Altglas

Morgens, kurz vor sieben. Eine erste Weck-Runde habe ich absolviert, ein Kind ist schon im Bad. Ich ziehe den Rollladen hoch und schaue hinaus. Um diese Jahreszeit sollte eigentlich der Schnee leise rieseln. Statt dessen pfeift der Wind ums Haus und Regen klopft an die Fensterscheiben. Schitterich, nennt man diese Art von Wetter hier. Normalerweise würde ich das zur Kenntnis nehmen und weitermachen. Aber heute gibt es was zu sehen.

Das Kinderzimmerfenster hat Ausblick auf zwei Altglascontainer. Gerade ist der Entsorgungs-LKW vorgefahren. Da das Haus ein Stück höher am Hang steht kann man von hier aus nicht nur den LKW sehen, sondern auch oben rein gucken, während der Glascontainer geleert wird. Wir wurden schon oft um diese herrliche Aussicht beneidet, damals, zu Kindergartenzeiten. Mich persönlich fasziniert es eigentlich nicht so. Aber gleich gibt es was zu sehen. Ohhauahauaha – der Container auf dem LKW ist voll und ich weiß, das der Altglascontainer auch gut gefüllt ist.

Ein Mann in orange steigt aus, stellt sich auf diese kleine Arbeitsplattform und nimmt den Kranarm in Betrieb. Es ist wirklich ziemlich windig. Vermutlich werden die Scherben, die es gleich in die Landschaft regnen wird meterweit verweht. Wahrscheinlich werde ich den ganzen Sommer Schnittverletzungen versorgen und Fahrradreifen flicken.

Der Mann in orange bemerkt das Wetter, weil der Kran ein bißchen schwankt. Er zieht seine Kapuze über und steuert den Kranarm mittels Joystick dann genau über dem größten Altglasberg im LKW. Krach! Ein präziser Schlag und der Glasberg ist einen Meter niedriger. Das gleiche passiert zwei Meter weiter. Dann wird der Altglascontainer hochgenommen und sehr langsam geöffnet. Das Glasscheppern, das diesen Vorgang normalerweise im ganzen Haus hörbar macht ist heute nur ein quietischiges Schleifen. Der Container wird zugeklappt, und zwei Meter weiter mit chirurgischer Präzision der Rest ausgeladen. Respekt! Ich frage mich, ob es eine Weltmeisterschaft der Stadtwerker gibt. Das hätte durchaus Unterhaltungswert.

passt überall

Punica* sollte sie kaufen, drei Flaschen. Naja, sie habe sich kurz gewundert, aber warum nicht. Wahrscheinlich für irgendein ortsübliches Mischgetränk, oder so. Sie wohnt erst seit einigen Wochen hier, der Liebe wegen.

Auf einem Dorffest stehen wir zu sechst um einen Partytisch. Hier wurde alles ehrenamtlich gemacht, Getränke und Gegrilltes können günstig angeboten werden. Die Kinder spielen einfach im Wald rund rum, Ü70er sitzen an den Tischen, Konfirmanden etwas abseits. Die Musik ist ein Mix aus allem.

„Naja, auf jeden Fall haben die die Verschlüsse der Punicaflaschen geändert, da hat er sich drüber aufgeregt“. Die veränderten Verschlüsse waren mir auch aufgefallen, als ich neulich nach Getränken ohne Citronensäure gesucht hatte. Eigentlich wusste ich vorher gar nicht, dass es dieses Getränk überhaupt noch gibt. Ich verstehe das Problem nicht. „Ist doch egal, oder?“

Ja, sie habe auch einen Moment gebraucht bis sie das Problem erkannt habe. Sie sei ja schon öfter auf Festivals gewesen, auch mit Männern, „aber darauf musste erstmal kommen.“ Pause. Mir dämmert es, ich verziehe das Gesicht und gucke fragend. Sie legt die Stirn in Falten und nickt.

„Igitt.“

„Du sagst es, andere Leute laufen ja wohl auch bis zu den Dixies…“

„und dann…? haben die das im Rucksack…? oder wie?“

„da willste garnich drübber nachdenken…“

Sie zuckt mit den Schultern. Aus dem Sanitätshaus habe sie ihm dann eine speziell dafür geeignete Flasche gekauft. Wir schütteln grinsend die Köpfe, es ist faszinierend widerlich.

Ich gehe einmal um den Tisch rum, weil die Musik so laut ist. Ich brauche ein Tratsch-update.

„Sag mal ist der Orti fünfzig geworden, letzte Woche?“, frage ich den Mann, der jetzt Sanitätshaus- Festivalzubehör besitzt. „jo, meint man garnicht, ne?“ „nee, meint man echt nicht. Aber andererseits, wenn er vierzig wäre, wäre er ja kaum älter als ich, also, eigentlich doch.“ Er nickt nur. „Der Orti ist wie eine schwarze Hose, der passt überall dazu.“

Das klingt nicht so charmant, ist aber nett gemeint, und wahr. Von Trauerfeier bis Schneeballschlacht kann der Orti einem überall begegnen und wirkt nie fehl am Platz. Das macht ihn irgendwie alterslos.

„Ach, wo wir gerade von „passt überall“ sprechen, Tatjana und ich haben uns verlobt, hat sie dir erzählt, oder?“

„Nee, hat sie nicht. Herzlichen Glückwunsch“ Umarmung – anstoßen.

„Ich dachte, sie hätte es schon erzählt, weil ihr eben so nett geredet und gelacht habt.“

„Ähm, nee, wir hatten ein ganz anderes Thema.“

Man hat nicht das Bedürfnis, dieses Paar mit einem Disneysong * zu untermalen, aber es haben sich auf jeden Fall zwei gefunden.

Ich gehe nochmal um den Tisch rum, um herzlich zu gratulieren.


* Werbung, vermutlich , Markennennung war hier aus dramaturgischen Gründen notwendig