März, halbgar

Ich lese einen Herzchen-Roman aus dem öffentlichen Bücherschrank. Die Handlung ist angenehm vorhersehbar, manchmal braucht es sowas. Moment, das hatte ich doch schon gelesen. Vielleicht war das Lesezeichen rausgefallen und irgendwer hat es einfach irgendwo wieder reingelegt. Plötzlich macht die Handlung einen Sprung, da fehlt doch was. Ich blättere hin und blättere her und wundere mich. Es liegt nicht an mir. Zwanzig Seiten sind doppelt dafür fehlen die, die da eigentlich hätten sein sollen. Das hatte ich auch noch nie.

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Es ist ein stürmischer Tag, man sieht kaum jemanden. Deshalb fallen uns im Vorbeifahren die drei Jungs auf. Sie sind im Grundschulalter und stehen im Kreis auf dem Bürgersteig. Anscheind versuchen sie, sich gegenseitig Windschatten zu schaffen. Ein Schal fliegt fast weg und wird etwas umständlich wieder um den Hals gewickelt. Dabei kann man es sehen. Etwas, das man schon so lange nicht mehr gesehen hat, das man zweimal gucken muss, bevor man es begreift.

„Samma, hat der Junge eine Pommesschale in der Hand?“, fragt das Märzkind ganz aufgeregt. Das würde ja bedeuten, dass das Pommesgeschäft wieder geöffnet hat. Das sind doch mal gute Nachrichten.

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Irgendwem ist wohl aufgefallen, dass die siebt- bis elftklässler schon ziemlich lange zu Hause sind. Da soll es jetzt mal voran gehen. Noch vor Ostern wird jede Klasse mindestens einen Präsenztag pro Woche bekommen, der übliche Elternbrief des Kultusministerims feiert dieses Konzept. Wenn man dem amtlichen Geschwurbel die Fakten entrissen hat bleibt folgendes übrig: Start am 22. März – das heißt, wir reden hier über genau zwei Präsenztage vor Ostern – es sei denn man erwischt den Freitag, dann wäre es nur einer.

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Wir sind eingeladen. Eigentlich hat der Liebste sich auf ein Bier verabredet und sich dann überlegt, dass ich da mit könnte, aber hej, wir sind eingeladen. Auf der Hinfahrt überlegen wir, wann wir denn das letzte Mal zu zweit alleine irgendwo gewesen sind, nicht zu Hause, ohne Kinder, ohne Hund. Das muss im Dezember gewesen. Im Dezember 2019.

Ein schöner Abend. Zum Abschied umarmen wir uns kurz, ohne dass irgendwer darüber nachdenkt.

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Meine Schwester ruft an. Sie hatte ja vor drei Wochen gesagt, sie ruft mich zurück. Ist das echt schon drei Wochen her? Egal. Ich habe gerade Zeit. Wir telefonieren fast zwei Stunden. Ihr Alltag hat sich durch die Situation kaum verändert. Sie haben zwei Urlaube gebucht. Eine ganz andere Welt, interessant.

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Eine mail wurde geschrieben und drei Nachrichten hinterlassen, bisher keine Reaktion. Man kann wohl davon ausgehen, dass diese Firma keinen Praktikumsplatz hat, im Moment. Wir überlegen, was sonst noch in Frage kommen könnte und machen eine Liste. Ich werde telefonieren. Andererseits kann ich mir das vielleicht auch sparen, so wie die Inzidenz im Moment steigt. Laut Klassenlehrer könnten da Änderungen kommen, auch ganz kurzfristig, die Schule entscheidet gar nicht selber, ob das stattfinden darf.

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Das Märzkind braucht Klamotten. Wirklich zum Anziehen, an shoppen zum persönlichen Vergnügen denkt ja schon lange keiner mehr. Die Läden haben zwar geöffnet, man muss aber vorher einen Termin vereinbaren. Einfach von einem Laden in den nächsten gehen, wenn man nichts findet, ist also nicht. Wo ist denn wohl die Erfolgsaussicht am größten, wer hätte denn wann Zeit? Was wird gebraucht? Es ist ein bisschen dringend, denn wenn wir wieder über 100 liegen, wird es dieses Angebot auch nicht mehr geben.

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Die Konfirmationseinladungen sind fertig gebastelt. „Du bist herzlich eingeladen, es sei denn, wir dürfen nur mit wenigen Leuten feiern, oder gar nicht. Vielleicht ändert sich der Termin oder der Ort oder die Zeit noch, dass wissen wir aber erst kurz vorher“ Ich bastele noch an der Formulierung.

zuckerfrei

Früher, da musste ich sonntags schon um halb neun mit dem Hund raus. Um kurz vor zehn musste der Konfirmand zum Gottesdienst gefahren werden. Danach war ich gerade so rechtzeitig zu Hause, um das Märzkind zum Training ins Städtchen zu fahren. Dann zurück und irgendwas kochen, wieder hin um das Kind abzuholen, essen und wieder mit dem Hund raus. Ich mag die Lockdown-Sonntage.

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Gefühlt kommen sehr viel mehr Kraniche wieder, als ich Richtung Süden habe fliegen sehen.

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Das Maikind wird am Telefon verlangt. Das ist ungewöhnlich. Gleich kommt die Tante vorbei um seinen Nintendo abzuholen, sagt er. Ich wundere mich, die Konsole gehört eigentlich zum Allerheiligsten. Der große Cousin ist in Quarantäne, erfahre ich. „Und, wenn der schon übers Festnetz hier anruft, dann braucht der die echt.“

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Ich klettere so halb den Hang hoch und angele nach der Hunde-Frisbee. Ratsch. Meine Jeans reißt. Das kann doch wohl nicht sein. Abends stelle ich mich zum ersten Mal seit Ewigkeiten auf die Waage. Oh. Die Jeans hatte recht.

Wieviel Süßkram ich wirklich gegessen habe fällt mir erst auf, als ich versuche ohne klar zu kommen.

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Kopiergeld soll sie mitbringen, sechs Euro, sagt das Julikind. Vier Präsenztage Schule waren das, bis jetzt, dieses Jahr. Mir war so, als hätte ich in der übrigen Zeit die Kopien gemacht. Aber natürlich zahle ich gern. Die Bildug der Kinder liegt uns ja allen am Herzen. Nicht wahr?

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Stadt/Land/Einhorn ist tatsächlich eine intelektuelle Herausforderung. Ich kenne so gut wie keine Flüsse und gar keine Influencer. Städte und Länder fallen mir schon ein, aber so einfach ist es natürlich nicht. „Honduras ist kein Land, man darf sich doch nicht einfach irgendwas ausdenken“. Das Julikind ist entrüstet. „Günther??? Also Mama echt jetzt, Günther ist doch kein Einhornname.“ Ja, nee, ist klar.

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Das Maikind wirft seit Tagen einen kleinen Ball gegen seine Zimmerwand, so leise es geht, aber stundenlang. Es nervt ein bisschen. Völlig unerwartet hört das Klopfgeräusch auf. Er kommt aus dem Zimmer, setzt sich an den Esstisch und erklärt mir wie Bitcoin-Mining funktioniert. Ich bin ehrlich beeindruckt. Er backt dann jetzt Schokoladenkuchen, sagt er.

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Anderen beim Backen zuzuschauen ist faszinierend.

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Eine Geburtstagsfeier für das Märzkind? Schwierig, die Kontaktbeschränkungen werden dann immernoch gelten. Es dürfen sich maximal 5 Leute aus zwei Haushalten treffen. Paare gelten als ein Haushalt. Was heißt das denn wohl? Sind das Märzkind und pluseins damit ein Haushalt. Die Freundin hat einen besten Freund, die sind zwar kein Paar, aber das kann doch niemand wissen, oder? Ich bewundere im Stillen ihren Ehrgeiz, die Regeln einzuhalten. 5 Personen haben wir erlaubt, in der Hoffnung, dass da einfach niemand so genau nachfragt. Beim zweiten Lockdown-Geburtstag ist nachfeiern keine Option mehr.

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Wir bereiten uns aber schon mal auf Lockdown-Osterfeuer vor. Der Liebste räumt Altholzvorräte aus der Garage immer schön nach vorne. Wir werden wohl die ganze Nacht an der Feuertonne stehen.

Ich weiß es doch auch nicht

Vor Ostern, wenn die Skigäste durch sind und es draußen warm genug zum Wäsche trocknen ist, mache ich normalerweise eine Grundreinigung in der Ferienwohnung. Skigäste gab es keine, Ostergäste wird es auch nicht geben. Ich vermisse das Bettzeug und Gardinen- und Geschirrchaos. Es ist seltsam, ich mochte es nie. Den Weihnachtsstern könnte ich mal abnehmen.

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Wir bringen ein Auto zum Wanderparkplatz zwei Orte weiter und laufen ein Stück auf diesem Premiumwanderweg, der quasi vor der Haustür anfängt. Wir müssen hier alle mal raus. Das Julikind wollte nicht mit, zu Hause bleiben aber auch nicht. Nach einer halben Stunde führt der Weg durch die Wildnis und sie wird fröhlicher. Früher, als er klein war, musste er auch wandern, mit seinen Eltern, sagt der Liebste, sie waren in Bayern, in Österreich und so. Aber hier, hier ist er noch nie lang gelaufen.

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Vor zwei Wochen hatte ich eine Matratze bestellt und bezahlt. Seitdem nichts mehr davon gehört. So langsam müsste die geliefert werden. Oder auch nicht. Nach zwanzig Minuten in einer nervtötenden Warteschleife, habe ich eine Dame am Telefon, die mir nur sagen kann, das auf meiner Zahlungsbestätigung eine falsche Nummer steht, und der Auftrag vermutlich deswegen „irgendwie durchgerutscht“ ist, leider könne sie da nichts für mich tun, ihr Job ist es nur, ans Telefon zu gehen, so leid es ihr tut. Ich storniere.

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„Der Mathewettbewerb, nächste Woche, findet der statt?“, fragt das Maikind im vorbeigehen. Ähm, gute Frage. Anruf im Sekretariat der Schule. Gute Frage, man wird mich gleich zurückrufen. Der findet tatsächlich statt, so halb digital. Das Maikind soll bitte Mittwoch in die Schule kommen. Jackpot! Mittwoch ist der einzige Tag der Woche, der pickepackevoll mit online-Unterricht ist. Leider wird verlangt, dass er ab der sechsten Stunde zu Hause wieder teilnehmen muss. Man fasst es kaum, sagt das Maikind. Hätte der Wettbewerb im Städtchen stattgefunden, wäre er für diesen Tag freigestellt worden. Ähm, ich sag lieber nix.

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Samstag morgen um halb acht ist es wirklich leise im Ort. Etwas weiter unten am Hang knackt ein Ast. Weil es das einzige Geräusch ist, schaue ich in die Richtung und bleibe verwundert stehen. Eine Hirschkuh, anscheind auf dem Weg zum Altglascontainer. Hund und Hirsch gucken mich aus verschiedenen Richtungen leicht verwirrt an. „Expecto patronum“, murmele ich. Die Hirschkuh dreht sich um und geht.

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Die geistige Freizeit, die sich durch zwei Tage Präsenzunterricht ergibt, füllt sich schnell von selber.

Man müsste mal: Familien-Verwaltungssachen erledigen, Arzttermine machen für ganz normale Kontrollsachen, Sperrmüll bestellen, Konfirmationseinladungen, zu klein gewordenes aus dem Kleiderschrank des Julikindes räumen, Wäsche, Fenster putzen.

Der Liebste nimmt die Kinder mit zum Fahrrad fahren. Eine Stunde bin ich allein zu Hause. Es ist herrlich. Mit einer Tasse Kaffe stehe ich am Fenster und mache nichts, sowas von garnichts, eine ganze Stunde, weil ich es kann. Früher hätte ich eine Woche Urlaub machen müssen, um einen gleichwertigen Erholungswert zu erlangen. Nach einem Jahr Pandemie reicht eine Stunde.

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Die Blagen haben die Tüte mit Osterschnucke gefunden. Ganz hinten ganz unten in einem Schrank, in dem nur hauswirtschaftlicher Kram lagert, den ausser mir eigentlich nie jemand sucht. Als würde man mit einem Schwarm Heuschrecken zusammen wohnen…

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Auf der Danksagung steht hinten handschriftlich drauf, wie sehr man sich über unsere Karte gefreut habe. Ich stelle fest, dass ich die Frau auf dem Bild wirklich nicht kenne. Der Liebste freut sich, denn er mochte diese Tante aus der Gemeinde richtig gern, und, hat er doch gewusst, das ich da die richtigen Worte finde. Das widerum freut mich, weil ich lieber Karten schreibe als Holz trage. Ein win-win Situation.

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Das Praktikum findet statt, da muss ich dann mal anrufen, sagt mir das Maikind im Vorbeigehen. „Moment, ich kann doch da nicht einfach anrufen und sagen, das Praktium findet statt, da brauch ich ein Datum.“ Augenrollen. Der Außendiestler habe doch gesagt, das ginge, egal wann. „Das ist richtig, aber wann genau müssen die ja dann trotzdem wissen. Sag der Fachlehrerin, ich will eine Email.“ Kurze klare Sätze.

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„Wann ist wieder Kickboxen?“, fragt das Julikind. Ich weiß es leider nicht. Aber die Frisöre machen doch auf. Ich glaube, das heißt nichts. Machen die Gartencenter nicht auch auf? Ich habe keine Ahnung. „Aber, die werden doch wohl nicht die Gartencenter aufmachen, bevor alle wieder zur Schule können?“, das Märzkind ist irritiert. Ich fürchte, genau das wird passieren. „Aber, in Gartencentern kaufen doch nur alte Leute. Wieso immer nur die Alten? Die werden geimpft und dürfen wieder einkaufen, ganz normal, und wir? Nix.“ „Die Rentner dürfen wählen, ihr nicht.“ „Aber das ist doch scheiße“, sagt das Märzkind. „Richtig“, sage ich. PoWi im homeschooling.

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De Omma hat das Beet im Vorgarten gejätet und mit der Hacke schon mal kleine Löcher reingegraben, um die genaue Anzahl der benötigten Stiefmütterchen zu ermitteln. Ein bisschen wartet sie noch, es ist nachts noch ziemlich kalt nachts, sagt sie.

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In deutscher Gründlichkeit wurde eine Art Öffnungsstrategie entworfen. Ich versuche, dieser Tabelle einen Sinn zu entnehmen. Es ist schwierig. Meine Öffnungsstrategie sieht daher folgerdermaßen aus: Wir planen, und dann geht das entweder oder nicht. Das schreibe ich in die Einladung. Problem gelöst.

Frühling im Februar

In der letzten Woche waren abends, nach der 10 Minuten Runde mit dem Hund meine Schnürsenkel als Schleife festgefroren und gingen schlecht auf. Diese Woche können das Julikind und ich barfuss auf dem Hof laufen und Kreidebilder malen. Der Schnee ist weg und es ist 30°C wärmer.

Zwei Tage bin ich müde und gereizt, bis ich darauf komme, meine Allergiemedikamente der Wetterlage anzupassen. Frühling also.

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Rückenschmerzen, Neurodermitisprobleme, Nackenverspannungen, Kopfschmerzen, Heuschnupfen, verschiendene Arten von Schlafstörungen, jeder von uns hat irgendwas. Eine unübersichtliche Menge an Hausaufgaben muss immernoch auf verschiedensten Wegen zu der jeweils richtigen Zeit an die Lehrkräfte geschickt werden. Online Unterricht, ach, zu dem Thema kann man auch einfach schweigen.

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Der Garten sieht ohne Schnee traurig aus. Man müsste da mal, mindestens die Wege fegen, alte Sachen rausrupfen, neues vorbereiten. Die „man müsste mal-Liste“ ist lang.

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Donnerstags läuft Germanys next Top Modell. Das Märzkind ist nachmittags schon ganz raschelig. Ob es heute wohl das große Umstyling geben wird? Sehr wahrscheinlich wird diese Eine rausfliegen, das wäre zwar schade, die ist eigentlich total süß, aber leider ist die schlecht gelaufen. Schlecht gelaufen? Ich habe mir zwei Wochen lang Mühe gegeben. Aber dieses quieksige „Oh!Mein!Gott! „, es ist nicht meine Welt. Sorry, ich finde diese Designerin sehr unhöflich und dieses mega-stylische outfit, das ist Lego auf einer umgedrehten Regenronne, oder?

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Wir wollten Englisch machen, nach dem Abendessen. Um halb zehn sitzen das Julikind und ich zu Tränen gerührt am Esstisch. Es ist aber auch wirklich schön. Irgendwie sind wir auf Youtube gelandet und schauen uns Videos davon an, wie amerikanische Militärangehörige nach monatelangen Einsätzen wieder nach Hause kommen und von ihren Kindern begrüßt werden.

Wir haben beide keine Lust mehr auf diese außerschulische Lernsituation.

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„Ach, Corona, so langsam reicht es, sollen sie doch einfach alles wieder aufmachen. So schlimm wird das schon nicht, oder, hast du in den letzen Wochen nochmal was gehört, dass es irgenwer hatte?“, mein Gesprächspartner ist merklich angenervt von dieser Situation. Das kann ich richtig gut verstehen, erschrecke mich aber trotzdem ein bisschen. „In meinem Bekanntenkreis sind vier daran gestorben, in den letzen Wochen“. „Oh“, sagt er.

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Das Märzkind hat einen Praktikumsplatz. Den, den sie am allerliebsten wollte. Da kullert mehr als nur ein Stein vom Herzen. Kurz wird die Stimmung getrübt von der Erkenntnis, dass sie dann dieses Jahr nur drei Wochen Sommerferien haben wird. Aber, eigentlich ist das wahrscheinlich auch egal, in diesem Jahr. Dann muss sie sich jetzt wenigstens keine Sorgen mehr machen, über diesen zermürbend provisorischen Präsenzunterricht.

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Ich lese keine Tageszeitung, ich tratsche am Küchentisch. Es könnte also sein, das meine Informationen, aufgrund der aktuellen Situation, veraltet sind. Aber wenn sie stimmen, dann muss innerhalb der Gemeinde eine Kläranlage neu gemacht werden. Muss, im Sinne von echt jetzt, weil anders geht es nicht mehr, egal wer gewinnt. Das wird leider richtig teuer, ohne das irgendwer, irgendeinen Mehrwert davon hat. Man kann sich aber aussuchen, ob das wirtschaftlich/gut für die Umwelt/ein Gewinn an Lebensqualität im ländlichen Raum/eine nachhaltige Investition sein soll.

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Der Onkel kommt um halb drei, sagt das Märzkind, wegen Haare schneiden. Der Onkel ist über das Wochende bei den Eltern. Die kommen mit. Sechs Stühle stehen ja immer am Tisch, einen siebten haben wir auch schnell organisiert, aber wo ist eigentlich der achte? Wann haben das letzte mal acht Leute am Tisch gesessen? Überhaupt noch nie, seit wir umgeräumt haben. Es geht aber. Ganz gut sogar. Einen Moment schauen alle leicht verwundert, man muss sich kurz an diese Situation gewöhnen. „Legal ist das nicht“, sagt der Vatta. Aber shutdown tut uns allen nicht mehr gut.

„Das war aber richtig schön, heute“, sagt das Maikind abends.

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Zwei Tage Schule hatte das Julikind in dieser Woche. Einerseits freut mich das, es hat sich angefühlt wir Urlaub. Andererseitshttps://www.zdf.de/comedy/noch-nicht-schicht/noch-nicht-schicht-210223-102.html

Halbzeit Februar

Ich bin anscheind der einzige Mensch, der im Wald spazieren geht. Die Hunderunde, die ich sonst in 40 Minuten laufe dauert anderthalb Stunden. Auf der ganzen Strecke liegen durchgängig 30cm Schnee, ich komme bei -10°C ins schwitzen, während zeitgleich meine Haare einfrieren.

Mir begegnen immer mal Tiere hier, aber wie viele wirklich unterwegs sind, das sieht man jetzt erst. Die Rehe haben schon Pfade auf dem Weg und es gibt mehr Hasen, als ich gedacht hätte. Eine Spur wird von Pfotenabdrücken gekreuzt und ein paar Meter weiter kann man deutlich sehen, wo der Fuchs dem Hasen gute Nacht gesagt.

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Vielleicht geht er einfach nicht mehr hin, zum online Unterricht, sagt das Maikind. Da wird 10 Minuten lang was erklärt und anschließend eine Stunde lang darüber geredet. Er stellt dann auf stumm und erledigt er die Aufgaben, die beim nächsten Mal online kontrolliert werden sollen. Die Hausaufgaben macht er nicht, das ist „6 Seiten lang immer die gleiche Aufgabe nur mit anderen Zahlen“, die Lehrerin schickt Freitags die Lösungen zur Selbstkontrolle, das muss man dann nur abschreiben.

Was soll ich da sagen? Er hat gelernt, eine sinnfreie Tätigkeit zu rationalisieren. Das ist was Gutes.

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Eine Lehrkraft meldet sich per mail, mitten in der Woche. Der Wochenplan sei ja bekannt, für die nächste online Stunde solle bitte noch das Arbeitsblatt aus dem Anhang bearbeitet werden. Die Email hat keinen Anhang. „Hast du ein leeres Blatt, oder soll ich dir eins geben?“, frage ich das Maikind. Er hat eins. Immer top vorbereitet, das Kind, da muss ich aber mal loben. Wir sind an einem Punkt, wo wir darüber lachen können.

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Auf dem Englisch-Wochenplan des Julikinds steht etwas von „wenn wir uns nächste Woche wieder sehen“. Hä?

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Der Minister schreibt uns Eltern. Tatsächlich, ab nächster Woche Wechselunterricht für die Klassen 1-6, weiterhin dieser die-ganze-Klasse-geteilt-in-zwei-Räumen-zeitgleich-mit-ein und derselben Lehrkraft-Unterricht für die Abschlussklassen, und für die Klassen 7-9 ist man voller Hoffnung, dass, soweit es das Infektionsgeschehen erlaubt, eines Tages ebenfalls, irgendwas. Bla.

Das Maikind freut sich. „Das klingt nicht so, als müsste ich vor den Osterferien noch, oder?“. Nö.

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Die Saison neigt sich dem Ende und Kunden gab es keine. Ein Modehaus bietet Überraschungspakete an. Ich brauche Klamotten und kann mir sowieso nicht vorstellen, mit FFP2 Maske einkaufen zu gehen. Es passt tatsächlich alles, was in dem Paket war. Einiges davon hätte ich im Laden nicht ausgesucht, aber alle Kleidungsstücke passen zusammen. Es ergeben sich Möglichkeiten, auf die wäre ich nicht gekommen. Ich könnte wieder unter Menschen.

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Das Märzkind wird eingeladen, eine Woche Campingurlaub mit einer Freundin. Eine Mutterkollegin hat gebucht und würde, wegen der aktuellen Situation, ein paar Freunde der Tochter mitnehmen. Alle freuen sich und beginnen mit der Planung. 10 Minuten, nachdem alle Probleme gelöst scheinen ruft die Mutterkollegin an. Osterurlaube sollen vermutlich nicht gestattet werden, es wurde alles wird abgesagt. Alle sind traurig, man sagt sich die üblichen Coronafloskeln. Ist halt so.

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Das Märzkind fragt nach Geburtstagsfeier- Möglichkeiten. Ich kann da leider gar nichts versprechen. Der aktuelle shutdown soll am 7.März enden. Man weiß nicht, was das heißt, oder was danach kommt. Eine Uroma hat den zweiten Impftermin drei Tage vorher, die könnten wir auf jeden Fall einladen. Was eine Feier mit Freunden angeht, da müssen wir abwarten, wie viele dann erlaubt sind und was geöffnet hat. Wir überlegen Miniparty-Möglichkeiten. Peinlich darf es unter keinen Umständen werden, langweilig auch nicht, wenn es nur so wenige Leute sind, dann ist es auch wichtig, dass die sich leiden können. Ach, es ist kompliziert. Es ist seit langem mal wieder ein Gespräch das wir geführt haben ohne uns anzuzicken, stellen wir am Ende verwundert fest. Eigentlich – nochmal kurz nachdenken- nee, wir haben uns den ganzen Tag noch nicht angeraunzt. „Hast du im Zimmer das Fenster auf und die Heizung auf vier?“, frage ich nach. „Nee“, sagt das Märzkind, „nichtmal das“.

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Das Julikind kommt morgens in Jeans und Pulli zum Frühstück. Ich wundere mich. „Haste gesehen, Mama, ich hab mich mal normal angezogen?“ Sicher, das habe ich gesehen. Das waren 90 Tage in Jogginghosen.

Langsam wird`s unheimlich.

Winter im Februar

Aha, ich hatte mich auch schon gewundert. Dieser Roman, der da beim Maikind auf dem Sessel liegt, der soll also gelesen werden. Das ist die lockdown Lektüre. Leider ist dieses Buch das langweiligste der Welt, und man hätte ja überhaupt auch mal sagen können, dass er anfangen soll, das zu lesen und ach, habe ich überhaupt gesehen wie dick dieses Buch ist? Es waren gute Zeiten, als die Lehrkräfte sich tot gestellt haben, aber die sind vorbei. Eine kurze Internetrecherche ergibt, es handelt sich anscheind um eine Standardlektüre für die achte Klasse. Man kann Inhaltsangaben zu allen Kapiteln vorgefertigt finden. Wenn da allerdings fünf Leute den gleichen Text einreichen, das wäre auch doof. Ich bestelle das Hörbuch.

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Die Englischlehrerin hat in der letzten Woche erstmals Hausaufgaben verlangt und diese Woche Sachen zur Korrektur vorliegen. Sie bittet in einer email alle Eltern, die Fotos der Aufgaben ab jetzt als pdf Datei zu schicken, denn, es ist schon ziemlich viel, all die Fotos zur Korrektur auszudrucken. Die dazu nötige app sei natürlich kostenlos.

Das ist ja nun wirklich kein Problem. Wenn wir sonst noch irgendwie helfen können, einfach sagen.

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Wir nutzen das click und collect Angebot des Baumarktes. Drei Waschbecken lang konnte die Armatur genauso einfach wieder dran gebaut werden. Diesmal passt nichts mehr zusammen. Anscheind haben sich die Abmessungen des günstigen Standard- Waschbeckens, das wir immer nehmen, irgendwie geändert. Es hat diesmal auch wirklich lange gehalten. Aus den 85 vorrätigen Möglichkeiten muss ich die einzig wahre Waschtischarmatur finden und online bestellen. Der Wasserhahn geht gerade so bis über das Waschbecken, der hätte ruhig 5cm länger sein können. Naja, aber so geht ja erstmal, sagt der Liebste. Wir wissen beide, dass das für immer so bleiben wird.

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Insgesamt hatte ich bei diesem homeschooling Quatsch den Eindruck, ich weiß nix mehr. Ich kann beim besten Willen keine Parabel mehr verschieben. Ganz spontan habe ich keine Ahnung, welche Klärstufen Abwasser durchläuft und zur Frühgeschichte der Menschheit ist gleich nach dem Stichwort Neandertaler Ende. Ich habe mir den aktuellen Spiegel-Wissenstest (*Werbung, unbezahlt, unbeauftragt, selber gekauft) mitbestellt, um herauszufinden, was man denn so allgemein wissen müsste. Siehe da, haha, zu meiner großen Freude erreiche ich ein Ergebnis, dass in der Testauswertung als „super“ beschrieben wird. Jetzt geht es mir besser. Mit Wissenlücken im Bereich Sport komme ich prima durchs Leben. Der Ruderweltmeister im Einer war vorher Schwimmer, übrigens.

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An ihrem Geburtstag ist die Liesel nicht ans Telefon gegangen. Das war schon ungewöhnlich. Als sie das letzte mal mit ihr gesprochen hat, da war sie ganz durcheinander. Der Willi war gerade ins Krankenhaus gekommen. Da hatten sie gesagt, der hat Corona. De Omma probiert es über mehrere Tage und telefoniert schließlich so lange herum, bis sie weiß, was los ist.

Die Liesel ist verstorben. Wenige Tage danach der Willi. Es fühlt sich an, wie ein Unfall. De Omma ist ganz durcheinander, sagt sie.

Ü80-jährige sind hier auf dem Land keine unbekannten, abgeschirmten Bewohner von Altersheimen. Das sind Leute. Ich kannte beide.

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Die Oma im Städtchen hat einen Impftermin Ende Februar. Eine freudige Nachricht, die man sich innerhalb der Familie weitererzählt.

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Winterwetter wird angesagt, aber so richtig. Man möge sich auf 40cm Schnee und Stromausfälle einstellen. Na toll. Locktown level zwei. Teenager ohne Strom. „Heißt dass dann, es würde auch kein Internet gehen?“ Ja. Wir wappnen uns mental. Alle Akkus werden bis zum Anschlag aufgeladen.

Sonntag vormittag liegt schon ein bisschen Schnee. Es ist auch windig, aber als Schneesturm würde ich das insgesamt nicht bezeichnen. Ich gehe eine große Runde mit dem Hund, für den Fall, dass es nachmittags doch noch Wetter gibt. Zwei Stunden laufen wir durch frischen Pulverschnee und sind fast überall die ersten. Das ist richtig schön, nach wochenlangem nebligen Matschwetter.

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Gerade als ich dachte, von dem angekündigten Unwetter haben wir nicht wirklich was abbekommen, fängt es an zu schneien. Sonntag abend schippt der Liebste nach der Arbeit noch eine Stunde die Einfahrt frei. Montag morgen ist davon nicht mehr zu sehen. Die Luft ist herrlich klar und der zugeschneite Wald sieht aus wie auf Instagramm. Noch vor Kaffee fange ich an, Schnee zu schaufeln und merke schnell, dass es eine Weile dauern wird. Ein kleiner schneebeladener Traktor fährt an unserer Einfahrt vorbei und kommt kurze Zeit später ohne Schnee wieder. Dreimal hintereinander. Im Ort stehen die Häuser dichter, da kann man den Schnee nicht einfach den Hang runter schaufeln. Als ich es fast geschafft habe, fährt das städtische Räumfahrzeug vorbei. Die 20cm Schnee, die auf der Straße lagen, landen schwungvoll in unserer Einfahrt. Och nö.

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Das Märzkind hat diese Woche auch keine Präsenzschule. Wegen Schnee, mal was anderes.

Montag morgen um 10 sind die Server überlastet. Je mehr Schüler, desto weniger Unterricht.

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„Mama, komm schnell, ich glaube, da sind Papageien am Futterhäuschen!“ Kernbeißer sind schon beeindruckend groß.

Blick aus dem Fenster

Corona hat Geburtstag, tralalalala

Heute vor einem Jahr, da war sie auf Skifreizeit, sagt das Märzkind beim Hundespaziergang.

Am Wochenende danach hatte sie diese ungewöhnlich heftige Erkältung. Wir haben Witze gemacht, weil sie nichts schmecken konnte. Darüber haben wir öfter nachgedacht, dieses Jahr.

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Am vierzehnten Schultag des zweiten lockdown im zwölften Monat der Pandemie schickt die Schule eine Schulordnung für den Distanzunterricht. Interessant. Ich hätte es schön gefunden, wenn seitens der Schule über den Sommer schon geklärt worden wäre, welche Lernplattform im Lockdownfall genutzt werden soll und die entsprechende online-Nettikette mit den Schülern besprochen und geübt worden wäre. Aber 10-jährigen mit Strafverfolgung zu drohen geht natürlich auch. Ganz allgemein wäre es wünschenswert, wenn dieser distanzierte Ringelpietz eine Qualität hätte, die von den Kindern als Unterricht wahrgenommen werden könnte. Dann würden die Blagen vielleicht gar nicht darauf kommen, den Autopilot einzuschalten und sich erstmal Frühstück zu machen. Ich unterschreibe diese Schulordnung so nicht. Mit freundlichen Grüßen, ich glaube es hackt.

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Um viertel nach acht kommt das Maikind rein. Da hat er jetzt seinen Distanzunterricht verpasst. Das ist natürlich meine Schuld, ich hätte ihn wecken müssen. Ja, um halb neun, sage ich. Nee, um halb. Das ist diese Woche anders, hat er doch wohl gesagt. Zum Glück ist das nur Deutsch, da isses sowieso egal. Ich müsste da was erzieherisches sagen, das ist mir klar. Allerdings habe ich bisher von keiner einzigen Lehrkraft des Maikinds irgendetwas gehört. Nichts. Ich kenne keinen Stundenplan und ich weiß nicht, ob er die Aufgaben hochläd. Gut möglich, dass er Recht hat.

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Es tut mir leid, alles was ich über Parabelverschiebungen noch weiß ist, dass ich das konnte. Frag pluseins, ob der das kann.

Zinseszinsrechnung, da gibt es eine Formel für, ich bin mir sicher.

Präteritum ist ging, nicht gang.

Die können doch nicht einfach sagen, die Frist endet in drei Tagen. Da muss man doch vorher mitteilen, dass es eine Frist gibt. Auf der Internetseite steht Fristende 31. März. Was gilt denn nun? Ein Anruf. Fristende für diesen Teil der Bewerbung ist Ende Juli. Wir haben gar kein Problem, oder doch. Die Bewerbung ist garnicht eingegangen? Gut, dass wir nochmal nachgefragt haben. Wie kann das sein? Ist ja auch egal, muss neu.

Die Deutschlehrern ruft an. Das Maikind hat den Unterricht versäumt. Außerdem fehlen noch zwei Hausaufgaben. Ich bedanke mich für den Anruf, ist schön, mal was zu hören. Ohne feedback wäre da ab hier auch nichts mehr zu wollen gewesen.

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Wäsche aufhängen im Keller – 10 Minuten Ruhe – an garnichts denken – eine Aufgabe bis zu Ende bringen. „I`m going to the zoo, uuuuhhuhuhhuhhhh“ Neeeeiiin! Das Hirn spielt Track 15 von der workbook CD ein.

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Mit den Stoffmasken konnte ich nicht gut atmen, einkaufen ging aber. Zum Glück habe ich das zu Hause noch ausprobiert, denn mit diesen OP-Masken kann ich schlecht atmen, stelle ich fest. Da muss ich Medikamente nehmen. Keine Ahnung, ob die irgendwas chemisches ausdunsten? Nachmittags ist im Supermarkt nicht viel los. Wenn man die einzige Person auf dem ganzen Parkplatz ist, gilt dann trotzdem Maskenpflicht? Ich sag mal, nö, und räume das Auto ohne ein. Meine Konsumlaune ist auf dem Nullpunkt angekommen.

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An einem Nachmittag fallen 10cm Neuschnee. Das hatten wir so schon lange nicht. Der Schnee geht in Regen über und alles ist schnell wieder weg.

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Wir machen einen Hundespaziergang zum Flüsschen. Das führt sehr viel mehr Wasser als im Sommer. Und es fließt auch beeindruckend schnell. Wenn man von der Hängebrücke aus nach unten sieht , fühlt es sich fast ein bisschen an wie auf der Achterbahn.

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Im Distanz-Konfirmanden-Unterricht ist das letzte Abendmahl Thema. Das Maikind soll etwas backen und das einer einsamen Person vorbeibringen. Unter Beachtung der allseits Bekannten Regeln, natürlich. Das Maikind möchte gern der Ur-Oma im Städtchen was bringen, die beiden haben sich seit Sommer gesehen. Beide freuen sich. Allmählich wir die Oma mutiger. Ein Jahr alleine ist genug.

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Wer möchte kann freitags, bei Einbruch der Dunkelheit eine brennende Kerze ins Fenster stellen. Zum Gedenken der Corona-Opfer und als Zeichen des Zusammenhalts oder der Hoffnung, ich hab gar nicht so genau mitbekommen, was der Bundespräsident da gesagt hat. Ist aber eine schöne Idee, finde ich. Unsere Fenster sieht man von der Straße nicht. Eine Laterne in der Auffahrt tut es auch. Zwei positiv Fälle Ü80 kennen wir diese Woche. Und ein bisschen Hoffnung auf Besserung haben wir nötig.

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Januar in Bildern

Schule zu Hause, Woche 2

Montag stehe ich zur gewohnten Uhrzeit auf. Die Kinder müssen erst etwas später zum online Unterricht, aber ich hätte gern einen Überblick, bevor alles wieder alles auf einmal gebraucht wird. Es läuft alles schon recht routiniert. Nach anderthalb Stunden ist alles ausgedruckt und den einzelnen Fächern der jeweiligen Kinder zugeordnet. Läuft doch. Denkste.

Ein Druckauftrag läuft quälend langsam. Ist das ein Papierstau? Nee, der versucht ein Foto zu drucken, ganzseitig, Abbruch. Was ist da los? Eine Lehrkraft hat ein Foto einer Buchseite geschickt.

Eine Audiodatei lässt sich nicht abspielen.

Das Kind möge bitte die Aufgaben aus dem Workbook auf ein loses Blatt abschreiben, das erleichtert die Korrektur, später, wenn das eingesammelt wird. Nein. Das workbook gehört uns. Außerdem besitzt dieser Haushalt ein Cuttermesser.

Da haben sie jetzt 10 Minuten gewartet, aber der Lehrer ist nicht gekommen, zum online Unterricht, nur dass ich bescheid weiß, er macht dann jetzt was anderes, sagt das Maikind. OK.

Die Aufgaben dieser Woche bitte nicht so abgeben wie die der letzen Woche. Es wurde eine neue Mailadresse angelegt, extra nur dafür, das erleichtert die Korrektur.

Hä? Woher kommt denn dieser Arbeitsauftrag? Der war doch Montag noch nicht da.

Abgabetermin Donnerstag, keine Zeitabgabe. Abends um acht werden die Aufgaben fertig, wir könnten sie hochladen. Leider gibt es keinen Abgabe-Button für dieses Fach. Dann packen wir das einfach in einen Email-Anhang und schicken es – ähm – nein, leider wurde keine Mailadresse mitgeteilt. Eine Mutterkollegin mir weiterhelfen. Sie hat noch ihre Notizen vom Elternabend 2019.

Eigentlich gilt der Abgabetermin bis Montag, folgende Aufgaben aber bitte schon Freitag einreichen.

Man kann sich nicht einwählen, in die online Sitzung. Das Kind hat schon alles probiert, ich probiere trotzdem alles nochmal. Es geht nicht. Das Kind wurde für die Teilnahme an dieser Sitzung extra geweckt und ist stinksauer.

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Wenn das Schwimmbad wieder aufmacht, dann sind wir die ersten, die da hinfahren. Gleich morgens. Die Badesachen ziehen wir drunter. Leider ist unsere Geldkarte leer, wir werden also klingeln und auf die Bademeisterin warten müssen. Während wir warten ziehen wir uns schon aus und knüddeln unsere Klamotten so, dass man sie im Vorbeigehen in einen Spint werfen kann. Drei Minuten, wird das dauern, ungefähr, vom Drehkreuz bis zum besten Platz vor der Sprudeldüse. Von da aus kann man die anderen Leute sehen, die rein kommen. Die sind dann leider alle zu spät, der Platz vor der Sprudeldüse ist schon besetzt. Und wenn das Schwimmbad am gleichen Tag aufmacht, wie die Schulen? Ach, dann sagen wir, das haben wir nicht gewusst und ich schreibe dir eine Entschuldigung, beruhige ich das Julikind.

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Eine Anfrage, ob ich denn dieses Frühjahr eherenamtlich so einmal die Woche, im letzen Jahr musste ja alles ausfallen und es wäre schade, so wie immer geht natürlich nicht, aber es wäre doch schön, wenn man alternativ etwas im kleineren Rahmen, dafür braucht es nur mehr Leute, also, was kann ich denn anbieten? Die mail ist schnell beantwortet. Nix.

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Ich weiß nicht mehr, wie die Frage aufkam, aber wir diskutieren ausführlich und ernsthaft, nach dem Abendessen darüber: Wenn man in der Schwerelosigkeit furzt, wie verteilt sich das? Und, nur mal angenommen, man müsste im Weltall keinen Raumanzug tragen und würde einfach so ins Universum pupsen, könnte man das sehen? Ich bin im naturwissenschaftlichen Bereich schnell raus, der Liebste übernimmt.

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Märzkind hat mündliche Prüfung. Alles läuft super. Die ganze Familie freut sich aus vollem Herzen mit.

Schriftliche Prüfungen wurden drei Wochen nach hinten geschoben, irgendwann im Juni dann. Da ist es ja total gut, dass keine Abschlussfahrt und auch sonst nichts stattfinden soll. Sonst würde das gar nicht gehen. Der einzige Komfort, den dieser Jahrgang noch gehabt hätte, wäre das Gefühl gewesen, ein wenig eher Ferien zu haben als alle andern. Tja.

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Gerade haben wir uns in die Küche gesetzt, da bekommt de Omma einen Anruf. Sie hält sich den Hörer ans Ohr, der Lautsprecher ist allerdings auch an. „Haste dann jehort? Der Zeitungszusteller ist gestürzt?“ De Omma fällt aus allen Wolken, das wußte sie noch garnicht. Ich nicke, weil, ich wußte das schon. Ich weiß sogar, welcher Art die Verletzungen sind und wie die OP gelaufen ist. Das wußte die Frau am Telefon anscheind nicht. Irritiert hakt sie nach, woher ich das denn wisse. Ich will nicht angeben, aber diese Informationen habe ich aus allererster Hand. „Och, ja dann, schönen Abend noch“, die Frau legt auf. Wer war das denn, erkundige ich mich? Dann muss ich der Omma alles nochmal erzählen, in der Aufregung hat sie ja garnicht richtig nachgefragt. Gerne doch, etwas vor Winters Frieda zu wissen, das passiert einem wahrscheinlich nur einmal im Leben.

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Hundespaziergang bei windigen null Grad und Schneegestöber. Als ich wieder rein komme stehen drei Kinder um den Esstisch. Die Kiwis wurden gerade geliefert. 6kg so in einem Karton, das sieht man nicht alle Tage. Sehr lecker.

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Lockdownverschärfungen also. Was heißt das für uns? Einkaufen und Busfahren geht ab jetzt nur noch mit medizinischen Masken. Schulen bleiben generell geschlossen bis 14. Februar, wenn ich das richtig verstanden habe eher bis Ostern, ohne das es jemand so sagt. Der ganze Rest wird so angeordnet, wie wir das seit November schon handhaben. Allmählich frage ich mich…

Halbzeit Januar

Die Aufgaben der Kinder kommen an und sind schaffbar, das ist sehr viel besser als im Frühjahr. Man kann, wenn man ein gutes Zeitfenster erwischt, die Hausaufgaben auf der Lernplattform finden und bearbeitete Sachen abschicken. Das Julikind macht ein Fach pro Tag. Sonst verlieren wir den Überblick. Eine Lehrkraft droht mit einem Hausaufgabenstrich, sollten die Aufgaben nicht fristgerecht eingereicht werden. Wie niedlich.

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Das Märzkind hat Unterricht in der Schule. Es fährt kein richtiger Bus, sondern ein kleiner weißer Sprinter. Drei Leute sind sie nur, auf der ganzen Strecke. Der Busfahrer steigt jedesmal aus und öffnet die Tür, wenn jemand ein oder aussteigt. Das ist seltsam. Die Tür würde sie ja nun wirklich selber auf und zu bekommen, sagt das Märzkind, da muss der doch nicht jedesmal raus in den Schnee. Vielleicht gibt es irgendwelche Bestimmungen, überlegen wir. Aber sie könnte das dem Busfahrer ja mal vorschlagen, sage ich.

Das Märzkind wird mittags jetzt direkt an unserer Einfahrt rausgelassen. Gefühlter VIP-Service.

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Die Klasse wurde geteilt, nach Sozialkontakten. Es sitzen also nicht genau gleich viele in den beiden Gruppen, sondern die, die sich nachmittags auch treffen würden, wenn man sich denn treffen dürfte. Da hat sich die Klassenlehrerin schon was bei gedacht.

In Französisch sind sie 13 Leute. 10 aus der eigenen und 3 aus der Paralellklasse. Sie bekommen einen größeren Raum zugeteilt. Sie halten die Abstände und öffnen die Fenster, im Januar.

Man fragt sich folgendes: Wenn ein größerer Klassenraum für diese 13 Leute aus drei verschiedenen Lerngruppen kein Problem ist, warum kann dann nicht die normale Klasse mit 18 Leuten, denn mehr sind sie nicht, in einem noch größeren Raum gemeinsam zeitgleich unterrichtet werden? Die Sporthalle ist nur 50 Meter weiter und ganztägig ungenutzt. Auch die Cafetria hat nicht geöffnet. Aber man will natürlich keine Umstände machen, war nur so ein Gedanke.

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Ich bin keine Lehrerin, wollte nie eine sein. Ich weiß das meiste selber nicht, das, was ich weiß, kann ich nicht erklären und außerdem habe ich mindestens genauso wenig Lust wie das Kind. Nicht das wir uns falsch verstehen. Ich verbringe gern Zeit mit den Blagen. Wir würden nur lieber den aktuellen Agregatzustand des Wassers praktisch nutzen und Schlitten fahren gehen, als hier am Tisch, das ganze Zeug… mimimi…

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Erste Fragen kommen, wie wir uns das denn mit der Konfirmation vorstellen, dieses Jahr. Der Saal, das Essen, es ist doch alles bestellt, sage ich. Klamotten für das Maikind würden wir sowieso erst zwei Wochen vorher kaufen, die sollen ja passen. Ob ich ehrlich glaube, dass man im Mai mit allen feiern könne, ganz normal, hakt meine Gesprächspartnerin nach.

Nein. Aber wenn, dann ist alles schon bestellt.

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Ob ich mich denn impfen lassen wollen würde, werde ich gefragt. Ja, sicher. Ich bin generell daran interessiert, tödliche Krankheiten nicht zu bekommen. Ich schnalle mich auch an, im Auto, esse nach Möglichkeit nichts giftiges, halte mich an Baderegeln…

Spaßeshalber gebe ich meine Daten mal in den Impfterminrechner ein. Zwischen dem 06.08.2021 und dem 22.02.22 bin ich dran. Ok, da hab ich Zeit. Aber, wenn die Pandemie dann schon rum ist, will ich auch nicht mehr.

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Samstag morgen läuten die Glocken morgens um acht. Der erste Coronatote, den ich kenne. Irgendwas erwischt dich, es ist noch garnicht lange her, dass wir uns darüber unterhalten haben, und es ist wohl auch fast so gelaufen, wie er sich das gewünscht hatte. Leid tut es mir trotzdem, denn ich konnte ihn wirklich gut leiden, denen ihren Oppa.

Los geht`s

Ein Mann im Schamanenkostüm steht im Kapitol der Vereinigten Staaten von Amerika. Das ist erschreckend interessant.

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Ein Besuch bei der Omma. Die ist nicht direkt schlecht gelaunt, aber doch erkennbar unzufrieden, mit der Gesamtsituation. Der Rehbraten hat nicht geschmeckt, es gab keinen Plätzchenteller, kein Seniorenkaffee, zu wenig Besuch, ich erfahre warum genau sie sauer sie geworden ist als…

Auf dem Heimweg gestehe ich mir ein, dass das gerade ein bisschen anstrengend war. Vielleicht ist ein schlechtes Gewissen einfacher.

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Der Apfelkuchen ist tatsächlich heil geblieben, auf dem Grill. Wie viele Teller brauchen wir denn jetzt? Der Blick schweift über den Garten. „Wir sind viel zu viele, oder?“, flüstert die Freundin. Wieso? Oh. Wir erzählen uns, mit wem wir in den letzen Wochen sonst noch Kontakt hatten, vermutlich um uns gegenseitig zu beruhigen. Jede von uns hat sofort parat wer wann wen wo… eigentlich sehen wir seit Wochen nur die eigenen Eltern, vereinzelt die Großeltern, man tut sich da schon fast selber ein bisschen leid, und niemand denkt ernsthaft darüber nach, sechzehnjährigen den Kontakt zu „plus eins“ zu beschränken. Wenn Freunde einen neuen Welpen haben und ab Montag die strengen Kontaktbeschränkungen wieder gelten, was soll man da machen?

Der Geruch von Bratwurst im Brötchen, Glühwein, Apfelkuchen und Feuertonne, leise rieselt der Schnee, heute ging es wirklich nicht besser.

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Die Krankenkasse möchte dieses Stempelheftchen haben, um mir den Kostenvoranschlag für die Zahnbaustelle genehmigen zu können. Tatsächlich hatte ich gedacht, es gäbe da mittlerweile eine automatische Erfassung, die unsichtbar vom Arzt an die Kasse weitergeleitet wird, digital vielleicht. Aber so macht es ja auch fast gar keine Umstände.

In der Kaffeerösterei fragen sie immer, ob ich mein Treuekärtchen gestempelt haben möchte.

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Der Liebste arbeitet wieder. Zum ersten mal seit Wochen bin ich in der Küche, um zu kochen. Was muss denn weg?

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Neujahr hatte ich überlegt, ob ich irgendwas im Garten anbauen will, dieses Jahr. Dabei bin ich im Netz auf eine Seite gestoßen, wo man bei Landwirten direkt bestellen kann. Spontan habe ich uns 6 kg Kiwis bestellt, in Spanien. Weil wir Kiwis mögen und auf dem Bild die Sonne schien und dieser Pedro, der die angeblich anbaut und eigenhändig für uns ernten und verpacken wird, so fröhlich aussah, und, wenn man ehrlich ist, in unserm Garten wächst eigentlich nichts. Die Familie macht sich lustig. Im Nachhinein ist mir selber klar geworden, dass das alles ein bisschen viel Klischee auf einmal ist. Als vorraussichtlicher Liefertermin wurde der 19. Januar angegeben, abhängig vom Wetter in Spanien natürlich. Madrid hatte vorgestern 20cm Neuschnee. Ich frage mich, ob Pedro diese Woche ernten kann.

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Freitag werde ich ganz, ganz dringend gebeten, mitzuteilen, ob ich denn die Fünftklässlerin zum Präsenzunterricht anmelden möchte. Im Betreff der mail steht Notbetreuung. Hä?

Samstag erfährt das Märzkind, dass sie nächste Woche Schule haben wird. Die Klasse wird halbiert und zeitgleich vom gleichen Lehrer in nebeneinander liegenden Klassenräumen unterrichtet. Man könnte da Sinnfragen stellen, aber wozu.

Montag wird schnell klar, dass Lehrer sich auch keine Illusionen mehr machen. Das Maikind bekommt seine Aufgaben über einen Klassen Whattsapp chat, in dem der Lehrer auch ist. Die Aufgaben für das Julikind werden bei Lanis hochgeladen und kommen zur Sicherheit auch an meine mail Adresse, weil man davon ausgeht, dass Lanis abschmiert. Was gegen halb zehn, als wir anfangen wollen, schon passiert ist. Der Klassenlehrer meldet sich telefonisch, um abzufragen, ob noch alle Passwörter bekannt sind.

Im Lauf des Tages bekommt das Maikind einen Stundenplan. Vier Stunden online Unterricht stehen da pro Woche drauf, vorläufig. Leider funktioniert die Videoplattform derzeit nur eingeschränkt, wegen der großen Nachfrage. Man müsse eventuell auf Lanis zurückgreifen. Eigentlich ist es genau wie im Mai, nur entspannter, denn diesmal hatte ich erwartet, dass es genau so läuft.

der Türkranz kann hängen bleiben