Zwischen Krieg und Sahnetorte

Halb drei, von was bin ich denn wach geworden? Sirenengeheul. Muss ich was? Nein, das kommt aus dem Nachbarort, wenn es hier wäre, wäre es viel lauter. Ich schlafe sofort wieder ein und bin mir am nächsten morgen gar nicht sicher, ob das wirklich passiert ist. Eigentlich werde ich von entferntem Sirenengeheul nicht wach. Hier ist niemand in der Feuerwehr. Es muss an der Nachrichtenlage gelegen haben. ( Es war ein Verkehrsunfall, einer von der Art, wo man hofft, nie Ersthelfer zu werden.)

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Strahlender Sonnenschein und fröhliches Kinder-Gewusel auf dem Hof. Maikind gibt eine Übernachtungsparty in der Ferienwohnung. Alle seine Kumpel sind gesund, Ferienwohnungs-Gäste kommen erst nächste Woche, die ersten dieses Jahr, aber das nur am Rande, war ja sowieso kein Winter, jedenfalls ist die Gelegenheit günstig, man nutzt sie lieber, wer weiß, was als nächstes kommt. Julikind hat Besuch von einer Freundin, die beiden gehen ins Dorf.

Ich lese die Nachrichten. Männer zwischen 18 und 60 dürfen nicht aus der Ukraine ausreisen. Das Pluseinskind wird im Herbst 18. Märzkind gehört zu den Jüngsten dieses Jahrgangs. Wir kennen viele, die dieses Jahr 18 werden. Wehrfähige Männer? Die hab ich doch neulich erst vom Kindergeburtstag nach Hause gefahren. Es fühlt sich komisch an. Cyberangriffe auf Deutschland scheinen möglich, man möge sich vorbereiten. Bitte? Wie soll ich mich denn auf einen Cyberangriff vorbereiten? Ich kann noch nicht mal das W-Lan Passwort ändern. Vielleicht sollten wir den Trinkwasservorrat aufstocken, die Autos volltanken? Julikind steckt den Kopf zur Tür rein: „Wir hatten doch noch Kreide, oder nicht? Wo isn die?“ Sie wollen Mariokart mit den Longboards spielen und müssten mal die Strecke markieren. Die Welt vor meinen Augen passt so gar nicht mit der in meinem Kopf zusammen gerade, es ist irgendwie anstrengend.

Märzkind sitzt neben mir am Tisch und bastelt ihre Geburtstagseinladungen. Eigentlich müsste sie einen Praktikumsbericht schreiben, aber das ist erstmal wichtiger. „Soll ich dir mal ganz ehrlich was sagen? Ich hab überhaupt keinen Bock mehr auf diese Scheiße“, sage ich und deute auf den Bildschirm. „Soll ich dir mal was sagen? Ich hab schon seit zwei Jahren keinen Bock mehr auf die Scheiße“, sagt Märzkind, beiläufig, beim Glitzerblumen kleben, „und Mama, weißte, ganz ehrlich, ich glaube, man kann sich auch nicht um jeden Scheiß kümmern“. Wahre Worte.

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Montag muss der Kuchen bei der Omma geholt werden. Der Fernseher läuft, das ist ungewöhnlich, am Nachmittag. Sie wirkt ein bisschen verhuscht. Auf dem Tisch stehen zwei riesige Behälter mit Brombeeren. Die tauen gerade auf, morgen will sie Gelee kochen. Das sieht nach Arbeit aus. Tja, nun, sagt sie, im Sommer hat sie das nicht geschafft. Smalltalk. Heute waren die Kinder nicht in der Schule. Es wäre Rosenmontag gewesen, der ist aber abgesagt, wegen Corona. „Ach, ja, Corona, aber damit sei es doch jetzt besser, oder nicht?“, erkundigt sie sich. „Ja“, sage ich, „besser schon, aber gut immernoch nicht“. „Und jetzt machen sie wieder Krieg“, sagt de Omma, mehr zu sich selbst und hat den gleichen Blick dabei, wie die Kinder im Fernseh. Sie ist 1932 geboren. Ich weiß nicht, was ich sagen soll.

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Diesel kostet 1,63 Euro/Liter. Nützt nix, der Liebste muss an die Arbeit. Einmal schwer geschluckt und vollgetankt. Zwei Tage später, Schnäppchengefühl. Diesel kostet 1,93 Euro/Liter.

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„Och nö, jetzt geht das wieder los“, sagt der Liebste bei der Hunderunde. Ich grinse vor mich hin. Feldlerchen klingen nach Sommer und stören mich überhaupt nicht.

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Der Fuss muss wieder in der Chirurgie vorgestellt werden. Die engen Skischuhe waren hatten leider üble Nachwirkungen. In der Praxis ist es ein bisschen wuselig. Es wird gesammelt. Ich komme mit der Arzthelferin ins Gespräch. Ihr Mann ist Ukrainer und hat Kontakte. Er wird am Freitag einen LKW voll laden und bis an die Ukrainische Grenze fahren, dort kommen Bekannte und übernehmen die Verteilung. „Irgendwas muss man ja machen“, sagt sie. Sie selbst ist Russin. Ihre Familie in Russland wohnt eher ländlich, die hatten von der ganzen Sache noch garnichts mitbekommen, sagt sie. Aber eine Freundin in der Ukraine ist morgens um halb fünf wach geworden, von Geräuschen, die sie für Feuerwerk hielt.

Das ist der Moment in dem mir klar wird, dass ich eigentlich kein Problem habe. Ich weiß alle meinen Lieben in Sicherheit, und so Verbandszeug, wie hier gesammelt wird, haben wir noch nie gebraucht. Wir spenden Bargeld. Der LKW muss ja tanken, und wenn der Fahrer sich davon einen Kaffee holt, wär das für mich auch OK. Wir gehen mit dem Gefühl, irgendwas getan zu haben.

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Ein Anruf auf dem Festnetz. Die Anruferin erkundigt sich, wie es uns so geht, ich wundere mich. „Ähm, gut, soweit“, sage ich. Abgesehen von den gesundheitlichen Nachwirkungen der letzten Wochen und der allgemeinen Gesamtsituation, denke ich. Smalltalk. Ob denn der Liebste zu Hause sei? Nein, der hat Schicht. Tja, es gäbe da ein Problem das bis spätestens morgen vormittag gelöst werden müsse, sie hatte gedacht, der Liebste könnte da, eventuell mit einem Bekannten, mal gerade… aber wenn der jetzt auf Schicht ist… und uns geht es allen wieder gut? Ich ahne, worauf das hinaus laufen soll. Da muss sie mal versuchen, den Liebsten auf dem Handy zu erreichen, denn ich weiß leider gar nicht, welche Schicht er morgen hat, Wechselschicht-Wochen. Vielleicht könnte ich ja den Bekannten schon mal… ? Nee, da kann der Liebste dann selber, wenn denn dann. Ja dann… liebe Grüße.

Das war leichter als gedacht. Leben an der Kapazitätsgrenze eröffnet neue Möglichkeiten.

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Ob ich vielleicht zur Konfirmation eine Torte backen würde? Ja sicher, gerne. Ich habe in den letzen drei Jahren über dreißig Torten geschenkt bekommen, da muss ich dringend wieder welche ans Universum zurück geben. Was wird denn gewünscht? Diese SchokoMokkaKaramelltorte vom Geburtstag wäre super. Oh ha. Die hatte ich aus verschiedenen Rezepten zusammengebastelt und anscheind hatte ich nicht damit gerechnet, dass es eine Neuauflage geben würde. Ich hab nichts aufgeschrieben. Herausforderung angenommen.

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