KW 25/26/27, Tiergeschichten und Zahlen

Wir haben ein Wespennest unter dem Dach, da wo eigentlich Schwalben brüten sollten. Das Brummgeräusch eines Bienenstocks höre ich gern, es klingt angenehm sommerlich. Wespen hören sich anders an, stelle ich fest. Wie Tinnitus, ich muss mich woanders hinsetzen.


De Omma ist stolz wie Bolle und freut sich. 9 Küken sind geschlüpft aus den 10 Eiern, die die Glucke unter hatte. Die Glucke des Nachbarn hatte auch 10 Eier unter, da sind aber nur 8 rausgekommen. Vermutlich kann der Nachbar gut damit leben, nur zweiter geworden zu sein, in was auch immer. Küken sind niedlich, es gab lange keine mehr.


Hä? Was ist das denn? So nebenbei mal hingeguckt hatte ich gedacht, eine Katze, aber das kann nicht sein. „Oooooohhh wie süüüü… och nö“ Ein kleiner Waschbär läuft durch unseren Garten mitten am Tag. Ich frage mich, wo seine Mama wohl wohnt. Er dreht in aller Ruhe eine Runde und verschwindet durch den Zaun im Nachbargarten. Vielleicht haben wir Glück.


So wie der Liebste da gerade die Tür reingekommen ist, da ist was nicht richtig. Er lässt die Tasche im Flur fallen und geht grußlos nach oben. Eine Weile passiert nichts, dann höre ich ihn durch die Küche humpeln. Ich gucke fragend, er macht ein knurrendes Brummgeräusch und deutet auf sein Bein. „Ein Reh, ins Motorrad, genau an den Fuss“ sagt er. Ach. Du. Scheiße. Die Wade ist beeindruckend geschwollen. Sportsalbe, Eis, Fuss hochlegen, Rücksprache mit Polizei, ein kurzer Moment in dem mir klar wird, was da eigentlich alles hätte passiert sein können, gefolgt von Dankbarkeit. Ist so schon blöd genug. „Das Reh?“, frage ich vorsichtig. „Das ist hin, war zum Glück nur ein kleines“, sagt er. Er hat Bilder gemacht, wenn ich Interesse hätte… Nein, hab ich nicht. Ich kannte das Reh, also, so wie man Rehe halt kennt. Die Unfallstelle liegt an einer Hunderunde. Die Wiese neben der Straße wird nicht gemäht. Ich bin öfter vorbeigelaufen, als das Kitz gefüttert wurde. Die Ricke und ich, wir tun immer so, als würden wir uns nicht sehen. Es tut mir leid.


Eine Dame bleibt vor dem Auto stehen und guckt mich an. „Ist alles in Ordnung bei Ihnen?“ „Danke, mir gehts gut, ich warte nur.“ „Ah, ok, es sah nur so aus….hätte ja sein können das was ist“. Das ist lieb. Ich parke in der mittleren Etage des Krankenhaus-Parkhauses, in zweiter Reihe, wegen Schatten und weil ich die Fussgängertreppe von hier sehen kann. Es klang so, als wäre der Liebste gleich fertig. 28°C Außentemperatur hatten wir, als ich angekommen bin. Das ist allerdings schon fast eine Stunde her. Mittlerweile ist es deutlich wärmer im Auto, deshalb hab ich die Tür geöffnet und sitze nachdenklich halb drin halb draußen. Ganz ehrlich, ich weiß nicht, ob ich mental in der Verfassung bin für noch einen Sommer mit zur Bewegungslosigkeit verdammtem Mann auf dem Sofa.

Gerade als ich das Auto doch in der prallen Sonne parken und den Liebsten suchen gehen will, fängt das Parkhaus an zu vibrieren. Ein Hubschraubergeräusch kommt schnell näher, das Gras im Hang vor mir neigt sich bis zum Boden, die Autotür knallt zu, zum Glück hatte ich die Füsse drin. 30 Meter vor mir landet ein Rettungshubschrauber. Boar, von so nah hab ich das noch nie gesehen. Ich schicke ein Foto an den Liebsten, der wartet immernoch.

Einmal röntgen mit Diagnose „ist nichts kaputt“ dauert vier Stunden. Damit hatte ich nicht gerechnet, die Pläne für den Rest des Tages ändern sich. Aber, hej, im Vergleich zu dem, womit ich gerechnet hatte ist das pillepalle.


Dem Hund ist es morgens um neun eigentlich schon zu heiß. Nachmittags werfe ich ihm ein paar mal die Frisbee über den Hof, dann geht er gerne wieder rein. Julikind schleicht von einer Ecke in die andere, es ist überall zu warm mimimi. Abends packe ich beide ins Auto und wir machen einen Spaziergang am Flüsschen. Der Hinweg zieht sich, dann toben die beiden eine viertel Stunde im kalten Wasser und auf dem Rückweg ist das Leben wieder schön.


Es war nur so ein Bauchgefühl, auf dem Fest am Wochenende und ich bin mir ein bisschen blöd vorgekommen. Rückblickend war es eine gute Entscheidung keinen Kaffee und nichts gezapftes zu trinken. Die Coronameldungen häufen sich. Der Kreis hat eine Inzidenz knapp unter tausend, im Städtchen findet ein Straßenfest mit tausenden Leuten statt. De Mudda sagt, man kann sich nicht ewig verstecken. Ich wundere mich, aber soll mir recht sein, jeder wie er meint. Ich gehe wieder überall ohne Maske einkaufen und meide Menschenansammlungen.


Der Liebste stellt ein Foto vom Wildschaden am Moped in seinen Status. Anteilnahme und Grüße von allen Zweiradfahrern im Bekanntenkreis. Der Triathlet und der Raumausstatter kommen sogar persönlich vorbei.

Und wenn die schon mal da sind: Ein Ersatzteil für die Heizungsanlage wird bestellt und der Teppich in der Fewo vermessen. Ich erhalte genaue Anweisungen, welche Art von Teppich ich kaufen soll. Baustellentermine vor Herbst werden angepeilt.


Die Schwalben sind weg. Das ist blöd, es waren dieses Jahr sowieso drei Paare weniger als im letzten. Eigentlich halten die uns den Sommer über die Mücken vom Leib.


Auf dem Dachboden suche ich nach Fotos. Ich finde zwei Babyalben von mir und eines mit Bildern rund um meinen 16. Geburtstag. Dazwischen müsste doch noch…Schmunzelnd blättere ich durch die Bilder meiner Jugend. Das hatte ich fast vergessen, aber, ein paar Momentaufnahmen reichen, und mir fällt alles wieder ein. Nach ein paar Seiten wird der Kloß im Hals immer dicker. Jemand war die ganze Zeit ein selbstverständlicher Teil meines Lebens, im Urlaub, auf Partys, bei Umzügen. Jemand fehlt. Immernoch. Erst beim zweiten Blick fällt mir auf: die, die da so fröhlich in die Kamera prosten, auf meinem 18. Geburtstag, die sind alle beide tot. Ich klappe das Album zu, lege es zurück und muss einmal tief Luft holen.


Und, ihr Lieben, genau das ist der Grund, warum mir Geburtstage nichts ausmachen. Ich bin dann jetzt wohl 40. Es fühlt sich nicht anders an als letzte Woche, wo ich noch 39 war.

Wegen der großen Nachfrage gab es eine kleine Feierlichkeit mit Bienenstich und allerlei gegrilltem. Die Omas und der Vatta hatten an diesem Geburtstag glaube ich mehr zu knabbern als ich. „Vierzig Jahre ist das schon her“, der Satz wurde öfter geseufzt an diesem Nachmittag. Abends beim Bier auf der Treppe gucken der Liebste und ich die Fotos des Tages durch. „Die Kinder, die sind schon so groß, daran merkt man, wie alt wie sind, ne?“, sagt er, „das hat mit Geburtstagen gar nichts zu tun“.


Julikind fährt auf Klassenfahrt. Aufgeregt steigt sie in den Bus. Keine Tränen. Wenn man ehrlich ist, freut sie sich sogar ein bisschen. Im Januar hätte ich das noch für unmöglich gehalten. Es war ein Weg bis hierher – kein leichter, aber wir haben es geschafft. Ich bin stolz auf sie und freue mich richtig.

KW 24/25 2022

Langes Wochenende und kein Führerschein. Märzkind wird vermutlich an Langweile sterben, langsam und qualvoll, nur dass ich bescheid weiß. Letztes Jahr wars besser, da waren alle zu Hause. Zack, hatte man zehn Leute zusammen, die Zeit hatten, zum Campen am See. Tja, das ist vorbei. Dann backt sie Muffins, weil sie mit der Freundin zum Picknick verabredet ist, abends auf die Kirmes. Das langweiligste Leben von allen eben.


Julikind hat seit zwei Wochen kein whattsapp mehr. Zu unser aller Überraschung vermisst sie es nicht. Wenn man ehrlich ist, sogar fast im Gegenteil. Es gibt diesen einen Moment abends, wenn man sich nicht sicher ist, ob morgen die erste Stunde nun ausfällt, da wäre es schön, mal gerade jemanden fragen zu können. Aber die allermeisten Nachrichten sind entbehrlich. Für die Klassenfahrt sollte das Handy natürlich funktionieren. Nacheinander probieren wir alle alles durch. Ohne Erfolg. Der Patenonkel hat Zugriff auf Fehlersuch-software und stellt mit großem Bedauern den Totenschein für dieses mobile Endgerät aus. Das Problem lässt sich nicht mehr lösen. Julikind ist ein bisschen traurig, aber, dass hatte sie sich gedacht, denn das Handy ist „ja schon zwei Jahre alt“. Der Patenonkel sponsert ein neues.


Die Schule nimmt am „Schulradeln“ teil, eine Unterkategorie der Aktion „Stadtradeln“. Die mail kam vom Klassenlehrer des Julikinds, aber die winkt dankend ab. Maikind läd sich die App runter, holt das Fahrrad aus der Garage und fährt 230 km innerhalb einer Woche. Fahrrad wohlgemerkt, nicht E-bike. Nachdem er zwei Jahre seine Freizeit überwiegend zockend im Zimmer verbracht hat. Ende der Woche teilt er beiläufig mit, dass der Chemielehrer seine Abschlussprüfung übernehmen wird. Er hat nämlich jetzt ein Thema für seine Präsentation. Der Liebste und ich schauen uns verwundert an. Das ist toll, aber hä?


Endlich Sommer, ich mag wenn`s warm ist und freue mich. Leider bin ich da die einzige. Um mich rum nur „nörgelnörgel viel zu heiß, wie lange dauert dass denn jetzt, diese Hitzewelle nörgelnörgel…“ Ich bitte euch, drei warme Tage sind angesagt, das kann man überleben. Mein Plan war, das nicht nur zu überleben sondern sogar zu genießen. Statt dessen halte ich Türen und Fenster geschlossen und mache schiefend Hausarbeiten. Nach dem hundersten Taschentuch mache ich einen Coronatest, so elend fühlt es an. Heuernte.


Samstag Abend wird der Wald mit irgendwelchem Partylicht angestrahlt, sieht schön aus. Die Grillhütte spielt „Cordula Grün“ zur letzten kleinen Hunderunde des Tages.


Wenn es jetzt so warm ist, wäre es schön, kurze Hosen zu besitzen, denn die vom letzen Jahr passen nicht mehr. Märzkind übergibt die Vorjahresklamotten an Julikind. Die passen. Erfreulich, dann braucht ein Kind keine neue Klamotten, aber, meine Güte, wie alle gewachsen sind in einem Jahr.


Vormittags bei der Hunderunde mit einer Hausfrauen-Kollegin festgeschnuddelt. Sowas passiert auch nur im Sommer. War schön – und der Hund ist danach müde gespielt.


Eine Kugel Eis in der Fussgängerzone kostet 1,30 Euro. Ich esse gern Eis und ich bin bereit für gutes Essen Geld auszugeben. Dieses Eis schmeckt nur leider nicht mehr gut. Vermutlich wurde inflationsbedingt die Rezeptur optimiert. Das können sie an Leute verkaufen, die sowas nicht merken. Ich bin raus.


„25°C kann man aushalten“, sagt Julikind, „mehr ist zuviel“. Zum Glück hat die Freundin Zeit und die beiden werden ins Freibad gebracht. Zum Abholen fahre früher los, dann kann ich auch noch eine Runde schwimmen, so der Plan.

Irgendwo ist gerade ein Badesee gesperrt, sagen sie im Autoradio. Ein junger Mann ist ertrunken und wurde bisher nicht gefunden, deshalb ist der Badestrand gesperrt. Das scheint mir angemessen, da würde ich auch garnicht schwimmen wollen. Im Mittelmeer ertrinken regelmäßig Leute, sagt die kleine fiese Stimme in meinem Kopf, da werden die Strände nicht gesperrt. Naja, das ist was anderes, da würde ich glaube schon schwimmen gehen wollen. Anscheind gibt es irgendwo in mir drin, ein Verhältnis Wasser zu Leiche ab dem ich sagen würde „mmmjo, passt schon“, und ich frage mich, wie groß das wohl ist. Was man so denkt, bei 35°C. „Cringe“, ist wohl das Wort, das die Kinder dafür verwenden würden.

Am Zaun des Freibades stelle ich fest, dass das Verhältnis von Wasser zu lebenden Menschen mir hier heute nicht passt. Es ist so dermaßen voll, da nehme ich mir einfach das „falls man mal irgendwo länger auf jemanden warten muss-Buch“ aus dem Handschuhfach und setze mich vorm Freibad in den Schatten. Eine halbe Stunde später kommen zwei fröhliche, müde, Mädels mit Freibad-strubbel Haaren auf mich zu. Pizza haben sie gegessen und jede Menge Leute getroffen. Das Mutterherz erlebt einen weiteren Nach-Corona-Moment. Die wissen eigentlich garnicht, was sie alles verpasst haben.


De Omma bekommt Küken. Eigentlich erst Mittwoch oder Donnerstag. Aufgeregt ist sie aber schon Montag und Dienstag… da guckt man lieber einmal zuviel im Hühnerstall…wie ein Kindergartenkind in der Woche vor Weihnachten. Donnerstag sind tatsächlich 6 Küken da und es kehrt Ruhe ein. Ich bin nicht die einzige, die heimlich aufatmet. Wenn`s gut läuft, beschäftigt sie das bis zu ihrem Geburtstag.


Ich fahre mit den Mädels Gärten angucken. Im Flyer vom „Tag der offenen Gärten“ stand was von Rosengarten und Julikind malt gern Rosen. Märzkind macht Fotos mit dem neuen Objektiv. Der Garten des Gutshauses ist toll, aber haben wollen würden wir den nicht. „Stell dir mal vor, du müsstest hier Schitt ruppen. Das alles.“ Märzkind macht eine Geste über die wunderschön gepflegten Beete. Julikind macht ein nachdenliches Geräusch, so gesehen kann man doch auch gut ohne Pool leben.

Foto: Märzkind

Der Salbei im Garten blüht. Von der Bank aus kann man Hummeln, Bienen und ja, was denn eigentlich beobachten? So ein Tier hatten wir noch nie hier. Womöglich haben wir eine neue Art entdeckt. Es bewegt sich wie ein Kolibri und macht überhaupt kein Fluggeräusch. Märzkind googelt Kolibri-Hummel. Es handelt sich um einen Wollschweber, und der gehört zur Familie der Fliegen, anscheind gibt es davon 34 verschiedene in Deutschland. Wieder was gelernt.

Tomaten kommen, je eine winzige Paprika und Aubergine wachsen, Salat haben wir schon gegessen, Gurken auch. War eine gute Idee, den Boden zu düngen.


Da wohnt anscheind jemand direkt nebenan. Auf dem Video in der whatssapp Gruppe des Liebsten sieht man einen Garten. Trampolin, Sitzecke, alles wie überall. Direkt hinter dem Zaun wechselt allerdings die Farbe. Unten im Bild ist es orange, darüber schwarz, dazu ein Knisterknack- Geräusch wie Kaminfeuer und Sirenen. Das Holzlager eines Baumarktes ist abgebrannt, im Städtchen.


Irgendwas muss auf der Weser transportiert werden. Dafür braucht es das Wasser aus dem Edersee. Unsere Badestelle ist jetzt Wiese, schade.

KW22/23 2022

So, Schnauze voll. Ich hole mir eine zweite Decke vom Dachboden und schlafe ganz wunderbar, ohne zu frieren. Zum Frühstück esse Apfel-Zimt-Porridge, bringe danach eine Ladung Sonnenblumenkerne ins Futterhaus vor dem Fenster und gehe die Hunderunde in Winterjacke. 5°C, merkste selber, Juni, oder?

Nachmittags, am gleichen Tag wohlgemerkt, schleudern wir den Honig. Also, der Liebste stellt die Honigräume in die Küche, ich mache den Rest. Geht schnell, dieses Frühjahr.

Am nächsten morgen ist es merklich wärmer. Und sonnig. Fast sommerlich, man kann es kaum glauben. Märzkind und ich fahren nachmittags kurzentschlossen zum Erdbeerfeld. Nicht, dass da über Pfingsten alles abgeerntet wird – oder von Gewitter zerhagelt. Sonnencreme wäre eine gute Idee gewesen, aber mit schwülen 26 °C hatte irgendwie keine von uns gerechnet. Korb und Eimer sind schnell voll. Auf der Rückfahrt durchs Städtchen fährt ein Leichenwagen vor uns her. „Jo, dieses Wetter macht einen fertig“, sagt Märzkind.

Abends dann anbaden im See. Herrlich. So geht Juni.


Jahresvorrat Erdbeermarmelade gekocht.

Honig abgefüllt und Kunden zugeordnet. Da muss garnichts in den Keller getragen werden.


Der Teilzeitnachbar entrümpelt die Wohnung. Ich wasche Wäsche. Fast bei jeder Ladung, die ich aufhänge oder abnehme gibt es etwas Neues. Und es ist tatsächlich interessant wer da wann was abholt. Innerhalb von zwei Tagen wird das Carport einmal komplett bis oben voll und wieder leer geräumt. Ich staune. So ordentlich sah das noch nie aus. Das Ende einer traurigen Geschichte.


Abends um elf geht ich die letzten paar Meter mit dem Hund und brauche noch nicht mal einen Pulli. Ein lauer Sommerabend. In der Grillhütte wird gefeiert. Die ersten Takte eines Musikstücks laufen, man hört, dass die Gesellschaft sich freut, es wird mitgesungen. Das ist kein volltrunkenes Gegröle, stelle ich fest. Eigentlich ist das keine Überraschung. Da feiert heute die „Interessengemeinschaft landwirtschaftlicher Nutzfahrzeuge“ ( also Landwirte, Schlepperfreunde, Schrauber jeden Alters…), ich könnte mir vorstellen, dass von denen einige im Gesangverein sind. Den Refrain singen alle gemeinsam, die Hütte bebt. Es ist fast ein Gänsehautmoment. „ICH HAB ÜBERLEEEEGT MIT DEM SAUFEN AUFZUHÖÖÖÖÖÖRN . AAAAABER ICH SCHWANKE NOCH. ICH SCHWANKE NOCH“ Der Hund guckt mich fragend an. Das kennt er nicht. Tja Hund, früher, da war sowas normal, an sommerlichen Samstagen.


Ach übrigens, sagt Maikind, es gibt nur Frühstück in der Unterkunft. Sie sollen Taschengeld mitbringen, so zwischen 50 und 100 Euro wären gut, hat der Klassenlehrer gesagt. Ähm jo, früher waren Klassenfahrten ja mal „all inclusive“, meine ich mich zu erinnern, aber kein Problem, Gott sei Dank. Wer diese Beträge nicht mal eben so aus dem Hut zaubern kann ist übel angearscht, wenn so eine Info drei Tage vor Reiseantritt kommt.


Weil das Schüler-Hessenticket jetzt auch ein 9 Euro Ticket ist, muss man zum AS-Taxi garnichts mehr dazu bezahlen, sagt Märzkind und freut sich. Normalerweise kostet jede Fahrt einen Euro. Das sind bestimmt 20 Euro pro Monat, die sie jetzt anders ausgeben kann, schätze ich mal.

Märzkind bekommt ihren Traum-Ferienjob angeboten. Es ist der Job, den sie im Moment macht, als Praktikantin. Man würde sie gern über die Ferien weiter beschäftigen und wenn möglich sogar darüber hinaus, genau wie jetzt nur eben mit Geld. Da musste sie nicht überlegen. Fröhlich summend schwebt sie durchs Haus. Wenns einmal läuft…


Der große Neffe begegnet uns, einfach so, vor der Pommesbude auf dem Pfingstmarkt. Wir haben uns lange nicht gesehen, ich muss tatsächlich zweimal gucken, bevor ich mir sicher bin, dass er es ist. Die junge Frau an seiner Seite, ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, wie sie heißt, das wird gleich peinlich. Oder auch nicht, wir werden vorgestellt, alle freuen sich. Smalltalk, Pommes, weiter gehts. „Der hat ganz schön Kreuz gekriegt, auf der Polizeischule, ne?“, sagt der Liebste. Jo, das ist wahr. „und dem seine Freundinnen sehen eigentlich immer gleich aus“.

Julikind kommt fröhlich quieksend aus dem riesen Schaukel-Fahrgeschäft. Die 6 Euro haben sich sowas von gelohnt, sie ist begeistert, das könnte sie direkt nochmal… Ihre Freundin wischt sich mit einer fahrigen Bewegung eine Haarsträhne aus dem Mundwinkel, sie sagt garnichts und ihr Gesicht hat keinerlei Farbe.


Der Gastgeber, der mag uns wirklich, sagt er. Wir sind unkomplizierte Gäste, weil, wenn man uns einläd, dann sagen wir „okay, danke“, kommen zur angepeilten Uhrzeit und essen einfach ne Wurst. Die anderen wollten lieber früher kommen, wegen der Kinder und die essen alle nur noch vegetarisch… und samma, ganz ehrlich, ne, wenn man doch zum grillen einläd… Der Liebste drückt ihm ein Bier in die Hand und klopft ihm die Schulter.

Wir können die Blagen einfach alleine zu Hause lassen. High five. Die anderen unterhalten sich über Einschulungsfeiern und sind ein bisschen neidisch.


Ansonsten war nix. Auch mal schön.

KW20/2022

Eine Zugfahrt nach Frankfurt. Die Züge sind merklich voller als noch vor acht Wochen. Zwei Fahrräder blockieren 6 Sitzplätze. Ich hatte gedacht man könnte im Sommer mal mit so einem 9 Euro Ticket irgendwohin, aber, wenn das im Normalbetrieb schon so ist, hab ich da eigentlich keine Lust drauf.


Wir schließen das Kapitel „eingewachsene Zehnägel“, hoffentlich. Angeblich ist das Kind übernächste Woche wieder sporttauglich. Das wäre schön.


De Omma fragt, wann wir denn in den Urlaub fahren und ist auffallend erleichtert, als ich sage, dass wir noch nichts geplant haben. Merkwürdig.


Stundenplanänderung. Jetzt neu: Maikind hat kein Arbeitslehre mehr. Deutsch fällt aus, erstmal nur diese Woche. Beim Julikind sind noch alle Fächer da, nur anders verteilt. Eine Klassenkameradin strandet bei uns, nach der Schule. Sie wohnt einen Ort weiter, bis dahin geht die Busverbindung nicht. Normalerweise taktet die Familie die Dienstpläne so, dass das kein Problem ist. Aber wenn Stundenpläne nur 10 Tage gelten, wird es schwierig.


Der Hund. Seufz. An einem Tag ist er mir gleich zweimal abgehauen. Ich fahre im Schritttempo die Hundedamen-Haushalte im Ort ab, gucke in Gärten und Hinterhöfe und komme mir bescheuert vor. Große Anteilnahme der Rüden-Besitzer. Preisanfrage beim Tierarzt. Abends frisst der Hund wieder uns schläft danach. Vielleicht geht es ja doch so, sagen die Männer. Vielleicht.


Eine Geburtstagsfeier wird abgesagt wegen Hexenschuss. Das Telefongespräch ist an sich ist schon ungewöhnlich, die Nachrichten merkwürdig. Innerhalb kürzester Zeit wird aus Hexenschuss ein Arzttermin, ein Krankenhausaufenthalt, eine OP und ein am Rande mitbekommenes Gespräch über Pflegedienste. Oh,oh.


Niemand wird diese Rasenfläche nutzen, den ganzen Sommer nicht. Das Grundstück liegt hinter einer dichten Hecke am Ende einer Straße ohne Durchgangsverkehr. „Mal gerade drüber mähen“ dauert eine Stunde, plus Zeit für Pflege und Wartung des Aufsitzrasenmähers. Warum das alle 10 Tage gemacht werden muss, ist mir ein Rätsel. Der Garten bei uns am Haus wird genutzt aber, naja, muss halt passen, von der Zeit, dem Wetter…


Pluseins-Kind hat eine Lehrstelle im nächsten Jahr. Glückwunsch, Freude. Ein nachdenklicher Moment. Müssen da denn jetzt schon Bewerbungen? Oh,oh.


Unwetter sind angesagt, teilt mir der Liebste mit. Ich gucke ja keine Nachrichten mehr. Bestimmt will man uns nur warnen, damit es nicht wieder so wie im Ahrtal letztes Jahr…, denke ich. Die Warnungen wechseln die Farbe. Ich sauge einmal durch den Wäschekeller, wenn da wieder Wasser reinläuft, wäre das wenigstens nicht so eklig staubig. Die Warnungen wechseln nochmal die Farbe. Ich lege ein paar Sandsäcke vors Kellerfenster, denn eigentlich habe ich gar keine Lust, den Keller zu wischen.

Wir bekommen nichts ab vom Unwetter. Auch gut.

ein Wochenende wie damals

Herrliches Frühlingswetter. Auf einmal blüht alles, Farben und Geruch wechseln alle paarhundert Meter. Nicht mehr nur grau und Gülle. So macht die Hunderunde wieder Spaß.


Brot und Milch kaufe ich einzeln, also am Bäckerauto und vom Bauernhof, immer das Gleiche ohne irgendwas anderes dazu, da fällt die Preissteigerung auf. Aus 6,90 Euro sind 8,70 Euro geworden und aus 50 cent 75.


Am stillgelegten Auto auf dem Nachbargrundstück kraschpelt irgendwas, fällt mir auf, beim Wäsche aufhängen. Ich vermute irgendwelche Tiere. Och nö. Zum Glück ist es nur der Besuch der Nachbarin. Wir kennen uns flüchtig, haben uns aber lange nicht gesehen. Smalltalk über den Zaun. Nach wenigen Sätzen wird ein richtiges Gespräch daraus. Der Besuch konnte in den letzen zweieinhalb Jahren nicht kommen, wegen Corona und Arbeit, es ging nicht, im Sinne von es war unmöglich. Ich weiß, sage ich (Berufsfeuerwehr in Australien). Während dieser zwei Jahre hat sich die Nachbarin verändert. Ich weiß, sage ich. Der Besuch kämpft mit den Tränen. Ich bin ehrlich gesagt erleichtert, dass das mal jemand bemerkt hat, der die Macht hat, sich zu kümmern.


Märzkind meldet Hunger, Freitag abend um sechs. Auf keinen Fall kann das warten, bis Julikind vom Kickboxen zurück ist. Das kommt davon, dass es an der Arbeit immer schon um zwölf Mittagessen gibt. Sie versteht jetzt, warum die Omis abends immer so zeitig essen. Abendessen also zu dritt, wir unterhalten uns nett und sitzen immernoch da, als die anderen beiden zwei Stunden später dazukommen. Julikind ist entspannt und fröhlich und schläft schon, als ich ihr um halb elf gute Nacht sagen will.

Der Liebste kommt Samstag morgen von der Nachtschicht, steht mittags auf, weil Montag wieder Frühschicht ist, ganz normal, wie es auf dem Plan steht. Die Kinder und ich sind da mit dem Hausteil des „Haus und Hoftags“ schon fast fertig. Draußen ist allerdings noch genug zu tun. Märzkind hat den ersten Chearleading Auftritt, seit – man kann sich erinnern, wann. Sie beginnt mit der Schminkaktion. Maikind kramt das Feldbett aus der hinteren Ecke des Dachbodens und sucht Übernachtungssachen zusammen. Julikind nimmt an einem Malwettbewerb teil und, upsi, da ist nächste Woche Abgabe. Ich backe einen Tortenboden für Konfirmation am Sonntag. Ein Paket steht vor der Haustür. Märzkind ist erleichtert, das ist ihr Festoutfit für morgen, wir hatten schon überlegt, wie man die Alltagsklamotten zu was Schickem kombinieren könnte… Märzkind verschwindet, Maikind wird gefahren, Abendessen für drei, Märzkind kommt fröhlich wieder. Ein Hauch von Teenager in Polyester weht über den Flur, dann ist das Bad besetzt.

Sonntag morgen mach ich die Torte fertig. Der Liebste fährt Märzkind mit Torte zum Fest. Ich backe einen Geburtstags-Geschenk-Kuchen für Montag. Julikind müsste mal gelüftet werden. Hunderunde zur Hängebrücke. Auf halber Strecke meldet Maikind, man könne ihn dann gleich abholen. Das liegt auf dem Weg, kein Problem, obwohl, der Hund ist ja im Auto und das ganze Übernachtungsgepäck…. ach, ich laufe einfach von hier aus nach Hause, dann ist Platz. Als ich ankomme sind die Kinder schon bei Oma und Opa. Ich mache den Geburtstagskuchen fertig und wir fahren hinterher. Gut, dass wir mit dem Auto da sind, sagt Julikind. Auf dem Weg haben sie ein bisschen rumgeblödelt, da ist sie irgendwie vom Bordstein und hat sich den Fuss umgeknickt, aber so richtig. Der Fuss ist tatsächlich beachtlich angeschwollen. Notaufnaheme vielleicht? „Sieht nach Innenband aus“, sagt der Liebste, Kühlpack. Sportsalbe, hochlegen und dieser Haushalt hat eine aircast-Schiene für solche Fälle, was anderes würden die im Krankenhaus auch nicht machen.


Montag morgen begegnet mir der Biolandwirt im Wald. Er hält an, um zu fragen, warum ich mich denn so in der Hecke verstecke. Ich dachte, er gehört zu dem Jäger-Konvoi, der hier eben lang kam. Da halte ich den Hund immer lieber fest. Glaubt einem ja niemand, dass der so überhaupt keinen Jagdtrieb hat. „Alles gut bei euch?“ „Alles gut. Un selba?“ „Prima. Wir haben gerade zum ersten Mal in diesem Jahr Normalbetrieb. Das tut richtig gut, ist aber irgendwie ungewohnt.“ Fast zu gut. Da fällt mir ein, ist ja neunter Mai, heute. Ich deute auf sein Autoradio. „Ham wa schon Apokalypse?“ „Nee, noch nit“, sagt er, hat er aber extra angemacht, das Radio, nicht, dass Atomkrieg ist und er zieht Zäune, das könnte man sich ja dann sparen. „Tja, dann muss er wohl“, sage ich und wir sind uns einig, dass das was Gutes ist.


Abends haben wir Vattas Geburtstag gefeiert. Mit Leuten, als wäre es das normalste der Welt. Alle hatten was zu erzählen.

KW 17/18 2022

Es war angenehm ereignislos.

Die Wechselschichtwochen des Liebsten sind schon vorbei. Ich glaube, es war nur ein Rückwärtswechsel dabei. Aber Normalbetrieb ist noch einfacher. Naja, was man so Normalbetrieb nennt. Die Lieferketten, die Rohstoffe, eigentlich ist alles möglich.

Märzkind hat Theorieprüfung für den Autoführerschein. Zwanzig nach acht muss sie beim TÜV sein, danach in die Schule. Das geht nur mit Muttitaxi. Mein Plan war, in der halben Stunde Wartezeit einzukaufen, aber wegen der Baustelle quer durchs Städtchen kommt das hin. Ich habe also einen Aufenthalt auf dem TÜV Parkplatz. Ein Fahrschulauto mit einem sichtlich angespannten jungen Mann am Steuer fährt gerade los. Ich schicke gute Gedanken und drücke die Daumen. Nach zehn Minuten sind sie zurück. Der junge Mann sieht blass aus und geht mit gesenktem Kopf davon. Schade. Ich nutze die Zeit um in meinem Auto Müll einzusammeln, es lohnt sich. Märzkind hat bestanden – juhu! Dann jetzt schnell zur Schule, dritte Stunde Mathearbeit. Ich bin heimlich froh, dass das nicht mein Tagesprogramm ist.

Aus Gewohnheit gehe ich mit Maske in den Baumarkt. Eine niederländische Familie, die im gleichen Gang steht guckt mich komisch an. Die fühlen sich sichtlich unwohl, neben mir. Erst da fällt mir auf, dass alle anderen keine Maske aufhaben. Soll mir recht sein. Ich nehme sie ab und kaufe ohne weiter ein. Es fühlt sich genauso verrückt an wie der erste Einkauf mit Maske, damals.

Man möge sich doch bitte auf Katastrophen vorbereiten, geht durch die Nachrichten. 10 Tage ohne einkaufen sollte man durchhalten. Das würde gehen, glaube ich. Wobei, ohne Strom wäre blöd. Ein Wasservorrat macht natürlich auch Sinn, das haben wir ja letzten Herbst gesehen, als da dieses Rohr im Keller… aber auf unsere Haushaltsgröße gerechnet wären das nach amtlicher Liste 220 Liter. Wo sollten wir die denn lagern? Andererseits wollen wir natürlich auch nicht die ersten Idioten sein, die nichts mehr haben. Weltfrieden wäre am komfortabelsten.

Ein bei rebuy im Zustand „sehr gut“ gekauftes Mobiltelefon gibt nach einem halben Jahr den Geist auf. Ich schicke es ein, die sagen, kein Garantiefall, wegen nicht sachgemäßer Bedienung. Keine Ahnung was damit gemeint ist. Das Handy hatte keinen Unfall, war keinen Naturgewalten ausgesetzt, nix. Nachfrage im Handyladen. Natürlich kann man das reparieren. Würde 289,98 Euro kosten. Totalschaden. Sehr! Ärgerlich! Schrott hätte ich billiger kaufen können.

Wenn in der Hexennacht auf den ersten Mai vorm Haus Sachen weg gehext und irgendwo im Ort versteckt werden, ist das völlig in Ordnung. Brauchtum. Da muss man eben dran denken, den Kram reinzuholen, oder Maibowle hinstellen, für die Hexen. Wenn Sachen hinterm Haus, im umzäunten Grundstück gehext werden ist das weniger in Ordnung, finde ich. Wenn etwas aus dem Garten mitgenommen wird und nicht mehr zu finden ist – das ist klauen. War nur Gartenkitsch, aber ich mochte den.

Die blauen Briefe wurden verschickt und, ich will nicht angeben, aber ein bisschen stolz bin ich schon, denn ich habe keinen bekommen. Von den 12 Jungs in seiner Klasse sind 6 versetzungsgefährdet, sagt Maikind. In der Paralellklasse sieht es nicht besser aus. Wenn kein Wunder geschieht, wird aus zwei Abschlussklassen mit etwa 18 Kindern, wohl eine mit irgendwas um die 30 Schülern werden.

Ich habe einen neuen Filter im Denken, stelle ich fest. Vermutlich kommt das von der mentalen Überlastung der letzten Jahre. Manche Dinge sind mir so von Herzen egal, dass ich noch nicht mal aus Höflichkeit so tun kann, als würde ich mich dafür interessieren. Die Länge des Rasens in Schwiegermutters Garten beispielsweise und nein, ehrlich gesagt habe ich die Folge vom Traumschiff, in der Wie ein Onkel mitspielt nicht gesehen, weil, ich gucke nie Traumschiff.

Der Liebste hat neue Beete angelegt und Mist von regionalen Biorindern im Garten verteilt. Gemüsepflanzen haben wir in einer kleinen Gärnterei gekauft, mit Beratung. Ich habe die am ersten sonnigen Nachmittag eingepflanzt und schon mehrmals gegossen. Wenn das jetzt nichts wird, betonieren wir die Fläche und streichen sie grün.

Es wird grün und bunt draußen, endlich.

KW 14/15 2022

Die Nachbarin ist Ü70. Sie schreibt whattsapps wie Briefe. Meine liebe…, Text in ganzen Sätzen, neue Zeile ihr Vorname und der Nachname dargestellt durch das passende Emoji. Das hat was. Schön zu lesen.


Abends um zehn der letzte Blick auf die Vertretungsplan-app. Morgen zur ersten Stunde, seufzt Julikind. Morgens um halb sieben Nachrichten von den Mütterkolleginnen auf dem Handy – erste Stunde entfällt. Die Mathearbeit wurde verlegt, auf irgendwann nach den Ferien, sagt Julikind. In der Paralellklasse sind sieben Kinder positiv zu Hause diese Woche, da macht das keinen Sinn, wegen der Vergleichbarkeit der Ergebnisse, hat der Lehrer gesagt. Letzte Woche waren in der eigenen Klasse sechs Kinder nicht da. Die Deutscharbeit haben sie trotzdem geschrieben, weil, auf was soll man denn warten, hatte die Lehrerin gesagt. Ach, es gäbe da übrigens einen neuen Stundenplan, ob ich den vielleicht irgendwo aufhängen will, fragt Julikind. Nö. Schule ist wie Wetter, wir nehmen es wie es kommt.


Wegen Spritpreisen und Weltrettung schien es eine gute Idee zu sein, dass der Liebste auf dem Heimweg einkauft. Ich müsste ja sonst extra dahin fahren, wo er sowieso vorbeikommt. In der Praxis funktioniert das nicht, stellen wir fest. Ich habe die Bestände eher im Kopf und kaufe manchmal Sachen, die nicht sofort gebraucht werden, einfach, weil ich im Vorbeigehen dran denke. Wenn der Liebste „Filtertüten“ auf der Liste stehen hat und es gibt die in der passenden Größe nicht, ist das für ihn eine Stresssituation. Da wäre ich nicht drauf gekommen. Wir haben übrigens noch welche, ist halt nur die letzte Packung und ich beim Zettel schreiben ist mir das eingefallen… „Das ist schon richtige Arbeit, so ein Einkauf, hat er immer gewusst“, sagt er. Mir war das nicht so klar, aber ja, stimmt schon.


Der Hund bellt, meldet mein Hirn. Egal, da kommen bestimmt gerade Märzkind und Pluseinskind nach Hause, ich schlafe. Kann nicht sein, sagt das Hirn, die übernachten woanders. Es klingelt an der Haustür. Völlig verpennt mache ich Licht und schaue auf die Uhr. OK, wenn es um diese Zeit klingelt, dann muss was passiert sein. Jetzt bin ich wach, aber so richtig. Ich brauche Socken und meine Brille, und ach, ich wünschte, ich hätte ein Shirt ohne Zahnpastafleck drauf an… unglaublich, was man alles denken kann, in zwei Sekunden. Der Liebste ist schon auf halben Weg an die Tür. „Hallo?“ ruft er raus in die Nacht. Eine Minute später kommt er zurück. „Irgendwer ist lachend weggelaufen“, sagt er und knurrt fast, dabei. Ich bin erleichtert. Klingelstreiche Samstag morgen um halb zwei, „möge euch der Blitz der beim scheißen treffen“, denke ich und schlafe wieder ein.


Schnee, Regen, Sonne und wieder von vorn. In zwei Stunden „Aktion sauberer Ortsteil“ erleben wir so ziemlich jedes Wetter, dass dieser April zu bieten hat. Auf der Strecke, die ich mitlaufe finden wir gar nicht so viel. Es kommt trotzdem eine beeindruckende Menge zusammen. Beim Abschluss-Grillen steht man kopfschüttelnd vor dem Berg Müll und fragt sich, was das wohl für Leute sind, die Reifen dieser Größe in den Wald bringen. Das ist doch viel aufwendiger, als sie zum Entsorger zu bringen – mal ganz abgesehen davon, dass man eigentlich im Kindergarten schon lernt, dass man sowas einfach nicht macht.

Soziale Kontakte mit Nicht-Familien-Mitgliedern sind immernoch was Besonderes. Wenn man so läuft, kann man prima tratschen… Die beste Grundschul-Freundin des Märzkindes hat einen Ausbildungsplatz und zieht im Sommer aus. Häuser haben den Besitzer gewechselt, Leute sind gestorben…Die Zeit ist doch weitergelaufen, in den letzten zwei Jahren. Manchmal vergesse ich das.


Vor der Kapelle steht der Bestatter, die Urne ist unter dem Dach aufgebahrt. Außer mir sind nur vier andere Leute da. Beileidsbekundungen. Drei weitere Gäste kommen dazu, das Wetter ist frühlingshaft und dieser Friedhof ist wirklich schön. Wir unterhalten uns, es ist eine angenehme Atmosphäre. Anscheind sind alle da. Der Verstorbene habe eine stille Beerdigung gewünscht, sagt der Bestatter, aber, wenn noch jemand etwas sagen möchte… Alle gucken sich fragend an. Eine Frau zuckt mit den Schultern und sagt in einem feierlichen Ton: „Er war ein Chaot, sein Leben lang.“ Alle nicken und lachen – dieses flüchtige Beerdigungslachen. Die Frau ist die Schwester des Verstorbenen. Und das war wahrscheinlich eine der aufrichtigsten und herzlichsten Grabreden, die ich je gehört habe. Die Urne wird zum Grab getragen, man verabschiedet sich andächtig. 10 Minuten später stehen alle auf dem Parkplatz und unterhalten sich noch kurz. Die Angehörigen erzählen ihre Sicht auf die Dinge und alles puzzelt sich nochmal anders zusammen. Dieses „in aller Stille auseinander gehen“ fühlt sich sonst immer irgendwie seltsam an. Aber diese Feier war eine Runde Sache.


Jetzt Osterferien.

Anfang April 22

Der April startet mit 20cm Neuschnee und bitterkalt. Die Schneeschaufel hatte ich eigentlich schon nach hinten gestellt, im Schuppen. So richtig Lust hab ich nicht mehr, auf dieses Wetter.


Tja, dann haben wir jetzt offiziell nur noch halb so viele Bienen, wie im letzen Jahr, meldet der Liebste. Keine Ahnung wieso, vielleicht irgendwas mit Klimawandel.


Ob schon jemand was gehört hat, wegen Beerdigung, frage ich vorsichtig nach. Es dauert einen Moment, bis ich Antwort bekommen. Kontakt hatte bisher niemand, zu den Angehörigen, aber sie haben Eindruck hinterlassen. Das erklärt im Nachhinein so einiges.

*

Wir lernen daraus, dass wir unbedingt mal unseren Papierkram auf die Reihe bringen müssen. Es wäre doch schön, wenn die Ordner im Ernstfall intuitiv bedienbar wären. Der Liebste findet eine Unfallversicherung. Die hätten wir im letzten Jahr…nnaaargh


Der Außendienstler und der Liebste sitzen mit Kaffee am Tisch und rechnen mal ganz grob, was wir durch Warmwasserkollektoren sparen könnten – oder wenn man eine PV-Anlage installieren und die Heizung umrüsten würde. Also, wenn man da mal ganz ehrlich den zu erwartenden Stromverbrauch mit reinrechnet, so, wie das Haus steht und hier die Sonne scheint bzw, eben nicht scheint, wäre ein Pufferspeicher notwendig, den man im warmen viertel Jahr aufheizt, um die Wärme dann im Winter kontinuierlich zu entnehmen, der müsste natürlich die entsprechende Größe haben. Als sie gedanklich das Haus entkernen unterbreche ich kurz: Nope.


Maikind zwei Tage krank. Der Wechsel von „irgendwas Unterrichts-ähnlichem von acht bis eins, es sei denn es entfällt“ auf Betriebspraktikum von halb acht bis halb fünf mit körperlicher Bewegung hat ihn umgehauen. Wen wunderts?


Post vom Kultusminister. Sinngemäß: Mit der Maskenpflicht und dem Testen und so, das hat alles gut funktioniert, aber wir machen dann jetzt doch das mit der Durchseuchung, weil allmählich nervt es ja wirklich und so schlimm ist es gar nicht, wurde entschieden. Vielleicht ist das bei einer Inzidenz von 1600 keine richtig gute Idee, aber eigentlich betrifft es uns gar nicht. Ich glaube, in den drei Klassen, in denen die Kinder sitzen ist niemand mehr, der nicht geimpft oder genesen wäre. Man ist eher beides.

Julikind kommt fröhlich nach Hause. In der ganzen Schule kann man jetzt ohne Maske rumlaufen, einfach so, das war schön. Märzkind war Samstag Abend noch kurz was einkaufen. Da waren tatsächlich schon Leute ohne Maske im Laden. Sie hat ihre Maske dann kurz bis über die Nase gezogen, einmal geatmet und sie wieder aufgesetzt. Von jetzt auf gleich, mit wildfremden Leuten die gleiche Luft atmen, das ist ihr dann doch irgendwie zu persönlich, sagt sie.


Eigentlich wollte ich nur mal gerade Nachrichten gucken, so hin und wieder muss man das doch. Ich sehe Bilder aus Butscha und sitze dann eine Weile fassungslos da. Der Opa musste mit 15 in den Krieg, als der schon fast vorbei war, „zum aufräumen“ hat er gesagt, und dass er „für sein Lebtag genug Tote“ gesehen hat. Ich hab mich nie getraut, weiter nachzufragen, fällt mir gerade auf.

Ein Geburtstag und ein Großstadtmoment

Die Omas, der Opa, die Patentante mehr Gäste kommen gar nicht. Die können alle so am Tisch sitzen, es braucht nur eine weitere Platte. Oder kommt man sich da doch zu nah? Ich weiß es nicht. Und ich hab auch eigentlich keine Lust mehr, über sowas nachzudenken. Wir feiern jetzt so und fertig. Man merkt, dass es für einige Gäste ungewohnt ist, mit so vielen Leuten am Tisch zu sitzen, aber schön.

Ich altere mehr an den Geburtstagen der Kinder, als meinen eigenen. 17 Jahre, meine Güte. Diese verkleinerten Familienfeiern gefallen mir gut. Damals, als zu solchen Anlässen 26 Leute im Haus waren, habe ich alle nur im Vorbeigehen gesehen. Da war keine Zeit für Gespräche. Das Möbel rücken vermisse ich auch nicht.


Julikind und ich machen Frühstücks-Pause auf dem Bahnhofsvorplatz. Nach drei Stunden im Zug und anderthalb Stunden in einer Arztpraxis einfach mal ohne Maske atmen – herrlich. Obwohl, „es stinkt irgendwie“, sagt Julikind. Stimmt. Und es ziemlich laut, ohne das man die Lautstärke irgendwas Bestimmtem zuordnen kann. „Die Menschen sind so schön hier“, sagt Julikind. Stimmt auch. Im Wartezimmer saß mir eine Frau gegenüber, die sah in Leggins und T-Shirt schick aus. Sowas gibt es bei uns nicht. „Guck mal“, sagt Julikind, „diese Zug-Busse fahren da einfach mitten durch“. „Das ist eine Straßenbahn“, sage ich. „Ach, das ist eine Straßenbahn?“ „Jo“, sage ich. Auf der Rückfahrt winkt Julikind den Hochhäusern, solche Hochhäuser hat sie noch gesehen. Der Tag in der Großstadt war interressant, aber man kann sich eigentlich nicht vorstellen, dass es Leute gibt, die da wohnen wollen, sagt sie. Je weiter wir Richtung Heimat fahren, desto schöner wird der Blick aus dem Zugfenster. Wir sind Dorfkinder durch und durch, machste nix dran.

Abends bei der letzten kleinen Hunderunde höre ich die Rehe im Wald – ziemlich laut.


Morgens nach dem Aufstehen im Kopf die dringenden Tagesaufgeben durchzugehen, und festzustellen, dass es möglich ist, alles in den folgenden 17 wachen Stunden zu schaffen, es ist ein großartiges Gefühl. Wenn da zwischendurch sogar noch Zeit für eine Pause bleibt… Der Liebste und ich sitzen auf der Treppe vor dem Haus, trinken ganz in Ruhe einen Kaffee und können es kaum glauben. Wie Urlaub.

So könnte das gerne mal eine Weile sein jetzt.

Wahnsinn, ganz normaler

Alle drei Kinder waren an allen fünf Wochentagen in der Schule bzw. im Praktikum. Das hatten wir in diesem Jahr so noch nicht.


Ich stelle fest, das ich unbedingt mal wieder zum Frisör muss, dann lese ich beim Frühstück einen Artikel über ukrainische Frauen im Krieg. Ein rausgewachsener Haarschnitt ist ein banales Luxusproblem. Andererseits feiern wir nächste Woche Geburtstag – während gar nicht mal so weit weg von hier Bomben fallen. Es ist gerade kompliziert in meinem Kopf. Ich mache einen Frisörtermin. Das Städtchen hat ukrainische Flaggen gehisst. Och guck, das hätten wir rückblickend vielleicht besser schon mit der syrischen Flagge gemacht, vor zehn Jahren, denke ich, im Vorbeifahren.


Da bin ich aber froh, dass ich direkt nach der Quarantäne die Vorräte wieder aufgefüllt hatte. Mehl ist ausverkauft. Märzkind sagt, die Physiofrau hat erzählt, in der Nachbargemeinde gibts nicht nur kein Mehl, da fehlen sämtliche Corona-Klassiker in den Regalen: Hefe, Nudeln, Klopapier und jetzt neu, Speiseöl. Boar nee, nicht das wieder.


Ein Termin in Frankfurt, morgens um elf, wir würden die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen wollen. Das Kind kann mit dem Hessenticket fahren, ich brauche eine Fahrkarte. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, zu verschiedenen Preisen. Die Fahrzeiten unterscheiden sich aber nur um zwanzig Minuten. Nach einer halben Stunde Internetrecherche und einem Gespräch am Servicecenter entscheide ich mich für Plan C. Wir werden in den Zug einsteigen, und mangels Automat am Dorfbahnhof, ein Ticket bei der Zugbegleitung kaufen für was auch immer verfügbar ist und zahlen was es kostet. Und wenn das Kind bis dahin doch positiv ist, dann nicht.


Wir hatten verschiedene Wege durchs Städtchen und treffen uns beim Optiker. Eigentlich brauchte der Liebste nur Kontaktlinsen aber, seufzend zeigt er mir ein Etui. Vor diesem Tag hat er sich lange gefürchtet, mitfühlend streiche ich ihm über den Arm. Tja, nun sind wir ja nicht nur verheiratet, sondern auch befreundet. „Samma, kennst du diese Meilensteinkarten, mit denen man kleine Kinder fotografiert?“, frage ich. „Hä?“ sagt er. „kleine Schilder halt, da steht drauf *heute bin ich die ersten Schritte gelaufen* oder so“. Er zieht die Augenbrauen so zusammen. Ich grinse. „Wenn wir gleich zu Hause sind, dann bastle ich dir eins, *meine erste Lesebrille* und dann machen wir ein Foto…“ Er piekst mich in die Seite, ich quieke und rutsche fast vom Stuhl vor lachen. Dann kommt die Optikerin mit meiner frisch gerichteten Brille aus der Werkstatt und wir benehmen uns ganz schnell wieder wie Erwachsene im Lesebrillenalter.


Seit letzter Woche dürfen die Kinder im Unterricht am Platz die Maske abnehmen. Das war schön, weil sie dann nachmittags wacher und fröhlicher sind. Leider ist diese kleine Lockerung ganz gewaltig eingeschlagen. In der Klasse des Maikinds sind sie aktuell zu zwölft. Eltern dürfen entscheiden, ob sie die Kinder schicken, da gäbe es gerade eine Ausnahme, sagt Maikind. Nix. Er ist geboostert und genesen, wenn irgendwer gehen kann dann er, sage ich. Ein Seufzer, das hatte er sich schon gedacht. In der Klasse des Julikinds sind sie noch neun. Statt ganz ohne Maske sitzen wieder alle mit FFP2. Ich bin mir ziemlich sicher, dass man sich das nicht zweimal innerhalb von 8 Wochen einfängt. Aber diese bange halbe Stunde Montags, Mittwochs, Freitags ab 8.20 Uhr, sie ist wieder da.

Wenn alle anderen in Quarantäne sind, das ist fast so doof, als wäre man es selber. Julikind telefoniert jeden Nachmittag alle ihre Freundinnen ab. Das Kinder Corona bekommen, ohne es zu bemerken ist Quatsch.


Maikind hat so gar keine Lust auf Nachmittagsunterricht. Das der tatsächlich dreimal hintereinander statt findet ist eigentlich unzumutbar. Aber es gibt eine gute Nachricht. Die Dönerbude im Städtchen liefert bis an die Dorf- Schule. Wenn man da anruft, mittags, und sagt „bitte 6 Döner mit doppelt Fleisch und 3 Familien-Pizzen in den Ortsteil“, dann fragen die garnicht mehr wohin, die sind einfach eine halbe Stunde später da. Service der begeistert. Anscheind vermisst niemand die Schulcafeteria. Ich stelle mir eine Gruppe Jungs vor, alle ungefähr 1,80m groß und 65kg schwer, wie sie sich freuen, wenn das Dönerauto vorfährt. Sind bestimmt schöne Bilder. Man könnte ein Schild aufstellen, Fütterung der Teenager um 13.40 Uhr