Anfang September

In normalen Zeiten wäre es einfach ein „FauchiBauchi“ gewesen, ein Laie hätte drei Tagen Pfefferminztee und Ruhe verordnet, danach wäre es wieder gegangen. Nicht so richtig gut, aber gut genug. Jetzt, muss es aber richtig gut gehen, damit das Maikind wieder zur Schule kann. Er bleibt also die ganze Woche zu Hause, mit Attest.

Da ja noch zwei Geschwisterkinder auf die gleiche Schule gehen, sollte es kein Problem sein, Bücher und Arbeitsblätter nach Hause zu bekommen, dachte ich. Der Klassenkamerad, der das übernehmen wollen würde, darf allerdings keinesfalls die Bücher eines Mitschülers berühren. Selbst wenn er sie rausschmuggeln könnt, gäbe es ein Problem mit der Übergabe. Die Geschwister des Maikinds gehen in andere Jahrgangsstufen und haben deswegen andere Pausenhofabteile. Einfach so bei einer anderen Klasse vorbeigehen soll man nicht, macht ja alles Sinn, theoretisch. Blöderweise ist der Klassenkamerad männlich und fährt mit einer anderen Buslinie, Bus und Toilette sind also keine geeigneten Übergabeorte.

Der Klassenkamerad schickt Fotos von seinen eigenen Schulbüchern, über sein privates Internet.

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Ein Elternabend wird angekündigt. Da muss ich doch beim Lesen schon schmunzeln. Punkt drei der Tagesordnung: Ablauf des online Unterrichts. Nach meiner Erfahrung gibt es da zwei Möglichkeiten. Läuft oder läuft nicht.

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Die Adventszeit hat begonnen, sagt der Einzelhandel. Nach vereinzelten Spritzgebäck und Spekulatius Sichtungen in der letzten Woche ist endlich das volle Sortiment eingetroffen. Ich laufe routiniert drumrum.

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Lebensmitteleinkauf diese Woche zweimal in klein, weil ich eh auf dem Weg war, und einmal etwas größer. In der Nachbargemeinde geht das erfreulich schnell, da kaufen hauptsächlich Camper ein, die brauchen nicht viel. Auf dem Rückweg werde ich ungewollt Teil einer Hochzeit. Der Autokorso wird angeführt von einem großen Traktor, den man auf der kurvigen Strecke durch den Wald nicht überholen kann. 10 km bei 30km/h.

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Abends um neun ist es schon dunkel, ich möge bitte auf die andere Seite der Turnhalle kommen, sagt das Märzkind, da gibt es eine Laterne und der Weg ist in diese Richtung viel weniger gruselig.

Weil es nicht nur dunkel sondern auch kühl ist, mache ich im Auto die Filmmusik vom Grinch an. „Dein Ernst?“ , werde ich begrüßt. Nee, natürlich nicht. Aber vielleicht ist es das einzige mal, das ich Lust auf Weihnachtslieder habe, dieses Jahr. 300m weiter wird fröhlich mitgesungen, als wir durch den Nachbarort kommen, fragen wir uns, ob die denn ihr Bushäuschen dieses Jahr gar nicht schmücken wollen. Wobei, ein bisschen Zeit ist ja noch…

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Erinnerung an eine Kehlkopfentzündung, kein Gesang mehr, diese Woche.

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Das Märzkind plant, später nach Hause zu kommen. Sie würden einfach laufen. Der Weg an der Straße lang… Also, mir wäre lieber, ihr geht durch den Wald, sage ich. An der Straße lang, da weißte nie, wer da angetrunken nach Hause fährt…außerdem ist der Weg 6km kürzer. Als ich ihr eine Taschenlampe mitgeben will guckt sie mich fragend an. Ist doch noch fast Vollmond.

Dorfkind.

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Ich habe ein Schnitzelbuffet bestellt, für 13 Uhr, am 16.Mai. Details besprechen wir dann im Januar, hat die Frau vom Catering gesagt.

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25 Nachrichten in einer Whatsappgruppe mit dem Titel „Festausschuss“.

Hä? Die Festhalle ist am Freitag vor den Sommerferien schon vermietet, erfahre ich, es muss Ersatz gefunden werden. Aha.

Es geht um die Schulabschlussfeier des Märzkindes, reime ich mir zusammen. Hatte ich nicht kürzlich erst den ganzen Abend Glitzersteine und Federn an eine Feen- Schultüte geklebt?

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An der Schule in der Nachbargemeinde, die letzte Woche geschlossen war, sind drei Kinder positiv auf Covid19 getestet worden. Das ist irgendwie blöd, da hätte ich gerne mehr Infos gehabt, oder weniger.

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Uns erreichen Grüße aus dem Krankenhaus, die spektakuläre Geschichte der letzten Woche ist den Umständen entsprechend gut ausgegangen.

Sommer

Morgens um 10 ist es fast schon zu warm zum spazieren gehen. Mitten auf dem Waldweg frühstückt ein junges Reh (Sind das Mitte August noch Kitze? Ich weiß es nicht.) Dass der Hund so gar keinen Jagdtrieb hat, ist doch wirklich angenehm. Ich bleibe stehen und beobachte. Ein Vogel meldet Besucher im Wald, das Reh schaut in unsere Richtung, der Hund und ich stehen still, völlig unbeeindruckt frisst es weiter. Ein Flugzeuggeräusch über uns, das Reh schaut sich suchend um, wundert sich, überlegt kurz und frisst weiter. Ich nehme den Hund an die Leine, nicht das er doch noch auf Ideen kommt, und gehe ein paar Schritte weiter. Das Reh wartet kurz, ja, leider wollen wir echt genau da lang. Betont langsam flüchtet es ins Unterholz, als Teeniemutter meint man ein augenrollendes „boooaaarmanneejj“ hören zu können.

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Im Schreibwarenladen der Nachbargemeinde haben sie Collegeblöcke mit dieser Pünktchenlineatur. Die habe ich zuletzt beim Französischaustausch in den 90ern gesehen, hier gab’s die leider nicht. Dann -aus dem Nichts- ein Geistesblitz! In NRW beginnt die Schule eine Woche früher. Das heißt, die ganzen Muddis hier haben den alljährlichen Einkauf des Wahnsinns zu Schulbeginn schon durch, wenn ich los muss. Die Nachbargemeinde ist genauso weit weg wie das Städtchen. Warum zum Geier komme ich da erst jetzt drauf?

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Wir stellen überrascht fest, dass wir vorher noch nie im eigenen Garten gefrühstückt haben. „Es fühlt sich an wie im Urlaub“, sagt das Maikind.

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Das Julikind verbringt einen geschenkten Pferdetag mit Tante und Cousinen. Auf der Rückfahrt erfahre ich, dass frischer Pferdemist doch deutlich mehr wiegt als welcher, der schon eine Weile rumlag, dass man Pferde mit Fingerfarbe anmalen kann, nur nicht da, wo der Sattel hin muss, wie man antrabt und bremst und und und und und und dann schläft das Julikind ein.

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Das Märzkind übernachtet auswärts.

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Ich bringe sechs ungenutzte Kaffeegedecke in die givebox und finde ein Lieblingsbuch, das irgendwann einfach weg war. In einer offensichtlich ungelesenen Orginalausgabe, guter Tausch, ich freu mich. Sicher taucht das abgeschrammelte Taschenbuch im Laufe der Woche wieder auf.

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Eis essen stand noch auf der Ferienliste. Die Eisdiele ist natürlich proppevoll. Die Tische stehen weit auseinander, drei junge Männer sprinten mit Eisbechern hin und her, bei 36°C. Sie sind auffallend freundlich, zu jedem. Im reinlaufen rufen sie der Frau hinter der Eistheke zu, was gebraucht wird. In atemberaubender Geschwindigkeit werden die Bestellungen zusammengebaut und sind wenige Minuten später zeitgleich am richtigen Tisch. Ungewohnt, aber so kann Gastronomie auch sein. Das Märzkind schüttelt den Kopf, „man hat fast den Eindruck, das macht denen Spaß“.

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Die Fussgängerzone war vorher schon kein Schmuckstück. Mit leeren Schaufenstern ist es eine trostlose Gegend.

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Die Schule schickt das neue Regelwerk für den Regelbetrieb. Fünf Tage die Woche für alle mit Nachmittagsunterricht und geöffneter Cafeteria sind geplant. Es gibt ein Hygienekonzept, das liest sich richtig gut. Wenn man allerdings einen Moment länger darüber nachdenkt…. ach was. Der Landkreis hat gerade null Neuinfektionen. Da tun wir einfach mal so, als würden nur Einzelkinder zu Fuss zur Schule kommen, die den ganzen Tag nicht auf Toilette müssen. Läuft.

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Starkregen. Der Liebste stürmt die Haustür rein, reißt die Kellertür auf, flucht und rennt wieder raus. Von oben höre ich ein „Och nee, müssen wir schon wieder den Keller wischen?“ Zum Glück nicht. Aber der liebevoll hingemörtelte Schutzwall steht leider an der völlig falsche Ecke. Das hätte man so nicht für möglich gehalten. Der Liebste verteidigt das Kellerfenster gegen die Flut, mit dem was gerade da ist.

Mann mit Tapeziertisch im Regen, das Bild wurde nicht freigegeben.

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Nach dem Regenguss öffnen wir alle Fenster und freuen uns über die angenehm kühlen 25°C.

Tag 46 bis 48, es regnet

Endlich Regen, vorerst eine Sorge weniger. Der Wald riecht wieder nach Wald, es macht ein Geräusch, wenn der Hund auf die Wiese rennt um die Frisbee zu fangen, weil das Gras auf einmal so lang ist. Die Rapsfelder sind grell gelb und auch nach acht Wochen bringt mich die Fernsicht noch zum Staunen.

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Grundschule läuft. Das Material war etwas anders, weil ja beinah Schule gewesen wäre, aber kein Problem.

Online Unterricht war in der letzten Woche fast genauso blöd wie gar kein Unterricht. Es ist in dieser Form hoffentlich noch in der Findungsphase.

Beim Maikind wollte schon die zweite Woche in Folge eine Mathelehrerin Ergebnisse haben. Sie meldet sich auch mit Korrekturen schnell zurück. In diesem Kurs sitzen normalerweise 31 Kinder. Das wirft natürlich die Frage auf, was aus den anderen Lehrern geworden ist. Die verschollene Englischlehrerin hat von sich aus eine nette mail geschickt. Einige der Informationen hätten mir vier Wochen früher noch mehr geholfen, aber immerhin. Man liegt anscheind gut in der Zeit, weil in diesem Jahr ja sonst nichts mehr stattfinden wird (Klassenfahrt, Sportfest….). Ihr wäre es auch wichtig, dass die Kinder in dieser Situation glücklich sein können, daher erstmal kein Termindruck. Das Kind sagt, am glücklichsten wäre es ganz ohne Englischaufgaben. Wir finden einen Kompromiss. In Deutsch kamen bis jetzt nur zwei umfangreiche Aufgaben. Da auf den ersten, nur zum Teil geschafften Auftrag, bisher keine Reaktion erfolgt ist, wurde die Arbeit am zweiten vorsichtshalber noch nicht angefangen. Die Lehrerin ist normalerweise sehr zuverlässig und organisiert, aber „wenn die tot ist, kontrolliert das doch sonst eh keiner.“ Was soll ich dazu sagen? Der Junge hat recht.

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In der Speisekammer habe ich zwei Gläser Stachelbeeren gefunden, die in 2016 abgelaufen sind. Leider hat die sensorische Überprüfung das bestätigt, es gab Pflaumenkuchen.

Ich dachte, damit sei ich die Königin der Chaoten, aber meine Schwester besitzt eine Dose Erbsen und Möhren, die schon beim Einzug in die Wohnung (vor acht Jahren) abgelaufen war. Ob die schlecht ist, wird man dann sehen. Respekt.

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Zwei Ameisen laufen über die Arbeisplatte neben der Spüle. Es sind immer nur zwei und sie sind sehr klein. Unmöglich zu sagen, woher sie kommen oder was ihre Mission ist. Ich habe sie schon den Abguss runter gespült, mit dem Biomüll rausgetragen und eingesaugt. Ich bleibe dran, die planen doch irgendwas.

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Der Kleiderschrank des Maikindes sah aus… Wir haben ihn einmal komplett ausgeräumt und bei der Aktion direkt alles draußen gelassen, was nicht mehr passt.

„5 Tshirts? Wenn die Läden öffnen müssen wir dann mal einkaufen.“

„Hää? Wieso? Eins ist in der Wäsche, eins liegt im Bad, eins hab ich an, sind doch noch zwei im Schrank.“

Auch gut. Ich nehme mir vor, diese Tshirts einfach immer zu waschen, egal bei welcher Farbe. Mit Maske Klamotten kaufen ist blöd und bestellen geht nicht, weil das Kind gerade keine Normgröße hat.

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Die Mädels finden auf dem Dachboden eine Kiste Klamotten, die alle noch top sind, weil das Märzkind auch so schnell gewachsen ist. Das Julikind freut sich. Der Kleiderschrank wird auch neu sortiert.

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Bei solchen Aktionen altere ich schneller als an Geburtstagen.

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Die Hausarztpraxis hat mich angerufen und um einen Termin gebeten. Seltsam, ich hoffe das heißt nix. Das ist schon der zweite Eintrag im Kalender für Mai.

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Ich schreibe eine Trauerkarte. Es ist schon die zweite Trauerfeier im lockdown. Bei Geburtstagen haben wir mittlerweile eine Routine, da gilt die Parole „alles wird gut“. Worte zu finden, für Leute, die alleine trauern müssen fällt mit schwer.

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Nächste Woche werden wir Möglichkeiten finden, das die Kinder Freunde treffen können. Vielleicht nur einzelne Freunde und nicht so lange und draußen, irgendwie, irgendwo, aber jetzt.

Tag 37 und 38

In Woche 4 kommt das Schulmaterial immernoch ziemlich verpeilt an, ich habe aber mittlerweile mehr Routine.

Das Märzkind zeigt mir völlig entnervt ihre Email. Zwei Sachen kann sie Montag beginnen, vom Zeitaufwand wäre damit die Woche wohl voll. Mittwoch müssen dann Arbeitsblätter in der Schule geholt werden für den ganzen Rest. Das Wochenende wird demnach mit eingeplant, in aller Selbstverständlichkeit. Warum es umgekehrt unzumutbar ist, das kopierte Material bereits am Montag zur Verfügung zu stellen? Ich kann das nicht erklären, beim besten Willen nicht.

Das Maikind besucht eine Kombi-Klasse. Hauptfächer werden getrennt nach Haupt- und Realschule unterrichtet, der Rest gemeinsam, aber mit unterschiedlichem Arbeitsmaterial. Das zu sortieren dauert einen Moment. Ich lache herzlich über das Pensum, das in Englisch vorgesehen ist. Aufgaben für die nächsten drei Woche wurden kommentarlos über den Klassenlehrer geschickt. Die Aufgaben der letzten drei Wochen werden nirgendwo erwähnt. Ich hätte da mal eine Meinung, aber die gute Frau hat weder Telefonnummer noch Email-Adresse bekannt gegeben. Dann ist es vielleicht auch schlicht und ergreifend egal. Ich summe Pippi Langstrumpf.

Grundschule muss ich nur ausdrucken. Diese Woche wird sogar ein Diktat geschrieben, ohne Noten, nur um Übungsmaterial passend zu machen. Was so alles geht, in diesem Internet, wenn denn dann…

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Hausaufgaben, Hausaufgaben, Hausaufgaben, Hausaufgaben

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Gespräche zur Grundschulöffnung nächste Woche, eine Meinung zu haben ist zeitaufwändig, tja, jetzt hab ich nun mal eine

Das neue Konzept wird uns mitgeteilt. Das Julikind ist in einer Gruppe mit allen anderen Buskindern und hat immer von der zweiten bis zur fünften Stunde Unterricht. Die große Pause ist nach der dritten Stunde. Die andere Gruppe besteht aus den Kindern, die zu Fuss zur Schule kommen. Man wird sich nicht begegnen. Zum Glück sind viele Freunde Buskinder. Der Landkreis sagt es wird sowas von krass geputzt im Gebäude. Zu den Bussen äußert sich niemand, aber, na gut, wenn ich mich zusammenreiße kann ich das ignorieren. Dann also wieder Schule, nächste Woche. Ein mulmiges Gefühl bleibt.

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Wir holen Unterrichtsmaterialien. Die Tür ist zu, die Klingel müssen wir kurz suchen. Während wir warten machen wir Virus Witze. Jeder drückt den gleichen Klingelknopf, wir werden alle sterben. Wir werden eingelassen, die Dame sieht, dass ich Kinder dabei habe, die sich auskennen und verschwindet wieder. Im Großgruppenraum hat jede Klasse ihren Tisch. Man nimmt sich, was man braucht und lässt es im Sekretariat kopieren. Das Märzkind muss nur einen Stapel abholen, da war alles vorbereitet. Das Maikind und ich laufen murmelnd an drei Meter Materialien vorbei und stellen fest, dass wir schon alles haben, was wir brauchen. Die Email-Adresse der Englischlehrerin steht in ihrer Mail an den Klassenlehrer. Abfotografiert, ätschibätschi.

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Die Schule schickt eine Mail mit einer geänderten Schulordnung.

Wer hüstelt oder so, bleibt zu Hause.

Hände waschen , Hände waschen, Hände waschen

Maskenpflicht. Die Masken können nicht gestellt werden, weil sie in der kritischen Infrastruktur des Kreises gebraucht werden, dafür haben wir ja sicher Verständnis.

Wer sich mehrfach widersetzt wird ausgeschlossen.

Das ist doch mal ne Drohung.

Abgesagt

Es ist schon ein paar Wochen her, da bekam der Liebste Anweisungen vom Arbeitgeber. Der gesamte Betrieb gehöre ab jetzt zur kritischen Infrastruktur. Sollte er Kontakt mit Corona-infizierten gehabt haben, an sich selbst oder Familienmitgliedern Symptome bemerken, dann… wurden die mittlerweile bekannten Szenarien beschrieben. Es klang so gar nicht nach Panikmache und war genau deshalb ein bisschen unheimlich. Die Nachrichten habe ich ab da etwas aufmerksamer verfolgt.

Ich habe mich gewundert, dass Karneval nicht abgesagt wurde und war beruhigt. Dann gab es eigentlich jeden Tag neues aus Italien, dann aus Frankreich. Mir wurde etwas mulmig. Seitdem bestehe ich darauf, dass sich alle Kinder vor jeder Mahlzeit die Hände mit Seife waschen.

Ich habe ganz normal weiter eingekauft, stand aber öfter vor leeren Regalen. Im Verlauf der Woche begegnen mir verschiedene Supermärkte, statt einen Großeinkauf plus Kleinigkeiten bei Bäcker und Metzger waren es eben drei oder vier kleine Einkäufe. Je nachdem, wo ich Kinder zum Training gebracht habe. Klopapier war immer vergriffen. Kein Problem, wir haben da einen Vorrat. Der hielt allerdings auch nicht ewig. Das Märzkind und ich standen am Donnerstag wieder vor einem komplett leeren Regal und hatten gerade entschieden, dass wir dann nochmal woanders hin müssen. Es war ein seltsames Gefühl, wegen Klopapier in einen zweiten Laden?

Das war er, der Moment, in dem Corona für mich anfing: „Oh Mama, guck mal, da oben“ , voll Freude zeigte das Märzkind auf eine versteckte Reihe Klopapier. Zwischen einer Säule und einem fetten Werbeschild war das wohl übersehen worden. Es waren die kleinen Packungen, doppelte Lauflänge und keine Papphülsen, die sich auf der Fensterbank sammeln, das kauf ich eh am liebsten. Obwohl wir nur eine Packung brauchten, haben wir zwei gekauft. Ich hab es erst gemerkt, als das Mädel, das eine frische Palette Papier rangerollert hat in unseren Wagen guckte und dabei innerlich mit dem Kopf schüttelte. Glaube ich zumindest gesehen zu haben. Die zweite Packung steht jetzt bei mir im Kleiderschrank, so viel Platz ist im Bad ja gar nicht.

Der Freitag war unerwartet aufregend. Vormittags hatte ich im Radio von Schulschließungen gehört. Hessen war da noch nicht dabei. Das Julikind kam mit den Worten, der Ranzen sei sooo schwer die Tür rein. Sie habe alles dabei, falls nächste Woche keine Schule ist. Die beiden großen kamen in gedrückter Stimmung nach Hause. In der sechsten Stunde hatte jeder noch einen Zettel bekommen, wo drauf stand, dass die Schule sich entschlossen habe, alle außerschulischen Aktivitäten abzusagen. Wir haben uns gewundert, denn die Schule ist vergleichsweise klein. Ob man sich jetzt bei den Bundesjugendspielen oder in der Pausenhalle über den Weg läuft, macht doch eigentlich keinen Unterschied. Das Betriebspraktikum wurde abgesagt , der GirlsandBoysday, das Fussballtunier, die Bundesjugendspiele, die Klassenfahrt vom Maikind, zwei Tagesfahrten und ein Radioprojekt vom Julikind, und der Besuch der französischen Austauschschüler.

Es folgte ein ziemliches Gewusel, bis klar war, dass bis zu den Osterferien kein Unterricht mehr stattfindet. Der Ton in den Muttichats war sehr angenehm, was nun wirklich nicht selbstverständlich ist. Die Elternbeiräte und Klassenlehrer haben sich alle schnell und unaufgeregt gekümmert. Morgen holen die großen Kinder ihre Bücher und bekommen Arbeitsaufträge. Ich hoffe, ich behalte den Überblick, ehrlich gesagt graust es mir ein bisschen vor den Hypothenusen und so.

Mittlerweile wurde auch der Theaterabend, bei dem das Märzkind im Hintergrund mitgewirkt hätte abgesagt. Und alle Trainings.

Die Geburtstagsfeier lassen wir nicht ausfallen. Wir organisieren das so, dass die Hochbetagten und Vorerkrankten die Möglichkeit haben, den Schulkindern nicht zu begegnen.

Den Rest werden wir sehen. Es ist die Gelegenheit, den „zu erledigen“ Stapel in Angriff zu nehmen. Obwohl, das Wetter soll schön werden und der Wald hat noch geöffnet.

Februar 2020, Halbzeit

Die Skifreizeit des Märzkindes habe ich genossen. Wir sind uns vorher ziemlich auf die Nerven gegangen. Nicht mit Absicht natürlich, im Moment ist es halt einfach manchmal so. Eine Woche Pause hat uns beiden gut getan. Sie fand es ganz toll und ist innerlich gewachsen in den paar Tagen. Jetzt geht’s wieder, das ist schön.

Kein Winter in Sicht, dadurch auch keine Skigäste in der Ferienwohnung.

Das war gut, denn ich hab mir gleich Anfang des Monats den Finger irgendwie angeknackst. Ein Kind ist von der Sofalehne in einem ungünstigen Winkel an mir vorbeigekullert. Durch den Schmerz in der Hand hat sich mein ansonsten routinierter Bewegungsablauf beim Betten beziehen anscheind verändert. Jedenfalls habe ich mir auch noch den Fuss am Bettpfosten gestoßen. Aber so richtig, arbeiten war nur im Energiesparmodus mit Unterstützung von Diclofenac möglich. Dann folgten drei Tage Schnupfen. Als ich kurz davor war einen Testamentvordruck auszufüllen, ist alles gleichzeitig besser geworden.

Ich hatte einen Berg liegen gebliebener Hausarbeit abzutragen. Dabei habe die Schneemänner mit auf den Dachboden genommen. Für Frühling schien es mir zu früh, so ist eine sparsame Übergangsdeko entstanden. Wegen Sturmwarnung, Blackoutgefahr und angeschlagenem Fuss hab ich die Streichhölzer gleich dazugelegt.

Die Zeugnisse waren besser als erwartet, darüber haben wir uns gefreut.

Der Liebste hatte ein Wochenende voll ehrenamtlicher „Arbeit“ bei einer Karnevals- und einer Superbowl Veranstaltung. Ich habe ein schönes Buch gelesen und einen schönen Film gesehen.

Das Märzkind war zum ersten Mal abends weg.

Möglicherweise haben wir am Natomanöver teilgenommen. Bei einem vormittäglichen Hundespaziergang im Nachbarort kreisten zwei Bundeswehrhubschrauber ziemlich tief über uns. Längere Zeit. Auf dem Heimweg flogen sie dann noch tiefer und auf unser Auto zu, mit geöffneter Seitentür. Ich weiß jetzt, warum die Viehherden auf Filmaufnahmen von oben immer weglaufen aber der Liebste fand’s toll. „Nutzen die mein Auto für Peilübungen? Wie geil ist das denn?“

Das Maikind kommt erkennbar müder nach Hause. Chaoslevel und Lautstärke in der Klasse haben sich erhöht.

Der Betreiber der Schulkantine hat gewechselt. Das Mittagessen ist deutlich leckerer, wurde mir berichtet. Außerdem wurde das Sortiment erweitert, es sieht aus, wie in einem Süßigkeitenladen. Pizza gibt’s jetzt in jeder großen Pause. Eistee kostet zwei Euro, das erscheint einem viel, aber, hej, ne kleine Flasche Wasser kostet ja auch eins fünfzig, das waren vorher achtzig Cent, und so gesehen. Finde den Fehler. Fun fact am Rande: In der Grundschule wird derzeit eine AG „gesunde Ernährung “ angeboten.

Der Hund war drei Tage durch den Wind, im wahrsten Sinne des Wortes. Orkantief Sabine hat uns beschäftigt. Es gab einen Tag schulfrei. Wir haben die Meerschweinchen evakuiert und den Garten aufgeräumt. Das Gewächshaus steht aber noch, und auch sonst ist nichts kaputt gegangen. Im Gedächtnis wird wohl nur ein Hundespaziergang der Kategorie „echt richtig windig“ bleiben. Der war witzig.

Ansonsten habe ich über meine politische Meinung nachgedacht. Als asthmatische Dieselfahrerin, verheiratet mit einem Imker der IGBCE Mitglied ist, bin ich moralisch flexibel und fühlte mich in der politischen Mitte wohl. Mit Blick auf Thüringen habe ich festgestellt, wenn das die Mitte ist, dann bin ich wohl doch linker als ich dachte.

Fluchtgedanke

So dringend musste ich eigentlich gar nicht, aber die Toilette war gerade frei, da habe ich die Chance genutzt. 17 Leute verteilen sich auf Wohnzimmer, Diele und Küche. Für die jüngeren gibt es im hinteren Teil noch ein Zimmer, wo getobt und gespielt werden kann.

Ich setze mich neben den Liebsten auf die Ofenbank. Jeweils ein Erwachsener sitzt noch in einem Sessel und ein großes Kind quetscht sich ganz an den Rand der Couch. Auf dem Rest der Couch wird lautstark ein Lichtschwertkampf ausgetragen. Den Todesstern bekommt man nicht geschenkt. Es wird gesprungen und gerempelt.

Ein Onkel hat bereits darum gebeten, das Gefecht ins Tobezimmer zu verlegen. Die Uroma hat sowohl Darswäida als auch dem Endgegner erklärt, das sie nicht mehr so gut sieht und deshalb bitte gerne verstehen möchte, was die anderen erzählen. Das haben die beiden in keinen Zusammenhang bringen können und wurden ein weiteres Mal freundlich um Ruhe gebeten. Gebracht hat es nichts. Gespräche sind nicht möglich, so lauschen wir einfach der sakralen Weihnachtsmusik, die das Kampfgetümmel untermalt. Hin und wieder tauschen die anwesenden Erwachsenen ein ratlos schmunzelndes Augenrollen. Niemand von uns wird sich trauen, deutlicher zu werden, soviel ist klar. Wir sind ja hier selber nur Gäste und die Erziehungsberechtigten sitzen durchaus in Hörweite. Dann passiert es:

“ R U H E !!“

Sogar am Küchentisch nebenan wird es leise. “ Meine Güte, es muss doch möglich sein, dass Erwachsene Menschen ein Gespräch führen können,“ wird in ganz normalem Ton hinzugefügt. Darswäida und der Endgegner verschwinden wortlos in der Küche. Ich nutze den Moment um die festliche Musik auf nahezu unhörbar runterzuregeln. Schlagartig hat sich die Atmosphäre entspannt und ich setze mich neben Käthe.

„Das haste gut gemacht,“ raune ich ihr zu, „ich hab mich nicht getraut“. Ach was, Käthe winkt ab, bei ihr wird sich niemand beschweren. Und selbst wenn, sie grinst mich verschmitzt an, „Im nächsten Jahr feiere ich eh nicht mit.“ „Meinste? Ich würde sagen die Chance ist fünfzig/fünfzig.“ Im nächsten Frühjahr wird sie hundert.

Ach, sie habe es ja im Guten versucht. „Das hab ich gesehen“, beruhige ich sie. Dann hatte sie gedacht, sie geht einfach nach oben und setzt sich ganz in Ruhe in ihren Sessel. Sie zeigt auf den Rollator. Mit dem sperrigen Ding komme man leider nicht gut voran zwischen so vielen Leuten. In der Diele ist sie von ihrer Tochter erwischt worden. Zum Glück noch auf Höhe der Gästetoilette, da hat die gesagt, sie wolle aufs Klo. Sie musste ja eigentlich nicht, aber die Treppe hoch soll sie nicht alleine und da brauchte sie schnell eine Ausrede. Tja, und nun sitzt sie wieder hier im Sessel.

Die anderen unterhalten sich jetzt auch alle. Käthe lauscht ein bißchen den Gesprächen. „Es wundert mich, das ich so alt geworden bin, weißt du, das sah eine ganze Weile nicht danach aus.“ Es folgt eine Geschichte von einer Bombennacht im Keller. Von jemandem der es selbst erlebt hat klingt es anders als im Fernsehen und ich muss schlucken.

Aber das ist lange her und Käthe kann schnell wieder umschalten. Fröhlich verabschiedet sie die Familie der Lichtschwertkämpfer. Man möge es ihr nicht übel nehmen, das Alter, die Anstrengung der Festtage… Ach was, das wäre kein Problem. Nur, er selbst fände es gut, wenn die Kinder laut sind und toben, sagt der Erziehungsberechtigte. Denn das sind sie nur, wenn sie sich wohl fühlen.

Alle anderen fühlen sich durchaus auch bei Zimmerlautstärke wohl, und lassen den Tag in gemütlicher Runde ausklingen.

Winterzeit

Ich habe mich entschieden. Wenn die Zeitumstellung abgeschafft wird, möchte ich die Winterzeit behalten. Mein Hirn hatte die Frage bisher so verstanden: „Was ist dir lieber: Eis essen am See – oder Eisbrocken wegräumen in der Auffahrt?“ Deshalb hatte ich eine Tendenz zur Sommerzeit, aber ich lag falsch.

Die Zeit kurz vor den Weihnachtsferien ist ähnlich anstrengend wie die kurz vor den Sommerferien. Es werden viele Arbeiten geschrieben und es muss einiges gefeiert werden. Während wir uns im Juni jeden Morgen irgendwie in den Tag hineingewurschtelt haben, läuft das 7 Uhr Chaos im Moment sehr routiniert. Ich denke, das Geheimnis ist Schlaf. Wenn es abends um halb fünf schon dunkel wird, ist sogar die kleine Eule um 22 Uhr im Bett. Schlaf hilft gegen Müdigkeit.

Alle Jahre wieder

Im letzten Jahr hat mich der Advent geschafft. Für dieses Jahr hatte ich den Vorsatz, es nicht wieder so weit kommen zu lassen. Das klappt bis jetzt ganz gut. Grundsätzlich habe ich das vorweihnachtliche Gedanken lesen eingestellt. Wünsche und Erwartungen müssen kommuniziert werden. Wenn auf Nachfragen dann nur mit „murmelmurmelwasauchimmer“ geantwortet wird, machen wir das genau so, ohne noch dreimal nachzufragen. Das entlastet enorm, also mich. Der Liebste begegnet den anfallenden Adventlichkeiten eh mit einem lässigen „muss ich meine Frau fragen“.

Die Veranstaltung „Heilig Abend ohne Alkohol“ kam im letzten Jahr so gut an, dass es dieses Jahr ein Upgrade auf „Heilig Abend ohne essen“ gab. Ist völlig in Ordnung, muss sich halt nur mal jemand trauen, dass auch zu sagen. Dann kann ich damit arbeiten.

Herstellung von Kindheitserinnerungen

Aus strategischen Gründen haben sich die Nikoläuse für unseren Ortsteil entschieden. Mehr Häuser als der eine Nachbarort, aber weniger Kinder als der andere. Abends um halb neun saßen fünf klatschnasse Nikoläuse in überzuckerter Glückseligkeit bei uns vorm Ofen und aßen Salamibrötchen. Vier Stunden dauert es also, an jeder Haustür ein Gedicht aufzusagen, wurde mit leicht heiseren Stimmen zusammengefasst. Aber es hat sich so was von gelohnt.

Ertrag pro Kind
*Werbung, weil Markennamen erkennbar

Sonstiges

Es wurden einige Möbel abgeholt, die seit über neun Jahren bei uns lagerten. Das sie gebraucht wurden freut mich, und der neu gewonnene Platz auf Dachboden auch.

Der Liebste wiegt nur noch minus 3,9kg. Also, auf der Industriewaage an der Arbeit. Da ist ein Tara eingestellt. Eventuell brauchen wir weniger weihnachtliches Gebäck als erwartet.

Meine quietschorange Mütze mit dem Reflektorstreifen, die ich bei Hundespaziergängen in der Dämmerung trage, um nicht versehentlich erschossen zu werden oder so, geht gerade schleichend in den Besitz des Märzkindes über. Weil, ich zitiere “ is eigentlich ganz schick, BillyEllish hat die in grün.“ Wer also modisch ganz vorne mit dabei sein will, diese Saison, die Mützen gibt’s im Baummarkt, bei de Schneeschüppen.

Danksagungen

Danke an die arbeitenden Mütter-Kolleginnen, die zugegeben haben, im Advent auch am Stock zu gehen. Ich fühle mich besser. Und wundere mich trotzdem, wie ihr nach Feierabend aus dem Ärmel schüttelt, womit ich in Vollzeit Mühe habe.

Danke an die Paketboten. Ohne euch müsste ich Parkplätze suchen und in adventliche Kaufhäuser mit schauerlicher Musik gehen.

Danke an Frau Klitschko vom Schulkiosk. Ich hatte bisher keine Ahnung wie viel Ihre Arbeit zum alltäglichen Wohlbefinden beiträgt. Mit dem Lehrermangel haben wir uns arrangiert, aber wenn der Kiosk eine ganze Woche gar nicht öffnen kann, das ist echt übel.

Danke an Lehrer Schmidt und YouTube. Ohne euch hätte ich keinen Term vereinfachen können. Die binomischen Formeln sind mir heute noch genauso unlogisch wie vor 20 Jahren.

Grüße an die verbeamtete Fachlehrkraft, deren Job das eigentlich gewesen wäre. Durch Ihren Unterricht hat das Kind viel über Toleranz und kreative Problemlösungen gelernt.

Sie habens geschafft

Vor ziemlich genau vierzehn Jahren, da war das Märzkind wenige Monate alt, ist uns klar geworden, dass wir eine Generation aufgerückt sind. Das Kind würde älter werden und wir natürlich auch. Sicher würde diese neue Generation einen Weg finden, uns zu schockieren. Mit irgendetwas noch nie dagewesenem. Wir würden am Tisch sitzen und murmelnd mit den Köpfen schütteln. Aber – mal ehrlich – was sollte das sein? Uns ist damals nichts einfallen.

Auf einer Geburtstagsfeier trägt eine vierzehnjährige eine weite kurze Jeans, deren Bund knapp unter dem Rippenbogen endet. Das Tshirt in Überweite hat sie oben in den Hosenbund gesteckt. Komplett, nicht nur auf einer Seite ein bißchen. An den Füßen schwarze dicke Socken in Saunalatschen. Ich finde es gut, dass nicht alle diese Mega-make-up trends mitmachen und klapperdürr sein wollen. Aber diese Mode ist irgendwie auch extrem. Sie bemerkt meine Blicke. Stolz weist sie mich auf ihre neuen Adiletten hin und freut sich sichtlich darüber. Ich bin mir sicher, dass das hier so ein pubertäres Ding ist und in Klamottenfragen bin ich nicht so leicht zu schockieren.

“ Trägt man darin nicht eigentlich weiße Tennissocken?“, scherze ich. Also, ich dachte ich scherze, aber ich werde anscheind ernst genommen.

Naja, räumt sie ein, eigentlich schon. Im kleinen Städtchen seien aber leider keine weißen Tennissocken mehr zu bekommen gewesen. Im Nachbarstädtchen auch nicht, ergänzt ihre Freundin. Da seien sie nämlich extra noch mit dem Zug hin gefahren. Ich bin mir immernoch sicher, das ich vereiert werde.

„Dann fehlt dir aber noch so ein speckiger Hut und vielleicht noch ein Fotoapparat an einem Band um den Hals.“ Neben mir grinst eine Mutter-Kollegin. Die beiden vierzehnjährigen sind völlig aus dem Häuschen: „ja, das wäre geil“

Ich schüttle mit dem Kopf und frage mich, wieso um alles in der Welt, hübsche junge Frauen absichtlich so aussehen wollen, wie Opas auf dem Campingplatz. Ganz leise natürlich.

Und da wird mir klar, es ist soweit. Sie haben es tatsächlich geschafft.

die Toten sind bitte leise

Geplant war eigentlich ein Geländespiel im Dunkeln und eine Nachtwanderung. Ab jetzt ist es improvisiert, aber was solls, es ist ja nicht unsere erste abgesoffene Geburtstagsfeier.

12 Kinder sitzen um den Tisch, zum Teil in Schlafklamotten mit geborgten Strickjacken und ohne Socken, es ist nicht kalt. Und die Stimmung ist überraschend gut. Gerade gab es Pizza im Starkregen. Also, schon unter dem Dach, aber draußen. Nass waren da sowieso schon alle. Den Rest des Abends haben wir in den kleinen Raum, aus dem normalerweise die Getränke verkauft werden, verlegt.

Der angemietete Sportplatz des Nachbardorfes liegt genau zwischen zwei Ortschaften mitten im Wald. Man sieht und hört keine Straßen, nachts wird es dunkel und still. Genau der richtige Ort für eine Zelt-Übernachtungsparty. Die Kerzengläser, die eigentlich für das Geländespiel gedacht waren kommen jetzt in die Tischmitte, das elektrische Licht wird gelöscht.

Wir spielen Werwolf* (*Werbung, wahrscheinlich, wurde selbst gekauft)

Jeder bekommt eine Karte schaut sie heimlich an und legt sie vor sich auf den Tisch. Es gibt einen Spielleiter, der macht die Ansagen.

Die Nacht bricht an, alle Dorfbewohner schlafen. – Alle Spieler schließen die Augen. Es gibt Dorfbewohner und Werwölfe, eine Hexe und einen Amor. Die Werwölfe kommen während der Nacht und „töten“ einen Dorfbewohner. Wer die Hexe gezogen hat, hat die Macht einmal zu heilen, also jemanden von den Toten zu erwecken, und einmal zu vergiften, also jemanden aus dem Spiel zu nehmen. Der Amor kann zwei Leute miteinander verlieben. Verliebte sterben gemeinsam. Egal zu welchem Team sie gehören. Am Ende des Spiels sind entweder alle Werwölfe enttarnt oder alle Dorfbewohner gefressen. Das jeweils andere Team hat dann gewonnen. Jeder kennt nur seine eigene Karte.

Der Spielleiter weckt Amor. Er erwählt zwei die ab jetzt verliebt sind. Alles ist auf einmal sehr leise. Amor schläft wieder, die Verliebten erkennen sich. Lautlos natürlich, sie werden nur angetippt, schauen sich kurz an,und zeigen sich gegenseitig ihre Spielkarten. Dann erwachen die Werwölfe und wählen ihr Opfer, natürlich ohne Worte, dann schlafen sie wieder ein. Die Hexe erwacht und bekommt das Opfer der Nacht gezeigt. Sie kann einen Trank anwenden, oder beide oder keinen.

Das Dorf erwacht, alle bis auf einen. Jetzt muss ein Schuldiger gefunden werden. Bei Tageslicht sind alle Mitspieler Dorfbewohner und können sich nach Lust und Laune gegenseitig beschuldigen. Irgendwer wird rausgewählt. Die „Toten“ müssen dann ab jetzt zugucken, dürfen aber garnichts sagen, und auch nicht kichern, noch nicht mal, wenn Leute verliebt werden. Es kommt zu herrlichen Dialogen und erste Spielrunde ist schnell zu Ende. „Hä, wieso lebt Lars noch, wir ha….a…Mist“

Jetzt haben alle verstanden, dass man hier durchaus Sachen erfinden darf. Die Geschichten, die sie versuchen, sich gegenseitig anzuhängen werden immer abenteuerlicher. Mittlerweile ist es echt warm, von den vielen Kerzen. Der Liebste öffnet das Fenster, und macht irgendwas auf dem Handy.

Marie ist sich sicher, dass sie gestern Abend gesehen hat wie Fritzi den Mond anheult. Fritzi wird „abgemurkst“ und es wird wieder Nacht im Dorf. Alle schließen die Augen und horchen ganz angestrengt auf irgendwelche Bewegungen. Draußen regnet es ziemlich heftig, man hört den Wind im Wald und, ganz leise, heult ein Wolf. Obwohl natürlich keiner gucken darf schauen sich auf einmal alle an.

„Habt ihr das auch gehört?“

„Alter, war das echt?“

„Werwölfe gibt`s gar nicht in echt. Oder?“

„Nee, Werwölfe nicht, normale Wölfe aber schon.“

Mit einem Grinsen zeige ich auf den Liebsten, bevor der Grusel echt wird „ich glaube das kam von da“.

„Booaaarmannej, jetzt dachte ich aber kurz…“ „Boar, Alter, ich aber auch“

Erleichterung macht sich breit. Nach dem Schreck machen wir eine kleine Spielpause. Wir füllen Chips und Popcorn nach, reichen Getränke rum.

Also eigentlich müsste auch mal jemand zur Toilette, aber so dringend ist es noch nicht. Man könnte ja zusammen… Schnell findet sich eine Gruppe und alle gemeinsam rennen sie brüllend um die dunkle Ecke auf die andere Seite des Gebäudes – nur zur Sicherheit.