Scherben und Europa

Bettwäsche, Handtücher, Tischdecken, Putzzeug, alles ist einsatzbereit. Ein Blick auf die Uhr, wenn es gut läuft schaffe ich den Ferienwohnungsgästewechsel noch bevor die Kinder nach Hause kommen.

Es klingelt. Der Gast bittet mich, nochmal mit in die Wohnung zu kommen, es sei etwas kaputt gegangen. Oh, oh. Die kleine Ferienwohnung nebenan gehört mit zu dem 100 Jahre alten Haus, in dem wir wohnen. Hier ist gar nichts normgerecht. Erneuerungen sind meist zeitaufwändig und erfordern Gesprächskreise mit befreundeten Handwerkern. Das würde heute alles nicht so passen.

Auf dem Weg erklärt mir der Gast, dass der ferngesteuerte Roboter seines Sohnes leider das Kabel der Nachttischlampe mitgezogen habe. Die ist jetzt in tausend Teile zerbrochen. Ach, ich bin erleichtert. Das ist ja nun kein Problem, versuche ich den Gast zu beruhigen. Die Lampen sehen zwar stylisch aus, sind aber nicht teuer.

Er bittet mich, den Schaden zu begutachten. Ja, die Lampe ist eindeutig kaputt. Nein, dass ist kein Problem, ehrlich nicht.

Die Wohnung ist ansonsten sehr aufgeräumt, sie haben sogar den Müll schon rausgebracht. Beide Kinder waren als mitreisende Personen angegeben. Das ist alles nicht selbstverständlich. Es sind nette Gäste, und ein bißchen Schwund ist immer.

Nein, bitte, er möchte die Lampe ersetzen, ich solle einen Preis nennen. Ach was, das ist nicht nötig.

Der Mann blickt hilfesuchend zu seiner Frau. Sie steht gerade mit einer Plastikverpackung vor den vier Mülltüten, die sie am Zaun aufgereiht hat und überlegt. Mülltrennung ist sehr deutsch und gehört wahrscheinlich zum Urlaubserlebnis.

Die Gäste sind Europäer. Die Eltern kommen aus Osteuropa, ihr Englisch kann ich gut verstehen. Die Kinder sind in England aufgewachsen, ihr englisch klingt sehr britisch. Die Familie hat sich hier mit Freunden zum Ski fahren getroffen, die in Frankreich und Skandinavien leben. Mit der Frau habe ich mich diese Woche schon mal sehr nett unterhalten.

Sie kommt dazu und bittet mich ebenfalls, die Lampe bezahlen zu dürfen. Ich glaube, es geht hier nicht wirklich um Geld. Es ist ihnen irgendwie ein Bedürfnis den Schaden zu beheben.

Na gut, wenn sie unbedingt wollen, dann könnten sie mir 10 Euro geben, entscheide ich. Die Frau lächelt und drückt mir 20 Euro in die Hand. Nee, nee, ich hole Wechselgeld.

Als ich ihr das Wechselgeld gebe bedankt sie sich, und kommt ins erzählen. Letzen Herbst habe es Probleme gegeben, bei ihnen im Viertel. Sie zögert kurz. Mit Zigeunern. Die hatten auf einer Grünfläche ein wildes Camp errichtet. Es war ziemlich chaotisch, viel Müll und die Bewohner des Camps hätten gepöbelt und auch geklaut. Da es Osteuropäer waren, ist die Familie schnell in den selben Topf geworfen worden. Natürlich könne man den Ärger der Anwohner verstehen, aber – ihre eigenen Kinder hatten irgendwann Angst auf die Straße zu gehen. Es war nicht schön.

Mir wird einiges klar. Ich hatte noch nie Probleme mit Gästen aus Osteuropa, erzähle ich ihr. Eher im Gegenteil, sie hinterlassen alles besonders ordentlich, wenn ich darüber nachdenke. Mit einem Lächeln weise ich auf die säuberlich arrangierten Mülltüten. Vielleicht ist das der Grund. Naja, sagt der Mann, man bemühe sich.

Sie sollen sich keine Sorgen machen, sage ich den beiden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass jede Nation ihre Idioten hat. Deutsche verstehen das, die meisten jedenfalls.
Der Mann lächelt, er schüttelt mir zum Abschied die Hand und bedankt sich ganz herzlich für die Gastfreundschaft. Als sie schon am Auto sind dreht er sich nochmal um: „Und wenn ihr mal im Winter nach London wollt,“ ruft er mir zu, „meldet euch, dann können wir Wohnungen tauschen“. „Das ist eine gute Idee“, rufe ich zurück. Alle winken fröhlich.

Erst als sie um die Kurve fahren fällt mir auf – niemand hat auch nur ein Wort über den Brexit verloren.