Geburtstage und Glitzer

Beide Mädels brauchen Abendkleidung. Eine für den Schulabschluss, eine für eine Hochzeit. Wir fahren zum Abendkleider-outlet in die Stadt. Ich bin nur als Begleitung dabei und beobachte. Als erstes fällt mir auf, dass die in der Werbung erwähnten 1000 Kleider für unter 200 Euro anscheind gestern schon verkauft wurden und das, was hier hängt zwar wunderschön, aber nicht unbedingt günstig ist, andererseits, sind Leute vermutlich gern bereit für wallende Polyester-Träume viel Geld zu bezahlen. Der Weg zur Umkleide ist mit Glitzer bestreut. Vor dem Eingang Sitzgelegenheiten, Männer dürfen nicht rein. Hinter den Vorhängen ein riesiger Raum voller Kleiderständer und Spiegel, auf jedem ein Aufkleber, der darauf hinweist, dass man bitte nicht sein Spiegelbild fotografieren möge, aus Rücksicht auf alle, die da im Hintergrund mit drauf sein könnten. Faszinierend welchen Unterschied Klamotten machen. Frauen aller Alterklassen und Kleidergrößen verwandeln sich innerhalb von wenigen Minuten. Man fotografiert sich gegenseitig, hilft in aller Selbstverständlichkeit mit Reißverschlüssen und Bändern. Sehr nette Atmosphäre. Wir verlassen das Event ohne etwas zu kaufen und überlegen auf dem Rückweg, zu welcher Art von Veranstaltungen man wohl solche Roben trägt. Und – dass das Kleid, dass ich zur standesamtlichen Trauung anhatte eigentlich fast so aussieht, wie das, was Julikind gefiel und – es existiert noch. Vielleicht…

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Mit einem gemütlichen Abendessen in Gesellschaft der „Weihnachtsrunde“ Märzkind-Geburtstag gefeiert. Die Gäste stellen fest, dass man dann mit 21 wirklich groß. Sie dürfte sich jetzt eine Waffe kaufen und beschwipst Auto fahren.

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Julikind kommt normalerweise fröhlich vom Tanztraining. Heute nicht. Suizid einer 15-jährigen. Nachrichten werden hin und her geschrieben.

Stille Anteilnahme – auch mit all den anderen Familien, die im verborgenen kämpfen. Und riesengroße Dankbarkeit, dass hätte auch ganz anders laufen können, damals.

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Der Schwager hat zum Geburtstag eingeladen, das ist ungewöhnlich. Nach dem Kaffee trinken überlegen die Blagen, was man denn jetzt wohl macht, weil, sonst sind sie danach immer auf den Spielplatz gegangen und das geht ja jetzt nicht mehr. Doch, natürlich, sage ich, sie dürften jetzt sogar ganz alleine. Wir bleiben einfach sitzen und unterhalten uns. Ein schöner Nachmittag, da sind wir uns alle einig auf dem Rückweg.

Der Blick geht im vorbei fahren auf jede Tankstellen-Preistafel, jedesmal gefolgt von einem Seufzer. Stillschweigend sind wir überein gekommen nicht zu klagen, es nützt ja nix. 50 Euro mehr als normalerweise kostet es uns, jede Woche

Nur eine Stunde Fahrzeit von hier ist der Frühling schon angekommen. Es blüht in allen Farben. Nicht nur acht Osterglocken und ein sanfter Hauch von kommendem gelb in der Hecke, wie hier.

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Die Betriebswaschmaschine steht im Keller. Der Aufzug ist nicht öffentlich, man braucht einen Schlüssel. Es ist Sonntag, außer uns ist niemand im Gebäude. Ich hatte damit gerechnet, dass die Tür einfach aufgeht, als ich den Schlüssel drehe, um im Keller den Trockner anzustellen, denn außer mir, kann da ja keiner mit gefahren sein, in der Zwischenzeit. Der Aufzug kommt von ganz oben. Ein sanfter Grusel-Schauer läuft mir den Rücken herunter.

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Es war definitv die größte Beerdigung die der Ort je gesehen hat, sagt die Freundin. Nicht nur die Kirche und der Platz, wo der Lautsprecher hängt proppevoll, die Leute standen noch über den ganzen Friedhof verteilt. Abends erkundige ich mich beim Liebsten, ob er denn da schon in irgendeiner Form Anteilnahme…? Aber er ist genauso erstaunt wie ich. Zwei Haushalte sind damit beauftragt, Traueranzeigen aus der Zeitung an uns weiterzuleiten, wir sind in mehreren whatssapp Gruppen, haben in der letzten Woche auf zwei Geburtstagsfeiern länger mit vielen Leuten zusammengessen, und dennoch: Wir haben einen Trauerfall komplett verpasst.

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Mohnkuchen gebacken und gegessen, kam durchschnittlich gut an. Cookies gebacken und verschenkt. Eine Biskuitrolle gebacken, die in alter Traditon, aussah wie ein Unfall. Ein weiterer nice-try-award wurde mir verliehen.

Jahresende 2025

Einen Nachmittag lang haben wir bei der Freundin in der Küche gesessen, uns nett unterhalten und Waffeln gegessen. Das hat gut getan.

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Am vierten Advent essen wir einen Vogel, das hatten wir schon im Sommerurlaub so verabredet. Der Liebste kocht seit den frühen Morgenstunden, mit Liebe, ein bisschen vielleicht zur Entspannung und mit Vorfreude. Schön ist das. Auch, weil ich nichts muss. Nach und nach tauchen die jungen Menschen auf und um 13 Uhr können wir essen. Hätten wir das als Uhrzeit geplant, es wäre nie im Leben so ausgekommen. Ein gemütliches Mittagessen und ab hier weihnachtet es dann wirklich. Früher gehörte zur Tradition ein gemeinsamer Spaziergang, heute haben sie aber alle noch was vor und das macht nichts. Der Liebste und ich verbringen den Sonntag nachmittag auf dem Sofa und gucken „leave the world behind“. Er sieht einen dystopischen Thriller und ich einen interesanten Gruselfilm. Das Terassenlicht geht an, es stehen Hirsche im Garten, Gruselmusik, das Licht geht wieder aus. Ich: „Alltaaaa, ich hoffe mir begegnen in nächster Zeit keine Hirsche im Wald.“ Er: „Hä? Wieso?“

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Wir bekommen einen Geschenkkorb, mit lieben Dankesworten, von einer Freundin des Julikinds und deren Mama, für etwas, das keine Mühe gemacht hat, aber offensichtlich eine Hilfe war. Alle freuen sich, weihnachtliche Umarmungen.

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So, vier Tage noch, da könnte man doch eigentlich mal einen Plan machen. Zeitverzögerte Kommunikation mit meiner Cousine. Sie richtet die andere Heiligabendverstaltung aus und an einer von beiden wird die Oma aus dem Städtchen teilnehmen, wobei sie auch alleine feiern könnte, wie sie mehrfach betont hat. Wir sind uns einig, dass das keine Option ist. Die Oma möchte einfach keine Umstände machen, niemandem, es ist kompliziert. Meine Cousine bietet eine Nachmittagsveranstaltung an und es wäre wirklich kein Problem, sagt sie. Auch hier wäre es kein Problem, allerdings, unter den diesjährigen Umständen, entscheide ich spontan, wäre es toll, wenn das so gehen könnte, nehme ihr Angebot an, und teile anschließend meiner Mudda mit, dass es jetzt so ist. Sie ist sehr erleichtert, denn sie könne ja schlecht Gäste zu mir einladen und wusste auch nicht recht… Ich schicke der Cousine noch eine Nachricht, lachende smileys auf allen Seiten. Eigentlich war es ganz einfach.

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Wenn fast alle bis zum letzten Tag arbeiten, passiert Heilig Abend nicht von alleine. Es gibt eine recht lange to-do-Liste, ungewohnt aber es funktioniert.

Ein angenehm weihnachtlicher Gottesdienst. Der Pfarrer bedankt sich am Ende, dass wir Heilig Abend in die Kirche gekommen sind und das ganze Jahr über Kirchensteuer gezahlt haben. Das ist neu, man wünscht fröhlich Frohe Weihnachten.

Es ist richtig, richtig kalt draußen. Auf den paar hundert Metern von der Kirche bis nach Hause friere ich mir fast die Ohren ab und wundere mich darüber.

Kartoffelsalat, „billige Brötchen“ mit verschiedenen Dipps, Pfefferbeißer, Mettbrötchen, Käseplatte, ein Pfirsichsahnetraum zum Nachtisch, dazu Marzipankartoffeln, Plätzchen, Gummielche und Marshmallow-Schneeflocken, Geschenke-Gewusel, Freude über gewünschtes und gute Überraschungen, eine Runde „was bin ich?“ endet um halb zwölf.

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Am ersten Feiertag sitzen wir in fast genau der gleichen Besetzung wie letztes Jahr am kleinen Tisch bei Schwiegermutter im Wohnzimmer – vor der Musik. Dieses Jahr ist Panflöte im Angebot. Ob man das nicht vielleicht ändern könnte, fragt die Schwägerin. Sicher, wenn sie sich traut, sagen die, die letztes Jahr auch hier gesessen haben. Sie steht auf und sichtet das Angebot an CD`s. Es dauert eine Weile. Vogelstimmen wären im Angebot. Wir schütteln mit dem Kopf, „haben wir versucht, letztes Mal, fällt auf“. „Nagut“ sagt sie und wechselt die CD. Die Teenager gucken leidend. „Gleich wirds besser“, „gleich rockt das, pass auf“, wird zum geflügelten Wort des nachmittags.

Bis zum Kaffeetrinken hab ich durchgehalten, aber zu Hause geht`s direkt aufs Sofa. Schnupfen des Todes, Kopf- und Gliederschmerzen. Alle für den zweiten Feiertag geplanten Besuche werden verschoben.

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Zwischen den Jahren ein Arbeitstag, der beeindruckt.

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Ein Besuch im Krankenhaus mit Märzkind zusammen. Nachdenklich gehen wir zurück zum Auto. Man kann nicht helfen. Ich bringe sie zum Bahnhof und fahre einkaufen, wie alle anderen auch, stelle ich auf dem Parkplatz fest.

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Heute abend Kleinigkeitenbuffet und Kartenspiele, wahrscheinlich. Tschüß 2025.

Alles Gute zum neuen Jahr!

Advent, Halbzeit

Als ich abends nach Hause komme, steht das Sofa vor weiß gestrichener Wand, der Fernseher gegenüber. Auf dem Sofa sitzt Julikind und lächelt. Gemeinsam staunen wir einen Moment darüber, wie groß dieser Raum eigentlich ist, und wie gemütlich das alles aussieht. Es fehlen noch zwei Leisten und die Bilder an der Wand, aber dann ist alles wieder so, wie es mal war, vor 18 Monaten, als diese ausserplanmäßige Renovierung begann.

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Das Kind braucht einen Facharzttermin sagt die Hausärztin für morgen, spätestens übermorgen. Wir verlassen die Praxis mit einer Überweisung. Am Abend des nächsten Tages sind der Liebste und ich beide mental erschöpft aber, zusammenfassend kann man sagen, sie hat einen Termin für den übernächsten Tag bekommen.

Es brauchte nur drei Telefonate mit der Fachpraxis, die Anmeldung in einem Medizinportal über das man theoretisch ein Foto hätte übersenden können, eine Fahrt ins Städtchen zum Foto zeigen auf Mobiltelefon am Tresen der Facharztpraxis, ein Telefonat mit dem Krankenhaus zwecks Ausstellung eines Arztbriefes und die Abholung des Arztbriefes am Tresen der Notaufnahme, wo die ganze Geschichte vor 10 Tagen begann (auf Papier naürlich, denn es zu diesem Zeitpunkt nicht weitergeholfen den an die Haussarztpraxis zu faxen, denn gebraucht wurde er in der Facharztpraxis) Alles ist gut, sie hat zur richtigen Zeit bekommen was sie brauchte, und darüber sind wir froh und dankbar. Aber, man fragt sich ernsthaft, wie man das hätte regeln sollen, wenn der Liebste nicht zufällig frei gehabt hätte. Beim nächsten Hausarztbesuch ist der Arztbrief da, war heute in der Post, sagen sie. (Post im Sinne von Papier in Briefumschlag). Tja.

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De Omma ist krank und muss ins Krankenhaus. Dort würde man sie nach wenigen Tagen gern entlassen, eine Geschichte gegen die unser Erlebnis wie Ponyreiten im Sonnenuntergang aussehen lässt.

Veränderungen stehen an, zum Guten wahrscheinlich, aber erstmal ist es eben wie es ist.

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Weihnachtsmusik der krassesten Sorte schallt aus der Küche. Der Liebste und ich tauschen einen leicht gequälten Blick als wir gewhamt werden, aber wir sind tapfer. Die Kinder haben es „schön adventlich“, backen Plätzchen, alle zusammen und räumen danach sogar auf. Große Kinder sind toll.

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Je mehr Weihnachtsbäume mir im adventlichen Alltag begegnen, desto weniger erinnere ich dieses ultimative Weihnachtsgefühl der früheren Heilig Abende, dass ich sonst damit verbunden habe, was eigentlich schade ist.

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An einem Nachmittag kommen drei verschiedene Versanddienstleister. Pakete, Pakete, Pakete. Ich staple sie nach an verschiedenen Orten.

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Nikolaustag hat sich verändert. Ich habe Geschenke von Kolleginnen bekommen, schöne Geschenke, mit Liebe, obwohl ich gerade mal 6 Wochen da arbeite, und mich ehrlich gefreut. Ich mag die auch alle gern, hatte aber natürlich nix dabei, weil – ich hatte ja keine Ahnung. Vormittags kam ein Nikolaus und hat die Gäste beschenkt. Es war sprichwörtlich froh und munter. Ich hab gestaunt, wie viele Erwachsene ein Foto mit Nikolaus machen wollten. Schön war das.

Abends kamen null kleine Nikoläuse zum Süßigkeiten sammeln. Könnte am Regenwetter gelegen haben, oder Halloween hat gewonnen, man weiß es nicht.

Der Bär sah von der Haustür aus betrachtet aus, wie ein 2 Meter großes Gummibärchen, hat mir gut gefallen.

Weihnachtsstimmung oder so

Mit vereinten Kräften wurden die Fische über die Hitzetage im Sommer gerettet, rückblickend war das schon ein ziemlicher Aufwand, man wird sich da vielleicht was überlegen müssen, für die Zukunft, sagt der, dem der Teich gehört, aber alles in allem hat es sich gelohnt. Also, für uns auf jeden Fall. In netter Atmosphäre essen wir die Fische heute, frisch geräuchert, und unterhalten uns dabei mit den anderen am Tisch darüber, dass es schon ein bisschen verrückt ist, Mitte November im Garten zu sitzen, aber schöner wars im Sommer auch nicht.

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Ich hatte was bestellt, im Möbelladen. Die fröhliche Frau hinter dem Tresen erinnert sich an unser Telefonat und macht sich auf den Weg ins Lager. Ich frage mich währenddessen, ob ich sie von irgendwoher kennen müsste. Nein. Das selbtverständliche duzen scheint hier Teil der Firmenidentität zu sein, und wirkt eigentlich ganz sympathisch. Vorname und Du finde ich OK, Vorname und Sie oder Nachname und Sie auch. Nachname und Du, wie es in meinem letzten Job üblich war, fand ich die ganz über irgendwie doof, und das fällt mir gerade erst richtig auf, während ich so rumstehe und warte.

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Es hätte mich schon mal interessiert, andererseits, brauche ich das wirklich? Für irgendwas? Nachdem ich zwei apps installiert habe, mich per Personalausweis identifiziert, meine email-Adresse verifiziert und den code eingegeben habe, den man mir per Post an meine Wohnadresse schickte, stellt die App sich dumm. Irgendwas hat nicht funktioniert. Es ist mir ein Rätsel. Ich verfüge über digitale Grundkenntnisse, spreche fließend deutsch, kann sinnerfassend lesen, bin durchschnittlich intelligent, aber offensichtlich nicht in der Lage meine elektronische Patientenakte einzusehen. Dann eben nicht.

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Der Liebste darf wieder ganz ohne Krücke laufen. Juhu!

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Die Oma aus dem Städtchen ist gestürzt, liegt im Krankenhaus, meldet der Familienchat. Es gehe schon wieder ganz gut, sagt de Mutta, sie sind über den Flur gelaufen, niemand versteht, warum die Oma so lange dort bleiben soll. Zwei Tage später ist de Mutta krank, Corona. Der Vatta zieht wenige Tage später nach. Sehr milder Verlauf, aber es ist ihr erstes Mal und sie sind doch erstaunt wie man sich so fühlt, dabei.

Mein Auto macht ein Geräusch vorne rechts. Nach jedem noch so kleinen Schlagloch rechne ich mit einem Achsbruch. Der Liebste nimmt es mit in die Werkstatt, die auf seinem Arbeitsweg liegt. Wir machen einen Plan, zum Rücktransport, nur für den Fall… Die Werkstatt entfernt ein Stück abgebrochener Feder, funktioniert auch so, bis das Ersatzteil da ist und jemand Zeit hat.

De Omma möchte üblicherweise sofort nach dem Abendessen ins Bett, aber eigentlich möchte sie vielleicht heute lieber noch im Sessel sitzen, sagt sie. Soll mir recht sein. Ich hole eine Wärmflasche aus dem Bett, lege sie neben die Oma in den Sessel, reiche eine Wolldecke und lasse mir die einzig wahre Methode des zudeckens erklären. Das Gespräch des Tages besteht aus ungefähr 6 Sätzen, und spielt in drei verschiedenen Jahrzehnten.

Julikind hat da was, es wird schlimmer, Sonntag morgen fährt der Liebste mit ihr zum hausärztlichen Notdienst, abends holen wir sie im Krankenhaus wieder ab, frisch operiert. Einen leicht restsedierten Verwandten 24 Stunden lang zu überwachen gehört ja zu jedem Jahr dazu.

Der Advent darf jetzt gerne langweilig werden, bitte.

Ziellinien in Sicht

Ein nettes Gespräch über jahreszeitlich bedingte Verletzungen. Ich hab mir ein Stück Maronenschale unter den Fingernagel des rechten Daumens gerammt, bis ins Blut natürlich. Maikind ist beim Radmuttern nachziehen ein bisschen abgerutscht. Ist halt so. Für November erwarten wir irgendeine Schramme aus der Kategorie „bisschen paddelig gewesen beim Holz holen“ , und dann schon die ersten Schlürfwunden von winterlichen Heißgetränken.

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Die Weihnachtsmänner sind angekommen im Lebensmittelladen. Ich gehe einmal um die Pappaufsteller-Regal-Insel und sichte das Angebot. Eigentlich kaufe ich ja nix, wo Weihnachten drauf steht, aber ich kenne jemanden der sowohl Weihnachten als auch diese Schokolade gerne mag und sein Geschenk ist noch nicht komplett, da könnte man vielleicht eine Ausnahme… Ich nehme also Weihnachtsmann. Nach zwei Metern Weg hat mein Hirn die Informationen des Preisschildes verarbeitet, ich drehe mich wieder um und stelle den Weihnachtsmann zurück. Auf der anderen Seite der Regalinsel tut eine Frau zeitgleich genau dasselbe. Unsere Blicke begegnen sich. Wir schütteln beide mit dem Kopf, müssen dann ein bisschen grinsen, weil diese Situation so fast filmreif verrückt ist, stellen dabei fest, das wir uns ja kennen und unterhalten uns kurz, über Schokoladenpreise zu Weihnachten und dass man das alternativ auch einfach weglassen kann. Schön war das. Grüße an Team Grinch.

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Der Raumausstatter kommt auf einen Kaffee vorbei, weil er gerade in der Gegend war und der Liebste krank geschrieben ist und keine Zeit zum Telefonieren war. Schön war das.

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Der Liebste bekommt zwei Wochen Verlängerung, darf aber wieder mit halber Belastung, immerhin.

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Der Steinmetz trägt eine letzte Schicht Lehmputz auf die Wand auf, um die entstandenen Risse zu füllen. Wenn die dann trocken ist, wird gestrichen und vielleicht haben wir bis Weihnachten wieder eine ganz normale Wand.

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Eine halbe Stunde mit der Oma in der Küche gesessen, Stollenkonfekt gegessen und fünf mal hintereinander das gleiche kleine Gespräch geführt. Es war gemütlich und passte gut zu meinem mentalen Zustand.

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Der letzte Arbeitstag ist einerseits so herzlich, dass ich um ein Haar rührselig geworden wäre, andererseits ein guter Tag zum Abgewöhnen. Ich verlasse das Gebäude mit einer Tasche voll Blumen und Geschenken und mit pochenden Kopfschmerzen und klingeln in den Ohren. Hach.

Am frühen Abend dann Korrektur lesen der Abschluss-Prüfungs-Hausarbeit des Julikinds. Die Oma druckt alles aus und damit ist der schriftliche Teil zur Abgabe bereit. Juhu!

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Der erste Arbeitstag im neuen Job ist so ganz anders. Ich bin fix und alle, aber eigentlich auch fröhlich.

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Märzkind kommt vorbei und hätte wohl Zeit, Weihnachtskarten zu basteln, sagt sie. Das ist gut, weil alleine hätte ich keine Lust. Wir überlegen, wer denn alles eine bekommen soll, suchen Material zusammen und breiten alles auf dem Esstisch aus. Der Liebste hilft beim Zuschnitt und klebt mit halbherzigem Engament Flitterkram auf. Märzkind bemängelt das, ich grinse. Sie beschwert sich, dass wir das garnicht richtig ernst nehmen, dabei ist es doch so schön weihnachtlich. Dialoge wie bei Loriot, alle Jahre wieder.

Man wundert sich

Im Einkaufswagen liegen Weintrauben, Spekulatius und der erste Kürbis, kulinarischer Jahreszeitenwechsel.

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Passend dazu eine herbstliche Hunderunde am frühen morgen, durch Nebel im dunkeln, immerhin ist es nicht kalt. Der Hund bleibt stehen, das macht er so, wenn er Rehe sieht. Ich schaue mich um, mein Hirn braucht zwei Sekunden und fasst dann mehrere gleichzeitig gedachte Gedanken zusammen: Keine! Chance! Der schwarze Fleck da, zwanzig Meter vor uns auf dem Stoppelfeld ist ein richtig großes Wildschwein und es hat uns auch gesehen. Es grunzt einmal kurz warnend und die zwei kleineren schwarzen Flecken verschwinden sofort im angrenzenden Maisfeld, die große Sau läuft hinterher, und es sind wohl auch schon einige andere da drin. Ein Geräusch, wie wenn im Jurassic Park die Raptoren kommen. Ich bin wach. Siehste, sage ich zum Hund, deswegen werfen wir nie den Ball ins Maisfeld…

Am nächsten Morgen fahre ich ein Stück ins Feld, dahin, wo uns eigentlich nie Wild begegnet. Heute ohne Nebel und im Dämmerlicht. Ich werfe den Ball auf die Wiese. „Haaalloooo??“, ruft es laut von irgendwo. Och nö. Ich möchte bitte nicht morgens um viertel vor sechs einen dementen Opi im Feld finden, oder so, denke ich, während ich mich suchend im Kreis drehe. Da ist niemand. Es bleibt still. Merkwürdig, aber soll mir recht sein. Hundert Meter weiter meldet sich die Stimme wieder „Halllloooo? Würden Sie BITTE MAL den HUND FEST machen?“ Ok, ich bin verwirrt, mache den Hund fest und gehe weiter. Hinter der Hecke steht ein Auto, unter dem Hochsitz und jetzt kann ich es erkennen, auf dem Hochsitz sitzt jemand. Ich hebe grüßend die Hand und sage laut, dass ich erleichtert bin, ihn zu sehen, weil ich nämlich dachte, ich höre Stimmen. „Tjaaa, er wollte ja eigentlich hier, aber das ist jetzt rum“, murmelt der Jäger, der direkt unter dem Hochsitz parkt. Tjaa, sorry, not sorry, denke ich, und lasse den Hund hinter der nächsten Wegbiegung wieder laufen.

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Im Wald wurde ein Weg markiert. An jeder Abzweigung drei hellgelbe Pfeile auf den Boden gesprüht, Flatterband am nächsten Baum in Sichthöhe und Pfeile mit Reflektorband an Pfosten, eindeutiger gehts nicht, man fragt sich… ah – Wanderabenteuer. Die Freundin hat es auch gesehen, auf ihren Hunderunden und während wir Spekulatius essend am Tisch sitzen machen wir uns Gedanken. Die Streckenführung geht den Eselspfad hoch, im Ort einmal über die Straße und auf der anderen Seite zurück in den Wald und über einen ausgespülten Kiesweg wieder runter. Der Eselspfad heißt nicht ohne Grund so, das ist ein Trampelpfad im Wald mit vielen Höhenmeter. Keine richtig gute Idee da lang zu laufen, abends um zehn, wenn es stockduster ist, würde man meinen, zumal man ja wenige hundert Meter die Straße runter und über einen Teerweg geradeaus laufen könnte, um genau da anzukommen, wo der Kiesweg wieder rauskommt. Aber – wenn es 80 Euro kostet und man ein T-Shirt bekommt, finden die Leute das offensichtlich toll. Warum sind wir da nicht drauf gekommen?

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Irgendwas scheint an der Grillhütte los zu sein, meldet der Liebste nach der letzten Hunderunde. Allerdings ohne Musik und nur spärlich beleuchtet, klingt nach einer Anwohner-freundlichen Abendveranstaltung, da kann man sich ruhig mal drüber freuen. Am nächsten Morgen meldet der Dorfchat, dass die Feuerwehr einen Baum gepflanzt habe. Man wundert sich. Die Auflösung kommt wenige Tage später, es läuft irgendeine Challenge, bei der Firmen und Vereine sich gegenseitig nominieren. Die Nominierten müssen dann innerhalb von 48 Stunden einen Baum pflanzen oder der örtlichen Kita Eis spendieren. Schöne Sache.

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Vor uns fährt ein Traktor auf die Straße. Ein für heutige Verhältnisse sehr kleiner, mit einem Ladewagen dahinter, den man vom Auto aus einsehen kann. Auf der Ladefläche stehen fünf Bratpfannen in haushaltsüblichen Größen. Drei davon gestapelt, zwei jeweils einzeln daneben. Sonst nichts. Fragt man sich, woher, wohin und wieso wohl…

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Dinge tun sich an Arbeitsplätzen, verschiedene, aber natürlich an allen Arbeitsplätzen zur gleichen Zeit und wo wir schon dabei sind – Schulentlassungsfeier Anfang Juni steht in der Elternpost, vorher natürlich noch Abschlussfahrt und alles andere, zum ersten Mal bemerken wir, wie kurz dieses Schuljahr sein wird. Man wappnet sich innerlich.

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Die Frage war noch halb scherzhaft gemeint, aber da hat tatsächlich jemand schon einen Weihnachtswunsch. Wie gut, dass ich gefragt habe, denn auf sowas wäre ich in hundert Jahren nicht von selber gekommen. Geklickt, bestellt, geliefert, an die Haustür, genau an dem Tag, der angesagt war. Kein Vergleich zum Einkauf im Advent. Und wegen des großen Erfolgs im letzen Jahr gleich noch Karten für ein vorweihnachtliches Kulturerlebnis- Geschenk geordert. Ich liege sowas von gut in der Zeit dies Jahr.

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„Ah ja, Bürgermeisterwahl, das ist ja heute, stimmt. Der S. hat gestern schon geflucht, dass er da am Sonntag rumsitzen muss…“ sagt Maikind, als wir uns auf den Weg machen, zum Wahllokal. „Der S. macht Wahlhelfer?“ wundere ich mich, „der wirkt garnicht so politisch interessiert.“ „Ist er auch nit“, sagt Maikind. Aber der Nachbarort verlost die Ehre des Wahlhelfertums unter allen wahlberechtigen Einwohnern, „und der S. hat eben gewonnen, höhöhö“, sagt er.

Vor-adventliches

Morgens um viertel nach sieben klingelt es an der Haustür. Punktlandung. Ich hab die matschigen Schuhe von der Hunderunde noch an als ich öffne. Zwei Männer laufen eilig über den Flur, Lagebesprechung in der Küche, Werkzeugkisten werden ins Haus gebracht. Der Hund guckt fragend. Die sind früher dran, als angesagt, wobei, eigentlich wollten sie schon gestern… Man muss es eben nehmen, wie es kommt, sage ich, richte ihm ein Ersatzquartier für heute vormittag ein, gehe Kaffee kochen und mache mich dann unsichtbar. Drei Stunden später ist diese Baustelle beendet und ich freue mich. Echt. Kurz fühlt es sich so an, als müsste ich einen Piccolo öffnen und selfies machen, mit dem neuen Balken. Stattdessen schicke ich Fotos in Familiengruppe. Man träumt von Weihnachten mit Wasser in der Küche, nach dem Essen einfach eine Spülmaschine beladen, abends den Knopf drücken und dann aufs Sofa.

Wenn es nicht ausdrücklich drin steht, sind Fachwerkbalken übrigens nicht Teil der Elementarschädenversicherung. Auch nicht, wenn der Grund des Schadends Leitungswasser war und Leitungswassser mitversichert ist, auch nicht wenn der Zimmermann und der Versicherungsmann im örtlichen Büro sich einig sind, dass das eigentlich nicht sein kann, bei einer tragenden Wand, in einem hundert Jahre alten Haus.

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Wenn ja jetzt so gut wie keine Möbel im Raum stehen, dann könnte doch der diesjährige Weihnachtsbaum endlich mal angemessen groß sein, bemerkt Märzkind. Sicher nicht. Dann aber wenigstens einen so einen richtigen Adventskranz. Ich deute auf das allgemeine Wohnzimmerambiente. Naaargh, sagt sie. Die Vorweihnachtszeit gilt somit als eröffnet.

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Problem: Die Aquaristikabteilung im Städtchen wurde geschlossen. Maikind und ich stehen staunend vor dem Aquarium, denn das, was man da beobachten kann, hätte wir beiden nicht vermutet. Zwei kleine Kugelfische verweigern das einzig verfügbare, extra für sie gekaufte alternative Futterangebot konsequent. Wenn sie eine Stirn hätten, sie würden sie runzeln. Wir überlegen hin und her. Die nächste Aquaristikabteilung liegt jetzt 60 Kilometer entfernt, aber genau neben diesem Baumarkt wohnt ein Arbeitskollege, sagt der Liebste. Der hatte selber mal ein Aquarium und hilft gern. Geht doch, sagen die Kugelfische.

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„Bewerbung schreiben“ wurde in der Schule so unterrichtet wie eh und je. Ich habe tatsächlich einen Moment gebraucht, um das zu bemerken. Seufz. Ich richte dem Kind eine mail-Adresse ein und erkläre wie man eine Email schreibt. Es ist eigentlich ganz einfach und die Antwort kommt schon am nächsten Tag. Julikind ergattert einen Traum-Praktikumsplatz, auch darauf könnte man anstoßen.

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Der Saal ist festlich eingedeckt für 300 Leute, im angrenzenden Wintergarten wird in weihnachtsmarktähnlicher Atmosphäre etwas aufgebaut, dass man umgangssprachlich als Fressbuden bezeichnen würde, nur eben in schick. Beeindruckend. Wo wir denn sitzen wollen, fragt der Liebste. Äh, wenn ich aussuchen soll, dann leicht seitliche mittige Mitte, weil der Zauberer wird am Rand anfangen, denke ich. Welcher Zauberer? Ich deute auf den Mann mit Frack und Zylinder. Ah so, sagt der Liebste, er habe sich eben schon kurz gewundert über dieses outfit, aber so im Vorbeigehen gedacht, es handele sich um einen Kellner vom diversen Geschlecht. Zu uns an den Tisch setzen sich 8 freundliche, mir Unbekannte, die alle konsequent den Blickkontakt vermeiden und intuitiv darauf achten, dass immer mindestens einer auf Klo geht, wenn der Zauberer den Tisch wechselt. Das Essen war gut, die Zauber-Bühnenshow danach toll. Super Mitarbeiterfest.

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Letzte Woche stand ich vor verschlossener Tür, diesmal bin ich vorbereitet. Ich wähle ihre Telefonnummer und es klingelt im ganzen Haus. Man hört die Zimmertür, schlurfende Schritte, noch eine Zimmertür, dann hebt sie den Hörer ab, meldet sich, fragt nach, und legt mit den Worten „na, dat kann do nit sinn“ wieder auf. Ich drücke die Haustürklingel und de Omma öffnet, das Telefon noch in der Hand. „Ach, das passt aber gut, sie war auf dem Weg zum Telefon, war aber keiner dran.“ Es fühlt sich an wie ein Klingelstreich und muss ein bisschen grinsen.

Stille, Steine und Honig

Julikind und ich stehen in der Küche und schauen uns an. „Das ist seltsam“, flüstert sie. Ich nicke nur. Nach sieben Wochen ununterbrochenem Brummgeräusch wurden soeben die Trockengeräte aus der Küche, und dem Raum den wir einst Wohnzimmer nannten entfernt. Die Stille brüllt einen an. Man hat fast das Gefühl, selber Geräusche machen zu müssen, wie Städter beim Waldspaziergang. Nee, doch nicht. Leise ist schon schön. Erst am Nachmittag fällt uns auf, dass man die Plane zwischen Ess- und Wohnbereich dann ja jetzt auch entfernen kann. Es gibt wieder einen direkten Weg vom Esstisch zur Küche und ohne Geräuschkulisse bleibt man gern einen Moment länger sitzen als unbedingt notwendig. Fast wie damals, vor dem Wasserschaden…

Sauber machen, Möbel rücken, provisorische Normalität. Herrlich!

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Honig abgefüllt und in den Keller getragen. Eine krasse Farbe hat der dieses Jahr. Ich hatte gedacht, es könnte Waldhonig dabei sein, wegen der späten Ernte, aber das ist irgendwas anderes. Auf jeden Fall lecker, der wird seine Fans finden.

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Einen Vormittag lang habe ich 24 Grüße aus der Küche hergestellt, verpackt und anschließend verschickt. Aufs Gramm genau 10 kg Paket waren das. Jawoll. Keinerlei adventliche Gefühle entwickelt, der Kalender wird ein Geschenk.

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Also, wenn ich doch sehen kann, dass auf der anderen Seite NIEMAND steht und auch innerhalb der nächsten 30 Sekunden niemand kommen wird, dann fahre ich die 10 Meter durch die Baustelle, ohne an der Ampel mitten im Wald auf grün zu warten. Mehrmals. Kein Gegenverkehr bis zum nächsten Ort.

Leider verträgt diese Straße aber anscheind überhaupt keine Autos mehr. Ab nächster Woche wird voll gesperrt. Dann ist der Nachbarort nicht mehr drei, sondern 10 Kilometer weit weg, für ein halbes Jahr.

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Es ergibt sich eine spontane Hunderunde mitm Vatta. Eventuell müsse man den vorläufigen Weihnachts-Ablaufs-Plan anpassen, sagt er. Das mit den Ommas wird wohl eher nicht so funktionieren, wie wir es im Juli noch angenommen hatten. Man wird alles von der jeweiligen Tagesform abhängig machen müssen. Tja, dann ist es eben so. Wir brauchen nur 200 Meter um einen neuen Plan zu erstellen: Kirche ist um fünf, danach gibt`s Schnitzel*innen und Schnittchen, Käseplatte und Süßkram aller Art in gemütlicher Runde. Wer kommt ist da und falls es Reste gibt wird eingetuppert.

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Ein Traktor parkt direkt vor der Haustür. Das ist ungewöhnlich. Die Freundin musste ein geliehenes landwirtschaftliches Gerät zurückbringen und wir lagen auf dem Weg. Das ist schön. Sie sieht den Raum zum ersten mal ohne Plane, bleibt mittendrin stehen und lacht sich kaputt „ach! du! scheiße!“, also sie haben ja zu Hause Flur-Renovierung und das nervt gewaltig, aber das hier… jo, da geht es ihr doch schon viel besser. Freut mich. Ich mache eine Führung, wir trinken Tee vor rustikaler Bruchsteinmauer und unterhalten uns nett über Altbau-Versicherungskosten und andere Alltagsabenteuer.

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In dem Essenkorb vom foodsharing war eine Kilopackung Kartoffeln drin. Wie niedlich, ich wusste garnicht, dass es sowas gibt. Wir kaufen Kartoffeln in 25 Kilo Säcken. Von einem Kilo aussortierter Kartoffeln war eine einzige kleine angeditscht, die anderen 940g sind völlig in Ordnung. Man wird nachdenklich.

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Maikind kann den (im Führerschein als Beleitfahrer eingetragenen) Nachbarn mit zur Arbeit nehmen und fährt jetzt selbst. Ein Zeitgewinn von drei Stunden pro Woche für mich.

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Der Abwasch dauert inklusive allem hin und her von Geschirr fünfundvierzig Minuten, jeden Tag. Möööp.

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Der Nebel auf der morgendlichen Hunderunde ist so dicht, dass man nach hundert Metern das Gefühl hat alleine auf der Welt zu sein. Man kann kaum 20 Meter weit sehen, dahinter verschwimmt alles optisch miteinander. Sämtliche Geräusche der Umgebung werden irgendwie wattig gefiltert, unmöglich zu sagen, woher sie kommen. Ist auch egal, scheint alles weiter weg. Ich werfe den Ball, der Hund verschwindet und taucht mit Ball wieder auf. Es bewegt sich etwas, auf dem Feld neben uns, eine Gestalt kommt aus dem Nebel, wie im Film. Das ist ja mal ein richtig fetter Hase. Nee, wohl eher ein stattlicher Wäschbar. Hä? Ok. Der Hund hatte anscheind ähnliche Gedankengänge und guckt mich fragend an. Hasen sind ihm völlig egal, fremde Hunde begrüßt er gern in Ruhe, aber, das stelle ich gerade fest, mit diesem Dachs würde er echt gerne spielen. Ich verpasse die halbe Sekunde, in der ich das von vornherein hätte verbieten können. Fröhlich rennt er auf das Tier zu, es sind ja nur noch ein paar Schritte, die beiden haben tatsächlich in etwa die gleiche Größe, ich hätte gedacht… – verdammt – ich weiß garnichts über Dachse. Kämpfen die? Der da sieht auf jeden Fall gestresst aus, sonst wäre er uns wohl kaum so nahe gekommen. Ich rufe den Hund. Der Dachs rennt weiter zur nächsten Hecke und verschmilzt mit den Nebelschwaden, als wäre nie was gewesen. Der Hund nennt mich mit seinem Blick Spaßbremse.

Staub, Nebel und Fische

Gleich können wir essen. Ich laufe ums Haus, um der verstreuten Familie bescheid zu geben, bleibe an der Ecke aber abrupt stehen. Wow! Märzkind und der Liebste haben eine Baustaub-Abluft-Anlage konstruiert, die offensichtlich funktioniert. Aus dem Wohnzimmerfenster im Erdgeschoss schießt eine hellbraune Lehmstaubfontäne , die sich über dem Gartenweg derart verdichtet, dass es fast schon wieder Wand ist und dann, einige Meter weiter oben sanft wabernd ins Universum zurück gleitet. Nachbars Garten, die Fenster im Obergeschoss, ach, lassen wir das.

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Ich habe eine Wartezeit zu überbrücken und es gibt eine Weihnachts-Einkaufsliste. Man kann die gleiche Süßigkeit zu Kilopreisen zwischen 16 und 32 Euro erwerben, im gleichen Laden, am gleichen Tag. Alle Jahre wieder bin ich ehrlich fasziniert davon, was Leute bereit sind zu zahlen, wenn tanzende Wintertiere oder Christbaumschmuck auf die Folie gedruckt werden.

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Ein sehr nettes und ehrliches Gespräch geführt, mit jemandem, der die gleiche Schweigepflichtserklärung unterzeichnet hat. Das mit der Kündigung war tatsächlich der direkteste Weg, in Echtzeit. Blöd gelaufen. Aus Gründen, die man nur ahnen kann, und deswegen vielleicht sogar ganz gut so, für mich, denn den Murks sehen und garnichts tun können, fällt schwer. Herzliche Grüße!

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Zwei Stunden Abhänge rauf und runter gelaufen, zwecks Apfelernte. In einer perfekten Welt hätten wir die Äpfel danach in halb gemütlicher Atmosphäte gemeinschaftlich geschreddert, gepresst, und den Saft heiß abgefüllt. Dieses Jahr übernimmt das die Mosterei.

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Im Wohnzimmer meiner Oma gab eine schuhkartongroße Kiste mit Plastik-Bausteinen. Darin Steine unterschiedlicher Größe, kleine Bauplatten, Dachziegel, Fenster…. ich hab ewig nicht daran gedacht, aber gerade werde ich nostalgisch. Man kann Einzelteile bestellen auf dieser Seite, natürlich auch Bausätze, zu verschiedenen Themen, Häuser, Tiere, Blumen…und, in der Unterkategorie „für Mädchen“ findet man eine Eisdiele, kleine Drachen – die gleichen Sachen wie in den anderen Kategorien, nur vorsortiert für Weihnachts-einkaufende Männer. Die Beschreibungen sind sachlich und die Preise völlig in Ordnung. Sehr sympathisch. Klemmbausteine.(Werbung unbezahlt und unbeauftragt,weil mich die testosteron triefenden Werbetexte des Marktführers genervt haben)

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Was eigentlich im Moment so im Kino läuft hatte ich gefragt. Kleinkindersachen, Teenysachen und… da habe sie aber im Studium endlich mal was alltagstaugliches gelernt, sagt Märzkind und erklärt mir das Krankheitsbild von „folie à deux“. Interessant. Und unheimlich. Der Joker ist dann vielleicht auch eher nichts für mich. Julikind und ich verbringen einen gemütlichen Abend im Kino bei einem Film über häusliche Gewalt. Kinokarten kosten sonnstags 11 Euro, ein kurzer Moment von wottsefack

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„Das Gesicht hätte man eigentlich mal fotografieren müssen“, sagt Maikind und freut sich. Er ist der Fahrer dieser Elterntaxifahrt, denn da wo Julikind hin will, wohnt auch sein Kumpel. Der kennt das Auto noch nicht und braucht einen Moment, bis er versteht, was er sieht, als wir vorfahren. Ob er denn mal mitfahren will? Will er. Nach wenigen Sekunden sind die beiden in technische Gespräche vertieft und haben mich auf dem Rücksitz vergessen. Am Ortsausgang muss ich mich leider kurz ins Gespräch einklinken: „Ihr habt ein Video geguckt? Wir fahren mit youtube-Bremsen?“ „Jo, sicher“, sagt er völlig gelassen.

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Durch bunten Blätterwald laufen wir einen Berg runter, ohne genau zu wissen, wohin. Man kann sich eigentlich nicht vorstellen, das da noch was kommt, und wird überrascht. Hinter einem Zaun liegen Fischteiche versteckt. Auf dem Gelände verteilt stehen Tische und Bänke, daran fröhliche Leute, die uns herzlich begrüßen. Im Stundentakt kommen 20 Fische aus dem Räucherofen und werden sofort serviert, auf einem Holzbrett, dazu richtiges Besteck und auf Wunsch Beratung über die richtige filitier-Technik. Ich weiß garnicht, wie es dazu kam, dass wir eingeladen wurden, ist aber auch egal. Der beste Fisch aller Zeiten, in idyllischem Ambiente, schön war das.

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Wo ich denn hin wolle fragt de Omma. „An die Tür, es hat geklingelt.“ Nein, das kann nicht sein, das hätte sie gehört. Dreimal laufe ich an diesem Nachmittag scheinbar grundlos zur Tür. Dreimal steht jemand davor. Hören kann sie noch alles, de Omma, sie sieht halt nur den ganzen Tag niemanden.

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Ich mache den Scheibenwischer an, ich feudele über die von innen über die Frontscheibe, drehe die Lüftung voll auf aber es ändert sich nichts an dem Ausblick. Bei uns vor der Haustür war es garnicht so neblig, das hat sich schnell geändert. Ich mache das Fernlicht an und kann so immerhin den nächsten Leuchtpfosten am Straßenrand erkennen. „Irgendwo hiiiiieeeer müsste, nein, doch nicht“. „da, neee, daaa“, sagt Maikind. Also, wenn man die Ausfahrt erst sieht wenn man vorbei fährt ist offiziell Herbst, sind wir uns einig. Zwei Stunden später wird es hell.

die beste Ansage

Das Freibad in dem wir uns befinden ist alles in allem wohl ungefähr so groß wie ein Fussballfeld und wirkt liebevoll gepflegt, soweit man das beurteilen kann, denn es ist rappelvoll. Auf der Liegewiese sind zwei Mannschaftszelte aufgebaut, darin jeweils zwei Biergarnituren, rund herum stehen Iglo-Zelte, zwischendrin einige Gästebett-Luftmatratzen, einfach so auf der Wiese, überall liegen gemischte Stapel aus Handtüchern und Campingzubehör. Man hat das Tor im Zaun geöffnet, auf dem Grundstück der benachbarten Kita sieht es genauso aus. Fröhliche Menschen jeden Alters grüßen sich herzlich, wenn sie sich vor den Duschen begegnen. Sonnengebräunte Tagesgäste übergeben an die Feierabendschwimmer. Es riecht nach Abend im Freibad, aber die Geräuschkulisse passt nicht, denn dieses Bad wird heute nicht schließen. Da wo normalerweise Eintritt kassiert wird steht ein Bierpilz, am Beckenrand eine Pommesbude, der Kiosk hat geöffnet und die Sauna ist auch in Betrieb.

Zu dritt sitzen wir auf einer Bank am Zaun, schauen schweigend den Leuten zu und fragen uns allmählich, ob wir hier überhaupt richtig sind. Es gibt keinen Meter freie Fläche, wo bitte sollen Chearleader auftreten? Dann tut sich was. Die Dorfjugend trägt den 12 Personen-Stehtisch ein paar Meter weiter, Kiosk-Sitzgarnituren werden bis ans Beckenrandgeländer gezogen. Ein sportlich aussehender älterer Herr macht sich durchs Mikrofon bemerkbar. Er begrüßt alle Anwesenden und scheint sich wirklich zu freuen, dass so viele da sind. Hier im Dorf-Freibad ist es ja immer schön, das verdankt man dem Manfred, wo isser denn? *Lautäußerung vom Bierpilz aus* – ah, der ist zum gemütlichen Teil übergegangen, es sei ihm gegönnt, der kümmmert sich nämlich mit seinem Team das ganze Jahr um Hecken und Grünflächen, *dankbare Lautäußerungen, Applaus/ Gemurmel vom gesamten Gelände* besonders herzlich begrüßen möchten wir auch die Inge, die sich mit ihrem Team um den Kiosk kümmert, da gibts ja immer gute Sachen, aber heute eben ganz besonders *Applaus, Gemurmel*, ein herzlicher Dank auch an die DLRG, die die ganze Zeit in Bereitschaft steht und heute Nachmittag leider schon zum Einsatz kam, toll übrigens, dass alle sich an die Parkplatz-Regeln gehalten haben, der Rettungswagen kam einfach so durch, und das war wirklich gut… will man lieber nicht drüber nachdenken, wie das sonst…. *Zuschauer nicken und murmeln*, besonderer Dank geht auch an die Stricher am Beckenrand, die teilweise die ganze Nacht im Einsatz sein werden, (gemeint sind die Menschen, die am anderen Beckenrand mit Klemmbrettern auf Plastikstühlen sitzen, um die geschwommen Bahnen den Startnummern der Teilnehmenden zuzuordnen und dokumtieren, dass wirklich 24 Stunden lang immer irgendwer Bahnen schwimmt – nur für denn Fall, dass sich sonst noch jemand gewundert hat ) und dann freuen wir uns natürlich, dass die Dorfjugend so zahlreich erschienen ist *Lautäußerungen vom 12 Personen-Stehtisch*, wir nähern uns dem ersten Höhepunkt der Veranstaltung: Die Chearleader vom Sportverein des Städtchens werden jetzt gleich auftreten, morgen vormittag gegen elf, folgt dann der nächste Höhepunkt, da tritt der Shantychor des Nachbarortes auf. Offizielles Ende mit Ehrungen dann morgen um 13 Uhr, Getränke wird es selbstverständlich die ganze Nacht hindurch geben und der nächste Saunaaufguss ist um 21 Uhr, mit Zitrone/Orange. Jetzt wünsche ich allen einen schönen Abend. *Applaus* Dann geschieht einen Moment lang gar nichts. Die Chearleader stehen in Formation bereit, gucken fragend Richtung Kiosk, eine gestikuliert… Jemand müsste mal Musik… „Hach! Ja. Da war doch… so n Schtick… hatte man ihr ja gesagt, sowas aber auch“ sagt eine Frau, die vielleicht die Inge ist. Dann beginnt die Show und das Publikum ist beeindruckt, einige hören sogar auf, zu schwimmen. Sowas hat man hier noch nicht gesehen. Ich sehe es ja öfter, aber, das eben war vielleicht die beste Ansage, die ich je gehört habe.

Nach dem Auftritt tragen wir Schwimm- und Picknicktaschen wieder ins Auto und fahren an den nahe gelegenen See. Im Auto fragen wir uns, wie wir denn eigentlich auf dieser Veranstaltung gelandet sind? Lauras Oma ist Vorstand im Freibad-Verein. Ach so.