Eine Woche keine Nachrichten geguckt

In der halben Stunde, die ich auf das Märzkind warte, gehe ich schnell einkaufen. Die Frau an der Kasse wünscht mir einen schönen Feiertag. Hä? Was denn für ein Feiertag? Erst auf dem Weg zum Auto fällt mir ein, dass ja erster Mai ist, dieses Wochenende.

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Ein Strauss Rosen, ich freue mich. So sehr, das könnte ich fast mal in meinen Status stellen. „Jo, das mach ruhig mal“, sagt der Liebste, „wird jedes Jahr teurer“, murmelt er noch. Ich bekomme nicht alle Rosen auf ein Foto, das Märzkind sieht mich turnen und hilft, sie hat die bessere Kamera. Den ganzen Tag über erhalte ich Glückwünsche und wundere mich, wer alles an uns denkt.

Symbolbild aus dem kostenlosen online Archiv

Das Maikind freut sich einen Tag später. Er hatte den Hochzeitstag beiläufig erwähnt und war live dabei, als der Oma klar wurde, dass sie den vergessen hat, zum ersten Mal. „Scheiße“ hat sie gesagt und das tut sie sonst nicht.

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Die Bienenkästen müssen versetzt werden. In einen Kasten hat der Specht über Winter zwei Löcher gepickt. Der Liebste hat schon passende Steine reingequetscht, damit die Bienen während der Fahrt bleiben, wo sie sind. Möglichst ohne Erschütterung tragen wir den Kasten zu zweit ins Auto, schieben ihn vorsichtig in den Kofferraum, setzen uns, schnallen uns an, sagen zeitgleich „woooouuoo“ öffnen die Türen, schnallen uns ab, reissen die Türen auf und springen raus. Hat das jemand gesehen? Zum Glück nicht. Die Zeitung, die das Flugloch verschlossen hat ist beim Schieben ein bisschen verrutscht. Das Bienenvolk ist nach einem Winter mit Specht im wahrsten Sinne angefressen, und empfindlich was Störungen angeht. Der Liebste steckt die Zeitung wieder fest und wir warten noch zwei Minuten, bis die dreißig Bienen, die entwischt waren, aus dem Auto fliegen.

Die Kästen sind zu leicht. Der Frühling hängt zwei Wochen.

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Der Liebste braucht ein Klimmzugband, ob ich denn wohl eins bestellen könnte? Bestimmt. Ich habe keine Ahnung, was ein Klimmzugband ist und google mich so durch, das Internet denkt jetzt, dass ich krassen Kraftsport betreibe. Ich bekomme völlig andere Werbung angezeigt als sonst.

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Man könnte einen Antrag auf Fahrtkostenerstattung stellen, sagt das Maikind, das Formular kann man sich im Sekretariat abholen. Märzkind bringt eins mit, denn diesen Antrag möchte ich tatsächlich stellen.

Man hätte doch sagen können: Danke Eltern, dass ihr euch gekümmert habt, dass die Blagen einen Praktikumsplatz gefunden haben und zwei Wochen lang jeden morgen hin, und nachmittags wieder zurück gekommen sind. Das ist total wichtig für die Berufsorientierung und hat auch kurz davon abgelenkt, dass sie dieses Jahr noch gar nicht in der Schule waren. Natürlich können wir es uns nicht leisten, euren Einsatz ernsthaft zu honorieren, aber gerne würden wir euch symbolisch einen Anteil der tatsächlich enstandenen Kosten ersetzen. Wie viel war es denn und wohin sollen wir es überweisen? Das wäre nett gewesen.

Statt dessen werde ich erstmal darauf hingewiesen, dass Fahrtkosten generell nur bis 30 km erstattet werden. Es sei durchaus zumutbar, die Praktikumszeiten an die Taktung der öffentlichen Verkehrsmittel anzupassen. Es gibt keine öffentlichen Verkehrsmittel (ländlicher Raum) und Bildung von Fahrgemeinschaften war wegen Corona nicht möglich. Das schreibe ich so in die dafür vorgesehenen freien Zeilen neben dem Feld, das man ankreuzt, wenn man mit dem eigenen PKW, nur zu diesem Zweck gefahren ist. Dann muss nur noch der Praktikumsbetrieb mit Unterschrift und Stempel bestätigen, dass das Kind anwesend war, bzw die Anzahl der Fehltage eintragen. Nicht, dass da einer 35 cent zuviel beantragt.

Maikind hat ein dickes Dankeschön vom Praktikumsbetrieb bekommen. Er könnte sich da bewerben, wenn er Ausbildung machen möchte. Große Freude, dafür hat es sich gelohnt.

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Im Modehaus hätte man am Eingang gerne unsere Bescheinigung über einen offiziell durchgeführten negativen Coronatest, nicht älter als 24 Stunden. „Ähm, wir hatten einen Termin vereinbart, telefonisch, Sie hatten gesagt, Sie melden sich, falls sich was ändert, es hat sich niemand gemeldet.“ Der Mitarbeiter ist sehr nett, darf uns aber nicht reinlassen, man sieht, dass es ihm wirklich leid tut, er kann nichts dafür und würde uns gerne bedienen. Wir können auch nichts dafür und würden gerne was kaufen. Der Liebste versucht es mit gesundem Menschenverstand. Er wurde doch getestet, diese Woche, die Kinder auch ( ich noch nie, aber hej, wenn die anderen vier Personen aus meinem Haushalt negativ sind….) Der Verkäufer schaut sich um, ausser uns ist niemand da. Er erklärt sich bereit, Sachen anzureichen, für das Maikind, eine Kabine steht ja quasi im Eingang.

Das Julikind und ich gehen raus, mal schauen, was es im Schaufenster zur Auswahl gibt. Es gibt keine Schaufenster mit Kindersachen. Wir schlendern dort, wo mal eine Fussgängerzone war, rauf und runter und überlegen. Ich könnte das gleiche anziehen wie auf der Konfirmation vom Märzkind. Gut, auf Fotos sähe das komisch aus, aber da war eben Corona, damals, da konnte man nichts kaufen… Ich hab auch so Strickhandschuhe, und einen Parka, zusammen mit einer blauen OP-Maske, könnte ich dasitzen wie Bernie Sanders. Noch ist Zeit, etwas zu bestellen. Oder vielleicht das Beerdigungskleid mit der Bikerjacke? Ach, so viele Möglichkeiten.

Das Julikind braucht Klamotten. Aber wenn sie dafür nochmal extra zum Test muss, dann nicht, das reicht ihr in der Schule. Das verstehe ich. Warum so ein Schul-Corona-Test nicht auch fürs Einkaufen am nachmittag gültig ist? Gute Frage. Eine richtig gute Frage.

Es dauert nicht mal eine halbe Stunde, da kommen uns die Jungs entgegen. Das Maikind ist begeistert, er hat alles, was er sich gedacht hatte. So macht einkaufen Spaß.

Schuhe fehlen.

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So, ab nächster Woche hat der Liebste Wechselschicht und alle drei Kinder Wechselunterricht. Da kann ich mal alle fünf Spalten am Kalender nutzen.

Mal was anderes

Oh, eine Hochzeit? Der Liebste hupt fröhlich zurück. Vier Autos später wird uns klar, dass das keine Hochzeit, sondern die Demo gegen die Windräder ist. Wir haben verschiedene Sachen abzugeben. Ein paar Minuten später begegnet uns der Autokorso ein zweites Mal. Nein, wir möchten uns nicht einreihen. (Natürlich sind wir nicht dafür, dass an der Stelle Windräder gebaut werden sollen. Aber dagegen kann man auch schlecht sein, wenn man seit zwanzig Jahren Ökostrom bezieht.) Auffallend viele SUVs sind dabei. Besetzt mit jeweils einer Person. Wir amüsieren uns prächtig. Darauf muss man erstmal kommen, aus dem SUV heraus gegen Umweltzerstörung zu demonstrieren.

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Information aus dem Elternchat: Ab nächster Woche dürfen die Kinder nur noch mit FFP2 Masken befördert werden. Spaßeshalber weise ich mal darauf hin, dass das Maikind im Praktikum ganz ohne Maske mit auf eine Baustelle fahren durfte. Firmenwagen fallen unter eine andere Richtlinie, erfahre ich. Sicher, hätte ich mir ja denken können.

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Was wäre wenn wir die 165er Inzidenz erreichen und Schulen zumachen? Hätte das Märzkind dann trotzdem Unterricht? Aus dem Ministerschreiben werde ich nicht schlau. Nach Seitenlangem Geschwurbel kommt eine kleine Tabelle. Die hätte mir gereicht. Diese Bundesnotbremse ist für uns (fast) eine Lockerung, das Maikind wird nächste Woche seinen ersten Schultag haben, dieses Jahr. Also, wenn denn dann. Eine Ausgangssperre gilt zwischen 22 und 6 Uhr, das betrifft mich nicht.

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Der Liebste hat das Modehaus am Telefon. Für Konfirmationsklamotten darf man in Präsenz einkaufen. Das ist schön. Der nächste freie Termin wäre in einer Woche. Ähm, muss er kurz seine Frau fragen. Die Frau nickt nur und hofft das Beste.

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Blumen? Wozu denn Blumen? Ach so. Ja dann. Sicher. Aber nix mit Blüten.

Das schnellste Gespräch zum Thema Kirchendeko aller Zeiten.

Das Maikind und ich gehen kurz zur Kirche, um mal zu schauen, was denn da wohl wie zu dekorieren wäre. Die Kirche wirkt einsam. Alles ist so aufgeräumt. Die dicke Kerze war noch nicht einmal an.

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Besprechung mit der Floristin. Alles kein Problem.

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Irgendein Vogel zwitschert einen Klingelton, morgens um kurz nach fünf, im Baum vor dem Schlafzimmerfenster. Düdelüdelüdelüüü. Sehr laut. Wenn der Wecker um halb sechs klingelt denke ich schon seit einer viertel Stunde darüber nach, wie man den Vogel dazu bekommt, seine Frühschicht in den Baum vor dem Fenster des Maikinds zu verlegen, oder sonstwohin.

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Bisher gab es nur nette Reaktionen auf den geänderten Konfirmationsablauf. Sogar von der Omma. Anscheind freuen sich alle, das überhaupt mal was los ist. Auf einmal geht alles ganz leicht, denn „sowas hatten wir ja noch nie“, deshalb hat es auch noch nie jemand besser gemacht.

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Überraschung: Kein Sportunterricht mehr, weil wir über 100 liegen. Das Problem besteht jetzt allerdings darin, dass das Märzkind letzte Woche noch keinen Sport machen durfte und damit 100% des Sportunterrichts diesen Halbjahres verpasst hat. Es soll aber eine Sportnote geben.

Ab nächster Woche wird auch die Abschlussklasse in Wechselunterricht gehen. Wechselunterricht klingt ja, als würde man zur Hälfte in der Schule und zur anderen Hälfte digital unterrichtet. So ist es nicht. Wechselunterricht bedeutet, man hat nur jeden zweiten Tag Schule. Die Prüfungen bleiben aber genau so, wie sie immer waren. Normalerweise gäbe es eine Vorbereitungswoche, in der alles was dran kommen könnte nochmal grob wiederholt wird. Ob die dieses Jahr stattfinden kann, hängt von der Inzidenz ab.

Die Stimmung schwankt zwischen „wottsefack-jetzt-erst-recht“ und „wir-werden-alle-bei-Aldi-an-der-Kasse-als-piep-arbeiten-müssen“.

Noch sieben Wochen. Und wenn es geschafft ist, werden wir Sekt trinken, auf dem Schulhof, mindestens.

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Frisch Getratschtes: Jemand im Bekanntenkreis hat möglicherweise eine Impfnebenwirkung. Jemand ist aktuell an Covid erkrankt. Jemand traut sich nicht in die Schule, aus Angst vor Coronatest-Mobbing. Jemand wäre beinahe beklaut worden, auf dem Parkplatz vom Supermarkt. Jemand ist gesünder, als man befürchtet hatte. Und jemand hat 10 Welpen bekommen, so süß.

Halbzeit April

Das habe ich aber völlig unterschätzt. Wäre es ein Sonntag nachmittag im Juli, würde man sagen, gut was los, hier. Für einen Mittwoch abend bei regnerischen fünf Grad ist es schlicht der Wahnsinn. Die Talsperre läuft über, das haben wir alle, obwohl wir nur eine halbe Stunde weg wohnen, noch nie gesehen. Hunderte andere anscheind auch nicht. In den zwanzig Minuten, die man braucht, um einmal hin und her zu laufen, sehe ich mehr Menschen, als im ganzen letzten Jahr zusammen.

Der Geruch von frisch frittierten Pommes… der Blick auf die Warteschlange. Auf dem Rückweg halten wir am Supermarkt. Dieser Ferientag endet mit 2 Kilo Pommes und drei Packungen Dinosaurier-Nuggets, dazu gab es technische Erkenntnisse und einen kurzen Einblick in die regionale Geschichte. Es ist eigentlich ganz spannend, das hier auch Geschichte passiert, sagen die Kinder.

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Eine Einverständniserklärung und eine Wäscheklammer braucht das Märzkind am Montag, und Julikind am Dienstag entnehme ich dieser Elterninfo. Unsere Wäscheklammern sind zum Teil im Aussendienst, der andere Teil seit Jahren im Keller, für repräsentative, medizinische Zwecke somit eher weniger geeignet. Zum Glück finde ich noch ein neues Päckchen, ich freue mich, dass ich die Kinder nicht mit abgerockten Wäscheklammern zum Coronatest schicken muss. Eine Sekunde später kommt mir das albern vor. Man sollte meinen, irgendwer würde der Schule einen Hunderterpack Wäscheklammern organisieren. Die Mutti-Zettel mit Wäscheklammern dran wandern von einer Ecke in die andere, schließlich klammere ich sie persönlich in die Schultaschen der Mädels. Vielleicht erfindet eines Tages ja mal jemand eine Methode, sich ohne Zettel mit etwas einverstanden zu erklären.

Das Maikind bleibt im Distanzunterricht, theoretisch. Das Praktikum findet statt. Nur aus Spaß frage ich nochmal nach: Wechselunterricht für die achten Klassen wird als zu gefährlich betrachtet, aber wenn sich der komplette Jahrgang, ohne Schnelltests, auf Betriebe/Werkstätten/Einrichtungen/Büros im ganzen Landkreis verteilen ist es OK? Klassenlehrer sagt: So siehts aus, leider. Hat das Schulamt entschieden. Es ist einerseits toll, dass das klappt, weil das Maikind seit vier Monaten immer nur zu Hause ist und sich wirklich auf dieses Praktikum freut, andererseits waren es heute über neunundzwanzigtausend Neuinfektionen.

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Die Konfirmation hatte ich innerlich abgehakt und eigentlich darauf gewartet, dass jemand anruft um mir schonend beizubringen, dass es nichts wird. Den anderen Müttern, (die Organisation liegt in allen Haushalten bei den Müttern) geht es genauso. Als ich erfahre, dass der Kirchenvorstand eine Sitzung einberufen hat, um diesen Gottesdienst rund um die Bestimmungen schön für uns hinzubekommen, bin ich überrascht. Wenn wir also verschieben wollen würden, müssten wir das jetzt sagen. Nachfrage beim Maikind. Verschieben kommt nicht in Frage. Die Diskussionen mit den Mutterkolleginnen dauern bis in den Abend.

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Sind das Halsschmerzen? Räusper. Jo, aber nee. Ich weiß wirklich nicht, wann ich das letzte Mal soviel gesprochen habe, an einem Tag. Und so ohne irgendein Ergebnis.

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Anruf beim Praktikumsplatz: Wie hätten Sie es denn gern, mit dem Coronatest? Man appeliere in erster Linie immer und überall an den gesunden Menschenverstand der Mitarbeiter, sagt man mir. Alle achten aufeinander und wer krank ist, bleibt zu Hause. Ansonsten die üblichen Hygienesachen. So sei man gut über das letzte Jahr gekommen. Klingt vernünftig. Wir müssen am Samstag nicht zum Bürgertest.

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Märzkind hat Krankengymnastik, ich gehe solange einkaufen. Die Vorrät wieder aufstocken. Wenn ab nächster Woche drei von fünf regelmäßig getestet werden, wird wohl früher oder später eine Quarantänesituation eintreten.

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Die anderen Eltern würden dann den Konfirmationstermin gerne verschieben. Wohin weiß keiner.

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Die bestellten Arbeitsklamotten sind nicht angekommen. Der Liebste hätte einen Weg und erkundigt sich im Baumarkt, ob man denn privat vorbeikommen könnte, um welche zu kaufen. Heute sei das noch möglich, sagt der Mann am Telefon. Morgen hätte besser gepasst, aber lieber nicht zu weit in die Zukunft planen.

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Von den Osterferien hatte ich mir ein wenig Erholung erhofft. Weiß ich auch nicht mehr, wieso.

Osterferien

Abends um acht ist es noch hell, eine Amsel zwitschert im Baum und es schneit wie aus Kübeln. Es liegen bestimmt schon fünf Zentimeter auf dem Gartentisch. Da haben wir gesessen, vor genau einer Woche, bis abends um 10, man kann es sich kaum noch vorstellen. Frühlingswetter in den Ferien wäre schön gewesen.

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Der Parkplatz vor dem Baumarkt ist ganz normal gefüllt und gerade laufen 10 Leute Richtung Eingang. Och nö, jetzt muss ich bestimmt ewig warten, bis ich meine bestellte Tapete bekomme. Hä? Die Leute gehen rein? Ich hätte gar nicht clicken müssen. Ist aber trotzdem ganz praktisch. Alles steht parat und ich kann sofort an die Kasse.

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Wo ich schon im Städtchen bin, kann ich kurz in der Buchhandlung vorbei, die Lieblings-youtuber haben etwas neues rausgebracht, es ist dringend. Buchläden haben geöffnet, das wußte ich. Leider nur der Teil der Brettspiele und Bücher anbietet. Eine Postkarte hätte ich noch gebraucht, aber dieser Bereich ist nicht zugänglich. Als ich nach einer viertel Stunde zurück zum Auto komme habe ich einen Zettel unter dem Scheibenwischer, der mich darüber informiert, dass ich demnächst ein Knöllchen per Post bekommen werde, weil ich hier, auf dem noch nicht mal halbvollen Parkplatz, neben der Fussgängerzone, in der so gut wie alles geschlossen hat, kein Parkticket gelöst habe. Ich gebe zu, mit voller Absicht. Ich dachte, das Ordnungsamt hat gerade andere Dinge zu tun und die Stadt freut sich vielleicht, wenn ich den örtlichen Einzelhandel unterstütze. Das mache ich mit Sicherheit so schnell nicht wieder.

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Das Maikind hat das Zimmer mit den geradesten Wänden im Haus. Zu zweit kommen wir gut voran, so macht tapezieren fast Spaß. Als alles fertig ist, sieht es richtig gut aus.

Wenn man dann allerdings auf den Flur kommt, da sieht die Tapete auf einmal übel runtergewohnt aus.

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Die Schule kostet uns viel Energie im Moment. Zu viel. Die Ferien schaffen ein bisschen Luft, um mal an was anderes zu denken.

Ich nehme mir den Wäscheberg vor. Dabei höre „der König von Narnia“ (gibts in der ARD-Audiothek, die bezahlen sowieso alle, ist es dann Werbung?) In der Geschichte ist es immer Winter, und es wird niemals Weihnachten. Das passt. Praktischerweise dauern die zwei Folgen des Hörbuchs genau so lange, wie es dauert, einmal die ganze Wäsche vom Keller bis in die Schränke zu schaffen. Auf dem Weg nach unten nehme ich dann gleich die Schmutzwäsche wieder mit. Ach ja.

Gespräch mit der Freundin. Was machen wir denn wohl mit der Konfirmation? Vier Wochen vorher wäre doch wohl der Moment, da mal ernsthaft in die Planung einzusteigen, Klamotten zu kaufen, Deko. Keine von uns hat bis jetzt irgendwas.

Nächste Woche machen die Achtklässler ein Praktikum, wer`s glaubt… Aber abgesagt ist es nicht. Ich bestelle also eine Arbeitshose für das Maikind.

Es fehlen Unterlagen für das Praktikum des Märzkindes. Ich telefoniere und erfahre, das da eigentlich noch nichts fehlt. Alles der normale Ablauf, es dauert halt hier und da ein bisschen. Auf jeden Fall ist das Märzkind vorgemerkt und man freut sich auf sie, schöne Grüße soll ich ihr ausrichten. Das war doch mal ein nettes Gespräch. Das Kind ist erleichtert. Sie hatte im Stillen schon damit gerechnet, sich auf den letzten Drücker noch was anderes suchen zu müssen. Für die Corona-Kinder gibt es keine kleinen Probleme mehr. Jede Kleinigkeit kann einem jederzeit den Boden unter den Füssen wegziehen.

Die Infektionszahlen, sie steigen. Eigentlich sind wir wieder da, wo wir vor den Weihnachtsferien angefangen haben, mit Lockdown.

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Jemand, der die ganze Pandemie noch nicht einen einzigen homeschooling-Tag begleitet hat, erklärt mir, was sich im Bereich der Distanzbeschulung im letzten Jahr alles getan hat. Ich schildere die aktuellsten Gegenbeispiele, mache auf die Müdigkeit und Verzweiflung der Eltern aufmerksam und stoße auf Unverständnis. Im Haushalt meines Gegenübers arbeitet jemand im homeoffice (im leer stehenden Gästezimmer, auf Büromöbeln, die der Arbeitgeber gestellt hat, an einem vom Arbeitgeber gestellten Computer, mit profesionell betreuten Netzwerken) das funktioniert wirklich ganz wunderbar.

„Was, die Kinder haben immernoch Ferien? Wie lange denn noch?“, erkundigt sich jemand. „Ähm, diese Woche noch, das waren dann insgesamt zwei Wochen, die ersten freien Tage seit Weihnachten, übrigens.“ „Aber, die haben doch schon die ganze Zeit keine Schule“.

Seit über einem Jahr geben wir alles, für das große Ganze. Ich stecke solche Kommentare nicht mehr gut weg.

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Besuch von zwei Menschen, die nicht zur eigenen Familie gehören, ein Fest, quasi. Es tut gut, mal nicht die Schuleltern-Standard-Gespräche zu führen, sondern einfach nur so zu quatschen. Der Abend ist schnell rum, die Gäste werden abgeholt und wir räumen zu dritt fröhlich giggelnd den Tisch ab. Normalerweise schlafe ich um diese Zeit seit drei Stunden, wir sind im eigenen Esszimmer versackt. Das Märzkind und der Liebste gehen noch ein paar Meter mit dem Hund. Während ich die Spülmaschine einräume, überlege ich, ob ich uns für die nächsten Osterferien Urlaub buchen könnte. Helgoland, vielleicht.

Ostern 2021

Um viertel vor sieben ziehe ich den Rollladen hoch. Der Hund hebt verschlafen den Kopf, bleibt aber liegen. In der ersten Woche nach der Zeitumstellung machen wir einfach alles eine Stunde später, außer aufstehen.

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Das Märzkind braucht ein Hilfe, beim Haare waschen. „Welches Shampoo benutzt du denn immer?“, suchend schaue ich mich um. „Das weiße vom Papa“. Ah, das erklärt einiges. Der Liebste bunkert im Gästeklo einen Vorrat dieses Shampoos, der bei seiner Haarlänge für Jahre reichen müsste. Ich hatte mich schon gewundert. „Das riecht aber wirklich angenehm“. Das Märzkind nickt. Niemand riecht gern nach Obst oder Blumen auf dem Kopf, aber ein „macht Haare sauber“- Shampoo gibt es nicht für Mädels.

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Auf dem Weg zur Wäschespinne kommt mir der Liebste aus dem Garten entgegen.

Ich: „Es ist ja noch richtig schön, wir könnten draußen Abendbrot essen.“

Der Liebste, im Vorbeigehen: „Das ist aber eine gute Idee, da fahre ich gleich mal Würstchen holen. Pluseins, der Grill steht da unter dem Dach, Kohle ist im Schuppen“, er verschwindet einen kurzen Moment, taucht wieder auf, wirft sich die Motorradjacke über, „ah, nee, warte mal noch 10 Minuten, ist ja schon halb sieben und es war den ganzen Tag schönes Wetter, könnte sein, der Wurstomat ist schon leer, dann muss ich gerade bis ins Städtchen, Anzünder steht im Regal, das Märzkind weiß wo“, er winkt in meine Richtung und ist weg.

Märzkind „Hä? Grillen wir?“

Ich: „Ich hatte nur gesagt, wir könnten draußen essen.“

Pluseins, kommt mit Grillanzünder in den Garten: „Ist er schon los? 10 Minuten sollte ich warten.“

Der Liebste muss um neun an die Arbeit, wir anderen sitzen noch eine Stunde länger im Garten, weil wir es können. Keines der Kinder hat mehr Unterricht, diese Woche. Ferienbeginn, quasi.

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Anzahl der Präsenzschultage des Maikinds zwischen Weihnachten und Ostern: Null

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Maikind muss dringend mal was anderes sehen. Ich melde uns zur Karfreitags-Andacht an. Nachmittags um 15 Uhr, auf dem Friedhof zwei Orte weiter. Am Eingang wird unsere Anwesenheit abgehakt, ich bekomme eine Hostie „to go“, jetzt neu, mit Wein gebacken, zwei in eins, ich weiß ja nicht. Die Andacht ist schön gemacht, man wartet dieses Jahr ja wirklich auf Ostern, im übertragenen Sinne. Ich kann trotzdem nicht gut folgen. Auf den Grabsteinen um mich rum suche ich nach bekannten Namen. Wann habe ich eigentlich zuletzt so viele Menschen auf einmal gesehen? Nicht ein einziger trägt Jogginghose. Es raschelt, als alle die Hostie aus der Packung friemeln und sich unter die Masken schieben.

Allmählich habe ich nicht mehr so richtig Lust auf diese normalitätsersetztenden Events, gestehe ich mir auf dem Rückweg ein.

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Am Samstag ist das Frühlingswetter schon wieder vorbei. Wir sitzen in Winterjacken um die Feuerschale und backen Stockbrot.

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Wir sind „die Crew“* (*Werbung, unbezahlt, unbeauftragt, Spiel selbst gekauft) und reisen per Kartenspiel ins Weltall. Man muss eine Mission schaffen, um die nächste spielen zu dürfen, es gewinnenen entweder alle oder keiner. Auf dieser Mission ist jemand ernstlich erkrankt und muss isoliert werden. Der Kommander entscheidet, wer das sein soll. Es darf nur eine Frage gestellt: Wie geht es dir? Die Antwort lautet gut oder schlecht. Mehr darf man nicht sagen. Kommander dieser Mission ist das Julikind. Der Liebste wird gefragt, wie es ihm geht. Naja, also, wenn er da so in seine Karten guckt, dann gehe es ihm so mittelprächtig, tendeziell eher gut, wahrscheinlich, sagt er. Der Kommander weist scharf auf die Kommunikationsregeln hin. Nagut, dann gut, sagt der Liebste. Leider geht es allen anderen auch gut, was wohl heißt, dass der Kommander mal abgesehen von der höchsten Karte nur Schrott auf der Hand hat. Der Liebste wird isoliert und darf damit in dieser Runde keinen einzigen Stich gewinnen. „Das gibt nix“, sagt er, „mit den Karten kann man nicht nicht gewinnen, wir sind verratzt“. Julikind denkt kurz nach und eröffnet das Spiel. Sie spielt die Karten, die sie hat in so geschickter Reihenfolge, dass wir die Mission nach 10 Minuten gewinnen.

Der Liebste und ich müssen ein bisschen schmunzeln. Eine zehnjährige managt eine Quarantänemission mal gerade einfach so.

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25 Eier hat der Osterhase im Garten versteckt. 23 werden gefunden. Die anderen zwei bestimmt auch noch, irgendwann, später im Jahr.

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Ostermontag ist es windig und es schneit. Das perfekte Wetter zum drin bleiben. Kurz entschlossen reissen wir die Tapete beim Maikind im Zimmer ab, in der Hoffnung, dass click und collect im Baumarkt nächste Woche noch möglich ist.

Angenehm ruhige Ostertage waren das.

Ende März

Nach vier Tagen nicht funktionierendem Distanzunterricht rufe ich dann doch mal in der Schule an. „Oh“, sagt die Frau am Telefon, man wird mich gleich zurückrufen. Es meldet sich der Arbeitslehre-Lehrer, der jetzt auch IT-ler ist. Ich übergebe an das Maikind, sie kommen zu dem Schluss, dass das Endgerät des Maikindes nicht funktioniert. Das ist unwahrscheinlich, aber natürlich nicht unmöglich. Wir probieren also die drei anderen Endgeräte, jeweils an drei verschiedenen Orten, die als Arbeitsplatz in Frage kommen würden. Vielleicht liegt es ja doch am Wlan. Auf allen Endgeräten funktioniert an jedem Ort alles -außer Jitsi. Ich habe den Verdacht, dass das Endgerät nicht das Problem ist.

Ich schreibe eine mail an den Klassenlehrer. Entweder hat da jetzt seitens der Schule noch jemand eine Idee oder wir sind raus. Schöne Ferien.

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Das Maikind ist mental am Ende seiner Kräfte. Er hat am längsten durchgehalten von uns allen. Wir suchen gemeinsam nach dem Licht am Ende des Tunnels. Wir finden mehrere. Sehr kleine, schwache Lichter.

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Das Märzkind hatte Bauchschmerzen, nicht so schlimm, schlimmer, schlimm genug um Samstag morgen zum hausärztlichen Notdienst zu fahren. Der Liebste geht mit, ich kaufe so lange ein und warte dann. Der Liebste kommt allein raus, das Märzkind wird gerade OP fertig gemacht. Schluck. Ich fahre nach Hause und packe eine Tasche. Dann wieder hin um den Liebsten abzuholen. Die Tasche wird am Tresen abgegeben. Weil das Märzkind minderjährig ist, darf ein Elternteil trotz Besuchsverbot am Abend kurz rein. Ich hätte ja gedacht, da muss ich vorher einen Schnelltest machen, aber Zettel ausfüllen genügt. Ist mir ehrlich gesagt egal. Das Märzkind ist noch ziemlich beduselt, wirkt aber den Umständen entsprechend fröhlich. Sonntag fährt der Liebste hin, Montag morgen um elf können wir sie abholen, am Eingang. Die Pflegekraft am Telefon durfte keine Auskunft geben, einen Arzt haben wir nie erwischt. Ein ganz kleines bisschen habe ich den Verdacht, dass dieser Blinddarm ohne Situation vielleicht noch hätte drin bleiben können. Naja, irgendwas war ja, und nun isses eben so. Einen Moment wundere ich mich darüber, was mich alles nicht mehr aufregt.

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Im letzten Jahr haben wir unter dem Balkon gestanden und gewunken, am Geburtstag. Dieses Jahr gehen wir rein. Käthe sitzt im Sessel und hat einen Tisch mit Kerze vor sich. Neben dem Fernseher steht ein extra Tisch für die Blumensträuße und Kartengrüße, im Fernseh läuft Eiskunstlauf. Wir werden herzlich begrüßt, gratulieren mit Händeschütteln, sie erkundigt sich nach dem Märzkind. Der Liebste fragt, ob Käthe eigentlich schon geimpft wurde. „Ach was“, sie winkt ab, „das wird der Herrgott entscheiden, wenn es so sein soll.“ Ihre Töchter seufzen und zucken mit einer Schulter. „War denn der Bürgermeister schon da?“, frage ich, um mal das Thema zu wechseln. „Nee, der war nicht da, hat aber eben angerufen“, sagt Käthe. Ihre Tochter grinst. Käthe habe richtig geschäkert. „Der klang so frisch und freundlich, das war ein richtig nettes Gespräch“, sagt Käthe. Er habe sich entschuldigt, weil er habe ja letztes Jahr gesagt, er komme dann dieses Jahr zum gratulieren und jetzt ging das wieder nicht. „Ganz ehrlich“, Käthe grinst, „ich hatte vergessen, dass er das versprochen hatte“. Naja, sie sind jetzt so verblieben, dass er im Sommer, wenn sie im Garten sitzt mal winken kommt. 101 ist Käthe geworden. Leider wieder ohne Party.

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Brüderchen hat seine erste Impfung bekommen. Damit kenne ich jetzt mehr Leute, die gegen Corona geimpft wurden, als Leute, die daran gestorben sind. Das freut mich.

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Das Maikind und der Liebste schaufeln den Sandkasten leer. Den haben wir schon, solange wir hier wohnen. Er ist nicht mehr schön und wird auch eigentlich nicht mehr genutzt. Trotzdem, den zum Sperrmüll zu legen, das ist ein Meilenstein der Familiengeschichte.

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Der Liebste und ich öffnen den Neujahrswhiskey von Marianne, das haben wir uns diese Woche verdient. Der ist richtig gut. Anstoßen können wir nicht, wir nutzen aus Bequemlichkeit nur ein Glas, aber es ist doch wirklich schön, dass wir uns immernoch mögen, nach diesem verqueren Jahr, da sind wir uns einig. In diesem Sinne, Prost!

gehen Sie nicht über Los

Ich buche einen Termin zum Klamotten einkaufen. Es gibt normale Termine oder welche für Konfirmations- und Anlassmode, jeweils für ein oder zwei Stunden. Gut zu wissen. Das Märzkind hat quasi einen eigenen Verkäufer. Großes Kino. Sie weiß ziemlich genau, was sie sucht, er findet es innerhalb weniger Minuten. Unter diesen Einkaufsbedingungen reicht eine Stunde völlig. Das Märzkind freut sich. Ich mich auch. Aus Protest hatte sie die letzten vier Wochen nur noch ihre schwarzen Sportleggins an. Wir haben wohl beide gewonnen.

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Die Bücherei hat geöffnet und ich kann die Bücher abgeben, die hier seit November liegen, wenn wir schon mal in der Stadt sind. Ein Kochbuch würde ich wohl ausleihen wollen. Am liebsten eins, das keinerlei Leidenschaft erfordert und mit Supermarktzutaten harmoniert. Kinder satt in 40 Minuten, oder so. Die Kochbuchabteilung wurde während des lockdown erweitert. Früher waren faule Köche ohne Thermomix eine Randgruppe, jetzt gibt es ein ganzes Regal voller Möglichkeiten. Es ist toll. Auch das Erziehungsbücherregal wurde neu sortiert. Wo früher Ratgeber für gestresste Helikopter Eltern standen ist jetzt alles voller Duden und homeschooling Sachen. Die Büchertasche ist rappelvoll als wir wieder gehen. Endlich hat mal einer verstanden, was Familien gerade brauchen.

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Frisörtermin, juhu. Zwei Kunden dürfen hier gleichzeitig kommen. Auf dem übernächsten Platz sitzt eine ältere Dame, die es erkennbar genießt, mal wieder was erzählen zu können: In dieser Zeitung gebe es eine Rubrik für Leserfragen, sagt sie. Da habe jemand gefragt, ob man denn auch geimpft werden könne, wenn man seinen Impfpass nicht mehr findet. Impfpass? Hat sie sich da gefragt und erstmal angefangen zu suchen. Tatsächlich habe sie eine Art Impfdokument gefunden, der Hausarzt hat dann aber festgestellt, dass das nicht mehr den aktuellen Gegebenheiten entspricht. Nun ja, da stand nur drin, dass sie gegen Polio geimpft wurde, sonst war ja auch nie was. Man habe ihr eine Tetanusimpfung empfohlen, wegen der Gartenarbeit. Da hat sie gesagt, gut, wenn das heutzutage üblich ist. Das war keine große Sache, das haben die direkt den Tag noch gemacht.

Das Gute am Masketragen ist, man kann grinsen, ohne dass es jemand sieht.

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Als ich den Großeinkauf ins Auto räume summt eine Nachricht. Ich habe so gar keine Lust, da nochmal reinzugehen, weil irgendwas vergessen wurde, gucke aber lieber trotzdem nach. Eine Mutterkollegin bittet mich um Hausaufgaben. Ich schicke ihr ein Foto von meinem vollen Kofferraum „Außendienst, bitte warten“.

Beim Kühlschrank einräumen fällt ein Apfel unglücklich, nicht schlimm, den esse ich sofort. Irgendwas war doch noch, überlege ich. Ach, stimmt, die Hausaufgaben. Ich krame im Rucksack des Julikinds nach dem Hausaufgabenheft, suche, finde, mache Fotos. Die Mutterkollegin bedankt sich, da werde ihr gerade so einiges klar. Der Feierabend ist gelaufen. Ich nehme Anteil. Auf dem Flur bleibe ich stehen. Moment, ich hatte doch, wo hab ich denn?, hatte ich?, ich glaube schon, lieber nochmal gucken. Sehen wir der Tatsache ins Auge. Irgendwo auf dem Weg zwischen Kühlschrank und dem Schreibtisch des Julikinds habe ich einen angebissenen Apfel abgelegt und verdammt nochmal vergessen wo. Allmählich fange ich an, mich selber zu nerven, mit sowas.

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Ah so, nur damit ich bescheid weiß, ne, sagt das Maikind, er hat dann nächste Woche keine Schule. Das ist nur teilweise eine Überraschung. „Hatten die dir denn schon bescheid gesagt, an welchem Tag du hättest kommen sollen?“, frage ich nach. Ich hab gar nichts mitbekommen. Ah so, sagt das Maikind. Das hätte er mir dann auch noch erzählt. Er wäre in Gruppe A gewesen, also Montag/Mittwoch/Freitag/Dienstag/Donnerstag, „aber das ist ja jetzt egal geworden“, sagt er. Stimmt.

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T-Shirt gekauft, beim Frisör gewesen, jemanden besucht und neue Bücher geholt. Es war ein schöner Frühling.

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Es liegen drei Zentimeter Schnee und Hessen zieht die Notbremse. Zurück auf Februar.

März, halbgar

Ich lese einen Herzchen-Roman aus dem öffentlichen Bücherschrank. Die Handlung ist angenehm vorhersehbar, manchmal braucht es sowas. Moment, das hatte ich doch schon gelesen. Vielleicht war das Lesezeichen rausgefallen und irgendwer hat es einfach irgendwo wieder reingelegt. Plötzlich macht die Handlung einen Sprung, da fehlt doch was. Ich blättere hin und blättere her und wundere mich. Es liegt nicht an mir. Zwanzig Seiten sind doppelt dafür fehlen die, die da eigentlich hätten sein sollen. Das hatte ich auch noch nie.

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Es ist ein stürmischer Tag, man sieht kaum jemanden. Deshalb fallen uns im Vorbeifahren die drei Jungs auf. Sie sind im Grundschulalter und stehen im Kreis auf dem Bürgersteig. Anscheind versuchen sie, sich gegenseitig Windschatten zu schaffen. Ein Schal fliegt fast weg und wird etwas umständlich wieder um den Hals gewickelt. Dabei kann man es sehen. Etwas, das man schon so lange nicht mehr gesehen hat, das man zweimal gucken muss, bevor man es begreift.

„Samma, hat der Junge eine Pommesschale in der Hand?“, fragt das Märzkind ganz aufgeregt. Das würde ja bedeuten, dass das Pommesgeschäft wieder geöffnet hat. Das sind doch mal gute Nachrichten.

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Irgendwem ist wohl aufgefallen, dass die siebt- bis elftklässler schon ziemlich lange zu Hause sind. Da soll es jetzt mal voran gehen. Noch vor Ostern wird jede Klasse mindestens einen Präsenztag pro Woche bekommen, der übliche Elternbrief des Kultusministerims feiert dieses Konzept. Wenn man dem amtlichen Geschwurbel die Fakten entrissen hat bleibt folgendes übrig: Start am 22. März – das heißt, wir reden hier über genau zwei Präsenztage vor Ostern – es sei denn man erwischt den Freitag, dann wäre es nur einer.

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Wir sind eingeladen. Eigentlich hat der Liebste sich auf ein Bier verabredet und sich dann überlegt, dass ich da mit könnte, aber hej, wir sind eingeladen. Auf der Hinfahrt überlegen wir, wann wir denn das letzte Mal zu zweit alleine irgendwo gewesen sind, nicht zu Hause, ohne Kinder, ohne Hund. Das muss im Dezember gewesen. Im Dezember 2019.

Ein schöner Abend. Zum Abschied umarmen wir uns kurz, ohne dass irgendwer darüber nachdenkt.

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Meine Schwester ruft an. Sie hatte ja vor drei Wochen gesagt, sie ruft mich zurück. Ist das echt schon drei Wochen her? Egal. Ich habe gerade Zeit. Wir telefonieren fast zwei Stunden. Ihr Alltag hat sich durch die Situation kaum verändert. Sie haben zwei Urlaube gebucht. Eine ganz andere Welt, interessant.

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Eine mail wurde geschrieben und drei Nachrichten hinterlassen, bisher keine Reaktion. Man kann wohl davon ausgehen, dass diese Firma keinen Praktikumsplatz hat, im Moment. Wir überlegen, was sonst noch in Frage kommen könnte und machen eine Liste. Ich werde telefonieren. Andererseits kann ich mir das vielleicht auch sparen, so wie die Inzidenz im Moment steigt. Laut Klassenlehrer könnten da Änderungen kommen, auch ganz kurzfristig, die Schule entscheidet gar nicht selber, ob das stattfinden darf.

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Das Märzkind braucht Klamotten. Wirklich zum Anziehen, an shoppen zum persönlichen Vergnügen denkt ja schon lange keiner mehr. Die Läden haben zwar geöffnet, man muss aber vorher einen Termin vereinbaren. Einfach von einem Laden in den nächsten gehen, wenn man nichts findet, ist also nicht. Wo ist denn wohl die Erfolgsaussicht am größten, wer hätte denn wann Zeit? Was wird gebraucht? Es ist ein bisschen dringend, denn wenn wir wieder über 100 liegen, wird es dieses Angebot auch nicht mehr geben.

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Die Konfirmationseinladungen sind fertig gebastelt. „Du bist herzlich eingeladen, es sei denn, wir dürfen nur mit wenigen Leuten feiern, oder gar nicht. Vielleicht ändert sich der Termin oder der Ort oder die Zeit noch, dass wissen wir aber erst kurz vorher“ Ich bastele noch an der Formulierung.

Ich weiß es doch auch nicht

Vor Ostern, wenn die Skigäste durch sind und es draußen warm genug zum Wäsche trocknen ist, mache ich normalerweise eine Grundreinigung in der Ferienwohnung. Skigäste gab es keine, Ostergäste wird es auch nicht geben. Ich vermisse das Bettzeug und Gardinen- und Geschirrchaos. Es ist seltsam, ich mochte es nie. Den Weihnachtsstern könnte ich mal abnehmen.

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Wir bringen ein Auto zum Wanderparkplatz zwei Orte weiter und laufen ein Stück auf diesem Premiumwanderweg, der quasi vor der Haustür anfängt. Wir müssen hier alle mal raus. Das Julikind wollte nicht mit, zu Hause bleiben aber auch nicht. Nach einer halben Stunde führt der Weg durch die Wildnis und sie wird fröhlicher. Früher, als er klein war, musste er auch wandern, mit seinen Eltern, sagt der Liebste, sie waren in Bayern, in Österreich und so. Aber hier, hier ist er noch nie lang gelaufen.

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Vor zwei Wochen hatte ich eine Matratze bestellt und bezahlt. Seitdem nichts mehr davon gehört. So langsam müsste die geliefert werden. Oder auch nicht. Nach zwanzig Minuten in einer nervtötenden Warteschleife, habe ich eine Dame am Telefon, die mir nur sagen kann, das auf meiner Zahlungsbestätigung eine falsche Nummer steht, und der Auftrag vermutlich deswegen „irgendwie durchgerutscht“ ist, leider könne sie da nichts für mich tun, ihr Job ist es nur, ans Telefon zu gehen, so leid es ihr tut. Ich storniere.

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„Der Mathewettbewerb, nächste Woche, findet der statt?“, fragt das Maikind im vorbeigehen. Ähm, gute Frage. Anruf im Sekretariat der Schule. Gute Frage, man wird mich gleich zurückrufen. Der findet tatsächlich statt, so halb digital. Das Maikind soll bitte Mittwoch in die Schule kommen. Jackpot! Mittwoch ist der einzige Tag der Woche, der pickepackevoll mit online-Unterricht ist. Leider wird verlangt, dass er ab der sechsten Stunde zu Hause wieder teilnehmen muss. Man fasst es kaum, sagt das Maikind. Hätte der Wettbewerb im Städtchen stattgefunden, wäre er für diesen Tag freigestellt worden. Ähm, ich sag lieber nix.

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Samstag morgen um halb acht ist es wirklich leise im Ort. Etwas weiter unten am Hang knackt ein Ast. Weil es das einzige Geräusch ist, schaue ich in die Richtung und bleibe verwundert stehen. Eine Hirschkuh, anscheind auf dem Weg zum Altglascontainer. Hund und Hirsch gucken mich aus verschiedenen Richtungen leicht verwirrt an. „Expecto patronum“, murmele ich. Die Hirschkuh dreht sich um und geht.

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Die geistige Freizeit, die sich durch zwei Tage Präsenzunterricht ergibt, füllt sich schnell von selber.

Man müsste mal: Familien-Verwaltungssachen erledigen, Arzttermine machen für ganz normale Kontrollsachen, Sperrmüll bestellen, Konfirmationseinladungen, zu klein gewordenes aus dem Kleiderschrank des Julikindes räumen, Wäsche, Fenster putzen.

Der Liebste nimmt die Kinder mit zum Fahrrad fahren. Eine Stunde bin ich allein zu Hause. Es ist herrlich. Mit einer Tasse Kaffe stehe ich am Fenster und mache nichts, sowas von garnichts, eine ganze Stunde, weil ich es kann. Früher hätte ich eine Woche Urlaub machen müssen, um einen gleichwertigen Erholungswert zu erlangen. Nach einem Jahr Pandemie reicht eine Stunde.

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Die Blagen haben die Tüte mit Osterschnucke gefunden. Ganz hinten ganz unten in einem Schrank, in dem nur hauswirtschaftlicher Kram lagert, den ausser mir eigentlich nie jemand sucht. Als würde man mit einem Schwarm Heuschrecken zusammen wohnen…

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Auf der Danksagung steht hinten handschriftlich drauf, wie sehr man sich über unsere Karte gefreut habe. Ich stelle fest, dass ich die Frau auf dem Bild wirklich nicht kenne. Der Liebste freut sich, denn er mochte diese Tante aus der Gemeinde richtig gern, und, hat er doch gewusst, das ich da die richtigen Worte finde. Das widerum freut mich, weil ich lieber Karten schreibe als Holz trage. Ein win-win Situation.

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Das Praktikum findet statt, da muss ich dann mal anrufen, sagt mir das Maikind im Vorbeigehen. „Moment, ich kann doch da nicht einfach anrufen und sagen, das Praktium findet statt, da brauch ich ein Datum.“ Augenrollen. Der Außendiestler habe doch gesagt, das ginge, egal wann. „Das ist richtig, aber wann genau müssen die ja dann trotzdem wissen. Sag der Fachlehrerin, ich will eine Email.“ Kurze klare Sätze.

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„Wann ist wieder Kickboxen?“, fragt das Julikind. Ich weiß es leider nicht. Aber die Frisöre machen doch auf. Ich glaube, das heißt nichts. Machen die Gartencenter nicht auch auf? Ich habe keine Ahnung. „Aber, die werden doch wohl nicht die Gartencenter aufmachen, bevor alle wieder zur Schule können?“, das Märzkind ist irritiert. Ich fürchte, genau das wird passieren. „Aber, in Gartencentern kaufen doch nur alte Leute. Wieso immer nur die Alten? Die werden geimpft und dürfen wieder einkaufen, ganz normal, und wir? Nix.“ „Die Rentner dürfen wählen, ihr nicht.“ „Aber das ist doch scheiße“, sagt das Märzkind. „Richtig“, sage ich. PoWi im homeschooling.

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De Omma hat das Beet im Vorgarten gejätet und mit der Hacke schon mal kleine Löcher reingegraben, um die genaue Anzahl der benötigten Stiefmütterchen zu ermitteln. Ein bisschen wartet sie noch, es ist nachts noch ziemlich kalt nachts, sagt sie.

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In deutscher Gründlichkeit wurde eine Art Öffnungsstrategie entworfen. Ich versuche, dieser Tabelle einen Sinn zu entnehmen. Es ist schwierig. Meine Öffnungsstrategie sieht daher folgerdermaßen aus: Wir planen, und dann geht das entweder oder nicht. Das schreibe ich in die Einladung. Problem gelöst.

Halbzeit Februar

Ich bin anscheind der einzige Mensch, der im Wald spazieren geht. Die Hunderunde, die ich sonst in 40 Minuten laufe dauert anderthalb Stunden. Auf der ganzen Strecke liegen durchgängig 30cm Schnee, ich komme bei -10°C ins schwitzen, während zeitgleich meine Haare einfrieren.

Mir begegnen immer mal Tiere hier, aber wie viele wirklich unterwegs sind, das sieht man jetzt erst. Die Rehe haben schon Pfade auf dem Weg und es gibt mehr Hasen, als ich gedacht hätte. Eine Spur wird von Pfotenabdrücken gekreuzt und ein paar Meter weiter kann man deutlich sehen, wo der Fuchs dem Hasen gute Nacht gesagt.

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Vielleicht geht er einfach nicht mehr hin, zum online Unterricht, sagt das Maikind. Da wird 10 Minuten lang was erklärt und anschließend eine Stunde lang darüber geredet. Er stellt dann auf stumm und erledigt er die Aufgaben, die beim nächsten Mal online kontrolliert werden sollen. Die Hausaufgaben macht er nicht, das ist „6 Seiten lang immer die gleiche Aufgabe nur mit anderen Zahlen“, die Lehrerin schickt Freitags die Lösungen zur Selbstkontrolle, das muss man dann nur abschreiben.

Was soll ich da sagen? Er hat gelernt, eine sinnfreie Tätigkeit zu rationalisieren. Das ist was Gutes.

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Eine Lehrkraft meldet sich per mail, mitten in der Woche. Der Wochenplan sei ja bekannt, für die nächste online Stunde solle bitte noch das Arbeitsblatt aus dem Anhang bearbeitet werden. Die Email hat keinen Anhang. „Hast du ein leeres Blatt, oder soll ich dir eins geben?“, frage ich das Maikind. Er hat eins. Immer top vorbereitet, das Kind, da muss ich aber mal loben. Wir sind an einem Punkt, wo wir darüber lachen können.

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Auf dem Englisch-Wochenplan des Julikinds steht etwas von „wenn wir uns nächste Woche wieder sehen“. Hä?

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Der Minister schreibt uns Eltern. Tatsächlich, ab nächster Woche Wechselunterricht für die Klassen 1-6, weiterhin dieser die-ganze-Klasse-geteilt-in-zwei-Räumen-zeitgleich-mit-ein und derselben Lehrkraft-Unterricht für die Abschlussklassen, und für die Klassen 7-9 ist man voller Hoffnung, dass, soweit es das Infektionsgeschehen erlaubt, eines Tages ebenfalls, irgendwas. Bla.

Das Maikind freut sich. „Das klingt nicht so, als müsste ich vor den Osterferien noch, oder?“. Nö.

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Die Saison neigt sich dem Ende und Kunden gab es keine. Ein Modehaus bietet Überraschungspakete an. Ich brauche Klamotten und kann mir sowieso nicht vorstellen, mit FFP2 Maske einkaufen zu gehen. Es passt tatsächlich alles, was in dem Paket war. Einiges davon hätte ich im Laden nicht ausgesucht, aber alle Kleidungsstücke passen zusammen. Es ergeben sich Möglichkeiten, auf die wäre ich nicht gekommen. Ich könnte wieder unter Menschen.

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Das Märzkind wird eingeladen, eine Woche Campingurlaub mit einer Freundin. Eine Mutterkollegin hat gebucht und würde, wegen der aktuellen Situation, ein paar Freunde der Tochter mitnehmen. Alle freuen sich und beginnen mit der Planung. 10 Minuten, nachdem alle Probleme gelöst scheinen ruft die Mutterkollegin an. Osterurlaube sollen vermutlich nicht gestattet werden, es wurde alles wird abgesagt. Alle sind traurig, man sagt sich die üblichen Coronafloskeln. Ist halt so.

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Das Märzkind fragt nach Geburtstagsfeier- Möglichkeiten. Ich kann da leider gar nichts versprechen. Der aktuelle shutdown soll am 7.März enden. Man weiß nicht, was das heißt, oder was danach kommt. Eine Uroma hat den zweiten Impftermin drei Tage vorher, die könnten wir auf jeden Fall einladen. Was eine Feier mit Freunden angeht, da müssen wir abwarten, wie viele dann erlaubt sind und was geöffnet hat. Wir überlegen Miniparty-Möglichkeiten. Peinlich darf es unter keinen Umständen werden, langweilig auch nicht, wenn es nur so wenige Leute sind, dann ist es auch wichtig, dass die sich leiden können. Ach, es ist kompliziert. Es ist seit langem mal wieder ein Gespräch das wir geführt haben ohne uns anzuzicken, stellen wir am Ende verwundert fest. Eigentlich – nochmal kurz nachdenken- nee, wir haben uns den ganzen Tag noch nicht angeraunzt. „Hast du im Zimmer das Fenster auf und die Heizung auf vier?“, frage ich nach. „Nee“, sagt das Märzkind, „nichtmal das“.

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Das Julikind kommt morgens in Jeans und Pulli zum Frühstück. Ich wundere mich. „Haste gesehen, Mama, ich hab mich mal normal angezogen?“ Sicher, das habe ich gesehen. Das waren 90 Tage in Jogginghosen.

Langsam wird`s unheimlich.