Meter haben, wirklich. Eigentlich mehr, aber das gibt die Deckenhöhe ja leider nicht her. Zwei Meter sind durchaus üblich und angemessen. Nein. Wir haben Glück. Als wir ankommen bemängelt gerade ein Ehepaar, das „die mittlere Größe überhaupt nicht da ist“. Es gibt also nur normale Weihnachtsbäume und ein paar, die man in Wintergärten oder Kirchen aufstellen könnte. Ich richte alle normalen Weihnachtsbäume der Reihe nach auf, die Kinder laufen murmelnd drumrum und suchen den besten aus. Ins Haus holen wir ihn am 23. vorher nicht. Er könnte aber solange im Garten stehen, vom Küchenfenster aus könnte man sich dann schon mal freuen. Das würde gehen. „Aber nicht, dass da jetzt noch ein Vogel draufkackt“, sagt das Märzkind.

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Das Maikind kommt rein. Im Klassenchat haben sie gerade gesagt, ab Mittwoch schließen die Schulen, er wollte nur fragen, ob das stimmt. Ich weiß es nicht, halte es aber für möglich.

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Hausaufgaben- Verzweiflung. Ich ziehe die Notbremse und schreibe eine Mail an die Klassenlehrerin. „Ja, das kann man. Wenn du den Fuss verstaucht hättest würde niemand erwarten, dass du die 800 Meter läufst.“ Ich hoffe, dass der Vergleich mit dem verstauchten Fuss noch hinkommt.

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Der Vatta schickt ein Foto an die Enkel. Er hat den Baum schon geschmückt und feiert ab jetzt, wer weiß, was da noch kommt.

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Heißt dass, wir können garnicht Weihnachten feiern? Große Verunsicherung bei allen Kindern. Ich versuche die neuen shutdown- Regeln, die dann wohl ab Mittwoch gelten sollen, zu verstehen. Es ist nicht ganz einfach. Schulen werden schließen oder die Präsenzpflicht aussetzen, man darf sich an den Weihnachtstagen mit bis zu vier Personen treffen, die nicht dem eigenen Haushalt angehören, aber in direkter Linie verwandt sind, Kinder unter 14 werden nicht mitgerechnet, keine Böller zu Sylvester, Geschäfte, ausser Lebensmittel/Apotheken/Tierbedarf schließen.

Was heißt in direkter Linie verwandt? Man könnte Omas in beliebigen hotspots besuchen aber die Patentante aus dem homeoffice im Nachbarort darf nicht vorbeikommen? Wer will das denn kontrollieren?

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Es ist gerade mal halb elf an diesem dritten Advent und wir sind alle nervlich am Anschlag. Es braucht ein bisschen Struktur, damit wir einigermaßen heil durch den Rest des Tages kommen. „Schmorbraten gibt es in einer Stunde, danach gehen wir alle diesen Sternweg zur lebendigen Krippe und haben es scheiß besinnlich“ schreibe ich ihn die Familiengruppe. Niemand kommt augenrollend rein, kein kotzendes emoji, nichts. Die Lage ist ernster als ich dachte.

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Offiziell ersetzt der Sternweg den Gottesdienst und startet deshalb an der Kirche, wo ein Wunschbaum aufgestellt ist. Die Leute wünschen sich schöne Sachen, normale Sachen, und Dinge, die wir ganz selbstverständlich haben. Das verschiebt den Blickwinkel etwas.

„Schantalle, tu dat mä ma ei“, fällt mir dazu ein. „Schhhhhh“, sagt das Märzkind, aber sie kann wieder lachen. Deswegen waren wir ja hier.

Jetzt schon?

Ein Notarztwagen kommt uns entgegen, halb auf unserer Seite der Straße und ziemlich schnell. Ausweichen kann man auf der kurvigen Strecke durch den Wald kaum. Wenn der so schnell fährt könnte er doch ruhig mal tatütata anmachen. Ein Schreckmoment. Dann fragen wir uns kurz, was wohl los ist, denn wenn hier ein Notarzt fährt, will der ins Dorf. Merkwürdig, dass vorher kein Rettungswagen kam, den hätte man gehört.

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(Aus dramaturgischen Gründen werden im folgenden Markennamen genannt, nicht zu Werbezwecken. Wir zahlen das ganze Geraffel selber.)

Die Großen wünschen sich alle Geld, erfahre ich per whattsapp, der Kleine überlegt noch. Gefragt hatte ich vor drei Wochen. Wer mich kennt weiß eigentlich, dass ich nie im Advent in Fussgängerzonen gehe. Dass Paketzustellungen im Moment etwas länger dauern ist doch eigentlich auch klar. Ich mache eine klare Ansage. Wunsch jetzt – oder Geld zu Weihnachten.

Ein Legoset also. Lego im Dezember… wer schon mal ein bestimmtes Set gesucht hat weiß, dass das nicht so einfach ist. Ich frage nach: Wenn dieses Set nicht zu bekommen ist? Anderes Set? Gleiche Baureihe oder was ganz anderes? Gutschein? Bargeld? Es kommt ein Foto von einem Siku- Traktor. Ich seufze und schicke die Bilder weiter an den Liebsten, er ist der Onkel und hat vor Weihnachten frei. . „Jo, ist Lego, das ist ja kein Problem“. Vielleicht hat er Recht.

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Ich würde gern mal wissen, wo das Märzkind steht. Reicht das kommende Zeugnis zur Zulassung zur weiterführenden Schule oder nicht? Mehr geht nicht. Wir werden ab hier mit dem arbeiten, was da ist. In den Weihnachtferien werden wir Bewerbungen auf den Weg bringen, die Frage ist nur für was.

Die Klassenlehrerin meldet sich schnell. Sie habe da ja auch schon gesprochen und hält das für eine ganz gute Idee mit der weiterführenden Schule. Das Märzkind sei aus ihrer Sicht in jedem Fall dafür geeignet, sie wundert sich. Ich frage mich, warum so viele Lehrer da so dramatisch Druck aufbauen. Es hilft nicht.

Das Märzkind ist wie ausgetauscht. Die Tante holt sie nachmittags ab, sagt sie. Sie fahren ins Städtchen und lassen Fotos machen für Bewerbungen, vielleicht auch mal nach einem Weihnachtsoutfit gucken…

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Das Maikind fährt irgendwann demnächst ins Städtchen zur nächsten Runde im Mathewettbewerb. Also, wenn er da Hilfe braucht, sagt die Oma, dann soll er aber bescheid sagen. Sie könnte zum Beispiel vor der Tür stehen und Plakat hochhalten. Niemand wird das Datum erfahren, sagt das Maikind.

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Weihnachten bei den Eltern im Wohnzimmer war eigentlich durchgewunken. Wir hatten uns gewundert, waren aber mental an einem Punkt, wo man Sachen mit einem Schulterzucken und einem gemurmelten „wenn sie meinen“ hinnimmt. Zwei aus der Hochrisikogruppe wollen zwar einerseits gerne dabei sein, haben aber andererseits Bedenken, mit so vielen Leuten in einem Raum. Weihnachten in der Scheune kommt wieder ins Spiel. Die Scheune ist nach oben hin riesig. Mit genügend Abstand könnte man da den ganzen Abend atmen ohne irgendein Aerosol zweimal zu erwischen. Leider ist die Scheune auch einfach die Scheune. Um da einen Hauch von Landlust Weihnacht reinzubekommen müssste man schon so einiges vorher noch. Kalt wäre es trotzdem, eine Feuerschale kann man natürlich nicht aufstellen, gibt es eigentlich eine Steckdose? Zwei vom Team „wie-immer-im-Wohnzimmer-mit-Baum“ stellen sich quer. Ich bin raus. Man möge bitte entscheiden, was gewollt ist, dann helfe ich gern bei der Umsetzung. Das Märzkind schreitet zur Tat. Mit den Worten, sie werde jetzt alle Weihnachtsprobleme lösen, macht sie sich auf den Weg zur Oma. Stunden später kommt sie wieder, ein bisschen blass. Ich erkundige mich, worauf man sich denn nun geeinigt habe. Es sei alles nicht so einfach, sagt das Märzkind.

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Thüringen plant einen richtigen Lockdown. Kein Besuch in den Weihnachtsferien. Eigentlich hatten wir uns das gedacht, schade ist es trotzdem. Das wäre mal was anderes gewesen.

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Das Märzkind erhält per whattsapp ein schönes Gedicht, sie schmunzelt. Jemand möchte wissen, was sie sich zu Weihnachten wünscht, ihre Geschwister soll sie bitte auch fragen. Da braucht sie gar nicht laufen, die Liste liegt hier. Gewünscht wird noch ein Papierkorb in rosa oder lila, eine Schulterstütze für das nerf Modell… Der Liebste und ich gucken uns an und denken wohl das gleiche. „Schreib, ihr wünscht euch Geld“, sagt er.

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Da kommen jedes Jahr neue Weihnachtsbackbücher und ganze Plätzchen-Zeitschriften raus. Ich habe der Einfachheit halber alle gefragt, welche Sorten denn die besten sind und in diesem Jahr gebacken werden sollen. Johannistaler, Kokosmakronen, Zimtsterne, Vanillekipferl und einfach welche mit Plätzchengeschmack wurden gewünscht. Die Klassiker. Eigentlich brauche ich dann garnicht backen, weil da hab ich noch ein Foto vom Plätzchenteller vom letzten Jahr, das könnte ich in meinen Status stellen. Ein Scherz, natürlich.

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Der Hund ist wieder ganz der alte. Morgens eine Stunde raus und nachmittags nochmal, das ist zu wenig, zu langweilig. Die rote Müslischale, das beste Hundespielzeug der Welt, wird durchs Esszimmer gejagt, jeder der sich hinsetzt bekommt einen Ball vor die Füsse gelegt.

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Das erklärt, warum kein Rettungswagen kam, da hatte ich schon gar nicht mehr dran gedacht.

Glockengeläut morgens um acht. Jemand ist am Vortag verstorben. Ich öffne das Fenster und stehe einen Moment andächtig da.

Nachmittags überlegen wir, wie man Anteilnahme ausdrücken kann, bei Kontaktbeschränkungen und Personenzahl-Begrenzungen.

Alle anderen Probleme dieser Woche sind eigentlich keine mehr.