Schwarzwälder Kirsch

Wir sind zur Geburtstagsfeier eingeladen. Die Omma im nächstgelegenen Städtchen feiert, wie sie es nennt, im kleinen Kreis. 20 Leute verteilen sich auf Esszimmer und Wohnzimmer.

Bei uns folgen die Generationen etwas rascher aufeinander als die statistischen 28 Jahre. Das Geburtstagskind ist heute Schwester, Schwägerin, Mutter, Schwiegermutter, Oma und Uroma. Zwischen 8 und 80 sind Gäste aus jedem Lebensjahrzehnt anwesend. Wir landen am Kindertisch, wo Leute bis etwa Mitte fünfzig sitzen, die noch arbeiten mussten oder lange Schule hatten.

Das Kuchenangebot wird gesichtet und probiert. Dann macht sich der erste auf, mal zu schauen, was es am Tisch im Nebenzimmer so gibt. Ein Onkel kommt mit einem Stück Schwarzwälder-Kirschtorte zurück, und meldet, drüben gäbe es die besseren Kuchen. Die Omma schaut, ob wir auch alles haben. Der Onkel lobt die Torte: Ist toll, dass sie die gemacht hat, da habe er sich schon drauf gefreut. So ne richtige Schwarzwälder mit „ordentlich was drin“. Jooo, sagt die Omma, da habe er aber Glück, dass der Achim für heute abgesagt habe, weil, sonst hätte sie die nicht gemacht.

Sie wendet sich an eine ganz frisch gepachworkte Tantentochter, die heute das erst Mal mitfeiert und erklärt: “ Der Achim ist nämlich ein richtiger Alkoholiker, der darf sowas nicht essen. Eigentlich darf er es noch nicht mal riechen. Sonst geht alles wieder von vorne los.“ Die Tantentochter ist leicht überfordert. Andere Familien handhaben die Alkoholprobleme der Verwandschaft vermutlich diskreter. Aber wir haben es nicht so mit dem politsch korrekten Geschwurbel.

“ Also, manche Leute machen Schwarzwälderkirsch ja auch ohne Alkohol…“ wagt sie den Versuch. „Nä“, sagt die Omma, „dann hätte ich eher was anderes gebacken, Schwarzwälder ohne Kirsch, sowas macht man nicht.“ Eine Cousine fasst sich mit drei Fingern an die Stirn, senkt den Blick und schüttelt unauffällig mit dem Kopf. „Wer sowas will, der kann ja auch Kirschkuchen essen“, ergänzt jemand in der Runde. Die Omma geht mit den Worten, dann könne „man ja jetzt mal n Likörchen…“

„Tja, so isse“, sagt eine Tante. „Manchmal erschreckt man sich ein bißchen“, meint die kopfschüttelnde Cousine. „Also, wir mögen den Achim“, wende ich mich an die neue Tantentochter, „das kam jetzt nur seltsam rüber“. „Selbstverständlich“, sagt der Onkel mit der Torte auf dem Teller und alle nicken und murmeln, „aber wir mögen eben auch Schwarzwälder-Kirsch“ fügt kauend hinzu.

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