KW 37/38 2022

Morgens um kurz nach acht wabert noch Nebel durch den Wald. Es ist herbstlich, auf die schöne Art. „ding. ding.“ Vom Dorf her hört man die Totenglocke, zwei Schläge nur. Das ist seltsam. Stille, dann läutet die normale Glocke, fünf Sekunden lang. Als ich noch dabei bin mich zu wundern, röhrt irgendwo im Tal ein Hirsch. Der Hund guckt mich fragend an „ok, du hast das auch gehört“ murmele ich und bin ein bisschen erleichtert.

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Eine gemeinsame Hunderunde war geplant, schon länger. Endlich hats geklappt und ich hab mich richtig gefreut. Der Hund auch. Sofort fröhlich losgespielt, als würde er die Dame schon ewig kennen. Herzliche Grüße.

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Als wir los sind haben sie mich ausgelacht, weil ich mir Handschuh eingesteckt habe, jetzt hätten sie selber gerne welche. Wir verabschieden uns vom Hoffest. „Das war fast wie Osterfeuer. Nur, beim Osterfeuer war vorher Winter und man ist entsprechend angezogen, und wenn man dann sowieso schon ein bisschen müde ist…“ sagen wir uns gegenseitig beim Zähne putzen, Freitag abend um zehn…

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Nach sechs Wochen wird das bestellte Bauteil für unsere Heizung geliefert. Juhu – halt, doch nicht. Richtiges Teil aber völlig falsche Größe. Der Außendienstler telefoniert mit der Servicehotline und wird ein wenig emotional, dabei. Der Versand des richtigen Teils wird drei bis fünf Werktage dauern sagen sie, wie beim letzten Mal. Ich rechne mit voll funktionsfähiger Heizung ab Mitte November. Fünf Tage später ist das richtige Teil da, wir bauen es ein. Also, der Außendienstler baut und ich halte die Taschenlampe, reiche Werkzeuge an und koche Kaffee. „Man darf da garnicht drüber nachdenken“, sagt er, „Baumaterialien werden einfach irgendwann geliefert, im Moment – oder auch nicht.“

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Pflaumen, Birnen, Brombeeren wurden geerntet und verarbeitet. Die Tomatensaison neigt sich dem Ende. Es war eine gute, muss am Dünger gelegen haben, und hunderten Litern Wasser, die wir reingetragen haben. Nach dem Regen sehen die Beete nicht mehr ganz so traurig aus, aber ernten werden wir da wohl eher nichts.

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Ein paar Gedanken-Dinge dröseln sich auf. Wo vorher „narrrghh“ war zeigen sich Möglichkeiten. Das ist erfreulich.

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Abgabe der Hausarbeit in drei Wochen? Ich dachte das hat Zeit bis Mitte November. Das Thema wurde doch letzte Woche erst offiziell genehmigt? Sowas könnten die eigentlich mal im Elternchat, oder per Email…Beim Maikind liegen die Nerven blank. Wie soll der Text aussehen, wie macht man korrekte Quellenangaben? Ich weiß das leider auch nicht. Als die große Schwester ihre Arbeit geschrieben hat, gab es vorher Unterricht, indem sowas erklärt wurde, damals, vor zwei Jahren. Märzkind hilft mit gutem Rat. Ein Hauch von homeschooling weht über den Flur.

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Ein Buffet für 300 Leute, ich stehe davor und bin kurz überfordert. Zwei Mädels im Kindergartenalter stehen neben mir, denen gehts genauso. „Booaaar“ sagt die eine, als sie den gut gefüllten Donutbaum sieht. Die andere zupft sie am Ärmel und deutet mit leuchtenden Augen in Richtung der candy bar. Ein kurzer Rundumblick, kein Erziehungsberechtiger in Sicht, leichte Entscheidung. Ich esse erstmal „was gescheites“. Der Arbeitgeber des Liebsten hat alle Mitarbeiter eingeladen, mit Familie, leider nur Kinder bis 14 Jahre. Wir schicken den Blagen ein Foto vom Spießbraten über dem riesen Grill, dann haben sie auch was davon, höhö.

Ich kenne niemanden und hab auch keine Ahnung, über was sie sich unterhalten. Einfach sitzen und mir die Leute angucken, das ist auch mal schön. Obwohl, vom hören sagen kenn ich doch einige. Es ist nämlich nicht nur die Arbeit, sagen die Herren. Würde es diese Firma nicht geben, würde ein ganzer Direktvermarktermarkt zusammenbrechen: Eier, Honig, Kartoffeln, Fleisch, wird alles hier auf dem Parkplatz umgeschlagen.

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Ein Festgottesdienst im Wald, bei windigen 10 Grad und Nieselwetter überfordert mich modisch. Vorsichtig erkundige ich mich, was denn die anderen anziehen? Schicke Jeans und dicke Schuhe, alles andere macht ja keinen Sinn. Das ist ziemlich genau das, woran ich auch dachte. Ich besitze allerdings nur eine einzige schwarze Hose – für Beerdigungen. Das geht nicht, vom Feiergefühl her, stell ich fest. Der Gottesdienst findet nicht im Wald, sondern auf der angrenzenden Wiese statt. Man hat herrliche Fernsicht, hört wunderschöne Musik, eine fröhliche Erntedank & Taufpredigt und hofft die ganze Zeit, es möge schneller gehen, damit man aus dem kalten Wind raus kann. Ich bin dann durch, mit outdoor-Gottesdiensten, bis Mai oder so. Aber, ich bin auch wieder eine Patentante, und das ist doch wirklich mal was Schönes.

ohne Küken töten

An einem Sonntag Nachmittag bei 30°C sind nur 8 Leute im Freibad. Seltsam. Vielleicht dachten die alle, es wäre schon geschlossen? Normalerweise ist das ja so, ab September. Als ich einen Zeh ins Wasser halte, wird mir schnell klar warum so wenig los ist. „Das ist aber kalt“, sagt Julikind, und die ist wirklich nicht zimperlich, was Badetemperatur angeht. Wir brauchen beide fünf Minuten bis wir losschwimmen können, und haben dann das ganze Becken für uns allein. Zwei Rutschen, Blubber-Liegen, Wasserpilz, Bahnen schwimmen wie auch immer man möchte… Schade, dass ihre Freundin nicht dabei ist, sagt Julikind, sowas hätten sie sich den ganzen Sommer schon gewünscht. Die Duschen, die sich letzte Woche schon so lauwarm eingestellt waren, fühlen sich heute fast heiß an.

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Der kleine Bach, in dem der Hund gern tobt hat kaum noch Wasser. Die Waldwege sind genauso hart wie die Teerwege, das Gras ist sogar unter den Bäumen verdorrt, es riecht nach garnichts mehr nach Wald. Abends um halb eins höre ich im Halbschlaf die Sirene. Eigentlich könnte ich weiterschlafen, denn ich bin ja nicht in der Feuerwehr, aber mein Hirn sagt, lieber mal aus dem Fenster gucken. Alles dunkel, so soll das sein, nachts im Wald, ich kann in Ruhe weiterschlafen, aber – soweit ist es schon, denke ich beim einschlafen.

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Ein neues Schuljahr beginnt. Die Freude hält sich in Grenzen. Maikind ist erleichtert, sie sind 33 im Jahrgang, das gibt zwei Klassen – juhu. 32 hätten in eine Klasse gepasst. Eine Stunde Förderunterricht für jeden der will, zur Auswahl stehen die drei Hauptfächer, kann jeder selber sagen, wo der Bedarf am dringsten ist. In der Klasse des Julikinds werden die Hauptfächer jetzt getrennt unterrichtet, alles andere zusammen, sagt sie. Also, eigentlich genau wie eine Kombiklasse, es heißt nur nicht mehr Kombiklasse? Die Cafeteria konnte aus wirtschaftlichen Gründen noch nicht wieder verpachtet werden, man bittet um Verständis, die Kinder dürfen ins Dorf gehen und sich irgendwas kaufen, der Versicherungsschutz endet allerdings jenseits des Schulgeländes, jaja… Schnitzelzettel heißt das Schreiben intern. Bücher werden ausgegeben, wenn die Quarantäne des dafür zuständigen Lehrers endet. Beim Märzkind gibt es wieder eine Cafeteria. Die ist Zitat: „Pre. Mi. Um.“ Es folgt ein schwärmerischer Vortrag über das Preis-Leistungsverhältnis eines Käse-Baguettes. Leider gibts nur noch kaltes Wasser den Waschräumen. Da muss man sich ein bisschen gewöhnen, aber hej, für die gute Sache, kein Problem. Ach übrigens, das Budget für die Abschlussfahrten wurde verdoppelt. Hessen hatte da seit Ewigkeiten nix angeglichen, und deswegen gleich doppelt. Wottsefack. Da les ich einmal nicht den Muttizettel vom Kultusminister…

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Die Queen ist tot. Die Nachricht begegnet mir Lauf des frühen Abends zufällig und ich gucke seit langem mal wieder heute journal.

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Männer 4 Euro, Frauen 2 Euro steht auf dem Schild am Eingang. Das sieht mir aber fast ein bisschen nach Diskreminierung aus.* Kurz überlege ich, mich spaßeshalber als divers auszugeben, nur um mal zu sehen was passiert, statt dessen gucke ich nur verwirrt. Ich sei wohl schon länger nicht mehr beim Fussball gewesen? fragt de Mudda. Stimmt. Das letzte Mal als Spielerfrau, da zahlt man garnichts. Leute die mich kennen, sind überrascht mich hier zu sehen. „Zu wem halten wir denn?“, fragt Julikind. Schwierig. Der Onkel trainiert das eine Team, der Papa hat zwanzig** Jahre für das andere gespielt. Wir sind ehrlich gesagt nur hier weil die Chearleader in der Halbzeit auftreten.

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Dorfflohmärkte sind ein bisschen wie Schnitzeljagd. Man läuft so durch den Ort und freut sich, wenn man irgendwo Luftballons am Zaun sieht, dann geht man bei Leuten in den Garten oder in die Garage oder in die Scheune und weiß nie, was man findet. Nebenbei kann man sich nett unterhalten und wenn man genug hat, sucht man den Gemeinderaum/das Feuerwehrhaus wegen Kuchenbuffet. Zack – Sonntag rum. Vor Corona gab es sowas glaube ich garnicht.

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Zwei Hornissen fliegen abends neben der Haustür gegen die Wand. Nur abends und immer zwei, warum auch immer. Man muss nach der letzten Hunderunde aufpassen, das keine ins Haus fliegt, wenn man die Tür öffnet. Der Hund mag das Hornissen-Fluggeräusch nicht. Das bedeutet, es kann niemand schlafen, bis die wieder draußen ist. Mit nem Schuh drauf zu hauen traut sich keiner. Die Viecher sind beeindruckend groß, man will sie lieber nicht wütend machen, und wegen Naturschutz, natürlich.

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Auf der Mayo ist vorne ein neues Label drauf. „Ohne Küken töten“, der Hohlraum im O ist ein Herzchen. Das ist ja süß, und so sinnfrei, dass es schon wieder witzig ist, finde ich. Maikind möchte wissen warum ich lache. Ich zeige ihm das Label, er liest und denkt einen Moment lang so sehr nach, dass er mit kauen aufhören muss, dabei. „Aber, in Mayonaise sind doch generell keine toten Küken drin, oder?“ Nee. Das könnte man überall drauf schreiben. „auf Schickennuggets vielleicht nicht“, überlegt Maikind. Vermutlich meinen die, dass die Hähne, die keine Eier für Mayo legen nicht geschreddert werden. Hähne kommen in die Suppe. Dorfkinder wissen sowas.

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Es regnet, endlich. „Ähm, warte mal“, murmele ich, in der einen Hand die Türklinke in der anderen die Hundeleine, „bei Regen in den Wald…. normale Schuhe…“ zurück zum Schuhregal und einen Moment nachdenken „Socken… und ein Oberteil mit langen Ärmeln – Regenjacke vielleicht“, als wäre ich noch nie bei Regen draußen gewesen.

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Ich: stelle eine Packung Spekulatius auf den Tisch

Alle anderen: Was? Jetzt schon? Da muss man doch warten… das kann man doch noch nicht…Anfang September

Viertel Stunde später: Packung leer

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Nachtrag: * Der Liebste sagt, man gehe davon aus, dass die allermeisten Mädels nicht aus sportlichem Interesse zum Fussball gucken kommen, da will man sie nicht noch mit Eintrittsgeldern verschrecken. Ist ja trotzdem schön, wenn sie da sind. Keiner hat je darüber nachgedacht, dass das Deskriminierung sein könnte. ** Er spielt auch nicht seit zwanzig Jahren in diesem Verein Fussball sondern seit sechsunddreißg. Und im Übrigen ist es eigentlich unglaublich, dass ich beim Derby war und er nicht.

Letzte Augustwoche 22

Ich hab den Schreiner am Telefon. Er entschuldigt sich, drei Bestattungen in zwei Wochen…. aber natürlich hat er uns nicht vergessen. Kein Thema. Ich wußte garnicht, das diese Baustelle schon angelaufen ist und man wartet ja viel lieber auf Fenster als auf den Bestatter.

Nach dem Ausmessen gibt es zwei Möglichkeiten. 20% teurer werden die Fenster in jedem Fall, mindestens, das ist klar, da kann keiner was dran machen. Er kann uns ein Angebot schreiben, wir überlegen und sagen bescheid – oder er bestellt jetzt, und meldet sich kurz wenn der Auftrag bestätigt wird, dann könnten wir noch abbestellen. Die zweite Variante wäre vorraussichtlich vier Wochen schneller. Die Fenster müssen neu dieses Jahr, alles andere wäre energetischer Wahnsinn, es ist Ende August. Go!

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Julikind guckt so und denkt sich offensichtlich was. Dann hält sie mir ihre Gabel hin und fragt, ob ich das mal bitte probieren könnte. Irgendwas stimmt mit diesem Salat nicht. Moment, gestikuliere ich, weil, ich esse ja selber gerade. Märzkind ist schneller. „Apfel“, sagt sie. Julikind ist endgültig verwirrt „warum sollte jemand einen Kartoffelsalat mit Apfel drin machen?“ „Ich esse gerade etwas, das könnte Eiersalat mit Weintraube sein. Und, wenn ich drüber nachdenke, in dem Salat, den ich gemacht habe sind Rosinen drin.“ „Sind halt viele Sportler hier“, sagt Märzkind. Julikind schüttelt den Kopf, 6 Meter Salatbuffet und sie erwischt sowas. Die Freundin sagt, sie habe Mettsalat gemacht, ganz normales Essen, da soll das Julikind mal Ausschau halten.

Der Triathlet feiert Geburtstag. 150 Leute verteilen sich in der Halle und auf dem Grundstück drumherum. Irgendwann fällt mir auf, dass sich das alles total normal anfühlt. Wie früher. An der Wand neben der Theke hängt noch ein Schild auf dem „Lebensmittel“ steht, auf deutsch und ukrainisch vermute ich, die Buchstaben kann ich nicht lesen. Vor ein paar Wochen wurden hier Hilfsgüter vorsortiert und verladen. Auch schon ewig her.

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Öl getankt. Schweigeminute, im Gedenken an all die schönen Sachen, die man sonst mit diesem Geld noch hätte machen können. Aber eine warme Wohnung ist natürlich auch was tolles, also, warm im Sinne von angenehm temperiert, nicht dieses warm nach drei Tagen 38° draußen. Hach es ist irgendwie knifflig, dies Jahr.

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Hin und wieder war ich in den letzten Wochen abends auf dem Friedhof zum Gießen. Opas Todestag hab ich in den Kalender geschrieben – aus Gründen *hüstel*. Am frühen Nachmittag klingele ich bei der Omma und frage, ob sie vielleicht auf den Friedhof will. Weiß ich natürlich schon, aber so gehts schneller. Das ich daran gedacht habe, mensch, da freut sich. Schuhe an und los gehts.

Das Treppengeländer am Friedhof ist so heiß, man kann es immer nur kurz anfassen. De Omma nimmt schnell eine Stufe, macht eine wedelnde Handbewegung und sagt „du meine Güte“. Als sie unten ist sieht sie mich grinsen und muss selber lachen. Leider gibt es nur eine Gießkanne und die trage ich. Hätte es eine zweite gegeben, die hätte sie aber getragen, sagt die Oma. Ich murmele. Den Hang runter Richtung Grab geht es flott. „Och, dät süht aber noch ganz godd uut“, murmelt sie. Ich klopfe mir innerlich selber auf die Schulter. Das war er, der Moment. Ab jetzt kann das alles verdaddern. Der Rückweg dauert etwas länger. De Omma guckt mal, was die anderen so…

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Da hat der Liebste mal fühlen wollen, ob das Reifenprofil gleichmäßig abgefahren ist und sich dabei den Finger an einem Draht aufgerissen. Ohne zu Beschleunigen oder gar zu Bremsen ist er dann von der Arbeit aus direkt zum Reifengeschäft gefahren. Ich sage nichts. Aber ich kann so gucken, dass er weiß was genau ich nicht sage.

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„Ich hab mir immer gesagt, wenn ich an der Arbeit heule, dann höre ich auf. Am Wochenende wars soweit.“ Wir schweigen einen Moment. Die Freundin überlegt, wie ernst sie das gemeint hat. Alle Reserven sind verbraucht und es gibt kein Licht am Ende des Tunnels. „Es wird wohl in Zukunft so sein, dass mehr Leute sterben, weil man schlicht keine Zeit hat, sich so zu kümmern wie es nötig wäre, oder jemand einen Fehler macht.“ Krankenhäuser sind kein guter Ort im Moment.

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„Oh, ist aber frisch heute“, sagt Julikind, als sie zum Mittagessen in den Garten kommt. Wir haben 25°C. Anscheind gewöhnt man sich doch an Hitze.

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Wenn das nächste AS-Taxi ausgebucht ist, tja, dann muss man halt eine Stunde warten. Wenn das übernächste auch ausgebucht ist, das ist dann schon doof, wenn die nächsten fünf Fahrten ausgebucht sind, dann gibts quasi keinen öffentlichen Nahverkehr. So gesehen ist es garnicht schlimm, dass das neun-Euro Ticket endet, bevor die Kinder wieder wirklich auf die Fahrten angewiesen sind.

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„Es geht wieder los“, sagt der Liebste. Jo, ist doch voll nett von den Ölkonzernen, dass sie schon ein paar Tage vor Ende des Tankrabatts anfangen uns wieder an die Preise zu gewöhnen. An der Dorftankstelle kann man jetzt bis 100 Euro tanken, früher waren es 80. Ich bin da tatsächlich nur zum Tanken hingefahren, 12 km hin und zurück, eine Investition.

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Ein Ausflug zum längsten Spielgerät Europas, da waren wir schon ewig nicht. Den Ninja-Parcours seh ich zum erstenmal. Nebeneinander wurden zweimal die exakt gleichen Klettergeräte aufgebaut, den ganzen Berg hoch. „Das ist so gedacht, das man da um die Wette“, sagt ein etwa fünfjähriger Junge in staubiger Hose. Julikind nickt. Der erste Abschnitt ist für Menschen gebaut, die 1,20m groß sind. Garnicht so einfach. Der zweite Teil ist für Julikind perfekt, für mich eine Herausforderung, aber machbar. Der dritte Teil „och ähm, weißte, ich glaube ich gehe hier einfach am Rand lang…“ sage ich zu der achtjährigen die mir netterweise ihre Hand anbietet. Denn, sind wir mal ehrlich, selbst mit Anlauf und helfender Hand ist die Chance, dass ich mich diese 2,50 hohe Bretterwand hochhieve gering. Nach anderthalb Stunden haben alle genug. Abschluss im Kleinkinderbereich. Da kann man Wasser pumpen und Kies baggern. Und weil wir mittlerweile fast alleine sind auf dem Spielplatz machen sogar die beiden 15 jährigen mit. Schade, dass es sowas früher nicht gab. Wir hätten hier tagelang auf der Bank sitzen können, sagt die Freundin.

Meilensteine und Beobachtungen bei über dreißig Grad

Es ist warm. So warm, das man mit dem Wetter eigentlich nichts anfangen kann. Lüften morgens um sieben, die Hunderunde muss bis neun Uhr erledigt sein. Anschließend verdunkeln wir die Fenster und alle verkriechen sich irgendwo. Wenn man sich zufällig im Haus begegnet spricht man die immergleichen zwei Sätze miteinander „Boar, is das warm“ „ah komm, geh wech“.

Abendessen gibt es um halb neun, vorher hat niemand Hunger. Danach fahren wir auf den Sportplatz und spielen Kubb, bis es zu dunkel ist, dann Federball. Ich hab schon so oft Federball gespielt, ich hätte gedacht ich weiß, wie groß dieser Schläger ist. Klonk- offensichtlich nicht, aber da bin ich nicht die einzige. Dieser LED-Ball war auf jeden Fall sein Geld wert.


Der Plan war, die Grillhütte zu mieten und einfach alle einzuladen. Dann hat es uns umgehauen, dann kam die Hitze. So findet die Geburtstagsfeier des Liebsten in beschaulichem Rahmen statt. Ein Kaffeetrinken im Garten, abends Essen beim Inder. War schön. Das angekündigte riesen Gewitter blieb aus.


Maikind feiert die Geburtstage der letzten Jahre nach. Eine Gruppe Jugendlicher zeltet zwei Tage ohne Eltern und ohne besondere Vorkommnisse. Man freut sich natürlich, aber seltsam ist es schon.


Man kann in Ruhe gucken, wenn es was zu sehen gibt, und weitergehen, wenn es nichts zu sehen gibt. Zum ersten mal nutzen wir einen Picknickplatz, der nicht neben einem Spielplatz liegt und niemand weint, als das Tierfutter alle ist. Tierpark mit großen Kindern macht auch Spaß, stellen der Liebste und ich fest.


Vom Strandbad aus muss man einige Meter bergab laufen, bis man ans Wasser kommt. Das Wasser ist herrlich, aber so am Hang sitzen, auf dem was normalerweise der Grund des Sees ist, mit Blick auf Steininseln und Sperrmauerwand, naja. Mir ist Edersee mit Wasser lieber.


Das Schloss ist kaum 30 km weit weg von hier. Wir machen eine Führung mit, denn das haben wir tatsächlich noch nie. Drin ist es angenehm kühl, und man kann was lernen. Dass es da eine Beziehung zu den Niederlanden gibt wußte ich, aber dass „wir“ mit fast allen europäischen Königshäusern verwandt sind, ich hatte keine Ahnung. Die Fürstenfamilie hat Wohnrecht, solange es männliche Nachkommen gibt, sagt die Führerin, ist damals so ausgehandelt worden. Alle drei Söhne wären noch zu haben, ergänzt sie und blickt hoffnungsvoll Richtung Märzkind. „Och nö“, sagt Märzkind.

Das Strandbad am anderen See hat einen Sandstrand, man guckt auf Wasser und Bäume, der Kiosk ist geöffnet. Auf den ersten Blick alles Premium. Der algenfreie Badebereich ist leider klein und der Sandstrand ist voll und laut und dermaßen heiß, der Liebste und ich sind nach einer halben Stunde fertig.


Sie haben mal einen ganz anderen Liegeplatz ausprobiert, sagt Julikind, als sie mich am Freibad-Eingang abholt. Wir gehen direkt am Schwimmerbecken vorbei. Am anderen Ende des Beckens fällt mir eine Dame in einem krass pinken Badeanzug auf, aus 20 Meter Entfernung kann man erkennen, dass der Lippenstift die gleiche Farbe hat. Ihre ganze Erscheinung hat Unterhaltungswert, wie eine weibliche Version von Horst Schlämmer, denke ich und versuche ein Schmunzeln zu verbergen. Im Vorbeigehen stelle ich fest, diese Dame war mal ein Lehrer von mir. Altaaa. Einen kurzen Moment muss ich mich sortieren aber schade eigentlich, dass sowas vor dreißig Jahren unmöglich war, wäre vielleicht entspannter gewesen.


Der Liebste erhält eine Sprachnachricht „…sieht nach Schlaganfall aus, könnte aber natürlich alles mögliche sein“, ein Schreck. Ein Schlaganfall ist es zum Glück nicht. Es kann garnichts festgestellt werden. Die Patientin wird entlassen und ist enttäuscht. Ich ahne, welche Diagnose da kommen wird, irgendwann.


Auf unserer „wenn die Welt wieder geöffnet hat“-Liste stand ein Flohmarktbesuch. Genau für diesen Sonntag sind 35°C angesagt. Das ist nicht optimal, aber Regen wäre blöder. Morgens um kurz nach 8 bekommen Märzkind und ich den letzen regulären Platz auf dem Flohmarktgelände zugewiesen. Beginn ist erst um 10 Uhr, aber wer jetzt noch kommt, ist eigentlich zu spät. Ok. Damit hatten wir nicht gerechnet, vermutlich werden wir garnichts loswerden. Aber, der Platz ganz am Rand ist super. Hier geht ein bisschen Wind und die Leute sind noch oder schon wieder entspannter, mittendrin ist es einfach nur brüllewarm. Sämtliche Lockdown-Fehlkäufe und einige Dachboden-Schätzchen finden ein neues zu Hause. Mittags bringt der Liebste uns Eis und übernimmt für eine halbe Stunde. Wie es sich gehört, fahren wir kurze Zeit später mit genauso vielen vollen Taschen nach Hause, wie vorher, nur andere Klamotten drin.


Märzkind besteht die Moped-Führerschein-Prüfung. Beim ersten Versuch. Juhu. Sie bekommt allerdings nur eine Bescheinigung. Den eigentlichen Führerschein muss sie sich auf der Füherscheinstelle abholen und die hat natürlich schon geschlossen. Das bedeutet, ich muss nochmal quer durchs Städtchen, was wegen dieser Baustelle dreimal so lange dauert wie normal, Märzkind holen, zurück durch die Baustelle, Julikind abholen, nach Hause, Einkäufe ausladen und den Liebsten mit Märzkind ins Städtchen fahren, durch die Baustelle zum TÜV, wo das Moped wartet damit die beiden von da aus zur Krankengymnastik können.

Am nächsten Tag rollt Märzkind abends um halb neun vom Hof. Weil sie es kann. (AS-Taxi wäre um 8 gefahren oder um 9) Der Liebste und ich sitzen auf der Treppe und stoßen an. Ein Meilenstein.


Maikind schreibt eine Bewerbung. De Mudda unterstützt ihn tatkräftig. Das ist gut. Diese Aktion braucht mehrere Anläufe und ich hätte das garnicht so gekonnt, gestehe ich mir ein. Geradeaus denken ist mir immernoch anstrengend. Fröhlich und sichtlich entspannter teilt Maikind am Abend mit, dass seine Bewerbung eingegangen ist.

Wenn wir nächsten Sommer nochmal alle zusammen Urlaub machen wollen würden, gibt es genau eine einzige Woche, in der das möglich wäre. Gut, dass uns das beizeiten aufgefallen ist.


Der Wald verfärbt sich herbstlich, von einem Tag auf den anderen fällt es auf. Die Linde auf dem Hof verliert gelbes Laub. Soviel, dass man es nicht mehr ignorieren kann. Ich nehme den Besen und – alles zerbröselt auf Konfettigröße. Der Liebste schlägt vor, einfach den Kompressor anzuschließen und dann mit Druckluft…ist keine schlechte Idee..


Wer hätte gedacht, dass ich das mal sage, aber, ein paar Tage Regenwetter darüber würden wir uns tatsächlich freuen, gerade.

Geburtstage und Ferienanfang

Ich mag wenn es warm ist, aber, das hier, das ist sogar mir ein bisschen viel. Der Hund guckt mich vorwurfsvoll an. „Ich hatte es dir ja gleich gesagt“. Einmal Frisbee werfen und wir gehen wieder rein. 42°C Außentemperatur zeigt das Thermometer an. Abends Gewitter mit 46 Liter Regen. Der Wald sieht wieder fröhlich aus, die Hecke richtet ihre Äste auf, der Erntestaub ist aus der Luft gewaschen – herrlich.


Vormittags gibts ein gemütliches Geburtstagsfrühstück bei der Mudda. Ab Mittag gehts rund.

Die Bustüren öffnen sich und man kann von der Haustür aus hören, dass die Party quasi schon läuft. Alle Gäste kommen direkt nach der Schule, einmal im Leben nicht in Ferien Geburtstag… Es folgt ein klassischer Kindergeburtstag, mit Spagetti und Eis, Zeitungstanz und Fotoschnitzeljagd. Um halb sieben werden alle abgeholt. Der Liebste und ich gucken uns verwundert an. Das wars? Kein Starkregen-Ereignis mittendrin, niemand hat sich was gebrochen oder Kreislaufprobleme und verdroschen haben sie sich nur im Spaß, mit den Poolnudel-Lichtschwertern. Wahrscheinlich war das unser letzter Kindergeburtstag stellen wir fest. Im nächsten Jahr sind wir bestimmt zu peinlich. Es folgt ein kurzer Moment der Rührseligkeit, ach was, high five. „Da wartet man das ganze Jahr und zack, isses vorbei“, Julikind ist ein bisschen traurig. Zum Glück kommen am nächsten Tag noch die Großeltern und Paten.

Am Tag darauf wieder Geburtstagsfrühstück anlässlich Ommas 90stem. Das ist etwas offizieller, mit Pfarrer, Bürgermeister, und den Verwandten, die man selten sieht.


Die letzten Schultage haben sich gezogen wie Kaugummi. Jetzt sind endlich richtig Ferien. Stolz werden die Zeugnisse rumgezeigt. Zu recht, das war kein einfaches Schuljahr, haben sie toll gemacht, alle drei. „Brotdose raus?“ „jaja“ Schuljahr abgehakt.


„Kommt jetzt die kleine Kneipe„? erkundigt sich eine Gästin. „Nee, jetzt kommen erst die apokalypthischen Reiter, dann Peter Alexander, geht immer der Reihe nach“, sagt der Mann der das Handy mit der Musikapp in der Hand hält. Hier gehen die Geschmäcker weit auseinander, aber der Toleranzbereich ist riesig und es gibt Likörchen. Diese Feier hat keinen Anlass und braucht auch keinen. Menschen verschiedener Generationen hatten Zeit, sind gesund und das Wetter passt zum draußen sitzen. Es hat übrigens nie jemand gesagt, dass Frauen nicht an die Mauer hinter dem Haus pinkeln dürfen. „Die machen das von sich aus nicht“, sagt der Hausherr, und zuckt mit den Schultern.


Nachdem wir die verschiedensten Kuchenvarianten unterschiedlicher Hersteller durchprobieren durften (Präsentkörbe zum 90sten, de Omma backt natürlich trotzdem weiterhin selber) kommen wir zu dem Schluss – die schmecken alle gleich. Kuchengeschmack eben, das macht nachdenklich.


Beim Aufwachen höre ich leise Terassen-Frühstücksgeräusche der Nachbarn, das ist schön.

Zu meiner eigenen Überraschung bin ich überhaupt nicht neidisch, beim Anblick der Status- Urlaubsbilder der anderen. Ich hätte gerade überhaupt keine Lust, das Auto zu beladen…

Ein Freibadbesuch, ein Kinobesuch, lange schlafen, und schon ist eine Ferienwoche rum.

Die zweite Ferienwoche hatte bisher zweimal Magen-Darm vom allerfeinsten und einen spontanen Zahnarztbesuch zu bieten. Das bleibt ehrlich gesagt hinter den Erwartungen zurück. Andererseits – läuft, mit der Bikinifigur.

KW 27/28 2022, Vor-Ferien

Abends um zehn ist es ungewohnt still im Haus. Die Spätschicht- Kinder schlafen alle woanders.


Ich bringe Märzkind zur Fahrstunde und gehe einkaufen. Während ich die Einkäufe einräume ploppt eine Nachricht vom Julikind auf, ob ich denn schon am Bahnhof bin? Oh ha, Blick auf die Uhr, nee, das kann nicht sein. Ich werde in etwa drei Minuen da sein, schreibe ich.

Am Bahnsteig stehen auffallend viele Leute. Ich bleibe einfach an der Treppe stehen, es ist der einzige Weg raus, das Kind wird mich finden. Dann winkt mir jemand fröhlich aus der Menschentraube und ich gehe doch bis an den Bahnsteig. Ach guck, dass sind alles Eltern – und Geschwister – und Hunde?, der Klassenfahrt-Kinder. Der Zug kommt und es gibt ein Riesengewusel. Julikind sieht mich, kommt mit der riesen Reisetasche angerollert, kurze Umarmung, „schön, dass du wieder da bist“, „tschüssi tschüssi“ in alle Richtungen und auf zum Auto. Als letzte hin, als erste weg, so holt man Drittkinder ab.

Wir haben noch über eine halbe Stunde Wartezeit zu überbrücken, bis die Fahrstunde um ist. Man könnte ein Eis essen – oder auch nicht. Es haben tatsächlich alle Eisdielen geschlossen, an einem Freitag abend um 19 Uhr, im Juli. Kurz überlegen wir, zurück zum Rewe zu fahren, da gibt es noch Eis, abends, aber so dringend ist es eigentlich nicht. Wir parken vor der Fahrschule und spielen Uno im Auto.

„Sylt ist eine Angeber-Insel“, sagt Julikind, „die schreiben „Sylt“ wirklich überall drauf. Flaschenöffner, T-Shirts, Kaffeetassen, es ist fast peinlich. Aber schön ist es. Sehr schön sogar. Es wäre eigentlich gut, wir da ein Ferienhaus hätten, vielleicht so ein großes, mit so einem Dach, hinter den Dünen….“ Ähm, jo.


„Bestimmt krieg ich tierischen Durchfall davon“, sagt Märzkind, „aber – das ist es mir wert“. Sehe ich genauso. Zwei Eimer voll mit wunderschönen Kirschen stehen in der Küche und die sind sowas von lecker. Alle essen, soviel wie geht, den Rest koche ich ein. Ein Hauch von Sommer für schitterige Herbst- und Wintertage. Ein herzliches Dankeschön geht über den Zaun, wir haben uns echt gefreut.


„Samma, du hast doch genullt, oder nicht?“ „Ja, ist aber keine große Sache gewesen“ „Wußte ich`s doch, ihr wart ein Jahrgang“. Geburtstags-Glückwünsche,von Herzen, eine Umarmung, wir atmen beide einmal durch und schlucken. Jemand fehlt. Auch hier. Fast wäre es rührselig geworden, aber „Nu komm“, die Familie schmilzt im Auto. Das Leben geht weiter.


Das Vor-Ferienprogramm läuft. Ein Wandertag ins Freibad, einer nach FortFun, Fussballtunier, Pizzaessen, Filme. Dieses Schuljahr ging schnell rum, obwohl es so spät Ferien gibt. Könnte dran liegen, dass die Schule geöffnet hatte.


Eine Zecke krabbelt auf meinem Arm. Ich schnipse sie runter, nehme den Kulli, der da gerade liegt und mache sie platt, ohne drüber nachzudenken, eine fließende Bewegung. „Ups, das tut mir leid“, sage ich. „Waaas?“ fragt Märzkind. Leider hat der winzig kleine Kadaver einen Fleck auf einem Blatt ihres Ferienjob-Vertrages hinterlassen. Was sollen die Leute denken? Nix vermutlich.


Mallorcinische-Pimmelmusik löst Fluchtreflexe aus, bei mir. Wahrscheinlich bin deswegen als einzige wach geworden. Das Lied von der geilen Layla wird unter unserem Schlafzimmerfenster gegrölt, morgens um vier. So klingt der Sommer, in diesem Jahr, machste nix dran. Um halb fünf kommt das erste AS-Taxi und nimmt die fröhlichen Nachtschwärmer mit.


Heute haben sie gelernt wie man googelt, erzählt Julikind beim Mittagessen. Das war lustig, bis sie bemerkt haben, dass das wirklich ernst gemeinter Unterricht sein sollte. Ab da sind sie sich alle ziemlich verarscht vorgekommen, denn, ganz im Ernst, das konnten sie doch im Kindergarten schon. Stimmt.


Dieser Kartoffelsalat nach Muddas Rezept hat anscheind geschmeckt. Zwei Kilo Kartoffeln waren das. Einfach weg. Irgendwer hat sogar die Schüsseln in die Spülmaschine geräumt.


Die Getreideernte ist aus allergischer Sicht genauso doof wie die Heuernte. Fünf Staubwolken können wir sehen, bei der Hunderunde, und ein Mähdrescher läd genau neben uns Korn in einen Hänger. Ich rieche das gern, bekomme aber die Quittung am nächsten Tag. Allergie-Kater, so fühlt man sich wahrscheinlich mit 90, oder so. Eigentlich wollte ich einen gemütlichen mimimi-Tag einlegen. Dann ploppt ein Bandenscheibenvorfall im Freundeskreis auf und kurz danach zwei Coronainfektionen. So gesehen gehts mir prächtig.


Die Eltern der neunten Klassen kümmern sich um Theke und Küche während der Abschlussfeier der 10ten, wie in alten Zeiten. Nachmittags melden sich zwei spontan positiv, die werden nicht hinter der Theke stehen, abends. Innerhalb kürzester Zeit findet sich Ersatz. Ich lese den chat und die Stimme in meinem Kopf fragt laut und deutlich „Hä?!“ Also im letzten Jahr gab es diese Abschlussfeier dreimal hintereinander. Für jede Klasse einzeln. Jeder durfte drei Gäste mitbringen, die am Eingang einen Negativtest vorlegen mussten. Während der Feier haben wir mit Maske und sehr viel Abstand in der Halle verteilt gesessen. Danach ein Foto und fertig. Niemand im Bekanntenkreis hatte Corona, zu dem Zeitpunkt. Null. Heute kenne ich vier Positive und – wer schließt eigentlich das Fass an???


Mit Märzkind und der Mudda besuche ich ein Kammerkonzert. Märzkind wollte gern, und man muss ja auch mal, irgendwas mit Kultur. Ein schönes Konzert. Als Zuschauerin bin ich glaube ich noch nie bei einem gewesen. Wir ziehen das Durchschnittsalter gewaltig nach unten. Das Publikum ist fast eine Show für sich.

Danach Eisbecher, der hat geschmeckt.


Kindergeburtstag nächste Woche. Wie geht das nochmal?

Und warm soll es werden, aber so richtig.

KW 25/26/27, Tiergeschichten und Zahlen

Wir haben ein Wespennest unter dem Dach, da wo eigentlich Schwalben brüten sollten. Das Brummgeräusch eines Bienenstocks höre ich gern, es klingt angenehm sommerlich. Wespen hören sich anders an, stelle ich fest. Wie Tinnitus, ich muss mich woanders hinsetzen.


De Omma ist stolz wie Bolle und freut sich. 9 Küken sind geschlüpft aus den 10 Eiern, die die Glucke unter hatte. Die Glucke des Nachbarn hatte auch 10 Eier unter, da sind aber nur 8 rausgekommen. Vermutlich kann der Nachbar gut damit leben, nur zweiter geworden zu sein, in was auch immer. Küken sind niedlich, es gab lange keine mehr.


Hä? Was ist das denn? So nebenbei mal hingeguckt hatte ich gedacht, eine Katze, aber das kann nicht sein. „Oooooohhh wie süüüü… och nö“ Ein kleiner Waschbär läuft durch unseren Garten mitten am Tag. Ich frage mich, wo seine Mama wohl wohnt. Er dreht in aller Ruhe eine Runde und verschwindet durch den Zaun im Nachbargarten. Vielleicht haben wir Glück.


So wie der Liebste da gerade die Tür reingekommen ist, da ist was nicht richtig. Er lässt die Tasche im Flur fallen und geht grußlos nach oben. Eine Weile passiert nichts, dann höre ich ihn durch die Küche humpeln. Ich gucke fragend, er macht ein knurrendes Brummgeräusch und deutet auf sein Bein. „Ein Reh, ins Motorrad, genau an den Fuss“ sagt er. Ach. Du. Scheiße. Die Wade ist beeindruckend geschwollen. Sportsalbe, Eis, Fuss hochlegen, Rücksprache mit Polizei, ein kurzer Moment in dem mir klar wird, was da eigentlich alles hätte passiert sein können, gefolgt von Dankbarkeit. Ist so schon blöd genug. „Das Reh?“, frage ich vorsichtig. „Das ist hin, war zum Glück nur ein kleines“, sagt er. Er hat Bilder gemacht, wenn ich Interesse hätte… Nein, hab ich nicht. Ich kannte das Reh, also, so wie man Rehe halt kennt. Die Unfallstelle liegt an einer Hunderunde. Die Wiese neben der Straße wird nicht gemäht. Ich bin öfter vorbeigelaufen, als das Kitz gefüttert wurde. Die Ricke und ich, wir tun immer so, als würden wir uns nicht sehen. Es tut mir leid.


Eine Dame bleibt vor dem Auto stehen und guckt mich an. „Ist alles in Ordnung bei Ihnen?“ „Danke, mir gehts gut, ich warte nur.“ „Ah, ok, es sah nur so aus….hätte ja sein können das was ist“. Das ist lieb. Ich parke in der mittleren Etage des Krankenhaus-Parkhauses, in zweiter Reihe, wegen Schatten und weil ich die Fussgängertreppe von hier sehen kann. Es klang so, als wäre der Liebste gleich fertig. 28°C Außentemperatur hatten wir, als ich angekommen bin. Das ist allerdings schon fast eine Stunde her. Mittlerweile ist es deutlich wärmer im Auto, deshalb hab ich die Tür geöffnet und sitze nachdenklich halb drin halb draußen. Ganz ehrlich, ich weiß nicht, ob ich mental in der Verfassung bin für noch einen Sommer mit zur Bewegungslosigkeit verdammtem Mann auf dem Sofa.

Gerade als ich das Auto doch in der prallen Sonne parken und den Liebsten suchen gehen will, fängt das Parkhaus an zu vibrieren. Ein Hubschraubergeräusch kommt schnell näher, das Gras im Hang vor mir neigt sich bis zum Boden, die Autotür knallt zu, zum Glück hatte ich die Füsse drin. 30 Meter vor mir landet ein Rettungshubschrauber. Boar, von so nah hab ich das noch nie gesehen. Ich schicke ein Foto an den Liebsten, der wartet immernoch.

Einmal röntgen mit Diagnose „ist nichts kaputt“ dauert vier Stunden. Damit hatte ich nicht gerechnet, die Pläne für den Rest des Tages ändern sich. Aber, hej, im Vergleich zu dem, womit ich gerechnet hatte ist das pillepalle.


Dem Hund ist es morgens um neun eigentlich schon zu heiß. Nachmittags werfe ich ihm ein paar mal die Frisbee über den Hof, dann geht er gerne wieder rein. Julikind schleicht von einer Ecke in die andere, es ist überall zu warm mimimi. Abends packe ich beide ins Auto und wir machen einen Spaziergang am Flüsschen. Der Hinweg zieht sich, dann toben die beiden eine viertel Stunde im kalten Wasser und auf dem Rückweg ist das Leben wieder schön.


Es war nur so ein Bauchgefühl, auf dem Fest am Wochenende und ich bin mir ein bisschen blöd vorgekommen. Rückblickend war es eine gute Entscheidung keinen Kaffee und nichts gezapftes zu trinken. Die Coronameldungen häufen sich. Der Kreis hat eine Inzidenz knapp unter tausend, im Städtchen findet ein Straßenfest mit tausenden Leuten statt. De Mudda sagt, man kann sich nicht ewig verstecken. Ich wundere mich, aber soll mir recht sein, jeder wie er meint. Ich gehe wieder überall ohne Maske einkaufen und meide Menschenansammlungen.


Der Liebste stellt ein Foto vom Wildschaden am Moped in seinen Status. Anteilnahme und Grüße von allen Zweiradfahrern im Bekanntenkreis. Der Triathlet und der Raumausstatter kommen sogar persönlich vorbei.

Und wenn die schon mal da sind: Ein Ersatzteil für die Heizungsanlage wird bestellt und der Teppich in der Fewo vermessen. Ich erhalte genaue Anweisungen, welche Art von Teppich ich kaufen soll. Baustellentermine vor Herbst werden angepeilt.


Die Schwalben sind weg. Das ist blöd, es waren dieses Jahr sowieso drei Paare weniger als im letzten. Eigentlich halten die uns den Sommer über die Mücken vom Leib.


Auf dem Dachboden suche ich nach Fotos. Ich finde zwei Babyalben von mir und eines mit Bildern rund um meinen 16. Geburtstag. Dazwischen müsste doch noch…Schmunzelnd blättere ich durch die Bilder meiner Jugend. Das hatte ich fast vergessen, aber, ein paar Momentaufnahmen reichen, und mir fällt alles wieder ein. Nach ein paar Seiten wird der Kloß im Hals immer dicker. Jemand war die ganze Zeit ein selbstverständlicher Teil meines Lebens, im Urlaub, auf Partys, bei Umzügen. Jemand fehlt. Immernoch. Erst beim zweiten Blick fällt mir auf: die, die da so fröhlich in die Kamera prosten, auf meinem 18. Geburtstag, die sind alle beide tot. Ich klappe das Album zu, lege es zurück und muss einmal tief Luft holen.


Und, ihr Lieben, genau das ist der Grund, warum mir Geburtstage nichts ausmachen. Ich bin dann jetzt wohl 40. Es fühlt sich nicht anders an als letzte Woche, wo ich noch 39 war.

Wegen der großen Nachfrage gab es eine kleine Feierlichkeit mit Bienenstich und allerlei gegrilltem. Die Omas und der Vatta hatten an diesem Geburtstag glaube ich mehr zu knabbern als ich. „Vierzig Jahre ist das schon her“, der Satz wurde öfter geseufzt an diesem Nachmittag. Abends beim Bier auf der Treppe gucken der Liebste und ich die Fotos des Tages durch. „Die Kinder, die sind schon so groß, daran merkt man, wie alt wie sind, ne?“, sagt er, „das hat mit Geburtstagen gar nichts zu tun“.


Julikind fährt auf Klassenfahrt. Aufgeregt steigt sie in den Bus. Keine Tränen. Wenn man ehrlich ist, freut sie sich sogar ein bisschen. Im Januar hätte ich das noch für unmöglich gehalten. Es war ein Weg bis hierher – kein leichter, aber wir haben es geschafft. Ich bin stolz auf sie und freue mich richtig.

KW 24/25 2022

Langes Wochenende und kein Führerschein. Märzkind wird vermutlich an Langweile sterben, langsam und qualvoll, nur dass ich bescheid weiß. Letztes Jahr wars besser, da waren alle zu Hause. Zack, hatte man zehn Leute zusammen, die Zeit hatten, zum Campen am See. Tja, das ist vorbei. Dann backt sie Muffins, weil sie mit der Freundin zum Picknick verabredet ist, abends auf die Kirmes. Das langweiligste Leben von allen eben.


Julikind hat seit zwei Wochen kein whattsapp mehr. Zu unser aller Überraschung vermisst sie es nicht. Wenn man ehrlich ist, sogar fast im Gegenteil. Es gibt diesen einen Moment abends, wenn man sich nicht sicher ist, ob morgen die erste Stunde nun ausfällt, da wäre es schön, mal gerade jemanden fragen zu können. Aber die allermeisten Nachrichten sind entbehrlich. Für die Klassenfahrt sollte das Handy natürlich funktionieren. Nacheinander probieren wir alle alles durch. Ohne Erfolg. Der Patenonkel hat Zugriff auf Fehlersuch-software und stellt mit großem Bedauern den Totenschein für dieses mobile Endgerät aus. Das Problem lässt sich nicht mehr lösen. Julikind ist ein bisschen traurig, aber, dass hatte sie sich gedacht, denn das Handy ist „ja schon zwei Jahre alt“. Der Patenonkel sponsert ein neues.


Die Schule nimmt am „Schulradeln“ teil, eine Unterkategorie der Aktion „Stadtradeln“. Die mail kam vom Klassenlehrer des Julikinds, aber die winkt dankend ab. Maikind läd sich die App runter, holt das Fahrrad aus der Garage und fährt 230 km innerhalb einer Woche. Fahrrad wohlgemerkt, nicht E-bike. Nachdem er zwei Jahre seine Freizeit überwiegend zockend im Zimmer verbracht hat. Ende der Woche teilt er beiläufig mit, dass der Chemielehrer seine Abschlussprüfung übernehmen wird. Er hat nämlich jetzt ein Thema für seine Präsentation. Der Liebste und ich schauen uns verwundert an. Das ist toll, aber hä?


Endlich Sommer, ich mag wenn`s warm ist und freue mich. Leider bin ich da die einzige. Um mich rum nur „nörgelnörgel viel zu heiß, wie lange dauert dass denn jetzt, diese Hitzewelle nörgelnörgel…“ Ich bitte euch, drei warme Tage sind angesagt, das kann man überleben. Mein Plan war, das nicht nur zu überleben sondern sogar zu genießen. Statt dessen halte ich Türen und Fenster geschlossen und mache schiefend Hausarbeiten. Nach dem hundersten Taschentuch mache ich einen Coronatest, so elend fühlt es an. Heuernte.


Samstag Abend wird der Wald mit irgendwelchem Partylicht angestrahlt, sieht schön aus. Die Grillhütte spielt „Cordula Grün“ zur letzten kleinen Hunderunde des Tages.


Wenn es jetzt so warm ist, wäre es schön, kurze Hosen zu besitzen, denn die vom letzen Jahr passen nicht mehr. Märzkind übergibt die Vorjahresklamotten an Julikind. Die passen. Erfreulich, dann braucht ein Kind keine neue Klamotten, aber, meine Güte, wie alle gewachsen sind in einem Jahr.


Vormittags bei der Hunderunde mit einer Hausfrauen-Kollegin festgeschnuddelt. Sowas passiert auch nur im Sommer. War schön – und der Hund ist danach müde gespielt.


Eine Kugel Eis in der Fussgängerzone kostet 1,30 Euro. Ich esse gern Eis und ich bin bereit für gutes Essen Geld auszugeben. Dieses Eis schmeckt nur leider nicht mehr gut. Vermutlich wurde inflationsbedingt die Rezeptur optimiert. Das können sie an Leute verkaufen, die sowas nicht merken. Ich bin raus.


„25°C kann man aushalten“, sagt Julikind, „mehr ist zuviel“. Zum Glück hat die Freundin Zeit und die beiden werden ins Freibad gebracht. Zum Abholen fahre früher los, dann kann ich auch noch eine Runde schwimmen, so der Plan.

Irgendwo ist gerade ein Badesee gesperrt, sagen sie im Autoradio. Ein junger Mann ist ertrunken und wurde bisher nicht gefunden, deshalb ist der Badestrand gesperrt. Das scheint mir angemessen, da würde ich auch garnicht schwimmen wollen. Im Mittelmeer ertrinken regelmäßig Leute, sagt die kleine fiese Stimme in meinem Kopf, da werden die Strände nicht gesperrt. Naja, das ist was anderes, da würde ich glaube schon schwimmen gehen wollen. Anscheind gibt es irgendwo in mir drin, ein Verhältnis Wasser zu Leiche ab dem ich sagen würde „mmmjo, passt schon“, und ich frage mich, wie groß das wohl ist. Was man so denkt, bei 35°C. „Cringe“, ist wohl das Wort, das die Kinder dafür verwenden würden.

Am Zaun des Freibades stelle ich fest, dass das Verhältnis von Wasser zu lebenden Menschen mir hier heute nicht passt. Es ist so dermaßen voll, da nehme ich mir einfach das „falls man mal irgendwo länger auf jemanden warten muss-Buch“ aus dem Handschuhfach und setze mich vorm Freibad in den Schatten. Eine halbe Stunde später kommen zwei fröhliche, müde, Mädels mit Freibad-strubbel Haaren auf mich zu. Pizza haben sie gegessen und jede Menge Leute getroffen. Das Mutterherz erlebt einen weiteren Nach-Corona-Moment. Die wissen eigentlich garnicht, was sie alles verpasst haben.


De Omma bekommt Küken. Eigentlich erst Mittwoch oder Donnerstag. Aufgeregt ist sie aber schon Montag und Dienstag… da guckt man lieber einmal zuviel im Hühnerstall…wie ein Kindergartenkind in der Woche vor Weihnachten. Donnerstag sind tatsächlich 6 Küken da und es kehrt Ruhe ein. Ich bin nicht die einzige, die heimlich aufatmet. Wenn`s gut läuft, beschäftigt sie das bis zu ihrem Geburtstag.


Ich fahre mit den Mädels Gärten angucken. Im Flyer vom „Tag der offenen Gärten“ stand was von Rosengarten und Julikind malt gern Rosen. Märzkind macht Fotos mit dem neuen Objektiv. Der Garten des Gutshauses ist toll, aber haben wollen würden wir den nicht. „Stell dir mal vor, du müsstest hier Schitt ruppen. Das alles.“ Märzkind macht eine Geste über die wunderschön gepflegten Beete. Julikind macht ein nachdenliches Geräusch, so gesehen kann man doch auch gut ohne Pool leben.

Foto: Märzkind

Der Salbei im Garten blüht. Von der Bank aus kann man Hummeln, Bienen und ja, was denn eigentlich beobachten? So ein Tier hatten wir noch nie hier. Womöglich haben wir eine neue Art entdeckt. Es bewegt sich wie ein Kolibri und macht überhaupt kein Fluggeräusch. Märzkind googelt Kolibri-Hummel. Es handelt sich um einen Wollschweber, und der gehört zur Familie der Fliegen, anscheind gibt es davon 34 verschiedene in Deutschland. Wieder was gelernt.

Tomaten kommen, je eine winzige Paprika und Aubergine wachsen, Salat haben wir schon gegessen, Gurken auch. War eine gute Idee, den Boden zu düngen.


Da wohnt anscheind jemand direkt nebenan. Auf dem Video in der whatssapp Gruppe des Liebsten sieht man einen Garten. Trampolin, Sitzecke, alles wie überall. Direkt hinter dem Zaun wechselt allerdings die Farbe. Unten im Bild ist es orange, darüber schwarz, dazu ein Knisterknack- Geräusch wie Kaminfeuer und Sirenen. Das Holzlager eines Baumarktes ist abgebrannt, im Städtchen.


Irgendwas muss auf der Weser transportiert werden. Dafür braucht es das Wasser aus dem Edersee. Unsere Badestelle ist jetzt Wiese, schade.

KW22/23 2022

So, Schnauze voll. Ich hole mir eine zweite Decke vom Dachboden und schlafe ganz wunderbar, ohne zu frieren. Zum Frühstück esse Apfel-Zimt-Porridge, bringe danach eine Ladung Sonnenblumenkerne ins Futterhaus vor dem Fenster und gehe die Hunderunde in Winterjacke. 5°C, merkste selber, Juni, oder?

Nachmittags, am gleichen Tag wohlgemerkt, schleudern wir den Honig. Also, der Liebste stellt die Honigräume in die Küche, ich mache den Rest. Geht schnell, dieses Frühjahr.

Am nächsten morgen ist es merklich wärmer. Und sonnig. Fast sommerlich, man kann es kaum glauben. Märzkind und ich fahren nachmittags kurzentschlossen zum Erdbeerfeld. Nicht, dass da über Pfingsten alles abgeerntet wird – oder von Gewitter zerhagelt. Sonnencreme wäre eine gute Idee gewesen, aber mit schwülen 26 °C hatte irgendwie keine von uns gerechnet. Korb und Eimer sind schnell voll. Auf der Rückfahrt durchs Städtchen fährt ein Leichenwagen vor uns her. „Jo, dieses Wetter macht einen fertig“, sagt Märzkind.

Abends dann anbaden im See. Herrlich. So geht Juni.


Jahresvorrat Erdbeermarmelade gekocht.

Honig abgefüllt und Kunden zugeordnet. Da muss garnichts in den Keller getragen werden.


Der Teilzeitnachbar entrümpelt die Wohnung. Ich wasche Wäsche. Fast bei jeder Ladung, die ich aufhänge oder abnehme gibt es etwas Neues. Und es ist tatsächlich interessant wer da wann was abholt. Innerhalb von zwei Tagen wird das Carport einmal komplett bis oben voll und wieder leer geräumt. Ich staune. So ordentlich sah das noch nie aus. Das Ende einer traurigen Geschichte.


Abends um elf geht ich die letzten paar Meter mit dem Hund und brauche noch nicht mal einen Pulli. Ein lauer Sommerabend. In der Grillhütte wird gefeiert. Die ersten Takte eines Musikstücks laufen, man hört, dass die Gesellschaft sich freut, es wird mitgesungen. Das ist kein volltrunkenes Gegröle, stelle ich fest. Eigentlich ist das keine Überraschung. Da feiert heute die „Interessengemeinschaft landwirtschaftlicher Nutzfahrzeuge“ ( also Landwirte, Schlepperfreunde, Schrauber jeden Alters…), ich könnte mir vorstellen, dass von denen einige im Gesangverein sind. Den Refrain singen alle gemeinsam, die Hütte bebt. Es ist fast ein Gänsehautmoment. „ICH HAB ÜBERLEEEEGT MIT DEM SAUFEN AUFZUHÖÖÖÖÖÖRN . AAAAABER ICH SCHWANKE NOCH. ICH SCHWANKE NOCH“ Der Hund guckt mich fragend an. Das kennt er nicht. Tja Hund, früher, da war sowas normal, an sommerlichen Samstagen.


Ach übrigens, sagt Maikind, es gibt nur Frühstück in der Unterkunft. Sie sollen Taschengeld mitbringen, so zwischen 50 und 100 Euro wären gut, hat der Klassenlehrer gesagt. Ähm jo, früher waren Klassenfahrten ja mal „all inclusive“, meine ich mich zu erinnern, aber kein Problem, Gott sei Dank. Wer diese Beträge nicht mal eben so aus dem Hut zaubern kann ist übel angearscht, wenn so eine Info drei Tage vor Reiseantritt kommt.


Weil das Schüler-Hessenticket jetzt auch ein 9 Euro Ticket ist, muss man zum AS-Taxi garnichts mehr dazu bezahlen, sagt Märzkind und freut sich. Normalerweise kostet jede Fahrt einen Euro. Das sind bestimmt 20 Euro pro Monat, die sie jetzt anders ausgeben kann, schätze ich mal.

Märzkind bekommt ihren Traum-Ferienjob angeboten. Es ist der Job, den sie im Moment macht, als Praktikantin. Man würde sie gern über die Ferien weiter beschäftigen und wenn möglich sogar darüber hinaus, genau wie jetzt nur eben mit Geld. Da musste sie nicht überlegen. Fröhlich summend schwebt sie durchs Haus. Wenns einmal läuft…


Der große Neffe begegnet uns, einfach so, vor der Pommesbude auf dem Pfingstmarkt. Wir haben uns lange nicht gesehen, ich muss tatsächlich zweimal gucken, bevor ich mir sicher bin, dass er es ist. Die junge Frau an seiner Seite, ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, wie sie heißt, das wird gleich peinlich. Oder auch nicht, wir werden vorgestellt, alle freuen sich. Smalltalk, Pommes, weiter gehts. „Der hat ganz schön Kreuz gekriegt, auf der Polizeischule, ne?“, sagt der Liebste. Jo, das ist wahr. „und dem seine Freundinnen sehen eigentlich immer gleich aus“.

Julikind kommt fröhlich quieksend aus dem riesen Schaukel-Fahrgeschäft. Die 6 Euro haben sich sowas von gelohnt, sie ist begeistert, das könnte sie direkt nochmal… Ihre Freundin wischt sich mit einer fahrigen Bewegung eine Haarsträhne aus dem Mundwinkel, sie sagt garnichts und ihr Gesicht hat keinerlei Farbe.


Der Gastgeber, der mag uns wirklich, sagt er. Wir sind unkomplizierte Gäste, weil, wenn man uns einläd, dann sagen wir „okay, danke“, kommen zur angepeilten Uhrzeit und essen einfach ne Wurst. Die anderen wollten lieber früher kommen, wegen der Kinder und die essen alle nur noch vegetarisch… und samma, ganz ehrlich, ne, wenn man doch zum grillen einläd… Der Liebste drückt ihm ein Bier in die Hand und klopft ihm die Schulter.

Wir können die Blagen einfach alleine zu Hause lassen. High five. Die anderen unterhalten sich über Einschulungsfeiern und sind ein bisschen neidisch.


Ansonsten war nix. Auch mal schön.

KW 21/ 2022

Auftritt Julikind. Als Hausaufgabe sollte sie ein Gedicht schreiben, über eine Krankheit ihrer Wahl, das hat sie gemacht, ob sie das mal vorlesen soll?

Der Liebste und ich sitzen gerade mit Kaffee, wir nicken. Julikind liest vor.

Julikind: „Un? Is gut ne?“

Der Liebste schmunzelt :“Jo ist gut“ Julikind guckt mich fragend an

Ich: „Ähm, es reimt sich nicht und hat kein Versmaß“

Julikind: „Versmaaaassss?“ Der Liebste guckt mich fragend an.

Ich: halbherzig singend „wenn ich dann gestorben bin – falleri – fallera – trägt man mich zum Friedhof hin – falleriaaraa -so in der Art“

Der Liebste lacht in seine Kaffeetasse: „Du wieder…“

Ich: „Wenn dir spontan was anderes einfällt….“

Der Liebste: „Nee, nee, bei Versmaß bin ich raus.“

Ich: „Die Zeilen müssen etwa gleich sein und es muss einen Rhythmus haben, bei einem Gedicht…“

Julikind: „Tss, ich finds gut, ich lass das so“

Ich: „OK“

Der Liebste nickt. „Jo, ich finds auch gut so.“

Abgang Julikind

Niemand hat mehr Lust auf Unterricht ersetzende Hausaufgaben-Berge.


Da tut sich doch wahrhaftig ein Zeitfenster auf, in dem wir alle zu Hause sind. Kurzentschlossen fahren wir ins Städtchen um uns die Ausstellung des Malwettbewerbs anzusehen, bei dem das Julikind mitgemacht hat. Wann sind wir denn das letzte mal zu fünft im Auto gefahren? Es muss schon eine Weile her sein, früher war irgendwie mehr Platz, es dauert einen Moment, bis die Blagen diskutiert haben wer welchen Fuss wo…

Die Ausstellung ist klein aber es lohnt sich. Wir sind ehrlich beeindruckt, von dem, was die Leute so gemalt haben.

Und wenn wir schon im Städtchen sind, Märzkind braucht Schuhe und ich muss eine Runde durch den Rewe.


Bei der OP letzte Woche wurde ein doppelter Bandscheibenvorfall gerichtet. Es ist alles gut gelaufen und die Patientin kommt am Montag nach Hause. Das sind alle verfügbaren Informationen.

In meiner Familie nimmt man Anteil an Krankheitsverläufen, schickt Genesungswünsche und Süßigkeiten, gründet Gruppen zur Organisation von Einkäufen, Arztfahrten oder Sachen halt. Ich brauche immer eine Weile, bis mir klar wird, das Nachfragen zwecklos sind. Alles in bester Ordnung.


„Samma, was kriegt der Junge eigentlich von uns zum Geburtstag?“ erkundigt sich der Liebste. „Ich weiß es nicht“. „Aber du hast das doch bestellt?“ „Ja sicher“ Ich zeige ihm den sehr kleinen Karton auf dem zwei Computerbauteile abgebildet sind. „Ah, und – was ist das?“ „Das, was er sich gewünscht hat“ Der Liebste dreht und wendet den Karton, liest die Aufdrucke „Tja, weiß ich auch nicht“, murmelt er.


Maikind wird 15. Eine kleine feine Geburtstagsfeier. Die Uromas sind so dermaßen erstaunt, wie viel er in dem einen Jahr gewachsen ist, dass alle lachen müssen. Wir machen Fotos im Garten. Geschenke waren alle gut. Zimtstern-ähnliches Gebäck kann man durchaus auch im Mai mal essen, da waren sich die Gäste einig und Gegrilltes hatten wir schon länger nicht. Party mit Freunden gibts dann im Sommer. Ohne Eltern.


Boar. Dieser Geruch ist so außergewöhnlich, dass ich davon wach geworden bin. Er verschwindet auch nicht, obwohl das Fenster auf ist. Vier Uhr. Ich krabbele aus dem Bett, finde die Ursache und muss mich einen Moment sortieren. Der Hund ist nicht wohlauf, lieber keine Details. Ich wecke den Liebsten, denn hier ist alles dringend. Er geht mit dem Hund vor die Tür, ich fange an zu putzen. Nach zwanzig Minuten kommen die beiden zurück und der Liebste putzt nochmal. Ich hatte gedacht es geht wieder einigermaßen, aber wenn man von draußen kommt, dann nicht.

Julikind kommt zum Frühstück, wobei, sie kann bestimmt garnichts frühstücken, denn der Kiefer, der tut echt weh, heute. Okeeee, das sieht heute auch anders aus als gestern. Das kann auf keinen Fall warten bis Montag. Wegen Brückentag hat die Hausarztpraxis geschlossen. Zum Hausärztlichen-Notdienst also. Der Liebste übernimmt, weil er unter Masken besser atmen kann als ich. Zwei Stunden später frage ich nach, ob es denn sehr voll ist, in der Praxis. Der Liebste schickt kommentarlos seinen aktuellen Standort. Eine Klinik 45 km von hier. Och nö. Als ich gerade anfange, gedanklich eine Krankenhaustasche zu packen, kommen die beiden wieder. Da hatten sie Glück, dass der HNO-Notdienst bereit war, auf sie zu warten, die halbe Stunde, die es dauert vom Städtchen bis dahin, sonst hätten sie noch weiter gemusst.

Der Tierarzt hatte normal geöffnet, da haben sie auf dem Rückweg was für den Hund mitgebracht.

Freie Tage sind vom Universum nicht vorgesehen für uns, stellen der Liebste und ich fest, als wir abends noch eine Hunderunde laufen. Es ist ja garnicht so, dass wir was unternehmen wollen würden, nur, mal etwas in Ruhe erledigen können, bevor es unbedingt dringend sofort sein muss, das wäre schön, und wenn mal ein Wochenende lang niemand Schmerzmittel brauchen würde, das auch.


Früher, da war das ein fröhlicher Festzug, mit Kapelle, Fahnen und Leuten aller Altersklassen. Ein ganzes Dorf auf dem Weg zum Freibier. Dieses Jahr marschieren die Ehrengarde und der Burschenverein hinter einem einzelnen Trommler durch den Ort, morgens um halb neun. Mehr ging nicht, wegen Coronaveranstaltungsregeln in der Planungsphase. Es wirkt etwas befremdlich. Aber ich habs auch nicht so, mit der Brauchtumspflege.

„Der kannste mal gleich einen Eimer mitgeben“, sagt das Pluseinskind fröhlich, als sie nachmittags nach Hause kommen. „Quatsch“ sagt Märzkind und boxt ihn ein bisschen „n bisschen beschikkert höchstens“. Das Mutterherz freut sich über normale Teenager.


So, und wie ich schon sagte, von mir aus könnte die Außentemperatur Ende Mai morgens um neun gerne schon zweistellig sein.