Dunkelziffern

Die Hundenase stupst sanft gegen mein Kissen, ein Blick auf die Uhr, kurz nach acht. So weit ist es schon. Normalerweise meldet der Hund spätestens um sieben unmissverständlich, dass es Zeit zum Aufstehen ist. Wir sind also angekommen, in der Situation.

24-72 Stunden sollte es dauern, bis das Ergebnis vom PCR-Test kommt. Montag vormittag war der. Es ist Mittwoch. Der Liebste hätte morgen Frühschicht. Es geht ihm gut, die Symthome am Montag, dass war wohl nur eine Mischung aus Müdigkeit und nervlicher Anspannung, sagt er. Ach was, denke ich. Naja, das Ergebnis wird wohl im Lauf des Tages kommen und er macht jetzt mal einen Schnelltest, damit die Kollegen planen können. Der Schnelltest zeigt recht schnell ein beeindruckend eindeutiges Ergebnis. Positiv. Da gucken wir aber doof. Dann mache ich auch mal einen Schnelltest. Jo. Nicht ganz so schnell aber genauso eindeutig. Positiv. Es fühlt sich an, als hätte jemand bei einer Marionette die Fäden fallen gelassen. Die Kopfschmerzen kommen also nicht vom Sauerstoffmangel unter FFP2 Maske, diese bleischwere Müdigkeit ist nicht einfach Schlafmangel. Das ist alles jenseits von normal. Ich gehe jetzt aufs Sofa. Und, ganz ehrlich, ich kann heute nicht mit dem Hund. Ich überlege, wen ich anrufen kann, deswegen. Ach was, sagt der Liebste, mit dem Hund geht er selber. Man begegnet doch sonst auch nie jemandem, morgens im Feld, bei dem Wetter.

Maikind kommt rein. Die Lage hat sich geändert, wir können eventuell das Hygienekonzept weglassen, aber zuerst muss er mal einen Test machen. Maikind ist negativ. „Ähm, dann darf ich jetzt doch sicher in seinem Zimmer essen? Oder?“ Ja bitte. „Herrlich“, sagt er. „Samma, was machst du da oben eigentlich die ganz Zeit? Bist du Ironman, oder so?“, ich kann mir das nicht erklären. „Wär möglich“, murmelt er und verschwindet. Mittagessen wird in der Küche hingestellt, Maikind kommt über den Flur, nimmt sich seine Portion und geht wieder ins Zimmer. Wir anderen essen gemeinsam am Tisch. Die Töpfe holen wir, wenn wir Maikind auf der Treppe hören. „Der genießt das so richtig“, sagen die Mädels. Wahrscheinlich haben sie Recht.

Am nächsten Morgen morgen ist das Maikind auffallend blass. Er bräuchte mal eine Halstablette, sagt er. Schnelltest. Positiv. Wir können alle wieder an einem Tisch essen. Ob wir denn nicht zum PCR-Test wollen, fragt das Märzkind. Nö. Die anderen beiden warten immernoch auf ihr Ergebnis. Wir sind geboostert, es macht keinen Unterschied. Da sparen wir uns die anderhalb Stunden anstehen.

Die Außenwelt kümmert sich um uns.

Am Donnerstag, also eine Woche nach dem ersten positiven Test kommt die offizielle Quarantäne-Anweisung per Post. In gepfeffertem Amtsdeutsch steht da – etwas ganz anderes als mir am Telefon gesagt wurde. Es passt aber zu dem, was man dem Märzkind gesagt hat. Und mittlerweile ist es auch völlig in Ordnung, dass die beiden Geschwisterkinder 4 Tage länger in Quarantäne sein werden, als das positiv getestete Kind, wegen dem das Schreiben kommt. Genesenenausweis fürs Märzkind gilt von Mitte Februar bis Mitte April. Hätte sie die Booster-Impfung wahrnehmen können, wäre sie für den Rest des Jahres raus gewesen, aus dieser Nummer. Das nervt.

Am Freitag kommt eine Mail mit Mathe-Hausaufgaben für das Julikind. Der Lehrer entschuldigt sich, dass das so lange gedauert hat, die aktuelle Situation… Kein Ding. Er ist der erste. Außer dieser Mail ist rein garnichts gekommen von der Schule.

Nach 192 Stunden liegt noch kein Ergebnis des PCR-Tests vor.

Ich gebe es ungern zu, aber wir sind jetzt mental an einem Punkt, wir würden die freiwillig Ungeimpften opfern.

Die Schule schickt eine Mail. Weil das mit den PCR-Tests gerade nicht so richtig funktioniert gilt ab jetzt folgendes: Positiv getestete Kinder dürfen am 7.Tag nach dem Test wieder zur Schule kommen, wenn sie einen frischen negativ-Test aus einem anerkannten Testzentrum vorlegen können. OK. Damit kann ich arbeiten.

Der Einschlag

Dienstag Abend lag ein Schnelltest auf dem Tisch, als wir nach Hause kamen. Ungewöhnlich, an einem Dienstag. Das Mädchen, neben dem das Märzkind gestern Abend in der Fahrschule gesessen hat, hatte heute morgen einen positiven Test. Da hat sie lieber auch mal einen gemacht nur so für`s Gefühl. Negativ. Alles tutti. Die Zeiten, wo uns sowas länger beunruhigt hat sind lange vorbei.

***

Donnerstag morgen um halb neun klingelt das Telefon. Märzkind sagt, sie müsse bitte von der Schule abgeholt werden. Sofort. „Positiv?“, fragt der Liebste. „Jo“, sagt das Märzkind.

Der Liebste und ich gucken uns an. Das ist er also, der Moment vor dem wir uns seit zwei Jahren fürchten. Wie machen wir das denn jetzt? Das Telefon klingelt. Der offizielle Anruf der Schule. Das Kind wurde isoliert und muss bitte abgeholt werden. Der Liebste ist quasi auf dem Weg. Ich rufe in der Schule der anderen Kinder an. Positivtest bei Geschwisterkind. Wie hätten Sie es denn gern? Das gab es so anscheind noch nicht. Ob man mich zurückrufen kann? Sicher. Anruf beim Hausarzt. PCR-Test-Termin in zwei Stunden. Anruf der Schule, am liebsten wäre es ihnen, wenn ich die Kinder abholen würde, wenn das möglich ist. Natürlich, sonst hätte ich mich garnicht gemeldet. Die Frau aus dem Sekretariat sucht die Klassenlehrer, die holen die Kinder aus den Klassenräumen. Als ich ankomme sitzen sie auf dem Flur vor dem Sekretariat. Ich soll kurz warten, die wollen mir noch was sagen. Die Frau aus dem Sekretariat guckt, wer denn da die Kinder abholt und wünscht uns alles Gute.

Die Kinder erzählen auf dem Weg zum Auto, wie das gewesen ist, aus der Klasse geholt zu werden. Erst auf dem Flur hat man ihnen gesagt was los ist. „Was machen wir denn jetzt?“ „Jetzt gehen wir erstmal mit dem Hund“. Es weht ein eiskalter Wind im Feld. Der Regen gefriert auf dem Weg, es sieht aus wie eine Miniversion der Eisköniginnen-Filmkulisse. Dazu das Gefühl, dass man eigentlich gerade in der Schule sitzen müsste. Seltsam ist das.

Zu Hause stehe ich ein paar Minuten vorm Ofen. Der Liebste telefoniert. Spätschicht. Heute. Fragezeichen. Ich ziehe mich um und fahre mit dem Märzkind zum PCR-Test beim Hausarzt. Auf dem Weg ins Städtchen beginnt sie mit ihrer Kontaktnachverfolgung. Oh shit. Von den 13 Mädels, die am Sonntag beim Chearleading waren sind heute sieben positiv getestet worden. Die Trainierin hatte letztes Jahr eine Chemo. Die trainieren erst seit ein paar Wochen wieder und waren echt vorsichtig.

Der Liebste ist negativ und fährt an die Arbeit. So richtig wohl fühlt sich aber niemand dabei. Das Hygienekonzept wird nochmal verschärft und es gibt konkrete Absprachen, wie die Schichtübergabe laufen soll.

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Der Rest des Tages ist ruhig. Die Freundlichkeit der Menschen hat mir gut getan. Anscheind hatte ich, „im Fall des Falles“ mit Fackeln und Mistgabeln gerechnet. Das Gegenteil war der Fall. Jedes einzelne Telefonat, jede erhaltene whattsapp-Nachricht war freundlich und hilfsbereit. Im Hinterkopf habe ich eine Liste mit Leuten, die parat stehen, sollte hier irgendwas von außen gebraucht werden. Das entspannt.

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Freitag morgen, Anruf der Hausarztpraxis, PCR-Test ist positiv. Gesundheitsamt wird sich melden. Alles andere hätte mich auch gewundert. Das Märzkind ist krank. Es ist ein milder Verlauf, nach Definition der WHO. Nach meiner Definition ist das krasser scheiß. So krank ist noch keines meiner Kinder jemals gewesen. Ich bin froh, über jede einzelne Impfung, die dieser Haushalt schon bekommen hat.

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Samstag morgen bekomme ich eine whatsapp vom Julikind. Ob ich ihr wohl einen Tee bringen könnte? Ohoh. Ich schaue nach. Sie liegt im Bett, die Decke bis unters Kinn gezogen, die Augen fieberglänzend, ein Tränchen kullert. Sie will kein Corona. Trösten, lüften, Fieber messen. Der Liebste nimmt die Kinder mit zum Testzentrum im Nachbarort. Er braucht sowieso einen Test für die Arbeit. Nach einer halben Stunde kommen sie wieder, alle negativ. Blick auf das Julikind. Im Leben nicht. Wir machen einen Schnelltest. Der ist so schnell und so eindeutig positiv, dass man sich ernsthaft fragt, wie die das im Testzentrum hinbekommen haben, negativ zu testen. „Naja, die haben ihr eigentlich nur ganz vorn in der Nase…“, sagt das Julikind. Der Liebste ist der netteste Kunde der Welt. Er hat Verständnis für so gut wie alles. Verbale Eskalation ist mein Resort. Aber – er ruft da jetzt an, und sagt denen, dass sie das schon ordentlich machen müssen. Uuuuhuuuuhuhu, das hab ich so auch noch nicht erlebt.

Anruf bei 116117. Das Kind müsste einen PCR-Test machen. Da wo wir wohnen gibts aber keine, am Wochenende. Tja, dann nicht.

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Die Mädels bekommen ihr Essen gebracht, der Liebste ist an der Arbeit. Maikind und ich schauen uns an. „Was ißt du denn?“ Tisch decken für zwei Personen ist gar nicht so einfach. Es ist ungewohnt leise beim Essen. Jeder nimmt sein Zeug wieder mit in die Küche, zack Tisch abgeräumt.

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Das Tragen von FFP2 Masken ist mir im Sitzen schon anstrengend. Damit arbeiten kann ich eigentlich nicht. Ich komme körperlich an Grenzen. Ich mache nur das Nötigste. Trösten und betüddeln kann man zum Glück im sitzen.

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Montag morgen meint der Liebste, Symthome zu haben. Er reiht sich zusammen mit dem Julikind in die Schlange vorm Testzentrum ein. Ich fahre einkaufen. Als ich fertig bin sind die beiden etwa 50 Meter weiter vor gerückt, das kann noch dauern. Ich habe eine Zeitung gekauft, fürs Märzkind, dann lese ich die eben. Die Inzidenz im Kreis liegt bei fast 800. Kein Wunder, dass die Schlange da so lang ist. Nach einer halben Stunde kommen die beiden aus dem Testzentrum. Sie verziehen das Gesicht. Dieser Test, der ging bis an die Kotzgrenze und dann nochmal bis ans Gehirn, das muss man wirklich nicht haben. Der Liebste hat einen Zettel bekommen, wie man sich bestmöglich isolieren sollte, nachdem man positiv getestet worden ist. Och guck, so ein Zettel hätte uns am Donnerstag auch schon geholfen. Warum bekommt man den denn nicht direkt, wenn man ein postives Kind abholt?

Montags muss Kuchen bei der Omma geholt werden. Ich habe nicht die Kraft, ihr zu erklären, warum das diese Woche keine gute Idee ist. „Rein komme ich aber auf keinen Fall, Omma“, sage ich. Das ist ihr recht. Ich klingele mit FFP2, sie übergibt Kuchen und Kräutertee für die Mädels am ausgestreckten Arm. Ich gehe drei Schritte zurück und wir führen das gleiche Gespräch wie heute morgen am Telefon nochmal in echt.

Mann muss dem Tod auch mal eine Chance geben, sonst lebt man am Ende noch ewig.

Oma Ruth, 101 Jahre (auf dem Geburtstag des Julikinds)

Mittags ruft das Gesundheitsamt an. Das Märzkind reicht mir den Hörer weiter. Man freut sich, dass wir schon von selber mit dem Julikind beim PCR-Test waren. Alle Kinder werden in Quarantäne geschickt, ab jetzt. Wir Großen nicht, wir sind geboostert. Maikind hat die Möglichkeit sich rauszutesten, beim Julikind waren wir erstmal auf das Ergebnis. Man wird sich gegebenenfalls wieder melden.

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„Das Kabuff“ ist der homeschooling/Lese-/Weihnachtsgeschenke-Einpackraum. Eine Bank und ein Tisch stehen darin. Es als Zimmer zu bezeichnen, wäre geprahlt, aber gemütlich ist es. Maikind hilft mir, die Möbel raus und den Ausklappsessel reinzutragen. Man kann den Sessel nicht ganz ausziehen, aber fast. „Also, wenn hier einer schlafen kann, dann du“, sagt das Maikind und grinst so. Da muss ich ihn aber doch mal in die Seite pieksen. Kaum ist er 5 cm größer als ich wird er frech. Einen Moment lang fühlt es sich verrückt an, hier so provisorisch zu übernachten. Dann ist es schon morgen früh.

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Dem Julikind geht es zum Glück schnell wieder besser. Märzkind wird ein ganz kleines bisschen quengelig, weil sie wieder raus will. Ein gutes Zeichen. Nachdem sie ins Badezimmer und zurückgelaufen ist, legt sie sich kommentarlos wieder hin. Das dauert noch.

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Ich danke herzlich für an die Tür gehängte Süßigkeiten und DVD`s und den seelentröstenden Kartoffelsalat. Viele liebe Nachrichten haben uns durch diese Woche getragen.

2021 war…

Schnee, Starkregen, ein schöner bunter Herbst

Lockdown, Ausgangssperre, Kontaktbeschränkungen, home schooling, Maskenpflicht, 3G, 2G, 2G+, Coronatests

Blinddarm-OP, Bänderriss, entzündeter Zeh, Schlafstörungen, Impfungen

Ohrwürmer Wir sind das Ruhrgebiet…., ….soon may the Wellerman come to bring us sugar and tea and rum.., BTS

definitiv vielleicht (alles immer unter Coronabedingungen)

Konfirmation, Schulabsschlussfeier, Geburtstage, eine Trauerfeier, Weihnachten, eine Rubinhochzeit

„Und wenn das schön wird?“ Weihnachten 2021

Am 23. steht noch ein Termin im Kalender. Der Liebste übernimmt die Fahrt. 10 Minuten später kommt das Pluseinskind die Haustür rein. „Märzkind ist gerade nicht da“, sage ich. Weiß er, er schreibt gerade mir ihr. Die haben ein Reh angefahren. Och nö. Müssen wir da hin? Er fragt nach. Nee. Mit dem Auto ist alles gut, nur das Reh….

Eine viertel Stunde später steht das Märzkind in der Tür, Tränen in den Augen. Sie haben ein Reh… Ich weiß. Umarmung. „Und?“, frage ich. „Alles OK“, sagt der Liebste. Er war nicht schnell. Leider hat er das Reh trotzdem erwischt. Es lebte noch, konnte aber nicht mehr aufstehen. Da hat er jemanden angerufen. Hat kaum 10 Minuten gedauert, dann war der da und hat sich um das Reh gekümmert. Das Märzkind schluchzt ganz leise, der Liebste zieht die Luft ein, zwischen zusammengebissenen Zähnen. Er habe noch versucht, sich so hinzustellen, dass das Märzkind nichts sieht, aber gehört hat sie es natürlich trotzdem, und, ganz ehrlich, es war doch klar, dass da jetzt keine Tiernotrettung kommt, oder… Ja sicher. Aber…Das Pluseinskind übernimmt das Märzkind. Der Liebste erzählt mir die Geschichte nochmal unzensiert.


Kurz vor Weihnachten gibt es frische Coronaregeln, nicht das es langweilig wird. 10 Leute sind im privaten Bereich erlaubt. Äh, wir wären zwölf, Heilig Abend. Geboosterte und Kinder unter 14 zählen nicht. OK, dann sind wir sieben, und leicht verunsichert.

Der Liebste muss eh nochmal ins Städtchen und besorgt fünf Schnelltests. War etwas komplizierter als gedacht, und die Zeiten, in denen die 85 cent gekostet haben sind definitv vorbei, aber was solls. Bevor wir anfangen, den Tisch auszuziehen und Kleinmöbel zu verräumen, versammeln wir uns am Esstisch zum Test. Ich habe das tatsächlich noch nie bei mir selber gemacht und muss angeleitet werden. Jo, ist genauso widerlich wie die offiziellen Tests. Ich verziehe die nächsten fünf Minuten das Gesicht. Die Kinder finden das lustig, sie haben ja auf dem Teil des Hirns schon Hornhaut, sagen die Mädels. Wir überlegen kurz, so ein Biohazard-Tütchen mit Test drin an den Baum zu hängen. Letztes Jahr um diese Zeit, da hatten ja wir nix. Keine Tests, keine Impfungen. Der Liebste ist gedanklich schon beim Möbel rücken und räumt mit routinierter Geste den ganzen Rumms in die Mülltonne. Auch gut.


Der Weihnachtsbaum ist natürlich doch der Schönste. Da hat das Märzkind eine Begabung. Die Mädels haben geschmückt. Alle anderen haben sich rausgehalten. Frieden auf Erden.


Das Julikind guckt vom Weihnachtsbaum zum gedeckten Tisch zu den Geschenken auf der Anrichte und seufzt. Ich erkundige mich, was los ist. „Wenn das jetzt schön wird, Mama, müssen wir dann immer hier feiern?“ Äh, hä? „Weihnachten gehört doch eigentlich zur Oma ins Haus, dachte ich“. Naja, jetzt warten wir es erstmal ab, sage ich.


Ohne Weihnachtsgottesdienst kann es nicht Weihnachten werden, sagt das Märzkind, da müssen wir alle hin. Ich versuche mich rauszureden. Weihnachtsgottesdienste sind Fokloreveranstaltungen, damit kann ich nichts anfangen. Aber, es muss nichts mehr vorbereitet werden, alles ist fertig und die Gäste kommen erst danach, also gehen wir alle. Tja.

Heilig Abend ist Gottesdienst draußen, mit Maske, für alle. Offensichtlich wurde hier viel Zeit und Herzblut investiert. Das Kirchenportal wird festlich angestrahlt, es gibt einen Weihnachtsbaum, Laternen mit Kerzen, und echte Musik. Die Darbietenden singen mit solcher Inbrunst Weihnachtslieder, das ist mir zuviel. Ich bin froh, dass die Maske und die Dunkelheit mein Grinsen verbergen.


Es folgt ein auffallend entspanntes Abendessen mit anschließender Bescherung und Gemütlichkeit.


Schnee und blauer Himmel am ersten Weihnachtstag. Das Märzkind übernimmt die Hunderunde und muss dann los, zum Essen mit Schwiegerfamilie. Maikind verschwindet hinterm Bildschirm, Julikind hinter der neuen Staffelei, der Liebste hat Männerschnupfen des Todes muss aufs Sofa. Ich räume auf und wundere mich. Das Gefühl der Erschöpfung, dass normalerweise diesen Tag überlagert, es ist nicht da.

Nachmittags immernoch Schnee und blauer Himmel. Ein Spaziergang zu dritt mit Hund. Danach wieder Plätzchen, dann Jogginghose und Sofa. Perfekt.


Am zweiten Feiertag ist der Liebste genesen. Ein Leben ohne Schnupfen, herrlich. Ähm, er war gerade mal einen Tag kränklich, merke ich an. Es hat sich länger angefühlt, sagt er. Nachmittags kommt Schwiegermutter zum Kaffee. Der Klinikaufenthalt hat sich gelohnt, es wurde einiges auf den Weg gebracht. Schon jetzt kann sie wieder aufrecht gehen, mit der Aussicht auf noch mehr Verbesserung. Das freut mich. Paten vom Julikind kommen spontan dazu, ein bisschen Dorftratsch wird ausgetauscht, alles ganz gemütlich.


„Da freut man sich so lange drauf, und dann ist es so schnell vorbei“, sagt das Julikind am Abend. Sie könnte sich vorstellen, dass wir Weihnachten ruhig nochmal hier feiern. Das war eigentlich ganz schön. Jo, fand ich auch. Ich mag die Corona-Weihnachten lieber als die normalen, so leid es mir tut.

eine Prise Chaos

Märzkind wurde von der Arbeit nach Hause geschickt, sagt sie am Telefon. Ohoh. Nee, der Test war negativ, heute morgen, aber so ein bisschen Schnupfen hat sie schon. Die Hausarztpraxis fragt Symthome ab und schreibt für zwei Tage krank, ohne den Schnupfen gesehen zu haben. Bauchfreie Pullis im Dezember, ich hatte es ja gesagt.


Das Maikind hat Damenbesuch. Eine Freundin. Nicht seine Freundin. Ich hätte das so direkt gar nicht gefragt, aber gut, weiß ich bescheid. Als ich von der Hunderunde zurück komme sitzen die beiden im Esszimmer und spielen ein Brettspiel. Ungewohnt, aber erfreulich. Das Maikind wohnt seit Wochen nur in seinem Zimmer vor sich hin.


Jetzt hat er nicht nur alle Telefonnummern von seinem Chef, sondern auch die vom Chef vom Chef. Der Liebste murmelt. Normalerweise hätte er zwischen den Jahren frei gehabt. Normal wurde abgeschafft. Liegen bleiben kann da nichts, bis nächstes Jahr, die sind gerade kritische Infrastruktur. Dienstplan-Mikado. Zwei Schichten werden es unter dem Strich. Das hätte schlimmer kommen können.


Ich gucke ja gern mal einen Märchenfilm mit. Mal. Einen. „Da hatte der Niklaus echt ne gute Idee“, sagt das Julikind mit einem wissenden Lächeln. Cinderella und die Schöne und das Biest, als Doppel-DVD hat er gebracht, die Spielfilme mit den tollen Ballkleidern, nicht die Disneyversionen, die nach knapp 90 Minuten zu Ende sind. Wir schauen beide, Samstag Abend und Sonntag vormittag. Am Nachmittag guckt das Märzkind Cinderella im Wohnzimmer, sie war heute morgen nicht da und hat keinen DVD-Spieler. Der Nikolaus überlegt, am Abend Machine Gun Preacher zu gucken, für´s innere Gleichgewicht.


Vierter Advent schon? Das ging aber schnell dieses Jahr. Der Liebste kocht. Aber so richtig. Vier Stunden ist der Vogel im Ofen, wir essen mit Genuss. Danach vorweihnachtliche Fressstarre.


Der Liebste und das Märzkind besorgen ein Baum. „Und? Ist es denn der Schönste?“, frage ich das Kind. Sie macht ein Geräusch und winkt ab. In Anbetracht der Umstände ist es der schönstmögliche, sagt der Liebste. Wir haben nun mal keinen Wintergarten und keine Galerie….und es sollen 12 Leute sitzen können, Heilig Abend, wenn denn dann.


Ein lang erwarteter Arzttermin mit dem Julikind. Hoffnung auf Besserung ist realistisch. Freude und Dankbarkeit.


Ach, übrigens, er holt dann morgen seine Mutter aus der Klinik wieder ab, sagt der Liebste. Das waren drei Tage weniger, als ursprünglich angenommen. Erfreulich, hoffentlich.


Ich probiere ein Plätchenrezept aus dem hundert Jahre alten Flohmarkt-Kochbuch aus. Die Angaben sind etwas schwammig formuliert. Ich bin mir unsicher, ob das so hinkommt und reiche dem Märzkind eine kleine Portion rohen Teig. „Booaar, das brauchst du nicht zu backen, das ess ich so“. OK. Ich backe sie trotzdem, bei mittlerer Hitze, bis sie braun sind. Nach Belieben, quasi.

Kalorienangaben gibt es keine, in dem alten Buch. Man geht davon aus, dass die Leute danach sowieso Holz hacken müssen, oder so.


Es ist kälter geworden. Aber dafür wird es morgens merklich heller. Sonne, blauer Himmel! Ich hatte schon fast vergessen wie sich das anfühlt, nach den vielen, vielen Hunderunden durch dichten Nebel.


Die Schultage sind mit Maske eh schon anstrengend, die letzten Wochen waren zusätzlich noch vollgepackt mit Arbeiten in so ziemlich allen Fächern. Die Kinder sind ferienreif. Bis zum letzten Tag waren die Schulen auf. Hätte ich nicht gedacht. Sie sollen eine große Tasche mitbringen, „damit sie über die Ferien alles mit nach Hause nehmen können“. Die politsch korrekte Umschreibung für „niemand rechnet ernsthaft damit, dass es im Januar einfach so wieder los geht“.


Wenn der Dorftratsch stimmt, lesen zwei Quarantänehaushalte mit. Herzliche Grüße! Wir drücken euch die Daumen! Ich habe leider zum Glück keine Ahnung, welche wir Hilfe anbieten könnten. Morgen muss ich auf jeden Fall nochmal ins Städtchen…

Schöne Ferien, euch allen!

Ende November 2021

Es klingelt. Vor der Haustür steht ein riesen Paket. Der Paketbote sitzt schon wieder im Auto. In fünf Minuten kommen die Kinder nach Hause. Wo verstecke ich das denn jetzt auf die Schnelle? Auf dem Dachboden. Ich schaue mich suchend um. Irgendwas muss ich da drüber legen, obwohl, eigentlich, so wie es gerade da steht verschmilzt es geradezu perfekt mit dem rumpeligen Ambiente. Das war leicht.


Weihnachtsgespräche. Das Märzkind ist eingeladen, am ersten Feiertag, ob sie da denn zusagen kann, oder sind wir bei der Oma? Ich weiß es nicht. Diese Seite der Familie kommuniziert nicht. Ich finde, sie kann ruhig zusagen, wer zuerst kommt… Nee, sie würde da schon gern mit, wenn denn dann. Ich weise den Liebsten an, Weihnachtsinfos zu beschaffen. Wenige Tage später bekomme ich die Rückmeldung, dass Planung im Moment nicht möglich ist, aus Gründen, die zur Abwechslung mit Corona mal garnichts zu tun haben.


Ein Gottesdienstbesuch zum Ewigkeitssonntag. Danach auf den Friedhof. Auf dem Rückweg komme ich am Zigarettenautomaten vorbei. Da kaufe ich sonst jedes Jahr ein Geschenk. Jetzt brauche ich das nicht mehr.


Die Inzidenz liegt bei 210. Ich will nichts beschreien, aber, vermutlich wird es über kurz oder lang wieder Einschränkungen geben. Den Kindern gegenüber so zu tun, als wäre das nicht so, finde ich unfair. Ich spreche vorsichtig mit dem Märzkind darüber. Sie wird blass, aber eigentlich, das hatte sie sich auch schon gedacht. Einige aus ihrer Klasse machen Praktika in Grundschulen und Kitas. Da bekommt man ja mit, was gerade los ist. Sie haben in der Schule schon gefragt, wie es denn weitergehen würde, mit den Praktika, im Fall von Schulschließungen. Die haben gesagt „das wird nicht passieren“. Anscheind gibt es keinen was-wäre-wenn-Plan.

Doch, bei uns schon: Wer noch Geschenke zu besorgen hat, oder nochmal ins Kino möchte, oder so, möge das bitte für nächste Woche einplanen. Muttitaxi steht zur Verfügung und Taschengeldvorschüsse wären kein Problem. Möglichkeiten finden, statt mimimi. Jeder denkt bitte einmal darüber nach, wie man ein schönes Lockdown-Weihnachten feiern könnte. Nur eine Denksportaufgabe. Der ursprüngliche Plan gilt bis Heilig Nachmittag, mindestens.


Die Mädels wollten gern nochmal ins Schwimmbad. Wir sitzen mitten in den Blubberblasen und überlegen, wann wir zuletzt im Hallenbad waren. Vor zwei Jahren ungefähr, sagt das Julikind, könnte sein, sie hat recht. Es ist ein bisschen seltsam, dass man vorm Eintritt kontrolliert wird, aber, es scheint so, als wäre 2G ein Filter. Die Leute die drin sind halten sich so gut es eben geht an Abstände und begegnen einander freundlich. Beim Abendbrot ist es auffallend leise. Hat uns schwimmen früher auch so müde gemacht?


„Ach, und ab heute galt dann wieder Maskenpflicht“, sagt das Maikind beim Abendessen. „Stimmt, aber bei ihnen erst ab der dritten Stunde“, sagt das Julikind, die ersten beiden Stunden haben sie noch so gesessen. Wir sind lange über den Punkt raus, wo man sich über sowas wundern würde. „Na, das hat ja dann genau eine Woche lang gehalten, dieses Konzept“, sage ich. Schade. Aber leider sind die Zahlen so, dass man diese Maßnahme eigentlich gut findet.

Die Masken wärmen auch das Gesicht ein bisschen. Das ist praktisch, wenn man bei -2 Grad dauernt das Fenster aufmachen muss. Lüften ist auch im zweiten Coronawinter das Mittel der Wahl. Die Kinder sitzen im Kalten, das ist bedauerlich, aber nicht zu ändern. Energiekosten? Klimawandel? alles pillepalle wenn man dagegen den Aufwand betrachtet, den Anschaffung und Unterhalt von Luftfiltern in Schulen bedeuten würde. Ach, Deutschland.


Der Liebste arbeitet wieder und schafft sogar danach noch eine kleine Hunderunde. Hätte ich nicht gedacht, aber ich freu mich natürlich. Er hat was zu erzählen. An der Arbeit hatten sie heute fast ein Gasleck. Wie kann man denn fast ein Gasleck haben? Erkundige ich mich. Schön, dass es doch noch andere Themen gibt, außer Corona. Und so viele andere Möglichkeiten zu Tode zu kommen.


An der Laterne vorm Haus wurde die Weihnachtsbeleuchtung angebracht. Stimmt, es ist ja schon soweit. Normalerweise ist der Nachbar mit der beeindruckenden Balkonbeleuchtung immer der Erste. Da hängt bis jetzt nur ein leuchtender Stern im Fenster, der blinkt noch nicht mal. Ich hole die Kiste mit der Weihnachtsdeko vom Dachboden. Es fühlt sich so an, als hätte ich sie letzte Woche erst eingepackt.

Füsse, Wind und aufgefrischte Allgemeinbildung

Flugzeuge. Viele. Morgens um viertel nach sieben sieht man am Himmel über dem Wald ein Schachbrettmuster aus Kondensstreifen. Dieses leise Brummgeräusch, es ist auch wieder da. Vor Corona dachte ich, so hört sich die Welt eben an. Nee, das sind die Flugzeuge. 71 hat er gezählt, sagt das Maikind, als er von der Hunderunde wiederkommt, und das war nur die kleine Runde.

Das Gute daran ist, man kann sonntags morgens wieder die große Hunderunde im Tal am Flüsschen entlang gehen. In zwei Stunden begegnen mir nur vier Menschen. Ich höre sie erst wenige Meter, bevor wir uns treffen. Diese krakelenden Wandergruppen in nagelneuer outdoor-Bekleidung, die im Wald verzweifelt nach W-Lan suchten, sind anscheind wieder auf Malle. So ist es ja für alle schöner.


Ein Computerteil wird geliefert, das Maikind verschwindet freudestrahlend in seinem Zimmer. Das Teil ist neu. Der Computer läuft seit Juni, da waren alle Teile neu. Ein Bauteil für 100 Euro hält also, bei sachgerechter Nutzung 3 Monate? Echt jetzt?


Sonntag, der letzte freie Tag des Märzkindes, Herbstferien, wir könnten doch mal was unternehmen. Wir müssten sogar mal was unternehmen. Was soll man denn sonst erzählen, nach den Ferien? Also? Irgendwer eine Idee? Das Julikind darf nicht schwimmen, wegen Fuss. Draußen rumlaufen geht auch nicht, in den Latschen. Im Kino läuft nichts, was man zusammen anschauen wollen würde. Museum? boar nee. Ein Gesellschaftsspiel vielleicht? Ach komm, geh weg. Das Maikind fragt, ob er dann wieder ins Zimmer gehen kann, weil, er hätte da schon Dinge zu tun. Ja, kann er, wie es aussieht bleiben wir zu Hause. Wir Mädels erzählen uns, worauf wir sonst noch alles keine Lust haben, heute.

Wie wäre es denn, wenn wir etwas von der „jemand müsste mal- Liste“ erledigen? Dafür scheint der Tag geeignet. Wir holen uns die Klamottenkisten vom Dachboden. Was dem Märzkind vor zwei Jahren zu klein war passt dem Julikind. 4 neue Hosen auf einen Schlag, einfach so. Mensch, das hat sich aber mal gelohnt, damit hatten wir nicht gerechnet. Einige Sachen können in den second hand Laden, anderes in den Sack. Die Kiste ist leer, das Märzkind geht ins Zimmer und sortiert Sachen aus, die aktuell zu klein sind, die Kiste kann wieder hoch.

Zwei Klamottenkisten und eine mit fragwürdiger Adventsdekoration haben wir geschafft. Es fühlt sich gut an. Danach räumen wir den Kleiderschrank des Julikinds einmal komplett aus. Was jetzt noch drin ist passt, dem Kind und zur Saison.


Julikind hat Termin bei der medizinischen Fusspflege. In der Praxis steht eine kleine Weihnachtspyramide auf dem Tresen. Sie wird mit Teelichtern betrieben. Überhaupt brennen hier überall Teelichter. Es ist dieser Ayurvedisch-weihnachtliche- Wellnessgeruch. Das kann ich nicht gut wegatmen. Die Deko ist eine wilde Mischung aus indischem Souvenir-Kitsch und Eulen, interessant.


Eine Sturmwarnung ploppt auf. Das nehme ich zum Anlass im Garten ein bisschen aufzuräumen. Wir sitzen eh nicht mehr draußen. Ich richte mich in Sachen Sturmvorbereitung nach den Nachbarn. Wenn die das Gewächshaus mit Spanngurten sichern, wird`s heftig. Wenn nicht, dann nicht. Tja, diese analoge Warnapp funktioniert so nicht mehr. Da wurde ein Wohnmobil angeschafft, das parkt als Windbrecher vor deren Gewächshaus, fällt mir gerade auf.


Die Heizung tropft. Das ist nicht gut. Im Oktober schon garnicht. Der Außendienstler sagt, das sei kein Problem, halbe Stunde. Ich assistiere mit der Taschenlampe. Es ist wirklich kein Problem zu sein, wenn man weiß, was und wie. Ich lerne, wie eine Lötstelle aussehen sollte, damit es nicht tropft. Merke: Alle grünen Wasserhähne im Kellerraum einmal komplett zudrehen – dann komplett aufdrehen – dann eine halbe Drehung wieder zudrehen, immer Ostern und Weihnachten, jedes Jahr. Dann kann man sich sicher sein, dass die Hähne nicht zukalken und sich drehen lassen, feine Sache, wenn man mal Wasser abdrehen muss.

( Danke, danke, danke an den Notfall-Klempner)


„Hä? Warum gibt es denn am Donnerstag Brötchen?“, will das Maikind wissen. „Wegen Sturm“, sage ich. Der Bus vom Märzkind kam nicht, heute morgen. Deshalb war ich schon im Städtchen. „Du kannst fahren, aber der Bus nicht?“ Ja, weiß ich auch nicht wieso.

Gegen Mittag fegen ein paar heftige Böen ums Haus. Ich sichere provisorisch die Gewächshaus-Fenster.


Der Liebste hat keine Schrauben mehr im Fuss. Juhu!


Ich fahre 60km/h auf der mittleren Spur, die Autobahn ist voll. Ooohhh, Blaulicht im Rückspiegel, wo muss ich denn hin? Ich würde sagen nach rechts, aber der vor mir hält sich links, oohhh. „Linke Spur fährt nach ganz links, alle anderen so weit rechts wie möglich“, sagt der Liebste. OK, einen Führerschein würde ich auf keinen Fall mehr bestehen, aber, die drei Fahrzeuge hinter und vor mir haben noch länger gebraucht.

So, un wenn da jetzt gleich Stau kommt, geh ich vorher besser nochmal pullern, in 800m kommt eine Raststätte.

„Wollen Sie wirklich 50 cent verschenken?“ steht an der Toilettentür. Jo, könnte ich eigentlich. Im Restaurantbereich steht eine ganze Busladung voll 13 jähriger für Schnitzel und Burger an. „Hi, will von euch vielleicht jemand meinen Bon einlösen?“, frage ich in die Runde. Die pubertierenden Hirne brauchen einen Moment, um die Frage zu verarbeiten, das kenne ich. Alle wundern sich. „Ähm, joo“, sagt einer, ist sich aber nicht sicher, ob er vereiert wird. „Bitteschön“, sage ich und gebe ihm den Bon. Damit hatte er anscheind nicht gerechnet. „Äh, wow, danke“, ich sehe strahlende Augen und vermute ein Grinsen unter der Maske. Der freut sich definitiv mehr über die 50 cent als ich mich über ein überteuertes Snickers, das ich sonst aus Geiz hätte kaufen müssen.

Beobachtungen zur Digitalisierung und zum Gesundheits- und Bildungswesen zwei Wochen vor der Wahl

Ein Kühlakku war zu wenig, das hatte ich mir gleich gedacht. Vom ersten Arztbesuch bis zur Diagnose hat es zwei Wochen gedauert, von Diagnose bis OP-Termin dann aber nur 24 Stunden. Samstag nachmittag würde ich den Liebsten gern besuchen, in der Klinik. Das geht natürlich nicht einfach so, Corona.

Beginn der Besuchszeit ist um 15 Uhr. Um 14.57 Uhr reihe ich mich in die Warteschlange ein. Vor mir zwei Senioren und ein Elternpaar mir einem jungen Mann im Rollstuhl. Die Senioren möchten jeweils jemanden besuchen, sie weisen ihren Impfstatus nach und bekommen ein Blatt in die Hand gedrückt, dass Sie bitte ausfüllen und wieder abgeben sollen. Der junge Mann soll vorstellig werden, das örtliche Krankenhaus traut sich da nicht ran. Das ist Alltag hier, er möge sich in die Ambulanz begeben. Ah, die Eltern wollen mit? Das ist was anderes. Zwei Leute dürfen eigentlich nicht mit, aber wenn sie beide Eltern sind, nagut, das sollte gehen. Leben denn alle drei im gleichen Haushalt? Nein? Dann bitte jeder einen Zettel ausfüllen, und die Eltern jeweils den Impfstatus nachweisen. Langsam werde ich ungeduldig. Die beiden Senioren haben ihre Selbstauskunftszettel fertig ausgefüllt. Der Mann fragt höflich, ob er denn eventuell vor dürfte, um den Zettel abzugeben. Ja, darf er. Die Besucherwarteschlange geht mittlerweile bis vor die Tür. Ja, die zweite Seniorin, die vor mit in der Schlange war darf auch den Zettel noch abgeben. Dann bin ich dran.

ich: „Ich möchte meinen Mann besuchen.“

die Dame: „Da muss ich einmal bitte ihren Impf- oder Testnachweis sehen.“

Ich wedele mit dem Handy. Suche nach dem QR-Code zum einchecken

die Dame: „Nee, Äpps haben wir hier nicht.“

Ich krame meinen Impfpass raus, schlage die Seite mit den Covid19-Impfungen auf und reiche ihn der Dame durch das dafür vorgesehene Loch in der Scheibe

die Dame: guckt einmal kurz drauf, sagt „OK“, (kein Blick auf die Vorderseite, wo der Name steht), beginnt in ihre Zettelwirtschaft zu durchwühlen, findet den Ausdruck, auf dem der Name meines Mannes steht, überlegt, guckt mich an und teilt mir abschließend mit „da sind schon zwei“

Ich verstehe nicht, was das heißen soll und frage nach

die Dame: „da sind schon zwei Besucher“

Ich bin nervlich mittlerweile etwas angespannt, „gute Frau, ich bin mir sicher, dass da nicht schon zwei Besucher sind, weil, ich bin gerade zweieinhalb Stunden Auto gefahren, um herzukommen. Soweit wohnen wir nämlich weg, da kommt niemand spontan vorbei.“

Die Dame durchwühlt ihren Stapel erneut, kommt zu dem Schluss, dass da einfach zwei Patienten auf dem Zimmer sind, und dann müsste ich bitte den Zettel noch ausfüllen

ich: „ich bin die Ehefrau, ich bin als Besuchsperson eingetragen, meine Daten sind hinterlegt“

Die Dame reicht mir wortlos den Zettel und weist mich Richtung Zettelausfüllstation.

ich: „Also, ich fülle jetzt diesen Zettel aus, reiche Ihnen den hier rein und gehe dann aufs Zimmer, ist das OK für Sie“

die Dame: „ja, Sie sind ja die Ehefrau“

Ich gehe in den Zettelausfüllbereich, gebe Auskunft darüber, dass ich kein Halskratzen oder Fieber habe, wen ich hier wann genau aus welchem Grund auf welchem Zimmer besuchen möchte und dass ich in keinem Risikogebiet war. Ich reiche den Zettel durchs Fenster, die Frau, die nach mir in der Schlange stand hat ihren Zettel noch garnicht bekommen, die Stimmung im Rest der Warteschlange ist angespannt.

Ankunft im Patientenzimmer um 15.25 Uhr.


Montag kann der Liebste nach Hause. Es gibt eine extra Verwaltungskraft, die sich nur um Besucherzettel kümmert, nach zwei Minuten bin ich drin und freue mich – zu früh. Die Tasche hat er schon gepackt, sagt der Liebste, wir müssen nur noch auf den Mann vom Sanitätshaus warten, der die Orthese bringt, und einen Arztbrief. Nach anderthalb Stunden frage ich nach. Tja, also der Arztbrief sei gedruckt und müsse nur noch unterschrieben werden und das Sanitätshaus komme immer so gegen Mittag, also quasi jeden Moment. Eine halbe Stunde später kommt jemand. Nach einer freundlichen und routinierten Einweisung in die Handhabung der Orthese warten wir nur noch auf den Arztbrief. Und warten. Und warten. Wir befinden uns im 21. Jahrhundert, im siebzehnten Monat einer Pandemie, es ist das homeoffice Zeitalter. Ich komme mir verarscht vor, wenn ich hier auf einen Zettel warten soll, der angeblich vor zwei Stunden schon gedruckt wurde. Ich suche die Adresse der Hausarztpraxis raus, schreibe auch die email Adresse dazu, das Städtchen hat, glaube ich, sogar einen Brieftaubenverein, vielleicht sollte ich derern Kontaktdaten auch angeben, falls ihnen die anderen Wege zu modern sind? Da kommt zum Glück der Kaffeewagen durch. Man ist überrascht, dass dieses Zimmer immernoch belegt ist, aber wir bekommen beide einen Kaffee. Das hilft. Danach nehme ich die Tasche und wir machen uns auf Richtung Dienstzimmer, um mitzuteilen, dass wir dann jetzt gehen. Man bittet uns um einen Moment Geduld, da sei extra für uns jemand auf dem Weg. Ein Pfleger kommt mit dem Arztbrief durchs Treppenhaus gesprintet. Außerdem bekommt der Liebste noch eine Bonus-Thrombosespritze für heute Abend, weil der nächste Arztbesuch erst am Donnerstag ist, und die Klinik darf nur ein Rezept für zwei ausstellen. Das ist nett.


Dienstag nachmittag mache ich mich auf den Weg, das Rezept einzulösen. Die Apothekerin murmelt vor ihrem Bildschirm. Leider kann sie zwei Thrombosespritzen nicht bekommen. 10 könnte sie mir geben, allerdings nicht auf dieses Rezept, weil da ja nur zwei drauf stehen, ob ich es vielleicht nochmal woanders versuchen will? Vielleicht hat eine andere Apotheke diese Packungsgröße noch vorrätig. Um es kurz zu machen: Nö. Diese Packungsgröße ist nicht vorrätig und nicht zu bekommen. Ich gehe also zur Hausarztpraxis und bitte um ein anderes Rezept. Das sei kein Problem, erfahre ich zu meiner Freude. Nur leider ist die Ärztin gerade in einer längeren Untersuchung, da müsste ich kurz auf die Unterschrift warten. Das ist kein Problem. Ich warte, gehe danach wieder zur Apotheke, bekomme die Spritzen und habe die anderhalb Stunden gezahlte Parkzeit damit bis auf die letzte Minute genutzt.


Morgen hat er übrigens „Heimstudientag“, sagt das Maikind. „Hä?“, frage ich nach. Der Klassenlehrer ist krank, erfahre ich, deshalb hätten sie morgen, mal abgesehen von einer Stunde Englisch, nur Vertretungsunterricht gehabt und das macht ja nun wirklich keinen Sinn. Deswegen haben sie Aufgaben bekommen und bleiben alle zu Hause.

Ganz ehrlich, nach so einer Woche ist mir das Furzegal, dann eben keine Schule, wieder mal.

Fragen und Antworten, unsortiert

Nach Weihnachten würde es ruhiger werden, hatte ich mir gesagt, damals im Dezember. Dann haben wir hier alle das Zeitgefühl verloren. Dinge werden nach Dringlichkeit abgearbeitet.

Kühlakku, da muss auf jeden Fall eins drauf. Ich durchwühle die Schubladen des Gefrierschranks. Kann das denn sein, dass wir mitten im August nicht ein einziges Kühlakku parat haben? Muss das mitreisende Kind bei Anreise einen negativen Test vorlegen, wenn die Eltern geimpft sind? Wieviel muss denn da drauf, auf den Brief, und haben wir eigentlich Briefmarken? Das Taschengeld von Juli? Haben wir noch genug leere Honiggläser? Blumen, bei einem Rasengrab? Der Hund von Lucky Luke, wie hieß der nochmal? Wollen wir den Ofen anmachen? Anlass ist jetzt, Feier im nächsten Jahr – wann schreibt man denn die Karte? An welchen Schnitt hatten Sie denn gedacht? Was ist das für eine Vase da, und wo ist eigentlich der Sarg? Wenn ich gestern geimpft wurde und morgen einen Test machen muss – ist der dann positiv? Nur noch eine Woche Ferien, wollen wir denn eigentlich noch irgendwas unternehmen? Ist es denn ein bisschen ruhiger geworden, bei euch? Du hattest doch gesagt es ist viel los und das würdest du dir wünschen.

Da muss ich kurz drüber nachdenken.

Dritte Schublade, ganz hinten. Land Hessen sagt, jede anreisende Person muss ein G nachweisen, also ja, das Kind braucht einen Test ( und wenn das demnächst zweimal die Woche kontrolliert werden soll, dann nehme ich nur noch Geimpfte und Genesene Feriengäste, fertig ). 80 cent müssen drauf – Pinnwand – ist glaube ich egal, aus wie vielen einzelnen Marken man das zusammenpuzzelt. Die einen sagen so, die anderen so, wir einigen uns auf einen Dauerauftrag, dann muss da niemand mehr dran denken. Weiß ich nicht, muss ich gucken. Keine Blumen. Rantanplan? Jemand müsste Holz reinholen, wir nehmen erstmal eine Wolldecke, jo, das reicht, für diesen Sommerabend im August, auf dem Sofa. Karte mit kleinem Betrag jetzt – Karte mit Geschenk im nächsten Jahr, wenn denn dann… Ich hätte gerne eine Jeans, die einfach passt und einigermaßen gut aussieht. Jetzt heute hier. Nicht „wenn das Lockdownröllchen eines Tages wieder weg ist“, welchen Schnitt das erfordert, kann ich derzeit nicht sagen. Es gibt keinen Sarg, wenn man verbrannt wird, bleibt gar nicht so viel übrig. Die Vase ist eine Urne, da ist die Asche drin. Nee, die Impfung legt quasi ein Schutzschild um deine Zellen, dass das Virus nicht dran kommt, der Test guckt, ob du Viren auf der Schleimhaut hast, das sind zwei verschiedene Ansätze. Plätze für die Freilichtbühne gebucht, ohne vorher jemanden zu fragen. Ein nichtoptionales Kulturerlebnis. Ja, es ist ruhiger geworden, auf jeden Fall, wenn man mal davon absieht, dass der Liebste wahrscheinlich einige Zeit nicht mit dem Hund raus und, wenn es richtig blöd läuft kein Auto fahren können wird. Aber irgendwas ist ja immer.

Nieselregen bei windigen 15°C, das Maikind und ich sind uns einig: Würde es eine Packung Spekulatius geben, wir würden sie kaufen, es fühlt sich so an. Weihnachtsgebäck gibt es aber erst nach den Sommerferien, man fragt sich, wieso.

Verschiedenes, Ende Juli 21

Die Oma hat Gäste, wir sitzen im Garten und unterhalten uns. Der Liebste hat gerade einen Schwarm Bienen wieder eingefangen. Als die losgeflogen sind, das war schon beeindruckend, sagt die Festgesellschaft, sowas sieht man nicht oft. Sowas gibt es auch Ende Juli nicht oft, es ist ein seltsames Bienenjahr.

Märzkind will mal bei der Uroma gucken, die ist im Haus geblieben. Es geht ihr nicht gut. Im Fernsehen laufen Bilder der Flutkatastrophe, den ganzen Tag. Die Zerstörung ist wirklich unvorstellbar – für uns. Käthe ist 101. Sie kann sich das durchaus vorstellen und ist entsprechend unruhig. Nach einer halben Stunde kommt das Märzkind wieder. Die Uroma habe heute vormittag jemanden in Wuppertal erreicht, der die Auskunft geben konnte, dass bei ihren Bekannten alles OK ist. Das ist eine Erleichterung. Ein ganz kleines Stück Kuchen habe sie gegessen, damit sie ihre Ruhe hat. Das ist gut.


Bei der Hunderunde begegnet uns ein örtlicher Katastrophenschützer. Er erzählt, wie der Bach, der letzte Woche doch eher ein Fluss war in der Nacht vorher ausgesehen hat. Wir waren ja am späten vormittag noch beeindruckt von der Wassermenge, da war das allermeiste aber wohl schon durch. Man habe sich im Lauf der Woche unterhalten, mit allen Wehrführern der Ortsteile, erfahren wir. Wenn man sich mal kurz vorstellt, dass der Bach zwei Ortsteile weiter von jetzt auf gleich 8 Meter höher wäre, dann, tja… es würde die Anfahrtmöglichkeiten für einige Häuser verändern.


Das Julikind wird elf. Wir grillen im Garten, mit Leuten. Es ist eigentlich eine normale Geburtstagsfeier, das ist schön. Abends bittet sie mich, noch ein Foto zu machen. Dafür hat sie alle Geschenke auf dem Bett aufgebaut und setzt sich mit dem fröhlichsten Geburtstagsgrinsen daneben. Was für ein Tag! Und so viele schöne Sachen. Wenn sie jetzt noch mit ihren Freundinnen feiern dürfte, dann wäre es perfekt gelaufen, dieses Jahr. Die Chancen stehen eigentlich ganz gut, gerade. Noch.


Das Gute an dem vielen Regen ist, wir müssen gar nicht weit fahren, der See beginnt dieses Jahr schon 10 km weiter. Im letzten Jahr war da um diese Zeit schon längst kein Wasser mehr. Am frühen Abend ist die Liegewiese so gut wie leer. Einen Strand gibt es hier nicht. Man geht von der Wiese drei Schritte durch die Hecke, dann nochmal drei Schritte ins Wasser rein, da kann man schon losschwimmen. Hier stört es niemanden, wenn der Hund auch schwimmt. Der Liebste wirft ein Spielzeug, voller Freude springt der Hund ins Wasser, holt sein Spielzeug und schwimmt uns entgegen, ziemlich weit, und ziemlich schnell. Ähm, jo, damit hatte niemand gerechnet, aber alle haben Spaß. Und die Erkenntnis, dass Hunde anders schwimmen, als Menschen. Jeder von uns hat irgendwo einen Kratzer abbekommen, was solls, sagen die Kinder.


Ich bekomme die zweite Impfung. Anderthalb Tage habe ich irgendwie schwere Knochen, und freue mich trotzdem. Der Liebste kommt sich „dezent verarscht“ vor, als Angehöriger der Priogruppe drei, weil ich jetzt zwei Wochen vor ihm fertig geimpft bin. Luxusprobleme, die man so hat. Nachdem wochenlang garnichts voran ging, in Sachen impfen, sind jetzt fast alle durch. Weihnachten kann kommen.


Wir fahren für eine Hunde-Runde in den Nachbarort. Beim Aussteigen fällt mir auf, dass die Telefonleitung sich heftig bewegt, zwischen den Masten. Oh oh. Kein Sturm, kein Erdbeben, da gibt es eigentlich nur noch eine Erklärung. 200 Meter weiter kommt uns ein LKW entgegen, der hat gerade irgendwelche Düngemitttel abgeladen, auf dem Feld, neben der Telefonleitung. Zu dicht neben der Telefonleitung. Ein Teil des Kabels liegt rechts im Graben, der andere links auf dem Feld.

Yeah! Für die Fans von „Lockdown mit Teenagern“ und „schulfrei von Dezember bis Mai“ jetzt neu: „Sommerferien bei regnerischen 15°C ohne Internet“. Wir nehmen direkt die extended version „ohne Mobilfunkempfang im Wohngebäude“, wenn schon, denn schon.

Am Ende dieses Tages sitze ich im Garten. Auf der Treppe, die man von keinem Fenster aus sehen kann, im Dunkeln. In der Hand ein Glas, darin ein großer Schluck vom besten Weihnachts-Whiskey. 20 Minuten allein sein. Herrlich. Die Ruhe ist so erholsam, dass ich mir, als das Glas leer ist, eingestehe, dass ich dem Zusammenbruch sehr viel näher bin, als irgendeiner Form von Erholung.


Die Freude, als das Internet am Nachmittag des nächsten Tages zu uns zurückkommt ist riesig. Auf einen Schlag ändert sich die Grundstimmung. Spielen, Videos, Musik, telefonieren, man könnte sogar wieder Fernseh gucken, so viele Möglichkeiten. Maikind sagt, er habe da jetzt nochmal drüber nachgedacht und, eigentlich ist es doch in manchen Situationen vielleicht praktische kein smart home zu haben. Da hat er wohl recht.


Vier Geburtstage und ein Gemeindefest in 10 Tagen, waren das. Nächste Woche haben wir garnichts vor. Das ist auch mal wieder schön.