Leer, hinüber und ausverkauft KW9/10 2023

Den Weg zur Sockenschublade finde ich ohne Licht und nehme einfach irgendwelche. Im Bad öffne ich die Rollladen und blicke in eine Winterlandschaft. Fünf Zentimeter Schnee liegen schon und es schneit in dicken Flocken. Och guck, auf den Socken des Tages tanzt ein Lebkuchenmann mit Zuckerstange. Eigentlich ist März, aber ach komm geh weg.

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Dem Liebsten gehts nicht nur besser, sondern wieder gut. „Einfach so“, sagt er. Das freut uns natürlich alle. Aber „einfach so“ stimmt ja nicht. Die letzten sechs Wochen haben Spuren hinterlassen. Mein ohnehin schwacher Akku ist leer. Ganz dringend müsste ich mal eine Stunde alleine in einem Raum sitzen, vielleicht sogar anderthalb. Einen Film gucken, ohne dass jemand was von mir will, oder was lesen, oder was denken. Die Familie merkt, dass es mir nicht gut geht und reagiert fürsorglich. Muss denn noch irgendwas erledigt werden? Wäsche aufhängen vielleicht oder mal durchsaugen oder will ich vielleicht was trinken, brauche ich Gesellschaft, weil ich da so ganz alleine sitze? Der Hund wirft mir sein Spielzeug normalerweise schwungvoll vor die Füsse, wenn es ihm zu langweilig wird. Heute legt er es ganz leise neben mir aufs Sofa, wartet einen Moment, stupst es einen Zentimeter in meine Richtung, wartet, guckt so… Es ist kompliziert.

Der Liebste möchte mir eine Freude machen und erledigt in meiner Abwesenheit eine seit langem aufgeschobene Klempnerarbeit, fast. Es war klar, dass dieser Wasserhahn sich wehren würde, deshalb hat er direkt mit Kraft…ist dann abgerutscht und, was ich denn meine, ob er mit dem Finger zum röntgen? Wottsefack. „Äh, im Badezimmer ist die Spülung kaputt und im Gästeklo der Wasserhahn, sehe ich das richtig?“ ruft eine fragende Stimme von oben in den Hausflur. Jipp, genau so.

Dann, auf wundersame Weise sind tatsächlich alle mal unterwegs. Ich kann mehrere Arbeiten gleichzeitig anfangen, sinnig nebeneinander her laufen lassen und beenden. Wäsche zusammenlegen, nach oben tragen, in Zimmer verteilen schmutzige Wäsche nach unten tragen, saubere Wäsche, äh? hä?, die ist schon trocken? das kann doch garnicht… Oh ha. Jetzt isses soweit. Im geistigen Leerlauf hab ich einen kleinen, aber entscheidenen Zwischenschritt vergessen. Dreckwäsche wieder hoch tragen, vor der Waschmaschine auskippen, Waschmaschine öffnen, saubere Wäsche in den Keller tragen, aufhängen…

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Alle drei Kinder schreiben jeweils drei Klassenarbeiten diese Woche. Die Mädels sitzen schon eine ganze Weile lernend am Esstisch. Anscheind kann man sich im Hauptraum besser konzentrieren, als alleine am Schreibtisch. Maikind hatte tatsächlich mal Unterricht bis zur achten Stunde. „4,90 Euro kostet ein Cheeseburger jetzt, im Pommesgeschäft“, sagt er, ganz schön viel, wenn man gegenrechnet, wie lange man dafür Rasen mäht. Dann guckt er eine Weile vor sich hin. „Wir könnten ja mal eine Runde das neue Spiel spielen“, schlage ich vor. Jo, eine Runde, das würde wohl gehen, sagt er, und teilt aus. Ich gewinne, damit hatte niemand gerechnet, eine zweite Runde also. Der Liebste kommt von der Hunderunde zurück. Eine Runde würde er wohl mitspielen. Julikind verfolgt mittlerweile das Spiel, erkundigt sich nach Regeln, packt ihre Schulsachen ein, um mal eine Runde mitzuspielen. Märzkind verabschiedet sich Richtung Fitnessstudio. Wir könnten auch mit aufschreiben spielen, eine Runde. Zwei Stunden später hören wir auf, wegen Hunger, ist ja schon Abendessenszeit. Das war schön und hat allen mal gut getan. Uffpasse, hier kommt Werbung: SKYJO, ein unterhaltsames Kartenspiel, das logisch denkenden Taktikern und Chaosköpfen Spass macht, selten sowas, selber gekauft

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Elternchatnachricht am Wochenende. Vielleicht wäre es eine schöne Idee, zum Schuljahresabschluss einen Wandertag mit einer Übernachtung zu machen, da soll mal jeder seine Meinung sagen, bevor das in eine Planungsphase geht. Ganz kurz natürlich, also wirklich nur ganz kurz und sehr zeitnah, bitte. Übernachtung wäre im Camp der Sportjugend, Anreise per Fahrradtour und am Abreisetag könnte man die Eltern mit einbinden. Übersetzung: Jemand müsste eine Fahrradgepäcktasche von irgendwem ausleihen, das Fahrrad so herrichten, dass es offiziell verkehrstüchtig ist, den Fahhrradträger aufs Auto wuchten, das Kind mitsamt Fahrrad und Gepäck am morgen zur Schule bringen und am nächsten Tag woanders wieder abholen, zum Schnapperpreis von 65 Euro. Rücksprache mit dem Julikind. Wir erinnern uns beide noch sehr gut daran, dass es am Ausflugstag vor einem Jahr 42°C warm war, wenn das wieder so wäre, hätte sie keine Lust, ansonsten klingt das gut. Wenn niemand so richtig Lust darauf hat und ich das jetzt sofort in einem emoji entscheiden muss…Daumen runter. 6 weitere Daumen zeigen nach unten, 7 andere nach oben. Man darf gespannt sein. Julikind kommt von der Schule und freut sich. Den morgen, wenn der Wandertag ist, braucht sie gar keiner zur Schule bringen. Die Strecke führt quasi an unserem Haus vorbei. Man wird eine Pause machen und Eis essen, bei uns im Garten, und sie kann dann von hier aus mitfahren. „Eis für 17 Leute, dann, ne, Mama?“ „Äh, hä? Ja nee, sicher, kein Problem“. Es wird Sekt geben, an dem Tag, an dem ich den letzten Elternchat löschen kann, oder Whiskey.

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„Nu sag was“, sage ich und zeige auf meine Füsse. „Oh, neue Schuhe, garnicht gesehen…“ Der Außendienstler ist modisch maximal desinteressiert, die neuen Schuhe sehen genau aus wie die Alten, dass er trotzdem auf den ersten Blick einen Unterschied bemerkt, sagt eigentlich alles. Der Freundeskreis brauner Ökoschluffen kennt seine Mitglieder. „… was ist mit den Alten? War die schwarze Sohle schon runter?“ „Nee, nee, war noch die ganze Sohle schwarz, die Korkschicht ist rausgebröselt…“ „Nja“, sagt er in aufrichtiger Anteilnahme, „…wenn Kork bröselt isses soweit, da machste nix dran…aber, es ist doch immer ein Abschied“ So isses. Die neuen waren übrigens deutlich teurer als ihre Vorgänger, da merkt man mal Inflation und so… aber nützt ja nix.

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Im Baum vor dem Fenster sitzt ein Vogel, er bewegt den Schnabel und sieht fröhlich aus, als würde er zwitschern. Man hört aber nix. Das neue Fenster ist drin. Allmählich wird deutlich, wie kaputt das alte wirklich war.

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Wochenlang hat niemand nach Honig gefragt, ich muss tatsächlich mal im Keller gucken, ob noch welcher da ist. Punktlandung. Die letzten nicht reservierten Gläser verlassen das Haus. Dann innerhalb eines Tages, eine Anfrage per Telefon, eine an der Haustür. Es tut mir leid. Per whattsapp Status informiere ich die Welt, das wir leider ausverkauft sind, weil wir gar kein Schild mehr an der Straße haben, dass man abnehmen könnte. Ich hatte mit keinerlei Reaktion gerechnet und bin ehrlich überrascht. Es erreichen mich Nachrichten, von Leuten, die noch reservierten Honig haben und versichern, den zu holen (nicht, dass ich da Zweifel gehabt hätte), von Leuten, die geplant hatten, demnächst welchen zu holen und sich gerade über sich selber ärgern und erste Vorbestellungen. War sehr nett, hab mich gefreut. Sobald der Schnee weg ist gehts los.

kleine Überraschungen, KW 7/2023

Ein Brummgeräusch in der Auffahrt. Es klingt wie – aber das kann eigentlich nicht sein, oder? – doch, tatsächlich. Ein Krokus steht da in der Hecke. Das erste. Das Einzige, sechs Bienen sitzen darauf. Und der Haselstrauch, „samma, sah der heute morgen auch schon aus?“, frage ich Maikind. Er überlegt einen Moment. „Nö. Heute morgen noch nicht.“ Ein Motorradhelm wird unter der Treppe vorgekramt, die Wäschespinne eingestielt und, wann wir denn angrillen wollen, werde ich gefragt… Frühling. Endlich.

Am Mittag des nächsten Tages, auf der Rückfahrt vom Städtchen, verdunkelt der strahlend blaue Himmel sich allmählich. Schleier ziehen über die Felder, nur wenige und vielleicht nur eingebildet. Ein paar hundert Meter weiter wird es grauer und kälter. So deutlich, dass man es sogar im Auto bemerkt, die sanften Schleier werden zu dichten Nebelschwaden. Dieser Nebel hat schon in Filmen mitgespielt. Es fehlt nur ein bisschen Musik.

Anderthalb Tage lang kann man die andere Straßenseite vom Fenster aus nicht sehen. Bitter, nach dem schönen Frühlingstag. Die letzte Mini-Hunderunde des Tages laufe ich hustend. Vermutlich verheizt wieder irgendwer einfach irgendwas. Dorfsmog.

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De Omma kocht wieder selber. Eine Woche ohne war erholsam. Der einkaufende und der Reste abholende Haushalt hätten gern noch eine Woche länger gemacht.

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Oooh, der Karton, den ich mal gerade so vom Schrank ziehen wollte, ist schwerer als gedacht, erreicht in einem Sekundenbruchteil den Kipppunkt und landet geräuschvoll auf irgendwas anderem. Ein kleines Plastikteil fliegt knapp an meinem Auge vorbei. Da ist auf jeden Fall nicht das drin, was ich dachte. Neugierig öffne ich den Karton und finde den Urahn unseres Laptops. Ich wußte garnicht, dass der noch da ist. Frage ans Maikind: Kann der so weg, oder muss da vorher irgendwas ausgebaut werden? Maikind weiß es nicht, würde den aber voll gerne mal auseinander bauen, nur für zum mal gucken. Er zeigt mir was mit 64MB, erklärt technisches. Ich nicke. Weiß ich ja, das war mal das Beste was es gab, einen Moment lang. Maikind lacht. Seit 2004 wird das nicht mehr herstellt… er hat 64GB jetzt… aber das Teil behält er, dann kann er allen zeigen, wie das früher mal war. Ein Alterungsmoment.

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Winterwandertag, die ganze Schule fährt am gleichen Tag nach Willigen. Es ist ein bisschen aufregend für die Blagen. Das Mutterherz freut sich immernoch über alles, was „wieder geht“. Julikind hat Schlittschuh laufen gewählt, Maikind schließt sich der Wandergruppe an, weil sein Kumpel hat Bänderriss und darf weder Schlittschuh noch Ski.

Wandern war gut, aber gab nichts zu essen. Das war nicht so gut. Beste Erbsensuppe war angesagt in einem Glas, wo Bockwurst oben rausguckt, darauf hatten sie sich gefreut, gab aber nix und irgendwie waren da echt viele Besoffene. Ok. Ich weiß von sie eingekehrt sind. Dieses Lokal ist Teil der kulturhistorischen Entwicklung der Region, keine Frage, aber- ich hatte tatsächlich gedacht, es gibt nichts mehr, womit mich die Schule noch überraschen könnte. Ich hab mich getäuscht. (bei Interesse einfach mal selbstständig *Erbsensuppe Willigen* googlen)

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Meim letzten Gottesdienst im Ort waren nur 5 Leute da und de Mudda ein bisschen traurig. Ich wollte sowieso mal hin, wenn nichts besonderes ist, und nutze die Gelegenheit. Och guck, war genau richtig, denke ich, nächste Woche kommt Predigt in Reimform, wegen Karneval. Um die Arbeit der Organisten mal mehr zu würdigen, wird die Gemeinde gebeten, sitzen zu bleiben während des letzten Stückes, das ja normalerweise zum Ausgang gespielt wird. Sicher, gerne. Ich kenne dieses Stück…aber von irgendwo anders… tja, weiß ich gerade nicht…Gedanken schalten in Leerlauf…’dupapaaa duppaaa super trouper lights are gonne blind meeeee supppaaapaaa’…boar neee, jetzt weiß ich, was das ist. Mein Hirn versucht verzweifelt das Eisköniginnenlied einzuspielen… den Greatest Showman soundtrack… aber es ist zu spät. Das geht jetzt bestimmt die ganze Woche nicht mehr weg.

alltägliche Winterwoche KW4/2023

Sonntag morgen sind wir die ersten, die durch den verschneiten Wald spazieren. Aus Gründen. Es ist irgendwie doof kalt und trotz Schnee fühlt sich dieses Wetter grau an. So kann man aber mal sehen, was hier los ist, wenn keine Menschen unterwegs sind. Hasen können unheimlich weit hüpfen. Offensichtlich war er schneller als der Fuchs. Die kleinen Pfoten, vielleicht ein Eichhörnchen und die winzig kleinen, durch den Schnee gefrästen, das muss eine Maus gewesen sein. Neben uns murmelt ein Bach, normalerweise fließt da kein Wasser, aber es hat unheimlich viel geregnet, in den letzten zwei Wochen. Am Hang, ein Stückchen über uns aber kaum 10 Meter weit weg stehen zwei Rehe. „Samma, wollt ihr nicht weglaufen?“, fragt der Liebste in ihre Richtung. „Das sind doch immer die gleichen zwei“, sage ich, „wir sehen uns jeden morgen, irgendwo auf der Runde“. „Das ist ja wie bei Aschenbrödel, hier“, murmelt der Liebste.

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Schön, dass der noch fährt, denke ich Montag morgen, als ich zufällig um fünf Minuten vor acht den Schulbus am Haus vorbeifahren sehe. Da hätte es fast ein Muttitaxi gebraucht und – ich sags wies ist- dieser Montag kam plötzlich. Ich hab noch meine Schlafihose drunter.

Der Bus kommt jetzt später, erzählen die Blagen, irgendwas ist irgendwo gesperrt, die Schule weiß bescheid. Der Busfahrer hatte es durchgesagt, am Freitag, sie hatten das nur leider vergessen. Morgen gehen sie eine viertel Stunde später los. Abfahrt 7.55 Uhr, Fahrzeit etwa 15 Minuten, Unterrichtsbeginn 8 Uhr, mehrere Wochen. Es gab mal eine Zeit, da hätte die Schule die Eltern über sowas informiert und man hätte sich aufgeregt. Das ist lange her.

Märzkind braucht mit dem Bus morgens nur noch 20 Minuten bis zur Schule. Das AS-Taxi nach der achten Stunde fährt leider eine Schleife und braucht fast anderhalb Stunden.

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Der Hund liegt auf seiner Matte uns schläft. Gefühlt das erste mal seit zwei Wochen. Plötzlich wird mir bewusst, wie sehr mir das permanente Rumschleichen mit seufzendem Fiepen auf die Nerven gegangen ist. Er ist natürlich trotzdem mein Lieblingstier, aber die friedliche Stille ist erholsam. Gerade als ich den Gedanken zu Ende gedacht habe, kommt Maikind rein, setzt sich neben den Hundeschlafplatz. Wie schön das ist, ihn mal hier ratzen zu sehen, so ganz in Ruhe, sagt er, da hat man eine Sorge weniger, denn, wenn er ganz ehrlich sein soll, ist er ein bisschen aufgeregt, wegen seiner Prüfung….

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Jemanden früh morgens an einer Klinik abgesetzt, zwei Stunden später fröhlich Rest-sediert wieder abgeholt und einen halben Tag unter Beobachtung behalten.

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Ob er denn lieber von der Mama oder vom Papa zur Prüfung gefahren werden will, erkundigt sich der Liebste beim Maikind. Maikind sagt, dass sei ihm ehrlich scheißegal, Hauptsache er ist pünktlich da und muss vorher nicht mit Leuten reden. Alle anderen haben Unterricht in der Zeit, das heißt, in der Aula ist wahrscheinlich niemand, wir fahren also alle beide und Kickern eine Runde, während wir warten.

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Leute brauchen eigentlich viel weniger Weihnachts-Süßkram als Leute denken. Vier Wochen lang haben wir die selbst gekauften, geschenkt bekommenen und in anderen Haushalten übrig gewesenen Plätzchen, Lebkuchen, Weihnachtsmänner und sonstiges in Sternchenpapier verpacktes aufgegessen. Zum ersten Mal dieses Jahr steht Schokolade auf dem Einkaufszettel.

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Der Liebste hat Dienstjubiläum, ich bin auch eingeladen und freue mich. Das Essen schmeckt richtig gut, es gibt echte Servicekräfte, die Leute sind freundlich. Wenn mir vorher bewusst gewesen wäre, wer genau der Mann, der auf meiner anderen Seite Platz genommen hatte war, hätte ich mich vielleicht nicht so locker unterhalten. Der Chef vom Chef ist Fleischesser, Gladbach Fan und hat den ganzen Sommer versucht, einen Fischreiher, der zur Feierabendzeit über seinen Garten fliegt, zu fotografieren.

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Eigentlich konnte man an der Stimmlage der Durchsage schon merken, dass es keine Übung ist, sagt Märzkind, aber irgendwie sind doch alle davon ausgegangen. Dann kamen sehr schnell sehr viele Polizeiautos. Die Beamten alle in voller Montur und mit Hunden ins Gebäude… da haben ein paar Leute Nerven flattern bekommen. Die Lehrerin hat alle zum Rewe geleitet. Dort hat sie für die ganze Klasse Kekse geholt, von ihrem eigenen Geld, denn die meisten hatten ihre Geldbeutel garnicht dabei, „nur das allernötigste“, da nimmt man Jacke und Handy… Zwei Stunden hat es gedauert, dann durften sie zurück in die Schule. Es wurde nichts gefunden. Aber – es hat sich verdammt seltsam angefühlt wieder rein zu gehen. Bombendrohung hatten sie alle noch nie. Märzkind war mit der Organisation sehr zufrieden und hat sich insgesamt nur so mittel bedroht gefühlt. Ein herzliches Dankeschön an diese Lehrerin und natürlich an alle, die rein gegangen sind, als man noch dachte, es wäre ernst.

Sachen machen, KW 1-3 2023

Wenn man am zweiten Januar vormittags in der Hausarztpraxis anruft, ist der nächste freie Termin für eine Jugendschutzuntersuchung der 15. Februar. Tja, es ist, wie es ist, wir informieren den zukünftigen Arbeitgeber.

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Wir wollten schon ewig mal ins Kino, jetzt ist die Gelegenheit. Nur der Liebste und ich – und achtzig andere, der Saal ist voll. Wunderschöne Bilder, tolle Musik, aber, wenn es eine Handlung gab, hab ich sie nicht verstanden. Avatar zwei ist wie Avatar eins mit Wasser statt Wald, plus einem sehr langen Trailer für Avatar drei.

Möge dem Mann mit dem lauten Röchelhusten, der an meiner anderen Seite saß, der Löffel ins Müsli rutschen. In diesem Zustand gehört man zu Hause aufs Sofa. Immernoch.

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Das Schwimmbad im Städtchen ist so kalt, das es keinen Spaß macht, berichtet Märzkind. Wir fahren also ins Schwimmbad des Nachbar-Städtchens. Umkleiden, Fussböden, Duschen, Schwimmhalle, Nichtschwimmerbecken – es fühlt sich alles ganz normal an. Uuuuhhh, das Schwimmerbecken ist kälter. Ziemlich. Aber eigentlich macht das nichts, denn wer hier drin ist, schwimmt. Man reiht sich ein, in eine Bahn, die von der Schwimmgeschwindigkeit passt und schwimmt so lange, wie man Lust hat, einfach hin und her. Keine dümpelnden Aquajogger, keine tratschenden Rentnerclübchen in der Beckenmitte.

Nach einer Stunde haben die beiden kleinen Mädels Hunger. Während sie die Brotdosen leeren beobachten sie unauffällig aber interessiert die Damen, die sich zum Aquafitnesskurs einfinden. Fröhliche Genussmenschen, die seit Jahrzehnten auf einem Planeten mit Schwerkraft leben, total ungefiltert und alle sind nett miteinander. Geräuschpegel wie eine Klassenfahrt. Es ist tatsächlich unterhaltsam. Und ohne es zu merken, leisten die Damen einen großen Beitrag zur sozialen Entwicklung.

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Man öffnet mir die Tür. Märzkind hantiert mit ihrem Handy und ich sehe auf den ersten Blick, die Stimmung ist prächtig „Hiiii, da biste ja schon! Kannste ma gucken, ob da no irgenwo Blut ist?“ Nee ist nix. „Dann können wir ja jetzt gehen“, sagt sie. „Äh, du hast noch ne Nadel im Arm und bist an das Piepdings angeschlossen“ „Ah so, wir warten, bis es aufhört zu piepen?“ Ich sag mal ja und freue mich ein bisschen, die Sedierung war ihr Geld wert. Vor dieser Zahn-OP hatte sie ein bisschen Angst, wenn man ehrlich ist.

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„Samma, wie kam das eigentlich?“, frage ich den Liebsten, als wir kurz vor Mitternacht angeschickert durch den Garten gehen. Also, eigentlich waren wir zur Übergabe des letzten Weihnachtsgeschenks mit ganz anderen Leuten verabredet, das passte aber kurzfristig nicht, deswegen ist er laufen gegangen und auf dem Rückweg dem Nachbarn begegnet. Sie haben spontan beschlossen, den Apfelwein zu probieren, dann war jetzt. Hätte geplant nicht schöner sein können, dieser Abend.

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Ich schreibe eine mail ans Ordnungsamt, damit die einen Untersuchungsberechtigungsschein für die Jugendschutzuntersuchung ausstellen, denn es gibt keinen Bestell-Button oder so dafür. Als mir die Frau am Telefon erklärt hat, das sowas gebraucht wird, hätte ich fast gefragt, ob er die Unterputzfräse auch mitbringen soll, aber anscheind gibt es diesen Schein wirklich. Die Ausstellung ist auch überhaupt kein Problem, schon am Tag drauf liegt er bei der Stadt zur Abholung bereit, kostenlos. Mehrere Seiten normales, gedrucktes Papier, für den Laien sieht es fast so aus als könne man es in einen Email-Anhang packen und über verschlüsselte Verbindungen, so wie sie beispielsweise Arztpraxen oder Behörden nutzen, verschicken. Aber hej, ich hatte Zeit und war sowieso auf dem Weg.

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„kennste das, wenn man ungefähr 800 mal denkt, man müsste eigentlich mal… und dann kommt der Moment und man merkt, jetzt ist es soweit, jetzt macht man es wirklich… und dann freut man sich, weil man nicht mehr denken muss, man müsste eigentlich mal…“, frage ich Märzkind. Sie zieht fragend die Augenbrauen hoch. Ich hab den Keller gesaugt. War nötig.

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Die erste Woche des Jahres ist richtig gut gelaufen. Wir haben fast soviel unternommen wie im ganze Jahr 2021.

Die beiden nächsten Wochen lassen sich in einem Satz zusammenfassen. Der Hund war Weihnachten schon nicht ganz knupser, mittlerweile macht er mich wahnsinnig. 10 Weiber wohnen im Umkreis von 500m um uns rum. Das geht so nicht. Ich wäre bereit Maßnahmen zu ergreifen. Der Liebste ist strikt dagegen. Der Hund packt noch was drauf. Steinerweichendes heulen morgens um 6. Na gut, sagt der Liebste, das nervt tatsächlich. Ach was. Wir finden einen Kompromiss.

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Der Wolf war da. Ist über ein Feld gelaufen 10km von hier, es gibt ein Video. Helle Aufregung, ob wir denn keine Angst hätten, hier den Hund frei laufen zu lassen, werden wir beim Spaziergang gefragt. Nö, haben wir nicht. Der war übrigens schon mal da. Weiß ich von den Jägern, die wir damals, vor Corona öfter beherbergt haben.

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Die Freundin kommt vorbei, eigentlich wollte sie nur die Kinder absetzen, aber, wir haben uns dies Jahr noch garnicht gesehen und trinken einen Kaffee. Ich müsste dann mal mit dem Hund, vielleicht hat sie Lust, spontan eine Runde mitzulaufen? Jo, könnte sie. Als wir zurück sind, wäre es fast schon Zeit, die Kinder abzuholen, deswegen kommt sie einfach nochmal mit rein. Ohne Grund und Anlass einen ganzen Nachmittag durchgeschnuddelt. Schön wars.

KW 49/50 2022, Endspurt

Die anderen: Fahrschule, Vorstellungsgespräch, Einstellungstest mit anschließendem Vorstellungsgespräch, Klassenarbeiten (viele), Termin bei der Studienberatung, Klausurersatzleistungen, Abschlusspräsentation, Schichtplanänderungen

ich: das drumherum und den ganzen Rest

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Es ist noch garnicht richtig hell im Wald. Ein sanftes Nieselregen-Geräusch auf meiner Kapuze, Nebelschwaden wabern den Hang runter und „och guck, ein Steinbock“ sagt die innere Stimme. Äh, hier gibts gar keine Steinböcke. Im Advent lese ich immer was von Astrid Lindgren, Ronja Räubertochter dieses Jahr. Graugnome, Dunkeltrolle, an so einem morgen scheint alles möglich. Ich blinzele zweimal, der Nebelschwaden lichtet sich und da am Hang steht, völlig bewegungslos ein Mufflon-Bock. Real, aber leicht zu übersehen. Der Hund guckt mich fragend an. Alles gut, wir gehen weiter.

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Einlass um 16 Uhr steht auf den Eintrittskarten. Um 16.03 Uhr ergattern wir zwei der letzten etwa 20 freien Sitzplätze auf der Tribüne. Der Veranstalter bittet die Gäste freundlich, doch noch etwas zusammenzurücken, die Treppen müssen nämlich unbedingt frei bleiben. „Möchtest du noch irgendwas?“, frage ich Julikind. Letzte Chance. Nee, diese halbdurchgebackene Laugenstange ohne Salz eben, die habe ihr gereicht, sagt sie. Wir rücken zusammen, bis sich wirklich alle unwohl fühlen.

Sportakrobaten machen den Anfang, wow, das sieht alles aus, wie im Fernseh. Julikind und ich nicken voll Bewunderung. Danach folgen verschiedene Kinderturngruppen, die zu amerikanischen Weihnachtspartyliedern Purzelbäume machen und mit adventlichen Requisiten winken. Eine Gruppe fröhlich tanzender erwachsener Elfen animiert das Publikum zum mitklatschen. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen möchten. Gerade als ich beschließe, dass es wohl für alle am Besten wäre, ich gehe aufs Klo und schließe mich eine halbe Stunde ein, ist die Darbietung zu Ende. Der leicht frustierte, leuchtende Weihnachtsstern der hier durchs Programm führt betritt die Bühne. Ich seufze, so leise ich kann, aber, ganz ehrlich, das halte ich nicht noch eine Stunde lang aus. Immer wenn du denkst es geht nicht mehr…. „meine Güte, können die nicht wenigstens diesen Moderations-Stern weglassen?? Wie lange sollen wir hier denn noch so sitzen??“ In der Reihe über uns sitzt noch ein Grinch. Mein Hirn spielt „you never walk alone“.

Auftritt vom Märzkind war natürlich toll. Märzkind in bester Weihnachtsstimmung. Deswegen waren wir ja da. „Vielleicht können wir ja, wenn wir wieder wissen, wann Märzkind dran ist, im nächsten Jahr, einfach erst eine viertel Stunde vorher kommen“, schlägt Julikind auf dem Weg zum Auto vor. Ich bin ein bisschen gerührt.

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Es war als Veranstaltung geplant, wurde aber ein gemütliches Zusammensitzen. Ein schöner Nachmittag, angenehm adventlich, und das heißt was.

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Anscheind schläft niemand so richtig. Ich liege schon eine Stunde wach und man merkt dem Haus an, dass hier noch andere versuchen, niemanden zu stören. Dieser Vollmond wirkt riesig. Ein Super-Julmond, sagt das Internet. Jo, klingt so, als könnte man dabei nicht schlafen.

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Kalt ist es, auf einmal. Aber so richtig. Plötzlich fühlt es sich an, als könnte bald Weihnachten werden. Wir kratzen eine dicke Schicht Eis von der Flitschbimmel, der Autoinnenraum sieht aus, wie eine Eisköniginnenlandschaft. Das Christkind könnte mal eine Flasche Scheibenenteiser bringen, oder Katzenstreu für den Fussraum oder sowas.

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Leider noch keine Nachricht von den Fenstern, die in KW 45 eingebaut hätten werden sollen.

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Die erste Stunde sei ausgefallen, erzählt Maikind. Die vier, die heute morgen vor Verlassen des Hauses nicht auf den Vertretungsplan geguckt hatten und deswegen unnötig früh zum Unterricht erschienen sind haben sich aus Langeweile mal getestet. Ein Test hatte zwei Balken. Da haben sie alle erstmal doof geguckt und dann dem Klassenlehrer bescheid gesagt. Der hat einen zweiten Test ausgegeben. Wieder zwei Balken. Theoretisch hätte das Mädel bleiben dürfen, mit FFP2 aber, man hat sie gebeten, nach Hause zu fahren, und – natürlich nimmt man da Rücksicht, sagt Maikind und grinst. Drei positive in einer Woche. Der Lehrer, bei dem sie danach Unterricht gehabt hätten ist gerade Papa geworden, und wenn der jetzt Corona bekommen würde, dürfte er nicht ins Krankenhaus zu seiner Frau, da hat man natürlich auch Verständnis. Anzahl der stattgefundenen Unterrichtsstunden an diesem Tag: 1 Rekord. Ein trauriger, finde ich.

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Endlich, zum ersten Mal seit Wochen, sind alle aus dem Haus. Das ist die Gelegenheit, all die Päckchen, die ich immer nur angenommen und irgendwo hin versteckt habe zu öffnen, Inhalte zu sortieren und neu zu verpacken, weihnachtlich, mit Namen versehen, Bestimmungsorten zuzuordnen und wieder so zu verräumen, dass es so aussieht, als wäre nichts gewesen. Tadaa. „Kochst du noch garnicht?“, fragt das Kind, das zuerst nach Hause kommt. Nee, tatsächlich gerade nicht.

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Der Liebste fährt mit den Kindern ins Weihnachtsbaumgeschäft und gemeinsam finden sie den allerschönsten. Zum vierten Advent gibt es eine riesige Pute mit Knödeln und Rotkohl. Gut, dass wir sowieso keine Gans mögen. Da hat die Inflation derbe reingehauen, sagt der Liebste. Pute ist anscheind ein ganzjahres-Tier.

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Ferienvorfreude. Für echte weihnachts Vorfreude fehlt noch ein bisschen Ruhe. Die drei Tage schaffen wir noch.

KW 48/49 2022 hohoho und so

Fazit der diesjährigen Freiland-Gartensaison: Kaum Freude, kaum Ertrag. Das hat so keinen Zweck. Ich fülle einen Antrag auf Mitgliedschaft in der Solawi aus und bin ehrlich. Ich will nix machen. Nur zahlen und Gemüse holen. Drei Tage später ein Anruf. Man freut sich voll und ich kann sofort, ab nächster Woche. Juhu! Ernten ohne Gartengedöns, da freu ich mich auch und erzähle es dem Liebsten. Der freut sich auch, das ist toll, da können wir ja dann mal hin und irgendwas im Garten und auf den Feldern, so mit richtigen Gärntern, kann man bestimmt viel lernen. Och nö.

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Die Weihnachtswünsche sind bescheiden aber speziell, dieses Jahr. Da brauch ich in der realen Welt garnicht anfangen zu suchen. Es ergibt sich ein Zeitfenster zum digitalen Einkauf. Ich möchte bitte, einfach das, was ich suche und wäre bereit, zu zahlen, was es kostet. Wohin ich auch komme brüllen mich blinkende Sonderangebote an. Black Friday. So kann ich nicht arbeiten.

Auf dem kurzen Weg vom Haus bis in den Nachbarort fahre ich an drei Star-Shower Installationen, unzähligen beleuchteten Eiszapfengirlanden und Sternen vorbei. Äh, war da nicht was? Sollte das nicht weniger? Es sieht eher nach „jetzt erst recht“ aus. Wobei, keine aufblasbaren Wintergestalten.

Ein gigantischer Plätzchenteller wird mir an der Tür überreicht. Die Besucherin ist auf dem Weg zu einem Termin, reinkommen möchte sie nicht. Einen schönen ersten Advent! Vielen Dank, wir freuen uns. Kurz den Vormittag neu sortieren. Dieser Programmpunkt war als Besuch angekündigt, ich dachte, wir trinken Kaffe, besprechen vielleicht weihnachtliches…

Nachricht eines Kindes: Wichtelgeschenk, für heute Abend, haben wir was oder muss man dafür jetzt extra in die Stadt? Wir haben was. „Wichtelgeschenk heute“ ist fester Bestandteil der Weihnachtsroutine, wirkt aber wie Magie, wenn man es beizeiten vorbereitet.

Alle Jahre wieder, die Adventskranz-Diskusion mit Märzkind. Sie hätte gern einen opulenten Mischgrünkranz mit dicken Kerzen und winterlich verspielter Dekorationen, die fließend in die Tischdeko übergehen. Dieser Tisch ist die Woche über quasi mein Arbeitsplatz. Wir essen hier, ich lege Wäsche, da will ich nicht jedesmal was wegräumen müssen, was dann woanders genauso im Weg ist und alles vollnadelt. Das Advents-Schwein steht nicht zur Debatte. Märzkind guckt gequält. Niemand hat so ein Schwein. Es sieht aus wie ein Holzklotz mit Ohren. Nee, nee, das ist puristisches Design von einem nordischen Markenhersteller, dieses zeitlose Dekorationsobjekt unterliegt der künstlichen Verknappung. Da musste im Oktober schon entscheiden, wenn du eins kaufen willst, wie bei Lego. Ob wir es wenigstens dekorieren können, fragt Märzkind. Sicher, sage ich und schiebe dem Schwein eine Zuckerstange unter die Schleife in der Körpermitte. Märzkind seufzt.

84 kleine Adventlichkeiten festlich verpackt, Nikolausstiefel befüllt, Süßigkeitenpäckchen für kleine Nikoläuse vorbereitet,ein Vormittag im Städtchen zum „nur“ Geschenke kaufen, Lebensmitteleinkauf, Elterntaxifahrten, Weihnachtskarten gebastelt und geschrieben,Plätzchen gebacken. Mich nach Kräften bemüht, meine Grinchigkeit zu verstecken.

Ach, du, übrigens… im vorbeigehen bekomme ich ein sehr nettes Kompliment zum Blog. Es trägt mich durch den Tag. Vielleicht schaffe ich ihn doch, diesen Advent.

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Maikind ist krank. So krank wie, man erinnert sich eigentlich nicht. Bei Corona ging es ihm besser. Eine Woche verbringt er eingemummelt in Wolldecken mit Wärmflasche in seinem Sessel.

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Eine Lehrerin versucht aus der Corona-Isolation heraus Lernlücken zu schließen. Das ehrt sie, funktioniert aber nur mittel. Julikind ist „vonne Psyche her“ am Ende ihrer Leistungsfähigkeit. Ich auch. Lagebesprechung. Julikind entscheidet, die Karten auf den Tisch zu legen, ich schreibe eine mail. Diese Lehrerin liest ihre mails nicht oft, sagt Julikind. Wir werden sehen. Innerhalb weniger Stunden kommt eine Antwort. Das gefühlte Problem existiert nicht, da sie aber jetzt weiß, was los ist, wird sie sich kümmern. Am nächsten Tag kommt Julikind völlig verändert nach Hause. Die Lehrerin war heute richtig nett und es haben sich noch drei Leute gemeldet, die Probleme hatten. Alles wurde besprochen. Das ganze Drama – einfach weg. Ich kann es kaum glauben.

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Gottesdienstbesuch zur Taufkerzenrückgabe am ersten Advent. Die, die da als Taufeltern mit Kleinkindern und Babys sitzen sind alle ungefähr so alt wie ich. Einen Moment lang komme ich mir uralt vor, dann fällt mir wieder ein, wie toll es ist, große Kinder zu haben.

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Der Außendienstler kommt vorbei, er trägt Dienstkleidung aber für einen Kaffee hat er Zeit. Wir haben uns länger nicht gesehen. Gerade gestern haben wir überlegt, ob die eigentlich im Urlaub sind. Das Gegenteil sei der Fall, sagt der Außendiestler. Vormittags ist er eingesprungen, weil sonst alle krank sind, nachmittags hat er Stromgereratoren an Heizungsanlagen angeschlossen. Ich sammele abgekühlte Plätzchen vom Tisch in die Dose und gucke fragend, „Haben alle Schiss wegen Blackout“, sagt er und gestikuliert, die Dose kann stehen bleiben „und eine Heizungsanlage ist hochkomplexes elektrisches Gerät, die ist empfindlich in ihrer Sinuskurve, wenn man da einen kleinen Baumarkt-Stromgenerator anschließt brennts einem ratzfatz die Steuerungseinheit durch, das wird im Nachgang dann teuer, oder vielleicht auch nicht, denn bei der ganzen Aktion wird die Hauselektrik so gestört dass der FI durchgeht und der löst dann natürlich nicht mehr aus, im Fall des Falles … brennt die Bude einfach ab und wenn die Leute schon Idioten sind, kannste davon ausgehen, dass die mehr Diesel lagern als erlaubt ist… mach mal die Dose zu und nimm sie mit“, sagt er. Ich räume das Spritzgebäck weg, der Liebste bringt Kaffee.

Dorfgruppen-Whatsapp: Im Fall eines Stromausfalls hätte das Internet geschlossen, was für die allermeisten heißt, man kann nicht mehr telefonieren. Sollte der Stromausfall länger als eine halbe Stunde andauern, steht die Feuerwehr im Gerätehaus bereit, man muss halt nur persönlich vorbeikommen und sagen, wo Notfall ist, Adressliste der Gerätehäuser und freundliche Grüße von Bürgermeister und Stadtbrandinspektor. Feine Sache. Darum hatte ich mir ehrlich gesagt null Gedanken gemacht.

De Omma könnte übrigens noch telefonieren. Analoger Anschluss und im Keller steht das gute alte Telefon, mit Wählscheibe, weil sie so schnell die Treppe nicht hoch kann.

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Der Weihnachtsstern an der Laterne strahlt in voller Pracht, alle Birnchen funktionieren dieses Jahr. Sie beleuchten die fallenden Schneeflocken vor dem noch dunklen Winterhimmel. Ich werfe einen Packen Weihnachtskarten in den Briefkasten und halte einen Moment inne. Idyllischer geht es kaum. Wenn man die Tatsache außer Acht lässt, dass ich eigentlich nur hier bin, damit der Hund da hinten an die Hecke pinkeln kann. Wetten? Die erste Karte, die wir bekommen ist von jemandem, den ich vergessen habe.

KW 43/44 2022, Hintergrundrauschen

Wir waren nicht nur reif für Ferien, wir hatten die Schnauze voll, man muss es so sagen. Die kurze Strecke von Sommerferien bis hier hat sowas von gereicht. Die Blagen verschwinden sofort nach Schulschluss in ihren Zimmern. Stille auf dem Flur, kein K-Pop Gedudel, keine kryptischen online-Spiel-Gesprächsfetzen, kein Duftkerzengeruch. Nix wollten sie machen, in den Ferien. Einfach mal garnichts. Läuft anscheind.

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Mittags um halb zwölf bemerke ich beim Wäsche aufhängen, dass im Nachbarhaus noch alle Rollläden geschlossen sind. Das muss natürlich nichts heißen, aber ich hab ein seltsames Gefühl und schreibe die Nachbarin an. Nach einer Stunde keine gelesen-Häkchen, keine Antwort. Nachricht an die Dame der Diakonie, ich gehe davon aus, die Nachbarin ist im Urlaub – Fragezeichen. Antwort nach wenigen Minuten. „Nein – wieso?“ Das Telefon klingelt. Wir reden kurz. Wie viele Nachbarn kann man denn wohl tot auffinden, ohne sich verdächtig zu machen? Es ist nur halb lustig. Der Sohn hätte sich wohl gemeldet, wenn sie nicht ans Telefon gegangen wäre, davon gehen wir einfach mal aus. Eine Stunde später sind alle Rollläden geöffnet. Die Nachbarin bedankt sich für die Nachfrage, dass wir uns Sorgen machen, hätte sie garnicht gedacht. Den Rest der Woche hält ihre normalen Rolllädenzeiten ein.

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Winterschuhe. Winterjacken. Winterreifen. Holz. Post vom Energieversorger. Kostenvoranschläge für Klassenfahrten. Zahnarztrechnungen. Einmal tief durchatmen und sich einfach freuen, dass das alles geht. Urlaub hatten wir ja sowieso noch nicht geplant.

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Nachmittags werde ich von jetzt auf gleich kurzatmig. Keine Idee, was der Auslöser gewesen sein könnte. Hab ich Corona? Nee, fühlt sich nicht so an. Ich lade Allergiemedikamente nach und denke nicht mehr drüber nach. Später fahre ich das Julikind zur Freundin. Auf dem Weg dahin fällt mir ein Trecker auf, der Grasschnitt einsammelt, das erklärt alles, ist aber ein bisschen verrückt, Ende Oktober.

Im Supermarkt steht ein Aufsteller mit Fanschminke. Einen Moment stehe ich davor und wundere mich, dann fällt es mir wieder ein. Ist ja noch WM. Drei Meter weiter steht die Schokoweihnachtsmänner-Armee.

Der Baum vor dem Haus wird geschnitten, es ist fast noch T-Shirt Wetter. An den dünnen Ästen sind schon Knospen, bei einer Linde, Anfang November.

Wir haben alle Jahreszeiten gleichzeitig.

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Ich müsste nochmal in die Stadt, bevor der Advent eskaliert, also jetzt. Ich schreibe eine Liste. Der Liebste braucht auch Sachen, wir fahren gemeinsam. Ein Männerklamotteneinkauf ist schnell erledigt, er weiß was er braucht und fährt in den Laden, wo man es kaufen kann. Wir sind die eizigen Kunden, der Verkäufer hat Zeit, es dauert kaum eine halbe Stunde. Genauso lange stehen wir anschließend zu zweit im Spielzeugladen vor dem Regal, bevor wir gemeinsam entscheiden, dass wir das heute nicht entscheiden können. Es soll ja schon der beste Bagger von allen werden. Die Auswahl überfordert uns. Beim nächsten mal hinkommen, einen nehmen, Kasse, so der Plan.

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Maikind bekommt eine Absage auf seine Bewerbung, mit dem Hinweis, dass noch Ausbildungsplätze frei wären in zwei anderen Berufen, die sehr gut zu dem passen würden, was seine Zeugnisse und Praktia über ihn erzählen. Wir lesen nach, wir denken nach. Ungeahnte Möglichkeiten.

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Wir gehen bowlen, alle fünf, ein Ferienevent. Das Ferienevent, um genau zu sein.

Beim Liebsten klingelt das Telefon, er geht ran, und verschwindet nach wenigen aufgeregten Sätzen in den musikfreien Waschraum. Oh oh. Wir fragen uns gegenseitig, wer das denn wohl war, am Telefon. Die Arbeit. Kurzfassung: „Aus Trafohäuschen hochgegagen, das wars für dies Jahr“ wird innerhalb weniger Stunden „Sprinkleranlage hat ausgelöst, dieses Wochenende frei“. Alles gut.

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Der Liebste stellt fest, dass seine Frisur im hinteren Bereich nachgelassen hat. Weiß ich doch, kein Problem – also, für mich nicht. Man kann das aber nicht in nett sagen. Er wird die Haare ab jetzt wachsen lassen, teilt er mir mit. Ich weise ihn darauf hin, welchem Familienangehörigen er dann vorraussichtlich ähnlich sehen wird, reine Fürsorge. Tagelang ist die Stimmung gedrückt, da muss noch was anderes sein. Das Frage/Antwort Spiel beginnt. Ich erkundige mich nach dem Gesundheitszustand der Schwiegermutter, der Schwiegeroma, frage beiläufig ab, ob er von seinen Kumpels mal wieder was gehört hat und lande einen Treffer. Der Kumpel, der seinem Herzen am nächsten steht ist zu Hause ausgezogen. Frau, Kinder, Hund, Haus… es fühlt sich tatsächlich ein bisschen an, wie ein Trauerfall.

„Schweinefleisch ist im Angebot und ich hab morgen einen Werkstatttermin“, sagt der Liebste beim Frühstück. Ich gucke fragend, sehe keinen Zusammenhang. Er greift zum Telefon und bestellt für morgen Vormittag 10 kg Schweineschulter. Ich nutze das regionale Fragewort in der Tonart, die sich zeitgleich nach Vorhaben und mentaler Gesundheit erkundigt „Hä?“ „Pulled pork“ sagt der Liebste, einmal für uns und einmal für die alten Herren. Aha.

Am frühen Abend mariniert in allen großen Töpfen und Brätern die dieser Haushalt besitzt das Schwein. Der Liebste kommt fröhlich aus dem Keller. „Whiskey oder Bier?“, fragt er. „Was du für angemessen hälst“. Wir sitzen gemeinsam auf dem Sofa und trinken auf die, die das nicht mehr können, also, gemeinsam auf dem Sofa sitzen. Grüße, von Herzen, auch wenn ich offiziell garnichts weiß. Der Liebste hat die verbliebene Wartezeit für einen Friseurbesuch genutzt. „Sieht gut aus, die neue Frisur“, sage ich und meine ich. Er murmelt irgendwas zu sich selber.

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Kurz vor Mitternacht komme ich aus dem Bad. Unten auf dem Flur, eine fröhliche Unterhaltung in diesem gebrüllten Flüsterton. Märzkind und Pluseinskind waren im Stadion. Durch die verschlungenen Wege des Internet habe ich ein kurzes Video gesehen, in dem das Pluseinskind aus vollem Herzen jubelt, großes Kino. Ich rufe ein verschlafenes „oleeoleeeee“ die Treppe runter. Märzkind freut sich, dass noch jemand wach ist. Julikind kommt dazu, denn die ist um diese Zeit hellwach, Pluseinskind kommt aus der Küche, will wissen, wann denn das Fleisch im Ofen…. leider erst morgen früh, dann noch in den smoker… wenn das hier so riecht, dann kann er aber garnicht schlafen, tja, muss er durch, Julikind hat das Pluseinskind-Jubel-Video auch gesehen, „nnnnnaaarh“, sagt das Pluseinskind, was isn los da draußen, fragt der Liebste… Alltag. Sonst nichts.

KW 39/40/41 2022, herbstliches

Drei Tage Erkältung. Ich hatte ganz vergessen, wie das ist, und leide wie ein Mann. Am vierten Tag, alles wieder gut. Einfach so.

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Drei Termine an einem Tag, die Zeiten überschneiden sich etwas, werden angepasst und dann als gerade alles hinkommt, werden alle drei nacheinander abgesagt. Leicht verwirrt stehe ich vorm Kalender und frage mich, was ich heute eigentlich ursprünglich vorgehabt hatte.

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Dass die Flitschbimmel nicht einfach so TÜV bekommt, war klar. Ein Birnchen ist kaputt und irgendwas muss wieder angeschweißt werden, sagt der Liebste. Ich hatte mit Schlimmerem gerechnet und fange an, mich richtig zu freuen. Leider zu früh. Ein Steinschlag im Sichtfeld muss gemacht werden. „Hä? Ein Steinschlag im Sichtfeld? Das hätte ich doch wohl bemerkt.“ Nee, hat er auch nicht gesehen, sagt der Liebste aber nützt ja nix. Der Prüfer meinte, man könne das für kleines Geld reparieren lassen. Bei ATU haben sie gesagt, im Sichtfeld geht das nicht, die Scheibe muss getauscht werden. Ein Schweigemoment. Totalschaden, wenn man ehrlich ist. Andererseits, „wenn der TÜV-Prüfer nicht weiß, dass man das da nicht reparieren darf… amArschdieRäuber… ich gucke jetzt carglas24punkt welche Endung hat Rumänien?“ „Aah nee weißte was…“ der Liebste murmelt und telefoniert. Am übernächsten Tag fährt er mit meinem Auto zur Spätschicht, parkt und als er nach acht Stunden wieder kommt, ist eine neue Scheibe drin. Magie.

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Maikind sieht dem Abgabetermin seiner Hausarbeit tiefenentspannt entgegen. Ich eher nicht. Ausflug in die Bücherei. Ich lerne verschiedenes über die Erdathmosphäre und bin eine Quelle der Inspiration dabei. Maikind lacht herzlich über meine Erkenntnisse. Das man sowas von überhaupt keine Ahnung haben kann war ihm nicht bewusst, vielleicht muss er seinen Vortrag doch anders angehen.

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Zwei Elternabende. Einmal „mimimi-Lernrückstände, mimimi-Lehrermangel“ und einmal „gerade alles ein bisschen scheiße, aber wir versuchen für jeden das Beste rauszuholen“. Insgesamt sehr aufschlussreich.

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Es läutet wieder. Das freut mich, denn es taktet den Tag, ohne dass ich auf die Uhr gucken muss.

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Man möge auf unnötige Weihnachtsbeleuchtung verzichten, sagen sie in den Nachrichten. Es gibt eine mindest notwendige Menge an Weihnachtsbeleuchtung? Witzig, das wußte ich garnicht. Die Kinder erkundigen sich vorsichtig, ob es denn in diesem Jahr einen Baum geben wird, so mit Lichterkette. Ich kann sie beruhigen. Durch meine Grinchigkeit sind wir der Zeit voraus. Wir fahren das volle Programm. Weihnachtsbaum mit Licht, Stern im Fenster und das Adventsschwein bekommt vier Kerzen in den Rücken, die hab ich sogar schon gekauft.

Könnte natürlich sein, dass im Dorf weniger beleuchtet wird. Zur Not würden wir dann statt Lichterspaziergang Glühwein im Dunkeln trinken.

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Das Blackout Geraune macht mich unruhig. Ich schaue mir ein youtube Video zur Krisenvorsorge an. Ein Großstadtpapa zeigt seinen Notfallraum und erklärt, was da warum drin ist. Sein worst case Szenario beschreibt meinen Alltag. Es kommt hier tatsächlich hin und wieder vor, dass man mehrere Tage hintereinander nicht zum Einkaufen kommt, oder nach einem Sturm irgendwas weggeräumt werden muss. Was er als Krisenvorsorge und Notfallraum bezeichnet, nennen wir Wocheneinkauf, Speisekammer, Garage und Verbandskasten. Tja.

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Der Liebste hält sich an der Türklinke fest und hustet dramatisch. „Da schlafen zwei Teenager und der Hund…man atmet ein, öffnet die Tür, macht vier Schritte, öffnet das Fenster, macht vier Schritte, schließt die Tür und atmet aus“ erkläre ich. Der Liebste wedelt so mit der Hand, und röchelt ein „vergessen“. Es macht schon Sinn, dass man eigentlich nicht länger als 19 Tage am Stück arbeiten darf.

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Ein sonniger Oktobertagnachmittag, bunte Blätter auf dem Boden, Pilze im Moos, es riecht nach Herbst im Wald. Gefühlter, gesehener und tatsächlicher Oktober zur gleichen Zeit, das ist schön.

Die Grünfläche im Garten, die wir als Rasen bezeichnen, war nicht nur steppig vertrocknet, die war durchgebacken, genauso hart wie die Pflastersteine. Ich hatte gedacht, wir müssen die neu säen, oder als Ascheplatz nutzen. Erstaunt stelle ich fest, dass sich das Gras erholt. Irgendwer wird nochmal Rasen mähen müssen, dieses Jahr.

„Die Brombeeren müssten geschnitten werden“, sagt de Omma, ich stehe daneben und nicke „ganz unbedingt müssen die geschnitten werden“ Eine Weile kann ich noch so tun, als hätte ich das nicht gehört.

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„Wieso ist es hier eigentlich so warm?“ erkundigt sich meine Schwester. Sie wollte ja nichts sagen, sagt die Gästin und krempelt die Ärmel hoch, aber, dass fragt sie sich ehrlich gesagt auch schon seit über einer Stunde. „es sind 22° im Raum, ich dachte, das wäre angemessen…“ „Boar nee, so eine Affenhitze, das ist man nicht mehr gewohnt, heizt ihr etwa schon?“ „Ne, so normal natürlich nicht, ich wollte gastfreundlich sein“, sage ich und öffne die Zimmertür.

KW 37/38 2022

Morgens um kurz nach acht wabert noch Nebel durch den Wald. Es ist herbstlich, auf die schöne Art. „ding. ding.“ Vom Dorf her hört man die Totenglocke, zwei Schläge nur. Das ist seltsam. Stille, dann läutet die normale Glocke, fünf Sekunden lang. Als ich noch dabei bin mich zu wundern, röhrt irgendwo im Tal ein Hirsch. Der Hund guckt mich fragend an „ok, du hast das auch gehört“ murmele ich und bin ein bisschen erleichtert.

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Eine gemeinsame Hunderunde war geplant, schon länger. Endlich hats geklappt und ich hab mich richtig gefreut. Der Hund auch. Sofort fröhlich losgespielt, als würde er die Dame schon ewig kennen. Herzliche Grüße.

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Als wir los sind haben sie mich ausgelacht, weil ich mir Handschuh eingesteckt habe, jetzt hätten sie selber gerne welche. Wir verabschieden uns vom Hoffest. „Das war fast wie Osterfeuer. Nur, beim Osterfeuer war vorher Winter und man ist entsprechend angezogen, und wenn man dann sowieso schon ein bisschen müde ist…“ sagen wir uns gegenseitig beim Zähne putzen, Freitag abend um zehn…

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Nach sechs Wochen wird das bestellte Bauteil für unsere Heizung geliefert. Juhu – halt, doch nicht. Richtiges Teil aber völlig falsche Größe. Der Außendienstler telefoniert mit der Servicehotline und wird ein wenig emotional, dabei. Der Versand des richtigen Teils wird drei bis fünf Werktage dauern sagen sie, wie beim letzten Mal. Ich rechne mit voll funktionsfähiger Heizung ab Mitte November. Fünf Tage später ist das richtige Teil da, wir bauen es ein. Also, der Außendienstler baut und ich halte die Taschenlampe, reiche Werkzeuge an und koche Kaffee. „Man darf da garnicht drüber nachdenken“, sagt er, „Baumaterialien werden einfach irgendwann geliefert, im Moment – oder auch nicht.“

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Pflaumen, Birnen, Brombeeren wurden geerntet und verarbeitet. Die Tomatensaison neigt sich dem Ende. Es war eine gute, muss am Dünger gelegen haben, und hunderten Litern Wasser, die wir reingetragen haben. Nach dem Regen sehen die Beete nicht mehr ganz so traurig aus, aber ernten werden wir da wohl eher nichts.

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Ein paar Gedanken-Dinge dröseln sich auf. Wo vorher „narrrghh“ war zeigen sich Möglichkeiten. Das ist erfreulich.

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Abgabe der Hausarbeit in drei Wochen? Ich dachte das hat Zeit bis Mitte November. Das Thema wurde doch letzte Woche erst offiziell genehmigt? Sowas könnten die eigentlich mal im Elternchat, oder per Email…Beim Maikind liegen die Nerven blank. Wie soll der Text aussehen, wie macht man korrekte Quellenangaben? Ich weiß das leider auch nicht. Als die große Schwester ihre Arbeit geschrieben hat, gab es vorher Unterricht, indem sowas erklärt wurde, damals, vor zwei Jahren. Märzkind hilft mit gutem Rat. Ein Hauch von homeschooling weht über den Flur.

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Ein Buffet für 300 Leute, ich stehe davor und bin kurz überfordert. Zwei Mädels im Kindergartenalter stehen neben mir, denen gehts genauso. „Booaaar“ sagt die eine, als sie den gut gefüllten Donutbaum sieht. Die andere zupft sie am Ärmel und deutet mit leuchtenden Augen in Richtung der candy bar. Ein kurzer Rundumblick, kein Erziehungsberechtiger in Sicht, leichte Entscheidung. Ich esse erstmal „was gescheites“. Der Arbeitgeber des Liebsten hat alle Mitarbeiter eingeladen, mit Familie, leider nur Kinder bis 14 Jahre. Wir schicken den Blagen ein Foto vom Spießbraten über dem riesen Grill, dann haben sie auch was davon, höhö.

Ich kenne niemanden und hab auch keine Ahnung, über was sie sich unterhalten. Einfach sitzen und mir die Leute angucken, das ist auch mal schön. Obwohl, vom hören sagen kenn ich doch einige. Es ist nämlich nicht nur die Arbeit, sagen die Herren. Würde es diese Firma nicht geben, würde ein ganzer Direktvermarktermarkt zusammenbrechen: Eier, Honig, Kartoffeln, Fleisch, wird alles hier auf dem Parkplatz umgeschlagen.

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Ein Festgottesdienst im Wald, bei windigen 10 Grad und Nieselwetter überfordert mich modisch. Vorsichtig erkundige ich mich, was denn die anderen anziehen? Schicke Jeans und dicke Schuhe, alles andere macht ja keinen Sinn. Das ist ziemlich genau das, woran ich auch dachte. Ich besitze allerdings nur eine einzige schwarze Hose – für Beerdigungen. Das geht nicht, vom Feiergefühl her, stell ich fest. Der Gottesdienst findet nicht im Wald, sondern auf der angrenzenden Wiese statt. Man hat herrliche Fernsicht, hört wunderschöne Musik, eine fröhliche Erntedank & Taufpredigt und hofft die ganze Zeit, es möge schneller gehen, damit man aus dem kalten Wind raus kann. Ich bin dann durch, mit outdoor-Gottesdiensten, bis Mai oder so. Aber, ich bin auch wieder eine Patentante, und das ist doch wirklich mal was Schönes.

ohne Küken töten

An einem Sonntag Nachmittag bei 30°C sind nur 8 Leute im Freibad. Seltsam. Vielleicht dachten die alle, es wäre schon geschlossen? Normalerweise ist das ja so, ab September. Als ich einen Zeh ins Wasser halte, wird mir schnell klar warum so wenig los ist. „Das ist aber kalt“, sagt Julikind, und die ist wirklich nicht zimperlich, was Badetemperatur angeht. Wir brauchen beide fünf Minuten bis wir losschwimmen können, und haben dann das ganze Becken für uns allein. Zwei Rutschen, Blubber-Liegen, Wasserpilz, Bahnen schwimmen wie auch immer man möchte… Schade, dass ihre Freundin nicht dabei ist, sagt Julikind, sowas hätten sie sich den ganzen Sommer schon gewünscht. Die Duschen, die sich letzte Woche schon so lauwarm eingestellt waren, fühlen sich heute fast heiß an.

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Der kleine Bach, in dem der Hund gern tobt hat kaum noch Wasser. Die Waldwege sind genauso hart wie die Teerwege, das Gras ist sogar unter den Bäumen verdorrt, es riecht nach garnichts mehr nach Wald. Abends um halb eins höre ich im Halbschlaf die Sirene. Eigentlich könnte ich weiterschlafen, denn ich bin ja nicht in der Feuerwehr, aber mein Hirn sagt, lieber mal aus dem Fenster gucken. Alles dunkel, so soll das sein, nachts im Wald, ich kann in Ruhe weiterschlafen, aber – soweit ist es schon, denke ich beim einschlafen.

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Ein neues Schuljahr beginnt. Die Freude hält sich in Grenzen. Maikind ist erleichtert, sie sind 33 im Jahrgang, das gibt zwei Klassen – juhu. 32 hätten in eine Klasse gepasst. Eine Stunde Förderunterricht für jeden der will, zur Auswahl stehen die drei Hauptfächer, kann jeder selber sagen, wo der Bedarf am dringsten ist. In der Klasse des Julikinds werden die Hauptfächer jetzt getrennt unterrichtet, alles andere zusammen, sagt sie. Also, eigentlich genau wie eine Kombiklasse, es heißt nur nicht mehr Kombiklasse? Die Cafeteria konnte aus wirtschaftlichen Gründen noch nicht wieder verpachtet werden, man bittet um Verständis, die Kinder dürfen ins Dorf gehen und sich irgendwas kaufen, der Versicherungsschutz endet allerdings jenseits des Schulgeländes, jaja… Schnitzelzettel heißt das Schreiben intern. Bücher werden ausgegeben, wenn die Quarantäne des dafür zuständigen Lehrers endet. Beim Märzkind gibt es wieder eine Cafeteria. Die ist Zitat: „Pre. Mi. Um.“ Es folgt ein schwärmerischer Vortrag über das Preis-Leistungsverhältnis eines Käse-Baguettes. Leider gibts nur noch kaltes Wasser den Waschräumen. Da muss man sich ein bisschen gewöhnen, aber hej, für die gute Sache, kein Problem. Ach übrigens, das Budget für die Abschlussfahrten wurde verdoppelt. Hessen hatte da seit Ewigkeiten nix angeglichen, und deswegen gleich doppelt. Wottsefack. Da les ich einmal nicht den Muttizettel vom Kultusminister…

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Die Queen ist tot. Die Nachricht begegnet mir Lauf des frühen Abends zufällig und ich gucke seit langem mal wieder heute journal.

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Männer 4 Euro, Frauen 2 Euro steht auf dem Schild am Eingang. Das sieht mir aber fast ein bisschen nach Diskreminierung aus.* Kurz überlege ich, mich spaßeshalber als divers auszugeben, nur um mal zu sehen was passiert, statt dessen gucke ich nur verwirrt. Ich sei wohl schon länger nicht mehr beim Fussball gewesen? fragt de Mudda. Stimmt. Das letzte Mal als Spielerfrau, da zahlt man garnichts. Leute die mich kennen, sind überrascht mich hier zu sehen. „Zu wem halten wir denn?“, fragt Julikind. Schwierig. Der Onkel trainiert das eine Team, der Papa hat zwanzig** Jahre für das andere gespielt. Wir sind ehrlich gesagt nur hier weil die Chearleader in der Halbzeit auftreten.

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Dorfflohmärkte sind ein bisschen wie Schnitzeljagd. Man läuft so durch den Ort und freut sich, wenn man irgendwo Luftballons am Zaun sieht, dann geht man bei Leuten in den Garten oder in die Garage oder in die Scheune und weiß nie, was man findet. Nebenbei kann man sich nett unterhalten und wenn man genug hat, sucht man den Gemeinderaum/das Feuerwehrhaus wegen Kuchenbuffet. Zack – Sonntag rum. Vor Corona gab es sowas glaube ich garnicht.

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Zwei Hornissen fliegen abends neben der Haustür gegen die Wand. Nur abends und immer zwei, warum auch immer. Man muss nach der letzten Hunderunde aufpassen, das keine ins Haus fliegt, wenn man die Tür öffnet. Der Hund mag das Hornissen-Fluggeräusch nicht. Das bedeutet, es kann niemand schlafen, bis die wieder draußen ist. Mit nem Schuh drauf zu hauen traut sich keiner. Die Viecher sind beeindruckend groß, man will sie lieber nicht wütend machen, und wegen Naturschutz, natürlich.

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Auf der Mayo ist vorne ein neues Label drauf. „Ohne Küken töten“, der Hohlraum im O ist ein Herzchen. Das ist ja süß, und so sinnfrei, dass es schon wieder witzig ist, finde ich. Maikind möchte wissen warum ich lache. Ich zeige ihm das Label, er liest und denkt einen Moment lang so sehr nach, dass er mit kauen aufhören muss, dabei. „Aber, in Mayonaise sind doch generell keine toten Küken drin, oder?“ Nee. Das könnte man überall drauf schreiben. „auf Schickennuggets vielleicht nicht“, überlegt Maikind. Vermutlich meinen die, dass die Hähne, die keine Eier für Mayo legen nicht geschreddert werden. Hähne kommen in die Suppe. Dorfkinder wissen sowas.

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Es regnet, endlich. „Ähm, warte mal“, murmele ich, in der einen Hand die Türklinke in der anderen die Hundeleine, „bei Regen in den Wald…. normale Schuhe…“ zurück zum Schuhregal und einen Moment nachdenken „Socken… und ein Oberteil mit langen Ärmeln – Regenjacke vielleicht“, als wäre ich noch nie bei Regen draußen gewesen.

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Ich: stelle eine Packung Spekulatius auf den Tisch

Alle anderen: Was? Jetzt schon? Da muss man doch warten… das kann man doch noch nicht…Anfang September

Viertel Stunde später: Packung leer

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Nachtrag: * Der Liebste sagt, man gehe davon aus, dass die allermeisten Mädels nicht aus sportlichem Interesse zum Fussball gucken kommen, da will man sie nicht noch mit Eintrittsgeldern verschrecken. Ist ja trotzdem schön, wenn sie da sind. Keiner hat je darüber nachgedacht, dass das Deskriminierung sein könnte. ** Er spielt auch nicht seit zwanzig Jahren in diesem Verein Fussball sondern seit sechsunddreißg. Und im Übrigen ist es eigentlich unglaublich, dass ich beim Derby war und er nicht.