Anfang Januar

Nichts muss mehr vorbereitet werden, nichts großartig aufgeräumt werden. Die Zeit um den Jahrswechsel ist angenehm ruhig.

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Die Patentante möchte nicht reinkommen. Geschenkeübergabe auf Abstand, kurz unterhalten wir uns, sie entschuldigt sich, sie hat viel zu tun, offiziell. Keine Zeit zu haben kommt natürlich vor, ist aber in diesem Fall ungewöhnlich. Ich hatte dem Julikind erklärt, dass die Patentante wahrscheinlich Angst hat, uns anzustecken. Sie hat Kontakt zur Feuerwehr, zur Polizei, zu Altenheimen, das ist eben so. Im Moment ist es wieder schlimmer, mit Corona, da muss man ein bisschen aufpassen. Die beiden winken sich zum Abschied, Halloweenparty im Schwimmbad wird ausgemacht, allerspätestens. „Jetzt tut sie mir aber leid“, sagt das Julikind, als wir die Haustür schließen, „sie hat so traurig geguckt“.

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Ein Bedienungsfehler, vielleicht eine Fehlfunktion, sagt das Maikind. Leider hat die Drohne Teile der Deckenverkleidung geschreddert. Tja, zum Glück war er es selber.

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Mein Körper weiß anscheind nicht, dass heute Sylvester ist. Ab halb elf muss ich mich schwer darauf konzentrieren nicht einzuschlafen.

Das Maikind hat uns ein minecraft Feuerwerk zusammengebaut. Wow! Ich wußte gar nicht, dass es sowas gibt und bin ehrlich begeistert. Anschließend gehen wir in den Garten und verlassen illegalerweise kurz das Grundstück, um den Nachbarn ein frohes Neues zu wünschen. Es gibt hier und da Feuerwerk, nicht so wie sonst, aber dafür, dass garnichts verkauft worden ist, dieses Jahr, doch ziemlich viel. Die Kinder verballern eine Packung Jugendfeuerwerk. Wir sind alle erstaunt, wie viel Rauch ein kleiner Vulkan macht und wie laut das ganze Zeug ist. Gegen halb eins wird es wieder leise im Ort. Der Hund ist total entspannt. Aus asthmatischer Sicht folgt der beste Neujahrstag aller Zeiten. Feuerwerk kommt auch auf die Liste der Dinge, die ich nicht vermisse.

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Der Außendienstler kommt auf eine Tasse Kaffee vorbei. Gestern ist er zum ersten Mal mit seinem Freifahrtschein durch eine Straßensperre gefahren. Man habe ihn abwimmeln wollen, da hat er aber mal nachgefragt, ob man denn ernsthaft glaube, dass er hier an einem Sonntag in Dienstkleidung mit dem Dienstwagen in eine völlig überfüllte nicht präparierte Winterlandschaft ohne Toiletten und so wollen würde. Ach, habe der Kontrollposten gesagt, er würde ja garnicht glauben, was man so alles schon probiert habe.

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Alle Kinder sind vor Bildschirmen, da können der Liebste und ich mal zusammen Kaffee trinken. In der viertel Stunde, die wir so sitzen kommt eine Nachricht „sie hat ja gesagt“ mit Foto von Ring am Finger und kurz danach ein anderes Foto mit dem Untertitel „rest in peace“. Beide sind in unserem Alter.

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Wenn man aus der Liegestützposition das rechte Knie an den linken Ellbogen ziehen soll und da dann halten, einen Moment, dann fragt man sich in diesem Moment, wofür das eigentlich gut sein soll.

Ich glaube, das sind genau die Muskeln, die man benutzt, wenn sich der luftgefüllte Treckerreifenschlauch, in dem man sitzt, mehrfach gedreht hat, man die Entfernung zur schanzenähnlichen Kante des Abhangs beim besten Willen nicht mehr schätzen kann und man die Fahrt spontan lieber vor dem Stopp beenden möchte.

Ich rolle durch den Schnee, das Julikind sitzt immernoch auf dem Reifen und lacht sich kaputt. Das waren doch noch vier Meter, fast, ich habe überreagiert…

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Der shutdown wird nicht nur nicht aufgehoben werden, der wird sogar noch verschärft, verlängert sowieso, das ist keine Überraschung. Ab einer 200er Inzidenz ist angedacht, den Bewegungsradius der Bewohner des jeweiligen Landkreises auf 15km um den Wohnort einzuschränken. Da würde man dann ohne triftigen Grund nicht raus dürfen. Ausflüge und Einkauf gelten ausdrücklich nicht als triftiger Grund. Ähm, Moment. Kurzer check mit der Sportapp des Liebsten. Jo, das Städtchen ist im Radius. Die Krankengymnatikpraxis auch. Aber wir liegen sowieso unter 200. Man darf sogar wieder nach 21 Uhr raus, wenn man will. Es will aber anscheind niemand. Abends, bei der letzten winzigen Gassirunde bemerkt man keinen Unterschied, alles wie immer.

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Und was ist nun mit Schule? Schule ist nicht, den ganzen Januar nicht.

Obwohl, einige Bundesländer, niemand sagt welche, überlegen die Grundschulen bis zur sechsten Klasse wieder zu öffnen. Bei uns geht die Grundschule nur bis zur vierten Klasse, was heißt das für die Fünftklässerin? Ausgenommen von dieser Regelung sind voraussichtlich die Abschlussklassen. Ok. Daraus ergeben sich für mich folgende Informationen:

Das Julikind hat vielleicht Schule, nächste Woche, wahrscheinlich aber eher nicht. Das Märzkind hat vielleicht übernächste Woche Präsentationsprüfung, wenn die Termine nicht wieder verschoben werden müssen, das wird am Samstag vermutlich fest stehen. Für das Maikind gibt es keinen Plan, aber das mit Sicherheit.

Erste Dezemberwoche

Eine Leiter kann man nicht stellen. Die Wand hinter dem Ofen ist nicht nur schwer erreichbar, sondern auch noch hundert Jahre schief. Es hat eine Ewigkeit gedauert und Nerven gekostet, aber die Tapete ist dran. Ich habe den Muskelkater des Jahres.

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Eine Faszienrolle sieht in etwa so aus wie eine Küchenrolle. Das Material erinnert an eine Boje. Die Rolle ist sehr fest und löst, wenn man darüber rollt, die Verklebungen der Faszien. Ist klar. Ich hatte es für ein Fitness-Gadget gehalten und nur wegen des Placeboeffekts gekauft, weil die Physiofrau gesagt hat, wir brauchen sowas. Das Märzkind hat seit Monaten kein richtiges Training mehr. Einmal die Woche Krankengymnastik ist zu wenig melden die Knochen.

Ob ich das denn auch mal probieren möchte, werde ich gefragt. Sicher, warum nicht. Unter Anweisung des Märzkindes setze ich mich auf den Boden, platziere die Rolle unter meinen Waden, stütze mich mit den Armen ab und – rolle locker über das Gerät, dachte ich. „AAAAuaaa, haaauuuaaa, aaaaa, das kann doch nicht gesund sein“. Doch, sagt das Märzkind. Da könne ich aber mal sehen, wie verspannt ich so bin. Boar nee, das ist nichts für mich. Als ich aufstehe und gehe, muss ich allerdings zugeben, es ist ein angenehmer vorher nachher Effekt erkennbar. Faszinierend.

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Da haben sie so schön gesessen und mit der Uroma drei Nüsse für Aschenbrödel geguckt und Plätzchen gegessen, dann kam der Papa dazu und hat gesagt: „guck mal die Eule, wenn man genau hinsieht, sieht man die Schnur“. Nie, niemals hat irgendwer es für möglich gehalten, dass diese Eule da nicht selber fliegt. Das Julikind ist empört, als es mir die Geschichte beim Abendessen erzählt. Der Liebste schmunzelt. Er fängt sich einen Tötungsblick und wird von beiden Mädels in die Seiten geboxt. Das ist nicht witzig. Er hat „die Glaubheit zerstört“.

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Ich bringe etwas an die Tür des Quarantäne-Haushaltes und klingele. Wer weiß, ob die das sonst finden, geht ja keiner raus, im Moment. Die Tür geht auf, ich gehe noch einen halben Schritt zurück und winke fröhlich der Mutterkollegin, die da noch halb im Flur steht. „Hast du keine Angst?“, fragt sie. „Nee“, ich wundere mich selber. „Also doch. Aber ich habe das ganze Jahr schon Angst, man gewöhnt sich…“ Die Mutterkollegin kommt bis in den Türrahmen und freut sich sehr, dass ich da bin. Sie wünscht uns wirklich von Herzen, dass uns das nicht passiert. Am Dienstag war sie mit dem Kind beim Test, direkt danach hat sie auf der Arbeit angerufen, die Chefin hat gesagt, das wäre kein Problem, sie solle ganz normal weiter arbeiten, der Test wäre doch bestimmt sowieso negativ. Sie hat dann wirklich jedesmal eine frische Maske genommen, obwohl das so gar nicht vorgesehen ist, und Hände desinfiziert und Abstand gehalten soweit es nur ging, als sie gerade anfing, selber zu glauben, dass der Test negativ sein muss, da hat die Tochter sie angerufen, und gesagt, sie muss alles sofort stehen und liegen lassen und nach Hause, Freitag war das. Seitdem sind sie alle nur im Haus. Die Kleine war am Wochenende krank. Nur zwei Tage und wenn man ehrlich ist, das könnte eine ganz normale Erkältung gewesen sein. Es geht allen gut, soweit. Nur im Kopf ist es anstrengend. Man horcht dauernt in sich rein, fragt sich, ob es vielleicht kratzt im Hals…

Das kenne ich. Die Kleine hat die ganze Woche im selben Klassenzimmer gesessen wie das Julikind.

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Was ist denn nun mit Weihnachten? Ich hole Kuchen bei der Omma und frage anstandshalber mal nach, was sie so meint. Weihnachten mit Urenkeln unter dem Baum? „Och“, sagt de Omma, „ich bin da nicht ängstlich“. Das wußten wir ja alle, aber im Moment ist es ja doch etwas bedrohlicher, deswegen… „ach, weißte, ich bin so alt, ich kann ruhig sterben“. Ähm…okee… wer fragt bekommt Antworten.

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Was ist denn nun mit Weihnachten? Gleiche Frage andere Seite der Familie. Tagelanges Schweigen von allen Beteiligten. Bei mir entsteht der Eindruck, dass niemand Gastgeber sein will. Vielleicht bietet dieses Jahr die Möglichkeit, Dinge anders zu machen als „schon immer“?, das muss ja garnicht heißen, dass es schlechter wird? Vielleicht lerne ich auch einfach irgendwann die Klappe zu halten.

Es findet sich dann doch noch eine Lösung. In der Theorie könnte das schön werden – oder Schlagzeilen machen.

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Lichter leuchten überall in den Fenstern und in den Gärten. Dieses Jahr geben sich die Leute anscheind richtig Mühe, dass kann sogar ich schön finden. Naja, das meiste zumindest. Als wir auf der Hunderunde an diesem riesigen luftgefüllten Leuchtschneemann vorbeikommen, muss ich doch grinsen. Was denn so lustig sei, erkundigt sich der Liebste. „Modell 88, dachte ich gerade, aber das ist bestimmt ein Versehen“, und deute auf die Adventsfigur. Der Schneemann sollte mit Sicherheit winken. Die Winkehand ist aber irgendwie ungünstig verklemmt und teilweise von der Luftzufuhr abgeschnitten. Statt hocherhoben zur Seite zeigt der Arm halbhoch nach vorne. „Du wieder“, sagt der Liebste, „sowas fällt doch keinem auf“.

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In der Schule werden jede Menge Arbeiten geschrieben. Die Kinder machen nachmittags Hausaufgaben und lernen. Da fällt der lockdown gar nicht weiter auf. Es hat gar keiner Zeit, sich zu verabreden. Angespannt ist die Stimmung vor den Weihnachtsferien immer, es werden jedes Jahr viele Arbeiten geschrieben. Dieses Jahr ist das Pensum aber ein anderes und es fehlt der ganze Tüddelkram. Kein Weihnachtsmarktbesuch, kein wichteln, kein Gesang, kein Gebäck.

Beim Märzkind in der Klasse gibt es in diesem Winter einen Wasserkocher. Da kann man sich Tee machen. Neben dem Wasserkocher steht auch ein kleiner Weihnachtsbaum. Ganz ehrlich, wenn das nicht wäre, dann hätte man auch langsam keinen Bock mehr. Arschkalt isses.

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Keine Wichtelgeschenke besorgen, keine Spenden für Mitbring-Buffets auf Weihnachtsfeiern, keine Sondertrainings, keine Turnveranstaltung, keine Auftritte, keine Gürtelprüfung, keine Weihnachtsfeiern. Es ist der entspannteste Advent aller Zeiten.

Halbzeit November

Der Liebste hat ein paar Tage frei. Das war auch nötig. Niemand von uns will jammern, wirklich nicht. Krise mit Geld ist definitiv viel besser als Krise ohne Geld. Anstrengend ist es aber trotzdem.

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Da hat der Klassenkamerad zu der Fachlehrerin gesagt „ach, halten Sie doch die Fresse“ dann hat er seine Sachen eingepackt und ist mit den Worten „den scheiß muss ich mir nicht geben“ rausgegangen und mit dem Fahrrad weggefahren. Der Klassenlehrer, der Vertrauenslehrer und die Sozialarbeiterin haben ihn dann in ihren Autos verfolgt. Diese Geschichte höre ich beim Mittagessen aus drei verschiedenen Perspektiven. Großes Kino. Der Klassenkamerad ist zwar einer von der speziellen Sorte, hat aber in dieser Sache alle Sympathien auf seiner Seite. Die Fachlehrerin hat im kognitiven Bereich noch Luft nach oben, da sind sie sich einig.

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Wir nutzen eine Sonderaktion des Einzelhandels und kaufen Kleidung ein. Ausnahmsweise mal nicht für die Kinder. Man wird am Eingang herzlich begrüßt, und gebeten, so ein Tütchen zu nehmen, damit jederzeit nachvollziehbar ist wie viele Leute gerade da sind. Es sind auffallend viele Verkäufer da, alle fachkundig und freundlich, es gibt keine Schlangen an den Umkleiden. Eigentlich ist es ein tolles einkaufen, so. Wenn da nicht dieses sanfte gruseln wäre, mit so vielen Leuten in einem Raum…

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Die Großeltern entscheiden, dass man sie trotz lockdown noch besuchen darf, weil sie keine Lust mehr haben, sich zu fürchten. Die Kinder freuen sich sehr und verschwinden.

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Die Schule hat irgendwas am Start, für den Fall, dass sie wieder schließen müssen. Das Märzkind sagt, sie habe den Zettel auch bekommen (ja Zettel, im neunten Monat der Pandemie) die Lehrerin geht aber davon aus, das dieses irgendwas eher nicht funktioniert, wenn alle gleichzeitig damit unterrichten wollen. Sie werden bei dem bleiben, was sie im Frühjahr und in der Heimstudienwoche genutzt haben, bis das andere verlässlich funktioniert. Ach, und bitte 5 Euro Kopiergeld mitgeben, pro Kind. Mit Mühe unterdrücke ich den Impuls eine Kopie der Rechnung über 42 Euro für Druckerpatronen an die Schule zu schicken, per mail, weil ich es kann.

Ich erkläre mich statt dessen dreimal handschriftlich auf Papier damit einverstanden, dass meine Kinder, im Falle eines Lockdowns, von dem wir selbstverständlich alle hoffen, dass es ihn nicht geben wird, ein Videokonferenzportal nutzen düfen, das von der Kreisbildstelle auditiert wird. Es gibt da auch ein Kästchen, dass man ankreuzen kann, wenn man damit nicht einverstanden ist. Dann würde dieses Kind nicht unterrichtet.

Funfact am Rande: Die AG „Digitale Helden“ wurde schon vor zwei Wochen ins digitale verlegt, weil sich da in der echten Welt verschiedene Klassen mischen würden. Das Maikind hat bereits Zugangsdaten zu diesem Videokonferenzportal. Wenn man die eingibt passiert rein garnichts. Die digitalen Helden sind offline.

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Ein Herr Montgomery von der Ärztekammer oder so sagt im Interview des heute journal, Kinder seien einfach ein besonderes Problem in dieser Pandemie. Ich hatte in den letzten Monaten eher den Eindruck, das Problem liegt in der schlechten Ausstattung der Schulen, vorsintflutlichen Kommunikationswegen und darin, dass verbeamtete Pädagogen sich über Wochen tot stellen, aber, man wird ja so schnell betriebsblind. Natürlich sind die Kinder das Problem.

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Was ist denn nun mit Weihnachten? Die Frage kommt immer öfter. Man hätte da gerne einen Plan. Nun, das ist etwas kniffelig, dieses Jahr, aber de Mudda und ich, wir sind Team Grinch und können das ganz nüchtern durchdenken.

Plan A: Wie immer- alle sitzen im Wohnzimmer mit Weihnachtsbaum, es gibt mehr Abstand als sonst und es wird nicht gesungen. Nach der Geschenkeübergabe, spätestens, wäre man sich dann wohl sicher, dass niemand im Raum Covid hat und würde die Abstände nach und nach verringern.

Plan B: wie Plan A, nur mit bleibenden Abständen und mit Maske (ob man sich dabei dann albern vorkommt, entscheiden die Statistiken)

Plan C: Wie Plan A aber in kleinerer Gruppe, Details würden sich von selber ergeben, oder kurzfristig abgesprochen.

Plan D: Wie Plan C mit den Massnahmen aus Plan B

Plan E: Plan A – jeder in seinem eigenen Wohnzimmer über zoom

worst case scenario: mehrere kleine maskierte Gruppen stehen vor den Fenstern von anderen Gruppen oder Einzelpersonen winken. Dabei wäre Gesang theoretisch möglich.

In jedem Fall bekommt jeder, der möchte einen Baum organisiert und natürlich ein Geschenk. „Komme was wolle“, sagt de Mudda „Hauptsache, alle leben noch“. Ist immer gut, nicht allzu hohe Erwartungen zu haben. Weihnachten in 10 Minuten durchgeplant, läuft doch.

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Oder auch nicht. Wenn man so ein Weihnachtsfest auseinander rechnet, dann treffen wir 11 verschiedene Haushalte, normalerweise, das wird mir erst allmählich klar.

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Die Frau am Bäckerwagen sagt, sie denken darüber nach, die Bestellannahme für Heilig Abend zu beenden. Mehr geht einfach nicht.

Der Tiefkühlkost-Lieferant, der alle drei Wochen bei uns klingelt sagt, die Sachen, die er sonst im Januar preisreduziert verkauft, die sind jetzt schon alle weg. 6 Wochen vor Weihnachten. Das gab es noch nie.

Wottsefack?

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Wir werden an Weihnachten essen, was auch immer es am Freitag vor Heilig Abend noch zu kaufen gibt.

Die traditionellen Weihnachtkarten für Honigkunden und andere liebe Menschen bastele ich, nachdem ich lange über die beste Möglichkeit nachgedacht habe, einfach aus dem ganzen Flitterkram, den ich in den Schränken finde.

Wir machen uns einfach nicht mehr verrückt dieses Jahr.

Erste Novemberwoche

Am Freitag vor dem Teil-Lockdown wird das Maikind spontan zu einer vorverlegten kleinen Geburtstagsfeier eingeladen. Das Märzkind trifft sich auch mit ein paar Leuten. Beide verlassen das Haus mit gemischten Gefühlen. Darf man das noch? Man darf, sage ich. Es sind erstens die gleichen Leute wie in der Schule und zweitens geht da auch um psychische Gesundheit – meine.

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Die Blätter sind fast alle abgefallen, aber irgendwas buntes ist doch noch, in der Hecke. Ach guck, der riesen Holz-Osterhase, ich dachte, den hat endlich einer geklaut, er war aber nur eingewachsen. Ich nehme die Heckenschere und befreie den Hasen. Das hat fast etwas symbolisches. Hingestellt habe ich ihn im März, ab da ist uns irgendwie alles über den Kopf gewachsen.

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Das Märzkind und ich müssen eine Wartezeit überbrücken und wollen der Oma-im-Städtchen etwas in den Briefkasten werfen, sollten wir Licht sehen auch klingeln und winken. Als wir vorfahren räumt sie gerade ihr Auto aus. Da sehen wir uns in echt und unterhalten uns eine Weile vor dem Haus. Das ist erst seltsam, aber eigentlich ganz schön. Nach einer Weile bittet sie uns rein. Das Märzkind und ich gucken uns etwas ratlos an. Damit hatten wir nicht gerechnet, weil diese Oma sich wirklich fürchtet, vorm Virus. Seit Februar ist sie die allermeiste Zeit allein. Wir geben zu, dass wir das lieber nicht möchten, weil diese Woche nun mal so ist wie sie ist. Die Oma meint, da hätten wir wohl recht, und irgendwie sind alle erleichtert. Wir, weil sie nicht sauer ist, und sie, weil wir nicht wollten – aber gekonnt hätten. Es ist kompliziert.

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In der halben Stunde, die wir vor dem Haus stehen fallen uns einige Autos mit Nummernschildern von weiter weg auf. Darin auffällig schick gekleidete Familien. Ein Hauch von „Weihnachten nache Omma hin – jetzt oder nie“ weht um die Häuser.

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Ein leicht zerbeultes Paket wird geliefert. Es erinnert mich daran: online Weihnachtsgeschenke bestellen, jetzt oder nie. Es kommt ja schon in normalen Zeiten zu abenteurlichen Zustellungen im Dezember.

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Gut, dass sich dieser Kollege des Liebsten Montag krank gemeldet hatte. Corona positiv. Man weiß aber woher, und der Rest ging schnell, die Schicht hat kein Problem.

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Zweimal habe ich diese Woche jemanden vor einer Klinik rausgelassen. Einer kam nach einer halben Stunde fröhlich wieder raus, der andere nicht.

Nachrichten von einem Terroranschlag in Wien und einer Präsidentenwahl, die mich immer wieder mit dem Kopf schütteln lässt.

19900 Neuinfektionen an einem Tag.

Einen Praktikumsplatz zu suchen in diesen Zeiten ist eine Herausforderung.

Schulen sind geöffnet, man wurschtelt sich so durch. Zur dritten Stunde fährt übrigens kein Bus, auch wenn der Schultag regulär da anfängt nicht.

Gibt es eigentlich mittlerweile einen Plan, für den Fall, dass aus Teil-Lockdown ein Lockdown wird, so mit Schule zu? Ein Kind wird über discord mit Unterricht versorgt werden, eins über Lanis, das andere sehen wir dann, wenn soweit ist.

Die Waschmaschine, sie will irgendwie nicht richtig, obwohl sie können müsste.

Ich hab den Apfelpflücker vergessen.

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Der Waschmaschinen-Kundendienst hat noch eine Idee, wie sich das Problem vielleicht lösen lässt. Ansonsten würden sie auch vorbeikommen, natürlich. Man könne den Leuten ja nicht sagen, melden Sie sich einfach, wenn Corona vorbei ist. Die Leute freuen sich über diese Infos.

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Zum Martinsumzug wären wir nicht gegangen, das ist ja was für Kleine, aber ein digitalisiertes Laternenfest feiern wir gern mit. Fünf Laternen sind soweit in Ordnung, dass man sie in die Fenster hängen kann. Ab morgen könnt ihr euch von der Straße aus daran erfreuen, heute gibt es noch technische Schwierigkeiten. Wir haben zwar ausreichend Beleuchtungseinheiten und Batterien, es passt nur nicht zusammen.

Stutenkerle backen wir dann einfach selber. 1kg Mehl, ein Würfel Hefe… nach so einer Woche kann man sich ruhig mal was gönnen.

Apfel Marathon

Ich bin jahreszeitlich verwirrt. Die Allergiebelastung ist frühlingshaft, die Temperaturen ganz eindeutig sommerlich. Die Blätter sind bunt wie sonst im Oktober und im Baumarkt werden Christbaumkugeln in die Regale geräumt. Alles an einem Tag.

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Es ist September sagt der Apfelbaum. Der Liebste nimmt das Maikind und das Julikind mit. Erst Äpfel sammeln, dann Saft pressen. Dafür wird Starkstrom gebraucht, den gibt’s bei der Oma in der Scheune. Die Äpfel müssen in den Nachbarort gefahren werden, der Saft zurück. Es war mehr als gedacht, den ganzen Samstag läuft der Einkocher. Dann muss alles in den Keller. Gratis workout.

Das Märzkind bekommt von all dem nichts mit. Nicht schlimm, sie schafft andere Vorräte. Sollte es nochmal zu einer Schulschließung kommen und sie könnte mehrere Wochen ihre Freunde nicht treffen, das wäre übel für uns alle. Da sind die Geschwister sich einig.

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Ich schäle einen Korb voll Äpfel für Apfelmus und koche es ein. Das ist einfacher, als Apfelmus ohne Citronensäure zu kaufen. Und Apfelmus gehört nun mal zu Pfannkuchen.

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„Sag mal, weißt du noch, was du an Sylvester auf deinen Wunschzettel geschrieben hast, für dieses Jahr?“, frage ich das Maikind beim Spaziergang. Am Sylvesterabend schreibt jeder einen oder auch mehrere Wünsche für das neue Jahr auf einen Zettel. Nur realistische Sachen sind erlaubt. Die Zettel kommen dann unbesehen in eine Zeitkapsel (Bockwurstdose). Bis zum nächsten Sylvesterabend. „Nee“, sagt das Maikind, „keine Ahnung, aber was ich mir für nächstes Jahr wünsche, das weiß ich schon.“ Ich auch.

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Der Triathlet kommt kurz auf einen Kaffee vorbei. Er verweigert den Keks, weil, er muss diese Woche noch einen Marathon laufen. Ich wundere mich, findet der statt? Sicher, der ist jetzt virtuell, das ganze Wochende kann jeder laufen, irgendeine Strecke, man muss sich nur registrieren und am Ende ein Foto hochladen, von seinem Ergebnis, auf der Pulsuhr oder der App, geht alles. „Da machst du auch mit“, teilt er dem Liebsten mit. „Du bist bescheuert, ich lauf doch keinen Marathon“. „Nee, das ist klar“, sagt der Triathlet, man könne aber selber sagen, wie weit man laufen möchte, es gehe da hauptsächlich um die gute Sache, der Sponsor spendet pro Teilnehmer, und, der Triathlet hat die Seite schon aufgerufen, „ihr macht da jetzt mit“.

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Das Julikind ist die ganze Woche „schuluntauglich erkrankt“. Bisschen erkältet, nannte man das früher.

Im Ortsteil wohnt noch ein Klassenkamerad und dieser Klassenlehrer hat keinerlei hygienische Bedenken, was die Weitergabe von Hausaufgaben angeht. In der letzten Woche war der Klassenkamerad erkrankt. Er ruft meist um die Mittagszeit an, um zu fragen, ob es Hausaufgaben gibt. Dann besprechen wir, wer was abholt oder bringt oder schicken Fotos. Freitag ist er früh dran.

„Ich wollte nur sagen, heute kann ich keine Hausaufgaben mitbringen, ich hab in der Schule gekotzt, nicht dass ihr wartet.“

„Danke fürs Bescheid geben, gute Besserung.“

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Der Oppa nimmt den Konfirmanden mit zum Gottesdienst im Nachbarort. Das Märzkind muss nicht zum Training , keine Elterntaxifahrt am Sonntag, da hab ich spontan Zeit…

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Startnummer 2345 bei einem virtuellen Marathon. Die drucke ich gar nicht erst aus, das glaubt mir doch keiner. Dann laufe ich also, die gleiche Strecke wie immer, mit dem Handy des Liebsten in der Tasche, ich hab keine eigene App. Aus gutem Grund. Die Zeit, die ich für 6km brauche ist, nun ja, man muss wohl sagen, sehr sehr großartig. Eines Tages wird die Welt auf dieses Ergebnis schauen und sagen, was für eine fantastische Leistung. Es ist wohl die beste Zeit, die auf diesem Abschnitt des virtuellen weltweiten Marathons jemals gelaufen wurde. Ich bin sehr sehr glücklich. Für die gute Sache.

…und dann der Hund

Alle Kinder sind in der Schule, der Liebste arbeitet. Das wäre die Gelegenheit, ohne Unterbrechungen einfach mal was von der to do Liste abzuarbeiten. Liegen geblieben ist genug in den letzten Wochen. Oder, ich könnte eins von den Projekten in der Warteschleife auf den Weg bringen. Oder, ein verrückter Gedanke, ich könnte ein Buch lesen.

Der Hund denkt, dass ich da nur so sitze und stupst mich vorsichtig. Ja, wir gehen gleich, ich muss nur noch die Überweisungen… jaahaa, eine Minute dauert es noch, jaaahhaaaa, so gibt das eh nichts. Es ist wie mit einem Kleinkind diese Woche. Ich schaffe genau eine online Überweisung, bevor der Hund raus muss.

Es ist auch kein spazieren gehen im eigentlichen Sinn, alle paar Meter muss ein Stock geworfen werden, keine Ermüdungserscheinungen erkennbar. Auf halber Strecke entschließe ich mich, die Standardrunde zu erweitern. Welch Freude, hier waren wir schon lange nicht, da hat er was zu schnuppern und ich kann aufhören, Stöcke zu werfen, immerhin.

Die neue Hunderunde, die ich morgens noch vor der zweiten Tasse Kaffee gehe, ist in der örtlichen Wanderkarte verzeichnet. Als Rundwanderweg. Der Hund ist danach tatsächlich müde, ein bisschen, für zwei Stunden…

Einmal am Tag wasche ich meine Hände, weil sie wirklich schmutzig sind.

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Der Wald müsste um diese Jahreszeit nach Herbst riechen. Nach ersten bunten Blättern auf feuchter Erde, Pilzen, irgendwie frisch modrig. Das tut er nicht, es riecht nach nichts. Der Boden unterscheidet sich auch kaum von den Feldwegen, was die Dämpfung angeht. Es müsste ganz dringend mal eine längere Zeit regnen.

Elternabend mit Abstand, keine Fachlehrer, die sich vorstellen wollen, Klassenfahrt verschoben und online Unterricht, naja, jetzt warten wir erstmal ab, ob es überhaupt nochmal dazu kommt. Zwei Mutter-Koleginnen erklären sich spontan bereit, Elternbeirat zu werden, beide wirken nett und normal. Unregelmäßigkeiten nach dem ersten Wahlgang, Frage in die Runde, Missverständnis, im zweiten Wahlgang wird so zurecht gewählt, dass es alles passt, auf den offiziellen, gestempelten Zetteln, Dokumentation, danke schön, schönen Abend noch, eine gute Stunde, fertig.

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Als ich vom Hundespaziergang wiederkomme ist der Liebste gerade wach geworden. Er sitzt mit Handy und Tablet vor dem geöffneten Fenster und fragt, ob ich schon was gehört habe. Was hätte ich den hören sollen?

Heute ist doch bundesweiter Warntag, erfahre ich. Gleich wird er per App gewarnt und die Sirenen werden gehen. Also, mich würde das nicht in alarmbereitschaft versetzten, ich bin ja gar nicht in der Feuerwehr. Nee, nicht der normale Sirenenton, irgendein anderer solle heute kommen.

Hätte der Liebste mir nichts erzählt, hätte ich den Warntag gar nicht mitbekommen. Es ist keinerlei Alarm angekommen. Und was genau ich bei diesem anderen Sirenenton hätte tun sollen, weiß ich auch nicht. Wir haben drei Päckchen Klopapier im Keller, was soll schon passieren.

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Mein Auto ist durch den TÜV, juhu. Für den Spottpreis von nur 10 Euro. Gut, eigentlich für 610 Euro. Der Kinderbonus war genau einen Tag auf dem Konto. Dann haben wir sowohl einen regionalen Handwerksbetrieb, als auch die gesamtwirtschaftliche Erholung unterstützt, indem wir alles auf einmal ausgegeben haben. Bitte Deutschland.

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In der letzten Woche sind das Bügeleisen, die Bohrmaschine und der Staubsauger kaputt gegangen. Außerdem sind natürlich alle Jacken der letzten Saison zu klein, die Pullover auch. Tja.

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Auf dem Wanderparkplatz „Irgendwo am Wald“ steht ein Camper mit dänischem Kennzeichen. Merkwürdig. Anderthalb Stunden später ist der immernoch da, hoffentlich kommen die nicht auf die Idee, hier zu grillen. Die Tür geht auf, ein Mann kommt einen Schritt aus der Tür und fragt, ob er was fragen darf. Sicher. Da wäre gerade so ein Alarm gewesen. Sie haben hier überhaupt kein Internet und was muss man tun? Ist Gefahr?

Nein, keine Gefahr, es ist der zweite Samstag im Monat, da heulen die Sirenen nur zur Probe, alles gut, das hier so üblich. Der Mann wundert sich, wirkt aber erleichtert. Wir unterhalten uns kurz. Er erkundigt sich nach der aktuellen Coronalage. In Dänemark sieht es gerade leider übel aus. Bei uns geht es, kann ich erzählen, wir sind froh, dass die Schulen wieder auf haben und alle geben sich Mühe.

Ehrlich gesagt hatten sie gerade überlegt, ob sie nicht lieber weiter fahren bis Österreich, sagt der Mann. Sie haben gestern Leute feiern sehen, draussen zwar, aber doch mit viel Bier und wenig Abstand. Sie arbeiten beide im Hospital und wollten genau so was nicht. Ich erkundige mich, wo sie denn gestern gewesen sind. Oh ha, jo, Willingen ist ein bisschen anders, als der Rest von Deutschland.

Ich vermisse Airbnb, wie es früher war, stelle ich fest. Das hat mal Spass gemacht.

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Die Katze ist verstorben. Ich kondoliere.

Es gibt eine Folge bei „Gilmore girls“ in der stirbt die Nachbarskatze, die könnte ich eigentlich mal wieder gucken.

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Ich hab das erste mal morgens wieder Licht angemacht, beim Brote schmieren.

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Ein erstes Vorgespräch für den 24.12.20 hat stattgefunden. Wie viel Distanz verträgt ein Weihnachtsabend? Eigentlich keine. Wir kommen zu dem Schluss, joooääähhmmpfff

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Eigentlich war die Woche mit dem hyperaktiven Hund gar nicht schlecht. Der gefühlte Kinder Overload wird besser und ich hab bemerkenswert gut geschlafen. Diese Jeans passt auch wieder.

Irgendwer müsste allerdings mal wieder aufräumen und so.

Heu und Regelbetrieb

Männer, die mit hochauflösenden Ferngläsern irgendwo im Feld stehen, sind mir unheimlich. Vor allem, wenn verschiedene Männer zu verschiedenen Zeiten scheinbar die gleiche Stelle beobachten. Mein Hirn möchte wissen, was da beobachtet wird. Man sieht aber ohne Fernglas natürlich nichts. Merkwürdig.

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„Warum kreisen da so viele Vögel?“, wollte das Maikind wissen.

„Das sind Milane, die sind eigentlich sehr selten.“

„Sieht nicht so aus…“

„Stimmt.“

Merkwürdig.

Windräder sollen da irgendwo gebaut werden. Das ist einerseits schade, weil es wirklich eine schöne Ecke ist und zu meinen Lieblings- Hunde -Runden gehört. Andererseits nutze ich natürlich gerne Strom. Jeden Tag. Deshalb kann ich nicht dagegen sein.

Irgendwer ist aber so richtig dagegen und wurde erwischt. Am Samstag stand in der Zeitung, dass seit längerem Schweinefleisch für die Milane ausgelegt wurde, um das Gutachten zu manipulieren.

Krass, ich dachte immer, hier ist nichts los…

Die Milane fliegen übrigens wieder einzeln über die frisch gemähten Wiesen.

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Regelbetrieb der Grundschule, man muss es mit Humor nehmen. Täglicher Unterricht mit der ganzen Klasse von der zweiten bis zur vierten Stunde. Mit Busfahrten dauert ein Schultag von zwanzig nach acht bis zwanzig vor zwölf. Dann Hausaufgaben.

In der Schule sitzt das Julikind neben der Freundin, mit der sie auch die Nachmittage verbringt.

„Weißt du was Mama, an der Bushaltestelle, als keiner geguckt hat, hat Lara mich dann einfach mal geknuddelt,“ bekomme ich im Flüsterton erzählt.

Da haben sich die kleinen Mädels tatsächlich über Wochen tapfer an die Regeln gehalten. Ich staune und mir wird einiges klar. Lara geht nach den Ferien auf eine andere Schule. Es sind die letzten gemeinsamen Schultage.

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Das Maikind hat mittlerweile so viel Präsenzunterricht, das es schon wieder Freistunden gab. Es sind sich aber alle einig, dass es mit halber Klassenstärke viel besser geht. Alles.

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Das Märzkind hat diese Woche nur einen Schultag. Nächste Woche werden dann die Bücher abgegeben.

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Nach einigen Wochen warten auf einen freien Trainingstermin dürfen die Cheerleader wieder zu den alten Zeiten in der gewohnten Halle trainieren. In festen „Päckchen“ und mit viel Abstand zwischen den Kleingruppen. Es wird eingetragen, wer da war. Alles besser als nichts.

Plus vier Elterntaxifahrten pro Woche.

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Das Maikind und ich gehen Erdbeeren pflücken. Nach einer halben Stunde wird uns klar, warum die im Moment so teuer sind. Man muss sie fast suchen, auf dem Feld. 9 Kilo reichen für 25 Gläser Marmelade. 3 Gläser werden direkt in den ersten drei Tagen geleert. Das Maikind hat Sorge, dass die Vorräte nicht bis zum nächsten Jahr reichen.

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Eine kleine Gruppe Jugendlicher versucht einen freien Zeltplatz im Juli zu ergattern. Es gibt genau einen Campingplatz in der Umgebung, der für Zelte öffnet, seit drei Tagen warten sie auf eine Antwort auf ihre Anfrage. Ich befürchte das Schlimmste.

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Überall wird Heu gemacht. Ich musste die Dosis der Medikamente anpassen und befinde mich im geistigen Tiefflug. Alles in allem geht es aber ganz gut, dieses Jahr.

Vielleicht fällt es auch einfach weniger auf. Seit März liegen die gleichen Bücher auf meinem Nachttisch. Ich komme nicht zum lesen, und wenn, ist mehr so ein Buchstaben angucken.

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Ich habe nach fast sieben Jahren mal wieder ein Neugeborenes aus der Nähe gesehen. Ich hatte völlig vergessen, wie klein die sind. Es standen zwei Hobby-Footballer neben dem Kinderwagen, das hat vielleicht die Wahrnehmung verzerrt.

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Zum zweiten Mal wurde ein angefragter Zeitraum für die Ferienwohnung kommentarlos nicht wahrgenommen. Es gab zwei neue Anfragen, seltsame allerdings.

Ganz grundsätzlich kann ich sagen, es geht mir dabei um Geld. Diese Anfragen, die so tun, als wäre es ein unfassbares Glück für mich, stundenlang für wildfremde Menschen zu putzen beantworte ich mittlerweile ohne Umschweife: Nein.

Solange ich es mir leisten kann.

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Ein voll besetzter Ferienflieger macht sich auf Richtung Mallorca. Das Märzkind leidet meist leise unter den Kontaktbeschränkungen, hat jetzt aber Schnappatmung. „Wieso dürfen die so in den Urlaub und wir nicht normal in die Schule?“ Ich weiß es nicht.

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In NRW gibt es den ersten regionalen lockdown, nachdem sich jede Menge Arbeiter in einem Schlachthof angesteckt haben. Ich wundere mich, dass scheinbar alle überrascht sind, wie die Leute wohnen (müssen). Reisende Malocher erzählen oft Geschichten von Unterkünften, die sie so angeboten bekommen. Wir sind alle ein bisschen froh, das der Fleischverarbeitende Betrieb im Landkreis letztes Jahr schon pleite gemacht hat.

Anfang Juni

Das Märzkind schlug vor, nach dem Abendessen noch eine Runde Fahrrad zu fahren. Das Gastkind schaute mich fragend an. Sie könne natürlich mein Fahrrad benutzen, sagte ich ihr. Sie wunderte sich ein bisschen, das konnte ich sehen, aber ich verstand nicht wieso, und dann waren die beiden schon weg. Kurz vorm Dunkel werden kamen sie wieder, ich hab kein Licht am Fahrrad.

„Es ist sehr still hier, draußen“, sagte das Gastkind.

„Naja, hier ist nichts los „, entschuldigte sich das Märzkind.

„Ich finde es toll“, sagte das Gastkind und wirkte wirklich begeistert.

Das Märzkind verstand nicht wieso. Im letzten Frühjahr war sie zu Besuch beim Gastkind. Eine kleine Wohnung im sechsten Stock, vom Balkon aus konnte man die Flugzeuge gaaanz nah sehen, weil es dicht am Flughafen liegt. Öffentliche Verkehrsmittel fahren mehrmals die Stunde, überall hin, bis nach Disneyland und an den Eiffelturm… Abends alleine raus, geht man allerdings lieber nicht, einfach so. Wir haben in den letzten Wochen öfter an diese herzliche Gastfamilie gedacht.

Heute kommt kein französisches Gastkind zu uns.

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Honig schleudern ist zweimal schön. Der Moment, wenn der erste Honig an die Wand der Schleuder prasselt und der Moment, wenn man einige klebrige Stunden später frisch geduscht ein Bier aufmacht.

Ein Hoch auf das neue Rührgerät. Rechnet man die drei durchgeschmorten Bohrmaschinen zusammen, die sonst das Rührwerk angetrieben haben, war es auch fast günstig.

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Erste Elterntaxifahrt zum Training. Die Zeit dazwischen reichte genau zum Lebensmitteleinkauf.

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Lebensmitteleinkauf im gewohnten Laden. Es sind viele Menschen da, aber man wartet aufeinander und entscheidet sich zügig, wenn man bemerkt, dass jemand wartet. Sehr angenehm. Alle Regale waren voll bis zum Anschlag. Mein Einkaufswagen auch, letzte Woche hatte ich ja nur so ein bisschen. Mit einem wirklich richtig vollen Einkaufswagen wird man dann doch komisch angeguckt. Ich bräuchte mal eine Armbinde oder so, die mich als Teenagermutter ausweist. An der Kasse sitzen jetzt Männer ist mir aufgefallen. Die Damen, die da seit Februar saßen haben sich ein paar freie Tage wohl mehr als verdient.

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Auf der Seite des Landkreises lese ich nach, unter welcher Voraussetzung ich die Ferienwohnung an Touristen vermieten könnte. Es ist Pfingsten und nach einem halbem Jahr ohne Zusatzeinkommen (der Winter ist ja auch ausgefallen), wäre das ganz nett. Ähm, nein, eigentlich geht es ohne.

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Bei der Kinderübergabe kommt mir die Freundin im Auto entgegen. Wir parken kurz und unterhalten uns aus den Autofenstern. Sie kommt vom Dienst und „haste nochmal was gehört, von den systemrelevanten Pflegenden in den letzten Wochen?“. Nee, eigentlich nicht. Genau. Im Krankenhaus dürfen immernoch keine Besucher rein, das Telefon klingelt ununterbrochen. Eigentlich würde jemand gebraucht, der nur mit Angehörigen redet. Keine Personaluntergrenze heißt, es ist Wahnsinn im Moment. Natürlich wünscht man niemandem etwas schlimmes, deshalb rackern sich ja alle ab, aber, ganz heimlich habe man gehofft, dass die Welt da draußen mal sieht, wie knapp das alles immer ist.

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Elterntaxifahrt zur Bushaltestelle im Nachbarort, von da aus fährt nachmittags der Bus ins Städtchen. Am Abend berichtet ein fröhliches Maikind, man dürfe sich zum Döner essen wieder setzen. Das haben sie gemacht, zu viert um einen Tisch, das war schön. Da konnte man sich mal unterhalten, ganz normal. In der Schule geht das ja nicht, wenn da die Lehrer dauernd patrouillieren und auf Abstände achten.

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Bisher sei man gut durchgekommen, durch die Pandemie, danke, dass alle bereit waren, die Einschränkungen und Besonderheiten mitzutragen. Das war wichtig und ohne wäre es nicht gegangenen. Der Liebste bekommt vom Arbeitgeber Gutscheine, einlösbar in allen kleinen Einzelhandelgeschäften des Nachbarstädtchens, weil man möchte, dass die auch alle gut durchkommen.

Danke dafür.

Das tut gut, es war nämlich wirklich nicht normal, in den letzten Wochen. Und das hilft uns viel mehr, als die Anteile an einer Airline, die Deutschland in unserem Namen angeschafft hat.

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Nächste Woche geht’s dann los mit Klassenarbeiten. Anscheind bekomme ich doch Noten, dieses Halbjahr.

Tag 58 bis 63, Pandemie fertig

Auf einmal werden Hausaufgaben wieder rausgekramt, die wir vor langer Zeit mal auf einen „sollte der Moment kommen, vielleicht “ Stapel abgelegt hatten. Einige Lehrer haben Andeutungen gemacht, anscheind geht es dann nächste Woche doch los. Irgendwie, ein bisschen. Ich durchsuche Emails und chat-Gruppen nach Informationen und finde nichts. Nur der Kultusminister schreibt mir auf allen Wegen immer den gleichen Brief.

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Vier Seiten lang ist der Brief des Kultusministers. Vermutlich hat er den wirklich selber geschrieben. Er habe zwei Kinder, eins ist schon fertig mit der Schule, eins ist im Kindergarten, deshalb glaubt er, nachfühlen zu können, was Eltern gerade alles leisten. Er schildert mir meine Belastungen und Sorgen der letzten Wochen. Diese Sache mit dem Unterricht in der Zeit des lockdown, nun, ach, da wäre wohl noch Luft nach oben gewesen, gibt er zu. Dass die Eltern jetzt alle so laut und nörgelig sind tut ihm voll leid. Bei ihm im Haus arbeitet man daran, die Schulen zukünftig bei der Schaffung einer verbesserten „unterrichtsersetzenden Lernsituation“ zu unterstützen. Sogar mit so digitalen Sachen. Alles wird gut, und von ganzem Herzen schönen Dank auch, das wir den Arsch am kacken gehalten haben. Mit freundlichen Grüßen, Professor Doktor….

Die unterrichtsersetzende Lernsituation bin dann wohl ich, vermute ich mal. Das bin ich ja schon seit neun Jahren. Die kantinenersetzende Küchensituation übrigens auch, obwohl alle Kinder in Schulen mit Ganztags-irgendwas gehen. Das ist alles kein Problem, also, im Moment nicht. Wenn ich an meine einkommensersetzende Rentensituation denke schon. Anerkennung in Form von Rentenpunkten oder irgendeiner Art von mehr Euros auf dem Konto wären mir lieber, als blumige Ministerworte.

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Allmählich kommt Leben ins Dorf, man hört wieder Kinder draußen, es fahren mehr Autos, in der Ortsmitte sitzen die älteren Damen wieder auf der Bank. So soll das.

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Der Parkplatz vor dem Supermarkt ist ziemlich voll, es sind aber noch Einkaufswagen da. Anscheind kaufen wieder die Leute ein, die das normalerweise auch tun. Es steht niemand mehr lange nachdenklich vorm Regal und alle Anwesenden laufen intuitiv in die richtigen Richtungen. Keine Gespräche, keine Augenkontakte, es wird normaler.

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Die Monteure, die eigentlich heute angereist wären, müssen überraschend zwei Wochen Quarantäne stopp in Polen machen. Falls es den Auftrag danach noch gibt, würden sie wohl gern kommen. Kein Problem.

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Ich war beim Frisör. Die Frisur, die mir das Märzkind geschnitten hat, war gut. Allerdings wächst sie seltsam unregelmäßig nach. Um da wieder eine Richtung reinzubringen… so kurz hatte ich die Haare zuletzt auf meinem Führerscheinfoto.

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Montag also Schule. Die neuen Klassenräume und Laufrichtungen werden bekannt gegeben. „Dann muss ich jetzt alles selber mitschleppen?“ Ja, so sieht’s aus. Eigentlich gibt es ein mit Banknachbarn abgesprochenes, ausgeklügeltes System, dass an jedem Tisch eine Vollausstattung an Büchern, Tintenkillern, Geodreiecken und so sicherstellt, ohne das jeder alles dabei haben muss. Die Kinder sichten den Stundenplan, der an diesem Tag gelten, wird und packen.

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Der erste Schultag fühlt sich paradoxerweise an, wie der letzte vor den Sommerferien. Welche Anspannung in den Kindern steckte, merkt man erst jetzt. Alles war seltsam in der Schule, aber auf eine nette Art. Das morgen wieder frei ist, ist eigentlich ganz schön. Ranzen werden in die Ecke gestellt und Verabredungen für den Nachmittag gemacht. Die ersten Gäste die kommen waren auch die letzten, die vor der Kontaktbeschränkung gegangen sind. Obwohl, einer schleicht über den Flur, der war noch nie hier. Langeweile hatten wir die ganze Zeit nicht einmal.

Tag 49 bis 53, lockerer lockdown

Sonntag Vormittag ging ich joggen, dann wurden zwei Elterntaxifahrten verlegt. Die fallen im Moment weg. Ich gehe also Sonntag Vormittag joggen, nicht weit und nicht schnell, ein bisschen für die Gesundheit, hauptsächlich um den Kopf frei zu bekommen. Um diese Zeit hat man die Welt für sich alleine. Auf der Strecke sind mir im ganzen letzten Jahr zwei Radfahrer begegnet. Da ich alleine laufe und nicht oft, trage ich dabei eine Sofasitzhose, die mir vor Jahren als Jogginghose verkauft wurde, dazu das ganze Frühjahr über das gleiche Langarmshirt, solange, bis Tshirt Wetter ist, dann kommt es in die Wäsche. Die Schuhe sind deluxe und fast neu, leider erkennt man das aufgrund der Staubschicht nicht.

Das erste Teilstück verläuft an der Hauptstraße. Es kommt uns genau ein Auto entgegen. Der Hund läuft hier lässig und entspannt an der Leine. Im Feld mache ich ihn los.

Im tiefsten Wald begegnet uns mit ein mittelaltes Pärchen mit Hund. Ich rufe den Hund, leine ihn an. Sie erkundigen sich nach dem Weg, denn sie sind einfach mal auf gut Glück… ist alles richtig, schönen Sonntag.

Hund los, weiter geht’s. Nach 200 Metern begegnen mir Fahrradfahrer. Hund rufen, anleinen. Ein guter Freund des Maikinds ist unter den Radfahrern. Ob er denn den Hund mal streicheln dürfte, fragt er aus der Distanz. Sicher. Wir kommen schnell ins Gespräch. Schule läuft bei ihm auch eher so mittel und das Baumhaus ist eigentlich fertig, gut, zu tun gibt’s da immer was aber irgendwie… Vielleicht könnte man sich ja mal verabreden, liebe Grüße ins Tal, Grüße auf den Berg.

Einen Moment sind wir alle ratlos, weil ein weiterer Jogger in beachtlichem Tempo auf uns zu kommt. Auf dem Pfad mit Bächlein links und hohem Gras rechts bilden wir eine Gasse, um die Abstandsregeln umzusetzen. Wir schmunzeln alle, man kommt sich blöd vor, der Jogger nickt dankend. Schönen Sonntag euch allen.

Hund los, weiter geht’s. Hinter der nächsten Kurve sehe ich zwei Wanderer. Hund rufen, anleinen, Distanz halten auf schmalem Waldweg, weiter geht’s mit angeleintem Hund, damit ich einfach mal ein paar Meter laufen kann. Der Hund versteht die Welt nicht mehr. Eigentlich wollte er durch den Bach toben, während ich hier langlaufe, und all die schönen Stöcke, die man hier mitnehmen kann, sollen einfach so liegen bleiben? Joggen mit Junghund an der Leine im Wald ist ähnlich wie ein Spaziergang mit Kleinkind. Aber es nützt nichts. Ein Spaziergänger ist in Sicht. Danach noch zwei und noch zwei und noch zwei.

Das Shirt hab ich in die Wäsche getan und nächste Woche ziehe ich diese stylische Laufhose an.

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Montag ein Besuch beim Hausarzt und ein Großeinkauf in nur zwei Stunden erledigt. Das hätte sonst den ganzen Vormittag gedauert. Das Städtchen fast ohne Menschen ist ganz angenehm.

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Immernoch keine Hefe. Klopapier steht wieder im Regal. Man hat die Auswahl zwischen Ökokratz und 5-lagig, ich hätte gern das dreilagige Standard Papier. Ein paar Tage kommen wir noch hin.

Statt dessen kaufe ich „das Kochbuch für Notfall und Krise nach Empfehlungen vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe“. Der Titel gefiel mir und auf dem Cover ist eine Dose. Kochen ohne Wasser wird bestimmt das nächste große Ding.

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Dass sich beim Märzkind wieder Lehrer um den Unterricht kümmern, entlastet mich enorm. Beim Maikind ist regelmäßiger Kontakt zur Mathelehrerin entstanden, ein Abgabetermin mit Rückmeldung macht vieles leichter. In Englisch fehlen Grundlagen. Wir haben uns vorgenommen, daran zu arbeiten, vielleicht wird es dann weniger nervig. Die Deutschlehrerin lebt noch. Grundschule läuft, da muss ich nur anwesend sein. Wobei das auch zeitintensiv ist, aber, unter Vorbehalt würde ich sagen, dass aus dem Hausaufgaben-Marathon allmählich so etwas wie home schooling wird.

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Es wird entschieden, dass jedes Bundesland für sich entscheiden darf, wann was in welcher Form gelockert wird. Wer schon mal versehentlich an Allerheiligen im Städtchen war kann da nur mit dem Kopf schütteln. (NRW hat Feiertag, Hessen nicht).

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Eventuell geht für alle Schüler ab der vierten Klasse ab 18. Mai der Unterricht wieder teilweise los, in eingeschränkter Form. Danke für diese Information.

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Das Julikind hat eine Freundin zu Gast. Die beiden machen die Dorfralley, die der örtliche Kindergärten organisiert hat.

Das Märzkind macht eine Fahrradtour mit einer Freundin. Picknick am Edersee.

Das Maikind guckt den neuen Star wars Film auf DVD.

Der Liebste holt 0,8 Kubikmeter Rindenmulch und verteilt ihn auf Beeten. 0,2 Kubikmeter fehlen noch.

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Es ist erstaunlich wie verschieden Gesichter sind. Ich habe bestimmt schon 5 Rotzbremsen genäht, die keinem passen. Drei Modelle können in Serie gehen, sobald die coolen Stoffe versendet werden können und es wieder Gummiband gibt.

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Lob und Anerkennung erhielt ich für eine weitergegebene Rotzbremse. Die passt perfekt. Kollegen seien neidisch, das vom Amt gestellte Modell passt nämlich niemandem und erinnert an Boxershorts. Ich freue mich.

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Ab neunten Mai darf mit sich wieder mit Personen aus einem anderen Haushalt treffen. Das passt, der Vatta hat Geburtstag und läd den ganzen Haushalt zu Gulaschsuppe ein.

Vorfreude als wäre morgen Weihnachten.