Winter im Februar

Aha, ich hatte mich auch schon gewundert. Dieser Roman, der da beim Maikind auf dem Sessel liegt, der soll also gelesen werden. Das ist die lockdown Lektüre. Leider ist dieses Buch das langweiligste der Welt, und man hätte ja überhaupt auch mal sagen können, dass er anfangen soll, das zu lesen und ach, habe ich überhaupt gesehen wie dick dieses Buch ist? Es waren gute Zeiten, als die Lehrkräfte sich tot gestellt haben, aber die sind vorbei. Eine kurze Internetrecherche ergibt, es handelt sich anscheind um eine Standardlektüre für die achte Klasse. Man kann Inhaltsangaben zu allen Kapiteln vorgefertigt finden. Wenn da allerdings fünf Leute den gleichen Text einreichen, das wäre auch doof. Ich bestelle das Hörbuch.

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Die Englischlehrerin hat in der letzten Woche erstmals Hausaufgaben verlangt und diese Woche Sachen zur Korrektur vorliegen. Sie bittet in einer email alle Eltern, die Fotos der Aufgaben ab jetzt als pdf Datei zu schicken, denn, es ist schon ziemlich viel, all die Fotos zur Korrektur auszudrucken. Die dazu nötige app sei natürlich kostenlos.

Das ist ja nun wirklich kein Problem. Wenn wir sonst noch irgendwie helfen können, einfach sagen.

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Wir nutzen das click und collect Angebot des Baumarktes. Drei Waschbecken lang konnte die Armatur genauso einfach wieder dran gebaut werden. Diesmal passt nichts mehr zusammen. Anscheind haben sich die Abmessungen des günstigen Standard- Waschbeckens, das wir immer nehmen, irgendwie geändert. Es hat diesmal auch wirklich lange gehalten. Aus den 85 vorrätigen Möglichkeiten muss ich die einzig wahre Waschtischarmatur finden und online bestellen. Der Wasserhahn geht gerade so bis über das Waschbecken, der hätte ruhig 5cm länger sein können. Naja, aber so geht ja erstmal, sagt der Liebste. Wir wissen beide, dass das für immer so bleiben wird.

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Insgesamt hatte ich bei diesem homeschooling Quatsch den Eindruck, ich weiß nix mehr. Ich kann beim besten Willen keine Parabel mehr verschieben. Ganz spontan habe ich keine Ahnung, welche Klärstufen Abwasser durchläuft und zur Frühgeschichte der Menschheit ist gleich nach dem Stichwort Neandertaler Ende. Ich habe mir den aktuellen Spiegel-Wissenstest (*Werbung, unbezahlt, unbeauftragt, selber gekauft) mitbestellt, um herauszufinden, was man denn so allgemein wissen müsste. Siehe da, haha, zu meiner großen Freude erreiche ich ein Ergebnis, dass in der Testauswertung als „super“ beschrieben wird. Jetzt geht es mir besser. Mit Wissenlücken im Bereich Sport komme ich prima durchs Leben. Der Ruderweltmeister im Einer war vorher Schwimmer, übrigens.

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An ihrem Geburtstag ist die Liesel nicht ans Telefon gegangen. Das war schon ungewöhnlich. Als sie das letzte mal mit ihr gesprochen hat, da war sie ganz durcheinander. Der Willi war gerade ins Krankenhaus gekommen. Da hatten sie gesagt, der hat Corona. De Omma probiert es über mehrere Tage und telefoniert schließlich so lange herum, bis sie weiß, was los ist.

Die Liesel ist verstorben. Wenige Tage danach der Willi. Es fühlt sich an, wie ein Unfall. De Omma ist ganz durcheinander, sagt sie.

Ü80-jährige sind hier auf dem Land keine unbekannten, abgeschirmten Bewohner von Altersheimen. Das sind Leute. Ich kannte beide.

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Die Oma im Städtchen hat einen Impftermin Ende Februar. Eine freudige Nachricht, die man sich innerhalb der Familie weitererzählt.

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Winterwetter wird angesagt, aber so richtig. Man möge sich auf 40cm Schnee und Stromausfälle einstellen. Na toll. Locktown level zwei. Teenager ohne Strom. „Heißt dass dann, es würde auch kein Internet gehen?“ Ja. Wir wappnen uns mental. Alle Akkus werden bis zum Anschlag aufgeladen.

Sonntag vormittag liegt schon ein bisschen Schnee. Es ist auch windig, aber als Schneesturm würde ich das insgesamt nicht bezeichnen. Ich gehe eine große Runde mit dem Hund, für den Fall, dass es nachmittags doch noch Wetter gibt. Zwei Stunden laufen wir durch frischen Pulverschnee und sind fast überall die ersten. Das ist richtig schön, nach wochenlangem nebligen Matschwetter.

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Gerade als ich dachte, von dem angekündigten Unwetter haben wir nicht wirklich was abbekommen, fängt es an zu schneien. Sonntag abend schippt der Liebste nach der Arbeit noch eine Stunde die Einfahrt frei. Montag morgen ist davon nicht mehr zu sehen. Die Luft ist herrlich klar und der zugeschneite Wald sieht aus wie auf Instagramm. Noch vor Kaffee fange ich an, Schnee zu schaufeln und merke schnell, dass es eine Weile dauern wird. Ein kleiner schneebeladener Traktor fährt an unserer Einfahrt vorbei und kommt kurze Zeit später ohne Schnee wieder. Dreimal hintereinander. Im Ort stehen die Häuser dichter, da kann man den Schnee nicht einfach den Hang runter schaufeln. Als ich es fast geschafft habe, fährt das städtische Räumfahrzeug vorbei. Die 20cm Schnee, die auf der Straße lagen, landen schwungvoll in unserer Einfahrt. Och nö.

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Das Märzkind hat diese Woche auch keine Präsenzschule. Wegen Schnee, mal was anderes.

Montag morgen um 10 sind die Server überlastet. Je mehr Schüler, desto weniger Unterricht.

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„Mama, komm schnell, ich glaube, da sind Papageien am Futterhäuschen!“ Kernbeißer sind schon beeindruckend groß.

Blick aus dem Fenster

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