Sachen machen, KW 1-3 2023

Wenn man am zweiten Januar vormittags in der Hausarztpraxis anruft, ist der nächste freie Termin für eine Jugendschutzuntersuchung der 15. Februar. Tja, es ist, wie es ist, wir informieren den zukünftigen Arbeitgeber.

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Wir wollten schon ewig mal ins Kino, jetzt ist die Gelegenheit. Nur der Liebste und ich – und achtzig andere, der Saal ist voll. Wunderschöne Bilder, tolle Musik, aber, wenn es eine Handlung gab, hab ich sie nicht verstanden. Avatar zwei ist wie Avatar eins mit Wasser statt Wald, plus einem sehr langen Trailer für Avatar drei.

Möge dem Mann mit dem lauten Röchelhusten, der an meiner anderen Seite saß, der Löffel ins Müsli rutschen. In diesem Zustand gehört man zu Hause aufs Sofa. Immernoch.

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Das Schwimmbad im Städtchen ist so kalt, das es keinen Spaß macht, berichtet Märzkind. Wir fahren also ins Schwimmbad des Nachbar-Städtchens. Umkleiden, Fussböden, Duschen, Schwimmhalle, Nichtschwimmerbecken – es fühlt sich alles ganz normal an. Uuuuhhh, das Schwimmerbecken ist kälter. Ziemlich. Aber eigentlich macht das nichts, denn wer hier drin ist, schwimmt. Man reiht sich ein, in eine Bahn, die von der Schwimmgeschwindigkeit passt und schwimmt so lange, wie man Lust hat, einfach hin und her. Keine dümpelnden Aquajogger, keine tratschenden Rentnerclübchen in der Beckenmitte.

Nach einer Stunde haben die beiden kleinen Mädels Hunger. Während sie die Brotdosen leeren beobachten sie unauffällig aber interessiert die Damen, die sich zum Aquafitnesskurs einfinden. Fröhliche Genussmenschen, die seit Jahrzehnten auf einem Planeten mit Schwerkraft leben, total ungefiltert und alle sind nett miteinander. Geräuschpegel wie eine Klassenfahrt. Es ist tatsächlich unterhaltsam. Und ohne es zu merken, leisten die Damen einen großen Beitrag zur sozialen Entwicklung.

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Man öffnet mir die Tür. Märzkind hantiert mit ihrem Handy und ich sehe auf den ersten Blick, die Stimmung ist prächtig „Hiiii, da biste ja schon! Kannste ma gucken, ob da no irgenwo Blut ist?“ Nee ist nix. „Dann können wir ja jetzt gehen“, sagt sie. „Äh, du hast noch ne Nadel im Arm und bist an das Piepdings angeschlossen“ „Ah so, wir warten, bis es aufhört zu piepen?“ Ich sag mal ja und freue mich ein bisschen, die Sedierung war ihr Geld wert. Vor dieser Zahn-OP hatte sie ein bisschen Angst, wenn man ehrlich ist.

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„Samma, wie kam das eigentlich?“, frage ich den Liebsten, als wir kurz vor Mitternacht angeschickert durch den Garten gehen. Also, eigentlich waren wir zur Übergabe des letzten Weihnachtsgeschenks mit ganz anderen Leuten verabredet, das passte aber kurzfristig nicht, deswegen ist er laufen gegangen und auf dem Rückweg dem Nachbarn begegnet. Sie haben spontan beschlossen, den Apfelwein zu probieren, dann war jetzt. Hätte geplant nicht schöner sein können, dieser Abend.

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Ich schreibe eine mail ans Ordnungsamt, damit die einen Untersuchungsberechtigungsschein für die Jugendschutzuntersuchung ausstellen, denn es gibt keinen Bestell-Button oder so dafür. Als mir die Frau am Telefon erklärt hat, das sowas gebraucht wird, hätte ich fast gefragt, ob er die Unterputzfräse auch mitbringen soll, aber anscheind gibt es diesen Schein wirklich. Die Ausstellung ist auch überhaupt kein Problem, schon am Tag drauf liegt er bei der Stadt zur Abholung bereit, kostenlos. Mehrere Seiten normales, gedrucktes Papier, für den Laien sieht es fast so aus als könne man es in einen Email-Anhang packen und über verschlüsselte Verbindungen, so wie sie beispielsweise Arztpraxen oder Behörden nutzen, verschicken. Aber hej, ich hatte Zeit und war sowieso auf dem Weg.

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„kennste das, wenn man ungefähr 800 mal denkt, man müsste eigentlich mal… und dann kommt der Moment und man merkt, jetzt ist es soweit, jetzt macht man es wirklich… und dann freut man sich, weil man nicht mehr denken muss, man müsste eigentlich mal…“, frage ich Märzkind. Sie zieht die Augenbrauen hoch und fragend. Ich hab den Keller gesaugt. War nötig.

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Die erste Woche des Jahres ist richtig gut gelaufen. Wir haben fast soviel unternommen wie im ganze Jahr 2021.

Die beiden nächsten Wochen lassen sich in einem Satz zusammenfassen. Der Hund war Weihnachten schon nicht ganz knupser, mittlerweile macht er mich wahnsinnig. 10 Weiber wohnen im Umkreis von 500m um uns rum. Das geht so nicht. Ich wäre bereit Maßnahmen zu ergreifen. Der Liebste ist strikt dagegen. Der Hund packt noch was drauf. Steinerweichendes heulen morgens um 6. Na gut, sagt der Liebste, das nervt tatsächlich. Ach was. Wir finden einen Kompromiss.

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Der Wolf war da. Ist über ein Feld gelaufen 10km von hier, es gibt ein Video. Helle Aufregung, ob wir denn keine Angst hätten, hier den Hund frei laufen zu lassen, werden wir beim Spaziergang gefragt. Nö, haben wir nicht. Der war übrigens schon mal da. Weiß ich von den Jägern, die wir damals, vor Corona öfter beherbergt haben.

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Die Freundin kommt vorbei, eigentlich wollte sie nur die Kinder absetzen, aber, wir haben uns dies Jahr noch garnicht gesehen und trinken einen Kaffee. Ich müsste dann mal mit dem Hund, vielleicht hat sie Lust, spontan eine Runde mitzulaufen? Jo, könnte sie. Als wir zurück sind, wäre es fast schon Zeit, die Kinder abzuholen, deswegen kommt sie einfach nochmal mit rein. Ohne Grund und Anlass einen ganzen Nachmittag durchgeschnuddelt. Schön wars.

Der Glatteisregen-Tag

Der Liebste sieht die Elternchat-Nachricht als Erster und guckt mich fragend an. Wegen der Glatteisregen-Warnungen wird morgen kein Unterricht stattfinden, Weihnachts-Wandertag natürlich auch nicht. Von Glatteisregen weiß ich nichts, wir gucken die Spätnachrichten. Jo, da kommt Wetter, die Warnungen sind eindringlich, gut, dass er morgen frei hat. Maikind und Julikind freuen sich. Märzkind klickt sich ratlos von homepage zu hompage. Der Landrat bittet dringend darum, dass alle zu Hause bleiben, die allermeisten Schulen haben schon bekannt gegeben, dass morgen frei ist. Ihre nicht. Deutscharbeit morgen. Was tun? Abwarten.

Am nächsten morgen kurz vor sieben. Eigentlich wollte ich mit dem Hund bis an die Bank, der flitscht aber von der Treppe aus einmal quer durch die Einfahrt. Ich bewege mich vorsichtig bis zu den Mülltonnen, von da aus geht es bergab. Runter wäre überhaupt kein Problem aber, wie ich zurück kommen soll, ist mir ein Rätsel. Der Hund denkt, dieses Wetter wurde zu seinem Vergnügen aufgebaut. Er springt und schliddert fröhlich. Ausnahmsweise darf er in den Garten pullern, bis dahin kann man auch mit zwei Beinen einigermaßen gehen.

Drama gegen halb zehn. Die Schule des Märzkindes sagt, Glatteisregen-Warnungen enden um 11 Uhr, ab dann Präsenzpflicht oder Attest. Das ist ein Scherz, oder? Sonst fällt wegen jedem scheiß Unterricht aus. Märzkind muss diese Deutscharbeit eigentlich mitschreiben, die ist wichtig und nachschreiben wird nicht möglich sein, Weisheitszähne… Pluseinskind würde sie fahren, weil er es kann, sagt er. Der Liebste geht vor die Tür, checkt die Lage und sagt mit seiner Sicherheitsfachkraft-Stimme schlicht „Nein. Niemand sollte bei dem Wetter fahren.“ Ich rufe im Sekretariat an und teile mit, dass eine Teilnahme am Unterricht leider heute wegen der lebensgefährlichen Straßenverhältnisse nicht möglich sein wird. Und das ist kein bisschen gelogen.

Eine Klassenkameradin des Märzkindes kann die Schule theoretisch zu Fuss erreichen. Sie stürzt und verletzt sich. Die Klassenarbeit, die hätte geschrieben werden sollen, wird durch eine kleine Hausarbeit ersetzt. Es waren zu wenig Schüler anwesend. Abgabe bis Freitag. Da sind schon Ferien. Aber – hej – wenn Arbeitnehmer wegen höherer Gewalt ihre Jobs im Büro nicht erledigen können, machen sie die an Urlaubstagen zu Hause, ist doch so, oder?

Der Winterdienst fährt mit Schneeketten. Sonst ist stundenlang niemand unterwegs, noch nicht mal die Pflegedienste, und die kämpfen sich sonst bei jedem Wetter durch.

In jedem Raum ist jemand und ich hab sie auch wirklich alle lieb. Es wären allerdings noch Sachen zu erledigen gewesen, im ganzen Haus verteilt… und heute vormittag hätten eigentlich alle unterwegs sein sollen. Tja. Die Küche ist frei, Plätzchen backen stand auch auf der Liste. Lockdown-Modus.

Am späten Nachmittag schicke ich die Kinder mit dem Hund raus. Als sie wieder kommen ist die Stimmung völlig verändert. So richtig schön geschliddert sind sie, so schön, wenn man ehrlich ist, war es ein bisschen gefährlich, aber, das konnte man sich ja denken, deswegen hatten sie extra ihre Handys nicht mitgenommen, nicht dass da jemand drauf fällt, das war allerdings dann doch schade, weil, das ganze Eis, wunderschön, echt, man hätte tolle Fotos machen können.

KW 48/49 2022 hohoho und so

Fazit der diesjährigen Freiland-Gartensaison: Kaum Freude, kaum Ertrag. Das hat so keinen Zweck. Ich fülle einen Antrag auf Mitgliedschaft in der Solawi aus und bin ehrlich. Ich will nix machen. Nur zahlen und Gemüse holen. Drei Tage später ein Anruf. Man freut sich voll und ich kann sofort, ab nächster Woche. Juhu! Ernten ohne Gartengedöns, da freu ich mich auch und erzähle es dem Liebsten. Der freut sich auch, das ist toll, da können wir ja dann mal hin und irgendwas im Garten und auf den Feldern, so mit richtigen Gärntern, kann man bestimmt viel lernen. Och nö.

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Die Weihnachtswünsche sind bescheiden aber speziell, dieses Jahr. Da brauch ich in der realen Welt garnicht anfangen zu suchen. Es ergibt sich ein Zeitfenster zum digitalen Einkauf. Ich möchte bitte, einfach das, was ich suche und wäre bereit, zu zahlen, was es kostet. Wohin ich auch komme brüllen mich blinkende Sonderangebote an. Black Friday. So kann ich nicht arbeiten.

Auf dem kurzen Weg vom Haus bis in den Nachbarort fahre ich an drei Star-Shower Installationen, unzähligen beleuchteten Eiszapfengirlanden und Sternen vorbei. Äh, war da nicht was? Sollte das nicht weniger? Es sieht eher nach „jetzt erst recht“ aus. Wobei, keine aufblasbaren Wintergestalten.

Ein gigantischer Plätzchenteller wird mir an der Tür überreicht. Die Besucherin ist auf dem Weg zu einem Termin, reinkommen möchte sie nicht. Einen schönen ersten Advent! Vielen Dank, wir freuen uns. Kurz den Vormittag neu sortieren. Dieser Programmpunkt war als Besuch angekündigt, ich dachte, wir trinken Kaffe, besprechen vielleicht weihnachtliches…

Nachricht eines Kindes: Wichtelgeschenk, für heute Abend, haben wir was oder muss man dafür jetzt extra in die Stadt? Wir haben was. „Wichtelgeschenk heute“ ist fester Bestandteil der Weihnachtsroutine, wirkt aber wie Magie, wenn man es beizeiten vorbereitet.

Alle Jahre wieder, die Adventskranz-Diskusion mit Märzkind. Sie hätte gern einen opulenten Mischgrünkranz mit dicken Kerzen und winterlich verspielter Dekorationen, die fließend in die Tischdeko übergehen. Dieser Tisch ist die Woche über quasi mein Arbeitsplatz. Wir essen hier, ich lege Wäsche, da will ich nicht jedesmal was wegräumen müssen, was dann woanders genauso im Weg ist und alles vollnadelt. Das Advents-Schwein steht nicht zur Debatte. Märzkind guckt gequält. Niemand hat so ein Schwein. Es sieht aus wie ein Holzklotz mit Ohren. Nee, nee, das ist puristisches Design von einem nordischen Markenhersteller, dieses zeitlose Dekorationsobjekt unterliegt der künstlichen Verknappung. Da musste im Oktober schon entscheiden, wenn du eins kaufen willst, wie bei Lego. Ob wir es wenigstens dekorieren können, fragt Märzkind. Sicher, sage ich und schiebe dem Schwein eine Zuckerstange unter die Schleife in der Körpermitte. Märzkind seufzt.

84 kleine Adventlichkeiten festlich verpackt, Nikolausstiefel befüllt, Süßigkeitenpäckchen für kleine Nikoläuse vorbereitet,ein Vormittag im Städtchen zum „nur“ Geschenke kaufen, Lebensmitteleinkauf, Elterntaxifahrten, Weihnachtskarten gebastelt und geschrieben,Plätzchen gebacken. Mich nach Kräften bemüht, meine Grinchigkeit zu verstecken.

Ach, du, übrigens… im vorbeigehen bekomme ich ein sehr nettes Kompliment zum Blog. Es trägt mich durch den Tag. Vielleicht schaffe ich ihn doch, diesen Advent.

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Maikind ist krank. So krank wie, man erinnert sich eigentlich nicht. Bei Corona ging es ihm besser. Eine Woche verbringt er eingemummelt in Wolldecken mit Wärmflasche in seinem Sessel.

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Eine Lehrerin versucht aus der Corona-Isolation heraus Lernlücken zu schließen. Das ehrt sie, funktioniert aber nur mittel. Julikind ist „vonne Psyche her“ am Ende ihrer Leistungsfähigkeit. Ich auch. Lagebesprechung. Julikind entscheidet, die Karten auf den Tisch zu legen, ich schreibe eine mail. Diese Lehrerin liest ihre mails nicht oft, sagt Julikind. Wir werden sehen. Innerhalb weniger Stunden kommt eine Antwort. Das gefühlte Problem existiert nicht, da sie aber jetzt weiß, was los ist, wird sie sich kümmern. Am nächsten Tag kommt Julikind völlig verändert nach Hause. Die Lehrerin war heute richtig nett und es haben sich noch drei Leute gemeldet, die Probleme hatten. Alles wurde besprochen. Das ganze Drama – einfach weg. Ich kann es kaum glauben.

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Gottesdienstbesuch zur Taufkerzenrückgabe am ersten Advent. Die, die da als Taufeltern mit Kleinkindern und Babys sitzen sind alle ungefähr so alt wie ich. Einen Moment lang komme ich mir uralt vor, dann fällt mir wieder ein, wie toll es ist, große Kinder zu haben.

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Der Außendienstler kommt vorbei, er trägt Dienstkleidung aber für einen Kaffee hat er Zeit. Wir haben uns länger nicht gesehen. Gerade gestern haben wir überlegt, ob die eigentlich im Urlaub sind. Das Gegenteil sei der Fall, sagt der Außendiestler. Vormittags ist er eingesprungen, weil sonst alle krank sind, nachmittags hat er Stromgereratoren an Heizungsanlagen angeschlossen. Ich sammele abgekühlte Plätzchen vom Tisch in die Dose und gucke fragend, „Haben alle Schiss wegen Blackout“, sagt er und gestikuliert, die Dose kann stehen bleiben „und eine Heizungsanlage ist hochkomplexes elektrisches Gerät, die ist empfindlich in ihrer Sinuskurve, wenn man da einen kleinen Baumarkt-Stromgenerator anschließt brennts einem ratzfatz die Steuerungseinheit durch, das wird im Nachgang dann teuer, oder vielleicht auch nicht, denn bei der ganzen Aktion wird die Hauselektrik so gestört dass der FI durchgeht und der löst dann natürlich nicht mehr aus, im Fall des Falles … brennt die Bude einfach ab und wenn die Leute schon Idioten sind, kannste davon ausgehen, dass die mehr Diesel lagern als erlaubt ist… mach mal die Dose zu und nimm sie mit“, sagt er. Ich räume das Spritzgebäck weg, der Liebste bringt Kaffee.

Dorfgruppen-Whatsapp: Im Fall eines Stromausfalls hätte das Internet geschlossen, was für die allermeisten heißt, man kann nicht mehr telefonieren. Sollte der Stromausfall länger als eine halbe Stunde andauern, steht die Feuerwehr im Gerätehaus bereit, man muss halt nur persönlich vorbeikommen und sagen, wo Notfall ist, Adressliste der Gerätehäuser und freundliche Grüße von Bürgermeister und Stadtbrandinspektor. Feine Sache. Darum hatte ich mir ehrlich gesagt null Gedanken gemacht.

De Omma könnte übrigens noch telefonieren. Analoger Anschluss und im Keller steht das gute alte Telefon, mit Wählscheibe, weil sie so schnell die Treppe nicht hoch kann.

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Der Weihnachtsstern an der Laterne strahlt in voller Pracht, alle Birnchen funktionieren dieses Jahr. Sie beleuchten die fallenden Schneeflocken vor dem noch dunklen Winterhimmel. Ich werfe einen Packen Weihnachtskarten in den Briefkasten und halte einen Moment inne. Idyllischer geht es kaum. Wenn man die Tatsache außer Acht lässt, dass ich eigentlich nur hier bin, damit der Hund da hinten an die Hecke pinkeln kann. Wetten? Die erste Karte, die wir bekommen ist von jemandem, den ich vergessen habe.

KW 44-47 vorweihnachtliches

Aus mir völlig unerklärlichen Gründen ergibt sich ein fauler Sonntag auf dem Sofa. Ich muss nix. Der Liebste kocht, danach fährt er mit den anwesenden Kindern eine Runde Fahrrad, den Hund nehmen sie auch mit. Ich gucke irgendwas, lese irgendwas, alles ohne Anspruch. Sehr erholsam. Ein paar Dinge denken sich auf einmal von selber. Wenn in diesem Winter wieder die alten Regeln gelten… was habe ich denn wirklich vermisst? Wenig.

Ein paar Menschen sind mir irgendwie durch die Lappen gegangen, da gab es keine Besuchs- oder Glückwuschroutine, man ist sich einfach hin und wieder begegnet. Ich könnte mal ganz old school eine Geburtstagskarte schicken, und fange an, mich nach der aktuellen Adresse zu erkundigen. Das passe aber gut, sagt die Angeschriebene, da habe sie sich sowieso mal wieder melden wollen. Wenige Tage später sitzen wir zu viert an einer herbstlich dekorierten Kaffeetafeln und wundern uns. Jahre haben wir uns nicht gesehen und jetzt einfach so? Schön ist das. Muss man ja garnicht immer jemanden beerdigen, dafür.

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Der Liebste hat sich eingelesen. Die Apfelbäume, von denen wir seit 10 Jahren ernten, die müssten mal geschnitten werden. Er könnte das und bietet es der Stadt an, sind ja öffentliche Bäume. Man freut sich, will aber erstmal gucken, wer da kommt. Morgens um acht verschwindet der Liebste. Die Mittagspause verbringt die Stadt-Gärtnerin an unserem Esstisch. Sie hatte ein bisschen Angst, dass da jemand mit ner Kettensäge auftaucht, sagt sie. Aber, der Name kam ihr bekannt vor. Der Liebste hat das gut gemacht, er darf die Bäume gern schneiden. Ist immer schön, wenn die Leute sich einbringen, viele nörgeln leider nur. Mit dem Willem, da hat sie oft tagelang Bäume geschnitten im Park…die Königin hat gesagt, wie es gemacht werden soll und er musste es überwachen… ein Grinsen… aber mit dem konnte man arbeiten. Einen kurzen Moment sitzt der Schwiegervatter mit am Tisch. „Dem Willem seiner“ zu sein ist immernoch was wert, in Handwerker-Kreisen.

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Ein Besuch im Staatstheater, nur die Mädels und ich. Peter und der Wolf für Menschen ab 4 Jahren. Wir haben ein bisschen Wartezeit und gucken Leute. Es sind sehr viele kleine Menschen da. Genaugenommen sind meine Kinder die ältesten, stellen wir fest. Die großen Menschen sind entweder auffallend schick oder auffallend Öko.

Das Stück war nicht ganz so, wie gedacht, aber gut, sagen die Mädels auf der Rückfahrt. Die vielen kleinen Kinder waren ein bisschen zu laut, da kann ja keiner was für. Vielleicht suchen wir das nächste mal was für Große aus. Theater war deutlich günstiger als Kino, wobei, die zwei Stunden Autofahrt eingerechnet dann doch nicht.

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Der Fachlehrer, der die Abschlussarbeit des Maikinds betreut, bestellt ihn zur Besprechung ein und schickt ihn direkt wieder weg. Kann alles so bleiben wie es ist, Folien machen, fertig. Juhu. Wir hatten garnicht so Lust auf die Nacharbeiten und sind stolz. Ja. Wir.

Funfact zum Thema „die Hausarbeit wird nicht gesondert bewertet“. Es hat sich tatsächlich jemand getraut, nichts abzugeben. Alle wissen, dass der zu seinem Thema jederzeit einen 10 minütigen Vortrag halten kann, bei Bedarf länger. Zahlen, Daten, Fakten alles im Kopf. Er hat erst eine 6 bekommen, dann eine Fristverlängerung. Man fragt sich verschiedenes.

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„Das hat er nur auf der Sachebene verstanden. Du musst dein Anliegen konkret formulieren“, sagt Märzkind zu mir und beißt von ihrem Brot ab. Wir sind alle lebende Beispiele für die angehende Sozialarbeiterin. Aber mir ist tatsächlich gerade selber klar geworden, dass die Frage „Hast du schon mit deiner Mutter über Weihnachten gesprochen?“, zu keinem Ergebnis führen wird. Ich formuliere also neu. „Bitte erkundige dich bei deiner Mutter nach ihren Weihnachtsplänen, damit wir uns richten können. Es gibt Terminanfragen“ „Aaaahhh sooo“ sagt der Liebste. Zwei Tage später erhalte ich die Info: erster Weihnachtstag. Mein Fehler. Die korrekte Formulierung wäre gewesen: Bitte erkundige dich bei deiner Mutter wann sie wo wie Weihnachten feiern möchte, und ob wir etwas mitbringen sollen.

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Die Oma aus dem Städtchen kommt vorbei. Das ist ungewöhnlich. Sie hat gute Nachrichten. Diese seit neun Jahre andauernde Nerv-Sache ist zu einem guten Ende gekommen. Die hatten wohl gehofft, dass sie vorher stirbt, ist sie aber nicht, deshalb bekommt sie jetzt endlich Geld ausgezahlt. Davon will sie uns einladen, alle, zum Essen, am zweiten Feiertag. Das freut mich, wirklich, es liest sich auch ganz toll, was da auf dem Restaurantzettel steht, aber, wir hatten uns fest vorgenommen nie wieder an Weihnachten essen zu gehen. Vielleicht geht da noch was? Die Oma hat ja zwei Wochen später Geburtstag. Ich wage den Versuch. „Nee, ist ja nicht an Weihnachen“, sagt sie fröhlich „ist doch der zweite Feiertag. Ihr kommt zu sechst.“ Ähm. Kurzer Blick zum Liebsten, der grinst und zuckt unauffällig mit der Schulter. Tja dann- kommen wir gern. Aber für das Pluseinkind kann ich nicht garantieren. „Sechs Leute sind gemeldet“, sagt die Oma.

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Laut der Beschilderung können und kosten diese Drucker alle ungefähr das Gleiche, wahrscheinlich ist es egal. Nach einer viertel Stunde auf und ab laufen vor dem Regal entscheide ich mich für irgendeinen, suche die passenden Patronen und stelle mich an der Kasse an. Vor mir warten schon zwei Kunden. Alle gucken suchend in den Elektromarkt, dann schauen wir uns gegenseitig fragend an. Ist überhaupt Personal hier? Man weiß es nicht. Fünf Minuten später taucht jemand auf. Das war knapp. Ich hatte gerade entschieden, diesen Karton hier stehen zu lassen und mir einen im Internet zu bestellen.

Im Klamottenladen hätte ich nur eine Kleinigkeit zu bezahlen. Die Dame an der Kasse ist völlig überfordert, man sieht es eigentlich schon von Weitem. Nach fünf Minuten im Wartebereich hänge ich das Teil zurück. Man möchte keine Umstände machen.

Mehr Zeit einplanen und mehr Nerven, nehme ich mir vor. Mal gerade nebenbei geht garnichts, diesen Advent.

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Maikind: „Wieso eigentlich schon Weihnachtsmarkt? Ist das nicht immer kurz vor Advent?“

Ich: „Nächste Woche ist Advent.“

Maikind: „Oh“

Auf dem örtlichen Weihnachtsmarkt werden die Portionsgrößen ausgewogen, dieses Jahr, es gibt keine Feuertonne und keinen Heizpilz – was aber auch daran liegen könnte, das es letzte Woche noch fast zwanzig Grad wärmer war. Man steht so mit Leuten, im Winter. Das ist auch mal wieder ganz nett.

KW 42/ 2022

Ich werde wach, mit dem Gefühl, verschlafen zu haben. Ein Auto nach dem anderen fährt durch den Ort, es muss kurz nach sieben sein. Es ist aber erst fünf, sagt der Wecker. ‚Die Baustelle, das ist ab heute‘, meldet ein verschlafener Gedanke. Wir wohnen dann wohl jetzt an einer Durchgangsstraße. Daran muss man sich erstmal gewöhnen. Aber, verglichen mit den Umständen, die die haben, die sonst an der Durchgangsstraße wohnen ist das leicht.

Märzkind kommt rein, wirft den Rucksack ins Zimmer, nimmt zwei Helme und geht direkt wieder raus. Ich gucke fragend. „Ach so, hallo“, sagt sie. Sie muss kurz ihre Freundin nach Hause fahren. Die wohnt zwei Orte weiter. Unter diesen Bedingungen hätte sie mit dem Bus eine Stunde länger gebraucht. Mit dem Moped sind es 10 Minuten.

Ein Kumpel des Maikindes nutzt die Ersatz-Busverbindung und braucht zwei Stunden für die 4 km lange Fahrt zur Schule im Nachbarort. Am nächsten Tag steigt er einfach in den Bus für Grundschüler, der darf eine andere Strecke fahren. Mittags läuft er nach Hause.

Man fragt sich verschiedenes.

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Nach zwei Stunden Feinschliff an der Hausarbeit mit Maikind und einer Stunde Mathearbeitsblatt mit Julikind fühlt es sich an, als hätten wir homeschooling Tag gehabt. Die Blagen müssen auch mal raus, entscheide ich. Wir gehen die Hundrunde zu dritt. Vom Feldweg aus kann man sehen, dass der Verkehr auf der Straße sich allmählich staut. Drei Autos halten hintereinander, auf jeder Seite, das ist ungewöhnlich, was könnte da wohl los sein? Wir bleiben stehen und gucken. Rinder laufen neben der Straße, Galloways, die fügen sich wunderbar in die Landschaft, aber vor dem Auto will man sie lieber nicht…vielleicht müssten wir mal den Landwirt… irgendwer hat schon. Ein Pickup kommt die Straße lang und wird von den Tieren schon am Geräusch erkannt. Fröhlich begleiten sie das Fahrzeug, dahin zurück wo sie eigentlich sein sollten. Der Stau löst sich auf. Für 5 Minuten war mal richtig was los.

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Abends um kurz nach neun kommt Maikind ins Wohnzimmer. Da fehlt noch eine Seite, bei seiner Hausarbeit, die muss dazu, das hat er nicht gewusst, wie machen wir dass denn jetzt? Wir nehmen den USB-Stick mit der Arbeit vom Märzkind, und fahren zur Oma hoch. Denn natürlich hat pünklich zwei Tage vor Abgabetermin unser Drucker endgültig den Geist aufgegeben. Während die Ukraine es schafft aus dem Krieg raus ihre in Europa verstreuten Schulkinder mit online Unterricht zu versorgen, fahren wir hier abends um halb zehn durch die Gegend, um eine Arbeit auszudrucken, die morgen als Papierversion abgegeben werden muss. Über Sinnfragen sind wir lange hinaus, wir arbeiten den Irrsinn einfach ab.

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Die Freundin und ich laufen den örtlichen Premium-Wanderweg, in Etappen. Wir lassen uns im übernächsten Ort absetzen und beginnen diesen Wandertag in dichtem Nebel. 20 Meter weit kann man gucken, in jede Richtung, Geräusche aus dem Ort werden leiser, irgendwo in der Nähe schlagen Kühe Alarm. „Wasserfass leer, wahrscheinlich“, murmelt die Freundin, sie kennt sich aus. Der Nebel verzieht sich und nach guten zwei Stunden machen wir Frühstückspause. Kaffee trinken im strahlenden Sonnenschein auf einer Bank am rauschenden Bach, buntes Laub fällt auf uns herab, idyllischer könnte es kaum sein. Eine Eichel stürzt senkrecht nach unten und verfehlt knapp meine Kaffeetasse. Warum waren wir hier eigentlich noch nie, fragen wir uns? Man weiß es nicht.

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So, nachdem mir die Omma über den Sommer etwa 18 mal gesagt hat, wie dringend die Brombeeren geschnitten werden müssen und mir im Detail gezeigt hat, welcher Ast wo wie…, ich mich über youtube rückversichert habe, dass das auch wirklich so geht und es an diesem Oktobertag sonnige 25°C sind, schneide ich mit Hilfe des Julikinds die Brombeeren. Abends ruft die Omma an. Ich habe es falsch gemacht. Totale Eskalation. Ich entschuldige mich aufrichtig, denn ich hatte wirklich nichts Böses im Sinn, im Gegenteil. Tja, das hilft nun auch nichts mehr, nie wieder wird da etwas wachsen. In der dritten Runde der Schimpftirade ist sie sich sicher, nie gesagt zu haben, die Brombeeren müssten geschnitten werden. In meinem Kopf macht irgendetwas ganz leise *klick*. Plötzlich wird mir klar, dass dieses „man müsste mal Genörgel“ für mich ab jetzt nur noch ein Geräusch sein wird. Ich lege auf, werfe das Telefon auf Sofa, packe zwei Wolldecken drüber und atme einmal tief durch.

Am nächsten Vormittag ruft sie wieder an, um mir mitzuteilen, dass sie mir nicht böse ist. Ach was. Das freut mich zu hören, aber zukünftig braucht sie mich wegen irgendwelcher Sachen ums Haus nicht mehr fragen. Ich bin raus. Da ist sie wiederum überrascht. Maikind verdient sich nachmittags 10 Euro. Äpfel abmachen, für die Omma.

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Beginn der Herbstferien. Endlich.

Meilensteine und Beobachtungen bei über dreißig Grad

Es ist warm. So warm, das man mit dem Wetter eigentlich nichts anfangen kann. Lüften morgens um sieben, die Hunderunde muss bis neun Uhr erledigt sein. Anschließend verdunkeln wir die Fenster und alle verkriechen sich irgendwo. Wenn man sich zufällig im Haus begegnet spricht man die immergleichen zwei Sätze miteinander „Boar, is das warm“ „ah komm, geh wech“.

Abendessen gibt es um halb neun, vorher hat niemand Hunger. Danach fahren wir auf den Sportplatz und spielen Kubb, bis es zu dunkel ist, dann Federball. Ich hab schon so oft Federball gespielt, ich hätte gedacht ich weiß, wie groß dieser Schläger ist. Klonk- offensichtlich nicht, aber da bin ich nicht die einzige. Dieser LED-Ball war auf jeden Fall sein Geld wert.


Der Plan war, die Grillhütte zu mieten und einfach alle einzuladen. Dann hat es uns umgehauen, dann kam die Hitze. So findet die Geburtstagsfeier des Liebsten in beschaulichem Rahmen statt. Ein Kaffeetrinken im Garten, abends Essen beim Inder. War schön. Das angekündigte riesen Gewitter blieb aus.


Maikind feiert die Geburtstage der letzten Jahre nach. Eine Gruppe Jugendlicher zeltet zwei Tage ohne Eltern und ohne besondere Vorkommnisse. Man freut sich natürlich, aber seltsam ist es schon.


Man kann in Ruhe gucken, wenn es was zu sehen gibt, und weitergehen, wenn es nichts zu sehen gibt. Zum ersten mal nutzen wir einen Picknickplatz, der nicht neben einem Spielplatz liegt und niemand weint, als das Tierfutter alle ist. Tierpark mit großen Kindern macht auch Spaß, stellen der Liebste und ich fest.


Vom Strandbad aus muss man einige Meter bergab laufen, bis man ans Wasser kommt. Das Wasser ist herrlich, aber so am Hang sitzen, auf dem was normalerweise der Grund des Sees ist, mit Blick auf Steininseln und Sperrmauerwand, naja. Mir ist Edersee mit Wasser lieber.


Das Schloss ist kaum 30 km weit weg von hier. Wir machen eine Führung mit, denn das haben wir tatsächlich noch nie. Drin ist es angenehm kühl, und man kann was lernen. Dass es da eine Beziehung zu den Niederlanden gibt wußte ich, aber dass „wir“ mit fast allen europäischen Königshäusern verwandt sind, ich hatte keine Ahnung. Die Fürstenfamilie hat Wohnrecht, solange es männliche Nachkommen gibt, sagt die Führerin, ist damals so ausgehandelt worden. Alle drei Söhne wären noch zu haben, ergänzt sie und blickt hoffnungsvoll Richtung Märzkind. „Och nö“, sagt Märzkind.

Das Strandbad am anderen See hat einen Sandstrand, man guckt auf Wasser und Bäume, der Kiosk ist geöffnet. Auf den ersten Blick alles Premium. Der algenfreie Badebereich ist leider klein und der Sandstrand ist voll und laut und dermaßen heiß, der Liebste und ich sind nach einer halben Stunde fertig.


Sie haben mal einen ganz anderen Liegeplatz ausprobiert, sagt Julikind, als sie mich am Freibad-Eingang abholt. Wir gehen direkt am Schwimmerbecken vorbei. Am anderen Ende des Beckens fällt mir eine Dame in einem krass pinken Badeanzug auf, aus 20 Meter Entfernung kann man erkennen, dass der Lippenstift die gleiche Farbe hat. Ihre ganze Erscheinung hat Unterhaltungswert, wie eine weibliche Version von Horst Schlämmer, denke ich und versuche ein Schmunzeln zu verbergen. Im Vorbeigehen stelle ich fest, diese Dame war mal ein Lehrer von mir. Altaaa. Einen kurzen Moment muss ich mich sortieren aber schade eigentlich, dass sowas vor dreißig Jahren unmöglich war, wäre vielleicht entspannter gewesen.


Der Liebste erhält eine Sprachnachricht „…sieht nach Schlaganfall aus, könnte aber natürlich alles mögliche sein“, ein Schreck. Ein Schlaganfall ist es zum Glück nicht. Es kann garnichts festgestellt werden. Die Patientin wird entlassen und ist enttäuscht. Ich ahne, welche Diagnose da kommen wird, irgendwann.


Auf unserer „wenn die Welt wieder geöffnet hat“-Liste stand ein Flohmarktbesuch. Genau für diesen Sonntag sind 35°C angesagt. Das ist nicht optimal, aber Regen wäre blöder. Morgens um kurz nach 8 bekommen Märzkind und ich den letzen regulären Platz auf dem Flohmarktgelände zugewiesen. Beginn ist erst um 10 Uhr, aber wer jetzt noch kommt, ist eigentlich zu spät. Ok. Damit hatten wir nicht gerechnet, vermutlich werden wir garnichts loswerden. Aber, der Platz ganz am Rand ist super. Hier geht ein bisschen Wind und die Leute sind noch oder schon wieder entspannter, mittendrin ist es einfach nur brüllewarm. Sämtliche Lockdown-Fehlkäufe und einige Dachboden-Schätzchen finden ein neues zu Hause. Mittags bringt der Liebste uns Eis und übernimmt für eine halbe Stunde. Wie es sich gehört, fahren wir kurze Zeit später mit genauso vielen vollen Taschen nach Hause, wie vorher, nur andere Klamotten drin.


Märzkind besteht die Moped-Führerschein-Prüfung. Beim ersten Versuch. Juhu. Sie bekommt allerdings nur eine Bescheinigung. Den eigentlichen Führerschein muss sie sich auf der Füherscheinstelle abholen und die hat natürlich schon geschlossen. Das bedeutet, ich muss nochmal quer durchs Städtchen, was wegen dieser Baustelle dreimal so lange dauert wie normal, Märzkind holen, zurück durch die Baustelle, Julikind abholen, nach Hause, Einkäufe ausladen und den Liebsten mit Märzkind ins Städtchen fahren, durch die Baustelle zum TÜV, wo das Moped wartet damit die beiden von da aus zur Krankengymnastik können.

Am nächsten Tag rollt Märzkind abends um halb neun vom Hof. Weil sie es kann. (AS-Taxi wäre um 8 gefahren oder um 9) Der Liebste und ich sitzen auf der Treppe und stoßen an. Ein Meilenstein.


Maikind schreibt eine Bewerbung. De Mudda unterstützt ihn tatkräftig. Das ist gut. Diese Aktion braucht mehrere Anläufe und ich hätte das garnicht so gekonnt, gestehe ich mir ein. Geradeaus denken ist mir immernoch anstrengend. Fröhlich und sichtlich entspannter teilt Maikind am Abend mit, dass seine Bewerbung eingegangen ist.

Wenn wir nächsten Sommer nochmal alle zusammen Urlaub machen wollen würden, gibt es genau eine einzige Woche, in der das möglich wäre. Gut, dass uns das beizeiten aufgefallen ist.


Der Wald verfärbt sich herbstlich, von einem Tag auf den anderen fällt es auf. Die Linde auf dem Hof verliert gelbes Laub. Soviel, dass man es nicht mehr ignorieren kann. Ich nehme den Besen und – alles zerbröselt auf Konfettigröße. Der Liebste schlägt vor, einfach den Kompressor anzuschließen und dann mit Druckluft…ist keine schlechte Idee..


Wer hätte gedacht, dass ich das mal sage, aber, ein paar Tage Regenwetter darüber würden wir uns tatsächlich freuen, gerade.

KW22/23 2022

So, Schnauze voll. Ich hole mir eine zweite Decke vom Dachboden und schlafe ganz wunderbar, ohne zu frieren. Zum Frühstück esse Apfel-Zimt-Porridge, bringe danach eine Ladung Sonnenblumenkerne ins Futterhaus vor dem Fenster und gehe die Hunderunde in Winterjacke. 5°C, merkste selber, Juni, oder?

Nachmittags, am gleichen Tag wohlgemerkt, schleudern wir den Honig. Also, der Liebste stellt die Honigräume in die Küche, ich mache den Rest. Geht schnell, dieses Frühjahr.

Am nächsten morgen ist es merklich wärmer. Und sonnig. Fast sommerlich, man kann es kaum glauben. Märzkind und ich fahren nachmittags kurzentschlossen zum Erdbeerfeld. Nicht, dass da über Pfingsten alles abgeerntet wird – oder von Gewitter zerhagelt. Sonnencreme wäre eine gute Idee gewesen, aber mit schwülen 26 °C hatte irgendwie keine von uns gerechnet. Korb und Eimer sind schnell voll. Auf der Rückfahrt durchs Städtchen fährt ein Leichenwagen vor uns her. „Jo, dieses Wetter macht einen fertig“, sagt Märzkind.

Abends dann anbaden im See. Herrlich. So geht Juni.


Jahresvorrat Erdbeermarmelade gekocht.

Honig abgefüllt und Kunden zugeordnet. Da muss garnichts in den Keller getragen werden.


Der Teilzeitnachbar entrümpelt die Wohnung. Ich wasche Wäsche. Fast bei jeder Ladung, die ich aufhänge oder abnehme gibt es etwas Neues. Und es ist tatsächlich interessant wer da wann was abholt. Innerhalb von zwei Tagen wird das Carport einmal komplett bis oben voll und wieder leer geräumt. Ich staune. So ordentlich sah das noch nie aus. Das Ende einer traurigen Geschichte.


Abends um elf geht ich die letzten paar Meter mit dem Hund und brauche noch nicht mal einen Pulli. Ein lauer Sommerabend. In der Grillhütte wird gefeiert. Die ersten Takte eines Musikstücks laufen, man hört, dass die Gesellschaft sich freut, es wird mitgesungen. Das ist kein volltrunkenes Gegröle, stelle ich fest. Eigentlich ist das keine Überraschung. Da feiert heute die „Interessengemeinschaft landwirtschaftlicher Nutzfahrzeuge“ ( also Landwirte, Schlepperfreunde, Schrauber jeden Alters…), ich könnte mir vorstellen, dass von denen einige im Gesangverein sind. Den Refrain singen alle gemeinsam, die Hütte bebt. Es ist fast ein Gänsehautmoment. „ICH HAB ÜBERLEEEEGT MIT DEM SAUFEN AUFZUHÖÖÖÖÖÖRN . AAAAABER ICH SCHWANKE NOCH. ICH SCHWANKE NOCH“ Der Hund guckt mich fragend an. Das kennt er nicht. Tja Hund, früher, da war sowas normal, an sommerlichen Samstagen.


Ach übrigens, sagt Maikind, es gibt nur Frühstück in der Unterkunft. Sie sollen Taschengeld mitbringen, so zwischen 50 und 100 Euro wären gut, hat der Klassenlehrer gesagt. Ähm jo, früher waren Klassenfahrten ja mal „all inclusive“, meine ich mich zu erinnern, aber kein Problem, Gott sei Dank. Wer diese Beträge nicht mal eben so aus dem Hut zaubern kann ist übel angearscht, wenn so eine Info drei Tage vor Reiseantritt kommt.


Weil das Schüler-Hessenticket jetzt auch ein 9 Euro Ticket ist, muss man zum AS-Taxi garnichts mehr dazu bezahlen, sagt Märzkind und freut sich. Normalerweise kostet jede Fahrt einen Euro. Das sind bestimmt 20 Euro pro Monat, die sie jetzt anders ausgeben kann, schätze ich mal.

Märzkind bekommt ihren Traum-Ferienjob angeboten. Es ist der Job, den sie im Moment macht, als Praktikantin. Man würde sie gern über die Ferien weiter beschäftigen und wenn möglich sogar darüber hinaus, genau wie jetzt nur eben mit Geld. Da musste sie nicht überlegen. Fröhlich summend schwebt sie durchs Haus. Wenns einmal läuft…


Der große Neffe begegnet uns, einfach so, vor der Pommesbude auf dem Pfingstmarkt. Wir haben uns lange nicht gesehen, ich muss tatsächlich zweimal gucken, bevor ich mir sicher bin, dass er es ist. Die junge Frau an seiner Seite, ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, wie sie heißt, das wird gleich peinlich. Oder auch nicht, wir werden vorgestellt, alle freuen sich. Smalltalk, Pommes, weiter gehts. „Der hat ganz schön Kreuz gekriegt, auf der Polizeischule, ne?“, sagt der Liebste. Jo, das ist wahr. „und dem seine Freundinnen sehen eigentlich immer gleich aus“.

Julikind kommt fröhlich quieksend aus dem riesen Schaukel-Fahrgeschäft. Die 6 Euro haben sich sowas von gelohnt, sie ist begeistert, das könnte sie direkt nochmal… Ihre Freundin wischt sich mit einer fahrigen Bewegung eine Haarsträhne aus dem Mundwinkel, sie sagt garnichts und ihr Gesicht hat keinerlei Farbe.


Der Gastgeber, der mag uns wirklich, sagt er. Wir sind unkomplizierte Gäste, weil, wenn man uns einläd, dann sagen wir „okay, danke“, kommen zur angepeilten Uhrzeit und essen einfach ne Wurst. Die anderen wollten lieber früher kommen, wegen der Kinder und die essen alle nur noch vegetarisch… und samma, ganz ehrlich, ne, wenn man doch zum grillen einläd… Der Liebste drückt ihm ein Bier in die Hand und klopft ihm die Schulter.

Wir können die Blagen einfach alleine zu Hause lassen. High five. Die anderen unterhalten sich über Einschulungsfeiern und sind ein bisschen neidisch.


Ansonsten war nix. Auch mal schön.

KW 21/ 2022

Auftritt Julikind. Als Hausaufgabe sollte sie ein Gedicht schreiben, über eine Krankheit ihrer Wahl, das hat sie gemacht, ob sie das mal vorlesen soll?

Der Liebste und ich sitzen gerade mit Kaffee, wir nicken. Julikind liest vor.

Julikind: „Un? Is gut ne?“

Der Liebste schmunzelt :“Jo ist gut“ Julikind guckt mich fragend an

Ich: „Ähm, es reimt sich nicht und hat kein Versmaß“

Julikind: „Versmaaaassss?“ Der Liebste guckt mich fragend an.

Ich: halbherzig singend „wenn ich dann gestorben bin – falleri – fallera – trägt man mich zum Friedhof hin – falleriaaraa -so in der Art“

Der Liebste lacht in seine Kaffeetasse: „Du wieder…“

Ich: „Wenn dir spontan was anderes einfällt….“

Der Liebste: „Nee, nee, bei Versmaß bin ich raus.“

Ich: „Die Zeilen müssen etwa gleich sein und es muss einen Rhythmus haben, bei einem Gedicht…“

Julikind: „Tss, ich finds gut, ich lass das so“

Ich: „OK“

Der Liebste nickt. „Jo, ich finds auch gut so.“

Abgang Julikind

Niemand hat mehr Lust auf Unterricht ersetzende Hausaufgaben-Berge.


Da tut sich doch wahrhaftig ein Zeitfenster auf, in dem wir alle zu Hause sind. Kurzentschlossen fahren wir ins Städtchen um uns die Ausstellung des Malwettbewerbs anzusehen, bei dem das Julikind mitgemacht hat. Wann sind wir denn das letzte mal zu fünft im Auto gefahren? Es muss schon eine Weile her sein, früher war irgendwie mehr Platz, es dauert einen Moment, bis die Blagen diskutiert haben wer welchen Fuss wo…

Die Ausstellung ist klein aber es lohnt sich. Wir sind ehrlich beeindruckt, von dem, was die Leute so gemalt haben.

Und wenn wir schon im Städtchen sind, Märzkind braucht Schuhe und ich muss eine Runde durch den Rewe.


Bei der OP letzte Woche wurde ein doppelter Bandscheibenvorfall gerichtet. Es ist alles gut gelaufen und die Patientin kommt am Montag nach Hause. Das sind alle verfügbaren Informationen.

In meiner Familie nimmt man Anteil an Krankheitsverläufen, schickt Genesungswünsche und Süßigkeiten, gründet Gruppen zur Organisation von Einkäufen, Arztfahrten oder Sachen halt. Ich brauche immer eine Weile, bis mir klar wird, das Nachfragen zwecklos sind. Alles in bester Ordnung.


„Samma, was kriegt der Junge eigentlich von uns zum Geburtstag?“ erkundigt sich der Liebste. „Ich weiß es nicht“. „Aber du hast das doch bestellt?“ „Ja sicher“ Ich zeige ihm den sehr kleinen Karton auf dem zwei Computerbauteile abgebildet sind. „Ah, und – was ist das?“ „Das, was er sich gewünscht hat“ Der Liebste dreht und wendet den Karton, liest die Aufdrucke „Tja, weiß ich auch nicht“, murmelt er.


Maikind wird 15. Eine kleine feine Geburtstagsfeier. Die Uromas sind so dermaßen erstaunt, wie viel er in dem einen Jahr gewachsen ist, dass alle lachen müssen. Wir machen Fotos im Garten. Geschenke waren alle gut. Zimtstern-ähnliches Gebäck kann man durchaus auch im Mai mal essen, da waren sich die Gäste einig und Gegrilltes hatten wir schon länger nicht. Party mit Freunden gibts dann im Sommer. Ohne Eltern.


Boar. Dieser Geruch ist so außergewöhnlich, dass ich davon wach geworden bin. Er verschwindet auch nicht, obwohl das Fenster auf ist. Vier Uhr. Ich krabbele aus dem Bett, finde die Ursache und muss mich einen Moment sortieren. Der Hund ist nicht wohlauf, lieber keine Details. Ich wecke den Liebsten, denn hier ist alles dringend. Er geht mit dem Hund vor die Tür, ich fange an zu putzen. Nach zwanzig Minuten kommen die beiden zurück und der Liebste putzt nochmal. Ich hatte gedacht es geht wieder einigermaßen, aber wenn man von draußen kommt, dann nicht.

Julikind kommt zum Frühstück, wobei, sie kann bestimmt garnichts frühstücken, denn der Kiefer, der tut echt weh, heute. Okeeee, das sieht heute auch anders aus als gestern. Das kann auf keinen Fall warten bis Montag. Wegen Brückentag hat die Hausarztpraxis geschlossen. Zum Hausärztlichen-Notdienst also. Der Liebste übernimmt, weil er unter Masken besser atmen kann als ich. Zwei Stunden später frage ich nach, ob es denn sehr voll ist, in der Praxis. Der Liebste schickt kommentarlos seinen aktuellen Standort. Eine Klinik 45 km von hier. Och nö. Als ich gerade anfange, gedanklich eine Krankenhaustasche zu packen, kommen die beiden wieder. Da hatten sie Glück, dass der HNO-Notdienst bereit war, auf sie zu warten, die halbe Stunde, die es dauert vom Städtchen bis dahin, sonst hätten sie noch weiter gemusst.

Der Tierarzt hatte normal geöffnet, da haben sie auf dem Rückweg was für den Hund mitgebracht.

Freie Tage sind vom Universum nicht vorgesehen für uns, stellen der Liebste und ich fest, als wir abends noch eine Hunderunde laufen. Es ist ja garnicht so, dass wir was unternehmen wollen würden, nur, mal etwas in Ruhe erledigen können, bevor es unbedingt dringend sofort sein muss, das wäre schön, und wenn mal ein Wochenende lang niemand Schmerzmittel brauchen würde, das auch.


Früher, da war das ein fröhlicher Festzug, mit Kapelle, Fahnen und Leuten aller Altersklassen. Ein ganzes Dorf auf dem Weg zum Freibier. Dieses Jahr marschieren die Ehrengarde und der Burschenverein hinter einem einzelnen Trommler durch den Ort, morgens um halb neun. Mehr ging nicht, wegen Coronaveranstaltungsregeln in der Planungsphase. Es wirkt etwas befremdlich. Aber ich habs auch nicht so, mit der Brauchtumspflege.

„Der kannste mal gleich einen Eimer mitgeben“, sagt das Pluseinskind fröhlich, als sie nachmittags nach Hause kommen. „Quatsch“ sagt Märzkind und boxt ihn ein bisschen „n bisschen beschikkert höchstens“. Das Mutterherz freut sich über normale Teenager.


So, und wie ich schon sagte, von mir aus könnte die Außentemperatur Ende Mai morgens um neun gerne schon zweistellig sein.

KW20/2022

Eine Zugfahrt nach Frankfurt. Die Züge sind merklich voller als noch vor acht Wochen. Zwei Fahrräder blockieren 6 Sitzplätze. Ich hatte gedacht man könnte im Sommer mal mit so einem 9 Euro Ticket irgendwohin, aber, wenn das im Normalbetrieb schon so ist, hab ich da eigentlich keine Lust drauf.


Wir schließen das Kapitel „eingewachsene Zehnägel“, hoffentlich. Angeblich ist das Kind übernächste Woche wieder sporttauglich. Das wäre schön.


De Omma fragt, wann wir denn in den Urlaub fahren und ist auffallend erleichtert, als ich sage, dass wir noch nichts geplant haben. Merkwürdig.


Stundenplanänderung. Jetzt neu: Maikind hat kein Arbeitslehre mehr. Deutsch fällt aus, erstmal nur diese Woche. Beim Julikind sind noch alle Fächer da, nur anders verteilt. Eine Klassenkameradin strandet bei uns, nach der Schule. Sie wohnt einen Ort weiter, bis dahin geht die Busverbindung nicht. Normalerweise taktet die Familie die Dienstpläne so, dass das kein Problem ist. Aber wenn Stundenpläne nur 10 Tage gelten, wird es schwierig.


Der Hund. Seufz. An einem Tag ist er mir gleich zweimal abgehauen. Ich fahre im Schritttempo die Hundedamen-Haushalte im Ort ab, gucke in Gärten und Hinterhöfe und komme mir bescheuert vor. Große Anteilnahme der Rüden-Besitzer. Preisanfrage beim Tierarzt. Abends frisst der Hund wieder uns schläft danach. Vielleicht geht es ja doch so, sagen die Männer. Vielleicht.


Eine Geburtstagsfeier wird abgesagt wegen Hexenschuss. Das Telefongespräch ist an sich ist schon ungewöhnlich, die Nachrichten merkwürdig. Innerhalb kürzester Zeit wird aus Hexenschuss ein Arzttermin, ein Krankenhausaufenthalt, eine OP und ein am Rande mitbekommenes Gespräch über Pflegedienste. Oh,oh.


Niemand wird diese Rasenfläche nutzen, den ganzen Sommer nicht. Das Grundstück liegt hinter einer dichten Hecke am Ende einer Straße ohne Durchgangsverkehr. „Mal gerade drüber mähen“ dauert eine Stunde, plus Zeit für Pflege und Wartung des Aufsitzrasenmähers. Warum das alle 10 Tage gemacht werden muss, ist mir ein Rätsel. Der Garten bei uns am Haus wird genutzt aber, naja, muss halt passen, von der Zeit, dem Wetter…


Pluseins-Kind hat eine Lehrstelle im nächsten Jahr. Glückwunsch, Freude. Ein nachdenklicher Moment. Müssen da denn jetzt schon Bewerbungen? Oh,oh.


Unwetter sind angesagt, teilt mir der Liebste mit. Ich gucke ja keine Nachrichten mehr. Bestimmt will man uns nur warnen, damit es nicht wieder so wie im Ahrtal letztes Jahr…, denke ich. Die Warnungen wechseln die Farbe. Ich sauge einmal durch den Wäschekeller, wenn da wieder Wasser reinläuft, wäre das wenigstens nicht so eklig staubig. Die Warnungen wechseln nochmal die Farbe. Ich lege ein paar Sandsäcke vors Kellerfenster, denn eigentlich habe ich gar keine Lust, den Keller zu wischen.

Wir bekommen nichts ab vom Unwetter. Auch gut.

Schnaps und zwei Tassen Kaffee

Schweigend stehen wir uns in der Küche gegenüber, jeder an eine Arbeitsplatte gelehnt. Der Liebste holt einmal tief Luft „weißte was? scheiß ein drauf“, sagt er, geht in die Speisekammer und kommt mit der Flasche Whiskey in der Hand wieder raus. Gute Idee. Er nimmt ein Wasserglas aus dem Schrank, schüttet es halb voll, nimmt einen Schluck und reicht es mir weiter. Es ist Montag morgen, noch nicht mal neun Uhr.

Das ging leichter, als er gedacht hätte, sagt der Liebste. Er hatte damit gerechnet, irgendwie panisch zu reagieren, aber, es gab ja nur eine Richtung, und was man da tun muss bekommt er jedes Jahr auf der Schulung erzählt, immer wieder, irgendwie funktionierte das einfach. Er war wirklich toll, ich hätte das garnicht so geschafft, glaube ich. „Ach, von der Kraft her war das überhaupt kein Problem“, sagt er. Aber. „Das bei Herzdruckmassage Rippen brechen, sagen die ja immer“, er nimmt noch einen Schluck, aber wie viele, und wie sich das anfühlt, und dieses Geräusch…damit hatte er nicht gerechnet. Ich war auf das Gefühl, keinen Puls zu finden auch nicht vorbereitet. Meine Hände zittern, es fällt mir gerade erst auf.

Die Frau von der Diakonie kam ganz aufgeregt durch den Garten, und bat dringend um Hilfe. Sie hatte den Nachbar bewusstlos in der Wohnung gefunden, damals, vor einer Stunde. Das war nicht wirklich eine Überraschung, wir hatten den Ernstfall vor einigen Wochen schon mal gedanklich durchgespielt. Unser Gedankengang endete allerdings damit, wer ihm eine Krankenhaustasche zukommen lassen könnte. Die braucht er nicht. „Patient ex“, hat der Notarzt es genannt.

Der Liebste hatte Nachtschicht und war quasi schon im Bett gewesen. Er will nochmal versuchen, zu schlafen. Ich koche einen Kaffee und bringe ihn der Frau von der Diakonie an den Zaun. Sie hat ein paar Telefonate erledigen müssen in der Zwischenzeit und den Rest des Tages frei. Ihre Hände zittern auch. Wir setzen uns. Die andere Nachbarin schläft länger und hat nichts mitbekommen. In ungefähr einer Stunde erwartet sie den Verstorbenen zum Kaffee, die zwei sind, wie man hier sagt „ein Kopp und ein Arsch“, aber verwandt sind sie nicht. Der offizielle Weg ist vermutlich, das ein Angehöriger ihrem Sohn bescheid sagt, der dann von Berlin aus anruft, um ihr die Nachricht schonend zu überbringen. Das kann dauern. Sie darf eigentlich noch nicht mal mit mir sprechen, sagt die Frau der Diakonie, fällt alles unter die Schweigepflicht. Wir schauen uns an. Scheiß auf den offiziellen Weg. Wenn die Nachbarin gleich den Rollladen hochzieht und hat die Polizei und den Bestatter im Garten, dann brauchen wir wieder einen Rettungswagen. Wir machen das zusammen- jetzt. Nachbarn haben keine Schweigepflicht.


Nachmittags gibts Geburtstagskaffee. Schwiegeroma wird 102. Sie freut sich über jeden einzelnen Gast. Seit neun Uhr residiert sie im Sessel. Der frühere Bürgermeister kam immer zeitig, zum Gratulieren. Der Neue kam erst um halb elf. „Der wollte erst nicht reinkommen, dann keine Hand schütteln und dann keinen Kaffee trinken“, sagt Schwiegermutter. „Aber – hat er alles gemacht“, erzählt die Jubilarin fröhlich. Schwiegermutter zuckt mit der Schulter und nickt. „Blieb ihm nichts anderes übrig“. Ab dem 95. (glaube ich), kommt der Bürgermeister persönlich zum Gratulieren. Schwiegeroma freut sich immer und schäkert legendär. „Beim letzen Mal hat sie ihn mit „mal sehen, wer von uns im nächsten Jahr noch da ist“ verabschiedet“, sagt Schwiegermutter. In dem Jahr war Wahl. „Och, der Neue ist aber auch ein ganz Netter“, sagt Schwiegeroma.


Zwei Tassen Kaffe hatte ich heute. Unterschiedlicher hätte die Stimmung kaum sein können.


Abends stoßen der Liebste und ich an, stilecht mit Bier. Auf Friedhelm.