ohne Küken töten

An einem Sonntag Nachmittag bei 30°C sind nur 8 Leute im Freibad. Seltsam. Vielleicht dachten die alle, es wäre schon geschlossen? Normalerweise ist das ja so, ab September. Als ich einen Zeh ins Wasser halte, wird mir schnell klar warum so wenig los ist. „Das ist aber kalt“, sagt Julikind, und die ist wirklich nicht zimperlich, was Badetemperatur angeht. Wir brauchen beide fünf Minuten bis wir losschwimmen können, und haben dann das ganze Becken für uns allein. Zwei Rutschen, Blubber-Liegen, Wasserpilz, Bahnen schwimmen wie auch immer man möchte… Schade, dass ihre Freundin nicht dabei ist, sagt Julikind, sowas hätten sie sich den ganzen Sommer schon gewünscht. Die Duschen, die sich letzte Woche schon so lauwarm eingestellt waren, fühlen sich heute fast heiß an.

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Der kleine Bach, in dem der Hund gern tobt hat kaum noch Wasser. Die Waldwege sind genauso hart wie die Teerwege, das Gras ist sogar unter den Bäumen verdorrt, es riecht nach garnichts mehr nach Wald. Abends um halb eins höre ich im Halbschlaf die Sirene. Eigentlich könnte ich weiterschlafen, denn ich bin ja nicht in der Feuerwehr, aber mein Hirn sagt, lieber mal aus dem Fenster gucken. Alles dunkel, so soll das sein, nachts im Wald, ich kann in Ruhe weiterschlafen, aber – soweit ist es schon, denke ich beim einschlafen.

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Ein neues Schuljahr beginnt. Die Freude hält sich in Grenzen. Maikind ist erleichtert, sie sind 33 im Jahrgang, das gibt zwei Klassen – juhu. 32 hätten in eine Klasse gepasst. Eine Stunde Förderunterricht für jeden der will, zur Auswahl stehen die drei Hauptfächer, kann jeder selber sagen, wo der Bedarf am dringsten ist. In der Klasse des Julikinds werden die Hauptfächer jetzt getrennt unterrichtet, alles andere zusammen, sagt sie. Also, eigentlich genau wie eine Kombiklasse, es heißt nur nicht mehr Kombiklasse? Die Cafeteria konnte aus wirtschaftlichen Gründen noch nicht wieder verpachtet werden, man bittet um Verständis, die Kinder dürfen ins Dorf gehen und sich irgendwas kaufen, der Versicherungsschutz endet allerdings jenseits des Schulgeländes, jaja… Schnitzelzettel heißt das Schreiben intern. Bücher werden ausgegeben, wenn die Quarantäne des dafür zuständigen Lehrers endet. Beim Märzkind gibt es wieder eine Cafeteria. Die ist Zitat: „Pre. Mi. Um.“ Es folgt ein schwärmerischer Vortrag über das Preis-Leistungsverhältnis eines Käse-Baguettes. Leider gibts nur noch kaltes Wasser den Waschräumen. Da muss man sich ein bisschen gewöhnen, aber hej, für die gute Sache, kein Problem. Ach übrigens, das Budget für die Abschlussfahrten wurde verdoppelt. Hessen hatte da seit Ewigkeiten nix angeglichen, und deswegen gleich doppelt. Wottsefack. Da les ich einmal nicht den Muttizettel vom Kultusminister…

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Die Queen ist tot. Die Nachricht begegnet mir Lauf des frühen Abends zufällig und ich gucke seit langem mal wieder heute journal.

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Männer 4 Euro, Frauen 2 Euro steht auf dem Schild am Eingang. Das sieht mir aber fast ein bisschen nach Diskreminierung aus.* Kurz überlege ich, mich spaßeshalber als divers auszugeben, nur um mal zu sehen was passiert, statt dessen gucke ich nur verwirrt. Ich sei wohl schon länger nicht mehr beim Fussball gewesen? fragt de Mudda. Stimmt. Das letzte Mal als Spielerfrau, da zahlt man garnichts. Leute die mich kennen, sind überrascht mich hier zu sehen. „Zu wem halten wir denn?“, fragt Julikind. Schwierig. Der Onkel trainiert das eine Team, der Papa hat zwanzig** Jahre für das andere gespielt. Wir sind ehrlich gesagt nur hier weil die Chearleader in der Halbzeit auftreten.

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Dorfflohmärkte sind ein bisschen wie Schnitzeljagd. Man läuft so durch den Ort und freut sich, wenn man irgendwo Luftballons am Zaun sieht, dann geht man bei Leuten in den Garten oder in die Garage oder in die Scheune und weiß nie, was man findet. Nebenbei kann man sich nett unterhalten und wenn man genug hat, sucht man den Gemeinderaum/das Feuerwehrhaus wegen Kuchenbuffet. Zack – Sonntag rum. Vor Corona gab es sowas glaube ich garnicht.

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Zwei Hornissen fliegen abends neben der Haustür gegen die Wand. Nur abends und immer zwei, warum auch immer. Man muss nach der letzten Hunderunde aufpassen, das keine ins Haus fliegt, wenn man die Tür öffnet. Der Hund mag das Hornissen-Fluggeräusch nicht. Das bedeutet, es kann niemand schlafen, bis die wieder draußen ist. Mit nem Schuh drauf zu hauen traut sich keiner. Die Viecher sind beeindruckend groß, man will sie lieber nicht wütend machen, und wegen Naturschutz, natürlich.

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Auf der Mayo ist vorne ein neues Label drauf. „Ohne Küken töten“, der Hohlraum im O ist ein Herzchen. Das ist ja süß, und so sinnfrei, dass es schon wieder witzig ist, finde ich. Maikind möchte wissen warum ich lache. Ich zeige ihm das Label, er liest und denkt einen Moment lang so sehr nach, dass er mit kauen aufhören muss, dabei. „Aber, in Mayonaise sind doch generell keine toten Küken drin, oder?“ Nee. Das könnte man überall drauf schreiben. „auf Schickennuggets vielleicht nicht“, überlegt Maikind. Vermutlich meinen die, dass die Hähne, die keine Eier für Mayo legen nicht geschreddert werden. Hähne kommen in die Suppe. Dorfkinder wissen sowas.

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Es regnet, endlich. „Ähm, warte mal“, murmele ich, in der einen Hand die Türklinke in der anderen die Hundeleine, „bei Regen in den Wald…. normale Schuhe…“ zurück zum Schuhregal und einen Moment nachdenken „Socken… und ein Oberteil mit langen Ärmeln – Regenjacke vielleicht“, als wäre ich noch nie bei Regen draußen gewesen.

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Ich: stelle eine Packung Spekulatius auf den Tisch

Alle anderen: Was? Jetzt schon? Da muss man doch warten… das kann man doch noch nicht…Anfang September

Viertel Stunde später: Packung leer

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Nachtrag: * Der Liebste sagt, man gehe davon aus, dass die allermeisten Mädels nicht aus sportlichem Interesse zum Fussball gucken kommen, da will man sie nicht noch mit Eintrittsgeldern verschrecken. Ist ja trotzdem schön, wenn sie da sind. Keiner hat je darüber nachgedacht, dass das Deskriminierung sein könnte. ** Er spielt auch nicht seit zwanzig Jahren in diesem Verein Fussball sondern seit sechsunddreißg. Und im Übrigen ist es eigentlich unglaublich, dass ich beim Derby war und er nicht.

Geburtstage und Ferienanfang

Ich mag wenn es warm ist, aber, das hier, das ist sogar mir ein bisschen viel. Der Hund guckt mich vorwurfsvoll an. „Ich hatte es dir ja gleich gesagt“. Einmal Frisbee werfen und wir gehen wieder rein. 42°C Außentemperatur zeigt das Thermometer an. Abends Gewitter mit 46 Liter Regen. Der Wald sieht wieder fröhlich aus, die Hecke richtet ihre Äste auf, der Erntestaub ist aus der Luft gewaschen – herrlich.


Vormittags gibts ein gemütliches Geburtstagsfrühstück bei der Mudda. Ab Mittag gehts rund.

Die Bustüren öffnen sich und man kann von der Haustür aus hören, dass die Party quasi schon läuft. Alle Gäste kommen direkt nach der Schule, einmal im Leben nicht in Ferien Geburtstag… Es folgt ein klassischer Kindergeburtstag, mit Spagetti und Eis, Zeitungstanz und Fotoschnitzeljagd. Um halb sieben werden alle abgeholt. Der Liebste und ich gucken uns verwundert an. Das wars? Kein Starkregen-Ereignis mittendrin, niemand hat sich was gebrochen oder Kreislaufprobleme und verdroschen haben sie sich nur im Spaß, mit den Poolnudel-Lichtschwertern. Wahrscheinlich war das unser letzter Kindergeburtstag stellen wir fest. Im nächsten Jahr sind wir bestimmt zu peinlich. Es folgt ein kurzer Moment der Rührseligkeit, ach was, high five. „Da wartet man das ganze Jahr und zack, isses vorbei“, Julikind ist ein bisschen traurig. Zum Glück kommen am nächsten Tag noch die Großeltern und Paten.

Am Tag darauf wieder Geburtstagsfrühstück anlässlich Ommas 90stem. Das ist etwas offizieller, mit Pfarrer, Bürgermeister, und den Verwandten, die man selten sieht.


Die letzten Schultage haben sich gezogen wie Kaugummi. Jetzt sind endlich richtig Ferien. Stolz werden die Zeugnisse rumgezeigt. Zu recht, das war kein einfaches Schuljahr, haben sie toll gemacht, alle drei. „Brotdose raus?“ „jaja“ Schuljahr abgehakt.


„Kommt jetzt die kleine Kneipe„? erkundigt sich eine Gästin. „Nee, jetzt kommen erst die apokalypthischen Reiter, dann Peter Alexander, geht immer der Reihe nach“, sagt der Mann der das Handy mit der Musikapp in der Hand hält. Hier gehen die Geschmäcker weit auseinander, aber der Toleranzbereich ist riesig und es gibt Likörchen. Diese Feier hat keinen Anlass und braucht auch keinen. Menschen verschiedener Generationen hatten Zeit, sind gesund und das Wetter passt zum draußen sitzen. Es hat übrigens nie jemand gesagt, dass Frauen nicht an die Mauer hinter dem Haus pinkeln dürfen. „Die machen das von sich aus nicht“, sagt der Hausherr, und zuckt mit den Schultern.


Nachdem wir die verschiedensten Kuchenvarianten unterschiedlicher Hersteller durchprobieren durften (Präsentkörbe zum 90sten, de Omma backt natürlich trotzdem weiterhin selber) kommen wir zu dem Schluss – die schmecken alle gleich. Kuchengeschmack eben, das macht nachdenklich.


Beim Aufwachen höre ich leise Terassen-Frühstücksgeräusche der Nachbarn, das ist schön.

Zu meiner eigenen Überraschung bin ich überhaupt nicht neidisch, beim Anblick der Status- Urlaubsbilder der anderen. Ich hätte gerade überhaupt keine Lust, das Auto zu beladen…

Ein Freibadbesuch, ein Kinobesuch, lange schlafen, und schon ist eine Ferienwoche rum.

Die zweite Ferienwoche hatte bisher zweimal Magen-Darm vom allerfeinsten und einen spontanen Zahnarztbesuch zu bieten. Das bleibt ehrlich gesagt hinter den Erwartungen zurück. Andererseits – läuft, mit der Bikinifigur.

KW 27/28 2022, Vor-Ferien

Abends um zehn ist es ungewohnt still im Haus. Die Spätschicht- Kinder schlafen alle woanders.


Ich bringe Märzkind zur Fahrstunde und gehe einkaufen. Während ich die Einkäufe einräume ploppt eine Nachricht vom Julikind auf, ob ich denn schon am Bahnhof bin? Oh ha, Blick auf die Uhr, nee, das kann nicht sein. Ich werde in etwa drei Minuen da sein, schreibe ich.

Am Bahnsteig stehen auffallend viele Leute. Ich bleibe einfach an der Treppe stehen, es ist der einzige Weg raus, das Kind wird mich finden. Dann winkt mir jemand fröhlich aus der Menschentraube und ich gehe doch bis an den Bahnsteig. Ach guck, dass sind alles Eltern – und Geschwister – und Hunde?, der Klassenfahrt-Kinder. Der Zug kommt und es gibt ein Riesengewusel. Julikind sieht mich, kommt mit der riesen Reisetasche angerollert, kurze Umarmung, „schön, dass du wieder da bist“, „tschüssi tschüssi“ in alle Richtungen und auf zum Auto. Als letzte hin, als erste weg, so holt man Drittkinder ab.

Wir haben noch über eine halbe Stunde Wartezeit zu überbrücken, bis die Fahrstunde um ist. Man könnte ein Eis essen – oder auch nicht. Es haben tatsächlich alle Eisdielen geschlossen, an einem Freitag abend um 19 Uhr, im Juli. Kurz überlegen wir, zurück zum Rewe zu fahren, da gibt es noch Eis, abends, aber so dringend ist es eigentlich nicht. Wir parken vor der Fahrschule und spielen Uno im Auto.

„Sylt ist eine Angeber-Insel“, sagt Julikind, „die schreiben „Sylt“ wirklich überall drauf. Flaschenöffner, T-Shirts, Kaffeetassen, es ist fast peinlich. Aber schön ist es. Sehr schön sogar. Es wäre eigentlich gut, wir da ein Ferienhaus hätten, vielleicht so ein großes, mit so einem Dach, hinter den Dünen….“ Ähm, jo.


„Bestimmt krieg ich tierischen Durchfall davon“, sagt Märzkind, „aber – das ist es mir wert“. Sehe ich genauso. Zwei Eimer voll mit wunderschönen Kirschen stehen in der Küche und die sind sowas von lecker. Alle essen, soviel wie geht, den Rest koche ich ein. Ein Hauch von Sommer für schitterige Herbst- und Wintertage. Ein herzliches Dankeschön geht über den Zaun, wir haben uns echt gefreut.


„Samma, du hast doch genullt, oder nicht?“ „Ja, ist aber keine große Sache gewesen“ „Wußte ich`s doch, ihr wart ein Jahrgang“. Geburtstags-Glückwünsche,von Herzen, eine Umarmung, wir atmen beide einmal durch und schlucken. Jemand fehlt. Auch hier. Fast wäre es rührselig geworden, aber „Nu komm“, die Familie schmilzt im Auto. Das Leben geht weiter.


Das Vor-Ferienprogramm läuft. Ein Wandertag ins Freibad, einer nach FortFun, Fussballtunier, Pizzaessen, Filme. Dieses Schuljahr ging schnell rum, obwohl es so spät Ferien gibt. Könnte dran liegen, dass die Schule geöffnet hatte.


Eine Zecke krabbelt auf meinem Arm. Ich schnipse sie runter, nehme den Kulli, der da gerade liegt und mache sie platt, ohne drüber nachzudenken, eine fließende Bewegung. „Ups, das tut mir leid“, sage ich. „Waaas?“ fragt Märzkind. Leider hat der winzig kleine Kadaver einen Fleck auf einem Blatt ihres Ferienjob-Vertrages hinterlassen. Was sollen die Leute denken? Nix vermutlich.


Mallorcinische-Pimmelmusik löst Fluchtreflexe aus, bei mir. Wahrscheinlich bin deswegen als einzige wach geworden. Das Lied von der geilen Layla wird unter unserem Schlafzimmerfenster gegrölt, morgens um vier. So klingt der Sommer, in diesem Jahr, machste nix dran. Um halb fünf kommt das erste AS-Taxi und nimmt die fröhlichen Nachtschwärmer mit.


Heute haben sie gelernt wie man googelt, erzählt Julikind beim Mittagessen. Das war lustig, bis sie bemerkt haben, dass das wirklich ernst gemeinter Unterricht sein sollte. Ab da sind sie sich alle ziemlich verarscht vorgekommen, denn, ganz im Ernst, das konnten sie doch im Kindergarten schon. Stimmt.


Dieser Kartoffelsalat nach Muddas Rezept hat anscheind geschmeckt. Zwei Kilo Kartoffeln waren das. Einfach weg. Irgendwer hat sogar die Schüsseln in die Spülmaschine geräumt.


Die Getreideernte ist aus allergischer Sicht genauso doof wie die Heuernte. Fünf Staubwolken können wir sehen, bei der Hunderunde, und ein Mähdrescher läd genau neben uns Korn in einen Hänger. Ich rieche das gern, bekomme aber die Quittung am nächsten Tag. Allergie-Kater, so fühlt man sich wahrscheinlich mit 90, oder so. Eigentlich wollte ich einen gemütlichen mimimi-Tag einlegen. Dann ploppt ein Bandenscheibenvorfall im Freundeskreis auf und kurz danach zwei Coronainfektionen. So gesehen gehts mir prächtig.


Die Eltern der neunten Klassen kümmern sich um Theke und Küche während der Abschlussfeier der 10ten, wie in alten Zeiten. Nachmittags melden sich zwei spontan positiv, die werden nicht hinter der Theke stehen, abends. Innerhalb kürzester Zeit findet sich Ersatz. Ich lese den chat und die Stimme in meinem Kopf fragt laut und deutlich „Hä?!“ Also im letzten Jahr gab es diese Abschlussfeier dreimal hintereinander. Für jede Klasse einzeln. Jeder durfte drei Gäste mitbringen, die am Eingang einen Negativtest vorlegen mussten. Während der Feier haben wir mit Maske und sehr viel Abstand in der Halle verteilt gesessen. Danach ein Foto und fertig. Niemand im Bekanntenkreis hatte Corona, zu dem Zeitpunkt. Null. Heute kenne ich vier Positive und – wer schließt eigentlich das Fass an???


Mit Märzkind und der Mudda besuche ich ein Kammerkonzert. Märzkind wollte gern, und man muss ja auch mal, irgendwas mit Kultur. Ein schönes Konzert. Als Zuschauerin bin ich glaube ich noch nie bei einem gewesen. Wir ziehen das Durchschnittsalter gewaltig nach unten. Das Publikum ist fast eine Show für sich.

Danach Eisbecher, der hat geschmeckt.


Kindergeburtstag nächste Woche. Wie geht das nochmal?

Und warm soll es werden, aber so richtig.

KW 24/25 2022

Langes Wochenende und kein Führerschein. Märzkind wird vermutlich an Langweile sterben, langsam und qualvoll, nur dass ich bescheid weiß. Letztes Jahr wars besser, da waren alle zu Hause. Zack, hatte man zehn Leute zusammen, die Zeit hatten, zum Campen am See. Tja, das ist vorbei. Dann backt sie Muffins, weil sie mit der Freundin zum Picknick verabredet ist, abends auf die Kirmes. Das langweiligste Leben von allen eben.


Julikind hat seit zwei Wochen kein whattsapp mehr. Zu unser aller Überraschung vermisst sie es nicht. Wenn man ehrlich ist, sogar fast im Gegenteil. Es gibt diesen einen Moment abends, wenn man sich nicht sicher ist, ob morgen die erste Stunde nun ausfällt, da wäre es schön, mal gerade jemanden fragen zu können. Aber die allermeisten Nachrichten sind entbehrlich. Für die Klassenfahrt sollte das Handy natürlich funktionieren. Nacheinander probieren wir alle alles durch. Ohne Erfolg. Der Patenonkel hat Zugriff auf Fehlersuch-software und stellt mit großem Bedauern den Totenschein für dieses mobile Endgerät aus. Das Problem lässt sich nicht mehr lösen. Julikind ist ein bisschen traurig, aber, dass hatte sie sich gedacht, denn das Handy ist „ja schon zwei Jahre alt“. Der Patenonkel sponsert ein neues.


Die Schule nimmt am „Schulradeln“ teil, eine Unterkategorie der Aktion „Stadtradeln“. Die mail kam vom Klassenlehrer des Julikinds, aber die winkt dankend ab. Maikind läd sich die App runter, holt das Fahrrad aus der Garage und fährt 230 km innerhalb einer Woche. Fahrrad wohlgemerkt, nicht E-bike. Nachdem er zwei Jahre seine Freizeit überwiegend zockend im Zimmer verbracht hat. Ende der Woche teilt er beiläufig mit, dass der Chemielehrer seine Abschlussprüfung übernehmen wird. Er hat nämlich jetzt ein Thema für seine Präsentation. Der Liebste und ich schauen uns verwundert an. Das ist toll, aber hä?


Endlich Sommer, ich mag wenn`s warm ist und freue mich. Leider bin ich da die einzige. Um mich rum nur „nörgelnörgel viel zu heiß, wie lange dauert dass denn jetzt, diese Hitzewelle nörgelnörgel…“ Ich bitte euch, drei warme Tage sind angesagt, das kann man überleben. Mein Plan war, das nicht nur zu überleben sondern sogar zu genießen. Statt dessen halte ich Türen und Fenster geschlossen und mache schiefend Hausarbeiten. Nach dem hundersten Taschentuch mache ich einen Coronatest, so elend fühlt es an. Heuernte.


Samstag Abend wird der Wald mit irgendwelchem Partylicht angestrahlt, sieht schön aus. Die Grillhütte spielt „Cordula Grün“ zur letzten kleinen Hunderunde des Tages.


Wenn es jetzt so warm ist, wäre es schön, kurze Hosen zu besitzen, denn die vom letzen Jahr passen nicht mehr. Märzkind übergibt die Vorjahresklamotten an Julikind. Die passen. Erfreulich, dann braucht ein Kind keine neue Klamotten, aber, meine Güte, wie alle gewachsen sind in einem Jahr.


Vormittags bei der Hunderunde mit einer Hausfrauen-Kollegin festgeschnuddelt. Sowas passiert auch nur im Sommer. War schön – und der Hund ist danach müde gespielt.


Eine Kugel Eis in der Fussgängerzone kostet 1,30 Euro. Ich esse gern Eis und ich bin bereit für gutes Essen Geld auszugeben. Dieses Eis schmeckt nur leider nicht mehr gut. Vermutlich wurde inflationsbedingt die Rezeptur optimiert. Das können sie an Leute verkaufen, die sowas nicht merken. Ich bin raus.


„25°C kann man aushalten“, sagt Julikind, „mehr ist zuviel“. Zum Glück hat die Freundin Zeit und die beiden werden ins Freibad gebracht. Zum Abholen fahre früher los, dann kann ich auch noch eine Runde schwimmen, so der Plan.

Irgendwo ist gerade ein Badesee gesperrt, sagen sie im Autoradio. Ein junger Mann ist ertrunken und wurde bisher nicht gefunden, deshalb ist der Badestrand gesperrt. Das scheint mir angemessen, da würde ich auch garnicht schwimmen wollen. Im Mittelmeer ertrinken regelmäßig Leute, sagt die kleine fiese Stimme in meinem Kopf, da werden die Strände nicht gesperrt. Naja, das ist was anderes, da würde ich glaube schon schwimmen gehen wollen. Anscheind gibt es irgendwo in mir drin, ein Verhältnis Wasser zu Leiche ab dem ich sagen würde „mmmjo, passt schon“, und ich frage mich, wie groß das wohl ist. Was man so denkt, bei 35°C. „Cringe“, ist wohl das Wort, das die Kinder dafür verwenden würden.

Am Zaun des Freibades stelle ich fest, dass das Verhältnis von Wasser zu lebenden Menschen mir hier heute nicht passt. Es ist so dermaßen voll, da nehme ich mir einfach das „falls man mal irgendwo länger auf jemanden warten muss-Buch“ aus dem Handschuhfach und setze mich vorm Freibad in den Schatten. Eine halbe Stunde später kommen zwei fröhliche, müde, Mädels mit Freibad-strubbel Haaren auf mich zu. Pizza haben sie gegessen und jede Menge Leute getroffen. Das Mutterherz erlebt einen weiteren Nach-Corona-Moment. Die wissen eigentlich garnicht, was sie alles verpasst haben.


De Omma bekommt Küken. Eigentlich erst Mittwoch oder Donnerstag. Aufgeregt ist sie aber schon Montag und Dienstag… da guckt man lieber einmal zuviel im Hühnerstall…wie ein Kindergartenkind in der Woche vor Weihnachten. Donnerstag sind tatsächlich 6 Küken da und es kehrt Ruhe ein. Ich bin nicht die einzige, die heimlich aufatmet. Wenn`s gut läuft, beschäftigt sie das bis zu ihrem Geburtstag.


Ich fahre mit den Mädels Gärten angucken. Im Flyer vom „Tag der offenen Gärten“ stand was von Rosengarten und Julikind malt gern Rosen. Märzkind macht Fotos mit dem neuen Objektiv. Der Garten des Gutshauses ist toll, aber haben wollen würden wir den nicht. „Stell dir mal vor, du müsstest hier Schitt ruppen. Das alles.“ Märzkind macht eine Geste über die wunderschön gepflegten Beete. Julikind macht ein nachdenliches Geräusch, so gesehen kann man doch auch gut ohne Pool leben.

Foto: Märzkind

Der Salbei im Garten blüht. Von der Bank aus kann man Hummeln, Bienen und ja, was denn eigentlich beobachten? So ein Tier hatten wir noch nie hier. Womöglich haben wir eine neue Art entdeckt. Es bewegt sich wie ein Kolibri und macht überhaupt kein Fluggeräusch. Märzkind googelt Kolibri-Hummel. Es handelt sich um einen Wollschweber, und der gehört zur Familie der Fliegen, anscheind gibt es davon 34 verschiedene in Deutschland. Wieder was gelernt.

Tomaten kommen, je eine winzige Paprika und Aubergine wachsen, Salat haben wir schon gegessen, Gurken auch. War eine gute Idee, den Boden zu düngen.


Da wohnt anscheind jemand direkt nebenan. Auf dem Video in der whatssapp Gruppe des Liebsten sieht man einen Garten. Trampolin, Sitzecke, alles wie überall. Direkt hinter dem Zaun wechselt allerdings die Farbe. Unten im Bild ist es orange, darüber schwarz, dazu ein Knisterknack- Geräusch wie Kaminfeuer und Sirenen. Das Holzlager eines Baumarktes ist abgebrannt, im Städtchen.


Irgendwas muss auf der Weser transportiert werden. Dafür braucht es das Wasser aus dem Edersee. Unsere Badestelle ist jetzt Wiese, schade.

KW22/23 2022

So, Schnauze voll. Ich hole mir eine zweite Decke vom Dachboden und schlafe ganz wunderbar, ohne zu frieren. Zum Frühstück esse Apfel-Zimt-Porridge, bringe danach eine Ladung Sonnenblumenkerne ins Futterhaus vor dem Fenster und gehe die Hunderunde in Winterjacke. 5°C, merkste selber, Juni, oder?

Nachmittags, am gleichen Tag wohlgemerkt, schleudern wir den Honig. Also, der Liebste stellt die Honigräume in die Küche, ich mache den Rest. Geht schnell, dieses Frühjahr.

Am nächsten morgen ist es merklich wärmer. Und sonnig. Fast sommerlich, man kann es kaum glauben. Märzkind und ich fahren nachmittags kurzentschlossen zum Erdbeerfeld. Nicht, dass da über Pfingsten alles abgeerntet wird – oder von Gewitter zerhagelt. Sonnencreme wäre eine gute Idee gewesen, aber mit schwülen 26 °C hatte irgendwie keine von uns gerechnet. Korb und Eimer sind schnell voll. Auf der Rückfahrt durchs Städtchen fährt ein Leichenwagen vor uns her. „Jo, dieses Wetter macht einen fertig“, sagt Märzkind.

Abends dann anbaden im See. Herrlich. So geht Juni.


Jahresvorrat Erdbeermarmelade gekocht.

Honig abgefüllt und Kunden zugeordnet. Da muss garnichts in den Keller getragen werden.


Der Teilzeitnachbar entrümpelt die Wohnung. Ich wasche Wäsche. Fast bei jeder Ladung, die ich aufhänge oder abnehme gibt es etwas Neues. Und es ist tatsächlich interessant wer da wann was abholt. Innerhalb von zwei Tagen wird das Carport einmal komplett bis oben voll und wieder leer geräumt. Ich staune. So ordentlich sah das noch nie aus. Das Ende einer traurigen Geschichte.


Abends um elf geht ich die letzten paar Meter mit dem Hund und brauche noch nicht mal einen Pulli. Ein lauer Sommerabend. In der Grillhütte wird gefeiert. Die ersten Takte eines Musikstücks laufen, man hört, dass die Gesellschaft sich freut, es wird mitgesungen. Das ist kein volltrunkenes Gegröle, stelle ich fest. Eigentlich ist das keine Überraschung. Da feiert heute die „Interessengemeinschaft landwirtschaftlicher Nutzfahrzeuge“ ( also Landwirte, Schlepperfreunde, Schrauber jeden Alters…), ich könnte mir vorstellen, dass von denen einige im Gesangverein sind. Den Refrain singen alle gemeinsam, die Hütte bebt. Es ist fast ein Gänsehautmoment. „ICH HAB ÜBERLEEEEGT MIT DEM SAUFEN AUFZUHÖÖÖÖÖÖRN . AAAAABER ICH SCHWANKE NOCH. ICH SCHWANKE NOCH“ Der Hund guckt mich fragend an. Das kennt er nicht. Tja Hund, früher, da war sowas normal, an sommerlichen Samstagen.


Ach übrigens, sagt Maikind, es gibt nur Frühstück in der Unterkunft. Sie sollen Taschengeld mitbringen, so zwischen 50 und 100 Euro wären gut, hat der Klassenlehrer gesagt. Ähm jo, früher waren Klassenfahrten ja mal „all inclusive“, meine ich mich zu erinnern, aber kein Problem, Gott sei Dank. Wer diese Beträge nicht mal eben so aus dem Hut zaubern kann ist übel angearscht, wenn so eine Info drei Tage vor Reiseantritt kommt.


Weil das Schüler-Hessenticket jetzt auch ein 9 Euro Ticket ist, muss man zum AS-Taxi garnichts mehr dazu bezahlen, sagt Märzkind und freut sich. Normalerweise kostet jede Fahrt einen Euro. Das sind bestimmt 20 Euro pro Monat, die sie jetzt anders ausgeben kann, schätze ich mal.

Märzkind bekommt ihren Traum-Ferienjob angeboten. Es ist der Job, den sie im Moment macht, als Praktikantin. Man würde sie gern über die Ferien weiter beschäftigen und wenn möglich sogar darüber hinaus, genau wie jetzt nur eben mit Geld. Da musste sie nicht überlegen. Fröhlich summend schwebt sie durchs Haus. Wenns einmal läuft…


Der große Neffe begegnet uns, einfach so, vor der Pommesbude auf dem Pfingstmarkt. Wir haben uns lange nicht gesehen, ich muss tatsächlich zweimal gucken, bevor ich mir sicher bin, dass er es ist. Die junge Frau an seiner Seite, ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, wie sie heißt, das wird gleich peinlich. Oder auch nicht, wir werden vorgestellt, alle freuen sich. Smalltalk, Pommes, weiter gehts. „Der hat ganz schön Kreuz gekriegt, auf der Polizeischule, ne?“, sagt der Liebste. Jo, das ist wahr. „und dem seine Freundinnen sehen eigentlich immer gleich aus“.

Julikind kommt fröhlich quieksend aus dem riesen Schaukel-Fahrgeschäft. Die 6 Euro haben sich sowas von gelohnt, sie ist begeistert, das könnte sie direkt nochmal… Ihre Freundin wischt sich mit einer fahrigen Bewegung eine Haarsträhne aus dem Mundwinkel, sie sagt garnichts und ihr Gesicht hat keinerlei Farbe.


Der Gastgeber, der mag uns wirklich, sagt er. Wir sind unkomplizierte Gäste, weil, wenn man uns einläd, dann sagen wir „okay, danke“, kommen zur angepeilten Uhrzeit und essen einfach ne Wurst. Die anderen wollten lieber früher kommen, wegen der Kinder und die essen alle nur noch vegetarisch… und samma, ganz ehrlich, ne, wenn man doch zum grillen einläd… Der Liebste drückt ihm ein Bier in die Hand und klopft ihm die Schulter.

Wir können die Blagen einfach alleine zu Hause lassen. High five. Die anderen unterhalten sich über Einschulungsfeiern und sind ein bisschen neidisch.


Ansonsten war nix. Auch mal schön.

KW 21/ 2022

Auftritt Julikind. Als Hausaufgabe sollte sie ein Gedicht schreiben, über eine Krankheit ihrer Wahl, das hat sie gemacht, ob sie das mal vorlesen soll?

Der Liebste und ich sitzen gerade mit Kaffee, wir nicken. Julikind liest vor.

Julikind: „Un? Is gut ne?“

Der Liebste schmunzelt :“Jo ist gut“ Julikind guckt mich fragend an

Ich: „Ähm, es reimt sich nicht und hat kein Versmaß“

Julikind: „Versmaaaassss?“ Der Liebste guckt mich fragend an.

Ich: halbherzig singend „wenn ich dann gestorben bin – falleri – fallera – trägt man mich zum Friedhof hin – falleriaaraa -so in der Art“

Der Liebste lacht in seine Kaffeetasse: „Du wieder…“

Ich: „Wenn dir spontan was anderes einfällt….“

Der Liebste: „Nee, nee, bei Versmaß bin ich raus.“

Ich: „Die Zeilen müssen etwa gleich sein und es muss einen Rhythmus haben, bei einem Gedicht…“

Julikind: „Tss, ich finds gut, ich lass das so“

Ich: „OK“

Der Liebste nickt. „Jo, ich finds auch gut so.“

Abgang Julikind

Niemand hat mehr Lust auf Unterricht ersetzende Hausaufgaben-Berge.


Da tut sich doch wahrhaftig ein Zeitfenster auf, in dem wir alle zu Hause sind. Kurzentschlossen fahren wir ins Städtchen um uns die Ausstellung des Malwettbewerbs anzusehen, bei dem das Julikind mitgemacht hat. Wann sind wir denn das letzte mal zu fünft im Auto gefahren? Es muss schon eine Weile her sein, früher war irgendwie mehr Platz, es dauert einen Moment, bis die Blagen diskutiert haben wer welchen Fuss wo…

Die Ausstellung ist klein aber es lohnt sich. Wir sind ehrlich beeindruckt, von dem, was die Leute so gemalt haben.

Und wenn wir schon im Städtchen sind, Märzkind braucht Schuhe und ich muss eine Runde durch den Rewe.


Bei der OP letzte Woche wurde ein doppelter Bandscheibenvorfall gerichtet. Es ist alles gut gelaufen und die Patientin kommt am Montag nach Hause. Das sind alle verfügbaren Informationen.

In meiner Familie nimmt man Anteil an Krankheitsverläufen, schickt Genesungswünsche und Süßigkeiten, gründet Gruppen zur Organisation von Einkäufen, Arztfahrten oder Sachen halt. Ich brauche immer eine Weile, bis mir klar wird, das Nachfragen zwecklos sind. Alles in bester Ordnung.


„Samma, was kriegt der Junge eigentlich von uns zum Geburtstag?“ erkundigt sich der Liebste. „Ich weiß es nicht“. „Aber du hast das doch bestellt?“ „Ja sicher“ Ich zeige ihm den sehr kleinen Karton auf dem zwei Computerbauteile abgebildet sind. „Ah, und – was ist das?“ „Das, was er sich gewünscht hat“ Der Liebste dreht und wendet den Karton, liest die Aufdrucke „Tja, weiß ich auch nicht“, murmelt er.


Maikind wird 15. Eine kleine feine Geburtstagsfeier. Die Uromas sind so dermaßen erstaunt, wie viel er in dem einen Jahr gewachsen ist, dass alle lachen müssen. Wir machen Fotos im Garten. Geschenke waren alle gut. Zimtstern-ähnliches Gebäck kann man durchaus auch im Mai mal essen, da waren sich die Gäste einig und Gegrilltes hatten wir schon länger nicht. Party mit Freunden gibts dann im Sommer. Ohne Eltern.


Boar. Dieser Geruch ist so außergewöhnlich, dass ich davon wach geworden bin. Er verschwindet auch nicht, obwohl das Fenster auf ist. Vier Uhr. Ich krabbele aus dem Bett, finde die Ursache und muss mich einen Moment sortieren. Der Hund ist nicht wohlauf, lieber keine Details. Ich wecke den Liebsten, denn hier ist alles dringend. Er geht mit dem Hund vor die Tür, ich fange an zu putzen. Nach zwanzig Minuten kommen die beiden zurück und der Liebste putzt nochmal. Ich hatte gedacht es geht wieder einigermaßen, aber wenn man von draußen kommt, dann nicht.

Julikind kommt zum Frühstück, wobei, sie kann bestimmt garnichts frühstücken, denn der Kiefer, der tut echt weh, heute. Okeeee, das sieht heute auch anders aus als gestern. Das kann auf keinen Fall warten bis Montag. Wegen Brückentag hat die Hausarztpraxis geschlossen. Zum Hausärztlichen-Notdienst also. Der Liebste übernimmt, weil er unter Masken besser atmen kann als ich. Zwei Stunden später frage ich nach, ob es denn sehr voll ist, in der Praxis. Der Liebste schickt kommentarlos seinen aktuellen Standort. Eine Klinik 45 km von hier. Och nö. Als ich gerade anfange, gedanklich eine Krankenhaustasche zu packen, kommen die beiden wieder. Da hatten sie Glück, dass der HNO-Notdienst bereit war, auf sie zu warten, die halbe Stunde, die es dauert vom Städtchen bis dahin, sonst hätten sie noch weiter gemusst.

Der Tierarzt hatte normal geöffnet, da haben sie auf dem Rückweg was für den Hund mitgebracht.

Freie Tage sind vom Universum nicht vorgesehen für uns, stellen der Liebste und ich fest, als wir abends noch eine Hunderunde laufen. Es ist ja garnicht so, dass wir was unternehmen wollen würden, nur, mal etwas in Ruhe erledigen können, bevor es unbedingt dringend sofort sein muss, das wäre schön, und wenn mal ein Wochenende lang niemand Schmerzmittel brauchen würde, das auch.


Früher, da war das ein fröhlicher Festzug, mit Kapelle, Fahnen und Leuten aller Altersklassen. Ein ganzes Dorf auf dem Weg zum Freibier. Dieses Jahr marschieren die Ehrengarde und der Burschenverein hinter einem einzelnen Trommler durch den Ort, morgens um halb neun. Mehr ging nicht, wegen Coronaveranstaltungsregeln in der Planungsphase. Es wirkt etwas befremdlich. Aber ich habs auch nicht so, mit der Brauchtumspflege.

„Der kannste mal gleich einen Eimer mitgeben“, sagt das Pluseinskind fröhlich, als sie nachmittags nach Hause kommen. „Quatsch“ sagt Märzkind und boxt ihn ein bisschen „n bisschen beschikkert höchstens“. Das Mutterherz freut sich über normale Teenager.


So, und wie ich schon sagte, von mir aus könnte die Außentemperatur Ende Mai morgens um neun gerne schon zweistellig sein.

Osterferien 2022

Märzkind steht fröhlich, aber erkennbar müde, neben ihrem Koffer in der Tür.

„Zwei Sachen“, sagt sie „ich hab wahrscheinlich wieder Corona und mein Handy ist kaputt“.

„Hallo Kind, schön, dass du wieder da bist. Komm einfach rein, so ein FFP2-Masken-Gehampel würden wir sowieso nicht nochmal machen, das hat ja nichts gebracht und tja…“

Eine Woche war das Kind mit Freunden unterwegs und wir haben uns alle ein bisschen erholt.


Man muss in der Fastenzeit nicht unbedingt verzichten, man kann auch bewusst Sachen tun, hat de Mudda gesagt. Ich habe also seit dem Märzkind-Geburtstag jedesmal, wenn mir jemand ein Bier angeboten hat und ich nicht mehr fahren musste „ja“ gesagt, um entweder eine ausreichende Trinkfestigkeit zu erlangen, oder den Alkohlkonsum in der Öffentlichkeit einzustellen. Ostersonntag, morgens um halb drei, beende ich dieses Experiment, „nein danke, es ist genug“, trotz Freibier. Der Liebste und ich gehen zusammen mit Märzkind und Pluseinskind nach Hause. Das war ein erstklassiges Osterfeuer, da sind wir uns einig. Es folgt der faulste Ostersonntag aller Zeiten.


Am Ostermontag feiert Brüderchen seinen Geburtstag. Es gibt ein Frühstücksbuffet vom Feinsten. Da findet wirklich jeder was, zwei Stunden wird gegessen. Danach gehts zum Eierwerfen, dann wieder Sofa.

Bis Mittwoch sind alle Eier und Schokohasen aufgegessen. Gut so. Die Süßigkeitenberge vermisst niemand.


Alle Kinder haben schon wieder diese Erkältung. Ärgerlich in den Ferien. Bei den Mädels ist es nach drei Tagen wieder gut, beim Maikind beginnt nahtlos die Pollensaison.


Duschen, anziehen, mit dem Auto einmal ums Städtchen drumherum fahren, weil man wegen Baustelle nicht einfach durch kann – was für ein Aufwand, schwer vorstellbar, dass man sowas früher öfter gemacht hat. Aber, als ich mit Julikind im Kinosaal sitze, sind wir doch beide froh, dass wir uns aufgerafft haben. Ein schöner Film. Daniel Ratcliff kann den Bösen spielen, wer hätte das gedacht.


Man könnte es regelmäßiger machen, dann wäre es vielleicht weniger *wurks* , sagt eine Stimme in meinem Hinterkopf. Sicher. Man könnte seine Steuererklärung auch im Februar schon machen, sage ich. Fürs Protokoll: Waschmaschinendichtungen und Einspülkammern gereinigt, Maschine entkalkt, im April.


Julikind braucht was zum Anziehen für eine Hochzeit. Bei der Gelegenheit nehmen wir das Kommunionskleid mit, dass hier einige Jahre als Prinzessinenkleid im Einsatz war. Da passt niemand mehr rein, aber es ist immernoch gut, Julikind streicht noch einmal mit der Hand drüber, seufzt und übergibt die Tüte an die Dame im Rote Kreuz Laden. Eine Stunde später kommen wir nochmal am Laden vorbei. „Guck mal, was da im Schaufenster hängt“, sage ich. „Ooooohhh“, sagt Julikind. Da macht sich das Kleid viel besser als in unserem Dachbodenschrank.

Julikind hat aktuell drei verschiedene Kleidergrößen am Oberkörper. Klamotten kaufen ist ein bisschen kompliziert.


Post vom Energieversorger. Ab Juni wirds teurer, es sei denn, es wird günstiger, das könnte wohl auch sein, wenn da irgendwas wegfällt, aber wir sollen mal lieber davon ausgehen, dass es teurer wird. Das ist keine Überraschung. Ich rechne nach. In unserem Fall wären das in etwa die Stromkosten eines Monats, die nochmal dazu kämen, wenn denn dann.


„Wann wart ihr denn zuletzt auf einer kirchlichen Hochzeit?“ Da muss ich aber wirklich überlegen. Es ist auf jeden Fall schon länger her. Meine Schwester und ich stehen mitten im Sektempfang und schauen uns die Leute an. Dass man bei einer Hochzeit mal kaum jemanden kennt und nichts muss, ist ungewohnt, aber toll. Bestimmt füllen wir den Single-Tisch auf, vermutet meine Schwester – für sowas sind Cousinen doch da. Die vier Unbekannten, mit denen wir den Tisch teilen sind zwei Pärchen mitte zwanzig. Einer davon sieht so aus, wie Daniel Ratcliff in dem Film, flüstert Julikind mir zu. Tatsächlich. Wir sind der nicht-Schlager-hörende-Tisch, sehr viel näher an der Theke als an der Tanzfläche. Passt. Es gibt Gegrilltes und 6 Meter Salatbuffet dazu, dann Eis aus der Gefriertruhe zum selber nehmen. „Manche meinen ja, da müsse man noch mousse au chocolat servieren, wenn alle sowieso schon voll gefressen sind“ sagt die Tischnachbarin, „aber das ist doch Quatsch“. Finde ich auch. Eine richtig schöne Party.


So, von mir aus kann es jetzt gerne ein bisschen wärmer werden. Ich habe keine Lust mehr auf Hunderunden in Winterjacke.

KW 14/15 2022

Die Nachbarin ist Ü70. Sie schreibt whattsapps wie Briefe. Meine liebe…, Text in ganzen Sätzen, neue Zeile ihr Vorname und der Nachname dargestellt durch das passende Emoji. Das hat was. Schön zu lesen.


Abends um zehn der letzte Blick auf die Vertretungsplan-app. Morgen zur ersten Stunde, seufzt Julikind. Morgens um halb sieben Nachrichten von den Mütterkolleginnen auf dem Handy – erste Stunde entfällt. Die Mathearbeit wurde verlegt, auf irgendwann nach den Ferien, sagt Julikind. In der Paralellklasse sind sieben Kinder positiv zu Hause diese Woche, da macht das keinen Sinn, wegen der Vergleichbarkeit der Ergebnisse, hat der Lehrer gesagt. Letzte Woche waren in der eigenen Klasse sechs Kinder nicht da. Die Deutscharbeit haben sie trotzdem geschrieben, weil, auf was soll man denn warten, hatte die Lehrerin gesagt. Ach, es gäbe da übrigens einen neuen Stundenplan, ob ich den vielleicht irgendwo aufhängen will, fragt Julikind. Nö. Schule ist wie Wetter, wir nehmen es wie es kommt.


Wegen Spritpreisen und Weltrettung schien es eine gute Idee zu sein, dass der Liebste auf dem Heimweg einkauft. Ich müsste ja sonst extra dahin fahren, wo er sowieso vorbeikommt. In der Praxis funktioniert das nicht, stellen wir fest. Ich habe die Bestände eher im Kopf und kaufe manchmal Sachen, die nicht sofort gebraucht werden, einfach, weil ich im Vorbeigehen dran denke. Wenn der Liebste „Filtertüten“ auf der Liste stehen hat und es gibt die in der passenden Größe nicht, ist das für ihn eine Stresssituation. Da wäre ich nicht drauf gekommen. Wir haben übrigens noch welche, ist halt nur die letzte Packung und ich beim Zettel schreiben ist mir das eingefallen… „Das ist schon richtige Arbeit, so ein Einkauf, hat er immer gewusst“, sagt er. Mir war das nicht so klar, aber ja, stimmt schon.


Der Hund bellt, meldet mein Hirn. Egal, da kommen bestimmt gerade Märzkind und Pluseinskind nach Hause, ich schlafe. Kann nicht sein, sagt das Hirn, die übernachten woanders. Es klingelt an der Haustür. Völlig verpennt mache ich Licht und schaue auf die Uhr. OK, wenn es um diese Zeit klingelt, dann muss was passiert sein. Jetzt bin ich wach, aber so richtig. Ich brauche Socken und meine Brille, und ach, ich wünschte, ich hätte ein Shirt ohne Zahnpastafleck drauf an… unglaublich, was man alles denken kann, in zwei Sekunden. Der Liebste ist schon auf halben Weg an die Tür. „Hallo?“ ruft er raus in die Nacht. Eine Minute später kommt er zurück. „Irgendwer ist lachend weggelaufen“, sagt er und knurrt fast, dabei. Ich bin erleichtert. Klingelstreiche Samstag morgen um halb zwei, „möge euch der Blitz der beim scheißen treffen“, denke ich und schlafe wieder ein.


Schnee, Regen, Sonne und wieder von vorn. In zwei Stunden „Aktion sauberer Ortsteil“ erleben wir so ziemlich jedes Wetter, dass dieser April zu bieten hat. Auf der Strecke, die ich mitlaufe finden wir gar nicht so viel. Es kommt trotzdem eine beeindruckende Menge zusammen. Beim Abschluss-Grillen steht man kopfschüttelnd vor dem Berg Müll und fragt sich, was das wohl für Leute sind, die Reifen dieser Größe in den Wald bringen. Das ist doch viel aufwendiger, als sie zum Entsorger zu bringen – mal ganz abgesehen davon, dass man eigentlich im Kindergarten schon lernt, dass man sowas einfach nicht macht.

Soziale Kontakte mit Nicht-Familien-Mitgliedern sind immernoch was Besonderes. Wenn man so läuft, kann man prima tratschen… Die beste Grundschul-Freundin des Märzkindes hat einen Ausbildungsplatz und zieht im Sommer aus. Häuser haben den Besitzer gewechselt, Leute sind gestorben…Die Zeit ist doch weitergelaufen, in den letzten zwei Jahren. Manchmal vergesse ich das.


Vor der Kapelle steht der Bestatter, die Urne ist unter dem Dach aufgebahrt. Außer mir sind nur vier andere Leute da. Beileidsbekundungen. Drei weitere Gäste kommen dazu, das Wetter ist frühlingshaft und dieser Friedhof ist wirklich schön. Wir unterhalten uns, es ist eine angenehme Atmosphäre. Anscheind sind alle da. Der Verstorbene habe eine stille Beerdigung gewünscht, sagt der Bestatter, aber, wenn noch jemand etwas sagen möchte… Alle gucken sich fragend an. Eine Frau zuckt mit den Schultern und sagt in einem feierlichen Ton: „Er war ein Chaot, sein Leben lang.“ Alle nicken und lachen – dieses flüchtige Beerdigungslachen. Die Frau ist die Schwester des Verstorbenen. Und das war wahrscheinlich eine der aufrichtigsten und herzlichsten Grabreden, die ich je gehört habe. Die Urne wird zum Grab getragen, man verabschiedet sich andächtig. 10 Minuten später stehen alle auf dem Parkplatz und unterhalten sich noch kurz. Die Angehörigen erzählen ihre Sicht auf die Dinge und alles puzzelt sich nochmal anders zusammen. Dieses „in aller Stille auseinander gehen“ fühlt sich sonst immer irgendwie seltsam an. Aber diese Feier war eine Runde Sache.


Jetzt Osterferien.

Schnaps und zwei Tassen Kaffee

Schweigend stehen wir uns in der Küche gegenüber, jeder an eine Arbeitsplatte gelehnt. Der Liebste holt einmal tief Luft „weißte was? scheiß ein drauf“, sagt er, geht in die Speisekammer und kommt mit der Flasche Whiskey in der Hand wieder raus. Gute Idee. Er nimmt ein Wasserglas aus dem Schrank, schüttet es halb voll, nimmt einen Schluck und reicht es mir weiter. Es ist Montag morgen, noch nicht mal neun Uhr.

Das ging leichter, als er gedacht hätte, sagt der Liebste. Er hatte damit gerechnet, irgendwie panisch zu reagieren, aber, es gab ja nur eine Richtung, und was man da tun muss bekommt er jedes Jahr auf der Schulung erzählt, immer wieder, irgendwie funktionierte das einfach. Er war wirklich toll, ich hätte das garnicht so geschafft, glaube ich. „Ach, von der Kraft her war das überhaupt kein Problem“, sagt er. Aber. „Das bei Herzdruckmassage Rippen brechen, sagen die ja immer“, er nimmt noch einen Schluck, aber wie viele, und wie sich das anfühlt, und dieses Geräusch…damit hatte er nicht gerechnet. Ich war auf das Gefühl, keinen Puls zu finden auch nicht vorbereitet. Meine Hände zittern, es fällt mir gerade erst auf.

Die Frau von der Diakonie kam ganz aufgeregt durch den Garten, und bat dringend um Hilfe. Sie hatte den Nachbar bewusstlos in der Wohnung gefunden, damals, vor einer Stunde. Das war nicht wirklich eine Überraschung, wir hatten den Ernstfall vor einigen Wochen schon mal gedanklich durchgespielt. Unser Gedankengang endete allerdings damit, wer ihm eine Krankenhaustasche zukommen lassen könnte. Die braucht er nicht. „Patient ex“, hat der Notarzt es genannt.

Der Liebste hatte Nachtschicht und war quasi schon im Bett gewesen. Er will nochmal versuchen, zu schlafen. Ich koche einen Kaffee und bringe ihn der Frau von der Diakonie an den Zaun. Sie hat ein paar Telefonate erledigen müssen in der Zwischenzeit und den Rest des Tages frei. Ihre Hände zittern auch. Wir setzen uns. Die andere Nachbarin schläft länger und hat nichts mitbekommen. In ungefähr einer Stunde erwartet sie den Verstorbenen zum Kaffee, die zwei sind, wie man hier sagt „ein Kopp und ein Arsch“, aber verwandt sind sie nicht. Der offizielle Weg ist vermutlich, das ein Angehöriger ihrem Sohn bescheid sagt, der dann von Berlin aus anruft, um ihr die Nachricht schonend zu überbringen. Das kann dauern. Sie darf eigentlich noch nicht mal mit mir sprechen, sagt die Frau der Diakonie, fällt alles unter die Schweigepflicht. Wir schauen uns an. Scheiß auf den offiziellen Weg. Wenn die Nachbarin gleich den Rollladen hochzieht und hat die Polizei und den Bestatter im Garten, dann brauchen wir wieder einen Rettungswagen. Wir machen das zusammen- jetzt. Nachbarn haben keine Schweigepflicht.


Nachmittags gibts Geburtstagskaffee. Schwiegeroma wird 102. Sie freut sich über jeden einzelnen Gast. Seit neun Uhr residiert sie im Sessel. Der frühere Bürgermeister kam immer zeitig, zum Gratulieren. Der Neue kam erst um halb elf. „Der wollte erst nicht reinkommen, dann keine Hand schütteln und dann keinen Kaffee trinken“, sagt Schwiegermutter. „Aber – hat er alles gemacht“, erzählt die Jubilarin fröhlich. Schwiegermutter zuckt mit der Schulter und nickt. „Blieb ihm nichts anderes übrig“. Ab dem 95. (glaube ich), kommt der Bürgermeister persönlich zum Gratulieren. Schwiegeroma freut sich immer und schäkert legendär. „Beim letzen Mal hat sie ihn mit „mal sehen, wer von uns im nächsten Jahr noch da ist“ verabschiedet“, sagt Schwiegermutter. In dem Jahr war Wahl. „Och, der Neue ist aber auch ein ganz Netter“, sagt Schwiegeroma.


Zwei Tassen Kaffe hatte ich heute. Unterschiedlicher hätte die Stimmung kaum sein können.


Abends stoßen der Liebste und ich an, stilecht mit Bier. Auf Friedhelm.

01/22, Halbzeit

Der Schulkiosk schließt aus wirtschaftlichen Gründen. Man möge den Blagen ausreichend Frühstück eintuppern, sagt die Elternmail, natürlich nicht in diesem Wortlaut. Kein Problem. Der Kiosk hatte Preise, da haben wir schon von selber ans Pausenbrot gedacht. Sollte es aber jemals wieder Nachmittagsunterricht oder AG´s geben wird die Cafetria vielleicht doch fehlen.


Mir ist kalt und das kann eigentlich nicht sein. Ich habe alles doppelt an und der Ofen läuft, die Raumtemperatur ist eher höher als normal. Der Liebste kommt nach Hause. Er trägt seine Winterjacke über einem Pullover, das ist ungewöhnlich. Eigentlich reicht ihm ein „Winter- T-Shirt“ plus normaler Jacke. Der Pullover kommt nur bei höheren Minusgraden zum Einsatz. Das muss eine verspätete Nebenwirkung sein, sagt der Liebste. Daran hatte ich garnicht gedacht. Drei Tage dauert die Moderna-Kälte und verschwindet genauso plötzlich wie sie gekommen ist.


„Warst du schon mit dem Hund?“, frage ich die Freundin. Nee, war sie nicht. Bei ihr hat heute morgen um viertel vor sechs das Telefon geklingelt und sie hat spontan eine Frühschicht übernommen. Der Tag ist sowieso gelaufen, sie zieht sich nur gerade was an, dann kommt sie mit. Eigentlich wollten wir nur ein paar Meter ins Feld. Aber der Himmel ist blau, die Felder weiß verschneit und zu Hause warten Teenager-Launen. Wir gehen die große Runde und trinken danach noch einen Kaffee. Ein hervorragend genutzer Nachmittag. Die Wäsche läuft ja nicht weg.

Als ich nach Hause komme steht das Märzkind hinterm Bügelbrett. Sie hatte eigentlich gedacht, ich komme gleich, weil hier alles noch so stand. Naja, jetzt ist sie fast fertig. Große Kinder sind toll, meistens.


Ein Schwimmbadbesuch mit dem Julikind und einer Freundin. Beim letzen Mal kam jemand von den Bademeistern raus, zum kontrollieren. Diesmal werde ich schon vor dem Kassenautomaten angesprochen. So einfach könne man da aber nicht rein. Ähm, wusste ich, ich wollte gerade klingeln. Nee, nee, erstmal Impfnachweis bitte. Ich gucke fragend, dann sehe ich, dass die Dame, die da so saß, als wäre sie eine wartende Schwimmkurs-Oma, ein T-Shirt der Bäderbetriebe unter ihrer Strickjacke trägt. Die Freundin des Julikinds hatte gestern vergessen ihr Testheft unterschreiben zu lassen und war eben noch ganz frisch beim offiziellen Test. Sie zeigt den Zettel, „sehr schön“, sagt die Dame. Das Testheft des Julikinds ist schon ziemlich zerfleddert. So geht das nicht, den Namen muss die Dame schon sehen können, und dieses Testheft, das muss aber mal neu, zeitnah. Sicher, ich richte es dem Land Hessen aus. Impfstatus und Personalausweis braucht sie von mir. Beides wird ausgiebig geprüft. Dann dürfen wir zum Kassenautomaten gehen.

Die Mädels toben und tauchen und springen. Ich schwimme Bahnen und sitze vor Nackenmassagedüsen. Beim Rausgehen ist die Dame wesentlich entspannter, sie hat einen halben Socken gestrickt, während wir drin waren. Ob es denn Spaß gemacht habe, erkundigt sie sich. „Ja sehr“, sagen die Mädels, „richtig schön war das.“


Schwimmen hat nicht geholfen. Dieser Schmerz in der Schulter, was das wohl ist. Google sagt, eine Operation sei nicht notwendig. Das ist erfreulich. Leider wird das jetzt ein halbes Jahr lang immer schlimmer werden, dann wird das Schultergelenk für etwa ein halbes Jahr ganz steif werden und dann wird der Körper diese Fehlfunktion von selber abbauen. In etwa anderthalb Jahren sollte alles wieder tutti sein. Ähm, jo. Ich versuchs mal mit Sportsalbe und hole mir eventuell eine Zweitmeinung.


Eine Freundin des Julikinds wird abgeholt. Ich öffne die Haustür. Davor steht eine junge Frau, mit Autoschlüssel in der Hand. Wir begrüßen uns fröhlich und unterhalten uns kurz. Sie ist im Moment das Familientaxi. Es ist noch garnicht so lange her, da ist sie bei mir mitgefahren, zu Fussballtrainings und Kindergeburtstagen. Ich komme mir uralt vor.


Anruf beim Hausarzt, Auffischungsimpfung für die großen Kinder wäre schön. Hausarzt sagt, machen sie nicht, weil die Stiko sagt, ist nicht nötig. Ähm, in der Sozialwesen-Klasse mischen sich die Praktikant*innen so ziemlich aller Einrichtungen des Landkreises. Ich halte Impfschutz an dieser Stelle durchaus für sinnvoll und möchte nicht warten, bis der Stiko-Opa da in Ruhe fertig drüber nachgedacht hat. NRW boostert Menschen ab 12. Dann fahren wir eben die 30km und stellen uns in eine Warteschlange. Ich suche Impftermine raus. Das Maikind sagt, ein Klassenkamerad sei im örtlichen Impfzentrum geboostert worden. Ich erkundige mich bei seiner Mutter. Jo, die sagen das zwar nicht auf der Internetseite, aber möglich ist es. Dann brauchen wir nicht so weit zu fahren. Am gleichen Abend befindet die Stiko, dass Auffrischungsimpfungen für Kinder eine gute Sache sind. Anruf beim Hausarzt, Termin nächste Woche. Der Countdown läuft.

2G+ gilt ab dieser Woche fast überall. Das Märzkind ist angefressen. An der Arbeit dürfen sie keine Testbescheinigungen mehr ausstellen. Das heißt man wird getestet, kann den Test aber nach der Arbeit für nichts mehr nutzen. Das Testzentrum hat blöde Öffnungszeiten und liegt nicht auf dem Weg. Im Freundeskreis sind einige schon über 18, andere kommen aus NRW. Die sind fertig geimpft. Jetzt ist sie wieder die, die nix darf. Das Mutterherz seufzt innerlich. Es geht bei der Impferei nicht mehr ums Virus. Es geht darum, ohne großen Aufwand Dinge tun zu können, die vor zwei Jahren ganz selbstverständlich waren.


Wir sind eingeladen zur Überraschungsparty anlässlich einer Petersilienhochzeit. „Aber, Hochzeitstag? Wir haben doch im Sommer…? Hätte ich das gewußt, ich hätte was zu Trinken gekauft.“ Das Petersilienbrautpaar hatte diesen Anlass nicht auf dem Schirm, die Überraschung ist gelungen. Die Gäste haben alles dabei. Es ist nur der engeste Freundeskreis und Familie, man kennt sich aus. Die Autos müssen unterm Carport raus, jemand holt die Biergarnitur aus der Scheune und Strom für den Gulaschsuppenbehälter, auf dem Hof wird ein mitgebrachtes Schwedenfeuer entzündet. Man hat schon gewisse Routinen im distanzierten outdoor feiern entwickelt. Zwei Stunden stehen wir in großen Kreisen und unterhalten uns, dann wird es frisch und manche haben noch Nachschicht. Die Party wird zusammengeräumt. Schön war das. Heute in zwölfeinhalb Jahren kommen wir wieder, wegen Silberhochzeit. Vielleicht fangen wir dann aber schon nachmittags an. Kaffee und Likörchen. Wir werden ja älter.