Erste Dezemberwoche

Eine Leiter kann man nicht stellen. Die Wand hinter dem Ofen ist nicht nur schwer erreichbar, sondern auch noch hundert Jahre schief. Es hat eine Ewigkeit gedauert und Nerven gekostet, aber die Tapete ist dran. Ich habe den Muskelkater des Jahres.

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Eine Faszienrolle sieht in etwa so aus wie eine Küchenrolle. Das Material erinnert an eine Boje. Die Rolle ist sehr fest und löst, wenn man darüber rollt, die Verklebungen der Faszien. Ist klar. Ich hatte es für ein Fitness-Gadget gehalten und nur wegen des Placeboeffekts gekauft, weil die Physiofrau gesagt hat, wir brauchen sowas. Das Märzkind hat seit Monaten kein richtiges Training mehr. Einmal die Woche Krankengymnastik ist zu wenig melden die Knochen.

Ob ich das denn auch mal probieren möchte, werde ich gefragt. Sicher, warum nicht. Unter Anweisung des Märzkindes setze ich mich auf den Boden, platziere die Rolle unter meinen Waden, stütze mich mit den Armen ab und – rolle locker über das Gerät, dachte ich. „AAAAuaaa, haaauuuaaa, aaaaa, das kann doch nicht gesund sein“. Doch, sagt das Märzkind. Da könne ich aber mal sehen, wie verspannt ich so bin. Boar nee, das ist nichts für mich. Als ich aufstehe und gehe, muss ich allerdings zugeben, es ist ein angenehmer vorher nachher Effekt erkennbar. Faszinierend.

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Da haben sie so schön gesessen und mit der Uroma drei Nüsse für Aschenbrödel geguckt und Plätzchen gegessen, dann kam der Papa dazu und hat gesagt: „guck mal die Eule, wenn man genau hinsieht, sieht man die Schnur“. Nie, niemals hat irgendwer es für möglich gehalten, dass diese Eule da nicht selber fliegt. Das Julikind ist empört, als es mir die Geschichte beim Abendessen erzählt. Der Liebste schmunzelt. Er fängt sich einen Tötungsblick und wird von beiden Mädels in die Seiten geboxt. Das ist nicht witzig. Er hat „die Glaubheit zerstört“.

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Ich bringe etwas an die Tür des Quarantäne-Haushaltes und klingele. Wer weiß, ob die das sonst finden, geht ja keiner raus, im Moment. Die Tür geht auf, ich gehe noch einen halben Schritt zurück und winke fröhlich der Mutterkollegin, die da noch halb im Flur steht. „Hast du keine Angst?“, fragt sie. „Nee“, ich wundere mich selber. „Also doch. Aber ich habe das ganze Jahr schon Angst, man gewöhnt sich…“ Die Mutterkollegin kommt bis in den Türrahmen und freut sich sehr, dass ich da bin. Sie wünscht uns wirklich von Herzen, dass uns das nicht passiert. Am Dienstag war sie mit dem Kind beim Test, direkt danach hat sie auf der Arbeit angerufen, die Chefin hat gesagt, das wäre kein Problem, sie solle ganz normal weiter arbeiten, der Test wäre doch bestimmt sowieso negativ. Sie hat dann wirklich jedesmal eine frische Maske genommen, obwohl das so gar nicht vorgesehen ist, und Hände desinfiziert und Abstand gehalten soweit es nur ging, als sie gerade anfing, selber zu glauben, dass der Test negativ sein muss, da hat die Tochter sie angerufen, und gesagt, sie muss alles sofort stehen und liegen lassen und nach Hause, Freitag war das. Seitdem sind sie alle nur im Haus. Die Kleine war am Wochenende krank. Nur zwei Tage und wenn man ehrlich ist, das könnte eine ganz normale Erkältung gewesen sein. Es geht allen gut, soweit. Nur im Kopf ist es anstrengend. Man horcht dauernt in sich rein, fragt sich, ob es vielleicht kratzt im Hals…

Das kenne ich. Die Kleine hat die ganze Woche im selben Klassenzimmer gesessen wie das Julikind.

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Was ist denn nun mit Weihnachten? Ich hole Kuchen bei der Omma und frage anstandshalber mal nach, was sie so meint. Weihnachten mit Urenkeln unter dem Baum? „Och“, sagt de Omma, „ich bin da nicht ängstlich“. Das wußten wir ja alle, aber im Moment ist es ja doch etwas bedrohlicher, deswegen… „ach, weißte, ich bin so alt, ich kann ruhig sterben“. Ähm…okee… wer fragt bekommt Antworten.

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Was ist denn nun mit Weihnachten? Gleiche Frage andere Seite der Familie. Tagelanges Schweigen von allen Beteiligten. Bei mir entsteht der Eindruck, dass niemand Gastgeber sein will. Vielleicht bietet dieses Jahr die Möglichkeit, Dinge anders zu machen als „schon immer“?, das muss ja garnicht heißen, dass es schlechter wird? Vielleicht lerne ich auch einfach irgendwann die Klappe zu halten.

Es findet sich dann doch noch eine Lösung. In der Theorie könnte das schön werden – oder Schlagzeilen machen.

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Lichter leuchten überall in den Fenstern und in den Gärten. Dieses Jahr geben sich die Leute anscheind richtig Mühe, dass kann sogar ich schön finden. Naja, das meiste zumindest. Als wir auf der Hunderunde an diesem riesigen luftgefüllten Leuchtschneemann vorbeikommen, muss ich doch grinsen. Was denn so lustig sei, erkundigt sich der Liebste. „Modell 88, dachte ich gerade, aber das ist bestimmt ein Versehen“, und deute auf die Adventsfigur. Der Schneemann sollte mit Sicherheit winken. Die Winkehand ist aber irgendwie ungünstig verklemmt und teilweise von der Luftzufuhr abgeschnitten. Statt hocherhoben zur Seite zeigt der Arm halbhoch nach vorne. „Du wieder“, sagt der Liebste, „sowas fällt doch keinem auf“.

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In der Schule werden jede Menge Arbeiten geschrieben. Die Kinder machen nachmittags Hausaufgaben und lernen. Da fällt der lockdown gar nicht weiter auf. Es hat gar keiner Zeit, sich zu verabreden. Angespannt ist die Stimmung vor den Weihnachtsferien immer, es werden jedes Jahr viele Arbeiten geschrieben. Dieses Jahr ist das Pensum aber ein anderes und es fehlt der ganze Tüddelkram. Kein Weihnachtsmarktbesuch, kein wichteln, kein Gesang, kein Gebäck.

Beim Märzkind in der Klasse gibt es in diesem Winter einen Wasserkocher. Da kann man sich Tee machen. Neben dem Wasserkocher steht auch ein kleiner Weihnachtsbaum. Ganz ehrlich, wenn das nicht wäre, dann hätte man auch langsam keinen Bock mehr. Arschkalt isses.

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Keine Wichtelgeschenke besorgen, keine Spenden für Mitbring-Buffets auf Weihnachtsfeiern, keine Sondertrainings, keine Turnveranstaltung, keine Auftritte, keine Gürtelprüfung, keine Weihnachtsfeiern. Es ist der entspannteste Advent aller Zeiten.

Luxusprobleme

Ich gehe zu Fuss durch den Weihnachtsmarkt drive in und hole uns das Adventsmenü to go. Erst an der Haustür bemerke ich, dass das Behältnis, in dem man mir die Knoblauchsoße abgefüllt hat leicht verrutscht ist, in meinem Korb. Das muss etwa auf Höhe des Briefkastens passiert sein, stelle ich bei der Hunderunde fest. Bis dahin lässt sich die Spur aus Knoblauchsoßen-Tropfen verfolgen.

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„Schwarze Jacke?“, das Maikind ist irritiert. Heute ist Totensonntag, da gedenkt man den Verstorbenen des letzten Jahres, es ist ein stiller Feiertag. Aus Respekt, vor den Trauernden zieht man halt was dunkles an. Ah so. Pause. „Wie gedenkt man denn?“, möchte er dann wissen. Wenn der Pfarrer sagt „wir gedenken“ dann ist man leise und guckt andächtig. „Auf den Boden, oder geradeaus oder irgendwohin?“ Kannste dir aussuchen, Hauptsache nicht gelangweilt in der Gegend rum. „Ok“. Im Moment des Gedenkens schaue ich aus dem Augenwinkel auf den andächtigen Konfirmanden und muss ein bisschen schmunzeln unter meiner Maske. Das macht er wirklich gut. Ich dagegen stelle in aller Stille fest, dass die schwarze Jacke bei ihrem letzten Einsatz im Januar wesentlich besser gepasst hat. Da muss ich bei Gelegenheit mal gucken, ob bei dem dazugehörigen kleinen Schwarzen der Reißverschluss noch zugeht.

Die Andacht auf dem Friedhof war trotz nieseligem Nebelwetter gut besucht. Wir wundern uns auf dem Heimweg.

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Der Wartebereich der Tierklinik ist in diesen Zeiten das eigene Auto. Eine Stunde sitzen wir und beobachten die anderen. Die Menschen kommen meist zu zweit, es darf aber nur einer mit rein. Die Wartenden gehen über den Hof, die Stimmung ist angespannt, aber man ist nett zueinander, weiß ja jeder selber wie das ist. Der Liebste begleitet den Hund und kommt nach einer viertel Stunde wieder raus. Er muss sich kurz sortieren, das letzte mal, dass er einen Hund so hat einschlafen sehen war es für immer. Heute dauert es aber nur noch eine Stunde, dann bekommen wir ihn wieder. Ohne Zahn.

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Das Märzkind ist etwas verzweifelt, sie braucht eine gute Note in einer Naturwissenschaft. In der entscheidenen Klassenarbeit gibt es einen Notenschnitt von 4,8. Das geht eigentlich noch, die Parallelklasse hat einen Schnitt von 5,2. Der Fachlehrer hat gesagt, wenn da sowas bei rauskommt, dann braucht er sich aber wirklich keine Mühe mehr zu geben. Soviel Zeit hat er investiert, um diese Arbeit zu erstellen. Nahezu alle Schüler sind weit unter dem vorgesehenen Niveau. Vermutlich sind sie alle falsch in dieser Schulform. Sicher. Ich tröste das Märzkind, sie hat ihr möglichstes getan.

Das Maikind betritt den Raum. Er teilt uns mit, dass die Fehler, die er im Mathewettbewerb gemacht hat, gar nicht so viel Punktabzug bringen, wie er dachte. Er wirkt allerdings nicht fröhlich. „Ist doch gut, oder?“, frage ich nach. Nee, ist es nicht! Wenn er Pech hat, kommt er jetzt eine Runde weiter, dann muss er im Städtchen gegen Leute aus anderen Schulen antreten, und ganz ehrlich, darauf hat er überhaupt keine Lust. Abgang Maikind.

Das Märzkind und ich schauen uns an und schütteln den Kopf. Luxusproblem.

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Der Liebste steht neben mir am großen Tisch und hobelt Weißkohl für Sauerkraut. Wir unterhalten uns. Mitten im Satz springt er einen Schritt zurück und zieht scharf die Luft ein. Wortlos geht er in die Küche und hält sich den Finger dabei. Ich warte einen Moment um mich zu wappnen. Er flucht nicht, das ist kein gutes Zeichen. Ich will gar nicht ins Detail gehen, Fingerpflaster steht auf der Einkaufsliste.

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Ich verpacke 72 adventliche Kleinigkeiten und sortiere sie in drei festlich dekorierte Schuhkartons.

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Eigentlich laufe ich ja lieber im Wald. Alleine. Aber es sind schwere Zeiten für Mannschaftssportler. Ich jogge also mit dem Liebsten. Das ist ungewohnt, aber es geht überraschend gut. Auf Feldwegen benutzt man anscheind andere Muskeln.

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Die Kinder haben auf dem Dachboden die Kiste mit aussortierten DVDs gefunden. Sie machen einen retro-Filmabend. Es ist enttäuschend. Pipi Langstrumpf Folgen waren früher viel länger und spektakulärer. Das Meer rund um Lummerland ist aus Plastik und diese rassistischen Kommentare die ganze Zeit, das man sowas kleinen Kindern zeigt… ähm, jo, also, früher…

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Ehrlich gesagt hatte ich gehofft, es gäbe irgendeine Kontaktbeschränkung, die uns die Weihnachtsplanung erleichtert. Man hätte sagen können, dieses Jahr ist es eben für alle so, wir machen das Beste daraus. Dann wäre uns irgendwas eingefallen.

Nach tagelangen Beratungen haben Miniserpräsidenten und Kanzlerin sich auf etwas geeinigt, das ich nicht habe kommen sehen. Kontaktbeschränkungen bis zum 23. Dezember in verschärfter Form. Ab da darf man sich bis zum 1. Januar mit bis zu zehn Personen treffen, Kinder unter 14 werden nicht mitgerechnet. Daraus ergeben sich, ausgehend vom Weihnachtsfest 2019 für uns folgende Rechnungen:

5+2+2+1+1+1+1 macht elf Personen. Heiligabend wären wir somit zu viele.

5+6+4+2 macht genau zehn Leute. Der erste Feiertag könnte theoretisch stattfinden wie immer.

Hohoho – hä?

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Das ist irgendwie blöd. Bei den Infektionszahlen kann man doch gar nicht entspannt feiern. Mit diesen Regelungen kann man aber auch nicht entspannt zu Hause bleiben.

Eigentlich finde ich weihnachtliches lockdown-frei sogar ein bisschen respektlos gegenüber denen, die trotzdem allein sein werden, aus welchen Gründen auch immer. Auch gegenüber denen, die sowas lieber zum Zuckerfest oder sonst irgendeinem nicht christlichen Anlass gehabt hätten. Pech haben dann wohl auch alle, die seit November ihre Berufe nicht mehr ausüben dürfen und darauf gehofft hatten, dass es bald wieder bergauf geht. Und wer im Krankenhaus arbeitet darf sich auf Applaus ab Mitte Januar freuen.

Aber das kommt nur von meiner Grinchigkeit, die anderen freuen sich.

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Die Oma hat aus (dezent weißem, dekorativem) Licht ein Herz gebastelt und ins Fenster gestellt. Der Opa macht das jeden morgen an, bevor der Schulbus vorbeifährt, damit sich die Enkel freuen können.

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Wir müssen jetzt aber auch endlich mal Lichter ins Fenster, Plätzchen backen, noch gaaarnix haben wir, alle andern haben schön längst, überall, drängelt das Märzkind.

Erstmal kommt Tapete an die Wand. Dann.

Erste Novemberwoche

Am Freitag vor dem Teil-Lockdown wird das Maikind spontan zu einer vorverlegten kleinen Geburtstagsfeier eingeladen. Das Märzkind trifft sich auch mit ein paar Leuten. Beide verlassen das Haus mit gemischten Gefühlen. Darf man das noch? Man darf, sage ich. Es sind erstens die gleichen Leute wie in der Schule und zweitens geht da auch um psychische Gesundheit – meine.

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Die Blätter sind fast alle abgefallen, aber irgendwas buntes ist doch noch, in der Hecke. Ach guck, der riesen Holz-Osterhase, ich dachte, den hat endlich einer geklaut, er war aber nur eingewachsen. Ich nehme die Heckenschere und befreie den Hasen. Das hat fast etwas symbolisches. Hingestellt habe ich ihn im März, ab da ist uns irgendwie alles über den Kopf gewachsen.

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Das Märzkind und ich müssen eine Wartezeit überbrücken und wollen der Oma-im-Städtchen etwas in den Briefkasten werfen, sollten wir Licht sehen auch klingeln und winken. Als wir vorfahren räumt sie gerade ihr Auto aus. Da sehen wir uns in echt und unterhalten uns eine Weile vor dem Haus. Das ist erst seltsam, aber eigentlich ganz schön. Nach einer Weile bittet sie uns rein. Das Märzkind und ich gucken uns etwas ratlos an. Damit hatten wir nicht gerechnet, weil diese Oma sich wirklich fürchtet, vorm Virus. Seit Februar ist sie die allermeiste Zeit allein. Wir geben zu, dass wir das lieber nicht möchten, weil diese Woche nun mal so ist wie sie ist. Die Oma meint, da hätten wir wohl recht, und irgendwie sind alle erleichtert. Wir, weil sie nicht sauer ist, und sie, weil wir nicht wollten – aber gekonnt hätten. Es ist kompliziert.

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In der halben Stunde, die wir vor dem Haus stehen fallen uns einige Autos mit Nummernschildern von weiter weg auf. Darin auffällig schick gekleidete Familien. Ein Hauch von „Weihnachten nache Omma hin – jetzt oder nie“ weht um die Häuser.

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Ein leicht zerbeultes Paket wird geliefert. Es erinnert mich daran: online Weihnachtsgeschenke bestellen, jetzt oder nie. Es kommt ja schon in normalen Zeiten zu abenteurlichen Zustellungen im Dezember.

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Gut, dass sich dieser Kollege des Liebsten Montag krank gemeldet hatte. Corona positiv. Man weiß aber woher, und der Rest ging schnell, die Schicht hat kein Problem.

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Zweimal habe ich diese Woche jemanden vor einer Klinik rausgelassen. Einer kam nach einer halben Stunde fröhlich wieder raus, der andere nicht.

Nachrichten von einem Terroranschlag in Wien und einer Präsidentenwahl, die mich immer wieder mit dem Kopf schütteln lässt.

19900 Neuinfektionen an einem Tag.

Einen Praktikumsplatz zu suchen in diesen Zeiten ist eine Herausforderung.

Schulen sind geöffnet, man wurschtelt sich so durch. Zur dritten Stunde fährt übrigens kein Bus, auch wenn der Schultag regulär da anfängt nicht.

Gibt es eigentlich mittlerweile einen Plan, für den Fall, dass aus Teil-Lockdown ein Lockdown wird, so mit Schule zu? Ein Kind wird über discord mit Unterricht versorgt werden, eins über Lanis, das andere sehen wir dann, wenn soweit ist.

Die Waschmaschine, sie will irgendwie nicht richtig, obwohl sie können müsste.

Ich hab den Apfelpflücker vergessen.

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Der Waschmaschinen-Kundendienst hat noch eine Idee, wie sich das Problem vielleicht lösen lässt. Ansonsten würden sie auch vorbeikommen, natürlich. Man könne den Leuten ja nicht sagen, melden Sie sich einfach, wenn Corona vorbei ist. Die Leute freuen sich über diese Infos.

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Zum Martinsumzug wären wir nicht gegangen, das ist ja was für Kleine, aber ein digitalisiertes Laternenfest feiern wir gern mit. Fünf Laternen sind soweit in Ordnung, dass man sie in die Fenster hängen kann. Ab morgen könnt ihr euch von der Straße aus daran erfreuen, heute gibt es noch technische Schwierigkeiten. Wir haben zwar ausreichend Beleuchtungseinheiten und Batterien, es passt nur nicht zusammen.

Stutenkerle backen wir dann einfach selber. 1kg Mehl, ein Würfel Hefe… nach so einer Woche kann man sich ruhig mal was gönnen.

oh oh, oder so

„Na? Heimstudienwoche?“ Frage ich Montag morgen bei der Freundin nach. Sie haben eine Fahrgemeinschaft mit der kleinen Schwester des Coronafalls. „Nee, nix Heimstudienwoche. Offiziell wissen wir noch nicht mal was“, sagt die Freundin. Sie habe quasi den ganzen Freitag telefoniert. Außer ihr sahen das aber alle ganz entspannt. Die kleine Schwester wurde nicht getestet, somit gäbe es keine Veranlassung zu irgendwas. Die Kinder gehen ganz normal zur Schule und sie muss auch zum Diest. Die Coronastation wird aufgemacht. Die, die sich da freiwillig gemeldet haben fehlen ja auf Normalstation.

Zwei Möglichkeiten: Entweder, es gibt kein Problem und wir sorgen uns umsonst, oder wir sind komplett am Arsch.

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Der Außendienstmitarbeiter ruft an, um sich zu erkundigen, wie es uns im neuen homeschooling geht. Es ist kein homeschooling, ich erkläre kurz den Ablauf. „Oh, ähm, oh“, sagt er. Ganz genau.

Also, er war letzte Woche Mittwoch zum Routine-Test, dass war nachdem er hier Kaffee getrunken hatte. Man hatte gesagt, er bekomme das Ergebnis auf die App. Samstag kam es mit der Post, er ist negativ. Die App schweigt dazu bis heute.

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Ich lande in einer whattsapp-Gruppe des gesamten Ortsteils. Das soll keine Geburtstags-Glückwunsch-Gruppe sein erfahre ich, vielmehr soll sie dazu dienen, sich gegenseitig über Straßensperrungen oder ähnliches zu informieren, nur der Ortsbeirat kann schreiben. Natürlich bleiben die allermeisten in der Gruppe, wenn irgendwer Corona hat, will man das schon wissen…

Als da vor ein paar Wochen auf einmal dieses riesen Loch hinter dem Haus gegraben wurde gab es keine Informationen, das war blöd. Vielleicht funktioniert es ja wirklich, ich bleibe auch.

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Ich lese ein paar Pflaumen auf, die auf dem Gartenweg lagen. Als ich sie zum Kompost bringe, fällt mir auf, das der Garten von dieser Seite aus wirklich erbärmlich aussieht. Ich frage, ob irgendwer helfen würde da mal irgendwas… Zu meiner Überraschung helfen alle. So braucht es nur eine Stunde, bis es wieder aussieht, als würde der Garten jemandem gehören.

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Elterntaxifahrt zum Training. Die eine Stunde Wartezeit reicht genau zum Einkaufen. Gleich bei den Einkaufswagen ein handgeschriebenes Schild, man möge bitte, soweit das möglich ist, die Einkäufe allein erledigen, um die Anzahl der Personen im Laden so gering wie möglich zu halten. Danke für das Verständnis.

Im Laden wirkt erstmal alles normal. Im hinteren Teil steht eine Palette Klopapier mitten im Gang, daneben eine Palette Mehl. Man sollte doch meinen, die haben alle noch genug zu Hause. Der Hefekarton im Kühlregal ist noch fast voll, es klebt allerdings ein Schild drauf. Nur zwei Würfel pro Haushalt. Mehr brauch ich doch eh nicht. Ich kaufe ganz normal ein, bis ich am Klopapierregal vorbeikomme. Das ist leer gefegt. Ganz unten ganz hinten liegt noch eine Packung mit Herbstmotiven.

Brauchen im Sinne von brauchen tun wir eigentlich keins. Allerdings will ich auch nicht wieder wie eine Idiotin in drei Läden müssen, nur wegen Klopapier. Ich nehme die letzte Packung aus dem Regal und es fühlt sich gut an. Ab jetzt gibt es nur noch weißes, direkt von der Palette. Wir aber werden welches mit Herbstmotiven haben, was für ein Glück. Dann geht es ein bisschen mit mir durch. Ich merke es, kann aber nichts dagegen tun. Wir haben nämlich auch nur noch 25 Pfefferkörner in der Mühle, ist mir heute aufgefallen, wie weit kommt man damit schon? Und von diesen Marzipanbaumstämmen mit Nougatfüllung haben wir noch gar keine vorrätig! Wer weiß, was die nächsten Wochen bringen. Am Ende müssen wir ohne durch den Advent. Ich nehme 6, sicher ist sicher.

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Der Liebste muss arbeiten. Weil viele krank sind teilen sie sich diese Woche die vier Schichten zu dritt. Spoileralarm: Niemand macht die Freischicht. Über Mittag werden zwei Leute gebraucht, Ruhezeiten müssen trotzdem eingehalten werden. Das geht alles – irgendwie.

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Der Klassenkamerad, der neben dem Coronafall gesessen hat, meldet ein negatives Testergebnis. Sein Bruder ist der Banknachbar des Maikinds. Wie groß die Anspannung wirklich war merkt man daran, wie sehr wir uns freuen. Dem Klassenkamerad geht es aber leider trotzdem schlecht.

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Wir verabreden uns mit der Oma zu einem Waldspaziergang. Das tut allen gut. Wir haben uns schon länger nicht gesehen.

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De Omma ruft an. Mit dem Apfelpflücker, den der Liebste ihr gebracht hat, kann sie nichts anfangen, der ist zu kurz. Man möge ihr den anderen bringen. Gerne jetzt. Jetzt geht aber nicht, weil ich warte auf eine Holzlieferung. Der Liebste arbeitet. Das Holz werde ich mit den Kindern verräumen, und zwar heute noch. Naja, dann wird es wohl schon dunkel sein. Da muss der Apfelpfücker wohl bis morgen… Ein Gesteck muss auch noch auf den Friedhof. Vielleicht noch diese Woche, ich möge bitte nachfragen, bei der Floristin, wann man da kommen kann, und dann bringen wir das direkt auf den Friedhof. Und den Apfelpflücker, ne?, da denke ich aber dran.

Zeitgleich schickt meine Schwester ein Foto von sich im Bademantel auf einer Relaxliege. Weil sie es kann. Sie sind nämlich gerade ganz alleine im Wellnessbereich, Fotos machen ist da sonst verboten. Wie-ein-Onkel zeigt in seinem Status eine Bilderstrecke, Wellnessbereich ohne Menschen, kommentiert mit „wir haben die letze Chance nochmal genutzt“. Freut mich für euch. Möge dich der Blitz beim scheißen treffen.

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2,7 Schüttraummeter verräumt man zu viert in einer Stunde. Große Kinder zu haben ist manchmal auch richtig toll.

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Die Waschmaschine pumpt nicht ab und schlägt mir vor, mal die Laugenpumpe zu reinigen, oder den Ablauf, oder beides.

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Ich soll das Arbeitsblatt ausdrucken? Damit du es handschriftlich ausfüllst und dann als Foto hochlädst, um es an eine Lehrerin zur Korrektur zu schicken, in einer App, die für Gamer entwickelt wurde? Nicht im Ernst, oder? Ich weiß dass das anders besser und schneller geht, weil das Julikind diese Woche eine Einweisung hatte. Gerne würde ich diese Lehrerin an meinem Wissen teilhaben lassen. Sie hat aber keine Emailadresse.

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Ab Freitag gilt Maskenpflicht im Unterricht, die ganze Zeit. Ab Montag gibt es neue Stundenpläne. Sportunterricht findet nicht mehr statt, auch die klassenübergreifenden AG’s nicht. Vereinssport geht nicht mehr und es dürfen nur noch zwei Haushalte zusammenkommen. Der Rest von diesem Lockdown betrifft uns eigentlich gar nicht. Entweder hilft das oder wir werden sicher Verständnis dafür haben, dass die Schulen wieder geschlossen werden, vermute ich mal.

Jetzt haben wir den Salat

Alle drei Kinder gehen in die Schule. Es ist herrlich.

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Der Liebste feiert ein paar Überstunden ab, wir fahren gemeinsam ins Städtchen und erledigen jede Menge liegen gebliebene Kleinigkeiten und Weihnachtseinkäufe.

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Hundespaziergang bei 4°C, Nieselregen und Wind. Es fühlt sich bitterkalt an. Früher hatte man um diese Zeit seit drei Wochen Winterreifen drauf, das könnte man für diese Woche auch mal einplanen, sagt der Liebste. Vielleicht gibt es ja Winter, dieses Jahr.

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Im Klassenraum des Märzkindes bleiben die Fenster geöffnet. Die Lehrerin wohnt in einem Ort, der diese Woche hotspot ist. Sie hätte es selber bestimmt auch lieber warm. Ich sage die üblichen Corona-Kalendersprüche auf, und kann es eigentlich selbst nicht mehr hören. Das Märzkind nimmt eine Wolldecke mit. Blöd ist es trotzdem.

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Das Sofa soll aus diesem Zimmer raus und die Treppe hoch in ein anderes Zimmer. Das Treppengeländer beginnt sehr dicht neben der Tür, daran kann man nichts ändern. Leider hat das Sofa auch nur wenig Knautschzone. Die folgende halbe Stunde kann man in einem Satz zusammenfassen. Es passt nicht. Der Liebste hat die Herausforderung angenommen, schließe ich aus dem Gemurmel.

Es fehlen nur noch zwei Winkel und ein paar Tackernadeln

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Morgen muss diese Hausarbeit abgegeben werden. Ein bisschen Hilfe würde das Kind dann doch brauchen, beim letzten Feinschliff. Sicher kann ich helfen, das hatte ich ja gesagt. Heute ist aber irgendwie ungünstig. Gleich wird Holz geliefert, dieses Sofa liegt im Weg, die anderen beiden Kinder brauchen auch Hilfe bei den Hausaufgaben und der Hund will raus. Alles schön der Reihe nach. Kurz nach Mitternacht stehe ich in der Speisekammer und fluche auf den Drucker. Der fiese kleine Drecksack behauptet, keine Tinte mehr zu haben. Ich weiß nicht, wie ich ihm das Gegenteil beweisen soll. Ich hatte ja gesagt, man ist bei wichtigen Sachen besser einen halben Tag früher fertig als zwingend nötig, aber was weiß ich schon.

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Freitag morgen schickt das Märzkind eine whatssapp, es gibt einen positv getesteten Elternteil bei einem Klassenkameraden. Oh shit. Als sie mittags nach Hause kommt hat sie gerade die Nachricht erhalten, dass der Klassenkamerad selbst mittlerweile auch positiv getestet wurde.

Wir überlegen, wo wir diese Woche gewesen sind. Wer hat wen wann getroffen, wo und wie lange. Das waren bei weitem nicht so viele wie normalerweise, weil das Märzkind die ganze Woche an der Hausarbeit gesessen hat.

Nachmittags ruft das Gesundheitsamt an und fragt ab, wie nah genau das Kind dem Klassenkameraden gekommen ist. Sie hat im selben Raum gesessen und ihn eventuell im Sportunterricht kurz angerempelt, vielleicht. Sie möge bitte die nächste Woche zu Hause bleiben, sagt das Amt. Eine Ansteckung ist unter diesen Umständen richtig unwahrscheinlich, sollten Symthome auftreten entscheidet der Hausarzt wie das weitergeht.

Sonst nix? Wir wissen alle nicht, ob man sich jetzt freuen soll, oder ernsthafte Sorgen um die Gesamtsituation haben will.

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Um halb acht machen der Liebste und ich einen Wein auf. Wir trinken darauf, dass der Liebste sich am Donnerstag die Hände desinfiziert hat, bevor er die Brötchen für das Trainigs-Abschluss-Grillen der Alten Herren aufgeschnitten hat. Darauf, dass wir nach dem Holz stapeln draußen gesessen haben mit dem Fahrer des Traktors, obwohl es schon dunkel und windig war. Darauf, dass ich seit Wochen ständig ein paar haltbare Sachen mehr einkaufe, als wir brauchen und das Lager gut gefüllt ist. Darauf, dass das Märzkind nicht beim Training war. Darauf, dass die Lehrerin auf geöffnete Fenster bestanden hat. Und ehrlich gesagt auch darauf, dass wir nicht die ersten waren.

Es war ja nie die Frage ob wir diesen Winter mal vom Gesundheitsamt angerufen werden, nur wann. Jetzt ist es also so weit. Verwundert stellen wir alle fest, dass uns das längst nicht so viel Angst macht, wie wir dachten. Der Liebste wird Montag ganz normal arbeiten gehen, zwei von drei Kindern in die Schule. Das Märzkind hat laut Stundenplan Heimstudienwoche. Schönes Wort. Es bedeutet Hausaufgabenmarathon. Die Lehrerin muss ja Vertretungsunterricht machen und hat erstmal keine Zeit für online Unterricht. Für Sinnfragen fehlt mir da die Energie. Man kann nur hoffen, dass irgendwer sich was dabei gedacht hat.

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Samstag morgen gehe ich ohne Maske zum Bäckerauto. Die Frau erzählt mir ja seit Anfang März, dass alles nur eine ausgedachte, aufgebauschte Verschwörung von irgendwas ist. Der Verkaufswagen ist schon ziemlich leer. Heute sind wieder alle wie bekloppt, erfahre ich. Das hatte ich mir schon gedacht. Ich kaufe ein wie immer. „Ach, wir hängen da übringens auch mit drin, in diesem Cluster, bis jetzt ist alles kein Problem, aber sollte es sich ergeben und am Dienstag darf keiner von raus, würde das gehen, dass ich eine Tüte raushänge?“ Sicher, wenn die gut sichtbar ist wird sie befüllt, sagt die Frau. Aber wieso das denn? Ich erkläre kurz die Situation. Die Frau reißt die Augen auf, wird ein bißchen blass und geht einen halben Schritt zurück in ihrem Auto, „ein schönes Wochenende und alles Gute“. So schnell bin ich da schon lange nicht weg gekommen.

Herbst

Die erste Hunderunde der Saison in dichtem Nebel. Man sieht etwa 100 Meter Weg vor sich, Nebelschwaden ziehen darüber hinweg, den Waldrand am Ende der Wiese kann man erahnen. Der Hund legt mir bestens gelaunt die Frisbee vor die Füße. Ich bücke mich, um sie aufzuheben, genau in dem Moment höre ich ein Rascheln in der Hecke neben mir. Hufe treffen auf dem Feldweg auf.

„Der kopflose Reiter“, meldet das Hirn, „was sonst?“ Mein Herz setzt einen Schlag aus. Während die eine Hirnhälfte versucht, sich zu erinnern, was der kopflose Reiter eigentlich tut – hatte der ein Schwert? – ich weiß es nicht mehr, meldet die andere Hälfte, dass das unmöglich Perdehufe gewesen sein können. Das Geräusch war viel zu klein. Ich drehe den Kopf und sehe einen ziemlich großen Rehbock über die Wiese laufen. Der hat sich auch erschreckt. Vorwurfsvoll schaue ich Richtung Hund. Das er sich nicht für Wild interessiert ist eigentlich sehr angenehm. Aber im Vorbeigehen mal kurz in die Richtung schnuppern könnte er doch schon, finde ich. Der Hund guckt zurück: Wirfst du jetzt die Frisbee, oder was?

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Zimmer tauschen ist ein bisschen wie umziehen.

„Haben wir keinen Drucker mehr?“

„In der Speisekammer, auf dem Froster“.

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Der Liebste holt noch vor der Schicht das neue Bett des Märzkindes ab und stellt die Einzelteile in der Garage ab. Die Kinder und ich bekommen es ohne Anleitung und ohne Streit aufgebaut, wir wundern uns.

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Alle Kinder bekommen neue Herbstklamotten. Keine bauchfreien Pullis, dieses Jahr. Alle zwanzig Minuten sollen die Klassenzimmer für drei Minuten gelüftet werden. Da wird es nie warm sein, diesen Winter.

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Ein Beherbergungsverbot wird ausgesprochen, wegen der steigenden Coronazahlen.

Nun läuft eine Buchung zu „touristischen Zwecken“ normalerweise so ab: Ich bekomme ein Anschreiben von zwei oder drei kurzen Zeilen von demjenigen, der gern kommen würde. Dazu zeigt mir das System an, wie viele Personen und aus welcher Gegend, beispielsweise Nordrhein- Westfalen oder Amsterdam. Dann muss ich die Anfrage annehmen oder ablehnen. Erst nach Bestätigung bekomme ich eine Telefonnummer der Gäste angezeigt. Ich habe also in diesem System gar keine Chance, vorab festzustellen, ob meine Gäste aus einem Risikogebiet kommen. Bei Anreise müsste ich mir dann wohl den Personalausweis zeigen lassen, checken, ob ich die Leute reinlassen darf und im ungünstigsten Fall direkt wieder nach Hause schicken, oder wie hatte man sich das gedacht?

Monteure dürfen beherbergt werden. Egal woher sie kommen.

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Eine kleine Unachtsamkeit hatte zur Folge, dass wir mal diese Kruschel-Schublade in der Küche, in der alles drin ist, was man so täglich braucht, komplett ausgeräumt haben (um alles abzutrocknen). Wenn man das ganze Zeug dann so rumliegen sieht fällt auf, so ganz dringend braucht man das allermeiste davon eigentlich gar nicht. Die Schublade ist jetzt nur noch halb so voll.

Meine Führerscheinprüfung hat übrings 252 DM gekostet, die Quittung hab ich noch.

Anfang Oktober

Das Märzkind ist der einzige Mensch, der mir manchmal morgens im Bad begegnet. Der Ablauf ist gut eingespielt, intuitiv machen wir einander Platz. Das geht schnell und ohne Worte.

Gerade wird das dritte Mal die Tür des Spiegelschranks vor meiner Nase geschlossen. In aller Selbstverständlichkeit baut der Liebste sein Kontaktlinsengeraffel auf dem Waschbeckenrand auf. Wir wohnen ja nun schon wirklich lange zusammen. Allerdings nie morgens um viertel nach sechs.

Das Märzkind kommt verschlafen zur Tür rein, und macht eine unbestimmte Handbewegung in Richtung Waschbecken.

„Hä?“

„Schulung“, erkläre ich, weil der Liebste so schnell nicht weiß, von was wir reden.

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Also früher, da war Frühstück machen ganz leicht. Ein halbes Bütterken, fünf Weintrauben, drei Käsewürfel, Deckel drauf, fertig. Mittlerweile kommen sogar die Edelstahldosen aus dem Malocherversand an ihre Kapazitätsgrenzen. Eine Menge, die ausreichend satt macht, bis zur 6. Stunde lässt sich nicht mehr einfach so eintuppern, es ist Schnittchen-Tetris.

plus 3,50 Euro- weil ein Kind Mittagessen braucht

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Ich verweigere die handschriftlichen Entschuldigungen wegen versäumtem Unterricht, erstens aus Infektionsschutzgründen, zweitens aus Trotz. Lehrer*innen sollten per mail erreichbar sein, finde ich. Siehe da, es geht. Im Lauf eines Tages bekomme ich drei kurze mails zurück. Die Daten wurden als entschuldigt eingetragen. Gerne sind sie bereit, darauf zu achten, dass die Schulsachen für die Hauptfächer über die Ferien mit nach Hause genommen werden. Darum hatte ich nämlich auch gebeten. Natürlich hoffen alle, dass es nach den Ferien ganz normal weitergeht. Ja, das kann man nur hoffen. Ein Plan B ist nicht erkennbar.

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Nieselregen und kräftiger Wind, das ist eher nicht das Wetter, bei dem man gerne mal eine Stunde draußen sitzen würde. Aus drei Ortschaften kommen kaum zwanzig Leute zum Gottesdienst. Spontan wurde entschieden, heute in die Kirche zu gehen. Die Tür bleibt auf, es wird darum gebeten, die Maske aufzusetzen, beim Singen. Weil ich einen Rest Erkältung mit mir rumschleppe und der Kollege, der mit dem Liebsten diese Woche auditiert hat eine Fahrgemeinschaft hatte, mit dem Kollegen, der wegen Verlust des Geschmackssinns zu Hause geblieben ist, lasse ich meine Maske einfach auf.

Nach dem Gottesdienst werde ich zweimal angesprochen. Vorsichtig erkundigt man sich, wie es denn gewesen sei, ob ich mich sicher gefühlt habe. Ja, sicher, ich dachte da eigentlich eher an euch…

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Herbstferien. Nach drei Wochen, in denen immer jemand krank war, wäre es schön, mal irgendetwas zu unternehmen. Vielleicht Lasertag spielen, oder ins Hallenbad oder sogar mal ins Kino? Wir hätten da noch Gutscheine von Weihnachen… Eine Pause vom zu Hause sein hätte ich dringend nötig. Ein bisschen neue Energie, bevor wir das Projekt Zimmertausch angehen.

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Aber so läuft 2020 nicht. Von jetzt auf gleich wird das, zugegeben nervige, Kinderzimmer-Provisiorium unerträglich. Eigentlich wollten wir nur einen Schrank rausräumen, entfernen dann aber spontan auch die Tapete.

In diesem Haus gibt es zwei Arten, zu renovieren. Entweder wird alles in detailverliebter Präzison auf die bestmögliche Art erledigt, das dauert natürlich seine Zeit. Oder es wird irgendwie mittelgut und ist morgen Abend fertig. Auf keinen Fall renovieren gemeinsam, so steht es in den Ehe-AGB.

Da es schnell gehen soll, tapeziere ich. Zur Sicherheit schaue ich mir nochmal ein youtubeVideo an. Der Mann im Schulungsvideo eines Baumarktes benutzt eine Wasserwaage. Interessant. Bestimmt eine gute Methode – bei geraden Wänden…

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Die anderen vier räumen die Schrankwand aus. Bei den extra zu diesem Zweck gekauften Umzugskartons handelt es sich anscheind um Scherzartikel. Sie lassen sich nicht zusammenfalten. Wie man es dreht und wendet, immer ergibt sich ein Tunnel mit Deckel.

Aber das ist ja kein Problem, dann nehmen sie einfach irgendwelche Kartons, und tragen alles auf den Dachboden.

*seufz*

Da hab ich was zu puzzeln, falls wir wieder Situation kriegen.

game over

Eine schuluntaugliche Erkrankung erst bei einem Kind, dann bei zweien, dann bei allen drei. Die üblichen Hausaufgaben-Übergabe Systeme brechen zusammen. Es spricht sich rum.

Mittwoch ist klar, ich werde die nächste sein, die diese Erkältung bekommt.

Donnerstag morgen ruft der Nachbar an. Man habe ihm eben erzählt, dass wir alle krank sind. „Wie macht ihr das denn jetzt mit dem Hund?“ Also, krank sind wir schon, aber nicht so. Nur Schnupfen, Husten, Kratzen im Hals, was man so hat, im Herbst. Mit dem Hund raus, das geht schon. Der Nachbar ist erleichtert. Ich freue mich, dass er an uns gedacht hat. Das sei doch selbstverständlich, sagt er, schließlich haben sich auch alle nach ihm erkundigt, als es ihm nicht gut ging.

Ende der Woche wäre das Märzkind in normalen Zeiten wieder in die Schule gegangen. Sie nimmt Kontakt mit Fachlehrern auf, die sich gerne bereit erklären, ihr Materialien zu schicken und online korrigieren. Die Mathelehrerin bietet an, sich auf discord zu treffen, um noch etwas zu erklären, für die Arbeit nächste Woche. Ganz diskret erkundigt sie sich dabei nach der gesundheitlichen Gesamtsituation.

Eine Klassenkameradin aus dem Nachbarort bringt dem Julikind die Hausaufgaben an die Tür. Sie trägt Maske. Ein Klassenkamerad aus der Paralellklasse bringt dem Märzkind einen Stapel Bücher, auch mit Maske. Wir wundern uns. „Vielleicht denken die, wir sind in Quarantäne“, sagt das Maikind. Oh ha, das könnte sein. Drei Minuten später kommt eine Nachricht beim Märzkind an. Der Klassenkamerad kommt sich bescheuert vor, dass er die Maske noch auf hatte, hat er erst im Gehen bemerkt.

Die Kinder wechseln in den Lockdown-Modus und arbeiten die Hausaufgaben ab. Ich bleibe in Rufnähe, um bei Bedarf helfen zu können.

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„Mama, was heißt hibbelig auf Englisch?“

„Ich habe keine Ahnung – gibs bei google ein „hibbelig auf englisch“.“

Schweigen.

„Warte“, es hat einen Moment gedauert, bis mein Kopf die Infos vollständig verarbeitet „ich glaube, „hibbelig“ gibt es gar nicht auf hochdeutsch, oder?“

„Ne-be-lig“

„oh, foggy?“

„Mama, willste dich nicht einfach aufs Sofa legen?“

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Ja, ich will. Der Hund ist mit Liebsten auf einer Ganztageswandertour, die Kinder helfen sich gegenseitig und versorgen mich mit literweise Tee. Ich niese ungefähr alle Taschentücher voll, die dieser Haushalt vorrätig hat und huste, bis ich Muskelkater davon habe. Denken ist nur eingeschränkt und langsam möglich.

„Rees country Küche“ scheint ein Format zu sein, das extra für solche Tage produziert wurde, ich fühle mich gut unterhalten. Frühstücks-Steaks schneidet man dünner, als solche, die man zum Abendessen macht, zwei Zentimeter reichen völlig, das wußte ich nicht.

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Der Liebste macht Holundergrog, nach friesischem Grundrezept für mich, daraufhin schlafe ich elf Stunden. Danach geht es besser. Ein paar Liter Regen waschen den Staub aus der Luft. Endlich. Viel besser.

Also, wenn das die Erkältung der Saison war, sind wir eigentlich ganz gut weg gekommen. Wobei, einer hatte noch nix…

Apfel Marathon

Ich bin jahreszeitlich verwirrt. Die Allergiebelastung ist frühlingshaft, die Temperaturen ganz eindeutig sommerlich. Die Blätter sind bunt wie sonst im Oktober und im Baumarkt werden Christbaumkugeln in die Regale geräumt. Alles an einem Tag.

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Es ist September sagt der Apfelbaum. Der Liebste nimmt das Maikind und das Julikind mit. Erst Äpfel sammeln, dann Saft pressen. Dafür wird Starkstrom gebraucht, den gibt’s bei der Oma in der Scheune. Die Äpfel müssen in den Nachbarort gefahren werden, der Saft zurück. Es war mehr als gedacht, den ganzen Samstag läuft der Einkocher. Dann muss alles in den Keller. Gratis workout.

Das Märzkind bekommt von all dem nichts mit. Nicht schlimm, sie schafft andere Vorräte. Sollte es nochmal zu einer Schulschließung kommen und sie könnte mehrere Wochen ihre Freunde nicht treffen, das wäre übel für uns alle. Da sind die Geschwister sich einig.

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Ich schäle einen Korb voll Äpfel für Apfelmus und koche es ein. Das ist einfacher, als Apfelmus ohne Citronensäure zu kaufen. Und Apfelmus gehört nun mal zu Pfannkuchen.

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„Sag mal, weißt du noch, was du an Sylvester auf deinen Wunschzettel geschrieben hast, für dieses Jahr?“, frage ich das Maikind beim Spaziergang. Am Sylvesterabend schreibt jeder einen oder auch mehrere Wünsche für das neue Jahr auf einen Zettel. Nur realistische Sachen sind erlaubt. Die Zettel kommen dann unbesehen in eine Zeitkapsel (Bockwurstdose). Bis zum nächsten Sylvesterabend. „Nee“, sagt das Maikind, „keine Ahnung, aber was ich mir für nächstes Jahr wünsche, das weiß ich schon.“ Ich auch.

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Der Triathlet kommt kurz auf einen Kaffee vorbei. Er verweigert den Keks, weil, er muss diese Woche noch einen Marathon laufen. Ich wundere mich, findet der statt? Sicher, der ist jetzt virtuell, das ganze Wochende kann jeder laufen, irgendeine Strecke, man muss sich nur registrieren und am Ende ein Foto hochladen, von seinem Ergebnis, auf der Pulsuhr oder der App, geht alles. „Da machst du auch mit“, teilt er dem Liebsten mit. „Du bist bescheuert, ich lauf doch keinen Marathon“. „Nee, das ist klar“, sagt der Triathlet, man könne aber selber sagen, wie weit man laufen möchte, es gehe da hauptsächlich um die gute Sache, der Sponsor spendet pro Teilnehmer, und, der Triathlet hat die Seite schon aufgerufen, „ihr macht da jetzt mit“.

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Das Julikind ist die ganze Woche „schuluntauglich erkrankt“. Bisschen erkältet, nannte man das früher.

Im Ortsteil wohnt noch ein Klassenkamerad und dieser Klassenlehrer hat keinerlei hygienische Bedenken, was die Weitergabe von Hausaufgaben angeht. In der letzten Woche war der Klassenkamerad erkrankt. Er ruft meist um die Mittagszeit an, um zu fragen, ob es Hausaufgaben gibt. Dann besprechen wir, wer was abholt oder bringt oder schicken Fotos. Freitag ist er früh dran.

„Ich wollte nur sagen, heute kann ich keine Hausaufgaben mitbringen, ich hab in der Schule gekotzt, nicht dass ihr wartet.“

„Danke fürs Bescheid geben, gute Besserung.“

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Der Oppa nimmt den Konfirmanden mit zum Gottesdienst im Nachbarort. Das Märzkind muss nicht zum Training , keine Elterntaxifahrt am Sonntag, da hab ich spontan Zeit…

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Startnummer 2345 bei einem virtuellen Marathon. Die drucke ich gar nicht erst aus, das glaubt mir doch keiner. Dann laufe ich also, die gleiche Strecke wie immer, mit dem Handy des Liebsten in der Tasche, ich hab keine eigene App. Aus gutem Grund. Die Zeit, die ich für 6km brauche ist, nun ja, man muss wohl sagen, sehr sehr großartig. Eines Tages wird die Welt auf dieses Ergebnis schauen und sagen, was für eine fantastische Leistung. Es ist wohl die beste Zeit, die auf diesem Abschnitt des virtuellen weltweiten Marathons jemals gelaufen wurde. Ich bin sehr sehr glücklich. Für die gute Sache.

…und dann der Hund

Alle Kinder sind in der Schule, der Liebste arbeitet. Das wäre die Gelegenheit, ohne Unterbrechungen einfach mal was von der to do Liste abzuarbeiten. Liegen geblieben ist genug in den letzten Wochen. Oder, ich könnte eins von den Projekten in der Warteschleife auf den Weg bringen. Oder, ein verrückter Gedanke, ich könnte ein Buch lesen.

Der Hund denkt, dass ich da nur so sitze und stupst mich vorsichtig. Ja, wir gehen gleich, ich muss nur noch die Überweisungen… jaahaa, eine Minute dauert es noch, jaaahhaaaa, so gibt das eh nichts. Es ist wie mit einem Kleinkind diese Woche. Ich schaffe genau eine online Überweisung, bevor der Hund raus muss.

Es ist auch kein spazieren gehen im eigentlichen Sinn, alle paar Meter muss ein Stock geworfen werden, keine Ermüdungserscheinungen erkennbar. Auf halber Strecke entschließe ich mich, die Standardrunde zu erweitern. Welch Freude, hier waren wir schon lange nicht, da hat er was zu schnuppern und ich kann aufhören, Stöcke zu werfen, immerhin.

Die neue Hunderunde, die ich morgens noch vor der zweiten Tasse Kaffee gehe, ist in der örtlichen Wanderkarte verzeichnet. Als Rundwanderweg. Der Hund ist danach tatsächlich müde, ein bisschen, für zwei Stunden…

Einmal am Tag wasche ich meine Hände, weil sie wirklich schmutzig sind.

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Der Wald müsste um diese Jahreszeit nach Herbst riechen. Nach ersten bunten Blättern auf feuchter Erde, Pilzen, irgendwie frisch modrig. Das tut er nicht, es riecht nach nichts. Der Boden unterscheidet sich auch kaum von den Feldwegen, was die Dämpfung angeht. Es müsste ganz dringend mal eine längere Zeit regnen.

Elternabend mit Abstand, keine Fachlehrer, die sich vorstellen wollen, Klassenfahrt verschoben und online Unterricht, naja, jetzt warten wir erstmal ab, ob es überhaupt nochmal dazu kommt. Zwei Mutter-Koleginnen erklären sich spontan bereit, Elternbeirat zu werden, beide wirken nett und normal. Unregelmäßigkeiten nach dem ersten Wahlgang, Frage in die Runde, Missverständnis, im zweiten Wahlgang wird so zurecht gewählt, dass es alles passt, auf den offiziellen, gestempelten Zetteln, Dokumentation, danke schön, schönen Abend noch, eine gute Stunde, fertig.

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Als ich vom Hundespaziergang wiederkomme ist der Liebste gerade wach geworden. Er sitzt mit Handy und Tablet vor dem geöffneten Fenster und fragt, ob ich schon was gehört habe. Was hätte ich den hören sollen?

Heute ist doch bundesweiter Warntag, erfahre ich. Gleich wird er per App gewarnt und die Sirenen werden gehen. Also, mich würde das nicht in alarmbereitschaft versetzten, ich bin ja gar nicht in der Feuerwehr. Nee, nicht der normale Sirenenton, irgendein anderer solle heute kommen.

Hätte der Liebste mir nichts erzählt, hätte ich den Warntag gar nicht mitbekommen. Es ist keinerlei Alarm angekommen. Und was genau ich bei diesem anderen Sirenenton hätte tun sollen, weiß ich auch nicht. Wir haben drei Päckchen Klopapier im Keller, was soll schon passieren.

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Mein Auto ist durch den TÜV, juhu. Für den Spottpreis von nur 10 Euro. Gut, eigentlich für 610 Euro. Der Kinderbonus war genau einen Tag auf dem Konto. Dann haben wir sowohl einen regionalen Handwerksbetrieb, als auch die gesamtwirtschaftliche Erholung unterstützt, indem wir alles auf einmal ausgegeben haben. Bitte Deutschland.

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In der letzten Woche sind das Bügeleisen, die Bohrmaschine und der Staubsauger kaputt gegangen. Außerdem sind natürlich alle Jacken der letzten Saison zu klein, die Pullover auch. Tja.

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Auf dem Wanderparkplatz „Irgendwo am Wald“ steht ein Camper mit dänischem Kennzeichen. Merkwürdig. Anderthalb Stunden später ist der immernoch da, hoffentlich kommen die nicht auf die Idee, hier zu grillen. Die Tür geht auf, ein Mann kommt einen Schritt aus der Tür und fragt, ob er was fragen darf. Sicher. Da wäre gerade so ein Alarm gewesen. Sie haben hier überhaupt kein Internet und was muss man tun? Ist Gefahr?

Nein, keine Gefahr, es ist der zweite Samstag im Monat, da heulen die Sirenen nur zur Probe, alles gut, das hier so üblich. Der Mann wundert sich, wirkt aber erleichtert. Wir unterhalten uns kurz. Er erkundigt sich nach der aktuellen Coronalage. In Dänemark sieht es gerade leider übel aus. Bei uns geht es, kann ich erzählen, wir sind froh, dass die Schulen wieder auf haben und alle geben sich Mühe.

Ehrlich gesagt hatten sie gerade überlegt, ob sie nicht lieber weiter fahren bis Österreich, sagt der Mann. Sie haben gestern Leute feiern sehen, draussen zwar, aber doch mit viel Bier und wenig Abstand. Sie arbeiten beide im Hospital und wollten genau so was nicht. Ich erkundige mich, wo sie denn gestern gewesen sind. Oh ha, jo, Willingen ist ein bisschen anders, als der Rest von Deutschland.

Ich vermisse Airbnb, wie es früher war, stelle ich fest. Das hat mal Spass gemacht.

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Die Katze ist verstorben. Ich kondoliere.

Es gibt eine Folge bei „Gilmore girls“ in der stirbt die Nachbarskatze, die könnte ich eigentlich mal wieder gucken.

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Ich hab das erste mal morgens wieder Licht angemacht, beim Brote schmieren.

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Ein erstes Vorgespräch für den 24.12.20 hat stattgefunden. Wie viel Distanz verträgt ein Weihnachtsabend? Eigentlich keine. Wir kommen zu dem Schluss, joooääähhmmpfff

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Eigentlich war die Woche mit dem hyperaktiven Hund gar nicht schlecht. Der gefühlte Kinder Overload wird besser und ich hab bemerkenswert gut geschlafen. Diese Jeans passt auch wieder.

Irgendwer müsste allerdings mal wieder aufräumen und so.