Wahnsinn, ganz normaler

Alle drei Kinder waren an allen fünf Wochentagen in der Schule bzw. im Praktikum. Das hatten wir in diesem Jahr so noch nicht.


Ich stelle fest, das ich unbedingt mal wieder zum Frisör muss, dann lese ich beim Frühstück einen Artikel über ukrainische Frauen im Krieg. Ein rausgewachsener Haarschnitt ist ein banales Luxusproblem. Andererseits feiern wir nächste Woche Geburtstag – während gar nicht mal so weit weg von hier Bomben fallen. Es ist gerade kompliziert in meinem Kopf. Ich mache einen Frisörtermin. Das Städtchen hat ukrainische Flaggen gehisst. Och guck, das hätten wir rückblickend vielleicht besser schon mit der syrischen Flagge gemacht, vor zehn Jahren, denke ich, im Vorbeifahren.


Da bin ich aber froh, dass ich direkt nach der Quarantäne die Vorräte wieder aufgefüllt hatte. Mehl ist ausverkauft. Märzkind sagt, die Physiofrau hat erzählt, in der Nachbargemeinde gibts nicht nur kein Mehl, da fehlen sämtliche Corona-Klassiker in den Regalen: Hefe, Nudeln, Klopapier und jetzt neu, Speiseöl. Boar nee, nicht das wieder.


Ein Termin in Frankfurt, morgens um elf, wir würden die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen wollen. Das Kind kann mit dem Hessenticket fahren, ich brauche eine Fahrkarte. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, zu verschiedenen Preisen. Die Fahrzeiten unterscheiden sich aber nur um zwanzig Minuten. Nach einer halben Stunde Internetrecherche und einem Gespräch am Servicecenter entscheide ich mich für Plan C. Wir werden in den Zug einsteigen, und mangels Automat am Dorfbahnhof, ein Ticket bei der Zugbegleitung kaufen für was auch immer verfügbar ist und zahlen was es kostet. Und wenn das Kind bis dahin doch positiv ist, dann nicht.


Wir hatten verschiedene Wege durchs Städtchen und treffen uns beim Optiker. Eigentlich brauchte der Liebste nur Kontaktlinsen aber, seufzend zeigt er mir ein Etui. Vor diesem Tag hat er sich lange gefürchtet, mitfühlend streiche ich ihm über den Arm. Tja, nun sind wir ja nicht nur verheiratet, sondern auch befreundet. „Samma, kennst du diese Meilensteinkarten, mit denen man kleine Kinder fotografiert?“, frage ich. „Hä?“ sagt er. „kleine Schilder halt, da steht drauf *heute bin ich die ersten Schritte gelaufen* oder so“. Er zieht die Augenbrauen so zusammen. Ich grinse. „Wenn wir gleich zu Hause sind, dann bastle ich dir eins, *meine erste Lesebrille* und dann machen wir ein Foto…“ Er piekst mich in die Seite, ich quieke und rutsche fast vom Stuhl vor lachen. Dann kommt die Optikerin mit meiner frisch gerichteten Brille aus der Werkstatt und wir benehmen uns ganz schnell wieder wie Erwachsene im Lesebrillenalter.


Seit letzter Woche dürfen die Kinder im Unterricht am Platz die Maske abnehmen. Das war schön, weil sie dann nachmittags wacher und fröhlicher sind. Leider ist diese kleine Lockerung ganz gewaltig eingeschlagen. In der Klasse des Maikinds sind sie aktuell zu zwölft. Eltern dürfen entscheiden, ob sie die Kinder schicken, da gäbe es gerade eine Ausnahme, sagt Maikind. Nix. Er ist geboostert und genesen, wenn irgendwer gehen kann dann er, sage ich. Ein Seufzer, das hatte er sich schon gedacht. In der Klasse des Julikinds sind sie noch neun. Statt ganz ohne Maske sitzen wieder alle mit FFP2. Ich bin mir ziemlich sicher, dass man sich das nicht zweimal innerhalb von 8 Wochen einfängt. Aber diese bange halbe Stunde Montags, Mittwochs, Freitags ab 8.20 Uhr, sie ist wieder da.

Wenn alle anderen in Quarantäne sind, das ist fast so doof, als wäre man es selber. Julikind telefoniert jeden Nachmittag alle ihre Freundinnen ab. Das Kinder Corona bekommen, ohne es zu bemerken ist Quatsch.


Maikind hat so gar keine Lust auf Nachmittagsunterricht. Das der tatsächlich dreimal hintereinander statt findet ist eigentlich unzumutbar. Aber es gibt eine gute Nachricht. Die Dönerbude im Städtchen liefert bis an die Dorf- Schule. Wenn man da anruft, mittags, und sagt „bitte 6 Döner mit doppelt Fleisch und 3 Familien-Pizzen in den Ortsteil“, dann fragen die garnicht mehr wohin, die sind einfach eine halbe Stunde später da. Service der begeistert. Anscheind vermisst niemand die Schulcafeteria. Ich stelle mir eine Gruppe Jungs vor, alle ungefähr 1,80m groß und 65kg schwer, wie sie sich freuen, wenn das Dönerauto vorfährt. Sind bestimmt schöne Bilder. Man könnte ein Schild aufstellen, Fütterung der Teenager um 13.40 Uhr

KW 10/2022

Die gute Nachricht ist, mein Hirn findet allmählich wieder in den Normalbetrieb zurück. Ich kann wieder mehr Sachen denken und wahrnehmen als zur Aufrechterhaltung des Betriebes hier zwingend notwendig ist. Es fühlt sich gut an und ich freu mich. Die schlechte Nachricht ist, ich sehe jetzt, was im Haus so alles liegen geblieben und in der Welt passiert ist, während dieser 6 intelligenzgeminderten Wochen.


Ich fahre schon eine ganze Weile nur 90 km/h auf Landstraßen. Erstens weil mein Auto eine Flitschbimmel ist, zweitens wegen Weltrettung. Ich werde oft überholt, normalerweise. Seit neustem nicht mehr. Der Liebste berichtet, er sei auf der Bundesstraße 80 gefahren, in Kolonne, mit den LKW. Niemand überholt, niemand drängelt. Nimm das, Putin! Ganz nebenbei fällt mal auf, wie entspannt man Auto fahren kann. Und länger dauert es eigentlich auch nicht.

Spontan an der Tanke gehalten, es war eigentlich noch halb voll, aber 2,06 Euro der Liter, mensch, so ein Schnäppchen lässt man nicht liegen. Hätte mir das vor vier Wochen jemand erzählt…

Mit dem Hund ins Feld fahren um dort spazieren zu gehen, eigentlich geht das garnicht mehr. Wir machen es trotzdem. Auto fahren ist unser Urlaub dieses Jahr.


Es gibt wieder Anlässe und somit auch Bedarf für Sachen, die nicht Lebensmittel sind. Die Fussgängerzone im Nachbarstädtchen hat sich verändert, aber nicht zum Schlechten. Der Liebste und ich arbeiten eine Geschenke-Einkaufsliste ab. Ich weiß ehrlich nicht, wann ich zuletzt in so vielen verschiedenen Läden war. Zwischendrin gab es das erste Eis der Saison. Mal was anderes zu sehen hat richtig gut getan.


Es kraschpelt auf dem Flur, Blick auf den Wecker, halb eins. Vor drei hatte ich nicht mit Gekraschpel auf dem Flur gerechnet, lieber mal gucken. Märzkind ist im Bad. „Seid ihr rausgeflogen?“, frage ich. „Nee, garnicht erst reingekommen.“ Oh. Heute war erster Öffnungstag der Discos nach Corona. Sie hatte sich Hin- und Rückfahrt und die Unterschrift einer anwesenden volljährigen Person organisiert (damit darf bis nach Mitternacht). Geöffnet wurde um neun. Um zehn nach neun waren sie da. Viel zu spät, da ging die Schlange schon bis an die Straße. Drei Stunden haben sie angestanden, als sie einen Meter vor der Eingangstreppe waren, durfte niemand mehr rein, wegen zu voll. Man hätte natürlich warten können, bis die 14-jährigen um Mitternacht rausgefiltert werden, aber – sie waren so durchgefroren, dass sie keine Lust mehr hatten. Das ist scheiße. Aber jeder steht irgendwann mal vorm Utopia und kommt nicht rein. Das ist Teil der Magie dieser Dorf-Disco.

Am darauffolgenden Nachmittag, fröhlicher Gesang und lachende Teenager auf dem Flur. Es gibt wieder was zu erzählen. Die drin-Gewesenen tauschen auf allen Kanälen Geschichten mit den draußen-Gestandenen. Das Mutterherz bekommt eine Ahnung davon, was gefehlt hat, in den letzten zwei Jahren. Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen möchte.


De Omma muss zum Arzt. Um elf klingele ich an ihrer Tür. Die wird sofort und schwungvoll geöffnet. De Omma hat die Jacke schon an, die Handtasche über der Schulter und wirkt ziemlich durch den Wind. Was denn los ist, frage ich. Sie dachte ich komme ich nicht. „Wir hatten doch gesagt, wir fahren um halb elf.“ Der Termin ist um viertel vor zwölf. Von der Haustür bis zum Parkplatz vor der Arztpraxis brauchen wir zwanzig Minuten. „Nee, Omma, du hattest gesagt, wir fahren um halb elf. Ich hatte gesagt, ich komme um elf. Es ist elf.“ Sie ist schon auf halbem Weg zum Auto. Anschnallen bitte, soviel Zeit ist noch. Ach so ja, anschnallen, ach, das geht eigentlich nicht. Ihre Hände zittern. Doch, doch, geht das. Ich helfe ihr. Sie ist sich ehrlich nicht nicht sicher, ob wir das jetzt zeitlich noch schaffen können. Einatmen, ausatmen. De Omma ist im Kriegszustand, sie macht das nicht mit Absicht. Anstrengend ist es aber trotzdem.


Oh ha, was ist denn da los? Das Scheunentor des Feststalls im Nachbarort ist bis auf halbe Höhe zugestapelt mit, ja mit was eigentlich? Für das ungeschulte Auge sieht es von Weitem so aus, als hätte jemand einen Messihaushalt ausgeräumt. Auf dem Parkplatz stehen Autos. Ach, anscheind nutzt die spontan gegründete Hilforganisation den Raum. Letzte Woche wurde um Spenden gebeten. Zwei hier lebende Ukrainier wollten mit einem Transporter an die Grenze fahren und Sachen für ein Krankenhaus zur Verteilung übergeben. Als ich noch überlegt habe, wir könnten da eigentlich die Orthese hinspenden, die braucht hier hoffentlich nie mehr jemand, da kam eine whattsapp, man habe jetzt Material für vier Transporter und brauche eigentlich noch Fahrer und Fahrzeuge. Diese Woche fahren sie wieder hin.

Die Mengen, die hier „gespendet“ werden, es ist beeindruckend. Gut, bestimmt ist da auch viel brauchbares dabei, aber, wieso das jetzt alles an ukrainische Grenze muss, verstehe ich nicht. Mir persönlich gehen die Bilder von flüchtenden Menschen in der Ukraine nicht näher, als die Bilder von Geflüchteten an der belarussischen Grenze oder im Mittelmeer. Vielleicht freuen sich die Leute einfach, das man mal was tun kann gegen die Apokalypse, außer zu Hause zu bleiben. Vielleicht ist bei mir auch Gewöhnung eingetreten, weil ich jede Woche bei der Omma in der Küche Geschichten vom Krieg höre. Im Edeka lege ich eingekaufte Nudeln und Haribo in den Spendenkorb für die Tafel. Vorsorglich. Nimm das AfD.


In der Schule haben sie jetzt neue Coronatests, mit kleineren Teststäben und die Flüssigkeit ist im Deckel von den Röhrchen mit drin, richtig cool, die besten die es je gab, erzählt das Maikind. „Hä? Du musst dich doch garnicht testen“. Doch, da war einer positiv, deshalb müssen sich diese Woche alle testen. „Ach so“, sage ich. Keine innere Unruhe, kein bodyscan auf Halskratzen oder ähnliches. Mit dem Thema sind wir durch. Das ist schön.

Halbzeit, Februar 22

Skifahren hat wider erwarten so richig Spaß gemacht, Julikind ist begeistert. Der Lehrer hat ihr gar nicht geglaubt, dass sie das noch nie gemacht hat. Wenn die Patentante fragt, was sie sich für einen Ausflug wünscht, dann weiß sie aber ganz genau was sie gerne würde. Skifahren war genauso blöd wie befürchtet, sagt Maikind. Seine Kumpels wollen alle mit, zur nächsten Skifreizeit, und, nur damit ich bescheid weiß, er nicht. Hatte ich mir schon gedacht, beides.


Die Kraniche kommen wieder, ein Schneeglöckchen steht im Garten, am Bäckerauto werden bunte Eier verkauft und der Nachbar erledigt Baumschnittarbeiten, im Flur liegt ein Motorradhelm. Frühling also. Mir war so, als wäre Weihnachten gerade durch, aber von mir aus gern. Die letzten Wochen sind irgendwie zu einem Klumpen Zeit verschmolzen.


Vorletzte Woche stand der Football-Brustpanzer mitsamt Helm im Esszimmer. Der Liebste fing sich einen „dein Ernst?“ Blick. Keine Sorge, hat er gesagt. Es wurde gefragt, ob irgendwer seine Ausrüstung verleihen würde und er braucht die im Moment ja leider nicht. Ob er das echt so verleihen will, hatte ich gefragt. Sicher, die Neuen fliegen sowieso in den Dreck. Gestern hat er erfahren, seine Ausrüstung war Teil der Superbowl-Dekoration im Foyer einer echt großen Firma. Hätte er das gewußt, er hätte ein frisches Jersey draufgezogen, da steht doch sein Name drauf. Tja, sage ich.


In der Familien-whatsapp Gruppe wird eine Idee angesprochen, und um Rat gebeten. Als ich den Chat sehe läuft das Thema anscheind schon eine Weile. Die Antworten überraschen mich. Das hatten wir schon mal, vor vier Jahren und es ging schief. So grundlegend und spektakulär schief, dass eine Neuauflage undenkbar ist. Anscheind bin ich die einzige, die das so sieht. Man versucht dem Fragenden mit einem bunten Stauß an Argumenten darzulegen, warum es keine gute Idee ist. Mir wird auf einmal etwas klar: Ich will und kann keine Energie mehr in dieses Projekt stecken. Nicht mal in Gedanken.


Drei Termine an einem Tag. Wann hatte ich sowas denn zuletzt?


Ein Elterngespräch. Die Ängste, bei einem der Kinder, sie sind nachweisbar in den psychologischen Tests. Es braucht aber im Moment weder Medikamente noch Therapie. Erleichtert und nachdenklich verlasse die Praxis, ausgestattet mit guten Ratschlägen und den Adressen sämtlicher Therapeuten im Umkreis von 50km, falls wir den Eindruck haben, dass es doch nötig werden könnte. Hoffentlich brauchen wir die nicht.


Die Zahnbaustelle ist fertig gestellt. Juhu! Endlich. Also, eigentlich nicht juhu, es fühlt sich im Moment an, als wäre ich in eine Kneipenschlägerei geraten. Aber morgen dann, oder übermorgen. Ein Haken auf meiner „dieses Jahr zu erledingen“- Liste. Ich freue mich.


Pluseinskind war am Wochenende in der Kneipe, in der es einen Coronaausbruch gab. Eigentlich sind alle positiv gewesen danach, aber er natürlich nicht. Man fragt sich wirklich, wie der das immer schafft, sagt Märzkind. Vielleicht hatte er schon längst und hat es einfach nicht mitgekriegt. Wir sind auf jeden Fall froh, dass niemand das Virus aus unserem Haus mitgenommen hat.


Ich gucke schon seit der Quarantäne keine Nachrichten mehr. Die Sturmwarnung begegnet mir durch Zufall im Internet. Unwetterwarnung haben wir ja immer mal, denke ich. Diesmal scheint es aber doch etwas mehr zu werden. Wir gehen einmal durch den Garten und sichern Dinge, die wegfliegen könnten. Der Liebste packt sich die Kettensäge ins Auto. Er hat Nachtschicht, Arbeit fällt leider nicht aus, Schule schon. Wobei, doch nicht. Die Mädels haben Distanzunterricht. Die Schule des Märzkinds kommuniziert da ganz klar die Erwartungen. Märzkind läd neue Sachen runter. Vielleicht funktioniert es mit diesem System ja tatsächlich. Das wär doch mal was.

Wiedereinstieg in den Alltag

Zwei Minuten nachdem ich geschrieben hatte, dass immernoch kein Testergebnis vorliegt, kam die Post. Darin die Quarantäneanweisung für das Julikind, genauso wie wir sie schon hatten nur mit Genesennachweis. Bedeutet das, der Test vom Liebsten war negativ? Anruf beim Gesundheitsamt. Und, anscheind läufts heute, schon beim dritten Versuch kommt er durch. Nee, nee, sagt die Frau am Telefon, sein Test sei auch positiv. Das wurde bereits einen Tag danach übermittelt. Warum da nichts gekommen ist weiß niemand. Er muss in Quarantäne, noch bis einschließlich morgen. Zwei Tage später kommt der Brief. Darin eine Quarantäneanweisung und eine Beschreibung, wen man jetzt benachrichtigen muss und welche Kontakte sich ebenfalls in Quarantäne begeben sollen. Auf Papier gedruckte Links zu den entsprechenden Infos auf den Seiten des RKI, man weiß nicht ob man lachen oder weinen möchte. Kein Genesen-Nachweis, warum auch immer, ist aber auch egal, der Booster gilt ja eh länger. Adressiert wurde „an die Erziehungberechtigten des Kindes Name des Liebsten„. Er schiebt mir den Brief zu. Danke, aber, ich finde, er ist alt genug, seine Kollegen vom vorletzen Wochenende selber darüber informieren, dass ihre Quanrantäne gestern endet. Auf sicher schickt er seiner Mama noch ein Bild von dem Schreiben. Die Personalabteilung amüsiert sich auch, aber, da war es doch gut, dass sie das alles so gehandhabt haben. Hätte man da erst auf ein Ergebnis gewartet, wäre es vielleicht nicht witzig geworden. Am nächsten Morgen bekommt der Liebste eine SMS. Der Coronatest war positiv. Läuft mit der Digitalisierung. Nur so zum Spaß probiert er auch nochmal, was die Corona-Warnapp heute sagt. Rot, er wurde positiv getestet und soll sich in Isolation begeben. Die App ist ein Idiot. Löschen.

„Es fühlt sich ein bisschen so an, als dürfte man eigentlich nicht da sein“, sagt Märzkind nach dem ersten Arbeitstag „danach“. Die Leute haben sich Mühe gegeben, aber man konnte doch merken, dass es ihnen nicht ganz geheuer war.

Ich hatte mir ein bisschen Sorgen gemacht, dass die Kinder, nachdem sie zwei volle Wochen ganz ohne Aufgaben zu Hause waren vielleicht den Anschluss verpasst haben. Ich sah mich Nachmittage lang home schoolend am Esstisch sitzen. Das scheint nicht nötig. Es wurde nicht wirklich viel gemacht, in den zwei den Wochen. Tja. Das ist gut – oder schlecht – oder egal, man weiß es nicht.

Zum Glück hat der Liebste letzten Woche einen Praktikumsplatz für das Maikind organisieren können. Diese Arbeitslehre-Lehrerin, die das Praktikum betreut, die hat sich eine Methode überlegt, wie sie die, die noch keinen Platz gefunden haben, daran erinnert, dass das jetzt aber mal erledigt werden muss. Maikind ist entsetzt, und das heißt was. Ich schreibe der Lehrerin eine Email. Freundlich aber bestimmt. Sicher handelt es sich um ein Missverständis, ansonsten wäre ich gesprächsbereit.

Freitag nur drei Stunden, wegen Zeugnissen. Die sind alle richtig gut. Wir freuen uns. Das Zeugnis vom Märzkind wurde vom vom Schulleiter und vom Klassenlehrer unterschrieben. Die Stelle für „Erziehungsberechtigter“ ist noch frei. Ich glaube es hackt. „Erziehungsberechtigter*innen“ muss das doch wohl heißen, das kann der Liebste unterschreiben. Bei den anderen Zeugnissen haben die Schulleiterin und der Klassenlehrer unterschrieben, ich unterschreibe bei „Elternteil“.

In einer perfekten Welt würden wir dieses Wochenende einen vierzigsten feiern. Ein Gedenk-Moment.

Beim Mittagessen am Samstag stellen wir fest, dass niemand etwas vor hat, heute. Als wären wir immernoch in Quarantäne. Man könnte vielleicht eine Runde mit den Großeltern spazieren gehen, schlägt Märzkind vor, der Onkel ist auch da, dieses Wochenende. Wir verabreden uns für den Nachmittag. Sieben Menschen und zwei Hunde, das ist ungewohnt, aber schön. Nach anderthalb Stunden sind wir alle total durchgefroren aber fröhlich. Essen. Sofa. Mehr geht eigentlich auch noch nicht.

Montag ist beweglicher Ferientag, und, ach übrigens, Mittwoch Winterwandertag. In diesem Jahr, haben die Kinder wegen der Situation keine Wahlmöglichkeit. Man bleibt im Klassenverband zusammen und hat sich für Skifahren entschieden. Wir sind keine Wintersportfamilie. Zu dritt brauchen wir eine Stunde, um ein Skioutfit für das Julikind zusammenzusuchen. Sie wäre viel lieber Schlittschuhlaufen gegangen. Die Magie dieses Winterwandertages bestand darin, dass die ganz Schule am gleichen Tag nach Willigen fährt, dort jeder das macht, was man am liebsten möchte und sich die Jahrgänge mischen. Naja, besser als nichts ist es auf jeden Fall.

Einmal die Restmülltonne vollgepackt mit Altlasten vom Dachboden. Der Plan ist, dass jetzt alle vier Wochen so zu machen, bis nichts mehr nachrutscht. Damit Platz in der Tonne ist, haben wir wieder angefangen, Müll zu trennen. Gut, dass ich die gelben Säcke nicht entsorgt habe. Gelbe Säcke sind gerade schwer zu bekommen, erfahre ich, die Lieferkette hängt. Bei uns in der Garage stapeln sie sich. Wir verschenken zwei Rollen.

Der Termin, der seit drei Jahren auf Donnerstag, 16 Uhr liegt hat sich auf Dienstag, 17 Uhr verschoben. Der dienstags, 18 Uhr Termin findet jetzt freitags um 19 Uhr statt. Eine Herausforderung.

Maikind hat „Heimstudientag“. Die politisch korrekte Umschreibung für „es sind halt nicht genug Vertretungslehrer da und dieser Jahrgang ist alt genug, mal einen Vormittag allein zu Hause zu verbringen“. Mit jedem Heimstudientag wird Schule ein bisschen egaler.

Ab dieser Woche wird 2G im Einzelhandel durch eine FFP2-Maskenpflicht ersetzt. Die Genesennachweise hinter denen wir so lange hertelefoniert haben braucht man nicht mehr. Einkaufen war für mich mit medizinischer Maske schon grenzwertig. Somit bin ich jetzt eine dreifach geimpfte, genesene online Einkäuferin. Naja, die Kinder können sich wieder unabhängig vom Impfstatus der Freunde gemeinsam durch die Stadt bewegen, das ist gut.

So. Wie war es denn? Das „Corona haben“? Die Frage kam oft, diese Woche. Tja. Wie im Fernsehen war es nicht. Aber wir waren alle so krank, dass wir es durchaus bemerkt haben, über mehrere Tage. Frische Impfung war auf jeden Fall besser als eine von August. Insgesamt würde ich sagen, wenn man die Chance hat, es nicht zu bekommen, einfach weglassen.

KW 01/22

An Sylvester hat das Julikind diesen Schnupfen, den wir uns hier rumreichen. Das Märzkind ist weg, da findet doch tatsächlich so eine Art Party statt. Eine Gruppe feiert im Jugendraum, eine andere Gruppe direkt daneben „im Schützen“. Keiner wird danach fragen, ob sich die Gruppen eventuell begegenen, im Lauf des Abends. Dorfjugend, die fahren sowieso alle in den gleichen Bussen, und es ist verdammtnochmal schon das zweite Corona-Sylvester. Niemand will ein Rudel Teenager im Haus.

Zu viert spielen ausgiebig Mensch ärgere dich nicht, in verschiedenen Versionen, und haben zu unser aller Überraschung tatsächlich Spaß. Danach stellen wir fest, dass es immernoch zwei Stunden sind, bis Mitternacht. Ganz kurz überlegen wir, ob es sich überhaupt lohnt, solange wach zu bleiben, weil es ja kein Feuerwerk geben wird, entscheiden uns natürlich für wach bleiben, aber jeder selber. So kommt es, dass der Liebste und ich den Sylvesterabend vor dem Fernseher verbringen. Das passt. Es war anstrengend, dieses Jahr.

Um kurz vor zwölf stellen wir den Fernseher ziemlich laut und gehen in den Garten. Vielleicht hat ja doch noch jemand Alt-Raketen von vor zwei Jahren gefunden. Im letzten Jahr gabs ja auch schon keine. Es ist schöne klare Luft, man kann richtig weit gucken. Ich staune. Das Feuerwerk ist nicht mit normalen Zeiten zu vergleichen, aber doch sehr viel mehr als nichts. Die Niederländer haben anscheind was mitgebracht. Kurz mal gucken, was der Hund macht. Alles gut, der wundert sich nur. Die Kinder kommen auch raus. Nach einer halben Stunde ist es wieder leise im Ort. Das ist dann doch seltsam. Kurz nach Mitternacht begegnet man sich eigentlich auf der Straße oder ruft Neujahrwünsche über den Gartenzaun. Das das eine ganz eigene Geräuschkulisse ist, fällt mir gerade erst auf. Egal, willkommen 2022!

Ich habe da eine Liste mit Wünschen und Erwartungen, (nagut, sagen wir Hoffnungen) in die Sylvester-Zeitkapsel gelegt. An 2021 hatte ich keine Erwartungen gestellt, weil 2020 so war, dass ich dachte, 2021 wird in jedem Fall besser. Passiert mir nicht wieder.


Sie wollen das neue Jahr mit einer schönen Nachricht beginnen. Hochzeit. Save the date. Jawoll, so soll das!


Ich habe dann wohl diesen Schnupfen. Ausser Niesen geht garnichts mehr. Kopf zu.


Morgens um acht müsste der Liebste eigentlich wieder da sein. Ich bin total erkältet, denken ist anstrengend gerade. Das Auto ist da, der Hund nicht. Also ist er mit dem Hund draußen, da müsste er aber um diese Zeit auch schon wieder da sein. Das ist nicht gut, vielleicht. Handy suchen. Ein Notruf steht in der Familiengruppe. Der Hund meiner Eltern wurde angefahren und ist in Panik geflüchtet, alle verfügbaren Kräfte werden gebeten, beim Suchen zu helfen. Kurzes Telefonat mit dem Liebsten, er ist in der näheren Umgebung unterwegs. Ich fahre Feldwege ab. Es hat über Nacht ein bisschen geschneit. Würde hier irgendwo ein flauschiger weißer Hund liegen, man könnte ihn leicht übersehen. Nach einer Stunde breche ich ab. Ich muss aufs Sofa, das hat so keinen Zweck. Alle anderen suchen. Nicht nur Familie, sämtliche Hundebesitzer halten die Augen offen, teilen die Suchmeldung und hoffen auf gute Nachrichten. Am späten Nachmittag ist die Stimmung gedrückt. Es gibt keinen Ort mehr, der nicht abgesucht wurde. Niemand traut sich, es laut zu sagen, aber es steht ein Gedanke im Raum.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit fällt dem Landwirt auf, dass die Rinder auf der Weide irgendwie komisch stehen. Zum Glück findet er es seltsam genug, um da mal genauer zu gucken. Sie stehen um einen Hund herum, und den Hund, den kennt er und bringt ihn nach Hause. Freude und Dankbarkeit! Ein Bild vom friedlich schlafenden Hund, eingemummelt in Wolldecken wird geteilt. Alles ist gut. Sonst hätte wohl keiner von uns schlafen können, heute Nacht.


Diese Erkältung dauert ja nur drei Tage, damit bin ich pünktlich zum booster-Termin wieder soweit fit. Über die erste Impfung hatte ich mich richtig gefreut, die zweite hab ich immernoch gerne genommen, aber jetzt nach dem dritten mal anderthalb Tage Impfkater, gebe ich ehrlich zu, lässt meine Begeisterung merklich nach.


Ab Montag wieder Schule. Das ist gut, wahrscheinlich. Wir werden sehen.

2021 war…

Schnee, Starkregen, ein schöner bunter Herbst

Lockdown, Ausgangssperre, Kontaktbeschränkungen, home schooling, Maskenpflicht, 3G, 2G, 2G+, Coronatests

Blinddarm-OP, Bänderriss, entzündeter Zeh, Schlafstörungen, Impfungen

Ohrwürmer Wir sind das Ruhrgebiet…., ….soon may the Wellerman come to bring us sugar and tea and rum.., BTS

definitiv vielleicht (alles immer unter Coronabedingungen)

Konfirmation, Schulabsschlussfeier, Geburtstage, eine Trauerfeier, Weihnachten, eine Rubinhochzeit

Dritte Adventswoche, im Nebel

Eine Elterntaxifahrt in der Dämmerung. Von rechts kommt ein Reh aus der Wiese, läuft vor uns über die Straße und auf der anderen Seite den Hang hoch. Kommentar vom Beifahrersitz aus: „Vorsicht. Weitere Einzeltiere können folgen“ Fahrschülerin an Bord.


„Mama, schnell“, ruft das Märzkind. Ich habs gesehen. Kurz nachdem sie der Haustür raus war, ist der Bus vorbeigefahren. Vier Minuten eher als üblich. Ich schnappe mir den Autoschlüssel und rufe nach oben, dass ich kurz nicht da bin. An der Bushaltestelle laden noch zwei ein, die auch zu spät waren, heute kommt kein Bus mehr. Leider steht im nächsten Ort niemand an der Haltestelle und der Bus fährt durch. Auf der schmalen Landstraße kann man keinen Bus überholen. Im nächsten Ort stehen zum Glück ein paar Leute. Ich halte, die drei Mädels bedanken sich herzlich und rennen los. Ich wende und fahre so schnell es geht durch den dichten Nebel wieder zurück. Wenn mir jetzt was vors Auto laufen würde, ich habe kein Handy dabei. Auch keine Jacke, und wenn ich so drüber nachdenke, ich hab Hausschuhe an.

Juhu, die anderen Kinder waren ausreichend geweckt und ziehen sich gerade die Jacken an als ich zu Hause ankomme. Ich hatte mich schon auf eine zweite Tour eingestellt.

Der Bus fährt ab jetzt vier Minuten früher. Es gab eine Fahrplanänderung. Die erste seit – schon immer. Ein Hinweis-Zettel im Bus wäre hilfreich gewesen.


Der Liebste fährt seine Mutter in die Klinik. Zwei bis drei Wochen wird das dauern. Weihnachten müssen wir dann mal sehen, ob und wann und wer und wie und wo.


Ich habe um neun einen Termin, normalerweise hätte jemand die Hunderunde übernommen. Normal wurde abgeschafft, scheint mir. Um halb acht ist es im Feld noch dunkel. Das macht aber eigentlich nichts, denn es ist so dermaßen neblig, da könnte man im Hellen auch nicht mehr sehen. Der Hund läuft zwanzig Meter vor und ist verschwunden. Ich hab schlecht geschlafen und für Kaffee war noch keine Zeit. Dieses Wetter, es ist wie in dem Buch, das ich heute nacht gelesen habe. Eigentlich um müde genug zum weiterschlafen zu werden, hat aber nicht funktioniert. Im Buch kamen die Hungernden aus dem Nebel. Eine Art Zombie-Vampire, die sehen aus wie Menschen, naja, wie tote Menschen, mit roten Augen, Klauen und Reißzähnen um den Lebenden das Fleisch von den Knochen… Drei Meter hinter mir springt etwas aus dem Graben. Da bin ich doch tatsächlich am eigenen Hund vorbeigelaufen, ohne es zu bemerken. Jetzt bin ich wach.


Am Eingang wird kurz ein Blick auf meinen QR-Code geworfen. Danke, alles super, bitte hier. Nachdem letzte Woche im Bastelladen mein Code gescannt und mit Perso abgeglichen wurde, scheint mir diese Kontrolle etwas lasch, aber egal. Es gilt sowieso FFP2-Masken-Pflicht. Einmal waschen, schneiden, föhnen dauert 40 Minuten und kostet 43,50 Euro. Gefühlte Inflation. Ich war allerdings auch schon länger nicht beim Frisör.


Ich lese ein bisschen was über die Omikron Variante und ergänze den Einkaufszettel. Hundefutter, Klopapier, Rotwein, Chips, Schokolade, Tiefkühlschnitzel, Frikadellen in Dosen. Ich will nicht wieder angeguckt werden wie der apokalyptische Hamster, wenn ich für mehrfach-Teenager-Haushalt mit geschlossener Kantine einkaufe. Vorräte verstecke ich im Keller, da vermuten die Blagen nichts Leckeres.


Der Klassenlehrer des Maikinds bittet alle, die bisher noch ohne sind, über die Ferien nochmal über eine Impfung nachzudenken, es gäbe erste Hinweise, dass Schule vielleicht, irgendwann nach den Ferien 2G werden könnte. „Das heißt, ich geh dann nicht mehr hin, oder was?“, erkundigt sich das Julikind, und freut sich schon. „Keine Ahnung“, knurrt das Maikind.


De Omma gibt mir ihr Rezept für Honigkuchen und ruft zwei Tage später an, um zu fragen, wie sie denn geworden sind. Bin ich noch nicht zu gekommen. Was? Wieso das denn nicht? Wegen Sachen. So kurz vor Weihnachten, da müsse man aber schon Prioritäten setzen, sagt de Omma.

Ende November 2021

Es klingelt. Vor der Haustür steht ein riesen Paket. Der Paketbote sitzt schon wieder im Auto. In fünf Minuten kommen die Kinder nach Hause. Wo verstecke ich das denn jetzt auf die Schnelle? Auf dem Dachboden. Ich schaue mich suchend um. Irgendwas muss ich da drüber legen, obwohl, eigentlich, so wie es gerade da steht verschmilzt es geradezu perfekt mit dem rumpeligen Ambiente. Das war leicht.


Weihnachtsgespräche. Das Märzkind ist eingeladen, am ersten Feiertag, ob sie da denn zusagen kann, oder sind wir bei der Oma? Ich weiß es nicht. Diese Seite der Familie kommuniziert nicht. Ich finde, sie kann ruhig zusagen, wer zuerst kommt… Nee, sie würde da schon gern mit, wenn denn dann. Ich weise den Liebsten an, Weihnachtsinfos zu beschaffen. Wenige Tage später bekomme ich die Rückmeldung, dass Planung im Moment nicht möglich ist, aus Gründen, die zur Abwechslung mit Corona mal garnichts zu tun haben.


Ein Gottesdienstbesuch zum Ewigkeitssonntag. Danach auf den Friedhof. Auf dem Rückweg komme ich am Zigarettenautomaten vorbei. Da kaufe ich sonst jedes Jahr ein Geschenk. Jetzt brauche ich das nicht mehr.


Die Inzidenz liegt bei 210. Ich will nichts beschreien, aber, vermutlich wird es über kurz oder lang wieder Einschränkungen geben. Den Kindern gegenüber so zu tun, als wäre das nicht so, finde ich unfair. Ich spreche vorsichtig mit dem Märzkind darüber. Sie wird blass, aber eigentlich, das hatte sie sich auch schon gedacht. Einige aus ihrer Klasse machen Praktika in Grundschulen und Kitas. Da bekommt man ja mit, was gerade los ist. Sie haben in der Schule schon gefragt, wie es denn weitergehen würde, mit den Praktika, im Fall von Schulschließungen. Die haben gesagt „das wird nicht passieren“. Anscheind gibt es keinen was-wäre-wenn-Plan.

Doch, bei uns schon: Wer noch Geschenke zu besorgen hat, oder nochmal ins Kino möchte, oder so, möge das bitte für nächste Woche einplanen. Muttitaxi steht zur Verfügung und Taschengeldvorschüsse wären kein Problem. Möglichkeiten finden, statt mimimi. Jeder denkt bitte einmal darüber nach, wie man ein schönes Lockdown-Weihnachten feiern könnte. Nur eine Denksportaufgabe. Der ursprüngliche Plan gilt bis Heilig Nachmittag, mindestens.


Die Mädels wollten gern nochmal ins Schwimmbad. Wir sitzen mitten in den Blubberblasen und überlegen, wann wir zuletzt im Hallenbad waren. Vor zwei Jahren ungefähr, sagt das Julikind, könnte sein, sie hat recht. Es ist ein bisschen seltsam, dass man vorm Eintritt kontrolliert wird, aber, es scheint so, als wäre 2G ein Filter. Die Leute die drin sind halten sich so gut es eben geht an Abstände und begegnen einander freundlich. Beim Abendbrot ist es auffallend leise. Hat uns schwimmen früher auch so müde gemacht?


„Ach, und ab heute galt dann wieder Maskenpflicht“, sagt das Maikind beim Abendessen. „Stimmt, aber bei ihnen erst ab der dritten Stunde“, sagt das Julikind, die ersten beiden Stunden haben sie noch so gesessen. Wir sind lange über den Punkt raus, wo man sich über sowas wundern würde. „Na, das hat ja dann genau eine Woche lang gehalten, dieses Konzept“, sage ich. Schade. Aber leider sind die Zahlen so, dass man diese Maßnahme eigentlich gut findet.

Die Masken wärmen auch das Gesicht ein bisschen. Das ist praktisch, wenn man bei -2 Grad dauernt das Fenster aufmachen muss. Lüften ist auch im zweiten Coronawinter das Mittel der Wahl. Die Kinder sitzen im Kalten, das ist bedauerlich, aber nicht zu ändern. Energiekosten? Klimawandel? alles pillepalle wenn man dagegen den Aufwand betrachtet, den Anschaffung und Unterhalt von Luftfiltern in Schulen bedeuten würde. Ach, Deutschland.


Der Liebste arbeitet wieder und schafft sogar danach noch eine kleine Hunderunde. Hätte ich nicht gedacht, aber ich freu mich natürlich. Er hat was zu erzählen. An der Arbeit hatten sie heute fast ein Gasleck. Wie kann man denn fast ein Gasleck haben? Erkundige ich mich. Schön, dass es doch noch andere Themen gibt, außer Corona. Und so viele andere Möglichkeiten zu Tode zu kommen.


An der Laterne vorm Haus wurde die Weihnachtsbeleuchtung angebracht. Stimmt, es ist ja schon soweit. Normalerweise ist der Nachbar mit der beeindruckenden Balkonbeleuchtung immer der Erste. Da hängt bis jetzt nur ein leuchtender Stern im Fenster, der blinkt noch nicht mal. Ich hole die Kiste mit der Weihnachtsdeko vom Dachboden. Es fühlt sich so an, als hätte ich sie letzte Woche erst eingepackt.

KW44/2021

Märzkind ist auf einen Geburtstag eingeladen. Sie fährt dann in einer halben Stunde und bräuchte noch ein Geschenk. Ähm, ja. Ein bisschen verhuscht laufe ich durchs Haus. Geschenk in einer halben Stunde habe ich doch früher dauernt gemacht. Wieso fällt mir das denn auf einmal so schwer? War in diesem Jahr überhaupt schon irgendwer auf einem Kindergeburtstag eingeladen? Ich glaube nicht. Normalerweise bestreiten wir etwa 28 Kindergeburtstage im Jahr. 28 gesparte Geschenke, wo ist eigentlich das ganze Geld? Im Heizöltank, sagt der Liebste.


Morgens um halb sechs steht der Hund bei mir vorm Bett. Allerhöchste Zeit zum Aufstehen, sagt er. Er weiß nichts von Zeitumstellung und Wochenende.


Ich freue mich über die bunten Blätter. Die Herbstfarben haben mir gefehlt, in den beiden Dürrejahren. Das Fegen eher weniger.

Ein Laubbläser-Geräusch am Montag morgen. Die letzten beiden Wochen hatte ich halbherzig den Bürgersteig ein paar Meter weit gefegt, soweit, wie ich halt abends mit dem Hund noch gehe, in Latschen. Die Straße nicht. Die sah aus wie ein riesen Komposthaufen. Vier Leute arbeiten drei Stunden. Wow! Wenn mal acht Wochen lang garnichts gemacht wird, weiß man das hinterher wieder anders zu schätzen. Vielleicht soll das so.


Jacke aus, Schuhe aus, Maske in den Müll, so könnte das gehen. Man kann die Masken aber natürlich auch in die Jackentasche stecken oder in die Sporttasche, in die Mützenkiste, auf dem Rücksitz liegen lassen, unter die Sonnenblende stecken oder ins Autotürfach, man kann sie in die Ritze zwischen Bett und Matratze klemmen, auf die Kommode legen oder in einen Schuh reintun…


Ein Telefonat zum Thema Rettungswagen, letzte Woche. Das hat jeder aus einer anderen Perspektive mitbekommen. Zusammengetragen ergibt sich ein neues Bild. Wenn in so Lebensgemeinschaften einer wegbricht, und sei es nur für ein paar Tage, sieht man mal, wie das große Ganze eigentlich funktioniert. Wir schalten Seniorenbeobachtungs-Level 2 frei: Austausch von Neuigkeiten, die im Notfall gebraucht werden könnten.


Die Arbeitslehre-Lehrerin vom Maikind macht Stress. Schüler-Praktikumsplatz für Ende März nächstes Jahr, hex hex.


Auto ist nicht durch den TÜV gekommen. Zum Glück nur Kleinigkeiten.


Der Fuss des Liebsten, da ist doch irgendwas nicht richtig. Ich könne ja beim Arzt anrufen, wenn ich meine, dass das nötig ist, sagt er, aus seiner Sicht ist alles tutti. Ich beobachte das schweigend einen weiteren Tag und mache dann einen Termin.

„Und?“ frage ich, als er wieder ins Auto einsteigt. „Du hattest recht“, sagt er. Verheiratete Männer leben länger, wegen sowas, vermute ich. Sagen muss ich das nicht, ich kann so gucken.


Eine Trennung im Freundeskreis. Ein Telefonat, wie nach einem Trauerfall. „Oha, ja, Weihnachten. Da ist es wahrscheinlich egal, was du machst. Weihnachten wird richtig scheiße, dieses Jahr.“ Am anderen Ende des Telefons wird einmal kurz gelacht. Ich entschuldige mich. Ich bin kein guter Motivationstrainer. „Immerhin fällt dir was ein, was man sagen kann, in solchen Fällen“, sagt der Liebste. „Und es ist ja so“, sagt die Stimme am Telefon, „schöne Worte helfen auch nicht“.


Alles in allem würde ich sagen, der November hat noch Luft nach oben.

Oktober 21, Halbzeit

„Mmmmhh, das riecht hier aber….gut. Irgendwie nach, ja nach was denn eigentlich?“ Ein Gast hat uns eine Tüte Äpfel geschenkt, aus dem Garten seiner Oma, in Polen. Sie sind eher klein, dunkelrot, haben erkennbar den Sommer draußen verbracht und duften herrlich. Lecker sind sie auch. Wieso kann man solche Äpfel eigentlich nicht kaufen, fragen die Kinder. Gute Frage.


Das Märzkind braucht eine Hose und ein paar Schuhe. Brauchen im Sinne von brauchen. Klamotten einkaufen und Mathe-Aufgaben können das Märzkind und ich nicht gut zusammen. Wir treiben uns dabei ohne böse Absicht gegenseitig in den Wahnsinn. Normalerweise geht der Liebste mit ihr einkaufen, aber darauf können wir nicht mehr warten. Statt einer Hose finden wir einen Winterpulli, einen Schal und ein Bikinioberteil, die Suche danach wurde schon aufgegeben, entsprechend groß ist die Freude. Wir haben uns den ganzen Nachmittag nicht angezickt, fällt uns auf der Rückfahrt auf, kaum zu glauben. Und ich habe neue Schuhe. Nach Wochen der erfolglosen Suche, einfach so im Vorbeigehen gekauft.


Das letzte Mal hatte ich für 1,38 Euro den Liter getankt. Diese Woche kostet der Liter 1,48 Euro, ich muss kurz schlucken. Am Zielort kostet der Liter 1,56 Euro. Yeah, da hab ich aber ein Schnäppchen gemacht.


Voruntersuchung steht im Kalender. Die Schrauben im Fuss des Liebsten sollen wieder raus. Morgens um halb sechs fahren wir vom Hof. Bemerknisse:

Ein Tempolimit von 130 würde mich nicht betreffen. In den zwei Stunden auf der Autobahn hatte ich nicht einmal das Gefühl 130 fahren zu können.

In dieser Klinik gibt es auffallend wenig übergewichtige Menschen. Gar keine, eigentlich.

Die Stimmung im Röntgen-Wartebereich ist zweigeteilt. Die Ü-60 jährigen sind fröhlich, die U-30jährigen nicht. Vermutlich haben die einen auf ihre OP`s warten müssen, für die anderen war es eine Überraschung.

Cafeteria geschlossen ist blöd. Als die Kinder gegen Mittag Fotos von ihrem Instagramm tauglich hergerichteten Essen schicken droht die Stimmung kurz zu kippen.

Wann sind wir eigentlich das letzte Mal zusammen vier Stunden lang über Krankenhausflure gelaufen, fragen wir uns auf der Rückfahrt. Noch nie. Es dauert insgesamt 10 Stunden und 45 Minuten, bis alle Zettel, die gebraucht werden da sind, wo sie sein müssen. Zum Glück waren die Leute an jeder einzelnen Station sehr nett, sonst wäre das wirklich nervig gewesen.

Da hatte ich doch tatsächlich gedacht, wenn sich drei Kindern zum Mittag ein Kilo Tortellini kochen, bliebe etwas übrig. Falsch gedacht.

Das Julikind war gestern noch kleiner.


Die Hose und Schuhe? Nächste Woche muss sie arbeiten, sagt das Märzkind. Also heute. Nach einer Stunde dämmert mir, dass diese eine perfekte Hose möglicherweise im Moment nicht verfügbar ist. Ich erkundige mich bei der Verkäuferin, in welchem Rythmus denn Ware geliefert wird. Ware wird jeden Tag geliefert, sagt sie. Was aber wann genau geliefert wird, das kann im Moment niemand sagen. Das einzige was sie mit Sicherheit sagen kann ist, das etwa die Hälfte von dem, was sie für den Herbst geordert hatten garnicht kommen wird, die Lieferkette hängt durch. Mit leicht gesenkter Stimme gibt sie mir durch die Blume zu verstehen, dass man die perfekte Hose in dieser Saison eventuell nicht kaufen können wird, sie habe auch eine Tochter in dem Alter, fügt sie hinzu. Wir schweigen einen Moment gemeinsam.

Hosen finden wir an diesem Nachmittag. Schuhe nicht.


Das Maikind muss einen Teil seines Computers zurückschicken. Er möge mir bitte diktieren, was ich da in den Rücksendeschein eintragen soll. Das hat er mir doch schon gesagt, sagt er. Ich habs nicht verstanden.


Im Baumarkt ist der komplette Weihnachtsmarkt aufgebaut. Das erscheint mir unangemesen früh. Obwohl. In zwei Wochen wird die Uhr umgestellt und in sechs Wochen ist Advent. Oh ha.