Füsse, Wind und aufgefrischte Allgemeinbildung

Flugzeuge. Viele. Morgens um viertel nach sieben sieht man am Himmel über dem Wald ein Schachbrettmuster aus Kondensstreifen. Dieses leise Brummgeräusch, es ist auch wieder da. Vor Corona dachte ich, so hört sich die Welt eben an. Nee, das sind die Flugzeuge. 71 hat er gezählt, sagt das Maikind, als er von der Hunderunde wiederkommt, und das war nur die kleine Runde.

Das Gute daran ist, man kann sonntags morgens wieder die große Hunderunde im Tal am Flüsschen entlang gehen. In zwei Stunden begegnen mir nur vier Menschen. Ich höre sie erst wenige Meter, bevor wir uns treffen. Diese krakelenden Wandergruppen in nagelneuer outdoor-Bekleidung, die im Wald verzweifelt nach W-Lan suchten, sind anscheind wieder auf Malle. So ist es ja für alle schöner.


Ein Computerteil wird geliefert, das Maikind verschwindet freudestrahlend in seinem Zimmer. Das Teil ist neu. Der Computer läuft seit Juni, da waren alle Teile neu. Ein Bauteil für 100 Euro hält also, bei sachgerechter Nutzung 3 Monate? Echt jetzt?


Sonntag, der letzte freie Tag des Märzkindes, Herbstferien, wir könnten doch mal was unternehmen. Wir müssten sogar mal was unternehmen. Was soll man denn sonst erzählen, nach den Ferien? Also? Irgendwer eine Idee? Das Julikind darf nicht schwimmen, wegen Fuss. Draußen rumlaufen geht auch nicht, in den Latschen. Im Kino läuft nichts, was man zusammen anschauen wollen würde. Museum? boar nee. Ein Gesellschaftsspiel vielleicht? Ach komm, geh weg. Das Maikind fragt, ob er dann wieder ins Zimmer gehen kann, weil, er hätte da schon Dinge zu tun. Ja, kann er, wie es aussieht bleiben wir zu Hause. Wir Mädels erzählen uns, worauf wir sonst noch alles keine Lust haben, heute.

Wie wäre es denn, wenn wir etwas von der „jemand müsste mal- Liste“ erledigen? Dafür scheint der Tag geeignet. Wir holen uns die Klamottenkisten vom Dachboden. Was dem Märzkind vor zwei Jahren zu klein war passt dem Julikind. 4 neue Hosen auf einen Schlag, einfach so. Mensch, das hat sich aber mal gelohnt, damit hatten wir nicht gerechnet. Einige Sachen können in den second hand Laden, anderes in den Sack. Die Kiste ist leer, das Märzkind geht ins Zimmer und sortiert Sachen aus, die aktuell zu klein sind, die Kiste kann wieder hoch.

Zwei Klamottenkisten und eine mit fragwürdiger Adventsdekoration haben wir geschafft. Es fühlt sich gut an. Danach räumen wir den Kleiderschrank des Julikinds einmal komplett aus. Was jetzt noch drin ist passt, dem Kind und zur Saison.


Julikind hat Termin bei der medizinischen Fusspflege. In der Praxis steht eine kleine Weihnachtspyramide auf dem Tresen. Sie wird mit Teelichtern betrieben. Überhaupt brennen hier überall Teelichter. Es ist dieser Ayurvedisch-weihnachtliche- Wellnessgeruch. Das kann ich nicht gut wegatmen. Die Deko ist eine wilde Mischung aus indischem Souvenir-Kitsch und Eulen, interessant.


Eine Sturmwarnung ploppt auf. Das nehme ich zum Anlass im Garten ein bisschen aufzuräumen. Wir sitzen eh nicht mehr draußen. Ich richte mich in Sachen Sturmvorbereitung nach den Nachbarn. Wenn die das Gewächshaus mit Spanngurten sichern, wird`s heftig. Wenn nicht, dann nicht. Tja, diese analoge Warnapp funktioniert so nicht mehr. Da wurde ein Wohnmobil angeschafft, das parkt als Windbrecher vor deren Gewächshaus, fällt mir gerade auf.


Die Heizung tropft. Das ist nicht gut. Im Oktober schon garnicht. Der Außendienstler sagt, das sei kein Problem, halbe Stunde. Ich assistiere mit der Taschenlampe. Es ist wirklich kein Problem zu sein, wenn man weiß, was und wie. Ich lerne, wie eine Lötstelle aussehen sollte, damit es nicht tropft. Merke: Alle grünen Wasserhähne im Kellerraum einmal komplett zudrehen – dann komplett aufdrehen – dann eine halbe Drehung wieder zudrehen, immer Ostern und Weihnachten, jedes Jahr. Dann kann man sich sicher sein, dass die Hähne nicht zukalken und sich drehen lassen, feine Sache, wenn man mal Wasser abdrehen muss.

( Danke, danke, danke an den Notfall-Klempner)


„Hä? Warum gibt es denn am Donnerstag Brötchen?“, will das Maikind wissen. „Wegen Sturm“, sage ich. Der Bus vom Märzkind kam nicht, heute morgen. Deshalb war ich schon im Städtchen. „Du kannst fahren, aber der Bus nicht?“ Ja, weiß ich auch nicht wieso.

Gegen Mittag fegen ein paar heftige Böen ums Haus. Ich sichere provisorisch die Gewächshaus-Fenster.


Der Liebste hat keine Schrauben mehr im Fuss. Juhu!


Ich fahre 60km/h auf der mittleren Spur, die Autobahn ist voll. Ooohhh, Blaulicht im Rückspiegel, wo muss ich denn hin? Ich würde sagen nach rechts, aber der vor mir hält sich links, oohhh. „Linke Spur fährt nach ganz links, alle anderen so weit rechts wie möglich“, sagt der Liebste. OK, einen Führerschein würde ich auf keinen Fall mehr bestehen, aber, die drei Fahrzeuge hinter und vor mir haben noch länger gebraucht.

So, un wenn da jetzt gleich Stau kommt, geh ich vorher besser nochmal pullern, in 800m kommt eine Raststätte.

„Wollen Sie wirklich 50 cent verschenken?“ steht an der Toilettentür. Jo, könnte ich eigentlich. Im Restaurantbereich steht eine ganze Busladung voll 13 jähriger für Schnitzel und Burger an. „Hi, will von euch vielleicht jemand meinen Bon einlösen?“, frage ich in die Runde. Die pubertierenden Hirne brauchen einen Moment, um die Frage zu verarbeiten, das kenne ich. Alle wundern sich. „Ähm, joo“, sagt einer, ist sich aber nicht sicher, ob er vereiert wird. „Bitteschön“, sage ich und gebe ihm den Bon. Damit hatte er anscheind nicht gerechnet. „Äh, wow, danke“, ich sehe strahlende Augen und vermute ein Grinsen unter der Maske. Der freut sich definitiv mehr über die 50 cent als ich mich über ein überteuertes Snickers, das ich sonst aus Geiz hätte kaufen müssen.

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