Festwoche KW 13/23

Es geht wieder. Nicht gut und nur langsam, aber eine Teilnahme am Geburtstags-Kaffee trinken nachmittags scheint im Bereich des Möglichen zu liegen. Da hatte ich gestern noch nicht viel Hoffnung. Ich übernehme eine Elterntaxifahrt mit kleinem Einkauf während der Wartezeit, mache Kuchen fertig und bin danach eigentlich erledigt. Ein Hoch auf die gut sortierte Hausapotheke.

Gastgeben im eigentlichen Sinne kann ich nicht, aber es ist ja auch nicht meine Party. Nur so sitzen geht. Märzkind fragt, wie das denn losgeht, auf so einer Party. Man checkt ob alle da sind, sagt vielleicht kurz, dass man sich freut oder so und holt sich dann Kuchen, und es läuft. Anscheind sind alle da. Halt, doch nicht. Wer hat de Omma vergessen? Die Frage wird durch den Saal gemurmelt. Sie hat abgesagt, quasi in letzter Minute, sagt de Mudda. Hä? Wieso? Wegen Corona. Sehr merkwürdig. Dienstag hat sie noch drauf bestanden, dass jemand von uns Kuchen abholt. Wir konnten uns gerade so darauf einigen, dass sie eine Tüte an die Haustür hängt.

Sonntag morgen tut zum ersten mal seit langem nichts weh, beim wach werden. Der Kopf ist auch wieder klarer. Es fühlt sich nicht mehr an, als müsste man alles durch dichten Nebel denken. Leben in normaler Geschwindigkeit, herrlich. Ich freue mich richtig. Im Nachbarort ist heute Vorstellungsgottesdienst, da könnte ich mit Julikind hin. Brüderchen erkundigt sich in der Familiengruppe, ob wir denn alle an der Uhr gedreht haben. Hä? Nee. Zum ersten mal überhaupt hab ich die Zeitumstellung völlig vergessen. Spontane Planänderung…Gottesdienstbeginn in 10 Minuten ist nicht schaffbar, Kaffee also. Der Liebste wirkt leicht zerknittert. Er war länger auf der Party als ursprünglich gedacht, irgendwie sei ihm die Rolle des weisen Mannes zugefallen, Leute hatten Redebedarf, bis zwei Uhr stand immer jemand bei ihm am Grill, sagt er. Hunderunde schaffe ich noch nicht, aber ich könnte mal gucken, ob vom Salatbuffet noch was übrig/essbar ist.

Abgestandene Partys erzählen Geschichten und ich bin ehrlich gesagt neugierig. Es sieht bei weitem nicht so schlimm aus wie erwartet. Jemand hat sich für die kommende Saison der örtlichen Mannschaft verpflichtet, schriftlich, der durchgesiffte Bierdeckel ist wohl ein Dokument, den lass ich erstmal liegen. Anscheind trinkt man Fruchtsaft oder Eistee mit Korn, Bier ist jede Menge übrig. Auf einem der Tische liegt ein Haarreif mit Moosgummikrönchen und Schleier, der hat vielleicht idellen Wert, ich setze ihn auf, nicht das er weg kommt. Als ich den Kofferraum mit Salatschüsseln und Geschirr belade fahren Autos vor, oh, ist hier etwa Fussball, heute? Nee, sagen die Jungs, Auswärtsspiel, sie treffen sich nur hier. Ich bin erleichtert, frage mich kurz, warum die alle so komisch gucken, und mache weiter. Auf dem Weg zurück ins Gebäude weht mir der Wind einen Hauch von glitzerdem Polyestergeschmeide über die Schulter. Ach so.

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Alle räumen den Tisch ab. Auf dem Rückweg vom Kühlschrank ist ein knappes Gespräch unter Geschwistern zu belauschen Julikind: „Kannste mich mal von der Seite würgen?“ Maikind: „Samma, hackts bei dir?“ Gürtelprüfung, diese Woche, jeder ausser ihr ist sich sicher, dass sie das schafft.

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Weil wir jung genug sind um es zu können und alt genug um keine Kleinkinder mehr auf dem Schoss balancieren zu müssen sitzen wir an der Biergarnitur in der Küche. Aus dem Wohnzimmer ertönt eine schmissige Klingelmelodie. Wir gucken uns fragend an. Die Herrschaften, die da auf richtigen Stühlen um den Tisch sitzen sind eigentlich alle zu alt für Mobiltelefone. Als die Meldodie das dritte mal von vorn beginnt, seufzt Schwiegermudda leise und fragt sich murmelnd, ob denn die Tante wohl ernsthaft denkt, dass die Oma jetzt aufsteht und da hinläuft? In dem Moment kommt die Tante samt Telefon angelaufen. Diese Meldodie… ein Telefonklingeln… wie man denn abnimmt? Schwiegermudda nimmt das Gerät entgegen die Melodie endet. Kurze Erklärung was zu tun ist, sollte es nochmal vorkommen und wo das Telefon am besten liegt, damit alle es finden können. „Ok“, sagt die Tante, schon auf dem Rückweg „wenns grün leuchtet, einfach da drauf drücken“. „Nee“, sagt Schwiegermudda, „wenn es leuchtet auf grün drücken“, aber das kann die Tante schon nicht mehr hören. Drei Sekunden später wieder die schmissige Melodie. „Da klingelt doch was, da will doch bestimmt jemand gratulieren“, ruft die Oma, „ah, das gibt wahrscheinlich nix“, murmelt Schwiegermudda und geht der Tante hinterher. Ich fühle mich gut unterhalten, gebe mir aber Mühe, es nicht zu zeigen. Die Schwägerin stupst mich sanft mit dem Ellbogen und fragt leise, ob ich mich noch an die Serie „Golden Girls“ erinnern kann. Wir lachen, die Blagen verstehen nicht wieso und sind peinlich berührt. Die Oma des Liebsten feiert ihren 103. Geburtstag. Wer U70 ist sitzt am Kindertisch.

Ob er vorne sitzen darf, fragt Maikind, als wir uns auf den Rückweg machen. Jo sicher, hast Erster gefragt, sage ich. Die kurvige Strecke zurück muss sie üben sagt Märzkind, ich soll ihr mal die Schlüssel geben. Äh, das hatte ich ganz vergessen, aber wieso nicht. „Oh“, sagt Maikind, als Märzkind einsteigt, „das ist aber ungewohnt“. „Für mich auch“, sage ich. „Hä?“, fragt Julikind als sie hinten einsteigt, „wieso sitzt du hier? ach so… “ Die erste Kurve nimmt sie sportlich. „Uuuaa“, sagt Julikind, und hält sich an der Tür fest. Ich weise daraufhin, dass ich wahrscheinlich brechen muss, wenn Märzkind so jetzt den ganzen Weg. „Ruhe dahinten“, sagt Märzkind. „Hömma“, sage ich. Kind mit Führerschein ist schon toll, nur ungewohnt.

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Husten, Rotzenasen, Halsschmerzen, Müdigkeit, Gliederschmerzen, mangelhafte Nachtruhe, Zeitumstellung – alles viel besser als letzte Woche aber ach…

Ein herzliches Dankschön, für die Anteilnahme und Genesungswünsche, vonne Psyche her hat`s geholfen.

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Nachdem wir zwei Haus- und Hof-Samstage hintereinander ausfallen haben lassen, kann auch das ungeschulte Auge erkennen, wieso die nötig sind. Wer kann hauswirtschaftet ein bisschen. Von selber, ohne zu nörgeln. Deutliche vorher/nachher Effekte sind erkennbar. Bemerkenswert.

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Werbung für Heuschnupfenmedikamente erreicht mich. Ich blicke raus ins Schneegestöber und frage mich, was das wohl soll.

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Ob er sich ein Bier nehmen darf, fragt Maikind Donnerstag abend. Ja. Ob ich auch eins will? Ja. Im Vorbeilaufen stoßen wir an. Weil wir es können und weil für ihn jetzt die Ferien beginnen. „Heimstudientag“ ist das Fachwort für, „sind halt keine Lehrer da und es wären ja sowieso nur zwei Stunden gewesen“.

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Brüderchen hat anlässlich seines Geburtstags eingeladen zu Kaffee, Kuchen und Mettbrötchen. Man fragt sich, wann denn der Esstisch das letzte Mal so komplett ausgezogen war, es ist schon länger her. Ein gemütlicher Nachmittag in der Weihnachtsrunde. Es ist Geburtstagshochsaison, obwohl wir uns diese Woche schon mal begegnet sind, gibt es einiges zu erzählen. Nächstes Wochende kann jeder selber was machen, dann ist schon Ostern, stellen wir fest. Also, wenn es schneit oder in Strömen regnet, dann lassen wir Eierwerfen aber ausfallen, keine Lust mehr, auf dieses Wetter…wenn Gülle gefahren wurde auch, ansonsten gerne, und ruhig auch wieder Kuchen oder so, da ist man sich einig.

Der Einschlag, Teil 2

Diese Halsschmerzen, die hatte er schon mal so, sagt Maikind Freitag morgen, er macht mal einen Test. „Scheiße“ flüstert er zwei Minuten später. Wir schweigen einen Moment „armes Märzkind, der dritte Corona-Geburtstag“, murmelt er und schüttelt mit dem Kopf. Märzkind kommt von der Schule und macht selber nochmal einen Test. Auch zwei Balken. Hä? Drei Tage gings ihr echt schlecht und sie war immer negativ, und heute? wo sie wieder in der Schule war? Ok, wenn ich jetzt drüber nachdenke, diese Kopfschmerzen, die hatte ich auch schon mal so – negativ. Soll mir recht sein. Ich fahre Julikind zum Training. Am nächsten Morgen fühlt es sich an, als hätte jemand meine Knochen mit Beton ausgegossen. Zwischen, ich steht dann jetzt auf` und im Bad angekommen vergeht eine viertel Stunde. Dort beginne ich den Tag mit einem Test. Als das erste bisschen Rotz im Testbereich ankommt leuchtet der Strich rot auf. Jo, genau so fühlt es sich an. Bis zum Nachmittag sind alle positiv, fast, Märzkind ist genesen. Ich hatte gedacht, eine zweite Runde, sollte es sie jemals geben, würde weniger heftig werden. Damit lag ich falsch. Angenehmer war, dass man sich um nichts bürokratisches mehr kümmern muss. Niemanden anrufen, nicht zwei Stunden anstehen für PCR-Tests, keine Quarantäne organisieren.

Märzkind verbringt ihren Geburtstags-nachmittag ausser Haus, erst mit der Oma, dann mit Freunden. Anders als gedacht aber schön wars, und muss man ja eh mit allem rechnen, wenn man um diese Zeit Geburtstag hat, sagt sie. Es fühlt sich ein bisschen seltsam an, das eigene Auto vom Hof fahren zu sehen. Ein Rücklicht ist kaputt, wusste ich garnicht.

Dem Liebsten gehts nach drei Tagen deutlich besser, Julikind auch. Maikind und ich hängen hinterher. Am Wochenende ist Geburtstagsparty, ich falle komplett aus, bei den Vorbereitungen. Das ist auch mal eine Erfahrung, für uns alle. Freitag kann ich zu meiner eigenen Überraschung wieder normal gehen. Es gab einen Plan B, aber den brauchts nicht. Ich backe Kuchen. Abends auf dem Flur ein gemurmeltes Gespräch mit Maikind. Alle anderen sind schon wieder negativ, haben den ganzen Tag über Sachen durch die Gegend getragen und rumgerödelt, unglaublich, wie gut es denen geht. Wir sind immernoch am Arsch. Wenn man ganz ehrlich sein will, die Chance, dass wir morgen in der Lage sind eine Party zu feiern – 50/50.

durchgewurschtelt, KW 7/8 2023

Seit fast zwei Jahren suchen sie einen Termin und dieses Wochenende könnte es wirklich klappen, was ich denn meine, erkundigt sich der Liebste. Passt, freut mich, fahrt ihr mal ruhig. Maikind und der Liebste werden den Patenonkel besuchen. Märzkind hat am Samstag einen Auftritt und einen Thekendienst, Julikind hat ein Extra-Training wegen Gürtelprüfung, ähm jo, das ist ja dann schon irgendwie blöd für mich, wenn ich den ganzen Haus-und Hoftag alleine machen muss… allgemeine Betroffenheit. Aber da kann ich sie beruhigen. Ich werde nur das allernötigste machen, den Rest können sie dann selber. Leider ist nach einer Woche Matschwetter mit diversen Terminen doch einiges nötig.

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Samstag morgen: Küche aufräumen, Kaffee kochen, Waschmaschine voll machen, Spülmaschine ausräumen, erleichtert feststellen, dass Märzkind doch schon wach ist und die Hunderunde übernimmt, Tasse Kaffee trinken, Stühle hoch stellen, saugen und wischen, Stühle runter stellen, Hund füttern, Julikind zum Training fahren, einkaufen, Julikind abholen, Kartoffelgratin für drei Leute zubereiten – niedlich, so eine kleine Form, Wäsche aufhängen, Einkäufe verräumen, essen, wischen im Obergeschoss, Hunderunde. Ich freue mich über den sauberen Fussboden, als ich wieder reinkomme. Das Telefon klingelt. Der Liebste wollte nur mal Hallo sagen und fragen, ob ich denn den freien Tag genieße. Hallo, freut mich und äh? genießen? ist vielleicht nicht ganz das richtige Wort, aber, danke der Nachfrage.

Sonntag morgen ruft de Omma an, um mir mitzuteilen, dass die Hochzeitssuppen-Einlage, die ich ihr vom Einkaufen mitgebracht hatte „nicht essbar“ sei, also, sowas von nicht ihr Geschmack, das hätte man sich sparen können. Tja, da hat sie Pech gehabt. Sollen doch die Hühner den Rest essen, sage ich ihr, und wundere mich selber ein bisschen darüber. Wenn sich dreijährige theatralisch vor ein Süßigkeitenregal im Supermarkt auf den Boden werfen und „ichwillabba“ rufen macht mir das garnichts, aber hochbetagten-Pubertät kann ich nicht. Diesen Tonfall lasse ich mir nicht mehr gefallen, dann soll sie selber.

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Ich motiviere um baldigen Aufbruch:“nu aber! der Bus ist schon runter gefahren“, „der darf doch garnicht früher fahren“, sagt Julikind tiefenentspannt „regulär wäre der schon seit ner viertel Stunde weg, wenn der jetzt 5 Minuten eher fährt als „normal“ ist er immernoch 10 Minuten zu spät“ „oh shit, stimmt ja“ die Blagen laufen los und erwischen den Bus gerade noch so. Ich stehe in der Tür und bin ein bisschen stolz. Eine Freundin des Julikinds wird zur Bushaltestelle gefahren, die Mutterkollegin wendet und fährt dem Bus filmreif mit quietschenden Reifen hinterher. Wir haben uns alle an die Fahrplanänderung gewöhnt.

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Dieser Schultag war komplett sinnlos, sagt Maikind. Ich gucke fragend. Naja, komplett dann doch nicht, eine Stunde Unterricht hatten sie. Der Rest war gefüllt mit Arbeitsaufträgen und Vertretungs- irgendwas. Morgen genau das gleiche. Bei ihr auch, sagt Julikind. Die Paralellklasse hatte Heimstudientag, deshalb war der halbe E-Kurs nicht da und deswegen haben sie eigentlich auch garnichts gemacht. Natürlich sollen Lehrkräfte krank zu Hause bleiben. Ich beschwer mich nicht, ich gebe nur zu Protokoll. In acht Wochen sind Abschlussprüfungen. Niemand erwartet mehr besondere Vorbereitung. Aber, dass der normale Unterricht nach Stundenplan stattfindet, zumindest in den Hauptfächern, das wäre vielleicht schon schön gewesen. Für Deutschland.

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Der Liebste hat was, schon länger. Nach mehreren Facharztterminen und einem MRT (inklusive 3 Stunden Autofahrt, die man in Kauf nehmen muss, wenn man einen Termin vor Ende Mai haben möchte) kam heraus: doch nicht. Kaum zu glauben, aber gut. Vorsichtig nimmt er den Alltag wieder auf. Eine Erschütterung beim e-bike fahren, bäm, ab in die Notaufnahme. Ergebnis: entweder wird jetzt alles von selber wieder gut, oder es ist eine OP nötig. Ruhig halten, Ibu nehmen, abwarten. Nachmittags nochmal zum Hausarzt, krank schreiben lassen. Stimmung im Keller. Der Rest der Familie nimmt intuitiv die alten Routinen wieder auf… nach drei Tagen Ruhe ganz vorsichtiger Optimismus.

Maikind war bei der Einstellungsuntersuchung, alles tutti, damit gilt der Ausbildungsvertrag. Freude und Entspannung. Julikind pubertiert. Märzkind ist Geburtstags-raschelig, was einerseits ja schön ist, weil man ziemlich sicher sagen kann, dass diese Party wirklich stattfinden wird, andererseits, hach, die letzten drei Wochen vor einem „Kindergeburtstag“ halt… Der Hund leidet mit dem Liebsten.

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Der Schreiner ruft an, sie sind mit einer Baustelle früher fertig als gedacht und könnten spontan, morgen früh um acht, die Fenster einbauen. Gerne. Die Kinder und ich rücken Möbel. Ein Anruf um 7.30 Uhr. Der Schreiner ist auch Bestatter und wird leider heute vormittag woanders gebraucht. Um ein paar Tage kommt es jetzt auch nicht mehr.

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Anfrage für eine Übernachtung in der Ferienwohnung, touristische Zwecke. Die Wohnung ist über Winter stillgelegt und auch nur noch auf einer Monteurseite zu finden. Ich wundere mich kurz, mache aber ein Angebot. Die Dame am Telefon schluckt und muss mir dann „aber ganz ehrlich mal sagen, da haben sie hier in der Gegend beim letzten Mal aber DEUTLICH! weniger bezahlt DEUTLICH! und da war Frühstück mit dabei“. Das muss schon länger her sein. Ich schmunzelei innerlich ein bisschen, erkläre kurz die Zusammensetzung des Preises, und mich bereit, ihr die Telefonnummer der Pension drei Häuser weiter zu geben. Da sind die Gegebenheiten vielleicht anders. Nein, das brauche ich nicht, sagt die Dame, die Pension sei ausgebucht, an dem betreffenden Wochenende. Aha. Wir sind hier aufm Dorf. Wenn es sich um nette Stammgäste der Pension handeln würde, hätte mich die Wirtin angerufen. Tja, dann, viel Erfolg, bei der Suche, sage ich. Reicht für diese Woche.

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Ich hätte dann gerne 18 Grad, blauen Himmel, fröhliche Menschen und keine besonderen Vorkommnisse in den nächsten Tagen.

Meilensteine und Situationen KW 5/6 2023

Sonnenschein! Herrlich. Ich hatte schon fast vergessen, wie blauer Himmel aussieht.

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Ich warte auf dem Beifahrersitz sitzend vorm TÜV, auf dem Armaturenbrett liegt eine Partytröte bereit. Märzkind klopft ans Fenster, ich soll rüber rutschen. Och nö. Nee, nee sie hat schon bestanden, sagt sie, aber den Fahrerlaubniszettel muss sie auf der Führerscheinstelle abholen. Es ist Freitag Mittag, zwölf Uhr. Dienstag abend erkundigt sich der Opa, wie es denn nun aussieht… ich hab keine aktuellen Informationen, gehe aber mal davon aus, dass sie den Zettel heute geholt hat…Märzkind kommt rein, ich übergebe das Telefon… „Jo, Opa, voll die scheiße ist das…“ Man braucht einen Termin. Wenn man die zur Terminvereinbarung angegebene Nummer anruft, landet man in einer Warteschleife, die länger dauert, als man sich im Schulalltag Zeit nehmen kann. Schrödingers Führerschein. Der Opa kümmert sich um einen Termin, ich fahre Freitag morgen extra ins Städtchen, folge dem fetten Schild, auf dem Führerscheinstelle steht, lese das kleine Schild an der verschlossenen Tür, auf dem „hier kein Eingang bitte Haupteingang nutzen“, gehe passiv aggressiv direkt über die Wiese, werde am Empfang, nennen wir es mal unhöflich begrüßt, und bekomme von dem anscheind zuständigen Mitarbeiter, der gerade durchs Foyer läuft und meinen Namen gehört hat den Zettel ausgehändigt. Die Tröte kam nicht zum Einsatz.

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Der Mitarbeiter, der mir den Zettel gegeben hat war auffallend freundlich. Zuvorkommend, könnte man fast sagen. Im rausgehen habe ich mitbekommen, wie er die zwei (dunkelhäutigen) wartenden jungen Männer angesprochen hat. Ich gehe mal davon aus, dass es da irgendeine Vorgeschichte gab. Das Freundlichkeitsgefälle war nämlich dermaßen krass, es könnte Rassismus gewesen sein. Auf jeden Fall war es unangemessen und ich hab mich im Namen des Landkreises geschämt.

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Als Wahlpflichtfächer hatte sie Kunst und Glück. Wie schön. Drei rührselige Sekunden gönne ich mir. Es ist das letzte Zeugnis, dass eine Muttiunterschrift braucht.

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Man darf wieder ohne Maske Bus fahren. Wer hätte gedacht, dass das mal nur eine Randnotiz im Alltag wird.

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Man hat bemerkt, dass mein Kind demnächst volljährig wird und würde deswegen gerne kein Kindergeld mehr zahlen. Es sei denn, das betreffende Kind besucht noch eine Schule oder macht eine Ausbildung. Dann müsste ich bitte diesen Antrag einreichen. Gerne. Äh? Die digitalisierte Form dieses Formulars besteht darin, dass ich es online ausfülle, ausdrucke, unterschreibe, und per Post schicke? Witzig. Ich fülle also die Papiere aus, die mir zugeschickt wurden. Habe ich für dieses Kind schon mal Kindergeld bekommen und wenn ja von wo? Ja, von euch ihr Heiopeis. Die Kindergeldnummer ist auf der Vorderseite des Formulars eingedruckt. Bürokratie bringt mich an nervliche Grenzen, diese Woche.

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Die Teilzeitnachbarin muss wieder nach Hause. Abflug in Frankfurt um 12.30 Uhr, damit sie sicher früh genug da ist muss sie um 6.05 Uhr am Zug sein. Ihre Mama soll im Dunkeln lieber kein Auto mehr fahren. Dass es hier morgens um halb sechs dunkel ist, hatte sie nicht bedacht, bei der Buchung, aber kein Problem, sie nimmt ein AS-Taxi, dachte sie. Zum Glück hat ihr die andere Nachbarin erzählt, dass man das im Voraus buchen muss. Vor sechs Uhr fährt nix, hat man ihr dann am Telefon gesagt. Tja, das war überraschend blöd, aber, weil die Situation nun mal ist wie sie ist, zahlt sie für die Reise was es kostet, in Australien sind gerade Sommerferien und Hauptsaison… nun hatte sie gedacht, wenn man bereit ist, für eine 15 km Fahrt über 40 Euro zu zahlen, darf man sich die Abfahrtszeit wünschen. Dem ist nicht so. Die Dame in der Taxizentrale hat gesagt, Freitag morgen kann sie eine Fahrt ins Städtchen um 5 Uhr anbieten, die kann sie nehmen oder nicht. Sie wird also eine dreiviertel Stunde Aufenthalt haben, am Bahnhof, das nächste mal fliegt sie wieder über Dubai, das ist einfacher, aber, was sie eigentlich sagen wollte, das Taxi wird vor unserem Haus halten. Ihr Haus ist von der Straße aus nicht zu sehen und sie wollte lieber nichts riskieren, nur dass wir bescheid wissen und uns nicht wundern. Überhaupt kein Problem. Morgens um fünf wundert mich nichts. Ein bisschen witzig ist es aber. Die Frau fliegt zweimal im Jahr um die halbe Welt, und das Abenteuer steckt in den paar Kilometern von hier bis ins Städtchen.

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De Omma sieht blass aus und ist insgesamt ein bisschen wackelig. Brombeergelee hat sie gekocht, heute, 24 Gläser von 6 Packungen Zucker, erfahre ich. Sie deutet auf den Küchenschrank. Tatsächlich. Da stehen die Gläser. Die Küche ist pikkobello aufgeräumt, nur der Entsafter steht noch auf dem Ofen. „Alles heute?“, ich bin beeindruckt, aber „wieso teilst du dir das denn nicht ein bisschen auf?“, frage ich, „heute zwei Ladungen, morgen zwei…?“ Die Oma guckt verwundert. Diese Möglichkeit ist ihr anscheind gar nicht eingefallen. Nee, nee, das habe sie sich vorgenommen und geschafft, sagt sie und ist ein bisschen stolz. Vorhin hat sie die Hühner reingelassen und auf dem Weg zurück zum Haus, da habe sie ganz kurz mal gedacht, vielleicht sei es doch ein bisschen zu viel gewesen, „aber jetzt geht es schon wieder“, sagt sie und beißt fröhlich in ihr Schinkenbrot.

Es war nicht vielleicht ein bisschen zu viel, sondern definitiv ziemlich. Am nächsten Morgen sind de Eltern leicht verhuscht. De Omma hatte morgens um vier angerufen, weil sie sich in einer Situation befand. Zum Glück nicht so schlimm wie befürchtet, aber aufregend war es doch. Ausnahmsweise wird sie heute nicht selber kochen, und, wenn wir ehrlich sind, den Rest der Woche wohl auch eher nicht. Mittagessen im Stile der frühen 60er Jahre, morgens um viertel nach elf – sowas kann von uns gar keiner. De Mudda improvisiert für heute und bestellt für die nächsten Tage Mittagessen im Nachbarort, ohne groß zu fragen. Wenn man den Namen des Nachbarorts so betont, dann meint man das dortige Seniorenheim. De Omma macht damit offiziell nicht mehr alles selber. Selbstverständlich nur diese Woche, sagt sie.

Chronisch krank sein ab mitte dreißig bietet einem die Chance, das „in Würde altern“ zu üben, stelle ich fest. Ich koche nie 6 Packungen Gelee an einem Tag.

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Die Honigkundin, der er einmal im Jahr einen Karton in den Keller trägt, hat jetzt einen Treppenlift, erzählt der Liebste. Total praktisch, das Ding. Einer beläd die Kiste im Keller mit Holz oder Eingewecktem, die andere nimmt es oben in Empfang. Niemand muss mehr irgendwas die hoch oder runter Treppe tragen. So machen wir das auch mal, später.

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Die Fenster, die in KW 45 eingebaut hätten werden sollen sind beim Schreiner angekommen. Sobald es 10°Grad hat werden die eingebaut. Juhu!

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Sonst war nix.

alltägliche Winterwoche KW4/2023

Sonntag morgen sind wir die ersten, die durch den verschneiten Wald spazieren. Aus Gründen. Es ist irgendwie doof kalt und trotz Schnee fühlt sich dieses Wetter grau an. So kann man aber mal sehen, was hier los ist, wenn keine Menschen unterwegs sind. Hasen können unheimlich weit hüpfen. Offensichtlich war er schneller als der Fuchs. Die kleinen Pfoten, vielleicht ein Eichhörnchen und die winzig kleinen, durch den Schnee gefrästen, das muss eine Maus gewesen sein. Neben uns murmelt ein Bach, normalerweise fließt da kein Wasser, aber es hat unheimlich viel geregnet, in den letzten zwei Wochen. Am Hang, ein Stückchen über uns aber kaum 10 Meter weit weg stehen zwei Rehe. „Samma, wollt ihr nicht weglaufen?“, fragt der Liebste in ihre Richtung. „Das sind doch immer die gleichen zwei“, sage ich, „wir sehen uns jeden morgen, irgendwo auf der Runde“. „Das ist ja wie bei Aschenbrödel, hier“, murmelt der Liebste.

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Schön, dass der noch fährt, denke ich Montag morgen, als ich zufällig um fünf Minuten vor acht den Schulbus am Haus vorbeifahren sehe. Da hätte es fast ein Muttitaxi gebraucht und – ich sags wies ist- dieser Montag kam plötzlich. Ich hab noch meine Schlafihose drunter.

Der Bus kommt jetzt später, erzählen die Blagen, irgendwas ist irgendwo gesperrt, die Schule weiß bescheid. Der Busfahrer hatte es durchgesagt, am Freitag, sie hatten das nur leider vergessen. Morgen gehen sie eine viertel Stunde später los. Abfahrt 7.55 Uhr, Fahrzeit etwa 15 Minuten, Unterrichtsbeginn 8 Uhr, mehrere Wochen. Es gab mal eine Zeit, da hätte die Schule die Eltern über sowas informiert und man hätte sich aufgeregt. Das ist lange her.

Märzkind braucht mit dem Bus morgens nur noch 20 Minuten bis zur Schule. Das AS-Taxi nach der achten Stunde fährt leider eine Schleife und braucht fast anderhalb Stunden.

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Der Hund liegt auf seiner Matte uns schläft. Gefühlt das erste mal seit zwei Wochen. Plötzlich wird mir bewusst, wie sehr mir das permanente Rumschleichen mit seufzendem Fiepen auf die Nerven gegangen ist. Er ist natürlich trotzdem mein Lieblingstier, aber die friedliche Stille ist erholsam. Gerade als ich den Gedanken zu Ende gedacht habe, kommt Maikind rein, setzt sich neben den Hundeschlafplatz. Wie schön das ist, ihn mal hier ratzen zu sehen, so ganz in Ruhe, sagt er, da hat man eine Sorge weniger, denn, wenn er ganz ehrlich sein soll, ist er ein bisschen aufgeregt, wegen seiner Prüfung….

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Jemanden früh morgens an einer Klinik abgesetzt, zwei Stunden später fröhlich Rest-sediert wieder abgeholt und einen halben Tag unter Beobachtung behalten.

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Ob er denn lieber von der Mama oder vom Papa zur Prüfung gefahren werden will, erkundigt sich der Liebste beim Maikind. Maikind sagt, dass sei ihm ehrlich scheißegal, Hauptsache er ist pünktlich da und muss vorher nicht mit Leuten reden. Alle anderen haben Unterricht in der Zeit, das heißt, in der Aula ist wahrscheinlich niemand, wir fahren also alle beide und Kickern eine Runde, während wir warten.

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Leute brauchen eigentlich viel weniger Weihnachts-Süßkram als Leute denken. Vier Wochen lang haben wir die selbst gekauften, geschenkt bekommenen und in anderen Haushalten übrig gewesenen Plätzchen, Lebkuchen, Weihnachtsmänner und sonstiges in Sternchenpapier verpacktes aufgegessen. Zum ersten Mal dieses Jahr steht Schokolade auf dem Einkaufszettel.

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Der Liebste hat Dienstjubiläum, ich bin auch eingeladen und freue mich. Das Essen schmeckt richtig gut, es gibt echte Servicekräfte, die Leute sind freundlich. Wenn mir vorher bewusst gewesen wäre, wer genau der Mann, der auf meiner anderen Seite Platz genommen hatte war, hätte ich mich vielleicht nicht so locker unterhalten. Der Chef vom Chef ist Fleischesser, Gladbach Fan und hat den ganzen Sommer versucht, einen Fischreiher, der zur Feierabendzeit über seinen Garten fliegt, zu fotografieren.

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Eigentlich konnte man an der Stimmlage der Durchsage schon merken, dass es keine Übung ist, sagt Märzkind, aber irgendwie sind doch alle davon ausgegangen. Dann kamen sehr schnell sehr viele Polizeiautos. Die Beamten alle in voller Montur und mit Hunden ins Gebäude… da haben ein paar Leute Nerven flattern bekommen. Die Lehrerin hat alle zum Rewe geleitet. Dort hat sie für die ganze Klasse Kekse geholt, von ihrem eigenen Geld, denn die meisten hatten ihre Geldbeutel garnicht dabei, „nur das allernötigste“, da nimmt man Jacke und Handy… Zwei Stunden hat es gedauert, dann durften sie zurück in die Schule. Es wurde nichts gefunden. Aber – es hat sich verdammt seltsam angefühlt wieder rein zu gehen. Bombendrohung hatten sie alle noch nie. Märzkind war mit der Organisation sehr zufrieden und hat sich insgesamt nur so mittel bedroht gefühlt. Ein herzliches Dankeschön an diese Lehrerin und natürlich an alle, die rein gegangen sind, als man noch dachte, es wäre ernst.

Der Glatteisregen-Tag

Der Liebste sieht die Elternchat-Nachricht als Erster und guckt mich fragend an. Wegen der Glatteisregen-Warnungen wird morgen kein Unterricht stattfinden, Weihnachts-Wandertag natürlich auch nicht. Von Glatteisregen weiß ich nichts, wir gucken die Spätnachrichten. Jo, da kommt Wetter, die Warnungen sind eindringlich, gut, dass er morgen frei hat. Maikind und Julikind freuen sich. Märzkind klickt sich ratlos von homepage zu hompage. Der Landrat bittet dringend darum, dass alle zu Hause bleiben, die allermeisten Schulen haben schon bekannt gegeben, dass morgen frei ist. Ihre nicht. Deutscharbeit morgen. Was tun? Abwarten.

Am nächsten morgen kurz vor sieben. Eigentlich wollte ich mit dem Hund bis an die Bank, der flitscht aber von der Treppe aus einmal quer durch die Einfahrt. Ich bewege mich vorsichtig bis zu den Mülltonnen, von da aus geht es bergab. Runter wäre überhaupt kein Problem aber, wie ich zurück kommen soll, ist mir ein Rätsel. Der Hund denkt, dieses Wetter wurde zu seinem Vergnügen aufgebaut. Er springt und schliddert fröhlich. Ausnahmsweise darf er in den Garten pullern, bis dahin kann man auch mit zwei Beinen einigermaßen gehen.

Drama gegen halb zehn. Die Schule des Märzkindes sagt, Glatteisregen-Warnungen enden um 11 Uhr, ab dann Präsenzpflicht oder Attest. Das ist ein Scherz, oder? Sonst fällt wegen jedem scheiß Unterricht aus. Märzkind muss diese Deutscharbeit eigentlich mitschreiben, die ist wichtig und nachschreiben wird nicht möglich sein, Weisheitszähne… Pluseinskind würde sie fahren, weil er es kann, sagt er. Der Liebste geht vor die Tür, checkt die Lage und sagt mit seiner Sicherheitsfachkraft-Stimme schlicht „Nein. Niemand sollte bei dem Wetter fahren.“ Ich rufe im Sekretariat an und teile mit, dass eine Teilnahme am Unterricht leider heute wegen der lebensgefährlichen Straßenverhältnisse nicht möglich sein wird. Und das ist kein bisschen gelogen.

Eine Klassenkameradin des Märzkindes kann die Schule theoretisch zu Fuss erreichen. Sie stürzt und verletzt sich. Die Klassenarbeit, die hätte geschrieben werden sollen, wird durch eine kleine Hausarbeit ersetzt. Es waren zu wenig Schüler anwesend. Abgabe bis Freitag. Da sind schon Ferien. Aber – hej – wenn Arbeitnehmer wegen höherer Gewalt ihre Jobs im Büro nicht erledigen können, machen sie die an Urlaubstagen zu Hause, ist doch so, oder?

Der Winterdienst fährt mit Schneeketten. Sonst ist stundenlang niemand unterwegs, noch nicht mal die Pflegedienste, und die kämpfen sich sonst bei jedem Wetter durch.

In jedem Raum ist jemand und ich hab sie auch wirklich alle lieb. Es wären allerdings noch Sachen zu erledigen gewesen, im ganzen Haus verteilt… und heute vormittag hätten eigentlich alle unterwegs sein sollen. Tja. Die Küche ist frei, Plätzchen backen stand auch auf der Liste. Lockdown-Modus.

Am späten Nachmittag schicke ich die Kinder mit dem Hund raus. Als sie wieder kommen ist die Stimmung völlig verändert. So richtig schön geschliddert sind sie, so schön, wenn man ehrlich ist, war es ein bisschen gefährlich, aber, das konnte man sich ja denken, deswegen hatten sie extra ihre Handys nicht mitgenommen, nicht dass da jemand drauf fällt, das war allerdings dann doch schade, weil, das ganze Eis, wunderschön, echt, man hätte tolle Fotos machen können.

KW 49/50 2022, Endspurt

Die anderen: Fahrschule, Vorstellungsgespräch, Einstellungstest mit anschließendem Vorstellungsgespräch, Klassenarbeiten (viele), Termin bei der Studienberatung, Klausurersatzleistungen, Abschlusspräsentation, Schichtplanänderungen

ich: das drumherum und den ganzen Rest

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Es ist noch garnicht richtig hell im Wald. Ein sanftes Nieselregen-Geräusch auf meiner Kapuze, Nebelschwaden wabern den Hang runter und „och guck, ein Steinbock“ sagt die innere Stimme. Äh, hier gibts gar keine Steinböcke. Im Advent lese ich immer was von Astrid Lindgren, Ronja Räubertochter dieses Jahr. Graugnome, Dunkeltrolle, an so einem morgen scheint alles möglich. Ich blinzele zweimal, der Nebelschwaden lichtet sich und da am Hang steht, völlig bewegungslos ein Mufflon-Bock. Real, aber leicht zu übersehen. Der Hund guckt mich fragend an. Alles gut, wir gehen weiter.

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Einlass um 16 Uhr steht auf den Eintrittskarten. Um 16.03 Uhr ergattern wir zwei der letzten etwa 20 freien Sitzplätze auf der Tribüne. Der Veranstalter bittet die Gäste freundlich, doch noch etwas zusammenzurücken, die Treppen müssen nämlich unbedingt frei bleiben. „Möchtest du noch irgendwas?“, frage ich Julikind. Letzte Chance. Nee, diese halbdurchgebackene Laugenstange ohne Salz eben, die habe ihr gereicht, sagt sie. Wir rücken zusammen, bis sich wirklich alle unwohl fühlen.

Sportakrobaten machen den Anfang, wow, das sieht alles aus, wie im Fernseh. Julikind und ich nicken voll Bewunderung. Danach folgen verschiedene Kinderturngruppen, die zu amerikanischen Weihnachtspartyliedern Purzelbäume machen und mit adventlichen Requisiten winken. Eine Gruppe fröhlich tanzender erwachsener Elfen animiert das Publikum zum mitklatschen. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen möchten. Gerade als ich beschließe, dass es wohl für alle am Besten wäre, ich gehe aufs Klo und schließe mich eine halbe Stunde ein, ist die Darbietung zu Ende. Der leicht frustierte, leuchtende Weihnachtsstern der hier durchs Programm führt betritt die Bühne. Ich seufze, so leise ich kann, aber, ganz ehrlich, das halte ich nicht noch eine Stunde lang aus. Immer wenn du denkst es geht nicht mehr…. „meine Güte, können die nicht wenigstens diesen Moderations-Stern weglassen?? Wie lange sollen wir hier denn noch so sitzen??“ In der Reihe über uns sitzt noch ein Grinch. Mein Hirn spielt „you never walk alone“.

Auftritt vom Märzkind war natürlich toll. Märzkind in bester Weihnachtsstimmung. Deswegen waren wir ja da. „Vielleicht können wir ja, wenn wir wieder wissen, wann Märzkind dran ist, im nächsten Jahr, einfach erst eine viertel Stunde vorher kommen“, schlägt Julikind auf dem Weg zum Auto vor. Ich bin ein bisschen gerührt.

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Es war als Veranstaltung geplant, wurde aber ein gemütliches Zusammensitzen. Ein schöner Nachmittag, angenehm adventlich, und das heißt was.

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Anscheind schläft niemand so richtig. Ich liege schon eine Stunde wach und man merkt dem Haus an, dass hier noch andere versuchen, niemanden zu stören. Dieser Vollmond wirkt riesig. Ein Super-Julmond, sagt das Internet. Jo, klingt so, als könnte man dabei nicht schlafen.

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Kalt ist es, auf einmal. Aber so richtig. Plötzlich fühlt es sich an, als könnte bald Weihnachten werden. Wir kratzen eine dicke Schicht Eis von der Flitschbimmel, der Autoinnenraum sieht aus, wie eine Eisköniginnenlandschaft. Das Christkind könnte mal eine Flasche Scheibenenteiser bringen, oder Katzenstreu für den Fussraum oder sowas.

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Leider noch keine Nachricht von den Fenstern, die in KW 45 eingebaut hätten werden sollen.

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Die erste Stunde sei ausgefallen, erzählt Maikind. Die vier, die heute morgen vor Verlassen des Hauses nicht auf den Vertretungsplan geguckt hatten und deswegen unnötig früh zum Unterricht erschienen sind haben sich aus Langeweile mal getestet. Ein Test hatte zwei Balken. Da haben sie alle erstmal doof geguckt und dann dem Klassenlehrer bescheid gesagt. Der hat einen zweiten Test ausgegeben. Wieder zwei Balken. Theoretisch hätte das Mädel bleiben dürfen, mit FFP2 aber, man hat sie gebeten, nach Hause zu fahren, und – natürlich nimmt man da Rücksicht, sagt Maikind und grinst. Drei positive in einer Woche. Der Lehrer, bei dem sie danach Unterricht gehabt hätten ist gerade Papa geworden, und wenn der jetzt Corona bekommen würde, dürfte er nicht ins Krankenhaus zu seiner Frau, da hat man natürlich auch Verständnis. Anzahl der stattgefundenen Unterrichtsstunden an diesem Tag: 1 Rekord. Ein trauriger, finde ich.

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Endlich, zum ersten Mal seit Wochen, sind alle aus dem Haus. Das ist die Gelegenheit, all die Päckchen, die ich immer nur angenommen und irgendwo hin versteckt habe zu öffnen, Inhalte zu sortieren und neu zu verpacken, weihnachtlich, mit Namen versehen, Bestimmungsorten zuzuordnen und wieder so zu verräumen, dass es so aussieht, als wäre nichts gewesen. Tadaa. „Kochst du noch garnicht?“, fragt das Kind, das zuerst nach Hause kommt. Nee, tatsächlich gerade nicht.

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Der Liebste fährt mit den Kindern ins Weihnachtsbaumgeschäft und gemeinsam finden sie den allerschönsten. Zum vierten Advent gibt es eine riesige Pute mit Knödeln und Rotkohl. Gut, dass wir sowieso keine Gans mögen. Da hat die Inflation derbe reingehauen, sagt der Liebste. Pute ist anscheind ein ganzjahres-Tier.

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Ferienvorfreude. Für echte weihnachts Vorfreude fehlt noch ein bisschen Ruhe. Die drei Tage schaffen wir noch.

Ein Geburtstag und ein Großstadtmoment

Die Omas, der Opa, die Patentante mehr Gäste kommen gar nicht. Die können alle so am Tisch sitzen, es braucht nur eine weitere Platte. Oder kommt man sich da doch zu nah? Ich weiß es nicht. Und ich hab auch eigentlich keine Lust mehr, über sowas nachzudenken. Wir feiern jetzt so und fertig. Man merkt, dass es für einige Gäste ungewohnt ist, mit so vielen Leuten am Tisch zu sitzen, aber schön.

Ich altere mehr an den Geburtstagen der Kinder, als meinen eigenen. 17 Jahre, meine Güte. Diese verkleinerten Familienfeiern gefallen mir gut. Damals, als zu solchen Anlässen 26 Leute im Haus waren, habe ich alle nur im Vorbeigehen gesehen. Da war keine Zeit für Gespräche. Das Möbel rücken vermisse ich auch nicht.


Julikind und ich machen Frühstücks-Pause auf dem Bahnhofsvorplatz. Nach drei Stunden im Zug und anderthalb Stunden in einer Arztpraxis einfach mal ohne Maske atmen – herrlich. Obwohl, „es stinkt irgendwie“, sagt Julikind. Stimmt. Und es ziemlich laut, ohne das man die Lautstärke irgendwas Bestimmtem zuordnen kann. „Die Menschen sind so schön hier“, sagt Julikind. Stimmt auch. Im Wartezimmer saß mir eine Frau gegenüber, die sah in Leggins und T-Shirt schick aus. Sowas gibt es bei uns nicht. „Guck mal“, sagt Julikind, „diese Zug-Busse fahren da einfach mitten durch“. „Das ist eine Straßenbahn“, sage ich. „Ach, das ist eine Straßenbahn?“ „Jo“, sage ich. Auf der Rückfahrt winkt Julikind den Hochhäusern, solche Hochhäuser hat sie noch gesehen. Der Tag in der Großstadt war interressant, aber man kann sich eigentlich nicht vorstellen, dass es Leute gibt, die da wohnen wollen, sagt sie. Je weiter wir Richtung Heimat fahren, desto schöner wird der Blick aus dem Zugfenster. Wir sind Dorfkinder durch und durch, machste nix dran.

Abends bei der letzten kleinen Hunderunde höre ich die Rehe im Wald – ziemlich laut.


Morgens nach dem Aufstehen im Kopf die dringenden Tagesaufgeben durchzugehen, und festzustellen, dass es möglich ist, alles in den folgenden 17 wachen Stunden zu schaffen, es ist ein großartiges Gefühl. Wenn da zwischendurch sogar noch Zeit für eine Pause bleibt… Der Liebste und ich sitzen auf der Treppe vor dem Haus, trinken ganz in Ruhe einen Kaffee und können es kaum glauben. Wie Urlaub.

So könnte das gerne mal eine Weile sein jetzt.

Zwischen Krieg und Sahnetorte

Halb drei, von was bin ich denn wach geworden? Sirenengeheul. Muss ich was? Nein, das kommt aus dem Nachbarort, wenn es hier wäre, wäre es viel lauter. Ich schlafe sofort wieder ein und bin mir am nächsten morgen gar nicht sicher, ob das wirklich passiert ist. Eigentlich werde ich von entferntem Sirenengeheul nicht wach. Hier ist niemand in der Feuerwehr. Es muss an der Nachrichtenlage gelegen haben. ( Es war ein Verkehrsunfall, einer von der Art, wo man hofft, nie Ersthelfer zu werden.)

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Strahlender Sonnenschein und fröhliches Kinder-Gewusel auf dem Hof. Maikind gibt eine Übernachtungsparty in der Ferienwohnung. Alle seine Kumpel sind gesund, Ferienwohnungs-Gäste kommen erst nächste Woche, die ersten dieses Jahr, aber das nur am Rande, war ja sowieso kein Winter, jedenfalls ist die Gelegenheit günstig, man nutzt sie lieber, wer weiß, was als nächstes kommt. Julikind hat Besuch von einer Freundin, die beiden gehen ins Dorf.

Ich lese die Nachrichten. Männer zwischen 18 und 60 dürfen nicht aus der Ukraine ausreisen. Das Pluseinskind wird im Herbst 18. Märzkind gehört zu den Jüngsten dieses Jahrgangs. Wir kennen viele, die dieses Jahr 18 werden. Wehrfähige Männer? Die hab ich doch neulich erst vom Kindergeburtstag nach Hause gefahren. Es fühlt sich komisch an. Cyberangriffe auf Deutschland scheinen möglich, man möge sich vorbereiten. Bitte? Wie soll ich mich denn auf einen Cyberangriff vorbereiten? Ich kann noch nicht mal das W-Lan Passwort ändern. Vielleicht sollten wir den Trinkwasservorrat aufstocken, die Autos volltanken? Julikind steckt den Kopf zur Tür rein: „Wir hatten doch noch Kreide, oder nicht? Wo isn die?“ Sie wollen Mariokart mit den Longboards spielen und müssten mal die Strecke markieren. Die Welt vor meinen Augen passt so gar nicht mit der in meinem Kopf zusammen gerade, es ist irgendwie anstrengend.

Märzkind sitzt neben mir am Tisch und bastelt ihre Geburtstagseinladungen. Eigentlich müsste sie einen Praktikumsbericht schreiben, aber das ist erstmal wichtiger. „Soll ich dir mal ganz ehrlich was sagen? Ich hab überhaupt keinen Bock mehr auf diese Scheiße“, sage ich und deute auf den Bildschirm. „Soll ich dir mal was sagen? Ich hab schon seit zwei Jahren keinen Bock mehr auf die Scheiße“, sagt Märzkind, beiläufig, beim Glitzerblumen kleben, „und Mama, weißte, ganz ehrlich, ich glaube, man kann sich auch nicht um jeden Scheiß kümmern“. Wahre Worte.

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Montag muss der Kuchen bei der Omma geholt werden. Der Fernseher läuft, das ist ungewöhnlich, am Nachmittag. Sie wirkt ein bisschen verhuscht. Auf dem Tisch stehen zwei riesige Behälter mit Brombeeren. Die tauen gerade auf, morgen will sie Gelee kochen. Das sieht nach Arbeit aus. Tja, nun, sagt sie, im Sommer hat sie das nicht geschafft. Smalltalk. Heute waren die Kinder nicht in der Schule. Es wäre Rosenmontag gewesen, der ist aber abgesagt, wegen Corona. „Ach, ja, Corona, aber damit sei es doch jetzt besser, oder nicht?“, erkundigt sie sich. „Ja“, sage ich, „besser schon, aber gut immernoch nicht“. „Und jetzt machen sie wieder Krieg“, sagt de Omma, mehr zu sich selbst und hat den gleichen Blick dabei, wie die Kinder im Fernseh. Sie ist 1932 geboren. Ich weiß nicht, was ich sagen soll.

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Diesel kostet 1,63 Euro/Liter. Nützt nix, der Liebste muss an die Arbeit. Einmal schwer geschluckt und vollgetankt. Zwei Tage später, Schnäppchengefühl. Diesel kostet 1,93 Euro/Liter.

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„Och nö, jetzt geht das wieder los“, sagt der Liebste bei der Hunderunde. Ich grinse vor mich hin. Feldlerchen klingen nach Sommer und stören mich überhaupt nicht.

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Der Fuss muss wieder in der Chirurgie vorgestellt werden. Die engen Skischuhe waren hatten leider üble Nachwirkungen. In der Praxis ist es ein bisschen wuselig. Es wird gesammelt. Ich komme mit der Arzthelferin ins Gespräch. Ihr Mann ist Ukrainer und hat Kontakte. Er wird am Freitag einen LKW voll laden und bis an die Ukrainische Grenze fahren, dort kommen Bekannte und übernehmen die Verteilung. „Irgendwas muss man ja machen“, sagt sie. Sie selbst ist Russin. Ihre Familie in Russland wohnt eher ländlich, die hatten von der ganzen Sache noch garnichts mitbekommen, sagt sie. Aber eine Freundin in der Ukraine ist morgens um halb fünf wach geworden, von Geräuschen, die sie für Feuerwerk hielt.

Das ist der Moment in dem mir klar wird, dass ich eigentlich kein Problem habe. Ich weiß alle meinen Lieben in Sicherheit, und so Verbandszeug, wie hier gesammelt wird, haben wir noch nie gebraucht. Wir spenden Bargeld. Der LKW muss ja tanken, und wenn der Fahrer sich davon einen Kaffee holt, wär das für mich auch OK. Wir gehen mit dem Gefühl, irgendwas getan zu haben.

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Ein Anruf auf dem Festnetz. Die Anruferin erkundigt sich, wie es uns so geht, ich wundere mich. „Ähm, gut, soweit“, sage ich. Abgesehen von den gesundheitlichen Nachwirkungen der letzten Wochen und der allgemeinen Gesamtsituation, denke ich. Smalltalk. Ob denn der Liebste zu Hause sei? Nein, der hat Schicht. Tja, es gäbe da ein Problem das bis spätestens morgen vormittag gelöst werden müsse, sie hatte gedacht, der Liebste könnte da, eventuell mit einem Bekannten, mal gerade… aber wenn der jetzt auf Schicht ist… und uns geht es allen wieder gut? Ich ahne, worauf das hinaus laufen soll. Da muss sie mal versuchen, den Liebsten auf dem Handy zu erreichen, denn ich weiß leider gar nicht, welche Schicht er morgen hat, Wechselschicht-Wochen. Vielleicht könnte ich ja den Bekannten schon mal… ? Nee, da kann der Liebste dann selber, wenn denn dann. Ja dann… liebe Grüße.

Das war leichter als gedacht. Leben an der Kapazitätsgrenze eröffnet neue Möglichkeiten.

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Ob ich vielleicht zur Konfirmation eine Torte backen würde? Ja sicher, gerne. Ich habe in den letzen drei Jahren über dreißig Torten geschenkt bekommen, da muss ich dringend wieder welche ans Universum zurück geben. Was wird denn gewünscht? Diese SchokoMokkaKaramelltorte vom Geburtstag wäre super. Oh ha. Die hatte ich aus verschiedenen Rezepten zusammengebastelt und anscheind hatte ich nicht damit gerechnet, dass es eine Neuauflage geben würde. Ich hab nichts aufgeschrieben. Herausforderung angenommen.

Alles gut, oder so

Ein Pfosten stand schief, das hatten wir bei der Hunderunde gesehen. Das Kabel, wodurch unser Internet kommt war mit Seil an einem umgefallenen Baum angeleint, damit es nicht über den Waldweg hängt. Wir sind davon ausgegangen, dass diese Konstruktion den Sturm auf keinen Fall überstehen würde, und waren gewappnet. Aber, entweder wurde das schon repariert oder es hat so gehalten. Und nicht nur das, der Distanzunterricht hat wahrhaftig funktioniert. Der ganze Schultag online, das hatten wir noch nie, stellen wir fest, beim Mittagessen. Märzkind hat Rückenschmerzen und diesen leicht entrückten Blick, vom vielen Bildschirm gucken. Beim Julikind haben auch beide Distanzstunden auf Anhieb funktioniert. Maikind hat sowieso kaum Unterricht im Moment. Da machen zwei Tage ohne Schule keinen großen Unterschied.

„Nooaargh, süß“, sagt Maikind beim Blick in den Nudeltopf. Wir essen zu viert, es sieht tatsächlich wenig aus, in dem großen Topf. 10 Minuten später ist alles weg. 700g Nudeln waren das. Ich hatte eine Kinderportion. Die Blagen nehmen das Geschirr mit in die Küche und gehen alle nochmal an der Schnuck-Schublade vorbei. Ich hatte schon vergessen, welche Mengen an Proviant homeschooling erfordert.


Der Sturm hatte es tatsächlich in sich. Man konnte die Böen durchs Tal anrollen hören. Sehr beeindruckend. Kurt, der AS-Taxi-Fahrer dem kein Wetter etwas ausmacht, ist auf der langen Gerade kurz vorm Städtchen 60 gefahren, sagt Märzkind. Das heißt was, da gehen locker 100. Jo, das war krass, sagt Maikind. Er hat zu der Zeit mit einem Kumpel telefoniert, der lag im Garten auf dem Trampolin und man konnte im Wald hinter dem Haus Bäume umknicken hören. Da muss ich kurz mal Luft holen. „Das war gefährlich. Echt jetzt, bei Orkan sollte man nicht auf dem Trampolin im Garten sein“, erkläre ich. „Oh“, sagt Maikind. Man kann die Erkenntnis in seinem Gesicht sehen. Wer in den letzten zwei Jahren schulpflichtig war, ist an Warnungen und Lebensgefahr gewöhnt.

Wir haben ein Stück Dachrinne gewonnen, beim Sturmwichteln. Außerdem mehrere Styroporteile und ein Päckchen Tabak. Wohin die Dachrinne gehört weiß ich, die hatten wir schon öfter. Der Rest ist Müll.


Eine Hunderunde durch Schneegestöber und Wind. Ich hatte gedacht, wir machen Frühling.


Elternbrief von der Schule, ab 7. März dürfen die Kinder wieder ohne Maske im Unterricht sitzen. Das ist schön. Warum die aber immernoch mit Maske über die Flure laufen müssen, wenn man in anderen Teilen des Landes Straßenkarneval feiern darf, verstehe ich nicht.

Es gebe außerdem gerade eine TikTok-Challenge, in der man das Schulklo demoliert. Man bittet die Eltern, mit ihren Kinder darüber zu reden, dass man Schulklos nicht anstecken darf, und wenn man schon dabei ist, möge man auch gleich den Medienkonsum und die Auswirkungen auf den Alltag unbeteiligter Dritter mal ansprechen. Da war ich der Zeit voraus. Sowohl Tiktok als auch das zündeln auf Schultoiletten sind bei uns verboten.


Meine Klamotten passen wieder. Ich freue mich. Sieben Kilo waren in den homeschooling Lockdowns dazu gekommen. Nach distanziertem Advent, Corona und Zahnbaustelle liege ich wieder im Wohlfühlgewichts-Bereich. Abgehakt. Uffpasse jetzt.


Der Triathlet kommt zu Besuch. Weihnachten haben wir uns zuletzt gesehen. Wie gehts denn? Sie sind immernoch negativ, rechnen aber täglich mit dem Einschlag. Eine Alpenüberquerung ist gebucht, für dieses Jahr. Natürlich nicht E5, E5 ist völlig überlaufen. Sie nehmen die Route vom Alpenverein, die ist anspruchvoller, deswegen ist entsprechend weniger los. Bei euch so? Jo, ich war heute morgen eine Stunde mit dem Hund, hab eine Stunde geputzt, gekocht und mich dann mit einem Gefühl von „mehr geht nicht“ aufs Sofa gesetzt. Ich würde sagen, gut.

Eventuell hat sich meine Definiton von „gut“ etwas verändert.


Nach dem Sturm sind wir an allen Bienenständen vorbei gefahren. Vier Völker sind hinüber. Es sind die Völker, die das Futter nicht gut abgenommen hatten. Wahrscheinlich war da im Herbst schon irgendwas nicht richtig. Statistisch gesehen ist das normal. Schade ist es trotzdem, und ein Schaden, wenn man das wirtschaftlich sehen wollen würde.

Der Laden für Imkereibedarf schließt. Wir machen eine Einkaufsliste fürs ganze Jahr. Vielleicht bekommen wir noch was im Ausverkauf, alles andere muss bestellt werden. Im Kopf stapeln wir Honigkartons und Futterkanister. Die Lagerkapazität ist begrenzt. Andererseits, wenn die Lieferkette hängt, wäre haben besser als brauchen, die Frage ist nur wieviel von was. Es gibt keine normalen Jahre mehr. Entweder ist es knallheiß ab April oder es schneit noch im Mai.


Ich habe meinen Nachrichtenkonsum auf einmal am Tag beschränkt. Grusel-Gänsehaut beim Lesen: Russland greift die Ukraine an. Das hatte ich tatsächlich für so unwahrscheinlich gehalten, dass ich den Teil immer nur überflogen hab. Keine Ahnung was das bedeutet. Ich hoffe man wird am Ende des Jahres nicht sagen, weißte noch, damals, im Januar und Februar, als wir Corona hatten, das war ne gute Zeit.