Apfel Marathon

Ich bin jahreszeitlich verwirrt. Die Allergiebelastung ist frühlingshaft, die Temperaturen ganz eindeutig sommerlich. Die Blätter sind bunt wie sonst im Oktober und im Baumarkt werden Christbaumkugeln in die Regale geräumt. Alles an einem Tag.

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Es ist September sagt der Apfelbaum. Der Liebste nimmt das Maikind und das Julikind mit. Erst Äpfel sammeln, dann Saft pressen. Dafür wird Starkstrom gebraucht, den gibt’s bei der Oma in der Scheune. Die Äpfel müssen in den Nachbarort gefahren werden, der Saft zurück. Es war mehr als gedacht, den ganzen Samstag läuft der Einkocher. Dann muss alles in den Keller. Gratis workout.

Das Märzkind bekommt von all dem nichts mit. Nicht schlimm, sie schafft andere Vorräte. Sollte es nochmal zu einer Schulschließung kommen und sie könnte mehrere Wochen ihre Freunde nicht treffen, das wäre übel für uns alle. Da sind die Geschwister sich einig.

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Ich schäle einen Korb voll Äpfel für Apfelmus und koche es ein. Das ist einfacher, als Apfelmus ohne Citronensäure zu kaufen. Und Apfelmus gehört nun mal zu Pfannkuchen.

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„Sag mal, weißt du noch, was du an Sylvester auf deinen Wunschzettel geschrieben hast, für dieses Jahr?“, frage ich das Maikind beim Spaziergang. Am Sylvesterabend schreibt jeder einen oder auch mehrere Wünsche für das neue Jahr auf einen Zettel. Nur realistische Sachen sind erlaubt. Die Zettel kommen dann unbesehen in eine Zeitkapsel (Bockwurstdose). Bis zum nächsten Sylvesterabend. „Nee“, sagt das Maikind, „keine Ahnung, aber was ich mir für nächstes Jahr wünsche, das weiß ich schon.“ Ich auch.

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Der Triathlet kommt kurz auf einen Kaffee vorbei. Er verweigert den Keks, weil, er muss diese Woche noch einen Marathon laufen. Ich wundere mich, findet der statt? Sicher, der ist jetzt virtuell, das ganze Wochende kann jeder laufen, irgendeine Strecke, man muss sich nur registrieren und am Ende ein Foto hochladen, von seinem Ergebnis, auf der Pulsuhr oder der App, geht alles. „Da machst du auch mit“, teilt er dem Liebsten mit. „Du bist bescheuert, ich lauf doch keinen Marathon“. „Nee, das ist klar“, sagt der Triathlet, man könne aber selber sagen, wie weit man laufen möchte, es gehe da hauptsächlich um die gute Sache, der Sponsor spendet pro Teilnehmer, und, der Triathlet hat die Seite schon aufgerufen, „ihr macht da jetzt mit“.

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Das Julikind ist die ganze Woche „schuluntauglich erkrankt“. Bisschen erkältet, nannte man das früher.

Im Ortsteil wohnt noch ein Klassenkamerad und dieser Klassenlehrer hat keinerlei hygienische Bedenken, was die Weitergabe von Hausaufgaben angeht. In der letzten Woche war der Klassenkamerad erkrankt. Er ruft meist um die Mittagszeit an, um zu fragen, ob es Hausaufgaben gibt. Dann besprechen wir, wer was abholt oder bringt oder schicken Fotos. Freitag ist er früh dran.

„Ich wollte nur sagen, heute kann ich keine Hausaufgaben mitbringen, ich hab in der Schule gekotzt, nicht dass ihr wartet.“

„Danke fürs Bescheid geben, gute Besserung.“

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Der Oppa nimmt den Konfirmanden mit zum Gottesdienst im Nachbarort. Das Märzkind muss nicht zum Training , keine Elterntaxifahrt am Sonntag, da hab ich spontan Zeit…

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Startnummer 2345 bei einem virtuellen Marathon. Die drucke ich gar nicht erst aus, das glaubt mir doch keiner. Dann laufe ich also, die gleiche Strecke wie immer, mit dem Handy des Liebsten in der Tasche, ich hab keine eigene App. Aus gutem Grund. Die Zeit, die ich für 6km brauche ist, nun ja, man muss wohl sagen, sehr sehr großartig. Eines Tages wird die Welt auf dieses Ergebnis schauen und sagen, was für eine fantastische Leistung. Es ist wohl die beste Zeit, die auf diesem Abschnitt des virtuellen weltweiten Marathons jemals gelaufen wurde. Ich bin sehr sehr glücklich. Für die gute Sache.

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