Seniorengeschichten und Musik

Alle Rechnungen, die irgendwas mit Haus und Wohnen zu tun haben kommen adressiert an „Eheleute“ oder meine Mailadresse. Die Zensus Post ist adressiert an den Liebsten. Anscheind müssen offizielle Sachen auch im 21. Jahrhundert vom Herrn des Hauses persönlich erledigt werden.


In unserer Straße sind drei Hündinnen heiß. Der Hund kratzt an der Tür des Märzkindes, an der Tür des Maikindes, geht runter ins Wohnzimmer, schmeißt sich seufzend vor die Haustür. 10 Minuten später steht er an meiner Seite des Bettes und fragt, ob wir denn jetzt vielleicht eine Runde raus wollen, wird ja gerade hell… Entweder er geht jetzt auf seinen Platz oder… zwei Eier und eine Schere – Emoji


Ich weiß nicht mehr wie es dazu kam, aber zum Tisch abräumen am Freitag abend wurde das Lied von der Karawane gespielt. Maikind kannte das nicht. Wir fragen uns kurz, wie das sein kann, kommen aber schnell drauf. Die Kinder kramen in alten Playlisten, es wird nostalgisch, dann zeigen sie mir was im Moment „gefeiert“ wird. Wir mögen unterschiedliche Richtungen, aber, es gibt Schnittmengen. Märzkind und ich bekommen Gänsehaut und müssen uns in genau dem gleichen Moment kurz schütteln. Jo ho. Was man so alles vererben kann…


Die Oma aus dem Städtchen ruft an, um zu fragen, wann wir denn dann morgen fahren wollen. Hä? Na das Konzert. Oh. Ich gebe zu, als ich ihr die Karten zu Weihnachten geschenkt habe, hatte ich angenommen, sie würde ihre Schwester oder die Wanderfreundin mitnehmen, aber anscheind habe ich Heilig Abend gesagt, dass ich mitkomme. Blasmusik ist so garnicht meins, andererseits, ich habe in meinem ganzen Leben noch nichts mit der Oma zusammen gemacht, glaube ich. Wer weiß, wie viele Gelegenheiten da noch kommen…

Ich fahre jede Woche an diesem Grundstück vorbei aber, ich hatte ehrlich keine Ahnung, was sich hinter dieser Hecke verbirgt. Das Anwesen derer von und zu ist beeindruckend. Man freut sich, dass das hier heute in „der renovierten Scheune“ stattfinden kann. Was man hier eine renovierte Scheune nennt würde ich eher als rustikalen Ballsaal bezeichnen. Ich schicke der Freundin ein Foto von den Dachbalken. „Guck mal, so kann man Scheunendach .“ Sie wird in der kommenden Woche den Eurojackpot gewinnen und das dann bei ihrer Scheune auch in etwa so machen lassen, sagt sie. Ich beantrage einen Getränkestand auf ihrem Hof, für die Zeit in der die Zimmerleute arbeiten. Genehmigung wird erteilt. Ich werde also meine erste Million mit Aperol Spritz verdienen.

„Das war toll“, sagt die Oma, als das Konzert endet. Es war tatsächlich ein schöner Abend – ein Ausflug in eine ganz andere Welt.


Die Schwalben sind da. Der Garten hört sich nach Sommer an. Schön ist das.


Er: „Samma, wie viele Mückenstiche hast du eigentlich?“

Ich: „Mückenstiche? Noch gar keine. Un du?“

Er: „23“ grummelgrummel

Ich bräuchte gar kein Fliegengitter – außer vielleicht wenn der Liebste Nachtschicht hat.


Neue Stundenpläne, die alten sind ja schon drei Wochen alt… Maikind hat jetzt Mittwochs planmäßig die fünfte Stunde frei, weil da Französisch wäre, die 7. und 8. Stunde finden statt. Macht anderthalb Stunden freie Zeit, auf dem Dorf – ohne Schulkantine. Die Blagen werden sich schon irgendwie beschäfigen. Nachdem bei der letzten Stundenplanänderung Kunst weggefallen war, hat Julikind jetzt neu: auch kein Religion mehr. Wenn das in dem Tempo weitergeht, können sie im Sommer Teilnahmeurkunden statt Zeugnissen verteilen.


„Ah, das Grab, das hat sie übrigens einebnen lassen“, erzählt mir eine Witwe beiläufig. Da waren zwar noch vier Jahre Nutzungszeit drauf, aber wer soll das denn machen, wenn sie nicht mehr ist? Die vier Jahre zahlt sie dann eben fürs Rasen mähen. Zwanzig Euro kostet das im Jahr, ist eigentlich ganz schön viel, für so eine kleine Fläche, sagt sie. Ich muss lachen, kann es aber gerade so als Räuspern tarnen. Schöner kann man „ich will nicht neben meinem Mann beerdigt werden“ wohl kaum formulieren. Dieser Todesfall war Ortsgespräch. Jetzt wächst dann wohl Gras drüber.


Der Liebste zeigt mir ein Foto, „das wirste mir nicht glauben“. Er hat den Kuchen bei der Omma geholt und sie erwischt, auf einem wackeligen Höckerchen im Lichtschacht vor dem Haus. Die Blätter mussten raus, und wenn sie schon mal drin ist, kann sie von da aus auch gleich das Unkraut im Umkreis jäten, dann muss sie sich nicht bücken. Ich schüttele mit dem Kopf. Seit Wochen versuche ich rauszufinden, ob und wie sie ihren Geburtstag feiern möchte. Sie will garnicht 90 werden, sagt sie dann immer. Anscheind legt es drauf an.


Es ist immernoch Murks bei den Bienen, sagt der Liebste. Wir denken hin und her. Ich bestelle zwei Bienenköniginnen. Mittlere Preisklasse. Jetzt warten alle auf einen summenden Brief.

ein Wochenende wie damals

Herrliches Frühlingswetter. Auf einmal blüht alles, Farben und Geruch wechseln alle paarhundert Meter. Nicht mehr nur grau und Gülle. So macht die Hunderunde wieder Spaß.


Brot und Milch kaufe ich einzeln, also am Bäckerauto und vom Bauernhof, immer das Gleiche ohne irgendwas anderes dazu, da fällt die Preissteigerung auf. Aus 6,90 Euro sind 8,70 Euro geworden und aus 50 cent 75.


Am stillgelegten Auto auf dem Nachbargrundstück kraschpelt irgendwas, fällt mir auf, beim Wäsche aufhängen. Ich vermute irgendwelche Tiere. Och nö. Zum Glück ist es nur der Besuch der Nachbarin. Wir kennen uns flüchtig, haben uns aber lange nicht gesehen. Smalltalk über den Zaun. Nach wenigen Sätzen wird ein richtiges Gespräch daraus. Der Besuch konnte in den letzen zweieinhalb Jahren nicht kommen, wegen Corona und Arbeit, es ging nicht, im Sinne von es war unmöglich. Ich weiß, sage ich (Berufsfeuerwehr in Australien). Während dieser zwei Jahre hat sich die Nachbarin verändert. Ich weiß, sage ich. Der Besuch kämpft mit den Tränen. Ich bin ehrlich gesagt erleichtert, dass das mal jemand bemerkt hat, der die Macht hat, sich zu kümmern.


Märzkind meldet Hunger, Freitag abend um sechs. Auf keinen Fall kann das warten, bis Julikind vom Kickboxen zurück ist. Das kommt davon, dass es an der Arbeit immer schon um zwölf Mittagessen gibt. Sie versteht jetzt, warum die Omis abends immer so zeitig essen. Abendessen also zu dritt, wir unterhalten uns nett und sitzen immernoch da, als die anderen beiden zwei Stunden später dazukommen. Julikind ist entspannt und fröhlich und schläft schon, als ich ihr um halb elf gute Nacht sagen will.

Der Liebste kommt Samstag morgen von der Nachtschicht, steht mittags auf, weil Montag wieder Frühschicht ist, ganz normal, wie es auf dem Plan steht. Die Kinder und ich sind da mit dem Hausteil des „Haus und Hoftags“ schon fast fertig. Draußen ist allerdings noch genug zu tun. Märzkind hat den ersten Chearleading Auftritt, seit – man kann sich erinnern, wann. Sie beginnt mit der Schminkaktion. Maikind kramt das Feldbett aus der hinteren Ecke des Dachbodens und sucht Übernachtungssachen zusammen. Julikind nimmt an einem Malwettbewerb teil und, upsi, da ist nächste Woche Abgabe. Ich backe einen Tortenboden für Konfirmation am Sonntag. Ein Paket steht vor der Haustür. Märzkind ist erleichtert, das ist ihr Festoutfit für morgen, wir hatten schon überlegt, wie man die Alltagsklamotten zu was Schickem kombinieren könnte… Märzkind verschwindet, Maikind wird gefahren, Abendessen für drei, Märzkind kommt fröhlich wieder. Ein Hauch von Teenager in Polyester weht über den Flur, dann ist das Bad besetzt.

Sonntag morgen mach ich die Torte fertig. Der Liebste fährt Märzkind mit Torte zum Fest. Ich backe einen Geburtstags-Geschenk-Kuchen für Montag. Julikind müsste mal gelüftet werden. Hunderunde zur Hängebrücke. Auf halber Strecke meldet Maikind, man könne ihn dann gleich abholen. Das liegt auf dem Weg, kein Problem, obwohl, der Hund ist ja im Auto und das ganze Übernachtungsgepäck…. ach, ich laufe einfach von hier aus nach Hause, dann ist Platz. Als ich ankomme sind die Kinder schon bei Oma und Opa. Ich mache den Geburtstagskuchen fertig und wir fahren hinterher. Gut, dass wir mit dem Auto da sind, sagt Julikind. Auf dem Weg haben sie ein bisschen rumgeblödelt, da ist sie irgendwie vom Bordstein und hat sich den Fuss umgeknickt, aber so richtig. Der Fuss ist tatsächlich beachtlich angeschwollen. Notaufnaheme vielleicht? „Sieht nach Innenband aus“, sagt der Liebste, Kühlpack. Sportsalbe, hochlegen und dieser Haushalt hat eine aircast-Schiene für solche Fälle, was anderes würden die im Krankenhaus auch nicht machen.


Montag morgen begegnet mir der Biolandwirt im Wald. Er hält an, um zu fragen, warum ich mich denn so in der Hecke verstecke. Ich dachte, er gehört zu dem Jäger-Konvoi, der hier eben lang kam. Da halte ich den Hund immer lieber fest. Glaubt einem ja niemand, dass der so überhaupt keinen Jagdtrieb hat. „Alles gut bei euch?“ „Alles gut. Un selba?“ „Prima. Wir haben gerade zum ersten Mal in diesem Jahr Normalbetrieb. Das tut richtig gut, ist aber irgendwie ungewohnt.“ Fast zu gut. Da fällt mir ein, ist ja neunter Mai, heute. Ich deute auf sein Autoradio. „Ham wa schon Apokalypse?“ „Nee, noch nit“, sagt er, hat er aber extra angemacht, das Radio, nicht, dass Atomkrieg ist und er zieht Zäune, das könnte man sich ja dann sparen. „Tja, dann muss er wohl“, sage ich und wir sind uns einig, dass das was Gutes ist.


Abends haben wir Vattas Geburtstag gefeiert. Mit Leuten, als wäre es das normalste der Welt. Alle hatten was zu erzählen.

KW 17/18 2022

Es war angenehm ereignislos.

Die Wechselschichtwochen des Liebsten sind schon vorbei. Ich glaube, es war nur ein Rückwärtswechsel dabei. Aber Normalbetrieb ist noch einfacher. Naja, was man so Normalbetrieb nennt. Die Lieferketten, die Rohstoffe, eigentlich ist alles möglich.

Märzkind hat Theorieprüfung für den Autoführerschein. Zwanzig nach acht muss sie beim TÜV sein, danach in die Schule. Das geht nur mit Muttitaxi. Mein Plan war, in der halben Stunde Wartezeit einzukaufen, aber wegen der Baustelle quer durchs Städtchen kommt das hin. Ich habe also einen Aufenthalt auf dem TÜV Parkplatz. Ein Fahrschulauto mit einem sichtlich angespannten jungen Mann am Steuer fährt gerade los. Ich schicke gute Gedanken und drücke die Daumen. Nach zehn Minuten sind sie zurück. Der junge Mann sieht blass aus und geht mit gesenktem Kopf davon. Schade. Ich nutze die Zeit um in meinem Auto Müll einzusammeln, es lohnt sich. Märzkind hat bestanden – juhu! Dann jetzt schnell zur Schule, dritte Stunde Mathearbeit. Ich bin heimlich froh, dass das nicht mein Tagesprogramm ist.

Aus Gewohnheit gehe ich mit Maske in den Baumarkt. Eine niederländische Familie, die im gleichen Gang steht guckt mich komisch an. Die fühlen sich sichtlich unwohl, neben mir. Erst da fällt mir auf, dass alle anderen keine Maske aufhaben. Soll mir recht sein. Ich nehme sie ab und kaufe ohne weiter ein. Es fühlt sich genauso verrückt an wie der erste Einkauf mit Maske, damals.

Man möge sich doch bitte auf Katastrophen vorbereiten, geht durch die Nachrichten. 10 Tage ohne einkaufen sollte man durchhalten. Das würde gehen, glaube ich. Wobei, ohne Strom wäre blöd. Ein Wasservorrat macht natürlich auch Sinn, das haben wir ja letzten Herbst gesehen, als da dieses Rohr im Keller… aber auf unsere Haushaltsgröße gerechnet wären das nach amtlicher Liste 220 Liter. Wo sollten wir die denn lagern? Andererseits wollen wir natürlich auch nicht die ersten Idioten sein, die nichts mehr haben. Weltfrieden wäre am komfortabelsten.

Ein bei rebuy im Zustand „sehr gut“ gekauftes Mobiltelefon gibt nach einem halben Jahr den Geist auf. Ich schicke es ein, die sagen, kein Garantiefall, wegen nicht sachgemäßer Bedienung. Keine Ahnung was damit gemeint ist. Das Handy hatte keinen Unfall, war keinen Naturgewalten ausgesetzt, nix. Nachfrage im Handyladen. Natürlich kann man das reparieren. Würde 289,98 Euro kosten. Totalschaden. Sehr! Ärgerlich! Schrott hätte ich billiger kaufen können.

Wenn in der Hexennacht auf den ersten Mai vorm Haus Sachen weg gehext und irgendwo im Ort versteckt werden, ist das völlig in Ordnung. Brauchtum. Da muss man eben dran denken, den Kram reinzuholen, oder Maibowle hinstellen, für die Hexen. Wenn Sachen hinterm Haus, im umzäunten Grundstück gehext werden ist das weniger in Ordnung, finde ich. Wenn etwas aus dem Garten mitgenommen wird und nicht mehr zu finden ist – das ist klauen. War nur Gartenkitsch, aber ich mochte den.

Die blauen Briefe wurden verschickt und, ich will nicht angeben, aber ein bisschen stolz bin ich schon, denn ich habe keinen bekommen. Von den 12 Jungs in seiner Klasse sind 6 versetzungsgefährdet, sagt Maikind. In der Paralellklasse sieht es nicht besser aus. Wenn kein Wunder geschieht, wird aus zwei Abschlussklassen mit etwa 18 Kindern, wohl eine mit irgendwas um die 30 Schülern werden.

Ich habe einen neuen Filter im Denken, stelle ich fest. Vermutlich kommt das von der mentalen Überlastung der letzten Jahre. Manche Dinge sind mir so von Herzen egal, dass ich noch nicht mal aus Höflichkeit so tun kann, als würde ich mich dafür interessieren. Die Länge des Rasens in Schwiegermutters Garten beispielsweise und nein, ehrlich gesagt habe ich die Folge vom Traumschiff, in der Wie ein Onkel mitspielt nicht gesehen, weil, ich gucke nie Traumschiff.

Der Liebste hat neue Beete angelegt und Mist von regionalen Biorindern im Garten verteilt. Gemüsepflanzen haben wir in einer kleinen Gärnterei gekauft, mit Beratung. Ich habe die am ersten sonnigen Nachmittag eingepflanzt und schon mehrmals gegossen. Wenn das jetzt nichts wird, betonieren wir die Fläche und streichen sie grün.

Es wird grün und bunt draußen, endlich.

Osterferien 2022

Märzkind steht fröhlich, aber erkennbar müde, neben ihrem Koffer in der Tür.

„Zwei Sachen“, sagt sie „ich hab wahrscheinlich wieder Corona und mein Handy ist kaputt“.

„Hallo Kind, schön, dass du wieder da bist. Komm einfach rein, so ein FFP2-Masken-Gehampel würden wir sowieso nicht nochmal machen, das hat ja nichts gebracht und tja…“

Eine Woche war das Kind mit Freunden unterwegs und wir haben uns alle ein bisschen erholt.


Man muss in der Fastenzeit nicht unbedingt verzichten, man kann auch bewusst Sachen tun, hat de Mudda gesagt. Ich habe also seit dem Märzkind-Geburtstag jedesmal, wenn mir jemand ein Bier angeboten hat und ich nicht mehr fahren musste „ja“ gesagt, um entweder eine ausreichende Trinkfestigkeit zu erlangen, oder den Alkohlkonsum in der Öffentlichkeit einzustellen. Ostersonntag, morgens um halb drei, beende ich dieses Experiment, „nein danke, es ist genug“, trotz Freibier. Der Liebste und ich gehen zusammen mit Märzkind und Pluseinskind nach Hause. Das war ein erstklassiges Osterfeuer, da sind wir uns einig. Es folgt der faulste Ostersonntag aller Zeiten.


Am Ostermontag feiert Brüderchen seinen Geburtstag. Es gibt ein Frühstücksbuffet vom Feinsten. Da findet wirklich jeder was, zwei Stunden wird gegessen. Danach gehts zum Eierwerfen, dann wieder Sofa.

Bis Mittwoch sind alle Eier und Schokohasen aufgegessen. Gut so. Die Süßigkeitenberge vermisst niemand.


Alle Kinder haben schon wieder diese Erkältung. Ärgerlich in den Ferien. Bei den Mädels ist es nach drei Tagen wieder gut, beim Maikind beginnt nahtlos die Pollensaison.


Duschen, anziehen, mit dem Auto einmal ums Städtchen drumherum fahren, weil man wegen Baustelle nicht einfach durch kann – was für ein Aufwand, schwer vorstellbar, dass man sowas früher öfter gemacht hat. Aber, als ich mit Julikind im Kinosaal sitze, sind wir doch beide froh, dass wir uns aufgerafft haben. Ein schöner Film. Daniel Ratcliff kann den Bösen spielen, wer hätte das gedacht.


Man könnte es regelmäßiger machen, dann wäre es vielleicht weniger *wurks* , sagt eine Stimme in meinem Hinterkopf. Sicher. Man könnte seine Steuererklärung auch im Februar schon machen, sage ich. Fürs Protokoll: Waschmaschinendichtungen und Einspülkammern gereinigt, Maschine entkalkt, im April.


Julikind braucht was zum Anziehen für eine Hochzeit. Bei der Gelegenheit nehmen wir das Kommunionskleid mit, dass hier einige Jahre als Prinzessinenkleid im Einsatz war. Da passt niemand mehr rein, aber es ist immernoch gut, Julikind streicht noch einmal mit der Hand drüber, seufzt und übergibt die Tüte an die Dame im Rote Kreuz Laden. Eine Stunde später kommen wir nochmal am Laden vorbei. „Guck mal, was da im Schaufenster hängt“, sage ich. „Ooooohhh“, sagt Julikind. Da macht sich das Kleid viel besser als in unserem Dachbodenschrank.

Julikind hat aktuell drei verschiedene Kleidergrößen am Oberkörper. Klamotten kaufen ist ein bisschen kompliziert.


Post vom Energieversorger. Ab Juni wirds teurer, es sei denn, es wird günstiger, das könnte wohl auch sein, wenn da irgendwas wegfällt, aber wir sollen mal lieber davon ausgehen, dass es teurer wird. Das ist keine Überraschung. Ich rechne nach. In unserem Fall wären das in etwa die Stromkosten eines Monats, die nochmal dazu kämen, wenn denn dann.


„Wann wart ihr denn zuletzt auf einer kirchlichen Hochzeit?“ Da muss ich aber wirklich überlegen. Es ist auf jeden Fall schon länger her. Meine Schwester und ich stehen mitten im Sektempfang und schauen uns die Leute an. Dass man bei einer Hochzeit mal kaum jemanden kennt und nichts muss, ist ungewohnt, aber toll. Bestimmt füllen wir den Single-Tisch auf, vermutet meine Schwester – für sowas sind Cousinen doch da. Die vier Unbekannten, mit denen wir den Tisch teilen sind zwei Pärchen mitte zwanzig. Einer davon sieht so aus, wie Daniel Ratcliff in dem Film, flüstert Julikind mir zu. Tatsächlich. Wir sind der nicht-Schlager-hörende-Tisch, sehr viel näher an der Theke als an der Tanzfläche. Passt. Es gibt Gegrilltes und 6 Meter Salatbuffet dazu, dann Eis aus der Gefriertruhe zum selber nehmen. „Manche meinen ja, da müsse man noch mousse au chocolat servieren, wenn alle sowieso schon voll gefressen sind“ sagt die Tischnachbarin, „aber das ist doch Quatsch“. Finde ich auch. Eine richtig schöne Party.


So, von mir aus kann es jetzt gerne ein bisschen wärmer werden. Ich habe keine Lust mehr auf Hunderunden in Winterjacke.

01/22, Halbzeit

Der Schulkiosk schließt aus wirtschaftlichen Gründen. Man möge den Blagen ausreichend Frühstück eintuppern, sagt die Elternmail, natürlich nicht in diesem Wortlaut. Kein Problem. Der Kiosk hatte Preise, da haben wir schon von selber ans Pausenbrot gedacht. Sollte es aber jemals wieder Nachmittagsunterricht oder AG´s geben wird die Cafetria vielleicht doch fehlen.


Mir ist kalt und das kann eigentlich nicht sein. Ich habe alles doppelt an und der Ofen läuft, die Raumtemperatur ist eher höher als normal. Der Liebste kommt nach Hause. Er trägt seine Winterjacke über einem Pullover, das ist ungewöhnlich. Eigentlich reicht ihm ein „Winter- T-Shirt“ plus normaler Jacke. Der Pullover kommt nur bei höheren Minusgraden zum Einsatz. Das muss eine verspätete Nebenwirkung sein, sagt der Liebste. Daran hatte ich garnicht gedacht. Drei Tage dauert die Moderna-Kälte und verschwindet genauso plötzlich wie sie gekommen ist.


„Warst du schon mit dem Hund?“, frage ich die Freundin. Nee, war sie nicht. Bei ihr hat heute morgen um viertel vor sechs das Telefon geklingelt und sie hat spontan eine Frühschicht übernommen. Der Tag ist sowieso gelaufen, sie zieht sich nur gerade was an, dann kommt sie mit. Eigentlich wollten wir nur ein paar Meter ins Feld. Aber der Himmel ist blau, die Felder weiß verschneit und zu Hause warten Teenager-Launen. Wir gehen die große Runde und trinken danach noch einen Kaffee. Ein hervorragend genutzer Nachmittag. Die Wäsche läuft ja nicht weg.

Als ich nach Hause komme steht das Märzkind hinterm Bügelbrett. Sie hatte eigentlich gedacht, ich komme gleich, weil hier alles noch so stand. Naja, jetzt ist sie fast fertig. Große Kinder sind toll, meistens.


Ein Schwimmbadbesuch mit dem Julikind und einer Freundin. Beim letzen Mal kam jemand von den Bademeistern raus, zum kontrollieren. Diesmal werde ich schon vor dem Kassenautomaten angesprochen. So einfach könne man da aber nicht rein. Ähm, wusste ich, ich wollte gerade klingeln. Nee, nee, erstmal Impfnachweis bitte. Ich gucke fragend, dann sehe ich, dass die Dame, die da so saß, als wäre sie eine wartende Schwimmkurs-Oma, ein T-Shirt der Bäderbetriebe unter ihrer Strickjacke trägt. Die Freundin des Julikinds hatte gestern vergessen ihr Testheft unterschreiben zu lassen und war eben noch ganz frisch beim offiziellen Test. Sie zeigt den Zettel, „sehr schön“, sagt die Dame. Das Testheft des Julikinds ist schon ziemlich zerfleddert. So geht das nicht, den Namen muss die Dame schon sehen können, und dieses Testheft, das muss aber mal neu, zeitnah. Sicher, ich richte es dem Land Hessen aus. Impfstatus und Personalausweis braucht sie von mir. Beides wird ausgiebig geprüft. Dann dürfen wir zum Kassenautomaten gehen.

Die Mädels toben und tauchen und springen. Ich schwimme Bahnen und sitze vor Nackenmassagedüsen. Beim Rausgehen ist die Dame wesentlich entspannter, sie hat einen halben Socken gestrickt, während wir drin waren. Ob es denn Spaß gemacht habe, erkundigt sie sich. „Ja sehr“, sagen die Mädels, „richtig schön war das.“


Schwimmen hat nicht geholfen. Dieser Schmerz in der Schulter, was das wohl ist. Google sagt, eine Operation sei nicht notwendig. Das ist erfreulich. Leider wird das jetzt ein halbes Jahr lang immer schlimmer werden, dann wird das Schultergelenk für etwa ein halbes Jahr ganz steif werden und dann wird der Körper diese Fehlfunktion von selber abbauen. In etwa anderthalb Jahren sollte alles wieder tutti sein. Ähm, jo. Ich versuchs mal mit Sportsalbe und hole mir eventuell eine Zweitmeinung.


Eine Freundin des Julikinds wird abgeholt. Ich öffne die Haustür. Davor steht eine junge Frau, mit Autoschlüssel in der Hand. Wir begrüßen uns fröhlich und unterhalten uns kurz. Sie ist im Moment das Familientaxi. Es ist noch garnicht so lange her, da ist sie bei mir mitgefahren, zu Fussballtrainings und Kindergeburtstagen. Ich komme mir uralt vor.


Anruf beim Hausarzt, Auffischungsimpfung für die großen Kinder wäre schön. Hausarzt sagt, machen sie nicht, weil die Stiko sagt, ist nicht nötig. Ähm, in der Sozialwesen-Klasse mischen sich die Praktikant*innen so ziemlich aller Einrichtungen des Landkreises. Ich halte Impfschutz an dieser Stelle durchaus für sinnvoll und möchte nicht warten, bis der Stiko-Opa da in Ruhe fertig drüber nachgedacht hat. NRW boostert Menschen ab 12. Dann fahren wir eben die 30km und stellen uns in eine Warteschlange. Ich suche Impftermine raus. Das Maikind sagt, ein Klassenkamerad sei im örtlichen Impfzentrum geboostert worden. Ich erkundige mich bei seiner Mutter. Jo, die sagen das zwar nicht auf der Internetseite, aber möglich ist es. Dann brauchen wir nicht so weit zu fahren. Am gleichen Abend befindet die Stiko, dass Auffrischungsimpfungen für Kinder eine gute Sache sind. Anruf beim Hausarzt, Termin nächste Woche. Der Countdown läuft.

2G+ gilt ab dieser Woche fast überall. Das Märzkind ist angefressen. An der Arbeit dürfen sie keine Testbescheinigungen mehr ausstellen. Das heißt man wird getestet, kann den Test aber nach der Arbeit für nichts mehr nutzen. Das Testzentrum hat blöde Öffnungszeiten und liegt nicht auf dem Weg. Im Freundeskreis sind einige schon über 18, andere kommen aus NRW. Die sind fertig geimpft. Jetzt ist sie wieder die, die nix darf. Das Mutterherz seufzt innerlich. Es geht bei der Impferei nicht mehr ums Virus. Es geht darum, ohne großen Aufwand Dinge tun zu können, die vor zwei Jahren ganz selbstverständlich waren.


Wir sind eingeladen zur Überraschungsparty anlässlich einer Petersilienhochzeit. „Aber, Hochzeitstag? Wir haben doch im Sommer…? Hätte ich das gewußt, ich hätte was zu Trinken gekauft.“ Das Petersilienbrautpaar hatte diesen Anlass nicht auf dem Schirm, die Überraschung ist gelungen. Die Gäste haben alles dabei. Es ist nur der engeste Freundeskreis und Familie, man kennt sich aus. Die Autos müssen unterm Carport raus, jemand holt die Biergarnitur aus der Scheune und Strom für den Gulaschsuppenbehälter, auf dem Hof wird ein mitgebrachtes Schwedenfeuer entzündet. Man hat schon gewisse Routinen im distanzierten outdoor feiern entwickelt. Zwei Stunden stehen wir in großen Kreisen und unterhalten uns, dann wird es frisch und manche haben noch Nachschicht. Die Party wird zusammengeräumt. Schön war das. Heute in zwölfeinhalb Jahren kommen wir wieder, wegen Silberhochzeit. Vielleicht fangen wir dann aber schon nachmittags an. Kaffee und Likörchen. Wir werden ja älter.

„Und wenn das schön wird?“ Weihnachten 2021

Am 23. steht noch ein Termin im Kalender. Der Liebste übernimmt die Fahrt. 10 Minuten später kommt das Pluseinskind die Haustür rein. „Märzkind ist gerade nicht da“, sage ich. Weiß er, er schreibt gerade mir ihr. Die haben ein Reh angefahren. Och nö. Müssen wir da hin? Er fragt nach. Nee. Mit dem Auto ist alles gut, nur das Reh….

Eine viertel Stunde später steht das Märzkind in der Tür, Tränen in den Augen. Sie haben ein Reh… Ich weiß. Umarmung. „Und?“, frage ich. „Alles OK“, sagt der Liebste. Er war nicht schnell. Leider hat er das Reh trotzdem erwischt. Es lebte noch, konnte aber nicht mehr aufstehen. Da hat er jemanden angerufen. Hat kaum 10 Minuten gedauert, dann war der da und hat sich um das Reh gekümmert. Das Märzkind schluchzt ganz leise, der Liebste zieht die Luft ein, zwischen zusammengebissenen Zähnen. Er habe noch versucht, sich so hinzustellen, dass das Märzkind nichts sieht, aber gehört hat sie es natürlich trotzdem, und, ganz ehrlich, es war doch klar, dass da jetzt keine Tiernotrettung kommt, oder… Ja sicher. Aber…Das Pluseinskind übernimmt das Märzkind. Der Liebste erzählt mir die Geschichte nochmal unzensiert.


Kurz vor Weihnachten gibt es frische Coronaregeln, nicht das es langweilig wird. 10 Leute sind im privaten Bereich erlaubt. Äh, wir wären zwölf, Heilig Abend. Geboosterte und Kinder unter 14 zählen nicht. OK, dann sind wir sieben, und leicht verunsichert.

Der Liebste muss eh nochmal ins Städtchen und besorgt fünf Schnelltests. War etwas komplizierter als gedacht, und die Zeiten, in denen die 85 cent gekostet haben sind definitv vorbei, aber was solls. Bevor wir anfangen, den Tisch auszuziehen und Kleinmöbel zu verräumen, versammeln wir uns am Esstisch zum Test. Ich habe das tatsächlich noch nie bei mir selber gemacht und muss angeleitet werden. Jo, ist genauso widerlich wie die offiziellen Tests. Ich verziehe die nächsten fünf Minuten das Gesicht. Die Kinder finden das lustig, sie haben ja auf dem Teil des Hirns schon Hornhaut, sagen die Mädels. Wir überlegen kurz, so ein Biohazard-Tütchen mit Test drin an den Baum zu hängen. Letztes Jahr um diese Zeit, da hatten ja wir nix. Keine Tests, keine Impfungen. Der Liebste ist gedanklich schon beim Möbel rücken und räumt mit routinierter Geste den ganzen Rumms in die Mülltonne. Auch gut.


Der Weihnachtsbaum ist natürlich doch der Schönste. Da hat das Märzkind eine Begabung. Die Mädels haben geschmückt. Alle anderen haben sich rausgehalten. Frieden auf Erden.


Das Julikind guckt vom Weihnachtsbaum zum gedeckten Tisch zu den Geschenken auf der Anrichte und seufzt. Ich erkundige mich, was los ist. „Wenn das jetzt schön wird, Mama, müssen wir dann immer hier feiern?“ Äh, hä? „Weihnachten gehört doch eigentlich zur Oma ins Haus, dachte ich“. Naja, jetzt warten wir es erstmal ab, sage ich.


Ohne Weihnachtsgottesdienst kann es nicht Weihnachten werden, sagt das Märzkind, da müssen wir alle hin. Ich versuche mich rauszureden. Weihnachtsgottesdienste sind Fokloreveranstaltungen, damit kann ich nichts anfangen. Aber, es muss nichts mehr vorbereitet werden, alles ist fertig und die Gäste kommen erst danach, also gehen wir alle. Tja.

Heilig Abend ist Gottesdienst draußen, mit Maske, für alle. Offensichtlich wurde hier viel Zeit und Herzblut investiert. Das Kirchenportal wird festlich angestrahlt, es gibt einen Weihnachtsbaum, Laternen mit Kerzen, und echte Musik. Die Darbietenden singen mit solcher Inbrunst Weihnachtslieder, das ist mir zuviel. Ich bin froh, dass die Maske und die Dunkelheit mein Grinsen verbergen.


Es folgt ein auffallend entspanntes Abendessen mit anschließender Bescherung und Gemütlichkeit.


Schnee und blauer Himmel am ersten Weihnachtstag. Das Märzkind übernimmt die Hunderunde und muss dann los, zum Essen mit Schwiegerfamilie. Maikind verschwindet hinterm Bildschirm, Julikind hinter der neuen Staffelei, der Liebste hat Männerschnupfen des Todes muss aufs Sofa. Ich räume auf und wundere mich. Das Gefühl der Erschöpfung, dass normalerweise diesen Tag überlagert, es ist nicht da.

Nachmittags immernoch Schnee und blauer Himmel. Ein Spaziergang zu dritt mit Hund. Danach wieder Plätzchen, dann Jogginghose und Sofa. Perfekt.


Am zweiten Feiertag ist der Liebste genesen. Ein Leben ohne Schnupfen, herrlich. Ähm, er war gerade mal einen Tag kränklich, merke ich an. Es hat sich länger angefühlt, sagt er. Nachmittags kommt Schwiegermutter zum Kaffee. Der Klinikaufenthalt hat sich gelohnt, es wurde einiges auf den Weg gebracht. Schon jetzt kann sie wieder aufrecht gehen, mit der Aussicht auf noch mehr Verbesserung. Das freut mich. Paten vom Julikind kommen spontan dazu, ein bisschen Dorftratsch wird ausgetauscht, alles ganz gemütlich.


„Da freut man sich so lange drauf, und dann ist es so schnell vorbei“, sagt das Julikind am Abend. Sie könnte sich vorstellen, dass wir Weihnachten ruhig nochmal hier feiern. Das war eigentlich ganz schön. Jo, fand ich auch. Ich mag die Corona-Weihnachten lieber als die normalen, so leid es mir tut.

Dritte Adventswoche, im Nebel

Eine Elterntaxifahrt in der Dämmerung. Von rechts kommt ein Reh aus der Wiese, läuft vor uns über die Straße und auf der anderen Seite den Hang hoch. Kommentar vom Beifahrersitz aus: „Vorsicht. Weitere Einzeltiere können folgen“ Fahrschülerin an Bord.


„Mama, schnell“, ruft das Märzkind. Ich habs gesehen. Kurz nachdem sie der Haustür raus war, ist der Bus vorbeigefahren. Vier Minuten eher als üblich. Ich schnappe mir den Autoschlüssel und rufe nach oben, dass ich kurz nicht da bin. An der Bushaltestelle laden noch zwei ein, die auch zu spät waren, heute kommt kein Bus mehr. Leider steht im nächsten Ort niemand an der Haltestelle und der Bus fährt durch. Auf der schmalen Landstraße kann man keinen Bus überholen. Im nächsten Ort stehen zum Glück ein paar Leute. Ich halte, die drei Mädels bedanken sich herzlich und rennen los. Ich wende und fahre so schnell es geht durch den dichten Nebel wieder zurück. Wenn mir jetzt was vors Auto laufen würde, ich habe kein Handy dabei. Auch keine Jacke, und wenn ich so drüber nachdenke, ich hab Hausschuhe an.

Juhu, die anderen Kinder waren ausreichend geweckt und ziehen sich gerade die Jacken an als ich zu Hause ankomme. Ich hatte mich schon auf eine zweite Tour eingestellt.

Der Bus fährt ab jetzt vier Minuten früher. Es gab eine Fahrplanänderung. Die erste seit – schon immer. Ein Hinweis-Zettel im Bus wäre hilfreich gewesen.


Der Liebste fährt seine Mutter in die Klinik. Zwei bis drei Wochen wird das dauern. Weihnachten müssen wir dann mal sehen, ob und wann und wer und wie und wo.


Ich habe um neun einen Termin, normalerweise hätte jemand die Hunderunde übernommen. Normal wurde abgeschafft, scheint mir. Um halb acht ist es im Feld noch dunkel. Das macht aber eigentlich nichts, denn es ist so dermaßen neblig, da könnte man im Hellen auch nicht mehr sehen. Der Hund läuft zwanzig Meter vor und ist verschwunden. Ich hab schlecht geschlafen und für Kaffee war noch keine Zeit. Dieses Wetter, es ist wie in dem Buch, das ich heute nacht gelesen habe. Eigentlich um müde genug zum weiterschlafen zu werden, hat aber nicht funktioniert. Im Buch kamen die Hungernden aus dem Nebel. Eine Art Zombie-Vampire, die sehen aus wie Menschen, naja, wie tote Menschen, mit roten Augen, Klauen und Reißzähnen um den Lebenden das Fleisch von den Knochen… Drei Meter hinter mir springt etwas aus dem Graben. Da bin ich doch tatsächlich am eigenen Hund vorbeigelaufen, ohne es zu bemerken. Jetzt bin ich wach.


Am Eingang wird kurz ein Blick auf meinen QR-Code geworfen. Danke, alles super, bitte hier. Nachdem letzte Woche im Bastelladen mein Code gescannt und mit Perso abgeglichen wurde, scheint mir diese Kontrolle etwas lasch, aber egal. Es gilt sowieso FFP2-Masken-Pflicht. Einmal waschen, schneiden, föhnen dauert 40 Minuten und kostet 43,50 Euro. Gefühlte Inflation. Ich war allerdings auch schon länger nicht beim Frisör.


Ich lese ein bisschen was über die Omikron Variante und ergänze den Einkaufszettel. Hundefutter, Klopapier, Rotwein, Chips, Schokolade, Tiefkühlschnitzel, Frikadellen in Dosen. Ich will nicht wieder angeguckt werden wie der apokalyptische Hamster, wenn ich für mehrfach-Teenager-Haushalt mit geschlossener Kantine einkaufe. Vorräte verstecke ich im Keller, da vermuten die Blagen nichts Leckeres.


Der Klassenlehrer des Maikinds bittet alle, die bisher noch ohne sind, über die Ferien nochmal über eine Impfung nachzudenken, es gäbe erste Hinweise, dass Schule vielleicht, irgendwann nach den Ferien 2G werden könnte. „Das heißt, ich geh dann nicht mehr hin, oder was?“, erkundigt sich das Julikind, und freut sich schon. „Keine Ahnung“, knurrt das Maikind.


De Omma gibt mir ihr Rezept für Honigkuchen und ruft zwei Tage später an, um zu fragen, wie sie denn geworden sind. Bin ich noch nicht zu gekommen. Was? Wieso das denn nicht? Wegen Sachen. So kurz vor Weihnachten, da müsse man aber schon Prioritäten setzen, sagt de Omma.

Advents-Start 21

„Wir hatten wenig Besuch in letzter Zeit, oder kommt mir das nur so vor?“, überlegt das Maikind beim Abendessen. Das kommt ihm nicht nur so vor, es ist so. Die Coronazahlen im Moment, man will sich gegenseitig nichts bringen… Oh, ach so, sagt er.

Das Robert Koch Institut, die Wissenschaftler der Leopoldina, alle bitten uns eindringlich Kontakte zu reduzieren, wo immer möglich. Ich höre und verstehe das durchaus. Gleichzeitig nehme ich die Stimmung der Kinder wahr. Kontaktreduzierungen sind uns nicht mehr möglich. Corona fressen Seele auf.

Solange Sport stattfinden darf gehen die Kinder hin, fertig. Das Märzkind ist auf eine Geburtstagsfeier eingeladen. Mir ist ein bisschen mulmig, aber ich sage nichts. Brauch ich auch nicht. Es sind nur ganz wenige eingeladen, alle geimpft und heute morgen getestet. Niemand möchte Lockdown mit Eltern riskieren.


Halsschmerzen beim Maikind die ganze Woche. Samstag dann schlimm genug für den hausärztlichen Notdienst. Ich werde gebeten, draußen zu warten, er ist ja schon groß. Zum Glück geht es erfreulich schnell, auf im Auto warten bei null Grad war ich nämlich nicht vorbereitet. Ein blaues Rezept hat er bekommen und den Rat, etwas kaltes zu essen. Jo, gut, dann ist es nicht so schlimm wie befürchtet und er kann Montag wieder in die Schule?, frage ich ihn. Woher soll er das wissen?


Die Uroma ist nicht geimpft. An irgendwas muss sie ja mal sterben, hat sie gesagt. Tja. Da hat sie wohl recht. Mit ihren 101 Jahren ist sie durchaus noch interessiert und informiert, das kann sie selber entscheiden. Aber: Was machen wir denn jetzt mit Weihnachten? Die Chance, dass sie nächstes Jahr noch da ist, ist 50:50, egal was wir tun oder lassen. Das Ganze mal etwas drastischer zu fomulieren hilft bei der Entscheidungsfindung. Wir können es uns mental nicht leisten, das irgendwer aus unserem Haushalt zum gefühlten Todesengel wird.

Vorsichtig erkundige ich mich bei der Schwägerin, wie deren Weihnachtsplan aussieht, wir hätten da eine leichte Tendenz in Richtung „so wie letztes Jahr“. Es dauert keine fünf Minuten, bis ich eine Antwort bekomme. Bei ihnen ist es genauso, „geht net anners“, machen wir uns nichts vor. Ich bin erleichtert, wir werden nicht die einzigen sein, die nicht hingehen. Der Rest wird sich finden.


Eine Hunderunde zusammen mit `m Vatta. Wir haben uns irgendwie länger nicht gesehen und tratschen, schlimmer als beim Seniorencafe. Ich weiß von einer Schwangerschaft und einer Verlobung im Bekanntenkreis. Er berichtet, dass sich jemand freiwillig hat einweisen lassen, wegen was psychischem. Hach, das war aber nett, da haben wir aber beide gleich beim Frühstück was zu erzählen, zu Hause.


Hallo Haus. Nur mal angenommen die Baumärkte würden für zwei Wochen schließen, was würde dir denn als erstes Fehlen? Tropft, quietscht, klemmt oder rostet irgendwo was Dringendes? Sieht nicht so aus.


Ich gehe trotzdem in den Baumarkt, weil ich eine halbe Stunde Wartezeit habe. Das Märzkind hat gerade so eine Duftkerzenphase, es wäre gut, einen Feuerlöscher im Haus zu haben. Es gibt welche mit Pulver und welche mit Schaum drin. Worin besteht denn der Unterschied? Ich frage nach.

Fachverkäufer: „Was möchten Sie denn löschen?“

ich: „Naja, ich plane nichts Konkretes. Sagen wir einfach mal, einen Weihnachtsbaum?“

Fachverkäufer: „Haha, einen Weihnachtsbaum, das ist gut, dann rate ich Ihnen zu diesem hier“

Ich nehme mittelgroßen Feuerlöscher entgegen.

Der Fachverkäufer hält einen Moment inne. „Sie meinten doch einen normalgroßen Baum in einem normalgroßen Haus, oder?“

ich: „Ja sicher, alles normal“

Fachverkäufer: „Dann ist der richtig“.

Der Liebste möchte zu Hause wissen, warum ich mich für diesen Feuerlöscher entschieden habe. Weil das der Richtige ist, natürlich.


Wann ich denn mal wieder einkaufe, fragt de Omma, verdächtig vorsichtig. „Ich kaufe jede Woche ein, was brauchste denn?“ Sie hätte da eine Liste mit Dingen, die sie zum Backen braucht. Der Vatta kauft für sie ein, normalerweise, das macht der auch gut und sie ist ja froh, aber mit dem Einkauf von Backzutaten möchte sie ihn lieber nicht behelligen. Den Vatta graust es vor dieser Liste, das weiß ich. Puderzucker, Zuckerstreusel, Orangeat, Zitronat, alles kein Problem, ich finde das, versichere ich der Omma.


Der erste Schnee fällt und schmilzt am gleichen Tag. Macht nichts, das gilt. Es hat geschneit. Der Liebste hat Spätschicht, auf was sollen wir warten? Julikind und ich gucken „Drei Männer im Schnee“ und teilen uns einen Mandelnougatriegel dabei. Der Film ist so alt, die Leute hatten damals noch gar keine Fernseher. Nach ein paar Minuten vergisst man aber, dass die Farben fehlen. Als der Abspann läuft krabbelt das Julikind unter der Wolldecke hervor. „So“, sagt sie, „dann ist es jetzt Advent“.

Hochgradig verwandt

Ein Honigkunde hat sich telefonisch angekündigt und steht jetzt fröhlich vor der Tür. Seine beiden Töchter begleiten ihn. Das ist schön, wir haben uns ewig nicht gesehen, sie kommen einen Moment rein. Sippen-Smalltalk. Die entferntere Verwandschaft kennt man nicht wirklich gut, aber das Wichtigste wird innerhalb der Familie natürlich weitererzählt. Der Honigkunde ist heute selbst gefahren, den ganzen Weg, sagt er. Demnächst will er an die Mosel fahren, zur Walnussernte. Dort gebe es jede Menge Walnussbäume und es gilt das Jedermannsrecht, da darf jeder sammeln. Das macht Spaß und man muss dann im Winter nicht die Walnüsse kaufen, die einmal um die halbe Welt geflogen wurden. Die Ernte wird dann im Arbeitszimmer nach Größe sortiert und getrocknet. Zum Knacken der Nüsse hat er einen kleinen, flachen Korb und einen Hammer, das geht richtig gut. Die Tochter backt dann Nusskuchen, der ist auch richtig gut. Naja, jedenfalls hatten die Mädels gesagt, bis an die Mosel lassen sie ihn nicht mit dem Auto, einfach so, da musste er vorher einmal eine lange Strecke in Begleitung fahren, um zu gucken, ob das wieder geht. „Un?“, frage ich, „ging gut?“ „Ja, sicher“, sagt er, das sei überhaupt kein Problem gewesen, hatte er ja von Anfang gesagt. Die Töchter zucken mit den Schultern und nicken. Tatsächlich, das ging, besser als gedacht. Es war ja auch nur, weil er im letzten Jahr nicht viel gefahren ist, und wenn, dann immer nur Kurzstrecke. Genaugenommen war er vor einem Jahr so krank, das man dachte, er schafft es nicht bis Weihnachten, aber das sagt natürlich niemand.

Wo denn die Kinder alle seien, erkundigen sie sich. Die schlafen noch, oder tun zumindest so. Ach, das ist schade, die hätte man gern mal wieder gesehen. Dann müssen die drei schon weiter, sie haben noch viel vor, heute. Der Honig wird bezahlt und noch ein Schein extra dazugelegt, für die Kinder, kann ich aufteilen, oder einfach Eis für alle kaufen, sagt er, und ganz herzlich grüßen soll ich alle.


Ich schiebe dem Märzkind einen kleinen Stapel Münzen hin. Sie guckt mich fragend an. „Mit herzlichen Grüßen vom Winne“. „Hä, wer ist denn Winne?“ Na, Onkel Winne, der hatte Honig bestellt und hat den heute morgen abgeholt. Sie guckt immernoch fragend. „Eigentlich ist er dein Großonkel, oder nee, warte, er ist mein Großonkel, dann ist er dein, äh, ja was denn eigentlich?“ google: der Onkel meiner Oma ist mein? Großonkel 2. Grades. Aha.

Das Pluseins-Kind hat währenddessen den Kleingeldstapel einmal umgeschichtet. „Großonkel 2. Grades“, murmelt er. Für diesen Betrag, da muss er eine Stunde arbeiten, und sie, sie bekommt das einfach so geschenkt, von einem Großonkel 2. Grades. Er schüttelt mit dem Kopf. Soweit er weiß hat er solche Verwandschaft garnicht – geschweige denn, dass die vorbei kommen und ihm was schenken. Sie kennt den Winne ja auch nicht, sagt das Märzkind. „Aber ich freue mich trotzdem, wenn der ab und zu kommt, der ist nett“, lächelnd steckt sie das Geld ein. Das Pluseins-Kind schüttelt immernoch mit dem Kopf.

Bundesnotbremsen-Woche

Montag morgen um zwanzig vor sieben bekomme ich eine whattsapp vom Märzkind: „Nicht wundern, ich habe erst zur zweiten Stunde“. Mich wundern gerade was ganz anderes. „Ich stehe gerade vorm Rewe im Nachbarstädtchen und warte. Die machen erst um sieben auf. Surreal.“

Um viertel nach acht habe ich eine riesen Brotdose befüllt, zwei Überweisungen getätigt, hatte eine Elterntaxifahrt und der Wocheneinkauf ist erledigt und verräumt. Ja, Hund, wir gehen gleich. Erstmal muss ich das Julikind wecken, ist ja wieder Hausaufgabentag, heute. Obwohl, die kann noch eine halbe Stunde schlafen. Ich brauche erstmal einen Kaffee.

Hunderunde. Kochen. Essen. Neue Stundenpläne zur Kenntnis nehmen. Sport? Im Ernst? Passen die Schuhe noch? Wo zum Geier, sollen wir denn bis Donnerstag Sportschuhe herbekommen? Moment. Du darfst doch diese Woche noch keinen Sport machen. Nächste Woche ist Schulsport bestimmt eh schon wieder verboten. Wir haben kein Problem. Hausaufgaben. Ist da jetzt was in Lanis hinterlegt? Oder kommt das so aus, das jede Gruppe jeden Lehrer einmal in der Woche sieht?

Maikind wieder abholen. Er war heute mit auf einer Baustelle, da durften sie ohne Maske arbeiten, das war schön. Vorsichtig erkundige ich mich, wie viele Leute denn da sonst noch… Nicht so viele, ein paar Maler, ein paar Fensterputzer. Seufz. Dafür sitzen wir eigentlich nicht seit November zu Hause. Aber wenn sich alle anderen einig sind, dann gibt es eben auf Baustellen kein Covid. Hauptsache der Junge kann sich mal wieder über was freuen.

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Der Liebste feiert Überstunden ab. Er übernimmt die Familien-Frühschicht. Ich kann morgens um sieben mit Kaffee anfangen, das ist ungewohnt. Aber es tut gut. Die letzte Woche hat mich mental geschafft.

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Mutterkollegin teilt im whattsappchat mit, dass das Konfirmationsdatum verschoben wurde. Seufz. Mal abgesehen davon, dass das Maikind auf keinen Fall verschieben möchte, dieser Termin passt nicht. Garnicht.

Anruf im Pfarramt. Dieses Jahr macht man alles möglich. Der Termin kann bleiben.

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Außer dem Termin ändert sich dadurch allerdings alles. Wir sagen ab, denken um, planen um.

Was darf man denn mit wie vielen Personen unter welchen Umständen wo?

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Der Dachdecker ruft an, morgen passt es. Morgen passt eigentlich nicht so richtig gut. Andererseits warten wir seit fast drei Jahren auf einen Dachdecker, der so einen winzigen Auftrag annimmt. Der Liebste beginnt mit dem Abriss. Das geht einfacher und schneller als erwartet. Am Nachmittag des nächsten Tages ist alles neu. Wie schlimm das wirklich aussah merkt man erst jetzt. Wir freuen uns. Man könnte auf dieses Dach sogar einen Bodenbelag drauftun, dann wäre es als Fläche nutzbar, murmelnd laufen wir eine Weile im Garten auf und ab.

Es ist etwas fertig geworden. Einfach so, mitten im Leben.