Dem Porno seiner

Es war einmal, an einem Mittwoch abend oder so, in der Vorweihnachtszeit des Jahres 2019. Der Hund war noch klein und – es waren andere Zeiten damals, man kann es sich kaum noch vorstellen…

Der Beziehungsrahmenvertrag sieht vor, dass ich ihn einmal im Jahr von einer Weihnachtsfeier abhole. In diesem Jahr ist es die vom Altherrenfussball, nur zwei Orte weiter.

Gegen halb zehn mache ich es mir auf dem Sofa bequem, es kann noch eine Weile dauern. Ich genieße kurz die Macht über die Fernbedienung und dann klingelt auch schon das Telefon. Unter meinem Kopfkissen. War wohl doch zu gemütlich.

Leise schleiche ich raus, den Fernseher lasse ich weiter laufen, nicht das der Hund aufwacht. Das klappt super, bis ich den Reißverschluss meiner Jacke zuziehe. Er wundert sich, das wir so spät noch rauswollen, aber – welche Freude… och nee. Im dem Moment kommt das Julikind die Treppe runter. Sie könnte den Hund mit hoch nehmen so lange, kein Problem. ( Abgesehen davon, das Grundschüler um kurz nach elf eigentlich schlafen sollten, aber mach was dran, bei der kleinen Eule.) Ich nehme ich das Angebot an und mache mich auf den Weg.

Das ist doch mal zäher Nebel. Wenn man an einem Leuchtpfosten vorbei fährt, kann man den nächsten noch nicht sehen. Sollte mich jetzt ne Wildsau rammen, ich könnte nicht mit Sicherheit sagen, wo genau ich gerade bin. Für die 10km brauche ich fast eine viertel Stunde.

Ich parke vor dem Haus und warte, dass jemand aus dem Fenster guckt. Außer mir steht sonst niemand hier, mitten in der Woche. Es tut sich nichts. Nur der Mann hinterm Tresen hat mich gesehen. Zum Glück war es kalt genug für eine Mütze, denke ich, als ich im „nach 22 Uhr auf dem Sofa Sitz Outfit“ das Lokal betrete.

Der Mann hinterm Tresen begrüßt mich freundlich.

„Na, einmal einer nach Hause?“

„Jawoll.“

Er deutet in den hinteren Teil, wo die Stimmung offensichtlich gut ist. „Such dir einen aus.“ „Och, ich glaube, ich nehm den gleichen wie immer.“ Dorfkneipe, man kennt sich.

Ich mache mich auf den Weg. „Heeeejj, da bist du ja schon, jetzt hat der Emm gerade eine neue Runde angefangen!“ Das kann ich sehen, verstehe die Info aber falsch. „Dann kann der Emm dir ja gleich ne Nachricht schicken, wie’s ausgegangen ist“. „Nee, der fährt doch mit uns“. Ach so. Ich erkläre kurz, dass der Hund das Kind so lange wach halten wird bis wir wieder zu Hause sind. Ach so. Der Emm wird nur mit seinem Namen angesprochen und mit einer wedelnden Handbewegung zum Aufbruch aufgefordert. „Oh, hi“, begrüßt er mich fröhlich, „sicher, ich komme“. Er wirft den Dartpfeil in die Scheibe, greift das Bierglas mit der frei gewordenen Hand und trinkt den letzten Schluck, dann stellt er das Glas ab, hebt die Hand und senkt den Kopf, alles in einer fließenden Bewegung: „Leute“ Mehr Worte braucht es nicht, männliche Kommunikation ist faszinierend sparsam. Bierdeckel und Sporttaschen werden zusammengesucht, nach Bargeld gekramt. Unter Protest der Kameraden, es ist anscheind zu früh zum gehen.

Mit dem Mann hinterm Tresen tausche ich heimlich ein Grinsen, er sieht dieses Schauspiel vermutlich öfter. Der Liebste zahlt seinen Deckel und wird dabei von jemandem, der am Tresen saß, erkannt. Händeschütteln, Begrüßung, lange nicht gesehen, „Hä?“, „Na, der Krissi,weißte doch…“, „ah, ja sicher, der Krissi.“ Ob wir ihn mitnehmen würden? Der Liebste weiß nicht wirklich, wer das ist, ich kenne sein Pokerface. Prinzipiell würden wir ihn natürlich mitnehmen, gerne, aber, er wohne halt in genau der anderen Richtung? Oder nicht? Nee, heute übernachtet der Krissi bei seinem Onkel, der wohnt im Haus gegenüber der Tankstelle. „Aaach, du bist dem Porno sein Kurzer…“ (Manche Sachen kann man sich nicht ausdenken…) Der Krissi guckt leicht verwirrt und bejaht. Gut, da müssen wir eh vorbei. Der Emm hat seinen Deckel währenddessen bezahlt und wir gehen zum Auto.

Ach, das war doch wirklich ein schöner Abend, sind sich die Herren einig. Und, ganz ehrlich, so bis halb zwölf, wenn du den nächsten Tag arbeiten musst, reicht das völlig. Es ist nicht mehr, wie es mal war. Nur schade, das der Alex nicht dabei war, aber, den hat’s schon übel zerlegt, man dachte kurz, der hat sich ernsthaft was getan. Ich werfe dem Liebsten einen fragenden Blick zu. Manchmal tut er den Fussballern aus Versehen weh. Die alten Herren fallen einfach anders, als die Jungs beim Football. Dafür konnte er nichts, erfahre ich. „Konnte doch keiner ahnen, das der nach links ausweicht,“ sagt der Emm, „zumal da ja die Wand war“.

Mittlerweile sind wir bei der Tankstelle angekommen. Ich erkundige mich, an welchem Haus ich denn halten soll, und werde noch drei Häuser weiter geleitet. Der Krissi bedankt sich sehr herzlich, und steigt aus.

„Wer? War? Das denn jetzt?“ erkundigt sich der Emm.

„Du wohnst doch hier, ich dachte du kennst den“, der Liebste ist verwirrt.

„Ich kenn doch die zwanzigjährigen nicht mehr.“

„Krissi, hat er nur gesagt“.

„Krissi sagt mir nix“.

„Dem Porno sein Kurzer“.

„Nä, der Porno wohnt da vorne, im Haus mit dem Zaun“, der Emm deutet die Straße runter. Alle Häuser auf dieser Seite haben einen Zaun.

„Na dann weiß ich’s auch nicht“, fasst der Liebste zusammen.

„Och, war aber ein ganz netter Kerl“.

„Jo, fand ich auch“.

Gut, dass das die Omma nicht weiß. Fremde darf ich nämlich nicht im Auto mitnehmen.

oh oh, oder so

„Na? Heimstudienwoche?“ Frage ich Montag morgen bei der Freundin nach. Sie haben eine Fahrgemeinschaft mit der kleinen Schwester des Coronafalls. „Nee, nix Heimstudienwoche. Offiziell wissen wir noch nicht mal was“, sagt die Freundin. Sie habe quasi den ganzen Freitag telefoniert. Außer ihr sahen das aber alle ganz entspannt. Die kleine Schwester wurde nicht getestet, somit gäbe es keine Veranlassung zu irgendwas. Die Kinder gehen ganz normal zur Schule und sie muss auch zum Diest. Die Coronastation wird aufgemacht. Die, die sich da freiwillig gemeldet haben fehlen ja auf Normalstation.

Zwei Möglichkeiten: Entweder, es gibt kein Problem und wir sorgen uns umsonst, oder wir sind komplett am Arsch.

*

Der Außendienstmitarbeiter ruft an, um sich zu erkundigen, wie es uns im neuen homeschooling geht. Es ist kein homeschooling, ich erkläre kurz den Ablauf. „Oh, ähm, oh“, sagt er. Ganz genau.

Also, er war letzte Woche Mittwoch zum Routine-Test, dass war nachdem er hier Kaffee getrunken hatte. Man hatte gesagt, er bekomme das Ergebnis auf die App. Samstag kam es mit der Post, er ist negativ. Die App schweigt dazu bis heute.

*

Ich lande in einer whattsapp-Gruppe des gesamten Ortsteils. Das soll keine Geburtstags-Glückwunsch-Gruppe sein erfahre ich, vielmehr soll sie dazu dienen, sich gegenseitig über Straßensperrungen oder ähnliches zu informieren, nur der Ortsbeirat kann schreiben. Natürlich bleiben die allermeisten in der Gruppe, wenn irgendwer Corona hat, will man das schon wissen…

Als da vor ein paar Wochen auf einmal dieses riesen Loch hinter dem Haus gegraben wurde gab es keine Informationen, das war blöd. Vielleicht funktioniert es ja wirklich, ich bleibe auch.

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Ich lese ein paar Pflaumen auf, die auf dem Gartenweg lagen. Als ich sie zum Kompost bringe, fällt mir auf, das der Garten von dieser Seite aus wirklich erbärmlich aussieht. Ich frage, ob irgendwer helfen würde da mal irgendwas… Zu meiner Überraschung helfen alle. So braucht es nur eine Stunde, bis es wieder aussieht, als würde der Garten jemandem gehören.

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Elterntaxifahrt zum Training. Die eine Stunde Wartezeit reicht genau zum Einkaufen. Gleich bei den Einkaufswagen ein handgeschriebenes Schild, man möge bitte, soweit das möglich ist, die Einkäufe allein erledigen, um die Anzahl der Personen im Laden so gering wie möglich zu halten. Danke für das Verständnis.

Im Laden wirkt erstmal alles normal. Im hinteren Teil steht eine Palette Klopapier mitten im Gang, daneben eine Palette Mehl. Man sollte doch meinen, die haben alle noch genug zu Hause. Der Hefekarton im Kühlregal ist noch fast voll, es klebt allerdings ein Schild drauf. Nur zwei Würfel pro Haushalt. Mehr brauch ich doch eh nicht. Ich kaufe ganz normal ein, bis ich am Klopapierregal vorbeikomme. Das ist leer gefegt. Ganz unten ganz hinten liegt noch eine Packung mit Herbstmotiven.

Brauchen im Sinne von brauchen tun wir eigentlich keins. Allerdings will ich auch nicht wieder wie eine Idiotin in drei Läden müssen, nur wegen Klopapier. Ich nehme die letzte Packung aus dem Regal und es fühlt sich gut an. Ab jetzt gibt es nur noch weißes, direkt von der Palette. Wir aber werden welches mit Herbstmotiven haben, was für ein Glück. Dann geht es ein bisschen mit mir durch. Ich merke es, kann aber nichts dagegen tun. Wir haben nämlich auch nur noch 25 Pfefferkörner in der Mühle, ist mir heute aufgefallen, wie weit kommt man damit schon? Und von diesen Marzipanbaumstämmen mit Nougatfüllung haben wir noch gar keine vorrätig! Wer weiß, was die nächsten Wochen bringen. Am Ende müssen wir ohne durch den Advent. Ich nehme 6, sicher ist sicher.

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Der Liebste muss arbeiten. Weil viele krank sind teilen sie sich diese Woche die vier Schichten zu dritt. Spoileralarm: Niemand macht die Freischicht. Über Mittag werden zwei Leute gebraucht, Ruhezeiten müssen trotzdem eingehalten werden. Das geht alles – irgendwie.

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Der Klassenkamerad, der neben dem Coronafall gesessen hat, meldet ein negatives Testergebnis. Sein Bruder ist der Banknachbar des Maikinds. Wie groß die Anspannung wirklich war merkt man daran, wie sehr wir uns freuen. Dem Klassenkamerad geht es aber leider trotzdem schlecht.

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Wir verabreden uns mit der Oma zu einem Waldspaziergang. Das tut allen gut. Wir haben uns schon länger nicht gesehen.

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De Omma ruft an. Mit dem Apfelpflücker, den der Liebste ihr gebracht hat, kann sie nichts anfangen, der ist zu kurz. Man möge ihr den anderen bringen. Gerne jetzt. Jetzt geht aber nicht, weil ich warte auf eine Holzlieferung. Der Liebste arbeitet. Das Holz werde ich mit den Kindern verräumen, und zwar heute noch. Naja, dann wird es wohl schon dunkel sein. Da muss der Apfelpfücker wohl bis morgen… Ein Gesteck muss auch noch auf den Friedhof. Vielleicht noch diese Woche, ich möge bitte nachfragen, bei der Floristin, wann man da kommen kann, und dann bringen wir das direkt auf den Friedhof. Und den Apfelpflücker, ne?, da denke ich aber dran.

Zeitgleich schickt meine Schwester ein Foto von sich im Bademantel auf einer Relaxliege. Weil sie es kann. Sie sind nämlich gerade ganz alleine im Wellnessbereich, Fotos machen ist da sonst verboten. Wie-ein-Onkel zeigt in seinem Status eine Bilderstrecke, Wellnessbereich ohne Menschen, kommentiert mit „wir haben die letze Chance nochmal genutzt“. Freut mich für euch. Möge dich der Blitz beim scheißen treffen.

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2,7 Schüttraummeter verräumt man zu viert in einer Stunde. Große Kinder zu haben ist manchmal auch richtig toll.

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Die Waschmaschine pumpt nicht ab und schlägt mir vor, mal die Laugenpumpe zu reinigen, oder den Ablauf, oder beides.

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Ich soll das Arbeitsblatt ausdrucken? Damit du es handschriftlich ausfüllst und dann als Foto hochlädst, um es an eine Lehrerin zur Korrektur zu schicken, in einer App, die für Gamer entwickelt wurde? Nicht im Ernst, oder? Ich weiß dass das anders besser und schneller geht, weil das Julikind diese Woche eine Einweisung hatte. Gerne würde ich diese Lehrerin an meinem Wissen teilhaben lassen. Sie hat aber keine Emailadresse.

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Ab Freitag gilt Maskenpflicht im Unterricht, die ganze Zeit. Ab Montag gibt es neue Stundenpläne. Sportunterricht findet nicht mehr statt, auch die klassenübergreifenden AG’s nicht. Vereinssport geht nicht mehr und es dürfen nur noch zwei Haushalte zusammenkommen. Der Rest von diesem Lockdown betrifft uns eigentlich gar nicht. Entweder hilft das oder wir werden sicher Verständnis dafür haben, dass die Schulen wieder geschlossen werden, vermute ich mal.

game over

Eine schuluntaugliche Erkrankung erst bei einem Kind, dann bei zweien, dann bei allen drei. Die üblichen Hausaufgaben-Übergabe Systeme brechen zusammen. Es spricht sich rum.

Mittwoch ist klar, ich werde die nächste sein, die diese Erkältung bekommt.

Donnerstag morgen ruft der Nachbar an. Man habe ihm eben erzählt, dass wir alle krank sind. „Wie macht ihr das denn jetzt mit dem Hund?“ Also, krank sind wir schon, aber nicht so. Nur Schnupfen, Husten, Kratzen im Hals, was man so hat, im Herbst. Mit dem Hund raus, das geht schon. Der Nachbar ist erleichtert. Ich freue mich, dass er an uns gedacht hat. Das sei doch selbstverständlich, sagt er, schließlich haben sich auch alle nach ihm erkundigt, als es ihm nicht gut ging.

Ende der Woche wäre das Märzkind in normalen Zeiten wieder in die Schule gegangen. Sie nimmt Kontakt mit Fachlehrern auf, die sich gerne bereit erklären, ihr Materialien zu schicken und online korrigieren. Die Mathelehrerin bietet an, sich auf discord zu treffen, um noch etwas zu erklären, für die Arbeit nächste Woche. Ganz diskret erkundigt sie sich dabei nach der gesundheitlichen Gesamtsituation.

Eine Klassenkameradin aus dem Nachbarort bringt dem Julikind die Hausaufgaben an die Tür. Sie trägt Maske. Ein Klassenkamerad aus der Paralellklasse bringt dem Märzkind einen Stapel Bücher, auch mit Maske. Wir wundern uns. „Vielleicht denken die, wir sind in Quarantäne“, sagt das Maikind. Oh ha, das könnte sein. Drei Minuten später kommt eine Nachricht beim Märzkind an. Der Klassenkamerad kommt sich bescheuert vor, dass er die Maske noch auf hatte, hat er erst im Gehen bemerkt.

Die Kinder wechseln in den Lockdown-Modus und arbeiten die Hausaufgaben ab. Ich bleibe in Rufnähe, um bei Bedarf helfen zu können.

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„Mama, was heißt hibbelig auf Englisch?“

„Ich habe keine Ahnung – gibs bei google ein „hibbelig auf englisch“.“

Schweigen.

„Warte“, es hat einen Moment gedauert, bis mein Kopf die Infos vollständig verarbeitet „ich glaube, „hibbelig“ gibt es gar nicht auf hochdeutsch, oder?“

„Ne-be-lig“

„oh, foggy?“

„Mama, willste dich nicht einfach aufs Sofa legen?“

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Ja, ich will. Der Hund ist mit Liebsten auf einer Ganztageswandertour, die Kinder helfen sich gegenseitig und versorgen mich mit literweise Tee. Ich niese ungefähr alle Taschentücher voll, die dieser Haushalt vorrätig hat und huste, bis ich Muskelkater davon habe. Denken ist nur eingeschränkt und langsam möglich.

„Rees country Küche“ scheint ein Format zu sein, das extra für solche Tage produziert wurde, ich fühle mich gut unterhalten. Frühstücks-Steaks schneidet man dünner, als solche, die man zum Abendessen macht, zwei Zentimeter reichen völlig, das wußte ich nicht.

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Der Liebste macht Holundergrog, nach friesischem Grundrezept für mich, daraufhin schlafe ich elf Stunden. Danach geht es besser. Ein paar Liter Regen waschen den Staub aus der Luft. Endlich. Viel besser.

Also, wenn das die Erkältung der Saison war, sind wir eigentlich ganz gut weg gekommen. Wobei, einer hatte noch nix…

Anfang September

In normalen Zeiten wäre es einfach ein „FauchiBauchi“ gewesen, ein Laie hätte drei Tagen Pfefferminztee und Ruhe verordnet, danach wäre es wieder gegangen. Nicht so richtig gut, aber gut genug. Jetzt, muss es aber richtig gut gehen, damit das Maikind wieder zur Schule kann. Er bleibt also die ganze Woche zu Hause, mit Attest.

Da ja noch zwei Geschwisterkinder auf die gleiche Schule gehen, sollte es kein Problem sein, Bücher und Arbeitsblätter nach Hause zu bekommen, dachte ich. Der Klassenkamerad, der das übernehmen wollen würde, darf allerdings keinesfalls die Bücher eines Mitschülers berühren. Selbst wenn er sie rausschmuggeln könnt, gäbe es ein Problem mit der Übergabe. Die Geschwister des Maikinds gehen in andere Jahrgangsstufen und haben deswegen andere Pausenhofabteile. Einfach so bei einer anderen Klasse vorbeigehen soll man nicht, macht ja alles Sinn, theoretisch. Blöderweise ist der Klassenkamerad männlich und fährt mit einer anderen Buslinie, Bus und Toilette sind also keine geeigneten Übergabeorte.

Der Klassenkamerad schickt Fotos von seinen eigenen Schulbüchern, über sein privates Internet.

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Ein Elternabend wird angekündigt. Da muss ich doch beim Lesen schon schmunzeln. Punkt drei der Tagesordnung: Ablauf des online Unterrichts. Nach meiner Erfahrung gibt es da zwei Möglichkeiten. Läuft oder läuft nicht.

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Die Adventszeit hat begonnen, sagt der Einzelhandel. Nach vereinzelten Spritzgebäck und Spekulatius Sichtungen in der letzten Woche ist endlich das volle Sortiment eingetroffen. Ich laufe routiniert drumrum.

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Lebensmitteleinkauf diese Woche zweimal in klein, weil ich eh auf dem Weg war, und einmal etwas größer. In der Nachbargemeinde geht das erfreulich schnell, da kaufen hauptsächlich Camper ein, die brauchen nicht viel. Auf dem Rückweg werde ich ungewollt Teil einer Hochzeit. Der Autokorso wird angeführt von einem großen Traktor, den man auf der kurvigen Strecke durch den Wald nicht überholen kann. 10 km bei 30km/h.

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Abends um neun ist es schon dunkel, ich möge bitte auf die andere Seite der Turnhalle kommen, sagt das Märzkind, da gibt es eine Laterne und der Weg ist in diese Richtung viel weniger gruselig.

Weil es nicht nur dunkel sondern auch kühl ist, mache ich im Auto die Filmmusik vom Grinch an. „Dein Ernst?“ , werde ich begrüßt. Nee, natürlich nicht. Aber vielleicht ist es das einzige mal, das ich Lust auf Weihnachtslieder habe, dieses Jahr. 300m weiter wird fröhlich mitgesungen, als wir durch den Nachbarort kommen, fragen wir uns, ob die denn ihr Bushäuschen dieses Jahr gar nicht schmücken wollen. Wobei, ein bisschen Zeit ist ja noch…

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Erinnerung an eine Kehlkopfentzündung, kein Gesang mehr, diese Woche.

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Das Märzkind plant, später nach Hause zu kommen. Sie würden einfach laufen. Der Weg an der Straße lang… Also, mir wäre lieber, ihr geht durch den Wald, sage ich. An der Straße lang, da weißte nie, wer da angetrunken nach Hause fährt…außerdem ist der Weg 6km kürzer. Als ich ihr eine Taschenlampe mitgeben will guckt sie mich fragend an. Ist doch noch fast Vollmond.

Dorfkind.

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Ich habe ein Schnitzelbuffet bestellt, für 13 Uhr, am 16.Mai. Details besprechen wir dann im Januar, hat die Frau vom Catering gesagt.

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25 Nachrichten in einer Whatsappgruppe mit dem Titel „Festausschuss“.

Hä? Die Festhalle ist am Freitag vor den Sommerferien schon vermietet, erfahre ich, es muss Ersatz gefunden werden. Aha.

Es geht um die Schulabschlussfeier des Märzkindes, reime ich mir zusammen. Hatte ich nicht kürzlich erst den ganzen Abend Glitzersteine und Federn an eine Feen- Schultüte geklebt?

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An der Schule in der Nachbargemeinde, die letzte Woche geschlossen war, sind drei Kinder positiv auf Covid19 getestet worden. Das ist irgendwie blöd, da hätte ich gerne mehr Infos gehabt, oder weniger.

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Uns erreichen Grüße aus dem Krankenhaus, die spektakuläre Geschichte der letzten Woche ist den Umständen entsprechend gut ausgegangen.

Irgendwas erwischt dich

„Sonst ist nix mehr da?“, der Liebste deutet auf ein paar Panadekrümel in der Pfanne. „Kartoffelbrei ist noch da und etwa 15 Erbsen“, ich wundere mich selber. „Wieviel hattest du denn gemacht?“ Das waren 30 Fischstäbchen, Kartoffelbrei von anderthalb Kilo Kartoffeln/800ml Milch/halbes Stück Butter und 600g Erbsen dazu. Tja, gut, da hätte er aber auch gedacht, das reicht, sagt der Liebste und holt sich ein Glas Blutwurst zum Kartoffelbrei.

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Wo wir immer die Milch holen, denen ihr Oppa, begegnet mir im Vorbeigehen auf dem Hof. Er erkundigt sich, wie es unsrer Oma im Städtchen geht. Gut, soweit, man sieht sie allerdings fast nie, weil sie ziemlich Angst hat, sich den Virus zu fangen.

Jo, das kann er verstehen, es ist ja auch ziemlicher Mist das alles. Andererseits, also, man muss es natürlich nicht rausfordern und ein bisschen Vorsicht ist nicht verkehrt, aber, er werde nächste Woche 81. Da muss man doch auch mal ehrlich sagen, er hat sein Leben gelebt. Wer ist denn früher 81 geworden? Niemand. Und seine Generation hatte es gut, sagt er. Als Krieg war, waren sie noch klein, und danach ging es immer nur bergauf. Es war nicht immer leicht, das nun nicht. Aber er sei dankbar und irgendwann erwische einen eben irgendwas. Wir unterhalten uns über verschiedene Todesfälle im Dorf, was einen so alles erwischen kann. Einschlafen und Zitat „wenn du wach wirst, bist du tot“, wäre ihm persönlich am Liebsten.

So ein Gespräch hätte es am Kühlregal nie gegeben.

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Ich gebe die alljährliche workbook Bestellung auf. Eigentlich sind die vom letzten Jahr noch gut. Fast neuwertig.

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Wenn man die Masken wirklich bei 60°C wäscht und das öfter, sind sie relativ schnell fertig. Außerdem werden mehr gebraucht. Mittlerweile hat jeder ein Modell, das passt. Das Julikind hilft mir beim Bügeln und näht die geraden Strecken. Geteiltes Leid ist halbes Leid, so richtig gern näht niemand hier Masken. Die extra dafür angeschafften stylischen Stoffpaneele ändern daran nichts. Eigentlich werden die Modelle aus alten Blusen sogar schöner.

Die Schule, auf die Cousinen und Cousin gehen schließt, erstmal nur Montag, dann für die ganze Woche. Erst halte ich das für übertrieben, nur weil da ein Lehrer Kontakt zu irgendwem hatte… nee, war doch besser so.

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Die Katze aus der Nachbarschaft braucht einen Termin beim Tierarzt, das sagen alle, seit Wochen. Zum einschläfern. Das zu sagen traut sich keiner. Die Katze ist ein Kamerad, eine Erinnerung an die Zeit, als es noch besser lief. Wenn die Katze weg ist, ist er der nächste…

Die gute Seele, die sich zweimal in der Woche durch den Katzenhaushalt kämpft spricht mich an, ob wir vielleicht einen größeren Karton hätten? Etwa so groß, das da eine Katze reinpassen würde? Die Katze , frage ich nach. Ja, die Katze. Die gute Seele ist im Namen des Pflegedienstes da und hat Schweigepflicht. Wir kennen uns schon lange, und sie weiß, das ich sowieso weiß. Ich suche einen Karton und stelle ihn vor die Tür.

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Vormittag im Städtchen: Rezept holen, Apotheke, Schuh zur Reparatur abgeben, Brille richten lassen, Schuh abholen, Getränke holen, kleiner Lebensmitteleinkauf

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Auf dem Heimweg läuft die Katze über die Straße, im Ort steht die Polizei. Beides merkwürdig, aber schnell vergessen.

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Am frühen Abend bekomme ich einen Anruf, die gute Seele erzählt mir, aber das hat sie natürlich nie gesagt, das der Katzenhaushalt ihr gerade den Putzeinsatz für Montag abgesagt habe. Die Begründung klang dermaßen spektakulär, dass man es eigentlich nicht glauben kann, manchmal vereiert der einen ja auch, ob ich bitte mal einen Blick auf den Katzenhaushalt werfen würde, zur Sicherheit. Ich stelle fest, dass niemand da ist. Sehe am späten Abend aber Licht, alles scheint normal.

Am nächsten Tag erfahre ich, dass, während ich im Städtchen war, quasi direkt hinterm Haus Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei im Einsatz waren. Die spektakuläre Geschichte stimmt. Anscheind hatte die Katze noch ein Leben übrig.

Juli, Halbzeit

Ein Fernseher war übrig und das Maikind hat begeistert „hier“ gerufen. Es gibt jetzt also eine Möglichkeit zum zocken auf angemessen großem Bilschirm und DVD gucken im Kinderzimmer. Bis auf weiteres…

Für’s Aquarium wurden Garnelen angeschafft. Die lieben es, sich zu verstecken, hatte die Verkäuferin gesagt. Man steht vor der Scheibe und fragt sich, wieso man 40 Euro für unsichtbare Tiere ausgibt?

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Eine Freundin des Märzkinds ist letzten Sommer umgezogen. Das Hessenticket ist noch zwei Wochen gültig und so kann sie ohne Elterntaxi bis zu uns fahren. Große Wiedersehensfreude beim Märzkind, ein Gefühl von “ wir-hatten-ja-nichts-damals “ bei mir.

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Der einzige Geburtstagswunsch des Julikinds war, normal feiern zu können. Das heißt in diesem Fall, mit 28 Leuten. Zu Hause geht das auf keinen Fall, Grillhütten und Sportplätze kann man nicht anmieten, im Moment, also Plan B, zweimal halb normal, oder so.

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Ein großer Eimer Kirschen durfte in Nachbars Garten geerntet werden. Danke dafür! Sehr lecker, etwa die Hälfte wurde sofort gegessen, der Rest eingekocht. Als Erinnerung an den Sommer und im Gedenken an eine Omma mit legendärem Talent zur Vorratshaltung.

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Garten mit Aussicht

Arbeitsbeginn um 7.30 Uhr. Wenn die Schaufel voll genug ist, wird kurz gehupt, dann abtransportiert. Meine Begeisterung hält sich in Grenzen, aber manche Leute beneiden uns. Wir haben überlegt, Liegestühle an Eltern im Kindergartenalter zu vermieten.

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Das so gut wie niemand in den Urlaub fährt ist ein ganz neues Feriengefühl. Es hat immer irgendwer Zeit. An manchen Tagen fühlt man sich wie im Taubenschlag, ein stetiges kommen und gehen. Elterntaxifahrten auf Zuruf…

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Hunderte liegen gebliebener Kleinigkeiten… allmählich bilden sich Stapel, die man zuordnen kann. Ein bisschen fehlt noch, damit sich die Sperrmüllabfuhr lohnt.

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Eine eingeschränkte Trauerfeier mit Hygienekonzept. Normalerweise würde man Hände schütteln oder umarmen. Die trauernde Familie besteht aus hochbetagten, Selbstständigen und medizinischem Personal, ich wurschtele mich durch, ohne zu kondolieren, und meine es nett.

Ach, wo ich herkomme müssen sie nicht fragen, das kann man ja sehen, wie es denn gewesen sei, erkundigen sich die Damen, die auf der Bank in der Ortsmitte sitzen, vorsichtig. “ Eigentlich schön, soweit man das unter diesen Umständen sagen darf. Wir haben draußen gesessen, mit viel Abstand und Maske, naja, ein bißchen seltsam schon, aber feierlich.“ Dann ist es ja gut, die Damen schweigen einen Moment, wirken aber erleichtert.

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Die Touristen, die da probehalber nach Mallorca geflogen wurden haben sich übrigens benommen, wie ganz normale Touristen auf Mallorca. Der deutsche Gesundheitsminister ist enttäuscht.

Im Nachbarkreis gibt es einen kleinen Corona Hotspot. Keine Sorge, das Haus wurde abgeriegelt, die Bewohner werden vom THW versorgt.

Eine Stimme in meinem Hinterkopf fragt sich, ganz leise, ob das wohl was wird? Mit dem ganz normalen Schulbetrieb nach den Ferien?

Zweite Juniwoche

Der Bundespräsident dankt Eltern und Kindern (Weltkindertag) für ihr Engagement bei der Bewältigung der Krise. Es war nicht leicht,wir mussten auf vieles verzichten und haben es so toll gemacht. Respekt.

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Dienstag morgen kommt Marianne aus dem Nachbarhaus ans Bäckerauto.

„Wie geht’s euch, ist alles gut?“

„Danke, alles immernoch ein bisschen chaotisch, aber wir sind fröhlich und gesund. Und bei euch?“

„Das ist ja schön, jo, bei uns ist alles gut, aber wieso denn chaotisch? „

„Ich sortiere immernoch jeden Tag neu, wer wann wie Schule hat und welche Aufgaben erledigt werden sollen. Wir freuen uns alle auf die Sommerferien, langsam reicht es. „

„Ach, ich dachte, es wäre alles wieder normal.“

Marianne ist ü70, hat erwachsene Kinder, die alle weiter weg wohnen und soweit ich weiß, keine Enkel. Für sie hat sich nichts geändert und sie ist ehrlich erstaunt.

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Für mich ist das, was alle „das neue Normal“ nennen ein „schon immer so“. Der Liebste hatte gerade die dritte Schichtplanänderung dieses Jahr, Unterricht ist auch vor Corona schon häufiger ausgefallen, Großeltern sind bei uns aus verschiedenen Gründen in den Alltag nicht einkalkuliert. Neu ist für mich nur der Respekt, den man auf einmal dafür bekommt, den Laden am laufen zu halten.

Dreihundert Euro pro Kind sollen Familien bekommen. Natürlich nicht auf einmal, wir sollen ja nichts sparen, sondern konsumieren. Anscheind gehören die care-Arbeiten doch irgendwie zum Wirtschaftssystem dazu, wer hätte das gedacht?

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Der Hund hat Pubertät. Entweder er schläft oder macht Blödsinn. Es ist ein bisschen anstrengend.

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Morgens um kurz vor sieben kreischt eine Elster im Baum vor dem Schlafzimmerfenster, untermalt vom Kettenqietschen eines Harvesters, der sich auf den Weg macht, dahin, wo vor kurzem noch Wald war. Landlust.

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Der Wald wird gefühlt jede Woche weniger.

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Wenn man Freunde hat, braucht man Geschwister hauptsächlich zum zanken. Zwei Kinder keifen sich an, eins sitzt augenrollend daneben, in jeder möglichen Kombination, ohne erkennbaren Grund. Wahrscheinlich ein gutes Zeichen, aber es nervt ein bisschen.

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Ich habe Honig abgefüllt. Es gab schon eine Warteliste und die halbe Ernte hat das Haus direkt verlassen. Das ist schön.

Wir hoffen auf eine zweite Ernte.

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Das Maikind war auf einer Übernachtungsparty. Welch ein Aufwand betrieben wurde und welche Überredungkünste nötig waren, damit alle vier das dürfen, kann man nur ahnen. Ich hatte es erlaubt, ohne groß drüber nachzudenken. Das da vielleicht noch irgendwelche Besonderheiten gelten könnten, ist mir erst eingefallen, als er fröhlich grinsend ging, mit den Worten, wenn er jetzt darf, erlauben das die anderen bestimmt auch.

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Der, der hier schon zweimal über den Flur geschlichen ist, kommt dann wohl ab jetzt offiziell öfter, wurde uns mitgeteilt.

Das hatte ich mir eh schon gedacht. Der Liebste wohl auch, aber, ach… seine Kumpels ziehen ihn schon länger auf damit, dass er da wohl wird aufpassen müssen, es gab reichlich Tipps zur Besucherabwehr. Der Liebste hatte Pläne, und jetzt das.

„Der Junge macht ja n ganz vernünftigen Eindruck“, murmelt er.

„Samma, hast du das gerade wirklich gesagt?“

Ich lach mich kaputt, nur innerlich natürlich, ganz dünnes Eis.

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Gleichungen nach x auflösen kommt einem total einfach vor, wenn man vorher was Pythagoras macht.

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Ich freue mich auf die Bücherabgabe, dieses Jahr. Wie das Haus wohl ohne diese Stapel aussehen wird?

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Das Auto kommt den Berg schlecht hoch und die Kontrolllampe des Abgasentgiftungssystems leuchtet. Vermutlich müssen auch die Bremsen mal neu, und zwei Reifen kommen so nicht mehr durch den TÜV. Die Werkstatt meldet sich morgen, ich tippe mal, es wird irgendwas um 895 Euro kosten.

Tag 20 bis 25

Samstag

Haus und Hoftag läuft etwas zäh. Irgendwie ist die Luft raus.

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Der Ferienbeginn war ein Punkt, auf den wir hingearbeitet hatten. Die Erkenntnis, dass es im Grunde genauso weitergehen wird wie die letzten drei Wochen trifft uns hart. Es sind noch so viele Aufgaben zu erledigen. Die Kinder haben viel gearbeitet, ich würde behaupten, mehr als im Unterricht. Aber das Pensum war für zwei von drei Kindern unter diesen Bedingungen nicht zu schaffen. Die Bedingungen machen mich allmählich wütend.

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Das Julikind fragt, ob es denn möglich sein wird, trotz Corona bei der Patentante im neuen Haus zu übernachten. Leider macht es keinen Unterschied, ob man das schon im Januar verabredet hat. Die Enttäuschung ist groß, obwohl sie sich das gedacht hatte.

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Letzte Woche hats noch geschneit, da waren Winterstiefel in Ordnung. Heute sind es über 20 Grad. Ich suche auf dem Dachboden nach Schuhen für das Julikind. Wir haben einen Fundus an Sportschuhen, die nur 8 Wochen gepasst haben und ähnlichem. In dieser Größe aber leider gar nichts. Ich überlasse ihr meine Sportschuhe, aber die drücken.

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Der Landkreis untersagt ab heute für die Dauer der Osterferien die Nutzung von Zweit-und Ferienwohnungen. Wir hätten sowieso nicht vermietet, unter diesen Umständen. Wir hatten überlegt, Freunde einzuladen, aber den Gedanken auch schon vor Wochen fallen gelassen. Trotzdem. Etwas amtlich verboten zu bekommen fühlt sich seltsam an.

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Bei der Abend-Hunde-Runde schallt Musik durch das Tal. Vor einer Feldscheune auf dem Hügel stehen zwei Gestalten und – prosten uns zu? In dieser Scheune war noch nie Musik. Da waren auch noch nie Leute. Die Fragen kommen prompt.

„Ich denke, man soll sich nicht treffen und nicht feiern, warum dürfen die denn? Und wir nicht?“

„Die dürfen auch nicht. Das sind Kameradenschweine.“

Das Märzkind seufzt. „Ich wäre jetzt auch gerne ein Kameradenschwein.“

Ich weiß.

Die Kinder haben seit Wochen ihre Freunde nicht gesehen, die Großeltern nur auf dem Hof, mit viel Abstand. Die Schule funktioniert nur analog, alles andere haben wir selbst zusammengebastelt, in dieser Zeit. Der Nullpunkt der Stimmung ist erreicht. Ein bisschen erschrecke ich mich vor mir selbst. Ich bin normalerweise kein Blockwart, aber ich schwöre, wäre da eine dritte Person aufgetaucht, ich hätte gepetzt.

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Das Märzkind telefoniert mit ihren Freundinnen bis irgendwann nachts.

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Ich gucke mit den beiden anderen Star Wars. Die Ereignisdichte ist überschaubar, so habe ich nebenbei Zeit, darüber nachzudenken, wie seltsam es doch ist. Seit über 20 Jahren bin ich erfolgreich drumrum gekommen, mir dieses Epos anschauen zu müssen. Und nun sitze ich hier und freue mich, dass die Kinder sich darüber freuen. Außerhalb von lockdown Maßnahmen werde ich vorraussichtlich keine weiteren Episoden anschauen.

Sonntag

Der Liebste schläft zwischen zwei Wochenend-Nachtschichten. Alle anderen sitzen vor verschiedenen Bildschirmen oder kruscheln irgendwas.

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Hier steht eigentlich nie ein Auto. Und wenn, dann von Einheimischen, die mal ne andere Runde mit dem Hund gehen. Gerade fährt ein fetter schwarzer SUV in Schrittgeschwindigkeit auf den Parkplatz im Nirgendwo. Kennzeichen aus dem Nachbarkreis, die hinteren Scheiben getönt, die Felgen waren noch nie Offroad unterwegs . Es ist so merkwürdig, dass ich die Leute direkt anschaue, falls ich später eine Personenbeschreibung abgeben muss, oder so. Beide Insassen senken den Blick und bleiben im Auto sitzen, bis ich um die Kurve bin. Vermutlich fanden sie mich auch unheimlich.

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Ich versuche, das home office freie Internet zu nutzen, um das Radioprojekt des Märzkindes an den hr zu senden. Es geht nicht, auf verschiedene Arten. Kurz überlege ich, jemanden zu fragen. Aber ich möchte eigentlich keine Tipps mehr bekommen. Wenn mir noch einmal jemand sagt, ich solle mich entspannen, die Dinge lockerer angehen, den Kindern auch einfach Halt geben in diesen ungewohnten Abläufen, dann schreie ich.

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Wir planen ein bisschen an unserem Osterfest. Das wird auf jeden Fall schön.

Montag, Dienstag, … was auch immer

De Omma ruft an, jemand möge den Kuchen holen. Die letzten beiden Wochen haben wir aus fadenscheinigen Gründen keinen Kuchen geholt. Montags kommt ja sonst immer die Dora, aber die hat Schiss jetzt, zwei Wochen war sie schon nicht da, sagt de Omma.

Ich hole also Kuchen, bei meiner herzkranken 87-jährigen Oma. Für alles andere fehlt mir der Kampfgeist.

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Eine Mutterkollegin fragt vorsichtig, ob ich denn den Radiobeitrag schon gesendet hätte, und wenn ja? Wie?

Zwei Minuten später kommt ein, danke, es habe sich erledigt.

Wie? Möchte ich gern wissen. Die große Schwester des Grundschulkindes hat einen Weg gefunden, der bei mir auch schon nicht ging. Pech gehabt.

„Wenn ich noch einmal den Satz ‚und wenn euch langweilig ist…‘ höre, dann eskaliere ich, echt!“, sagt die Mutter Kollegin. Danke dafür. Ich packe die Dateien in einen Email Anhang und schicke sie der Klassenlehrerin. Fertig ist die Laube.

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Meerschweindame Elsa tritt nach einem langen und erfüllten Leben die Reise über die Regenbogenbrücke an. Ein Drama. Große Anteilnahme. Das feierlichste Kleintierbegräbnis, das diese Familie bisher hatte. Dann geht es wieder besser.

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Das Märzkind kann möglicherweise eine neue Kamerafunktion bedienen und würde gerne mal Fotos machen, von Menschen. Zur Not auch von Geschwistern, das Maikind stellt sich zur Verfügung.

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Ich gucke die Ansprache der Queen beim Wäsche zusammenlegen.

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Die Freundin ruft an, nur mal so hören. Wir sind dann anscheind in einem Alter, wo man sich zu diesem Zweck übers Festnetz anruft. Ich freue mich. Die Freundin hat gerade frei, obwohl sie systemrelevant ist. Alle Fortbildungen und Einweisungen sind erledigt, Normalbetrieb findet im Moment nicht statt. Alle warten auf die Welle. Und die wird kommen. Denn der Normalbetrieb wird ja nicht einfach von alleine gesund, das kommt einfach alles später wieder. Ansonsten, fröhliche Distanz.

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Der Liebste macht die Bienenkästen startklar.

„Was hast du denn da für einen Fleck am Oberschenkel“, erkundige ich mich.

„Das ist Blut.“

„Wie das?“

Nun, durch eine Verkettung diverser Unwahrscheinlichkeiten ist es im Rahmen der geltenden physikalischen Gesetze zu einer leichten Verletzung….

„Du hast dir selber ins Bein getackert?“

Schadenfreude Lebensfreude, willkommen zurück!

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Ein später Spaziergang, der Vollmond strahlt so hell, dass man Schatten sieht. Wahnsinn.

Lockdown Einkäufe/Dienstleistungen

man gewöhnt sich an das Arbeiten mit tutorials

Mein erster Lebensmitteleinkauf seit über drei Wochen. Alles sehr geordnet, alle nehmen Rücksicht, halten sich an Regeln und Abstand voneinander. Im Zweifel redet man miteinander und schaut sich in die Augen dabei. Es ist sowas von nicht normal, ein beklemmendes Gefühl. Könnte aber gut werden, sollte etwas davon über bleiben, wenn sie die ganzen Absperrungen zurückbauen.

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6 beim gleichen Betrieb bestellte Tshirts werden in 5 Einheiten unabhängig voneinander geliefert. Natürlich passt die Hälfte nicht und muss tatsächlich in drei verschiedene Logistikzentren zurückgeschickt werden. Ich werde weich.

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Kontaktlose Heulieferung

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Vorm Baumarkt steht ein Schild. Aufgrund der Kita und Schulschließungen sei Beratung im Moment nur sehr eingeschränkt möglich, man bitte um Verständnis. Im Kassenbereich wurden Markierungen auf den Boden geklebt. Die Kunden bleiben jeweils dahinter stehen. Es fühlt sich in diesem Ambiente ganz natürlich an. Der Kassierer sitzt hinter Plexiglas, die Einschnitte für den Zahlungsvorgang wurden sinnig gesägt, keine Verrenkungen nötig. Ich möge bitte vorfahren, der Kollege räumt die Säcke ins Auto, schöne Feiertage.

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Der Kalli stellt eine Auswahl an Schuhen für das Märzkind zusammen, das wäre kein Probem. Die kann sie zu Hause probieren, den Rest bringen wir zurück, das geht alles kontaktlos. Der Liebste fährt.

*Werbung
Für den regionalen kleinen Einzelhandel

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Für diese Woche haben wir alle Probleme gelöst.

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My warmest wishes to all of you!

Tag 7

…der Coronazeitrechnung ist ein Sonntag. Der Liebste arbeitet, die Kinder schlafen aus. Normalerweise hätte ich eine Elterntaxifahrt um elf und eine um zwei. Statt dessen wird spät gefrühstückt und dann verschwinden alle Kinder hinter Bildschirmen. Zum allerersten mal in dieser Woche kommt ein Gefühl von Freizeit auf. Die Hunde-Runde gehe ich alleine. Als ich wieder zurück komme sitzen alle Kinder um den Tisch. Sie malen und basteln. Der Opa hat eine Tüte mit Sachen an die Tür gehangen. Darin waren einige Rätsel, eine gesegnete Portion Schokoriegel und die Ente.

Die Ente sitzt normalerweise beim Opa neben dem Bett. Sie soll jetzt bei den Enkeln wohnen, die schicken dem Opa jeden Abend ein Foto von ihr, als gute Nachtgruß, in der Hoffnung, dass man sich bald wieder sieht. Eine gute Idee. Überhaupt ist die Stimmung ganz gut heute.

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Kurz nach 23 Uhr klopft dann doch die Corona-Traurigkeit an die Schlafzimmertür. Das Entenfoto lässt Tränen fließen, eigentlich ist doch alles scheiße, und man weiß kaum, wie man das aushalten soll. Stimmt, aber uns fällt was ein. Mehrere Sachen sogar. Langsam zeigt sich, was wirkliche Probleme sind und was eigentlich nur nervt.

Tag 8

Das Internet läuft, juhu. Alle anderen sind auch zu Hause. YouTuber vertreiben sich und anderen die Zeit indem sie auf kreativste Art gar nichts machen. Anscheind hatte das Märzkind das Gefühl, überall sonst gehe alles normal weiter, nur hier nicht. Dem ist nicht so.

Über Videoanrufe auf wechselnden Plattformen, je nachdem, welche gerade funktioniert macht sie mit ihrer Freundin gemeinsam Hausaufgaben.

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Ich sortiere die bisher eingegangenen Aufgaben der Kinder.

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In meinen Mails habe ich Post von airbnb, dort bieten wir seit Jahren unsere kleine Ferienwohnung an (sollten Sie von der Steuerfahndung sein und hier dienstlich mitlesen, danke für Ihren Besuch, es ist alles angemeldet. Hier funktioniert die soziale Kontrolle noch. Die Verdienste sind wirklich so mickrig.) Sinngemäß steht da folgendes: Sie hätten bemerkt, dass aufgrund von Corona einige Vermieter sich von Stornogebühren und drakonischen algorithmischen Maßnahmen, was die Anzeigenplatzierung betrifft nicht abschrecken lassen und Stornierungen akzeptieren, bzw. selber stornieren. Man habe sich jetzt entschlossen, kostenlose Stornierungen zu ermöglichen, für einen kurzen Zeitraum für bestimmte Reisen, weil da halt verstärkt nach gefragt wurde. Es tut Ihnen voll leid, dass sie mit meiner Arbeit jetzt kein Geld mehr verdienen und man bleibt natürlich am Thema dran. Sicher. Ich deaktiviere das Inserat. Leider muss ich noch abwarten, ob ich es mir leisten kann, es zu löschen.

Außerdem hatte ich Post von der kleinen Monteurzimmerseite, auf der die Ferienwohnung noch steht. Dort zahlen wir richtig Geld. Sie bringt nicht so oft Gäste, aber immer nette, die länger bleiben. Dort steht sinngemäß folgendes: Wegen Corona haben sich natürlich auch die Arbeitsabläufe geändert. Welche Auswirkungen das im einzelnen haben wird, weiß derzeit noch niemand. Alle, die einen Eintrag gebucht haben bekommen auf jeden Fall zwei Monate Verlängerung, kostenlos und ohne irgendwas tun zu müssen. Mitarbeiter seien im Moment im home office zu erreichen, man bitte um Verständnis für eventuelle Verzögerungen.

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Normalerweise kann ich beim Wäsche aufhängen den Fernseher des Nachbarn hören. Oft kommt er auf den Balkon raus, und wir reden übers Wetter. Heute nicht. Bei der zweiten Ladung auch nicht.

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Eine Gäste Anfrage erreicht uns telefonisch. Die Personenanzahl passt nicht, wie gesagt, die Wohnung ist klein. Der Liebste leitet weiter ans Gästehaus in der Nachbarschaft.

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Spontan ergibt sich die Frage, ob denn Monteurs-Mannschaften im Moment als ein Haushalt gelten. Ich finde nichts zu diesem Thema und rufe direkt mal irgendwen im home office an. Nach dem dritten klingeln habe ich eine Dame am Telefon. Sind Monteure nun einfach ein Haushalt, oder würde ich eine unerlaubte Menschenmenge beherbergen und damit womöglich gegen das Bundessseuchengestz verstoßen? Gute Frage, völlig neues Problem. Da aber auf Baustellen normal gearbeitet wird und die Gruppen ja auch im selben Auto fahren und so, dürfen die als ein Haushalt gelten. Zumindest hat noch niemand was anderes gesagt. Wir plaudern noch ein bisschen, wie sonderbar es ist, dass man auf einmal solche Fragen hat. Sehr nettes Gespräch.

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Auch beim Wäsche abnehmen keinerlei Geräusch beim Nachbarn. Ich rufe an. „Samma, ich war schon dreimal an der Wäschespinne und seh und hör dich nicht. Es ist quasi ein Kontrollanruf“. Fritz hat heute auch Corona-Traurigkeit. Alles gut, aber alles Mist zur gleichen Zeit. Man kann gar nichts und muss es aushalten. Marianne sei gerade einkaufen gefahren, der hat er ne Liste mitgegeben. Er hat auch Klopapier drauf geschrieben, eigentlich hat er noch, aber wenn das jetzt alle kaufen. Sein Onkel hatte ja früher ein Plumpsklo neben dem Stall, da gab es immer selbst gemachtes Klopapier. Dann soll er mal schön die Werbeblättchen von Samstag aufheben, rate ich ihm. Da kann er wieder n bisschen lachen. Wäre aber nett, dass wir auf ihn achten, er bedankt sich. Ich fühle mich etwas weniger wie eine stalkerin.

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Der Rest waren Hausaufgaben. Hausaufgaben. Hausaufgaben.

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Die Hauswirtschaft hängt. Allmählich bekommen auch andere eine Ahnung davon, was „nicht arbeiten“ für ein bunter Strauss an Tätigkeiten ist.

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Abends Corona-Traurigkeit beim nächsten Kind.

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Es sind lange Tage im Moment. Ich stelle erste Ermüdungserscheinungen fest. Erfahrungsgemäß macht es keinen Sinn, darüber hinweg zu gehen, sonst kommt es irgendwann nur noch schlimmer. Ich muss mir was überlegen.

Tag 4

„Mammmaaa, die Nachbarländer von Malaysia??“

„Ähm, ich glaube, die Hauptstadt ist Kuala Lumpur, aber schwören würde ich das nicht.“

„Hauptstadt ist egal, es geht um die Nachbarländer.“

„Gib doch einfach mal „Nachbarländer von Malaysia“ ein, irgendwas wird doch dann kommen.“

„Es. Geht. Nicht.“

Es stimmt. Dass Google Maps nicht laufen würde war mir klar, aber das noch nicht mal eine normale Suchanfrage durchgeht am Vormittag nervt jetzt wirklich. Mein erster Impuls ist es das Fenster aufzureißen und rauszuschreien „Nehmt euch alle ne Zeitung und geht einfach mal kacken!!!“ Statt dessen höre ich mich sagen „Naja, es sind im Moment halt auch viele im Home Office, ich hab ne Idee“. An dieser Stelle kann ich wohl eine Empfehlung aussprechen für den YouTube Kanal Yoga with Adrienne. Die Lösung dieses Problems liegt auf dem Dachboden.

ohne Kommentar

Bonus: Hinten in diesem antiquarischen Atlas lagen zwei Klassenarbeiten des Liebsten. Er war 16 und hatte den Lehrvertrag schon unterschrieben, hat er gesagt.

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Der Liebste übernimmt das Elterntaxi zur Krankengymnastik. Der einzige Termin dieser Woche.

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Ich backe zwei Kuchen und packe Geschenke ein.

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Am späten Nachmittag senden netflix und YouTube nicht mehr in HD. Das kann ich im Internet lesen. Erleichterung. Das Märzkind kann am Abend mit Freundinnen skypen. Das war wichtig, denn mittlerweile schlägt es aufs Gemüt.

Tag 5

Kuchen zum Frühstück, wir haben die Zeit. Die Geschenke kommen gut an und Glückwunschnachrichten erreichen das Märzkind von allen Seiten. Sogar die Klassenlehrerin hat dran gedacht, sie freut sich. Nach der Hunde-Spaziergangs-Runde portionieren wir den Kuchen und fahren die Omas an.

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Oma und Opa haben vor dem Haus einen Geschenktisch aufgebaut. Mit Blumen und Schnuck (Süßigkeiten, sagt man in Norddeutschland wohl dazu). Beide stehen im Fenster, und winken und gratulieren, so herzlich wie es nur möglich ist, in diesen verrückten Tagen. Die Oma verschwindet aus dem Bild um etwas auf dem Klavier vorzuspielen. Was von Beethoven, denn Beethovenjahr haben wir ja trotzdem. Das Märzkind strahlt.

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Dann müssen wir etwas hektisch zum Ende kommen, denn de Omma, die bis eben irgendwelche Gartenarbeiten gemacht hat, hat uns durch die Hecke gesehen. Sie war die einzige, die nicht verstanden hat, wieso wir nicht feiern. „Ooohhh, bestimmt will sie gratulieren, macht was!“ Ruft die Oma aus dem Fenster. Ich schnappe mir den dafür vorgesehenen Teller mit Kuchen und laufe der Omma entgegen. Sie freut sich, gerade wollte sie Kaffee kochen. „Guck doch mal da.“ Ich gucke da und sehe nichts. „Die Veilchen kommen. So schön. Und guck mal da.“ Mir fehlen die Nerven und gerade auch die Zeit, um mal überall im Garten „mal zu gucken“. Ich wünsche einen guten Appetit und gehe, mit einem schlechten Gewissen.

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Die Oma im Nachbarort öffnet die Tür und ruft „Keine weißen Anzüge!“ ins Treppenhaus. Gerade haben sie im Fernsehen gesagt, Leute in weißen Anzügen würden sich Zutritt zu Seniorenwohnungen verschaffen, in böser Absicht. Ab jetzt wird niemandem mehr geöffnet, der keinen Kuchen dabei hat, hat Käthe entschieden, erklärt die Oma. Normalerweise würde die Oma das Märzkind jetzt herzlich knuddeln, aber, ach, es ist ein seltsamer Moment. „Herzlichste Glückwünsche, wir holen das alles nach, nichts geht euch verloren“. (Bei Cousine und Cousin fallen gerade jede Menge Abschlussfeiern aus, harte Zeiten für das Oma-Herz)

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Die Tante erkundigt sich, wie wir die Geschenkeübergabe gestalten wollen. Vielleicht könnten sie ja sogar reinkommen? Jo, angeboten hätte ich es nicht, aber wenn sie möchten gerne. Sie hätte auch fast nicht gefragt, aber wie-ein-Onkel sitzt seit Tagen im home office und droht Gemütskrank zu werden. Na dann, bis gleich. Beim Kaffee sitzen wir noch weit auseinander, wir haben ja eh zwei Tische im Esszimmer stehen. Aber es ist zu sonderbar. Nach dem Essen beginnen Märzkind und wie-ein-Onkel über Fotografie zu fachsimpeln. Sie holt ihre Kamera und er erklärt ihr irgendwas über ISO Einstellungen. Dabei hängen sie so dicht mit den Köppen aneinander, dass es dann jetzt auch egal ist. Der Esszimmertisch hat Überbreite, abends essen wir alle zusammen da.

Der Liebste bekommt ein Video zugeschickt. Eine Frau steht auf dem Balkon, vermutlich zum Rauchen, sie geht einen Schritt zurück „Ach du scheiße“. Ein bisschen so, als würde man hinter der Turnhalle rauchen und die Aufsicht kommt unerwartet. Im Schritttempo rollt ein Kleintransporter ins Bild, auf dem Dach Megaphone. Eine Durchsage ertönt. Die Leute werden dringend gebeten, zu Hause zu bleiben und ihre sozialen Kontakte einzuschränken. Im Ort sei es vermehrt zu Infektionen mit Covid-19 gekommen. Eine Szene wie aus einem Film, 30 km von hier.

Das Handy macht die Runde, uns wird mulmig. Nach ein paar Minuten können wir wieder lachen. Wer hätte gedacht, dass man sich mal die Nachrichten vom Brexit zurückwünscht?

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Trotz allem war es ein schöner Geburtstag, sagt das Märzkind. Sie freut sich, dass die beiden da waren, sonst wäre es vielleicht doch ein bisschen traurig gewesen. Auch die anderen haben sich alle soviel Mühe gemacht. Ein glückliches Lächeln.

Es fällt ein Stein vom Mutterherz.

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Bei der Abend-Hunde-Runde stellen wir fest, das zu dem, was man woanders Skyline nennen würde bei uns auch die kleinen, sich zwischen den Orten bewegenden Lichtpunkte gehören. Die fehlen komplett. Es ist nicht ein einziges Auto unterwegs.

Tag 6

Samstag, ein ganz normaler Haus und Hoftag. Der Liebste muss arbeiten, 12 Stunden, das ist auch normal, am Wochenende.

Die Kinder helfen auffallend gut ohne zu nörgeln.

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Das Bäckerauto kommt spät, ist aber gut gefüllt, stelle ich fest. „Ach, hör bloß auf“, sagt die Brotwagenfrau. Das sei schon die zweite Fuhre, deshalb auch so spät. Gleich heute morgen hätten zwei Leute jeweils 6 Brote kaufen wollen. Die nehmen normalerweise aber nur zwei, und das hat sie denen dann auch gesagt. Mehr als normal gibts nicht. Es soll ja wohl für alle reichen, 6 Brote braucht man nicht mal einfach so, die kann man doch wohl vorbestellen, ein Anruf, dann ist es kein Problem. So, unter diesen Umständen, ist das einfach schlechtes Benehmen. Ich gebe ihr Recht und freue mich, dass wir noch was bekommen. Aber ich hätte auch improvisieren können, versichere ich ihr. Gemeinsam wundern wir uns einen Moment über die Leute.

Es war mein einziger Kontakt zur Außenwelt an diesem Tag.

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Der Himmel ist so klar. Ein Sonnenuntergang, quasi in HD. Ich ertappe mich dabei, wie ich am Fenster stehe und staune.