Hochgradig verwandt

Ein Honigkunde hat sich telefonisch angekündigt und steht jetzt fröhlich vor der Tür. Seine beiden Töchter begleiten ihn. Das ist schön, wir haben uns ewig nicht gesehen, sie kommen einen Moment rein. Sippen-Smalltalk. Die entferntere Verwandschaft kennt man nicht wirklich gut, aber das Wichtigste wird innerhalb der Familie natürlich weitererzählt. Der Honigkunde ist heute selbst gefahren, den ganzen Weg, sagt er. Demnächst will er an die Mosel fahren, zur Walnussernte. Dort gebe es jede Menge Walnussbäume und es gilt das Jedermannsrecht, da darf jeder sammeln. Das macht Spaß und man muss dann im Winter nicht die Walnüsse kaufen, die einmal um die halbe Welt geflogen wurden. Die Ernte wird dann im Arbeitszimmer nach Größe sortiert und getrocknet. Zum Knacken der Nüsse hat er einen kleinen, flachen Korb und einen Hammer, das geht richtig gut. Die Tochter backt dann Nusskuchen, der ist auch richtig gut. Naja, jedenfalls hatten die Mädels gesagt, bis an die Mosel lassen sie ihn nicht mit dem Auto, einfach so, da musste er vorher einmal eine lange Strecke in Begleitung fahren, um zu gucken, ob das wieder geht. „Un?“, frage ich, „ging gut?“ „Ja, sicher“, sagt er, das sei überhaupt kein Problem gewesen, hatte er ja von Anfang gesagt. Die Töchter zucken mit den Schultern und nicken. Tatsächlich, das ging, besser als gedacht. Es war ja auch nur, weil er im letzten Jahr nicht viel gefahren ist, und wenn, dann immer nur Kurzstrecke. Genaugenommen war er vor einem Jahr so krank, das man dachte, er schafft es nicht bis Weihnachten, aber das sagt natürlich niemand.

Wo denn die Kinder alle seien, erkundigen sie sich. Die schlafen noch, oder tun zumindest so. Ach, das ist schade, die hätte man gern mal wieder gesehen. Dann müssen die drei schon weiter, sie haben noch viel vor, heute. Der Honig wird bezahlt und noch ein Schein extra dazugelegt, für die Kinder, kann ich aufteilen, oder einfach Eis für alle kaufen, sagt er, und ganz herzlich grüßen soll ich alle.


Ich schiebe dem Märzkind einen kleinen Stapel Münzen hin. Sie guckt mich fragend an. „Mit herzlichen Grüßen vom Winne“. „Hä, wer ist denn Winne?“ Na, Onkel Winne, der hatte Honig bestellt und hat den heute morgen abgeholt. Sie guckt immernoch fragend. „Eigentlich ist er dein Großonkel, oder nee, warte, er ist mein Großonkel, dann ist er dein, äh, ja was denn eigentlich?“ google: der Onkel meiner Oma ist mein? Großonkel 2. Grades. Aha.

Das Pluseins-Kind hat währenddessen den Kleingeldstapel einmal umgeschichtet. „Großonkel 2. Grades“, murmelt er. Für diesen Betrag, da muss er eine Stunde arbeiten, und sie, sie bekommt das einfach so geschenkt, von einem Großonkel 2. Grades. Er schüttelt mit dem Kopf. Soweit er weiß hat er solche Verwandschaft garnicht – geschweige denn, dass die vorbei kommen und ihm was schenken. Sie kennt den Winne ja auch nicht, sagt das Märzkind. „Aber ich freue mich trotzdem, wenn der ab und zu kommt, der ist nett“, lächelnd steckt sie das Geld ein. Das Pluseins-Kind schüttelt immernoch mit dem Kopf.

Fragen und Antworten, unsortiert

Nach Weihnachten würde es ruhiger werden, hatte ich mir gesagt, damals im Dezember. Dann haben wir hier alle das Zeitgefühl verloren. Dinge werden nach Dringlichkeit abgearbeitet.

Kühlakku, da muss auf jeden Fall eins drauf. Ich durchwühle die Schubladen des Gefrierschranks. Kann das denn sein, dass wir mitten im August nicht ein einziges Kühlakku parat haben? Muss das mitreisende Kind bei Anreise einen negativen Test vorlegen, wenn die Eltern geimpft sind? Wieviel muss denn da drauf, auf den Brief, und haben wir eigentlich Briefmarken? Das Taschengeld von Juli? Haben wir noch genug leere Honiggläser? Blumen, bei einem Rasengrab? Der Hund von Lucky Luke, wie hieß der nochmal? Wollen wir den Ofen anmachen? Anlass ist jetzt, Feier im nächsten Jahr – wann schreibt man denn die Karte? An welchen Schnitt hatten Sie denn gedacht? Was ist das für eine Vase da, und wo ist eigentlich der Sarg? Wenn ich gestern geimpft wurde und morgen einen Test machen muss – ist der dann positiv? Nur noch eine Woche Ferien, wollen wir denn eigentlich noch irgendwas unternehmen? Ist es denn ein bisschen ruhiger geworden, bei euch? Du hattest doch gesagt es ist viel los und das würdest du dir wünschen.

Da muss ich kurz drüber nachdenken.

Dritte Schublade, ganz hinten. Land Hessen sagt, jede anreisende Person muss ein G nachweisen, also ja, das Kind braucht einen Test ( und wenn das demnächst zweimal die Woche kontrolliert werden soll, dann nehme ich nur noch Geimpfte und Genesene Feriengäste, fertig ). 80 cent müssen drauf – Pinnwand – ist glaube ich egal, aus wie vielen einzelnen Marken man das zusammenpuzzelt. Die einen sagen so, die anderen so, wir einigen uns auf einen Dauerauftrag, dann muss da niemand mehr dran denken. Weiß ich nicht, muss ich gucken. Keine Blumen. Rantanplan? Jemand müsste Holz reinholen, wir nehmen erstmal eine Wolldecke, jo, das reicht, für diesen Sommerabend im August, auf dem Sofa. Karte mit kleinem Betrag jetzt – Karte mit Geschenk im nächsten Jahr, wenn denn dann… Ich hätte gerne eine Jeans, die einfach passt und einigermaßen gut aussieht. Jetzt heute hier. Nicht „wenn das Lockdownröllchen eines Tages wieder weg ist“, welchen Schnitt das erfordert, kann ich derzeit nicht sagen. Es gibt keinen Sarg, wenn man verbrannt wird, bleibt gar nicht so viel übrig. Die Vase ist eine Urne, da ist die Asche drin. Nee, die Impfung legt quasi ein Schutzschild um deine Zellen, dass das Virus nicht dran kommt, der Test guckt, ob du Viren auf der Schleimhaut hast, das sind zwei verschiedene Ansätze. Plätze für die Freilichtbühne gebucht, ohne vorher jemanden zu fragen. Ein nichtoptionales Kulturerlebnis. Ja, es ist ruhiger geworden, auf jeden Fall, wenn man mal davon absieht, dass der Liebste wahrscheinlich einige Zeit nicht mit dem Hund raus und, wenn es richtig blöd läuft kein Auto fahren können wird. Aber irgendwas ist ja immer.

Nieselregen bei windigen 15°C, das Maikind und ich sind uns einig: Würde es eine Packung Spekulatius geben, wir würden sie kaufen, es fühlt sich so an. Weihnachtsgebäck gibt es aber erst nach den Sommerferien, man fragt sich, wieso.

Im August 21

Auf irgendeiner Familienfeier im letzen Jahrhundert, machte sich ein Großonkel die Mühe, die Kinder zuzuordnen. Er kam zu dem Schluss, dass der Mann neben mir mein Onkel sein müsse. Das konnte ich bestätigen. Er wunderte sich, dass ich nicht „Onkel“ zu ihm sage. Da hatte ich ehrlich gesagt noch nie drüber nachgedacht. Mit einem breiten Grinsen bot ich meinem Onkel an, ihn mit „Onkel“ anzusprechen. Er war nicht begeistert. „Was? Ich bin doch kein Onkel. Du nennst mich Arno, oder Maurer, wie alle anderen auch. Nicht Onkel. Was sollen denn die Leute denken, wie alt ich bin…“

Ich erinnere mich an viele schöne und witzige Momente. Als Onkel war er toll. Er wird mir fehlen.

Verschiedenes, Ende Juli 21

Die Oma hat Gäste, wir sitzen im Garten und unterhalten uns. Der Liebste hat gerade einen Schwarm Bienen wieder eingefangen. Als die losgeflogen sind, das war schon beeindruckend, sagt die Festgesellschaft, sowas sieht man nicht oft. Sowas gibt es auch Ende Juli nicht oft, es ist ein seltsames Bienenjahr.

Märzkind will mal bei der Uroma gucken, die ist im Haus geblieben. Es geht ihr nicht gut. Im Fernsehen laufen Bilder der Flutkatastrophe, den ganzen Tag. Die Zerstörung ist wirklich unvorstellbar – für uns. Käthe ist 101. Sie kann sich das durchaus vorstellen und ist entsprechend unruhig. Nach einer halben Stunde kommt das Märzkind wieder. Die Uroma habe heute vormittag jemanden in Wuppertal erreicht, der die Auskunft geben konnte, dass bei ihren Bekannten alles OK ist. Das ist eine Erleichterung. Ein ganz kleines Stück Kuchen habe sie gegessen, damit sie ihre Ruhe hat. Das ist gut.


Bei der Hunderunde begegnet uns ein örtlicher Katastrophenschützer. Er erzählt, wie der Bach, der letzte Woche doch eher ein Fluss war in der Nacht vorher ausgesehen hat. Wir waren ja am späten vormittag noch beeindruckt von der Wassermenge, da war das allermeiste aber wohl schon durch. Man habe sich im Lauf der Woche unterhalten, mit allen Wehrführern der Ortsteile, erfahren wir. Wenn man sich mal kurz vorstellt, dass der Bach zwei Ortsteile weiter von jetzt auf gleich 8 Meter höher wäre, dann, tja… es würde die Anfahrtmöglichkeiten für einige Häuser verändern.


Das Julikind wird elf. Wir grillen im Garten, mit Leuten. Es ist eigentlich eine normale Geburtstagsfeier, das ist schön. Abends bittet sie mich, noch ein Foto zu machen. Dafür hat sie alle Geschenke auf dem Bett aufgebaut und setzt sich mit dem fröhlichsten Geburtstagsgrinsen daneben. Was für ein Tag! Und so viele schöne Sachen. Wenn sie jetzt noch mit ihren Freundinnen feiern dürfte, dann wäre es perfekt gelaufen, dieses Jahr. Die Chancen stehen eigentlich ganz gut, gerade. Noch.


Das Gute an dem vielen Regen ist, wir müssen gar nicht weit fahren, der See beginnt dieses Jahr schon 10 km weiter. Im letzten Jahr war da um diese Zeit schon längst kein Wasser mehr. Am frühen Abend ist die Liegewiese so gut wie leer. Einen Strand gibt es hier nicht. Man geht von der Wiese drei Schritte durch die Hecke, dann nochmal drei Schritte ins Wasser rein, da kann man schon losschwimmen. Hier stört es niemanden, wenn der Hund auch schwimmt. Der Liebste wirft ein Spielzeug, voller Freude springt der Hund ins Wasser, holt sein Spielzeug und schwimmt uns entgegen, ziemlich weit, und ziemlich schnell. Ähm, jo, damit hatte niemand gerechnet, aber alle haben Spaß. Und die Erkenntnis, dass Hunde anders schwimmen, als Menschen. Jeder von uns hat irgendwo einen Kratzer abbekommen, was solls, sagen die Kinder.


Ich bekomme die zweite Impfung. Anderthalb Tage habe ich irgendwie schwere Knochen, und freue mich trotzdem. Der Liebste kommt sich „dezent verarscht“ vor, als Angehöriger der Priogruppe drei, weil ich jetzt zwei Wochen vor ihm fertig geimpft bin. Luxusprobleme, die man so hat. Nachdem wochenlang garnichts voran ging, in Sachen impfen, sind jetzt fast alle durch. Weihnachten kann kommen.


Wir fahren für eine Hunde-Runde in den Nachbarort. Beim Aussteigen fällt mir auf, dass die Telefonleitung sich heftig bewegt, zwischen den Masten. Oh oh. Kein Sturm, kein Erdbeben, da gibt es eigentlich nur noch eine Erklärung. 200 Meter weiter kommt uns ein LKW entgegen, der hat gerade irgendwelche Düngemitttel abgeladen, auf dem Feld, neben der Telefonleitung. Zu dicht neben der Telefonleitung. Ein Teil des Kabels liegt rechts im Graben, der andere links auf dem Feld.

Yeah! Für die Fans von „Lockdown mit Teenagern“ und „schulfrei von Dezember bis Mai“ jetzt neu: „Sommerferien bei regnerischen 15°C ohne Internet“. Wir nehmen direkt die extended version „ohne Mobilfunkempfang im Wohngebäude“, wenn schon, denn schon.

Am Ende dieses Tages sitze ich im Garten. Auf der Treppe, die man von keinem Fenster aus sehen kann, im Dunkeln. In der Hand ein Glas, darin ein großer Schluck vom besten Weihnachts-Whiskey. 20 Minuten allein sein. Herrlich. Die Ruhe ist so erholsam, dass ich mir, als das Glas leer ist, eingestehe, dass ich dem Zusammenbruch sehr viel näher bin, als irgendeiner Form von Erholung.


Die Freude, als das Internet am Nachmittag des nächsten Tages zu uns zurückkommt ist riesig. Auf einen Schlag ändert sich die Grundstimmung. Spielen, Videos, Musik, telefonieren, man könnte sogar wieder Fernseh gucken, so viele Möglichkeiten. Maikind sagt, er habe da jetzt nochmal drüber nachgedacht und, eigentlich ist es doch in manchen Situationen vielleicht praktische kein smart home zu haben. Da hat er wohl recht.


Vier Geburtstage und ein Gemeindefest in 10 Tagen, waren das. Nächste Woche haben wir garnichts vor. Das ist auch mal wieder schön.

Regenwetter zum Schuljahresende

Wir nähern uns den Sommerferien. Der Liebste und das Märzkind haben schon frei. Morgens nur zwei Kinder in die Schule zu schicken fühlt sich seltsam an.


Wir verbringen ein bisschen Zeit im Garten. Dabei kommt uns eine Gestaltungsidee. Wir könnten erstmal alles rausräumem und rupfen, was keinem gefällt, vielleicht sähe es dann schon anders aus.


Ich bekomme einen Brief vom Energieversorger. Der Fahrtkostenantrag, den ich damals gestellt hatte, als das Maikind Praktikum gemacht hat, der wurde bewilligt. Man wird mir Geld überweisen. Ich freue mich. Wow, ich freue mich sogar sehr, stelle ich fest, als ich sehe, wieviel Geld man mir überweisen wird. Kein Wunder, dass man dieses Formular aktiv anfordern musste.

Ich bekomme einen Brief von der weiterführenden Schule. Alle Unterlagen sind da, man freut sich mitteilen zu können, dass das Märzkind damit offziell angenommen ist. Schulstandort wird das Städtchen sein. Ab der Sekundarstufe zwei werden die Fahrtkosten nicht mehr vom Schulträger übernommen, man möge sich kümmern. Mööööp! Wobei, sehen wir es mal so: unterm Strich wird uns das Hessenticket somit 62 Euro kosten. Ein Schnäppchen, quasi.


Alle unter 18 Jahren dürfen alle Freibäder im Landkreis umsonst nutzen, bis zum Ende der Saison. Finanziert wird das aus den Mehreinnahmen durch die Corona-Bussgelder. Da hatte doch mal jemand eine gute Idee, die Kinder freuen sich. Man könnte selbstständig, mit dem Bus oder dem AS-Taxi ins Städtchen, sich da mit Leuten treffen und schwimmen gehen, für umme, es tun sich Möglichkeiten auf. Welche Freibäder gibt es denn sonst noch im Landkreis? Wir werden jedes einzelne mindestens einmal nutzen. Schönen Dank auch, ihr Maskenverweigerer.


Der Wetterbericht meldet Regen. Ergiebigen Dauerregen, im Warnbereich rot. Der Liebste sichert das Kellerfenster. Abends gegen halb zehn geht es los. Jo, da kommt ordentlich was runter. Der Hund ist nach den paar Metern Spät-Gassi-Runde klatschnass. Der Liebste läuft mit der Taschenlampe ums Haus. Während der letzten Starkregenereignisse war er nicht zu Hause, jetzt sieht er mal selber, wie das Wasser läuft, aus dem Garten, ums Haus und zum Glück nicht mehr genau in den Keller, die Graben- und Deichanlagen wirken.

Trotz Unwetter schlafe ich ganz wunderbar und staune am nächsten morgen. Das Bächlein im Tal, in dem der Hund gern tobt ist ein Fluss geworden, die Wiese ist teilweise überschwemmt. Ein kurzer Schreckmoment, der Hund hat anscheind nicht wahrgenommen, dass die Brücke, von der er sonst fröhlich ins Wasser spingt, heute nicht begehbar ist. Geradeso schafft er es wieder raus. Das war knapp. Wir gehen lieber wieder.

Wasser rauscht unter jedem Gullideckel. Vor dem Haus kann man hören, wie das Wasser ins nahegelegene Regenrückhaltebecken fließt. Kleine Wasserläufe im Wald sind über Nacht Bäche geworden. Wir dachten, wir hätten viel Regen gehabt, bis wir die Bilder aus NRW sehen. Plötzlich fühlen sich die 40 Liter Wasser, die wir letzte Woche aus dem Keller gewischt haben ganz anders an.


Eine Strickjacke und ein Schlafsack hängen da, seit Tagen, ohne zu trocknen. Fast alle Schuhe dieses Haushalts sind mit Zeitungspapier ausgestopft, und, gibt es eigentlich noch ein trockenes Handtuch? Ist mir egal, dass Mitte Juli ist, ich mache jetzt den Ofen an.


Die Zeugnisse der Kinder sind richtig gut, stellen der Liebste und ich kopfschüttelnd fest. Wir erinnern uns an die Stimmung anfang des Jahres, die Untergangsrhetorik einzelner Lehrkräfte. Da waren wir hier alle so mit den Nerven runter, dass wir innerlich einen Haken an dieses Schuljahr gemacht hatten. Es schien nicht schaffbar, beim besten Willen nicht. Jetzt klopfen wir uns auf die Schultern. Wenn man nur die Zeugnisse betrachtet, funktioniert es zu Hause besser als in der Schule, fast. Was man nicht sieht, auf dem Papier, ist die Erschöpfung.

Und? Wenn wir, als Eltern diesem Schuljahr eine Note geben könnten? Der Liebste und ich sind uns schnell einig. Ungenügend. Das ist allerdings den herausragenden Leistungen einzelner Lehrkräfte zu verdanken, die sich Wissen angeeignet und Equipment beschafft haben, die bereit waren, datenschutzrechtliche Grauzonen zu betreten, und unter ständig wechselnden Bedingungen ihren Job einfach immer weiter gemacht haben. Was die Qualität des Distanzunterrichts angeht, da geht die Tendenz Richtung „erbärmlich“. Ich wüßte ehrlich nicht, was da noch schlechter hätte laufen können. Man kann nur hoffen, dass man den nie wieder brauchen wird.


Sommerferien. Juhu. Oder? Es fühlt sich garnicht so an. Könnte auch ein Lockdown sein. Beim Mittagessen nach dem letzten Schultag sitzen zwei Freundinnen des Julikinds mit am Tisch. Der Klassenlehrer habe gesagt, er wäre eigentlich dafür, dass sie online Unterricht machen, während der Ferien. Das war ein Scherz, da hat der doch selber keinen Bock drauf, mit Sicherheit nicht, die drei sind sich einig, aber alle gucken mich fragend an. Jetzt ist 6 Wochen lang garnix, da kann sie beruhigen. Fröhlich giggelnd verschwinden sie nach draußen. Abends um halb neun kommt das Julikind wieder rein, wegen Hunger. So soll das.

Endlich Ferien.

Erste Juliwoche

Vor den Sommerferien sind es immer mehr Termine als sonst, das ist normal. Normal ist ungewohnt. War das wirklich nur eine Woche?

Wir haben einen Geburtstag und zwei Konfirmationen gefeiert.

Der Liebste und ich haben einen Baumarkteinkauf erledigt, für Reperaturen, die noch nicht dringend waren, aber in absehbarer Zeit dringend werden könnten, vermutlich an einem samstag um 18 Uhr…

Nach erfolgreicher Fehlersuche habe die Steuererklärung abgeschickt, und mir selber auf die Schulter geklopft

Ein Starkregenereignis kam aus dem Nichts. Der Liebste war joggen im Feld. Kurz habe ich mir Sorgen gemacht, aber alles gut. Zum Keller wischen war er wieder da.

Märzkind und Maikind hatten ihre ersten Impfungen.

Ich hatte eine spontane Enkel-Taxi-Fahrt. Arzttermine kann man nicht verschieben, sagt de Omma.

Eine Elterntaxifahrt mit Einkauf während der Wartezeit

Zweimal offizielle GGG-Nachweise besorgt, Hinfahrt – Wartezeit- Rückfahrt.


Leider darf jeder nur drei Leute mitbringen, das Maikind verzichtet zugunsten der kleinen Schwester. Sie freut sich sehr, aber man muss ihm nicht danken, er geht eh lieber mit dem Hund raus…

Ballkleider und Anzüge, eine echte Sängerin, Zuschauer in Festtagskleidung, die Abschlussfeier des Märzkinds ist richtig feierlich. Es ist eine Gefühlsmischung aus „wo sind diese 10 Jahre geblieben“ und „endlich“. Das letzte Jahr war ein ganz besonderes, zum Glück versucht niemand ernsthaft das schön zu reden. Alle Redner fassen sich kurz. Zeugnisausgabe mit viel Applaus. Vor der Halle werden jede Menge Fotos gemacht, dann fahren schon die nächsten festlich gekleideten Familien vor. Aus Gründen findet diese Veranstaltung heute dreimal hintereinander statt.

Abends feiert das Kind auf einem Sportplatz mit den Klassenkameraden. Für die Eltern wurde eine Gegenparty geplant. Bis Mitternacht sitzen wir am Lagerfeuer und tauschen homeschooling-Geschichten aus. Die Geschichten ähneln sich, das tut gut.


Samstag nachmittag klingelt es an der Haustür. Märzkind und ich sitzen gerade am Tisch, sie ist eben erst aufgestanden und noch in Schlabberklamotte, ich bin schon in Schlabberklamotte. Besuch. Wer rechnet denn mit sowas? „Ich muss mich kämmen“, sagt das Kind und verschwindet. Ich mache die Tür auf und freue mich. „Die sehen genauso aus wie wir, kannst wieder rauskommen“, rufe ich dem Kind nach. Der Außendienstler und seine Frau gehören zum Lockdown-Freundeskreis. Zu viert sitzen wir im Garten und trinken Tee, alle in Jogginghosen, ganz normal.

man freut sich

Die Chance schätzt er auf 30%, aber ich soll doch bitte zwischen 14 und 17 in der Nähe des Telefons bleiben. Ich habe sowieso im Haus zu tun. Eine Stunde später klingelt das Telefon. Eine fröhliche Frau infomiert mich, dass WieeinOnkel mich auf die Nachrückerliste hat setzen lassen. Da sei eben eine Dose Biontech frei geworden, wenn ich die nehmen wollen würde und innerhalb der nächsten Stunde da sein könnte. Ja, ich will, und sicher, kann ich.

Ein Blick in die Küche zeigt, dass ich damit nicht wirklich gerechnet hatte. Kann alles warten. Ich ziehe mich um und melde mich bei den Kindern ab. Der Liebste kommt von der Arbeit und bietet an mich zu fahren, wer weiß… Parken, das richtige Haus finden, Zettel ausfüllen, kurz warten, Impfi, kurz warten. Das war`s. Nach einer guten Stunde sind wir wieder zu Hause. Ich freue mich. Es war kein Impfneid, ich hatte echt Schiss, gestehe ich mir ein. Drei Kinder in vollbesetzten Klassenräumen ohne Maske…

Der Liebste freut sich auch, schüttelt aber den Kopf. Da bin ich einfach so, mitten im Leben, vom Betriebsarzt einer Firma, in der ich garnicht arbeite, geimpft worden. Der offizielle Termin für ihn, aus Priogruppe drei, im Impfzentrum ist erst morgen.

Der Tag nimmt seinen Lauf. Um halb zehn treffen wir uns fröhlich, aber total platt, auf dem Sofa wieder. Der Liebste hatte sein erstes football-Training seit, ja seit wann eigentlich?, ich hab Impfkater. Die Symthome sind ähnlich. Eine Flasche Wasser wäre schön, wir schauen uns an. Niemand von uns wird deswegen extra aufstehen.

Ich bin am nächsten Nachmittag wieder fit. Der Liebste bekommt sein Impfi in einen Arm voller Muskelkater, tja.


Ein spontaner Freibadbesuch, mitten in der Woche. Es ist kaum was los. Toben, rutschen, tauchen die Kinder sind wie Kühe, die nach dem Winter das erste mal auf die Weide kommen. Der Kiosk hat geschlossen, ich gehe eine halbe Stunde vor den Kindern raus und kaufe schnell noch was ein, für´s Abendessen. Zwei Kilo Pommes und ein Kilo chicken nuggents werden an diesem Abend restlos aufgegessen.


Abends gegen elf wird es leise im Haus. Allmählich gewöhnen sich die Kinder wieder einen Tag/Nachtrhythmus an. Das Konzept von Schule und Hausaufgaben am gleichen Tag, das überzeugt leider nicht mehr so richtig.


De Omma hat in wenigen Wochen Geburtstag. Die Fenster auf dem Dachboden müssen vorher geputzt werden, selbstverständlich werden in dem Zuge auch die Gardinen gewaschen. Das Gras im Hühnergarten muss gemäht, das Beet vor dem Haus bepflanzt werden. Sie verteilt munter Aufgaben. Jeder ist mal dran. Hochbetagten-Parties sind anstrengend.


Der Honig ist abgefüllt, etikettiert und, wir überlegen kurz – verkauft. Jetzt muss der Sommer noch was bringen. Ein Nachbar- Neuimker hat ebenfalls innerhalb von drei Tagen seine gesamte Ernte verkauft. Er wundert sich. Der Liebste sagt, er hatte es ihm ja gesagt, ab der dritten Saison muss man das Schild abmontieren. Das lockt sonst Kunden an.


13°C und Regen, für die morgendliche Hunderunde brauche ich definitv eine Jacke. Wäre nicht alles so schön grün, es könnte auch Ende September sein. Andererseits, in den Nachrichten sehe ich Bilder aus Kanada, die haben es gerade 46°C. Wenn ich dran denke, wie wir nach den paar Tagen mit über 30°C drauf waren…


Fussball-Europameisterspiel gegen England. Die Jungs kommen an den Tisch, obwohl das Spiel noch läuft. Alles klar. Die Stimmung ist gedrückt. Märzkind und ich übernehmen die letzen Minuten auf dem Sofa, vielleicht schießen sie ja doch noch ein Tor. Wir könnten ein bisschen „oooohhh, ohhh“ sagen und dann fake-Jubeln, schlage ich vor „Das wäre zu gemein“, sagt das Märzkind. „Och guck, da neben David Beckham sitzt Ed Sheeran“, sage ich. Das Märzkind erkennt natürlich Ed Sheeran, aber David Beckham? Noch nie von dem gehört. In solchen Momenten altere ich. Das Spiel wird abgepfiffen und „guck, der Ed, der freut sich jetzt aber“, man wirft uns finstere Blicke zu.

Lockerungs-Übungen

Seit November gelten Lockdown-Regeln, sie sind Teil unseres Alltags geworden. Dass alle wieder täglich zur Schule gehen können erschien uns vor ein paar Wochen noch als unerreichbar. Jetzt dürfen sie auf dem Schulhof wieder ohne Maske rumlaufen, ab morgen sogar ohne Maske im Unterricht sitzen. Die Masken werden nur noch auf den Fluren und im Bus gebraucht. Es fühle sich seltsam an, alle „so nackt“ zu sehen, sagen die Kinder.

Kickboxen findet wieder statt, Chearleading findet wieder statt, das Maikind macht eine Fahrradtour mit mehreren Freunden, man darf wieder einfach so in alle Geschäfte, sich mit Leuten treffen, das Freibad hat geöffnet… es ist kaum zu glauben.


Endlich passt alles. Die Zahlen sind nicht nur bei uns gut, sondern in Thüringen auch. Wir bekommen Besuch. Die Hunde kennen sich nicht, wir treffen uns auf neutralem Boden. Der Hund muss erstmal üben, Gäste zu haben. Die kleinen Menschen brauchen nur 10 Minuten um sich wieder aneinander zu gewöhnen, die pubertierenden Menschen brauchen einen Moment länger. Vorsichtig erkundige ich mich bei dem mitgereisten Teenager, für was er sich denn interessiert. „Essen, zocken, Schwimmbad, Fahrrad fahren“ Ein Schwimmbad haben wir nicht in der Nähe, aber der Rest ist haargenau das, wofür sich das Maikind auch begeistern kann. Die zwei verschwinden.


Mitten in der Nacht werde ich wach und frage mich wieso. Der Liebste scheint auch wach zu sein, mehr oder weniger. Mit einer Hand wedelt er über seinem Wecker. Der projiziert erst die Uhrzeit an die Decke, beim zweiten Wedeln die Temperatur. 26.6°, aha, so fühlt es sich auch an. Alle Fenster sind auf, die Türen auch, es müsste quer lüften, aber die Luft bewegt sich nicht. Ich döse wieder ein, schlafen kann man das nicht nennen, eine halbe Stunde später kraschpelt es über mir. Ist da jemand auf dem Dachboden? Morgens um halb drei? Lieber mal gucken. Das Märzkind kommt mir entgegen. Sorry, aber sie musste den Ventilator holen, Pluseins krepiert sonst gleich. Verstehe, alles gut. Gerade, als ich dachte, jetzt schlafe ich aber gleich wirklich ein, flackert das Licht vor dem Fenster. Um diese Zeit dürfe da kein Licht sein, vor dem Fenster, und was ist das eigentlich für ein Geräusch? Gewitter, meldet der wache Teil meines Gehirns, aber so richtig. Es ist noch weit weg, aber ich stehe auf und ziehe alle Stecker am Computer des Maikinds. Die Fenster mache ich auch lieber zu. Das nächste mal werde ich davon wach, dass eine Windböe die Gardine ins Zimmer weht, der Liebste war anscheind nach mir nochmal wach, und wollte die Zugluft nutzen.


Die Kinder sind in der Schule, der Liebste hat Frühschicht, da kann ich mal ganz in Ruhe wohnen. Das ist die Gelegenheit. Die Steuererklärung, sie wartet auf mich. Ich habe die Zertifikatsdatei aktualisieren lassen, ich habe die Belege gesucht, ich habe den Zettel mit dem Passwort gefunden. Es gibt keine Ausrede mehr.

Siehe da, wenn man nebenher nicht noch andere Sachen suchen/finden/unterschreiben/erlauben/kochen soll, dann ist es eigentlich schnell erledigt. Das Ergebnis der Probeberechnung schockiert mich. Das ist doch wohl nicht sein. Ich kontrolliere meine Angaben und murmele Kraftausdrücke dabei. Ich telefoniere. Die Steuerfachkraft meines Vertrauens sagt auch, das kann nicht sein, da müssen wir nochmal gucken, ich bin erleichtert. Die Frist endet übrigens erst Ende Juli, nicht nächste Woche.


Elterninfos kommen wieder auf Papier. Einmal Klassenfahrt Phantasialand, zahlbar in bar, bitte in einem Umschlag mit Name drauf, einmal Klassenfahrt Phantasialand bitte überweisen aufs Schulkonto, einmal Wandertag zum Riesen-Spielplatz – 2,50Euro für den Bus zurück mitgeben, einmal Ausflug zum Disc-Golf, die Einverständniserklärungen im unteren Bereich des Zettels jeweils unterschreiben, abschneiden und dem zugehörigen Kind mit passend abgezähltem Geldbetrag aushändigen. Die Infos in den Muttizetteln unterscheiden sich, ich google die Einreisebestimmungen vom Phantasialand nach und trage alles in den Kalender ein.

Ich wette: Sollten die Schulen im Herbst nochmal schließen müssen, wird uns der Distanzunterricht wieder in der gewohnten Qualität angeboten werden.


Etwas nachdenklich sitzen wir abends um halb sieben am See. Die Honigernte war in zweieinhalb Stunden erledigt. Das hat Vor- und Nachteile.

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Frisch Getratschtes: Der neue Teilzeitnachbar hat da dieses Gartenprojekt, er hatte es doch wirklich im Detail erklärt, es wurde schlampig umgesetzt. Er ist enttäuscht. Ich überlege, ob ich mal andeute, dass die Hecke nicht schalldicht ist.

Das AS-Taxi kam spät, das ist nicht weiter schlimm, das Märzkind hat ein mediteranes Zeitgefühl, aber gewundert hatte sie sich doch. Die Fahrerin habe sich entschuldigt, es ging nicht eher. Der Vatter vom Kurt hat Geburtstag, und, wann wird schon mal jemand 92? Das muss man doch feiern, gerade in diesen Zeiten. Deswegen ist der Kurt heute in Frankfurt, und sie fährt zwei Linien, dass muss eben mal einen Tag so gehen. Das muss es, dafür haben alle Verständnis. ( Der Kurt fährt normalerweise die AS-Taxi-Route vom Städtchen bis hier – bei jedem Wetter)

to do

„Ich weiß garnicht, wann ich zuletzt in einem Geschäft drin war“, sagt das Julikind. Stimmt, ich auch nicht. Wir geben Kontaktdaten an und dürfen dann einfach so rein. Der Liebste geht mit dem Maikind in, welche Abteilung auch immer kurze Hosen in seiner Größe verkauft, das Julikind und ich gehen in die Kinderabteilung. Winterjacken, Bademode, im Moment kann man alles haben. Die Liste ist lang, denn es passt so gut wie garnichts mehr. In anderthalb Stunden holen wir ein halbes Jahr „Konsumausgaben“ nach.


Den Einschulungs-Einkauf damals habe ich gemacht, Bleistift mit Glitzersteinen, rosa Kunstmappe, es fühlt sich noch garnicht so lange her an. Den Abschlusseinkauf übernimmt der Liebste, eine winwin Situation. Das rosa Ballkleid liegt trotz Reduzierungen ein mü über dem angedachten Budget, aber toll ist es, keine Frage. Außerdem spendiert der stolze Papa eine Palette Atra Rakete Gigant (*Werbung, wobei, ganz ehrlich, ich rate ab), damit das Märzkind am Samstag das Ende der Prüfungswoche feiern kann. In echt. Mit Freunden.


Libuse Safrankova (tut mir leid, die kleinen Striche fehlen, ich glaube, meine Tastatur kann gar kein tschechisch) ist verstorben. Wir kannten sie natürlich nicht, aber die Anteilnahme ist groß. Unser Aschenbrödel. Kann man ruhig auch mal im Juni gucken, den Film, findet das Märzkind.


Ich rufe innerhalb der Geschäftszeiten an und die Leitung ist frei, es klingelt. Es ist nicht mein erster Versuch, das wollen wir doch mal sehen, denke ich. Nach dem zehnten Klingeln meldet sich eine Dame, die sich ganz offensichtlich gestört fühlt. Gut so. Ich schildere mein Anliegen, sie kann mir wenig Hoffnung machen, in dieser Sache, ist aber bereit, mich zu verbinden, mit der zuständigen Kollegin. Ich schildere mein Anliegen, die Kollegin sagt, „das das ja alles jetzt langsam wieder los gehe“, wann genau, das wisse man aber leider noch nicht, sie könne mich da auf eine Warteliste setzen. Ich weise darauf hin, dass das Kind diese Bescheinigung bis zum Beginn des Praktikums benötigt. Mein Ehrgeiz verwirrt sie. Sie erkundigt sich nach dem Betrieb, nimmt Daten auf. Also, wenn das so ist, da sei sie recht zuversichtlich, dass das noch vor August möglich sein werde. „Ganz ehrlich, Ihre Zuversicht ist mir da ein bisschen wenig“, sage ich und erkundige mich, ob es noch andere Möglichkeiten gäbe, an so eine Bescheinigung ranzukommen. Leicht angenervt sagt sie, ich könne es mal im Nachbarkreis versuchen, ob ich dann jetzt nicht auf die Warteliste will? Doch, will ich.

Nachmittags gebe ich mal „Gesundheitsamt Nachbarkreis“ in die Suchmaschine ein. Nur so. Siehe da, es gibt eine Internetseite, mit einem Button für „Belehrungen nach §42 §43 Infektionsschutzgesetz“. Wegen der aktuellen Situation werden die im Moment nicht als Präsenzveranstaltung angeboten, sind aber als online-Veranstaltung buchbar. Terminauswahl. Klick. Nächste Woche von Montag bis Freitag zwischen 8.00 und 20.20 Uhr, was darf`s denn sein? Klick. Daten angeben. Bestätigungscode senden. Gebühr überweisen. Hat alles in allem eine viertel Stunde gedauert. 5 Minuten davon hat das Märzkind überlegt, welchen Termin sie möchte.


Der Mohn hat in den letzten beiden Jahren jeweils einen Tag geblüht. Der traurige Rest der Pflanze hat mich den Sommer über so vorwurfsvoll angeguckt, dass ich sie letzten Herbst ausgebuddelt habe. Sie steht jetzt in einem Teil des Gartens, den ich vom Fenster aus nicht sehen kann. Der Mohn blüht prachtvoll, dieses Jahr, seit einer Woche schon.


Diese Woche, sie nimmt kein Ende, man meint, es müsste Freitag sein, mindestens, aber nein, es ist tatsächlich erst Dienstag. Das sind ja jetzt noch drei Tage, es ist noch nicht mal die Hälfte geschafft. Wie hat man das früher ausgehalten, man weiß es nicht mehr.

Die Kinder hatten zwei Schultage hintereinander. Ehrlich gesagt, ich habe auch so ein Freitagsgefühl. Die Woche ist zäh.


„Am Wochenende war hier die Hölle los“, sagt der Mann im Häuschen am Erdbeerfeld, wir sollen es mal in diese Richtung versuchen. Viel ist tatsächlich nicht mehr dran. Zu zweit pflücken wir eine Stunde. Es ist nicht so viel wie wir eigentlich wollten, aber es reicht für die 20 Gläser Erdbeermarmelade, die wir brauchen. Das ganze Haus riecht nach Erdbeeren.


Ein Anruf wegen dieser Zahnbaustelle, es geht nicht voran und mich würde interessieren warum. Ich habe jetzt einen Sachbearbeiter mit einer Durchwahl, damit ich nicht durch`s callcenter muss, nächstes Mal. Läuft.


Der Teilzeit-Nachbar aus der Großstadt hat ein outdoor-Projekt. Er hämmert in unregelmäßigen Abständen auf irgendetwas aus Metall. Zwischendurch diskutiert er mit einer weiteren Person darüber, wie man besten auf irgendetwas aus Metall hämmert. Ich frage mich, ob ihm bewusst ist, dass der halbe Ort ihn hören kann, einige vermutlich sogar sehen, er arbeitet unter Flutlich, abends um halb elf. Nur weil es leise ist, im Ort, heißt das nicht, dass niemand da ist.


Man sieht wieder mehr Flugzeuge. Den tiefblauen Coronahimmel, die Fernsicht und die Sonnenuntergänge werde ich vermissen, wenn wieder alle jederzeit überall hin fliegen können.


Vereinssport darf wieder stattfinden. Wie sehr das gefehlt hat, merkt man erst jetzt so richtig.

Das Märzkind muss vor dem Training einen Selbsttest machen, das ist kein Problem, die werden im Moment für 80 cent verkauft, ich bringe welche mit. Die Gruppe vom Julikind wird draußen trainieren, man wird sich vorerst nach dem Wetter richten, was die Termine angeht.


Verabredungen, Termine, Einladungen, in den nächsten drei Wochen ist hier mehr los als bisher im ganze Jahr. Schön, einerseits, andererseits kann ich es kaum glauben, nach so langer Zeit.

Hallo Juni

Ich habe im Garten gesessen, einen ganzen Nachmittag lang. Ich habe ein Buch fertig gelesen. So fühlt sich also Freizeit an. Ich nehme mir vor, dass mal wieder zu machen, es tut gut.

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Drei Tage hintereinander Gewitterluft. Eine Unwetterwarnung ploppt auf, 40l pro Regen Quadratmeter scheinen möglich. Oh ha, da lege ich aber mal eben die Sandsäcke vors Kellerfenster. Ich hatte mit Spott gerechnet, wenn man mich dabei sieht. Statt dessen geht zweimal ein Fenster auf und mir wird Hilfe angeboten. Niemand hat Lust, den Keller zu wischen.

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Ein nettes Telefonat mit der Gastgeberin der Pension in der Nachbarschaft. Monteure sind sehr angenehme Gäste. Wenn da irgendwann wieder Touristen kommen sollten, vielleicht muss man die Preise anpassen. Die Kalkulationen gehen nicht mehr auf. Touristen benehmen sich nicht mehr wie Gäste. Natürlich nicht alle, aber doch viele.

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Mehrere Pakete mit Computerbauteilen sind angekommen, das Maikind ist im Zimmer verschwunden. Ein Teil ist defekt. Er probiert hin und her und dann ist er sich sicher, das muss zurückgeschickt werden. So ein Pech, er ist genervt. Ich muss einen digitalen Rücksendeschein ausfüllen. Er diktiert mir in aller Selbstverständlichkeit, was ich in das Feld für die Fehlerbeschreibung reinschreiben soll. Ich habe ehrlich keine Ahnung, was das bedeutet. Ob er sich sicher sei damit, erkundige ich mich. Er erklärt mir, warum das nur so sein kann, ich nicke und sage „okeee“. Es fühlt sich immernoch so an, als würde ich einen Eimer Druckluft reklamieren wollen.

Innerhalb weniger Tage kommt Ersatz und alles läuft. Große Freude.

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Plötzlich und unerwartet gehen die Inzidenzzahlen auch bei uns nach unten. Ab nächster Woche wird das Julikind wieder Präsenzunterrricht haben, jeden Tag, mit der ganzen Klasse. Das Märzkind in der Woche darauf auch. Ironischerweise ist das dann die Woche nach den schriftlichen Prüfungen. Noch eine Woche später wird das Maikind…das glauben wir dann, wenn es soweit ist.

Das Märzkind wird ein Kleid brauchen, für den Abschluss.

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Kaffee trinken mit der Omma. Der neue Hund ist durchs Beet mit den Stiefmütterchen gelaufen, Drama. Die Orchidee blüht, da muss ich gucken. Ich interessiere mich nicht für Zimmerpflanzen, aber ich schaffe es nervlich wieder eine viertel Stunde „ah“ und „oh“ zu sagen. Solange dauert die Tour entlang der Fensterbänke.

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Das Julikind snackt im 2 Stunden Takt. Die Hose, die vor zwei Wochen noch gepasst hat, ist eindeutig zu kurz. Mehrmals am Tag haut sie sich irgendwo an. Das ganze Haus passt ihr nicht mehr. Als fürsorgliche Familie nehmen wir natürlich humorvoll Anteil. Jeder hat im Haus eine „verdammtescheißEcke“, an der alle anderen immer einfach so vorbeigehen, ohne sich je anzuhauen.

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Viertel nach acht. Man müsste was hören. Es tut sich aber nichts. Ich klopfe, keine Reaktion. Ich gehe rein, alles dunkel. Ein Wuschelkopf erhebt sich vom Kissen und schaut mich fragend an. „Ähm, Schule? Jetzt.“, sage ich. Oh. Das sei aber kein Problem, denn es sind noch zehn Minuten Zeit. Nee, sind`s nicht, es ist schon zweite Stunde, und das heißt, der Bus fährt in fünf Minuten. Zwei Minuten später kommt das Kind ins Esszimmer gestolpert, greift sich im Vorbeilaufen die Brotdose und erwischt tatsächlich den Bus. Respekt. Beim Mittagessen fällt mir allerdings was auf. „Samma, du warst nicht in deiner Schlafi-Hose in der Schule, oder?“ Das Kind grinst. „Wieso, haben alle gesagt, sieht voll stylisch aus, und warum ich die nicht öfter anziehe.“ Ich schüttele mit dem Kopf und murmele. Nächste Woche sind Prüfungen, bis dahin schaffe ich es noch.

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Pluseins hilft beim Mathe-Lernen. Die Lage scheint ernster zu sein, als man uns gesagt hat, denn sie lernen wirklich. Da ist sie wieder, diese Aufgabe, mit dem Kapitän, der vom Schiff guckt, und man soll berechnen wie weit. Mit`m Sinussatz macht man das, alles ganz logisch, einfach lösbar.Tja, wenn sie meinen. Ich freue mich. Vor allem darüber, dass ich das nicht können muss.

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Ich hätte da mal eine alltägliche Sache beim Gesundheitsamt zu erfragen. Leider rufe ich außerhalb der Geschäftszeiten an. An einem Montag nachmittag, um kurz vor vier, während einer Pandemie. Naja, so dringend ist es nicht, aber ich denke eben gerade jetzt dran, und wer weiß, ob ich das nochmal tue, bevor es wirklich dringend wird. Bestimmt gibt es noch irgendeine andere Möglichkeit der Kontaktaufnahme. Ich klicke unmotiviert auf der homepage rum und finde nichts. Ab heute ist die Impfpriosierung aufgehoben, wenn ich schon mal da bin, könnte ich mich im Impfzentrum registrieren. Nö. Die Nachrückerseite pausiert. Man habe da noch 8000 Leute aus der Priogruppe 3 zu versorgen, die noch keinen Termin haben, alle anderen werden um Geduld und Besonnenheit gebeten. Tja, da kann ich dann wohl nur hoffen, dass das lange genug gut geht.

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„zu verschenken“ Wir stellen an einem sonnigen Tag ein paar Teile vom Dachboden an die Straße. Der Abschied fällt ein bisschen schwer. Nur weil man es die letzten Jahre nicht benutzt hat, heißt das ja nicht, dass man es zukünftig nicht mehr brauchen wird, das Julikind seufzt. Wir einigen uns darauf, alles was heute Abend noch steht wieder rein zu holen. Es dauert nicht mal eine Stunde, bis alles weg ist. Das Julikind freut sich. Was könnten wir denn noch hinstellen?

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Normalerweise würden wir spätestens jetzt Honig schleudern, aber da braucht man noch gar nicht dran denken. Es ist ein verrücktes Jahr.