ohne Küken töten

An einem Sonntag Nachmittag bei 30°C sind nur 8 Leute im Freibad. Seltsam. Vielleicht dachten die alle, es wäre schon geschlossen? Normalerweise ist das ja so, ab September. Als ich einen Zeh ins Wasser halte, wird mir schnell klar warum so wenig los ist. „Das ist aber kalt“, sagt Julikind, und die ist wirklich nicht zimperlich, was Badetemperatur angeht. Wir brauchen beide fünf Minuten bis wir losschwimmen können, und haben dann das ganze Becken für uns allein. Zwei Rutschen, Blubber-Liegen, Wasserpilz, Bahnen schwimmen wie auch immer man möchte… Schade, dass ihre Freundin nicht dabei ist, sagt Julikind, sowas hätten sie sich den ganzen Sommer schon gewünscht. Die Duschen, die sich letzte Woche schon so lauwarm eingestellt waren, fühlen sich heute fast heiß an.

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Der kleine Bach, in dem der Hund gern tobt hat kaum noch Wasser. Die Waldwege sind genauso hart wie die Teerwege, das Gras ist sogar unter den Bäumen verdorrt, es riecht nach garnichts mehr nach Wald. Abends um halb eins höre ich im Halbschlaf die Sirene. Eigentlich könnte ich weiterschlafen, denn ich bin ja nicht in der Feuerwehr, aber mein Hirn sagt, lieber mal aus dem Fenster gucken. Alles dunkel, so soll das sein, nachts im Wald, ich kann in Ruhe weiterschlafen, aber – soweit ist es schon, denke ich beim einschlafen.

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Ein neues Schuljahr beginnt. Die Freude hält sich in Grenzen. Maikind ist erleichtert, sie sind 33 im Jahrgang, das gibt zwei Klassen – juhu. 32 hätten in eine Klasse gepasst. Eine Stunde Förderunterricht für jeden der will, zur Auswahl stehen die drei Hauptfächer, kann jeder selber sagen, wo der Bedarf am dringsten ist. In der Klasse des Julikinds werden die Hauptfächer jetzt getrennt unterrichtet, alles andere zusammen, sagt sie. Also, eigentlich genau wie eine Kombiklasse, es heißt nur nicht mehr Kombiklasse? Die Cafeteria konnte aus wirtschaftlichen Gründen noch nicht wieder verpachtet werden, man bittet um Verständis, die Kinder dürfen ins Dorf gehen und sich irgendwas kaufen, der Versicherungsschutz endet allerdings jenseits des Schulgeländes, jaja… Schnitzelzettel heißt das Schreiben intern. Bücher werden ausgegeben, wenn die Quarantäne des dafür zuständigen Lehrers endet. Beim Märzkind gibt es wieder eine Cafeteria. Die ist Zitat: „Pre. Mi. Um.“ Es folgt ein schwärmerischer Vortrag über das Preis-Leistungsverhältnis eines Käse-Baguettes. Leider gibts nur noch kaltes Wasser den Waschräumen. Da muss man sich ein bisschen gewöhnen, aber hej, für die gute Sache, kein Problem. Ach übrigens, das Budget für die Abschlussfahrten wurde verdoppelt. Hessen hatte da seit Ewigkeiten nix angeglichen, und deswegen gleich doppelt. Wottsefack. Da les ich einmal nicht den Muttizettel vom Kultusminister…

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Die Queen ist tot. Die Nachricht begegnet mir Lauf des frühen Abends zufällig und ich gucke seit langem mal wieder heute journal.

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Männer 4 Euro, Frauen 2 Euro steht auf dem Schild am Eingang. Das sieht mir aber fast ein bisschen nach Diskreminierung aus.* Kurz überlege ich, mich spaßeshalber als divers auszugeben, nur um mal zu sehen was passiert, statt dessen gucke ich nur verwirrt. Ich sei wohl schon länger nicht mehr beim Fussball gewesen? fragt de Mudda. Stimmt. Das letzte Mal als Spielerfrau, da zahlt man garnichts. Leute die mich kennen, sind überrascht mich hier zu sehen. „Zu wem halten wir denn?“, fragt Julikind. Schwierig. Der Onkel trainiert das eine Team, der Papa hat zwanzig** Jahre für das andere gespielt. Wir sind ehrlich gesagt nur hier weil die Chearleader in der Halbzeit auftreten.

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Dorfflohmärkte sind ein bisschen wie Schnitzeljagd. Man läuft so durch den Ort und freut sich, wenn man irgendwo Luftballons am Zaun sieht, dann geht man bei Leuten in den Garten oder in die Garage oder in die Scheune und weiß nie, was man findet. Nebenbei kann man sich nett unterhalten und wenn man genug hat, sucht man den Gemeinderaum/das Feuerwehrhaus wegen Kuchenbuffet. Zack – Sonntag rum. Vor Corona gab es sowas glaube ich garnicht.

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Zwei Hornissen fliegen abends neben der Haustür gegen die Wand. Nur abends und immer zwei, warum auch immer. Man muss nach der letzten Hunderunde aufpassen, das keine ins Haus fliegt, wenn man die Tür öffnet. Der Hund mag das Hornissen-Fluggeräusch nicht. Das bedeutet, es kann niemand schlafen, bis die wieder draußen ist. Mit nem Schuh drauf zu hauen traut sich keiner. Die Viecher sind beeindruckend groß, man will sie lieber nicht wütend machen, und wegen Naturschutz, natürlich.

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Auf der Mayo ist vorne ein neues Label drauf. „Ohne Küken töten“, der Hohlraum im O ist ein Herzchen. Das ist ja süß, und so sinnfrei, dass es schon wieder witzig ist, finde ich. Maikind möchte wissen warum ich lache. Ich zeige ihm das Label, er liest und denkt einen Moment lang so sehr nach, dass er mit kauen aufhören muss, dabei. „Aber, in Mayonaise sind doch generell keine toten Küken drin, oder?“ Nee. Das könnte man überall drauf schreiben. „auf Schickennuggets vielleicht nicht“, überlegt Maikind. Vermutlich meinen die, dass die Hähne, die keine Eier für Mayo legen nicht geschreddert werden. Hähne kommen in die Suppe. Dorfkinder wissen sowas.

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Es regnet, endlich. „Ähm, warte mal“, murmele ich, in der einen Hand die Türklinke in der anderen die Hundeleine, „bei Regen in den Wald…. normale Schuhe…“ zurück zum Schuhregal und einen Moment nachdenken „Socken… und ein Oberteil mit langen Ärmeln – Regenjacke vielleicht“, als wäre ich noch nie bei Regen draußen gewesen.

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Ich: stelle eine Packung Spekulatius auf den Tisch

Alle anderen: Was? Jetzt schon? Da muss man doch warten… das kann man doch noch nicht…Anfang September

Viertel Stunde später: Packung leer

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Nachtrag: * Der Liebste sagt, man gehe davon aus, dass die allermeisten Mädels nicht aus sportlichem Interesse zum Fussball gucken kommen, da will man sie nicht noch mit Eintrittsgeldern verschrecken. Ist ja trotzdem schön, wenn sie da sind. Keiner hat je darüber nachgedacht, dass das Deskriminierung sein könnte. ** Er spielt auch nicht seit zwanzig Jahren in diesem Verein Fussball sondern seit sechsunddreißg. Und im Übrigen ist es eigentlich unglaublich, dass ich beim Derby war und er nicht.

KW 27/28 2022, Vor-Ferien

Abends um zehn ist es ungewohnt still im Haus. Die Spätschicht- Kinder schlafen alle woanders.


Ich bringe Märzkind zur Fahrstunde und gehe einkaufen. Während ich die Einkäufe einräume ploppt eine Nachricht vom Julikind auf, ob ich denn schon am Bahnhof bin? Oh ha, Blick auf die Uhr, nee, das kann nicht sein. Ich werde in etwa drei Minuen da sein, schreibe ich.

Am Bahnsteig stehen auffallend viele Leute. Ich bleibe einfach an der Treppe stehen, es ist der einzige Weg raus, das Kind wird mich finden. Dann winkt mir jemand fröhlich aus der Menschentraube und ich gehe doch bis an den Bahnsteig. Ach guck, dass sind alles Eltern – und Geschwister – und Hunde?, der Klassenfahrt-Kinder. Der Zug kommt und es gibt ein Riesengewusel. Julikind sieht mich, kommt mit der riesen Reisetasche angerollert, kurze Umarmung, „schön, dass du wieder da bist“, „tschüssi tschüssi“ in alle Richtungen und auf zum Auto. Als letzte hin, als erste weg, so holt man Drittkinder ab.

Wir haben noch über eine halbe Stunde Wartezeit zu überbrücken, bis die Fahrstunde um ist. Man könnte ein Eis essen – oder auch nicht. Es haben tatsächlich alle Eisdielen geschlossen, an einem Freitag abend um 19 Uhr, im Juli. Kurz überlegen wir, zurück zum Rewe zu fahren, da gibt es noch Eis, abends, aber so dringend ist es eigentlich nicht. Wir parken vor der Fahrschule und spielen Uno im Auto.

„Sylt ist eine Angeber-Insel“, sagt Julikind, „die schreiben „Sylt“ wirklich überall drauf. Flaschenöffner, T-Shirts, Kaffeetassen, es ist fast peinlich. Aber schön ist es. Sehr schön sogar. Es wäre eigentlich gut, wir da ein Ferienhaus hätten, vielleicht so ein großes, mit so einem Dach, hinter den Dünen….“ Ähm, jo.


„Bestimmt krieg ich tierischen Durchfall davon“, sagt Märzkind, „aber – das ist es mir wert“. Sehe ich genauso. Zwei Eimer voll mit wunderschönen Kirschen stehen in der Küche und die sind sowas von lecker. Alle essen, soviel wie geht, den Rest koche ich ein. Ein Hauch von Sommer für schitterige Herbst- und Wintertage. Ein herzliches Dankeschön geht über den Zaun, wir haben uns echt gefreut.


„Samma, du hast doch genullt, oder nicht?“ „Ja, ist aber keine große Sache gewesen“ „Wußte ich`s doch, ihr wart ein Jahrgang“. Geburtstags-Glückwünsche,von Herzen, eine Umarmung, wir atmen beide einmal durch und schlucken. Jemand fehlt. Auch hier. Fast wäre es rührselig geworden, aber „Nu komm“, die Familie schmilzt im Auto. Das Leben geht weiter.


Das Vor-Ferienprogramm läuft. Ein Wandertag ins Freibad, einer nach FortFun, Fussballtunier, Pizzaessen, Filme. Dieses Schuljahr ging schnell rum, obwohl es so spät Ferien gibt. Könnte dran liegen, dass die Schule geöffnet hatte.


Eine Zecke krabbelt auf meinem Arm. Ich schnipse sie runter, nehme den Kulli, der da gerade liegt und mache sie platt, ohne drüber nachzudenken, eine fließende Bewegung. „Ups, das tut mir leid“, sage ich. „Waaas?“ fragt Märzkind. Leider hat der winzig kleine Kadaver einen Fleck auf einem Blatt ihres Ferienjob-Vertrages hinterlassen. Was sollen die Leute denken? Nix vermutlich.


Mallorcinische-Pimmelmusik löst Fluchtreflexe aus, bei mir. Wahrscheinlich bin deswegen als einzige wach geworden. Das Lied von der geilen Layla wird unter unserem Schlafzimmerfenster gegrölt, morgens um vier. So klingt der Sommer, in diesem Jahr, machste nix dran. Um halb fünf kommt das erste AS-Taxi und nimmt die fröhlichen Nachtschwärmer mit.


Heute haben sie gelernt wie man googelt, erzählt Julikind beim Mittagessen. Das war lustig, bis sie bemerkt haben, dass das wirklich ernst gemeinter Unterricht sein sollte. Ab da sind sie sich alle ziemlich verarscht vorgekommen, denn, ganz im Ernst, das konnten sie doch im Kindergarten schon. Stimmt.


Dieser Kartoffelsalat nach Muddas Rezept hat anscheind geschmeckt. Zwei Kilo Kartoffeln waren das. Einfach weg. Irgendwer hat sogar die Schüsseln in die Spülmaschine geräumt.


Die Getreideernte ist aus allergischer Sicht genauso doof wie die Heuernte. Fünf Staubwolken können wir sehen, bei der Hunderunde, und ein Mähdrescher läd genau neben uns Korn in einen Hänger. Ich rieche das gern, bekomme aber die Quittung am nächsten Tag. Allergie-Kater, so fühlt man sich wahrscheinlich mit 90, oder so. Eigentlich wollte ich einen gemütlichen mimimi-Tag einlegen. Dann ploppt ein Bandenscheibenvorfall im Freundeskreis auf und kurz danach zwei Coronainfektionen. So gesehen gehts mir prächtig.


Die Eltern der neunten Klassen kümmern sich um Theke und Küche während der Abschlussfeier der 10ten, wie in alten Zeiten. Nachmittags melden sich zwei spontan positiv, die werden nicht hinter der Theke stehen, abends. Innerhalb kürzester Zeit findet sich Ersatz. Ich lese den chat und die Stimme in meinem Kopf fragt laut und deutlich „Hä?!“ Also im letzten Jahr gab es diese Abschlussfeier dreimal hintereinander. Für jede Klasse einzeln. Jeder durfte drei Gäste mitbringen, die am Eingang einen Negativtest vorlegen mussten. Während der Feier haben wir mit Maske und sehr viel Abstand in der Halle verteilt gesessen. Danach ein Foto und fertig. Niemand im Bekanntenkreis hatte Corona, zu dem Zeitpunkt. Null. Heute kenne ich vier Positive und – wer schließt eigentlich das Fass an???


Mit Märzkind und der Mudda besuche ich ein Kammerkonzert. Märzkind wollte gern, und man muss ja auch mal, irgendwas mit Kultur. Ein schönes Konzert. Als Zuschauerin bin ich glaube ich noch nie bei einem gewesen. Wir ziehen das Durchschnittsalter gewaltig nach unten. Das Publikum ist fast eine Show für sich.

Danach Eisbecher, der hat geschmeckt.


Kindergeburtstag nächste Woche. Wie geht das nochmal?

Und warm soll es werden, aber so richtig.

KW 25/26/27, Tiergeschichten und Zahlen

Wir haben ein Wespennest unter dem Dach, da wo eigentlich Schwalben brüten sollten. Das Brummgeräusch eines Bienenstocks höre ich gern, es klingt angenehm sommerlich. Wespen hören sich anders an, stelle ich fest. Wie Tinnitus, ich muss mich woanders hinsetzen.


De Omma ist stolz wie Bolle und freut sich. 9 Küken sind geschlüpft aus den 10 Eiern, die die Glucke unter hatte. Die Glucke des Nachbarn hatte auch 10 Eier unter, da sind aber nur 8 rausgekommen. Vermutlich kann der Nachbar gut damit leben, nur zweiter geworden zu sein, in was auch immer. Küken sind niedlich, es gab lange keine mehr.


Hä? Was ist das denn? So nebenbei mal hingeguckt hatte ich gedacht, eine Katze, aber das kann nicht sein. „Oooooohhh wie süüüü… och nö“ Ein kleiner Waschbär läuft durch unseren Garten mitten am Tag. Ich frage mich, wo seine Mama wohl wohnt. Er dreht in aller Ruhe eine Runde und verschwindet durch den Zaun im Nachbargarten. Vielleicht haben wir Glück.


So wie der Liebste da gerade die Tür reingekommen ist, da ist was nicht richtig. Er lässt die Tasche im Flur fallen und geht grußlos nach oben. Eine Weile passiert nichts, dann höre ich ihn durch die Küche humpeln. Ich gucke fragend, er macht ein knurrendes Brummgeräusch und deutet auf sein Bein. „Ein Reh, ins Motorrad, genau an den Fuss“ sagt er. Ach. Du. Scheiße. Die Wade ist beeindruckend geschwollen. Sportsalbe, Eis, Fuss hochlegen, Rücksprache mit Polizei, ein kurzer Moment in dem mir klar wird, was da eigentlich alles hätte passiert sein können, gefolgt von Dankbarkeit. Ist so schon blöd genug. „Das Reh?“, frage ich vorsichtig. „Das ist hin, war zum Glück nur ein kleines“, sagt er. Er hat Bilder gemacht, wenn ich Interesse hätte… Nein, hab ich nicht. Ich kannte das Reh, also, so wie man Rehe halt kennt. Die Unfallstelle liegt an einer Hunderunde. Die Wiese neben der Straße wird nicht gemäht. Ich bin öfter vorbeigelaufen, als das Kitz gefüttert wurde. Die Ricke und ich, wir tun immer so, als würden wir uns nicht sehen. Es tut mir leid.


Eine Dame bleibt vor dem Auto stehen und guckt mich an. „Ist alles in Ordnung bei Ihnen?“ „Danke, mir gehts gut, ich warte nur.“ „Ah, ok, es sah nur so aus….hätte ja sein können das was ist“. Das ist lieb. Ich parke in der mittleren Etage des Krankenhaus-Parkhauses, in zweiter Reihe, wegen Schatten und weil ich die Fussgängertreppe von hier sehen kann. Es klang so, als wäre der Liebste gleich fertig. 28°C Außentemperatur hatten wir, als ich angekommen bin. Das ist allerdings schon fast eine Stunde her. Mittlerweile ist es deutlich wärmer im Auto, deshalb hab ich die Tür geöffnet und sitze nachdenklich halb drin halb draußen. Ganz ehrlich, ich weiß nicht, ob ich mental in der Verfassung bin für noch einen Sommer mit zur Bewegungslosigkeit verdammtem Mann auf dem Sofa.

Gerade als ich das Auto doch in der prallen Sonne parken und den Liebsten suchen gehen will, fängt das Parkhaus an zu vibrieren. Ein Hubschraubergeräusch kommt schnell näher, das Gras im Hang vor mir neigt sich bis zum Boden, die Autotür knallt zu, zum Glück hatte ich die Füsse drin. 30 Meter vor mir landet ein Rettungshubschrauber. Boar, von so nah hab ich das noch nie gesehen. Ich schicke ein Foto an den Liebsten, der wartet immernoch.

Einmal röntgen mit Diagnose „ist nichts kaputt“ dauert vier Stunden. Damit hatte ich nicht gerechnet, die Pläne für den Rest des Tages ändern sich. Aber, hej, im Vergleich zu dem, womit ich gerechnet hatte ist das pillepalle.


Dem Hund ist es morgens um neun eigentlich schon zu heiß. Nachmittags werfe ich ihm ein paar mal die Frisbee über den Hof, dann geht er gerne wieder rein. Julikind schleicht von einer Ecke in die andere, es ist überall zu warm mimimi. Abends packe ich beide ins Auto und wir machen einen Spaziergang am Flüsschen. Der Hinweg zieht sich, dann toben die beiden eine viertel Stunde im kalten Wasser und auf dem Rückweg ist das Leben wieder schön.


Es war nur so ein Bauchgefühl, auf dem Fest am Wochenende und ich bin mir ein bisschen blöd vorgekommen. Rückblickend war es eine gute Entscheidung keinen Kaffee und nichts gezapftes zu trinken. Die Coronameldungen häufen sich. Der Kreis hat eine Inzidenz knapp unter tausend, im Städtchen findet ein Straßenfest mit tausenden Leuten statt. De Mudda sagt, man kann sich nicht ewig verstecken. Ich wundere mich, aber soll mir recht sein, jeder wie er meint. Ich gehe wieder überall ohne Maske einkaufen und meide Menschenansammlungen.


Der Liebste stellt ein Foto vom Wildschaden am Moped in seinen Status. Anteilnahme und Grüße von allen Zweiradfahrern im Bekanntenkreis. Der Triathlet und der Raumausstatter kommen sogar persönlich vorbei.

Und wenn die schon mal da sind: Ein Ersatzteil für die Heizungsanlage wird bestellt und der Teppich in der Fewo vermessen. Ich erhalte genaue Anweisungen, welche Art von Teppich ich kaufen soll. Baustellentermine vor Herbst werden angepeilt.


Die Schwalben sind weg. Das ist blöd, es waren dieses Jahr sowieso drei Paare weniger als im letzten. Eigentlich halten die uns den Sommer über die Mücken vom Leib.


Auf dem Dachboden suche ich nach Fotos. Ich finde zwei Babyalben von mir und eines mit Bildern rund um meinen 16. Geburtstag. Dazwischen müsste doch noch…Schmunzelnd blättere ich durch die Bilder meiner Jugend. Das hatte ich fast vergessen, aber, ein paar Momentaufnahmen reichen, und mir fällt alles wieder ein. Nach ein paar Seiten wird der Kloß im Hals immer dicker. Jemand war die ganze Zeit ein selbstverständlicher Teil meines Lebens, im Urlaub, auf Partys, bei Umzügen. Jemand fehlt. Immernoch. Erst beim zweiten Blick fällt mir auf: die, die da so fröhlich in die Kamera prosten, auf meinem 18. Geburtstag, die sind alle beide tot. Ich klappe das Album zu, lege es zurück und muss einmal tief Luft holen.


Und, ihr Lieben, genau das ist der Grund, warum mir Geburtstage nichts ausmachen. Ich bin dann jetzt wohl 40. Es fühlt sich nicht anders an als letzte Woche, wo ich noch 39 war.

Wegen der großen Nachfrage gab es eine kleine Feierlichkeit mit Bienenstich und allerlei gegrilltem. Die Omas und der Vatta hatten an diesem Geburtstag glaube ich mehr zu knabbern als ich. „Vierzig Jahre ist das schon her“, der Satz wurde öfter geseufzt an diesem Nachmittag. Abends beim Bier auf der Treppe gucken der Liebste und ich die Fotos des Tages durch. „Die Kinder, die sind schon so groß, daran merkt man, wie alt wie sind, ne?“, sagt er, „das hat mit Geburtstagen gar nichts zu tun“.


Julikind fährt auf Klassenfahrt. Aufgeregt steigt sie in den Bus. Keine Tränen. Wenn man ehrlich ist, freut sie sich sogar ein bisschen. Im Januar hätte ich das noch für unmöglich gehalten. Es war ein Weg bis hierher – kein leichter, aber wir haben es geschafft. Ich bin stolz auf sie und freue mich richtig.

Seniorengeschichten und Musik

Alle Rechnungen, die irgendwas mit Haus und Wohnen zu tun haben kommen adressiert an „Eheleute“ oder meine Mailadresse. Die Zensus Post ist adressiert an den Liebsten. Anscheind müssen offizielle Sachen auch im 21. Jahrhundert vom Herrn des Hauses persönlich erledigt werden.


In unserer Straße sind drei Hündinnen heiß. Der Hund kratzt an der Tür des Märzkindes, an der Tür des Maikindes, geht runter ins Wohnzimmer, schmeißt sich seufzend vor die Haustür. 10 Minuten später steht er an meiner Seite des Bettes und fragt, ob wir denn jetzt vielleicht eine Runde raus wollen, wird ja gerade hell… Entweder er geht jetzt auf seinen Platz oder… zwei Eier und eine Schere – Emoji


Ich weiß nicht mehr wie es dazu kam, aber zum Tisch abräumen am Freitag abend wurde das Lied von der Karawane gespielt. Maikind kannte das nicht. Wir fragen uns kurz, wie das sein kann, kommen aber schnell drauf. Die Kinder kramen in alten Playlisten, es wird nostalgisch, dann zeigen sie mir was im Moment „gefeiert“ wird. Wir mögen unterschiedliche Richtungen, aber, es gibt Schnittmengen. Märzkind und ich bekommen Gänsehaut und müssen uns in genau dem gleichen Moment kurz schütteln. Jo ho. Was man so alles vererben kann…


Die Oma aus dem Städtchen ruft an, um zu fragen, wann wir denn dann morgen fahren wollen. Hä? Na das Konzert. Oh. Ich gebe zu, als ich ihr die Karten zu Weihnachten geschenkt habe, hatte ich angenommen, sie würde ihre Schwester oder die Wanderfreundin mitnehmen, aber anscheind habe ich Heilig Abend gesagt, dass ich mitkomme. Blasmusik ist so garnicht meins, andererseits, ich habe in meinem ganzen Leben noch nichts mit der Oma zusammen gemacht, glaube ich. Wer weiß, wie viele Gelegenheiten da noch kommen…

Ich fahre jede Woche an diesem Grundstück vorbei aber, ich hatte ehrlich keine Ahnung, was sich hinter dieser Hecke verbirgt. Das Anwesen derer von und zu ist beeindruckend. Man freut sich, dass das hier heute in „der renovierten Scheune“ stattfinden kann. Was man hier eine renovierte Scheune nennt würde ich eher als rustikalen Ballsaal bezeichnen. Ich schicke der Freundin ein Foto von den Dachbalken. „Guck mal, so kann man Scheunendach .“ Sie wird in der kommenden Woche den Eurojackpot gewinnen und das dann bei ihrer Scheune auch in etwa so machen lassen, sagt sie. Ich beantrage einen Getränkestand auf ihrem Hof, für die Zeit in der die Zimmerleute arbeiten. Genehmigung wird erteilt. Ich werde also meine erste Million mit Aperol Spritz verdienen.

„Das war toll“, sagt die Oma, als das Konzert endet. Es war tatsächlich ein schöner Abend – ein Ausflug in eine ganz andere Welt.


Die Schwalben sind da. Der Garten hört sich nach Sommer an. Schön ist das.


Er: „Samma, wie viele Mückenstiche hast du eigentlich?“

Ich: „Mückenstiche? Noch gar keine. Un du?“

Er: „23“ grummelgrummel

Ich bräuchte gar kein Fliegengitter – außer vielleicht wenn der Liebste Nachtschicht hat.


Neue Stundenpläne, die alten sind ja schon drei Wochen alt… Maikind hat jetzt Mittwochs planmäßig die fünfte Stunde frei, weil da Französisch wäre, die 7. und 8. Stunde finden statt. Macht anderthalb Stunden freie Zeit, auf dem Dorf – ohne Schulkantine. Die Blagen werden sich schon irgendwie beschäfigen. Nachdem bei der letzten Stundenplanänderung Kunst weggefallen war, hat Julikind jetzt neu: auch kein Religion mehr. Wenn das in dem Tempo weitergeht, können sie im Sommer Teilnahmeurkunden statt Zeugnissen verteilen.


„Ah, das Grab, das hat sie übrigens einebnen lassen“, erzählt mir eine Witwe beiläufig. Da waren zwar noch vier Jahre Nutzungszeit drauf, aber wer soll das denn machen, wenn sie nicht mehr ist? Die vier Jahre zahlt sie dann eben fürs Rasen mähen. Zwanzig Euro kostet das im Jahr, ist eigentlich ganz schön viel, für so eine kleine Fläche, sagt sie. Ich muss lachen, kann es aber gerade so als Räuspern tarnen. Schöner kann man „ich will nicht neben meinem Mann beerdigt werden“ wohl kaum formulieren. Dieser Todesfall war Ortsgespräch. Jetzt wächst dann wohl Gras drüber.


Der Liebste zeigt mir ein Foto, „das wirste mir nicht glauben“. Er hat den Kuchen bei der Omma geholt und sie erwischt, auf einem wackeligen Höckerchen im Lichtschacht vor dem Haus. Die Blätter mussten raus, und wenn sie schon mal drin ist, kann sie von da aus auch gleich das Unkraut im Umkreis jäten, dann muss sie sich nicht bücken. Ich schüttele mit dem Kopf. Seit Wochen versuche ich rauszufinden, ob und wie sie ihren Geburtstag feiern möchte. Sie will garnicht 90 werden, sagt sie dann immer. Anscheind legt es drauf an.


Es ist immernoch Murks bei den Bienen, sagt der Liebste. Wir denken hin und her. Ich bestelle zwei Bienenköniginnen. Mittlere Preisklasse. Jetzt warten alle auf einen summenden Brief.

ein Wochenende wie damals

Herrliches Frühlingswetter. Auf einmal blüht alles, Farben und Geruch wechseln alle paarhundert Meter. Nicht mehr nur grau und Gülle. So macht die Hunderunde wieder Spaß.


Brot und Milch kaufe ich einzeln, also am Bäckerauto und vom Bauernhof, immer das Gleiche ohne irgendwas anderes dazu, da fällt die Preissteigerung auf. Aus 6,90 Euro sind 8,70 Euro geworden und aus 50 cent 75.


Am stillgelegten Auto auf dem Nachbargrundstück kraschpelt irgendwas, fällt mir auf, beim Wäsche aufhängen. Ich vermute irgendwelche Tiere. Och nö. Zum Glück ist es nur der Besuch der Nachbarin. Wir kennen uns flüchtig, haben uns aber lange nicht gesehen. Smalltalk über den Zaun. Nach wenigen Sätzen wird ein richtiges Gespräch daraus. Der Besuch konnte in den letzen zweieinhalb Jahren nicht kommen, wegen Corona und Arbeit, es ging nicht, im Sinne von es war unmöglich. Ich weiß, sage ich (Berufsfeuerwehr in Australien). Während dieser zwei Jahre hat sich die Nachbarin verändert. Ich weiß, sage ich. Der Besuch kämpft mit den Tränen. Ich bin ehrlich gesagt erleichtert, dass das mal jemand bemerkt hat, der die Macht hat, sich zu kümmern.


Märzkind meldet Hunger, Freitag abend um sechs. Auf keinen Fall kann das warten, bis Julikind vom Kickboxen zurück ist. Das kommt davon, dass es an der Arbeit immer schon um zwölf Mittagessen gibt. Sie versteht jetzt, warum die Omis abends immer so zeitig essen. Abendessen also zu dritt, wir unterhalten uns nett und sitzen immernoch da, als die anderen beiden zwei Stunden später dazukommen. Julikind ist entspannt und fröhlich und schläft schon, als ich ihr um halb elf gute Nacht sagen will.

Der Liebste kommt Samstag morgen von der Nachtschicht, steht mittags auf, weil Montag wieder Frühschicht ist, ganz normal, wie es auf dem Plan steht. Die Kinder und ich sind da mit dem Hausteil des „Haus und Hoftags“ schon fast fertig. Draußen ist allerdings noch genug zu tun. Märzkind hat den ersten Chearleading Auftritt, seit – man kann sich erinnern, wann. Sie beginnt mit der Schminkaktion. Maikind kramt das Feldbett aus der hinteren Ecke des Dachbodens und sucht Übernachtungssachen zusammen. Julikind nimmt an einem Malwettbewerb teil und, upsi, da ist nächste Woche Abgabe. Ich backe einen Tortenboden für Konfirmation am Sonntag. Ein Paket steht vor der Haustür. Märzkind ist erleichtert, das ist ihr Festoutfit für morgen, wir hatten schon überlegt, wie man die Alltagsklamotten zu was Schickem kombinieren könnte… Märzkind verschwindet, Maikind wird gefahren, Abendessen für drei, Märzkind kommt fröhlich wieder. Ein Hauch von Teenager in Polyester weht über den Flur, dann ist das Bad besetzt.

Sonntag morgen mach ich die Torte fertig. Der Liebste fährt Märzkind mit Torte zum Fest. Ich backe einen Geburtstags-Geschenk-Kuchen für Montag. Julikind müsste mal gelüftet werden. Hunderunde zur Hängebrücke. Auf halber Strecke meldet Maikind, man könne ihn dann gleich abholen. Das liegt auf dem Weg, kein Problem, obwohl, der Hund ist ja im Auto und das ganze Übernachtungsgepäck…. ach, ich laufe einfach von hier aus nach Hause, dann ist Platz. Als ich ankomme sind die Kinder schon bei Oma und Opa. Ich mache den Geburtstagskuchen fertig und wir fahren hinterher. Gut, dass wir mit dem Auto da sind, sagt Julikind. Auf dem Weg haben sie ein bisschen rumgeblödelt, da ist sie irgendwie vom Bordstein und hat sich den Fuss umgeknickt, aber so richtig. Der Fuss ist tatsächlich beachtlich angeschwollen. Notaufnaheme vielleicht? „Sieht nach Innenband aus“, sagt der Liebste, Kühlpack. Sportsalbe, hochlegen und dieser Haushalt hat eine aircast-Schiene für solche Fälle, was anderes würden die im Krankenhaus auch nicht machen.


Montag morgen begegnet mir der Biolandwirt im Wald. Er hält an, um zu fragen, warum ich mich denn so in der Hecke verstecke. Ich dachte, er gehört zu dem Jäger-Konvoi, der hier eben lang kam. Da halte ich den Hund immer lieber fest. Glaubt einem ja niemand, dass der so überhaupt keinen Jagdtrieb hat. „Alles gut bei euch?“ „Alles gut. Un selba?“ „Prima. Wir haben gerade zum ersten Mal in diesem Jahr Normalbetrieb. Das tut richtig gut, ist aber irgendwie ungewohnt.“ Fast zu gut. Da fällt mir ein, ist ja neunter Mai, heute. Ich deute auf sein Autoradio. „Ham wa schon Apokalypse?“ „Nee, noch nit“, sagt er, hat er aber extra angemacht, das Radio, nicht, dass Atomkrieg ist und er zieht Zäune, das könnte man sich ja dann sparen. „Tja, dann muss er wohl“, sage ich und wir sind uns einig, dass das was Gutes ist.


Abends haben wir Vattas Geburtstag gefeiert. Mit Leuten, als wäre es das normalste der Welt. Alle hatten was zu erzählen.

KW 17/18 2022

Es war angenehm ereignislos.

Die Wechselschichtwochen des Liebsten sind schon vorbei. Ich glaube, es war nur ein Rückwärtswechsel dabei. Aber Normalbetrieb ist noch einfacher. Naja, was man so Normalbetrieb nennt. Die Lieferketten, die Rohstoffe, eigentlich ist alles möglich.

Märzkind hat Theorieprüfung für den Autoführerschein. Zwanzig nach acht muss sie beim TÜV sein, danach in die Schule. Das geht nur mit Muttitaxi. Mein Plan war, in der halben Stunde Wartezeit einzukaufen, aber wegen der Baustelle quer durchs Städtchen kommt das hin. Ich habe also einen Aufenthalt auf dem TÜV Parkplatz. Ein Fahrschulauto mit einem sichtlich angespannten jungen Mann am Steuer fährt gerade los. Ich schicke gute Gedanken und drücke die Daumen. Nach zehn Minuten sind sie zurück. Der junge Mann sieht blass aus und geht mit gesenktem Kopf davon. Schade. Ich nutze die Zeit um in meinem Auto Müll einzusammeln, es lohnt sich. Märzkind hat bestanden – juhu! Dann jetzt schnell zur Schule, dritte Stunde Mathearbeit. Ich bin heimlich froh, dass das nicht mein Tagesprogramm ist.

Aus Gewohnheit gehe ich mit Maske in den Baumarkt. Eine niederländische Familie, die im gleichen Gang steht guckt mich komisch an. Die fühlen sich sichtlich unwohl, neben mir. Erst da fällt mir auf, dass alle anderen keine Maske aufhaben. Soll mir recht sein. Ich nehme sie ab und kaufe ohne weiter ein. Es fühlt sich genauso verrückt an wie der erste Einkauf mit Maske, damals.

Man möge sich doch bitte auf Katastrophen vorbereiten, geht durch die Nachrichten. 10 Tage ohne einkaufen sollte man durchhalten. Das würde gehen, glaube ich. Wobei, ohne Strom wäre blöd. Ein Wasservorrat macht natürlich auch Sinn, das haben wir ja letzten Herbst gesehen, als da dieses Rohr im Keller… aber auf unsere Haushaltsgröße gerechnet wären das nach amtlicher Liste 220 Liter. Wo sollten wir die denn lagern? Andererseits wollen wir natürlich auch nicht die ersten Idioten sein, die nichts mehr haben. Weltfrieden wäre am komfortabelsten.

Ein bei rebuy im Zustand „sehr gut“ gekauftes Mobiltelefon gibt nach einem halben Jahr den Geist auf. Ich schicke es ein, die sagen, kein Garantiefall, wegen nicht sachgemäßer Bedienung. Keine Ahnung was damit gemeint ist. Das Handy hatte keinen Unfall, war keinen Naturgewalten ausgesetzt, nix. Nachfrage im Handyladen. Natürlich kann man das reparieren. Würde 289,98 Euro kosten. Totalschaden. Sehr! Ärgerlich! Schrott hätte ich billiger kaufen können.

Wenn in der Hexennacht auf den ersten Mai vorm Haus Sachen weg gehext und irgendwo im Ort versteckt werden, ist das völlig in Ordnung. Brauchtum. Da muss man eben dran denken, den Kram reinzuholen, oder Maibowle hinstellen, für die Hexen. Wenn Sachen hinterm Haus, im umzäunten Grundstück gehext werden ist das weniger in Ordnung, finde ich. Wenn etwas aus dem Garten mitgenommen wird und nicht mehr zu finden ist – das ist klauen. War nur Gartenkitsch, aber ich mochte den.

Die blauen Briefe wurden verschickt und, ich will nicht angeben, aber ein bisschen stolz bin ich schon, denn ich habe keinen bekommen. Von den 12 Jungs in seiner Klasse sind 6 versetzungsgefährdet, sagt Maikind. In der Paralellklasse sieht es nicht besser aus. Wenn kein Wunder geschieht, wird aus zwei Abschlussklassen mit etwa 18 Kindern, wohl eine mit irgendwas um die 30 Schülern werden.

Ich habe einen neuen Filter im Denken, stelle ich fest. Vermutlich kommt das von der mentalen Überlastung der letzten Jahre. Manche Dinge sind mir so von Herzen egal, dass ich noch nicht mal aus Höflichkeit so tun kann, als würde ich mich dafür interessieren. Die Länge des Rasens in Schwiegermutters Garten beispielsweise und nein, ehrlich gesagt habe ich die Folge vom Traumschiff, in der Wie ein Onkel mitspielt nicht gesehen, weil, ich gucke nie Traumschiff.

Der Liebste hat neue Beete angelegt und Mist von regionalen Biorindern im Garten verteilt. Gemüsepflanzen haben wir in einer kleinen Gärnterei gekauft, mit Beratung. Ich habe die am ersten sonnigen Nachmittag eingepflanzt und schon mehrmals gegossen. Wenn das jetzt nichts wird, betonieren wir die Fläche und streichen sie grün.

Es wird grün und bunt draußen, endlich.

Ein Geburtstag und ein Großstadtmoment

Die Omas, der Opa, die Patentante mehr Gäste kommen gar nicht. Die können alle so am Tisch sitzen, es braucht nur eine weitere Platte. Oder kommt man sich da doch zu nah? Ich weiß es nicht. Und ich hab auch eigentlich keine Lust mehr, über sowas nachzudenken. Wir feiern jetzt so und fertig. Man merkt, dass es für einige Gäste ungewohnt ist, mit so vielen Leuten am Tisch zu sitzen, aber schön.

Ich altere mehr an den Geburtstagen der Kinder, als meinen eigenen. 17 Jahre, meine Güte. Diese verkleinerten Familienfeiern gefallen mir gut. Damals, als zu solchen Anlässen 26 Leute im Haus waren, habe ich alle nur im Vorbeigehen gesehen. Da war keine Zeit für Gespräche. Das Möbel rücken vermisse ich auch nicht.


Julikind und ich machen Frühstücks-Pause auf dem Bahnhofsvorplatz. Nach drei Stunden im Zug und anderthalb Stunden in einer Arztpraxis einfach mal ohne Maske atmen – herrlich. Obwohl, „es stinkt irgendwie“, sagt Julikind. Stimmt. Und es ziemlich laut, ohne das man die Lautstärke irgendwas Bestimmtem zuordnen kann. „Die Menschen sind so schön hier“, sagt Julikind. Stimmt auch. Im Wartezimmer saß mir eine Frau gegenüber, die sah in Leggins und T-Shirt schick aus. Sowas gibt es bei uns nicht. „Guck mal“, sagt Julikind, „diese Zug-Busse fahren da einfach mitten durch“. „Das ist eine Straßenbahn“, sage ich. „Ach, das ist eine Straßenbahn?“ „Jo“, sage ich. Auf der Rückfahrt winkt Julikind den Hochhäusern, solche Hochhäuser hat sie noch gesehen. Der Tag in der Großstadt war interressant, aber man kann sich eigentlich nicht vorstellen, dass es Leute gibt, die da wohnen wollen, sagt sie. Je weiter wir Richtung Heimat fahren, desto schöner wird der Blick aus dem Zugfenster. Wir sind Dorfkinder durch und durch, machste nix dran.

Abends bei der letzten kleinen Hunderunde höre ich die Rehe im Wald – ziemlich laut.


Morgens nach dem Aufstehen im Kopf die dringenden Tagesaufgeben durchzugehen, und festzustellen, dass es möglich ist, alles in den folgenden 17 wachen Stunden zu schaffen, es ist ein großartiges Gefühl. Wenn da zwischendurch sogar noch Zeit für eine Pause bleibt… Der Liebste und ich sitzen auf der Treppe vor dem Haus, trinken ganz in Ruhe einen Kaffee und können es kaum glauben. Wie Urlaub.

So könnte das gerne mal eine Weile sein jetzt.

Wahnsinn, ganz normaler

Alle drei Kinder waren an allen fünf Wochentagen in der Schule bzw. im Praktikum. Das hatten wir in diesem Jahr so noch nicht.


Ich stelle fest, das ich unbedingt mal wieder zum Frisör muss, dann lese ich beim Frühstück einen Artikel über ukrainische Frauen im Krieg. Ein rausgewachsener Haarschnitt ist ein banales Luxusproblem. Andererseits feiern wir nächste Woche Geburtstag – während gar nicht mal so weit weg von hier Bomben fallen. Es ist gerade kompliziert in meinem Kopf. Ich mache einen Frisörtermin. Das Städtchen hat ukrainische Flaggen gehisst. Och guck, das hätten wir rückblickend vielleicht besser schon mit der syrischen Flagge gemacht, vor zehn Jahren, denke ich, im Vorbeifahren.


Da bin ich aber froh, dass ich direkt nach der Quarantäne die Vorräte wieder aufgefüllt hatte. Mehl ist ausverkauft. Märzkind sagt, die Physiofrau hat erzählt, in der Nachbargemeinde gibts nicht nur kein Mehl, da fehlen sämtliche Corona-Klassiker in den Regalen: Hefe, Nudeln, Klopapier und jetzt neu, Speiseöl. Boar nee, nicht das wieder.


Ein Termin in Frankfurt, morgens um elf, wir würden die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen wollen. Das Kind kann mit dem Hessenticket fahren, ich brauche eine Fahrkarte. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, zu verschiedenen Preisen. Die Fahrzeiten unterscheiden sich aber nur um zwanzig Minuten. Nach einer halben Stunde Internetrecherche und einem Gespräch am Servicecenter entscheide ich mich für Plan C. Wir werden in den Zug einsteigen, und mangels Automat am Dorfbahnhof, ein Ticket bei der Zugbegleitung kaufen für was auch immer verfügbar ist und zahlen was es kostet. Und wenn das Kind bis dahin doch positiv ist, dann nicht.


Wir hatten verschiedene Wege durchs Städtchen und treffen uns beim Optiker. Eigentlich brauchte der Liebste nur Kontaktlinsen aber, seufzend zeigt er mir ein Etui. Vor diesem Tag hat er sich lange gefürchtet, mitfühlend streiche ich ihm über den Arm. Tja, nun sind wir ja nicht nur verheiratet, sondern auch befreundet. „Samma, kennst du diese Meilensteinkarten, mit denen man kleine Kinder fotografiert?“, frage ich. „Hä?“ sagt er. „kleine Schilder halt, da steht drauf *heute bin ich die ersten Schritte gelaufen* oder so“. Er zieht die Augenbrauen so zusammen. Ich grinse. „Wenn wir gleich zu Hause sind, dann bastle ich dir eins, *meine erste Lesebrille* und dann machen wir ein Foto…“ Er piekst mich in die Seite, ich quieke und rutsche fast vom Stuhl vor lachen. Dann kommt die Optikerin mit meiner frisch gerichteten Brille aus der Werkstatt und wir benehmen uns ganz schnell wieder wie Erwachsene im Lesebrillenalter.


Seit letzter Woche dürfen die Kinder im Unterricht am Platz die Maske abnehmen. Das war schön, weil sie dann nachmittags wacher und fröhlicher sind. Leider ist diese kleine Lockerung ganz gewaltig eingeschlagen. In der Klasse des Maikinds sind sie aktuell zu zwölft. Eltern dürfen entscheiden, ob sie die Kinder schicken, da gäbe es gerade eine Ausnahme, sagt Maikind. Nix. Er ist geboostert und genesen, wenn irgendwer gehen kann dann er, sage ich. Ein Seufzer, das hatte er sich schon gedacht. In der Klasse des Julikinds sind sie noch neun. Statt ganz ohne Maske sitzen wieder alle mit FFP2. Ich bin mir ziemlich sicher, dass man sich das nicht zweimal innerhalb von 8 Wochen einfängt. Aber diese bange halbe Stunde Montags, Mittwochs, Freitags ab 8.20 Uhr, sie ist wieder da.

Wenn alle anderen in Quarantäne sind, das ist fast so doof, als wäre man es selber. Julikind telefoniert jeden Nachmittag alle ihre Freundinnen ab. Das Kinder Corona bekommen, ohne es zu bemerken ist Quatsch.


Maikind hat so gar keine Lust auf Nachmittagsunterricht. Das der tatsächlich dreimal hintereinander statt findet ist eigentlich unzumutbar. Aber es gibt eine gute Nachricht. Die Dönerbude im Städtchen liefert bis an die Dorf- Schule. Wenn man da anruft, mittags, und sagt „bitte 6 Döner mit doppelt Fleisch und 3 Familien-Pizzen in den Ortsteil“, dann fragen die garnicht mehr wohin, die sind einfach eine halbe Stunde später da. Service der begeistert. Anscheind vermisst niemand die Schulcafeteria. Ich stelle mir eine Gruppe Jungs vor, alle ungefähr 1,80m groß und 65kg schwer, wie sie sich freuen, wenn das Dönerauto vorfährt. Sind bestimmt schöne Bilder. Man könnte ein Schild aufstellen, Fütterung der Teenager um 13.40 Uhr

KW 10/2022

Die gute Nachricht ist, mein Hirn findet allmählich wieder in den Normalbetrieb zurück. Ich kann wieder mehr Sachen denken und wahrnehmen als zur Aufrechterhaltung des Betriebes hier zwingend notwendig ist. Es fühlt sich gut an und ich freu mich. Die schlechte Nachricht ist, ich sehe jetzt, was im Haus so alles liegen geblieben und in der Welt passiert ist, während dieser 6 intelligenzgeminderten Wochen.


Ich fahre schon eine ganze Weile nur 90 km/h auf Landstraßen. Erstens weil mein Auto eine Flitschbimmel ist, zweitens wegen Weltrettung. Ich werde oft überholt, normalerweise. Seit neustem nicht mehr. Der Liebste berichtet, er sei auf der Bundesstraße 80 gefahren, in Kolonne, mit den LKW. Niemand überholt, niemand drängelt. Nimm das, Putin! Ganz nebenbei fällt mal auf, wie entspannt man Auto fahren kann. Und länger dauert es eigentlich auch nicht.

Spontan an der Tanke gehalten, es war eigentlich noch halb voll, aber 2,06 Euro der Liter, mensch, so ein Schnäppchen lässt man nicht liegen. Hätte mir das vor vier Wochen jemand erzählt…

Mit dem Hund ins Feld fahren um dort spazieren zu gehen, eigentlich geht das garnicht mehr. Wir machen es trotzdem. Auto fahren ist unser Urlaub dieses Jahr.


Es gibt wieder Anlässe und somit auch Bedarf für Sachen, die nicht Lebensmittel sind. Die Fussgängerzone im Nachbarstädtchen hat sich verändert, aber nicht zum Schlechten. Der Liebste und ich arbeiten eine Geschenke-Einkaufsliste ab. Ich weiß ehrlich nicht, wann ich zuletzt in so vielen verschiedenen Läden war. Zwischendrin gab es das erste Eis der Saison. Mal was anderes zu sehen hat richtig gut getan.


Es kraschpelt auf dem Flur, Blick auf den Wecker, halb eins. Vor drei hatte ich nicht mit Gekraschpel auf dem Flur gerechnet, lieber mal gucken. Märzkind ist im Bad. „Seid ihr rausgeflogen?“, frage ich. „Nee, garnicht erst reingekommen.“ Oh. Heute war erster Öffnungstag der Discos nach Corona. Sie hatte sich Hin- und Rückfahrt und die Unterschrift einer anwesenden volljährigen Person organisiert (damit darf bis nach Mitternacht). Geöffnet wurde um neun. Um zehn nach neun waren sie da. Viel zu spät, da ging die Schlange schon bis an die Straße. Drei Stunden haben sie angestanden, als sie einen Meter vor der Eingangstreppe waren, durfte niemand mehr rein, wegen zu voll. Man hätte natürlich warten können, bis die 14-jährigen um Mitternacht rausgefiltert werden, aber – sie waren so durchgefroren, dass sie keine Lust mehr hatten. Das ist scheiße. Aber jeder steht irgendwann mal vorm Utopia und kommt nicht rein. Das ist Teil der Magie dieser Dorf-Disco.

Am darauffolgenden Nachmittag, fröhlicher Gesang und lachende Teenager auf dem Flur. Es gibt wieder was zu erzählen. Die drin-Gewesenen tauschen auf allen Kanälen Geschichten mit den draußen-Gestandenen. Das Mutterherz bekommt eine Ahnung davon, was gefehlt hat, in den letzten zwei Jahren. Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen möchte.


De Omma muss zum Arzt. Um elf klingele ich an ihrer Tür. Die wird sofort und schwungvoll geöffnet. De Omma hat die Jacke schon an, die Handtasche über der Schulter und wirkt ziemlich durch den Wind. Was denn los ist, frage ich. Sie dachte ich komme ich nicht. „Wir hatten doch gesagt, wir fahren um halb elf.“ Der Termin ist um viertel vor zwölf. Von der Haustür bis zum Parkplatz vor der Arztpraxis brauchen wir zwanzig Minuten. „Nee, Omma, du hattest gesagt, wir fahren um halb elf. Ich hatte gesagt, ich komme um elf. Es ist elf.“ Sie ist schon auf halbem Weg zum Auto. Anschnallen bitte, soviel Zeit ist noch. Ach so ja, anschnallen, ach, das geht eigentlich nicht. Ihre Hände zittern. Doch, doch, geht das. Ich helfe ihr. Sie ist sich ehrlich nicht nicht sicher, ob wir das jetzt zeitlich noch schaffen können. Einatmen, ausatmen. De Omma ist im Kriegszustand, sie macht das nicht mit Absicht. Anstrengend ist es aber trotzdem.


Oh ha, was ist denn da los? Das Scheunentor des Feststalls im Nachbarort ist bis auf halbe Höhe zugestapelt mit, ja mit was eigentlich? Für das ungeschulte Auge sieht es von Weitem so aus, als hätte jemand einen Messihaushalt ausgeräumt. Auf dem Parkplatz stehen Autos. Ach, anscheind nutzt die spontan gegründete Hilforganisation den Raum. Letzte Woche wurde um Spenden gebeten. Zwei hier lebende Ukrainier wollten mit einem Transporter an die Grenze fahren und Sachen für ein Krankenhaus zur Verteilung übergeben. Als ich noch überlegt habe, wir könnten da eigentlich die Orthese hinspenden, die braucht hier hoffentlich nie mehr jemand, da kam eine whattsapp, man habe jetzt Material für vier Transporter und brauche eigentlich noch Fahrer und Fahrzeuge. Diese Woche fahren sie wieder hin.

Die Mengen, die hier „gespendet“ werden, es ist beeindruckend. Gut, bestimmt ist da auch viel brauchbares dabei, aber, wieso das jetzt alles an ukrainische Grenze muss, verstehe ich nicht. Mir persönlich gehen die Bilder von flüchtenden Menschen in der Ukraine nicht näher, als die Bilder von Geflüchteten an der belarussischen Grenze oder im Mittelmeer. Vielleicht freuen sich die Leute einfach, das man mal was tun kann gegen die Apokalypse, außer zu Hause zu bleiben. Vielleicht ist bei mir auch Gewöhnung eingetreten, weil ich jede Woche bei der Omma in der Küche Geschichten vom Krieg höre. Im Edeka lege ich eingekaufte Nudeln und Haribo in den Spendenkorb für die Tafel. Vorsorglich. Nimm das AfD.


In der Schule haben sie jetzt neue Coronatests, mit kleineren Teststäben und die Flüssigkeit ist im Deckel von den Röhrchen mit drin, richtig cool, die besten die es je gab, erzählt das Maikind. „Hä? Du musst dich doch garnicht testen“. Doch, da war einer positiv, deshalb müssen sich diese Woche alle testen. „Ach so“, sage ich. Keine innere Unruhe, kein bodyscan auf Halskratzen oder ähnliches. Mit dem Thema sind wir durch. Das ist schön.

2021 war…

Schnee, Starkregen, ein schöner bunter Herbst

Lockdown, Ausgangssperre, Kontaktbeschränkungen, home schooling, Maskenpflicht, 3G, 2G, 2G+, Coronatests

Blinddarm-OP, Bänderriss, entzündeter Zeh, Schlafstörungen, Impfungen

Ohrwürmer Wir sind das Ruhrgebiet…., ….soon may the Wellerman come to bring us sugar and tea and rum.., BTS

definitiv vielleicht (alles immer unter Coronabedingungen)

Konfirmation, Schulabsschlussfeier, Geburtstage, eine Trauerfeier, Weihnachten, eine Rubinhochzeit