Ein Job

Unter diesen Bedingungen ist die Aula mit 16 Kindern plus Eltern voll. Herzliches Willkommen im Namen der Schüler, der Schulleitung, des Klassenlehrers und Gottes Segen. Elterninfos wegen Essen, Hausaufgabenbetreuung, Klassenaufteilung, kein Tanz, keine Musik, alles auf Abstand. Halbe Stunde, fertig. Das Kind kommt dann einfach mit dem Bus nach Hause. Normalerweise hätte sich die Veranstaltung den ganzen Vormittag gezogen. Man darf es natürlich nicht zugeben, wenn Einkindeltern dabei sind, aber so ist es durchaus angenehm.

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Bücher werden eingeschlagen, Schnellhefter besorgt und Vokabelhefte in irgendwelchen Formaten, ein ausreichend langer gelber Buntstift gesucht, Muttizettel unterschrieben, Bestellungen zur Kenntnis genommen, Bargeld in Umschläge gesteckt, die Sporthose gesucht, Brotdosen gefüllt, die Pflaumen geerntet, das Motorrad des Liebsten braucht Ersatzteile, wenn er jetzt selber nicht da ist, dann soll ich mal sagen…, Elterntaxifahrten im Normalbetrieb, der Hund muss raus und um halb zwei möge ein Mittagessen auf dem Tisch stehen, was leckeres, es kommt ein Gast direkt nach der Schule…

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„Sag mal Mama, willst du dir eigentlich auch mal wieder einen Job suchen?“, fragt das Julikind mich abends beim Zähne putzen.

Oh mein Kind, ich hab einen.

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Ein Sommerabend zum wegtuppern. Sowas braucht man, wenn der November endlos grau ist.

Irgendwo hat es anscheind geregnet und irgendwer hat einen Damm gebaut, im Flüsschen. Das Maikind und das Julikind legen sich mittenrein. Es ist fast wie schwimmen gehen.

Es wird doch merklich früher dunkel, und auch recht schnell. Auf dem Rückweg kann man eigentlich nicht mehr sehen, wohin man tritt.

Fledermäuse machen überhaupt kein Fluggeräusch, man erschreckt sich die ersten drei Male, wenn sie einem so um den Kopf rum fliegen.

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Samstag Abend trinken der Liebste und ich ein Feierabend Bier im Garten. 12 Nachtschichten am Stück waren das für ihn, für mich der Rest.

Im Nachbarort gibt es einen Open Air Kinoabend. Anscheind stehen die Lautsprecher in unsere Richtung, wir verstehen jedes Wort. Liegt vielleicht auch daran, dass der Wald dazwischen nicht mehr ist, überlegen wir. Aus der anderen Richtung kommen Partyhits der frühen Neunziger, Geräusche der Geselligkeit aus der Ortsmitte. Ah, die Ferien sind rum. Man darf die Partyplätze wieder mieten.

Die Wechselschicht Wochen sind immer anstrengend, aber diesmal noch mehr als sonst. Wir haben keine Reserven mehr. Nur so sitzen ist schön.

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Dieser Klappstuhl-Gottesdienst wurde geplant, als Gesang noch verboten war, entschuldigt sich der Pfarrer. Seit dieser Woche seien zwei Choräle zu je zwei Strophen erlaubt, aus dem selbst mitgebrachten Gesangbuch allerdings nur, versteht sich. Ein Raunen geht durch die Gemeinde. Fragen bleiben offen. Wie lang darf denn eine Strophe wohl sein? Was passiert, wenn jemand versehentlich die dritte Strophe ansingt? Muss man das melden? Wem? Wird es gesundheitliche Auswirkungen haben? Was bedeutet das für den Standort Deutschland? Man muss es mit Humor nehmen. „So klappt zusammen und gehet hin in Frieden, möchte man sagen, aber das wäre natürlich nicht angemessen. Wir machen das schon anständig“, sagt der Pfarrer. Wir gehen mit Maske bis vor den Zaun und unterhalten uns dort ohne, über den Transport von Campingstühlen in Kleinwagen.

Sommer

Morgens um 10 ist es fast schon zu warm zum spazieren gehen. Mitten auf dem Waldweg frühstückt ein junges Reh (Sind das Mitte August noch Kitze? Ich weiß es nicht.) Dass der Hund so gar keinen Jagdtrieb hat, ist doch wirklich angenehm. Ich bleibe stehen und beobachte. Ein Vogel meldet Besucher im Wald, das Reh schaut in unsere Richtung, der Hund und ich stehen still, völlig unbeeindruckt frisst es weiter. Ein Flugzeuggeräusch über uns, das Reh schaut sich suchend um, wundert sich, überlegt kurz und frisst weiter. Ich nehme den Hund an die Leine, nicht das er doch noch auf Ideen kommt, und gehe ein paar Schritte weiter. Das Reh wartet kurz, ja, leider wollen wir echt genau da lang. Betont langsam flüchtet es ins Unterholz, als Teeniemutter meint man ein augenrollendes „boooaaarmanneejj“ hören zu können.

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Im Schreibwarenladen der Nachbargemeinde haben sie Collegeblöcke mit dieser Pünktchenlineatur. Die habe ich zuletzt beim Französischaustausch in den 90ern gesehen, hier gab’s die leider nicht. Dann -aus dem Nichts- ein Geistesblitz! In NRW beginnt die Schule eine Woche früher. Das heißt, die ganzen Muddis hier haben den alljährlichen Einkauf des Wahnsinns zu Schulbeginn schon durch, wenn ich los muss. Die Nachbargemeinde ist genauso weit weg wie das Städtchen. Warum zum Geier komme ich da erst jetzt drauf?

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Wir stellen überrascht fest, dass wir vorher noch nie im eigenen Garten gefrühstückt haben. „Es fühlt sich an wie im Urlaub“, sagt das Maikind.

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Das Julikind verbringt einen geschenkten Pferdetag mit Tante und Cousinen. Auf der Rückfahrt erfahre ich, dass frischer Pferdemist doch deutlich mehr wiegt als welcher, der schon eine Weile rumlag, dass man Pferde mit Fingerfarbe anmalen kann, nur nicht da, wo der Sattel hin muss, wie man antrabt und bremst und und und und und und dann schläft das Julikind ein.

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Das Märzkind übernachtet auswärts.

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Ich bringe sechs ungenutzte Kaffeegedecke in die givebox und finde ein Lieblingsbuch, das irgendwann einfach weg war. In einer offensichtlich ungelesenen Orginalausgabe, guter Tausch, ich freu mich. Sicher taucht das abgeschrammelte Taschenbuch im Laufe der Woche wieder auf.

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Eis essen stand noch auf der Ferienliste. Die Eisdiele ist natürlich proppevoll. Die Tische stehen weit auseinander, drei junge Männer sprinten mit Eisbechern hin und her, bei 36°C. Sie sind auffallend freundlich, zu jedem. Im reinlaufen rufen sie der Frau hinter der Eistheke zu, was gebraucht wird. In atemberaubender Geschwindigkeit werden die Bestellungen zusammengebaut und sind wenige Minuten später zeitgleich am richtigen Tisch. Ungewohnt, aber so kann Gastronomie auch sein. Das Märzkind schüttelt den Kopf, „man hat fast den Eindruck, das macht denen Spaß“.

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Die Fussgängerzone war vorher schon kein Schmuckstück. Mit leeren Schaufenstern ist es eine trostlose Gegend.

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Die Schule schickt das neue Regelwerk für den Regelbetrieb. Fünf Tage die Woche für alle mit Nachmittagsunterricht und geöffneter Cafeteria sind geplant. Es gibt ein Hygienekonzept, das liest sich richtig gut. Wenn man allerdings einen Moment länger darüber nachdenkt…. ach was. Der Landkreis hat gerade null Neuinfektionen. Da tun wir einfach mal so, als würden nur Einzelkinder zu Fuss zur Schule kommen, die den ganzen Tag nicht auf Toilette müssen. Läuft.

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Starkregen. Der Liebste stürmt die Haustür rein, reißt die Kellertür auf, flucht und rennt wieder raus. Von oben höre ich ein „Och nee, müssen wir schon wieder den Keller wischen?“ Zum Glück nicht. Aber der liebevoll hingemörtelte Schutzwall steht leider an der völlig falsche Ecke. Das hätte man so nicht für möglich gehalten. Der Liebste verteidigt das Kellerfenster gegen die Flut, mit dem was gerade da ist.

Mann mit Tapeziertisch im Regen, das Bild wurde nicht freigegeben.

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Nach dem Regenguss öffnen wir alle Fenster und freuen uns über die angenehm kühlen 25°C.

Ende Juni

Die Harvester und Kettensägengeräusche wurden abgelöst von Abriss und Baustellenverkehrsgeräuschen, von kurz nach sieben bis kurz nach vier. Mittags gibt es einen Moment, indem man sich fragt, was gerade anders ist. Dann geht es wieder los.

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Beim Märzkind gab es Noten für die mündliche Beteiligung beim online Unterricht. Es ist ein Witz. Leider ist es aber auch ein Bewerbungszeugnis und deshalb frustrierend.

Ein Jobday zur Berufsinformation wurde ins digitale verlegt. Der Arbeitslehre-Lehrer gibt einen link raus. Der link funktioniert nicht, auf verschiedene Arten, auch nicht mit Hilfe der Freundinnen. Es gab keine weiteren Hinweise. Das Angebot, für dass sich das Märzkind interessiert hätte läuft seit zwanzig Minuten, dann ist es auch egal.

Diese Art von Unterricht ist schlecht.

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Wer von den Eltern Zeit und Lust hat, kann zur Geschenkübergabe an die Grundschullehrerin dazu kommen. Um zehn auf dem Schulhof. Ohne Programm und mit Distanz ist es eine kurze aber schöne Veranstaltung. So ganz ohne alles wäre der Abschied doch seltsam gewesen. Spontan wird entschieden, die Abschlusszeugnisse auf dem Schulhof zu übergeben, natürlich ist es nicht erlaubt, Einladungen auszusprechen, aber sollten Eltern da sein, würde man sie nicht wegschicken.

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In den neunzigern habe ich mich auch schon nicht für Fussball interessiert. Damals verbrachte ich aber viel Zeit mit dem größten Liverpool-Fan des Festlandes. Fast mein gesamtes Fussball-wissen stammt aus dieser Zeit. Das Liverpool seitdem nichts großartig gewonnen hat, hatte ich nicht mitbekommen. Diese Woche sind sie Meister geworden und konnten es kaum glauben! Man kann sich mitfreuen ohne mitgefiebert zu haben.

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Wenn wieder gefeiert wird, müssen auch wieder Besorgungen gemacht werden. Der Bedarf an Süßigkeiten, Snacks und Kaffee ist fast wieder auf Vor- Corona- Niveau.

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Maikind sagt, Freibad mit Ampel-Betrieb sei nicht so blöd wie gedacht. Currywurst holen mit Maske ist ja eh normal.

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Im Auto sind es gefühlte 80 Grad, ich gehe also mit in den Baumarkt. Während der Liebste seine Liste konzentriert abarbeitet sichte ich das Angebot in der Jagdabteilung. Nur so, da war ich noch nie, nach wenigen Minuten weiß ich warum.

Der Liebste hat einen Mitarbeiter gerufen, weil man Seil nicht selber abschneiden soll. Sie fachsimpeln noch. Der Mitarbeiter sieht mich kommen, bemerkt, dass ich dazu gehöre und guckt einmal so von oben bis unten an mir runter. Es könnte Einbildung oder Zufall gewesen sein.

Giggelgiggel. „Jo, fünf Meter dürften reichen, denk ich“, er guckt zu mir und sagt im Verschwörerton zum Liebsten „oh, hat sie aber nicht gehört“. Giggelgiggel.

Doch, hat sie gehört. Aber sie hat eine handwerkliche Ausbildung und pariert Herrenwitze auf diesem Niveau mühelos.

Ich schaue dem Mitarbeiter direkt in die Augen und ziehe zweimal ganz kurz die Augenbrauen hoch. Es könnte Einbildung gewesen sein oder Zufall. Er ist sich auf einmal nicht mehr sicher, „waren das jetzt drei Meter oder schon vier?“, und muss nochmal von vorne anfangen. Ob wir denn sonst noch was brauchen? Nee.

„Macht irgendwie einen untervögelten Eindruck, der arme Kerl, oder?“, stellt der Liebste auf dem Weg zum Auto fest. Ist mir auch aufgefallen.

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Wir sind zum Hoffest eingeladen, es ist im Ort, wir gehen ohne Kinder.

Einfach nur sitzen und mit anderen Erwachsenen ein Gespräch führen, das sich nicht um homeschooling dreht, herrlich!

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Ich weiß jetzt, wer welche Häuser gekauft hat und für wen, wer alles im Krankenhaus liegt und weswegen, warum ein kompletter Jahrgang Mädels zerstritten ist, wann geheiratet wird und wer Zwillinge bekommt.

Hätte man mich im März gefragt, ob mich irgendwas davon interessiert, hätte ich wahrscheinlich nö gesagt.

Vor-Ferien

Wir haben es aufgeschoben, solange es ging, aber jetzt geht’s nicht mehr. Jemand muss das Gelärsch für die Steuererklärung zusammensuchen und jemand muss mit den Kindern Klamotten kaufen. Pest oder Cholera? Der Liebste und ich werden uns schnell einig.

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Wie jedes Jahr nehme ich mir vor, ab jetzt schneller und besser abzuheften.

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Sie haben tolle Sachen gefunden, in Größen, die ich alle so nicht bestellt hätte. Die vier sind völlig erledigt und hoffen sehr, das die Klamotten eine Weile passen. Einkaufen mit Maske ist anstrengend.

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Vier große Tüten mit Sommersachen der Kategorie „schade, das das zu klein ist“ wurden im second hand Laden gerne angenommen.

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Das Auto konnte aus der Werkstatt geholt werden. Es war mehr dran als gedacht, aber anders und daher günstiger als befürchtet. Ein ganz neues Fahrgefühl.

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Mangels Sport im Fernsehen gucken wir wieder Fussball. Die letzten drei Jahre lief hier hauptsächlich Football. Fussball ist langsamer. Viel langsamer. Jammert der jetzt, weil er hingefallen ist?

Ein Bundesliga-Geisterspiel ist akustisch nicht von der Kreisliga zu unterscheiden, stelle ich fest. Vielleicht mache ich doch lieber irgendwas anderes. Gerade, als ich beschließe zu gehen, breitet das Julikind eine Wolldecke über uns aus und kuschelt sich an.

„So ohne Publikum kann man fast einschlafen dabei, ne?“

Stimmt.

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Der Schnellkochtopf schließt nicht mehr so ganz. Alle Dichtungen wurden getauscht, ohne Verbesserungen zu erzielen. Durch Zufall fiel auf, dass der Griff zwei winzige Risse hat, fast unsichtbar, aber so kann der Topf gar nicht schließen. Große Freude! Erstens, weil es das Ersatzteil noch gibt und zweitens, weil der Defekt bemerkt wurde, bevor eine Küchenkomplettrenovierung nötig wurde.

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Fünf Leute stehen murmelnd davor. Die Tatzeit lässt sich sehr genau bestimmen. Der Hauptverdächtige hat wasserdichtes Alibi. Mysteriös.

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Die Grundschule soll ab dem 22. Juni wieder immer für alle öffnen. Abstandsregeln wären damit abgeschafft, das Konzept von „jeder wäscht sich die Hände vorm Unterricht“ bei 6 Grundschulklassen und vier Waschbecken auch eher schwierig umzusetzen. Es gäbe wohl die Möglichkeit, alles so zu lassen, wie es gerade ist. Dafür müssten sich die Eltern dann aber einstimmig entscheiden.

Natürlich gab es keine einstimmige Entscheidung. Innerhalb dieser Klasse ist von Verschwörungstheorie bis zum krebskranken Geschwisterkind alles vertreten. Der Tonfall im chat ist unangenehm. Drei Wochen noch…

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Kontaktsportarten dürfen dann anscheind auch wieder trainieren. Juhu!

In 10er Gruppen, mööööp, also nicht.

Aber das Freibad macht auf, das ist gut.

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Die Kunstnote wird anhand einer Präsentation ermittelt. Picasso hat ungefähr 12 Vornamen und auch ansonsten recht viel gemacht in seinem Leben. Es ist eine umfangreiche und nervenaufreibende Aufgabe. Das Märzkind ist ein neuer Mensch, als es endlich geschafft ist. Alle anderen können sich von Herzen mitfreuen!

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Das Julikind genießt das erste wirklich komplett Hausaufgaben und lernfreie Wochenende seit, man weiß schon nicht mehr wann eigentlich.

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Der Klassenlehrer des Maikindes überlegt, in den Ferien eine Woche online Unterricht anzubieten. Wir wissen das Engagement zu schätzen, ehrlich.

Aber nein.

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Eine Einladung zum Burger essen, wir freuen uns, das letzte mal haben wir im November so zusammengesessen. Die Großen halten Abstand und lassen die Kinder einfach ganz normal spielen. Auf dem Trampolin, im Pool, bis es fast dunkel ist. Einmal alle so richtig ehrlich müde gemacht, nicht nur geistig erschöpft.

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Nach zwei schwülen, heißen Sommertagen regnet es. Kein Unwetter, kein Hagel, einfach nur richtig Regen, wie bestellt.

Kleinvieh macht auch Mist

Im letzten Jahr am Sylvesterabend hatte ich in aller Stille und nur für mich selbst beschlossen: Im nächsten Jahr hätte ich gern ein weihnachtliches Gefühl, das ich nicht mit „am Ende meiner Kräfte“ beschreiben muss. Ich beschloss, von jetzt an in meinem eigenen Team zu spielen, und mir einen Feierabend zu gönnen. Machen andere doch auch.

Wenn man seit fast vierzehn Jahren 24/7 Bereitschaft hat ist es ein revolutionärer Gedanke. „Das glaubst du doch selber nicht“ kommentierte die Stimme in meinem Hinterkopf. Doch. Ich war bereit, der inneren Zickenelse das Kommando zu übergeben. Die Frage „kannste mal gerade?“ wird ab jetzt gefiltert:

Entsteht jemandem gesundheitlicher Schaden, wenn ich es nicht mache?

Entsteht uns ein finanzieller / materieller Schaden, wenn ich es nicht mache?

Würde es den gesellschaftlichen Tod (unter Berücksichtigung der allgemein pubertären Situation) bedeuten, es nicht zu tun?

Habe ich Lust und Zeit ?

Wenn man innerlich schon vier mal NEIN gesagt hat, fällt es deutlich leichter, es das fünfte mal laut zu sagen, habe ich im Jahresverlauf festgestellt. Viele Sachen waren so unwichtig, dass ich sie selbst schon vergessen hatte. Zum Glück habe ich mir hin und wieder eine Notiz gemacht. Wenn ich jetzt den nicht entstandenen Zeitaufwand ehrlich und realistisch zusammenrechne, komme ich auf weit mehr als 20 Stunden.

Die freie Zeit habe ich genutzt, um liegen gebliebenes zu erledigen. Säcke-und Kistenweise habe ich Zeug rausgetragen. Dabei sind Freiräume entstanden, sowohl im Kopf als auch im Haus.

Zur Inspiration:

Winter/Frühling

Ich war nicht als „plus eins“ beim Neujahrsempfang des Sportvereins.

Ich habe nicht teilgenommen an einem Gesprächsabend zum Thema „Kirchendekoration zum Konfirmationsgottesdienst“

Viermal habe ich keinen Gesprächsbedarf angemeldet beim Elternsprechtag. Damit habe ich tatsächlich drei Termine gespart, inklusive Hin- und Rückfahrt und warten auf dem Flur, weil der vorgesehene 15 Minutentakt nicht realistisch ist.

Ich habe einen länger geplanten Ausflugstermin nicht umgeplant, obwohl spontan noch eine Einladung zu einer Geburtstagsfeier kam.

Ein Taufgottesdienst und ein Frühstück zum runden Geburtstag finden genau am gleichen Tag, zu genau der gleichen Uhrzeit statt. Wir entscheiden uns für eine Feier, statt für zwei halbe.

Keinen Kuchen für die Feier eines besonderen Geburtstages angeboten. Trotzdem eine Platte Kuchen mit nach Hause bekommen – es war zuviel da.

Eine kleine Gästin wird ohne jeden Kommentar anderthalb Stunden später abgeholt als vereinbart. Das ist seltsam, aber die Mutterkollegin erzieht allein. Für mich war es eigentlich nur ein organisatorisches Komfortzonenproblem. In der Woche drauf genau das gleiche. In der dritten Woche sage ich einfach mal „nein, heute nicht“.

Am Tag vor der Konfirmation habe ich nicht die Auffahrt gefegt. Hauptsächlich weil es den ganzen Tag stark geregnet hat. Das es mir tatsächlich nichts ausmacht, dass alle Kartenbringer Laubreste gesehen haben, ist mir erst nachher aufgefallen.

Eine Kuchenspende für die gute Sache verweigert, hat niemand gemerkt.

Statt dessen habe ich 16 mal „ja“ gesagt, als mir Spenden fürs Konfirmationskuchenbüffet angeboten wurden. Nichts selber zu machen war eine sehr gute Entscheidung, das Nervenkostüm…

Sommer

An zwei Trauerfeiern nicht teilgenommen. Als die Glocke geläutet hat, habe ich die Hausaufgaben-Betreuung unterbrochen und einen Moment andächtig auf der Treppe gesessen. Später habe ich erfahren, dass die Gäste bei beiden Feiern bis vor die Tür standen. Mein Fehlen hat vermutlich niemand bemerkt.

Wegen Hitzewelle habe ich mir an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen erlaubt, nur das nötigste zu machen. Klingt banal, ist aber nicht so einfach, wenn man an seinem Arbeitsplatz auch wohnt und sieht wie sich Stapel bilden.

Keinen Sommer-Familienurlaub gebucht. Das Preis/Leistungsverhältnis im Juli passt nicht mehr. Weg von zu Hause waren wir trotzdem zwei Wochen jeden Tag, wir wohnen ja in einer Feriengegend. Wieviel Stress das packen und räumen eigentlich macht, war mir vorher nicht bewusst.

Winter und Weihnachtszeit

Die Kinder hatten Hitzefrei an dem Tag, als es die ersten Lebkuchen zu kaufen gab. Ich weiß noch, wie ich, ziemlich verschwitzt, vor der frisch aufgebauten Weihnachtsinsel im Rewe stand, und die Entscheidung traf: NEIN! Ich bin raus! Advent ist bei uns jetzt im Advent. Punkt.

Die Adventsverweigerung war herrlich. Konsequent bin ich an jeder weihnachtlichen Dekoinsel und allen Lebkuchenregalen vorbeigelaufen. Dabei habe ich überraschend viel Geld gespart und hatte die Erkenntnis, das niemand etwas vermisst.

Als es wirklich anfing Weihnachten zu werden, habe ich einfach die vorhandene Dekoration hingestellt und mit einer Tradition gebrochen. Sehr zum Entsetzen aller anderen werden in meiner Familie keine Plätzchen gebacken. Seit Generationen nicht. Nun will aber im Dezember auch keiner mehr die ollen gekauften essen, die ja schon seit September rumstehen. Ich habe also gebacken. Viele, viele Plätzchen. Und habe viele, viele Komplimente bekommen dafür, so viele, das ich tatsächlich drüber nachdenke, das dieses Jahr wieder zu machen.

Zwischen Totensonntag und Sylvester habe ich keinen einzigen Gottesdienst besucht, kein Adventssingen, keinen lebendigen Adventskalender, keine Lesung im Stall, kein Rudelsingen, und danke nein, kein Friedenslicht, nix. Grüße an die anderen Grinche, die mir in dieser Zeit begegnet sind.

Dem Märzkind habe ich zwei Tage vor Weihnachten erklärt, wie man Zimtsterne backt. Sie hat tapfer durchgezogen. Als das Maikind sich beim Festtagskaffee den dritten nahm, bekam er den geschwisterlich freundlichen Hinweis: „genieß die gefälligst, das ist scheißviel Arbeit „.

Das hat mich stolz gemacht.

Zum ersten Mal seit langem hatte ich im Januar nicht das Gefühl, einen Winterschlaf halten zu müssen.

746g Sommer

Ich stehe mitten im Wald, mit einem Fuss auf dem Weg, dem anderen im Hang. Den einen Arm strecke ich so weit ich kann, da die dicksten Himbeeren natürlich oben wachsen. Die Kunst besteht darin, die, die schon in dem kleinen Schälchen, dass ich in der anderen Hand halte drin sind, dabei nicht zu verlieren. Waldhimbeeren sind winzig im Vergleich zu denen, die man an den Buden kaufen kann.

Es ist gerade mal elf Uhr aber schon ziemlich warm. Meine Sonnenbrille rutscht und meine Hose klebt. Der rechte Arm streift eine Brennnessel und in den linken T-Shirt Ärmel läuft gerade eine Ameise.

Drei Meter weiter kommt der Liebste aus dem Strauch. Erstmal was trinken! Seine Wohlfühltemeratur liegt normalerweise bei etwa 18 Grad. Er ist aber freiwillig hier, denn die Ernte gehört zum Marmelade-Genuss irgendwie dazu.

Himbeermarmelade kochen will ich schon seit drei Sommern. Vor vier Jahren wurde extra dafür ein Himbeerstrauch gepflanzt. Da wachsen auch Himbeeren, allerdings sind die echt lecker. Noch nie hat es eine einzige Beere bis in die Küche geschafft.

Schweigend machen wir eine Trinkpause. Eine Etage höher im Hang hören wir Schritte rascheln. Langsam von rechts nach links. Kurz überlege ich, welche gefährlichen Tiere hier wohl das Hausrecht auf den Himbeerstrauch anmelden könnten. „Wahrscheinlich ein Reh“, murmelt der Liebste und schleicht ein paar Meter, um nachzuschauen. Aber man sieht nichts. Die Schritte bleiben einfach stehen, es ist zu heiß für fluchtartige Bewegungen.

Der Liebste schaut ins Erntekörchen und dann auf den Hang voller Himbeeren. Ein bißchen was müssen wir noch, na dann….

Nach etwa einer Stunde brechen wir ab, das muss reichen. Als wir zu Hause ankommen zeigt das Thermometer 33°C im Schatten.

Aber so soll das. Es sind nämlich nicht nur die Himbeeren die ich heute Abend als Marmelade im Keller einlagere. Es ist auch die Erinnerung an diesen heißen Sommertag. Und über die freuen wir uns mindestens genauso, wenn wir an einem dunklen, nebligen, kalten Sonntag morgen im Februar ein Glas öffnen. Die Brennnesseln, Ameisen und Zecken sind dann längst vergessen.

Nicht ganz 800g ergeben vier sehr kleine Gläser.
Geschmacklich sind die aber, ich zitiere: “ Whooaaa!“

Vor-Ferien

Im Mai waren wir Gastgeber einer Konfirmationsfeier und eines Geburtstagskaffees, außerdem waren wir Gäste auf einer Konfirmationsfeier und zwei Geburtstagen.

Ein herzliches Dankeschön an alle Schenker.

Der Alltag wartet ja nicht, bis man mit dem Feiern durch ist. Das hauswirtschaftliche stapelt sich einfach. Und musste dann in großen Portionen abgearbeitet werden.

Als kleine Bonusaktion habe ich in der letzten Woche den Keller rund um die Öltanks und den Bereich hinter der Waschmaschine frisch gewischt. Das Wasser dafür kam im Rahmen eines Starkregen-Ereignisses von draußen. Da Draußen-Sachen in den Hauswirtschaftsbereich des Liebsten fallen, ist der eine Weile murmelnd ums Haus gelaufen und hat dann eine kleine Flutmauer errichtet. Wenn der Wetterbericht stimmt, steht heute Nachmittag ein Testlauf bevor…

Im Garten wurden doch noch ein paar Pflanzen gesetzt. Außerdem Rasen gemäht. Zum zweiten Mal und damit schon jetzt doppelt so oft wie im letzten Jahr. Ich freue mich über das Grün und die vielen Farben. Mir war gar nicht bewußt, das ich das vermisst habe im Dürresommer.

Wir hatten eine erste Honigernte wie man sich das wünscht. Ohne besondere Vorkommnisse, bei normaler Zimmertemperatur einfach so, von der Wabe bis ins Glas. Die vorangegangenen beiden Jahre haben mich das schätzen gelehrt. Die Verteilung auf den wartenden Freundeskreis läuft an.

Die letzten Wochen vor den Sommerferien sind traditionell vollgestopft mit Elterntaxifahrten. Es werden jede Menge Kindergeburtstage gefeiert und es wurde verstärkt für Auftritte trainiert.

aufgeräumtes Sportgerät
über Poms stolpert man aber angenehmer als über floorball-Schläger, konnte ich feststellen

An dieser Stelle noch ein Dankeschön an alle geduldigen Mitmenschen. Die Allergien haben Hauptsaison. Ist gar nicht so schlimm. Allerdings gibt es ab einer gewissen Dosierung der Medikamente doch spürbare Nebenwirkungen, also, für die anderen.

Wenn man tot ist, ist das für einen selber nicht schlimm, weil man ja tot ist, nur die anderen müssen damit zu Recht kommen. Genauso ist das, wenn man dumm ist.

Der Countdown läuft: Noch vier Tage Schule und einen Zeugnis-Freitag. Es zieht sich. Die Ferien-Vorfreude ist viel größer als die Motivation. Tschaka!