Fluchtgedanke

So dringend musste ich eigentlich gar nicht, aber die Toilette war gerade frei, da habe ich die Chance genutzt. 17 Leute verteilen sich auf Wohnzimmer, Diele und Küche. Für die jüngeren gibt es im hinteren Teil noch ein Zimmer, wo getobt und gespielt werden kann.

Ich setze mich neben den Liebsten auf die Ofenbank. Jeweils ein Erwachsener sitzt noch in einem Sessel und ein großes Kind quetscht sich ganz an den Rand der Couch. Auf dem Rest der Couch wird lautstark ein Lichtschwertkampf ausgetragen. Den Todesstern bekommt man nicht geschenkt. Es wird gesprungen und gerempelt.

Ein Onkel hat bereits darum gebeten, das Gefecht ins Tobezimmer zu verlegen. Die Uroma hat sowohl Darswäida als auch dem Endgegner erklärt, das sie nicht mehr so gut sieht und deshalb bitte gerne verstehen möchte, was die anderen erzählen. Das haben die beiden in keinen Zusammenhang bringen können und wurden ein weiteres Mal freundlich um Ruhe gebeten. Gebracht hat es nichts. Gespräche sind nicht möglich, so lauschen wir einfach der sakralen Weihnachtsmusik, die das Kampfgetümmel untermalt. Hin und wieder tauschen die anwesenden Erwachsenen ein ratlos schmunzelndes Augenrollen. Niemand von uns wird sich trauen, deutlicher zu werden, soviel ist klar. Wir sind ja hier selber nur Gäste und die Erziehungsberechtigten sitzen durchaus in Hörweite. Dann passiert es:

“ R U H E !!“

Sogar am Küchentisch nebenan wird es leise. “ Meine Güte, es muss doch möglich sein, dass Erwachsene Menschen ein Gespräch führen können,“ wird in ganz normalem Ton hinzugefügt. Darswäida und der Endgegner verschwinden wortlos in der Küche. Ich nutze den Moment um die festliche Musik auf nahezu unhörbar runterzuregeln. Schlagartig hat sich die Atmosphäre entspannt und ich setze mich neben Käthe.

„Das haste gut gemacht,“ raune ich ihr zu, „ich hab mich nicht getraut“. Ach was, Käthe winkt ab, bei ihr wird sich niemand beschweren. Und selbst wenn, sie grinst mich verschmitzt an, „Im nächsten Jahr feiere ich eh nicht mit.“ „Meinste? Ich würde sagen die Chance ist fünfzig/fünfzig.“ Im nächsten Frühjahr wird sie hundert.

Ach, sie habe es ja im Guten versucht. „Das hab ich gesehen“, beruhige ich sie. Dann hatte sie gedacht, sie geht einfach nach oben und setzt sich ganz in Ruhe in ihren Sessel. Sie zeigt auf den Rollator. Mit dem sperrigen Ding komme man leider nicht gut voran zwischen so vielen Leuten. In der Diele ist sie von ihrer Tochter erwischt worden. Zum Glück noch auf Höhe der Gästetoilette, da hat die gesagt, sie wolle aufs Klo. Sie musste ja eigentlich nicht, aber die Treppe hoch soll sie nicht alleine und da brauchte sie schnell eine Ausrede. Tja, und nun sitzt sie wieder hier im Sessel.

Die anderen unterhalten sich jetzt auch alle. Käthe lauscht ein bißchen den Gesprächen. „Es wundert mich, das ich so alt geworden bin, weißt du, das sah eine ganze Weile nicht danach aus.“ Es folgt eine Geschichte von einer Bombennacht im Keller. Von jemandem der es selbst erlebt hat klingt es anders als im Fernsehen und ich muss schlucken.

Aber das ist lange her und Käthe kann schnell wieder umschalten. Fröhlich verabschiedet sie die Familie der Lichtschwertkämpfer. Man möge es ihr nicht übel nehmen, das Alter, die Anstrengung der Festtage… Ach was, das wäre kein Problem. Nur, er selbst fände es gut, wenn die Kinder laut sind und toben, sagt der Erziehungsberechtigte. Denn das sind sie nur, wenn sie sich wohl fühlen.

Alle anderen fühlen sich durchaus auch bei Zimmerlautstärke wohl, und lassen den Tag in gemütlicher Runde ausklingen.

Winterzeit

Ich habe mich entschieden. Wenn die Zeitumstellung abgeschafft wird, möchte ich die Winterzeit behalten. Mein Hirn hatte die Frage bisher so verstanden: „Was ist dir lieber: Eis essen am See – oder Eisbrocken wegräumen in der Auffahrt?“ Deshalb hatte ich eine Tendenz zur Sommerzeit, aber ich lag falsch.

Die Zeit kurz vor den Weihnachtsferien ist ähnlich anstrengend wie die kurz vor den Sommerferien. Es werden viele Arbeiten geschrieben und es muss einiges gefeiert werden. Während wir uns im Juni jeden Morgen irgendwie in den Tag hineingewurschtelt haben, läuft das 7 Uhr Chaos im Moment sehr routiniert. Ich denke, das Geheimnis ist Schlaf. Wenn es abends um halb fünf schon dunkel wird, ist sogar die kleine Eule um 22 Uhr im Bett. Schlaf hilft gegen Müdigkeit.

Alle Jahre wieder

Im letzten Jahr hat mich der Advent geschafft. Für dieses Jahr hatte ich den Vorsatz, es nicht wieder so weit kommen zu lassen. Das klappt bis jetzt ganz gut. Grundsätzlich habe ich das vorweihnachtliche Gedanken lesen eingestellt. Wünsche und Erwartungen müssen kommuniziert werden. Wenn auf Nachfragen dann nur mit „murmelmurmelwasauchimmer“ geantwortet wird, machen wir das genau so, ohne noch dreimal nachzufragen. Das entlastet enorm, also mich. Der Liebste begegnet den anfallenden Adventlichkeiten eh mit einem lässigen „muss ich meine Frau fragen“.

Die Veranstaltung „Heilig Abend ohne Alkohol“ kam im letzten Jahr so gut an, dass es dieses Jahr ein Upgrade auf „Heilig Abend ohne essen“ gab. Ist völlig in Ordnung, muss sich halt nur mal jemand trauen, dass auch zu sagen. Dann kann ich damit arbeiten.

Herstellung von Kindheitserinnerungen

Aus strategischen Gründen haben sich die Nikoläuse für unseren Ortsteil entschieden. Mehr Häuser als der eine Nachbarort, aber weniger Kinder als der andere. Abends um halb neun saßen fünf klatschnasse Nikoläuse in überzuckerter Glückseligkeit bei uns vorm Ofen und aßen Salamibrötchen. Vier Stunden dauert es also, an jeder Haustür ein Gedicht aufzusagen, wurde mit leicht heiseren Stimmen zusammengefasst. Aber es hat sich so was von gelohnt.

Ertrag pro Kind
*Werbung, weil Markennamen erkennbar

Sonstiges

Es wurden einige Möbel abgeholt, die seit über neun Jahren bei uns lagerten. Das sie gebraucht wurden freut mich, und der neu gewonnene Platz auf Dachboden auch.

Der Liebste wiegt nur noch minus 3,9kg. Also, auf der Industriewaage an der Arbeit. Da ist ein Tara eingestellt. Eventuell brauchen wir weniger weihnachtliches Gebäck als erwartet.

Meine quietschorange Mütze mit dem Reflektorstreifen, die ich bei Hundespaziergängen in der Dämmerung trage, um nicht versehentlich erschossen zu werden oder so, geht gerade schleichend in den Besitz des Märzkindes über. Weil, ich zitiere “ is eigentlich ganz schick, BillyEllish hat die in grün.“ Wer also modisch ganz vorne mit dabei sein will, diese Saison, die Mützen gibt’s im Baummarkt, bei de Schneeschüppen.

Danksagungen

Danke an die arbeitenden Mütter-Kolleginnen, die zugegeben haben, im Advent auch am Stock zu gehen. Ich fühle mich besser. Und wundere mich trotzdem, wie ihr nach Feierabend aus dem Ärmel schüttelt, womit ich in Vollzeit Mühe habe.

Danke an die Paketboten. Ohne euch müsste ich Parkplätze suchen und in adventliche Kaufhäuser mit schauerlicher Musik gehen.

Danke an Frau Klitschko vom Schulkiosk. Ich hatte bisher keine Ahnung wie viel Ihre Arbeit zum alltäglichen Wohlbefinden beiträgt. Mit dem Lehrermangel haben wir uns arrangiert, aber wenn der Kiosk eine ganze Woche gar nicht öffnen kann, das ist echt übel.

Danke an Lehrer Schmidt und YouTube. Ohne euch hätte ich keinen Term vereinfachen können. Die binomischen Formeln sind mir heute noch genauso unlogisch wie vor 20 Jahren.

Grüße an die verbeamtete Fachlehrkraft, deren Job das eigentlich gewesen wäre. Durch Ihren Unterricht hat das Kind viel über Toleranz und kreative Problemlösungen gelernt.

Sie habens geschafft

Vor ziemlich genau vierzehn Jahren, da war das Märzkind wenige Monate alt, ist uns klar geworden, dass wir eine Generation aufgerückt sind. Das Kind würde älter werden und wir natürlich auch. Sicher würde diese neue Generation einen Weg finden, uns zu schockieren. Mit irgendetwas noch nie dagewesenem. Wir würden am Tisch sitzen und murmelnd mit den Köpfen schütteln. Aber – mal ehrlich – was sollte das sein? Uns ist damals nichts einfallen.

Auf einer Geburtstagsfeier trägt eine vierzehnjährige eine weite kurze Jeans, deren Bund knapp unter dem Rippenbogen endet. Das Tshirt in Überweite hat sie oben in den Hosenbund gesteckt. Komplett, nicht nur auf einer Seite ein bißchen. An den Füßen schwarze dicke Socken in Saunalatschen. Ich finde es gut, dass nicht alle diese Mega-make-up trends mitmachen und klapperdürr sein wollen. Aber diese Mode ist irgendwie auch extrem. Sie bemerkt meine Blicke. Stolz weist sie mich auf ihre neuen Adiletten hin und freut sich sichtlich darüber. Ich bin mir sicher, dass das hier so ein pubertäres Ding ist und in Klamottenfragen bin ich nicht so leicht zu schockieren.

“ Trägt man darin nicht eigentlich weiße Tennissocken?“, scherze ich. Also, ich dachte ich scherze, aber ich werde anscheind ernst genommen.

Naja, räumt sie ein, eigentlich schon. Im kleinen Städtchen seien aber leider keine weißen Tennissocken mehr zu bekommen gewesen. Im Nachbarstädtchen auch nicht, ergänzt ihre Freundin. Da seien sie nämlich extra noch mit dem Zug hin gefahren. Ich bin mir immernoch sicher, das ich vereiert werde.

„Dann fehlt dir aber noch so ein speckiger Hut und vielleicht noch ein Fotoapparat an einem Band um den Hals.“ Neben mir grinst eine Mutter-Kollegin. Die beiden vierzehnjährigen sind völlig aus dem Häuschen: „ja, das wäre geil“

Ich schüttle mit dem Kopf und frage mich, wieso um alles in der Welt, hübsche junge Frauen absichtlich so aussehen wollen, wie Opas auf dem Campingplatz. Ganz leise natürlich.

Und da wird mir klar, es ist soweit. Sie haben es tatsächlich geschafft.

die Toten sind bitte leise

Geplant war eigentlich ein Geländespiel im Dunkeln und eine Nachtwanderung. Ab jetzt ist es improvisiert, aber was solls, es ist ja nicht unsere erste abgesoffene Geburtstagsfeier.

12 Kinder sitzen um den Tisch, zum Teil in Schlafklamotten mit geborgten Strickjacken und ohne Socken, es ist nicht kalt. Und die Stimmung ist überraschend gut. Gerade gab es Pizza im Starkregen. Also, schon unter dem Dach, aber draußen. Nass waren da sowieso schon alle. Den Rest des Abends haben wir in den kleinen Raum, aus dem normalerweise die Getränke verkauft werden, verlegt.

Der angemietete Sportplatz des Nachbardorfes liegt genau zwischen zwei Ortschaften mitten im Wald. Man sieht und hört keine Straßen, nachts wird es dunkel und still. Genau der richtige Ort für eine Zelt-Übernachtungsparty. Die Kerzengläser, die eigentlich für das Geländespiel gedacht waren kommen jetzt in die Tischmitte, das elektrische Licht wird gelöscht.

Wir spielen Werwolf* (*Werbung, wahrscheinlich, wurde selbst gekauft)

Jeder bekommt eine Karte schaut sie heimlich an und legt sie vor sich auf den Tisch. Es gibt einen Spielleiter, der macht die Ansagen.

Die Nacht bricht an, alle Dorfbewohner schlafen. – Alle Spieler schließen die Augen. Es gibt Dorfbewohner und Werwölfe, eine Hexe und einen Amor. Die Werwölfe kommen während der Nacht und „töten“ einen Dorfbewohner. Wer die Hexe gezogen hat, hat die Macht einmal zu heilen, also jemanden von den Toten zu erwecken, und einmal zu vergiften, also jemanden aus dem Spiel zu nehmen. Der Amor kann zwei Leute miteinander verlieben. Verliebte sterben gemeinsam. Egal zu welchem Team sie gehören. Am Ende des Spiels sind entweder alle Werwölfe enttarnt oder alle Dorfbewohner gefressen. Das jeweils andere Team hat dann gewonnen. Jeder kennt nur seine eigene Karte.

Der Spielleiter weckt Amor. Er erwählt zwei die ab jetzt verliebt sind. Alles ist auf einmal sehr leise. Amor schläft wieder, die Verliebten erkennen sich. Lautlos natürlich, sie werden nur angetippt, schauen sich kurz an,und zeigen sich gegenseitig ihre Spielkarten. Dann erwachen die Werwölfe und wählen ihr Opfer, natürlich ohne Worte, dann schlafen sie wieder ein. Die Hexe erwacht und bekommt das Opfer der Nacht gezeigt. Sie kann einen Trank anwenden, oder beide oder keinen.

Das Dorf erwacht, alle bis auf einen. Jetzt muss ein Schuldiger gefunden werden. Bei Tageslicht sind alle Mitspieler Dorfbewohner und können sich nach Lust und Laune gegenseitig beschuldigen. Irgendwer wird rausgewählt. Die „Toten“ müssen dann ab jetzt zugucken, dürfen aber garnichts sagen, und auch nicht kichern, noch nicht mal, wenn Leute verliebt werden. Es kommt zu herrlichen Dialogen und erste Spielrunde ist schnell zu Ende. „Hä, wieso lebt Lars noch, wir ha….a…Mist“

Jetzt haben alle verstanden, dass man hier durchaus Sachen erfinden darf. Die Geschichten, die sie versuchen, sich gegenseitig anzuhängen werden immer abenteuerlicher. Mittlerweile ist es echt warm, von den vielen Kerzen. Der Liebste öffnet das Fenster, und macht irgendwas auf dem Handy.

Marie ist sich sicher, dass sie gestern Abend gesehen hat wie Fritzi den Mond anheult. Fritzi wird „abgemurkst“ und es wird wieder Nacht im Dorf. Alle schließen die Augen und horchen ganz angestrengt auf irgendwelche Bewegungen. Draußen regnet es ziemlich heftig, man hört den Wind im Wald und, ganz leise, heult ein Wolf. Obwohl natürlich keiner gucken darf schauen sich auf einmal alle an.

„Habt ihr das auch gehört?“

„Alter, war das echt?“

„Werwölfe gibt`s gar nicht in echt. Oder?“

„Nee, Werwölfe nicht, normale Wölfe aber schon.“

Mit einem Grinsen zeige ich auf den Liebsten, bevor der Grusel echt wird „ich glaube das kam von da“.

„Booaaarmannej, jetzt dachte ich aber kurz…“ „Boar, Alter, ich aber auch“

Erleichterung macht sich breit. Nach dem Schreck machen wir eine kleine Spielpause. Wir füllen Chips und Popcorn nach, reichen Getränke rum.

Also eigentlich müsste auch mal jemand zur Toilette, aber so dringend ist es noch nicht. Man könnte ja zusammen… Schnell findet sich eine Gruppe und alle gemeinsam rennen sie brüllend um die dunkle Ecke auf die andere Seite des Gebäudes – nur zur Sicherheit.

umdrehen und schütteln

Die vorvorletzte Amtshandlung dieses Schuljahres: Alle Taschen und Beutel in der Ranzenecke einmal bis auf den Grund entleeren.

In diesem Jahr, nichts vergorenes, verschimmeltes oder mumifiziertes gefunden. Ich bin sehr stolz. Außerdem muss ich keine neue Fahrkarte beantragen und einen neuen Füller braucht es auch nicht, wenn denn der alte wieder da ist.

Jetzt nur noch dran denken, dass irgendwer die Zeugnisse unterschreiben muss und die Brotdosen von heute heute aus den Ranzen nehmen. Dann wird hier der Bullerbü-Modus aktiviert.

Schuljahr 2018/2019 – geschafft!

Dekoration

Immer kurz vor Ostern findet hier die „Aktion saubere Landschaft“ statt. Entlang der Fusswege rund um den Ort wird alles aufgesammelt, was da nicht hingehört. Jeder Einwohner ist eingeladen, sich daran zu beteiligen. Alter und Vereinszugehörigkeit spielt dabei Rolle. Man staunt jedesmal wieder, was dabei so alles gefunden wird.

In diesem Jahr ist die Beteiligung recht gering, was auch kein Wunder ist. Es ist saukalt. Nach etwa anderhalb Stunden wird abgebrochen. Aus ein bisschen Schneegriesel ist mittlerweile echtes Schneetreiben geworden, und man sieht den ganzen Schitt eh nicht mehr. Der Abschluss war eigentlich in der Grillhütte geplant, wurde aber spontan in den Vereinsraum der Schützen verlegt, weil, der hat Wände.

Das letzte Mal, als ich in dem Raum war, war darin die Bastelstation irgendeiner Festlichkeit untergebracht. 20 Kinder haben Flitterkram auf irgendwas draufgeklebt. Heute sieht es hier anders aus. Schützen sind ja überwiegend männlich. Entsprechend funktional ist die Einrichtung. Es gibt eine Theke mit drei Barhockern davor, eine Musikanlage und einen langen Tisch mit Stühlen drum. Drei Wände sind in Rauhfaser weiß, eine in Spanplattenoptik. Die Wanddekoration beschränkt sich auf eine Dartsscheibe und den Kalender eines Werkzeuglieferanten.

“ Oh dürfen wir? Dürfen wir? Dürfen wir? Dürfen wir?“ die Kinder deuten auf die Darts Scheibe.

„Joo, ich guck mal was noch an Pfeilen da ist“ der Mann mit dem Schlüssel verschwindet kurz und händigt dann die Pfeile aus.Die Übernachtungsgästin des Julikinds beginnt ein Spiel mit ihrem Klassenkameraden. Gleich beim ersten Versuch landen ihre drei Pfeile ziemlich mittig. Ich staune. Die Pfeile ihres Mitspielers sind alle auf dem Boden gelandet und schnell aufgehoben. Sie steht unter der Scheibe und reckt sich. „Ähm, kannste mal?“ Ja sicher, ich komme schon. Während ich die Pfeile aus der Scheibe ziehe bemerkt sie den Kalender, der daneben hängt.

Miss April trägt eine sehr kurze Hose und kein Oberteil.

„Alter, für was braucht man denn sooo große Busen?“, fragt die Übernachtungsgästin ehrlich interessiert.

“ Na fürs Foto“, antworte ich, „sie ist ja Fotomodell von Beruf, das sieht man doch“. Ich kann nur hoffen, dass das als Erklärung durchgeht.

Ihr Spielpartner hat das Bild jetzt auch wahrgenommen und kommt dazu. Letzen Herbst hat er mir beim Holzstapeln geholfen. Das einzige Kind, bei dem ich keine Angst hatte, dass es versehentlich unter dem selbstgestapelten Holz verschüttet wird. Er kennt sich aus mit Schwerkraft und ist ganz allgemein technisch interessiert.

„Ich glaube, die sind in echt nicht so groß“, es ist der Tonfall eines Handwerkers, der überlegt, wo denn wohl die Leitungen lang laufen, „das sieht nur so aus, weil die die Hände hinterm Kopf hat“. Zur Verdeutlichung legt er eine Hand in den Nacken und drückt die Brust raus.

Währenddessen ist ein weiterer Junge dazu gekommen. Er beobachtet die Vorstellung einen Moment, beißt von seiner Bratwurst ab und kommentiert dann mit vollem Mund. „Die müsste sich mal lieber die Hose zumachen, die rutscht ja schon.“ Die drei denken einen Moment schweigend. Dann flüstert der mit der Bratwurst verschwörerisch: “ Wollen wir uns heimlich einfach noch ein duplo nehmen?“

Ich unterdrücke mit Mühe ein Schmunzeln. Hätte nicht gedacht, dass ich so leicht aus der Nummer rauskomme. Es ist doch wirklich angenehm, dass noch nicht alle Pubertät haben.



Klimastreik

Wir sind ein Haushalt mit Hobbyimkerei. Da guckt man anders auf die Wiesen und Felder. Und man merkt, es gibt Probleme. Wenn Imker das Thema auf den Tisch bringen, sieht es schnell so aus, als gehe es um den eigenen Vorteil : keine Blüten, kein Honig, keine Euros, so die Vermutung. Das stimmt zum Teil. Aber leider haben die kleinen Krabbelviecher sonst keine Lobby. Sie sind nicht niedlich und meistens da, wo man sie nicht haben will. Dass man nicht mehr bei jedem Tanken die Scheinwerfer von kleinen Kadavern befreien muss, ist auch ganz angenehm. Wer vermisst die schon? Na gut, vielleicht die Vögel, oder die Fledermäuse, oder die Spinnen…

Das Maikind interessiert sich für Astronomie. Er ist zu der Erkenntnis gekommen: „So groß ist die Erde eigentlich gar nicht, und irgendwie hängt alles zusammen. Und das mit dem Auswandern auf einen anderen Planeten, das ist Quatsch. Ohne Erde würde das nicht funktionieren.“

Wir reisen also zur nächstgelegenen Klimademo, um unseren örtlichen Planeten zu unterstützen.

und wir malen sogar ein Schild

„Und jetzt?“, fragen mich die Kinder, als wir aus dem Zug aussteigen.

„Jetzt die Treppe hoch, dann sehen wir weiter“, antworte ich.

„Oh, wollten Sie bis zur Holländischen Straße?“ spricht uns ein älterer Herr an. “ Der Zug hat jetzt Pause, da ist alles gesperrt für die nächste halbe Stunde. Aber es gibt einen Bus, wenn Sie es eilig haben, das müsste die Linie…“

„Nee, wir sind wegen der Klimademo hier. Die geht am Bahnhof los, ich denke, die werden wir finden“, ich bedanke mich, das war nett, und gehe weiter. Der Mann geht mit uns. Wir haben ja die gleiche Richtung.

„Ach“, sagt er, „davon habe ich gehört“. Er guckt nachdenklich. Ich wappne mich für irgendeinen blöden Kommentar und werde überrascht.

Es sei ihm auch schon aufgefallen, mit dem Müll, sagt er. Dabei macht er eine Geste so über die Schienen hinweg. Früher war das nicht so viel und schön sei das nun wirklich nicht.

Er guckt wieder nachdenklich und als wir die Treppe schon halb oben sind sagt er „Wissen Sie, wenn man so alt ist wie ich, dann denkt man sich „was soll man da jetzt noch machen?““. Wir betreten die Bahnhofshalle. „Aber“ er sieht mich zum ersten Mal an, „Sie sind ja noch jung. Und die Kinder, die haben völlig recht.“

Auf dem Klavier, das da einfach so steht, spielen zwei junge Männer gerade etwas vierhändig. Es klingt toll hier in dem weiten Raum. Alle bleiben einen Moment stehen und lauschen einfach. Dann bemerkt der Mann das Meer aus Regenschirmen vor dem Bahnhofsgebäude und zeigt darauf. „Da haben Sie sie doch schon gefunden“ , und im Gehen sagt er zu den Kindern “ ihr macht das schon richtig, find ich gut. Und Ihnen auch viel Spaß“.

Fröhlich lächelnt verschwindet er im Drogeriemarkt. Ich glaube, für die Länge eines Klavierstücks hat er mit demonstriert. Dem Maikind ist das auch aufgefallen. “ Ich glaube, der denkt jetzt nach“, kommentiert er und guckt auch ganz fröhlich.

Es hat sich schon gelohnt. Und am Ende des Vormittags sind wir erstaunt, wie viele Leute da waren. Wenn jetzt jeder da anfängt, wo er ist, mit dem was er hat, dann kriegen wir das gewuppt.