Eine Woche keine Nachrichten geguckt

In der halben Stunde, die ich auf das Märzkind warte, gehe ich schnell einkaufen. Die Frau an der Kasse wünscht mir einen schönen Feiertag. Hä? Was denn für ein Feiertag? Erst auf dem Weg zum Auto fällt mir ein, dass ja erster Mai ist, dieses Wochenende.

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Ein Strauss Rosen, ich freue mich. So sehr, das könnte ich fast mal in meinen Status stellen. „Jo, das mach ruhig mal“, sagt der Liebste, „wird jedes Jahr teurer“, murmelt er noch. Ich bekomme nicht alle Rosen auf ein Foto, das Märzkind sieht mich turnen und hilft, sie hat die bessere Kamera. Den ganzen Tag über erhalte ich Glückwünsche und wundere mich, wer alles an uns denkt.

Symbolbild aus dem kostenlosen online Archiv

Das Maikind freut sich einen Tag später. Er hatte den Hochzeitstag beiläufig erwähnt und war live dabei, als der Oma klar wurde, dass sie den vergessen hat, zum ersten Mal. „Scheiße“ hat sie gesagt und das tut sie sonst nicht.

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Die Bienenkästen müssen versetzt werden. In einen Kasten hat der Specht über Winter zwei Löcher gepickt. Der Liebste hat schon passende Steine reingequetscht, damit die Bienen während der Fahrt bleiben, wo sie sind. Möglichst ohne Erschütterung tragen wir den Kasten zu zweit ins Auto, schieben ihn vorsichtig in den Kofferraum, setzen uns, schnallen uns an, sagen zeitgleich „woooouuoo“ öffnen die Türen, schnallen uns ab, reissen die Türen auf und springen raus. Hat das jemand gesehen? Zum Glück nicht. Die Zeitung, die das Flugloch verschlossen hat ist beim Schieben ein bisschen verrutscht. Das Bienenvolk ist nach einem Winter mit Specht im wahrsten Sinne angefressen, und empfindlich was Störungen angeht. Der Liebste steckt die Zeitung wieder fest und wir warten noch zwei Minuten, bis die dreißig Bienen, die entwischt waren, aus dem Auto fliegen.

Die Kästen sind zu leicht. Der Frühling hängt zwei Wochen.

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Der Liebste braucht ein Klimmzugband, ob ich denn wohl eins bestellen könnte? Bestimmt. Ich habe keine Ahnung, was ein Klimmzugband ist und google mich so durch, das Internet denkt jetzt, dass ich krassen Kraftsport betreibe. Ich bekomme völlig andere Werbung angezeigt als sonst.

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Man könnte einen Antrag auf Fahrtkostenerstattung stellen, sagt das Maikind, das Formular kann man sich im Sekretariat abholen. Märzkind bringt eins mit, denn diesen Antrag möchte ich tatsächlich stellen.

Man hätte doch sagen können: Danke Eltern, dass ihr euch gekümmert habt, dass die Blagen einen Praktikumsplatz gefunden haben und zwei Wochen lang jeden morgen hin, und nachmittags wieder zurück gekommen sind. Das ist total wichtig für die Berufsorientierung und hat auch kurz davon abgelenkt, dass sie dieses Jahr noch gar nicht in der Schule waren. Natürlich können wir es uns nicht leisten, euren Einsatz ernsthaft zu honorieren, aber gerne würden wir euch symbolisch einen Anteil der tatsächlich enstandenen Kosten ersetzen. Wie viel war es denn und wohin sollen wir es überweisen? Das wäre nett gewesen.

Statt dessen werde ich erstmal darauf hingewiesen, dass Fahrtkosten generell nur bis 30 km erstattet werden. Es sei durchaus zumutbar, die Praktikumszeiten an die Taktung der öffentlichen Verkehrsmittel anzupassen. Es gibt keine öffentlichen Verkehrsmittel (ländlicher Raum) und Bildung von Fahrgemeinschaften war wegen Corona nicht möglich. Das schreibe ich so in die dafür vorgesehenen freien Zeilen neben dem Feld, das man ankreuzt, wenn man mit dem eigenen PKW, nur zu diesem Zweck gefahren ist. Dann muss nur noch der Praktikumsbetrieb mit Unterschrift und Stempel bestätigen, dass das Kind anwesend war, bzw die Anzahl der Fehltage eintragen. Nicht, dass da einer 35 cent zuviel beantragt.

Maikind hat ein dickes Dankeschön vom Praktikumsbetrieb bekommen. Er könnte sich da bewerben, wenn er Ausbildung machen möchte. Große Freude, dafür hat es sich gelohnt.

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Im Modehaus hätte man am Eingang gerne unsere Bescheinigung über einen offiziell durchgeführten negativen Coronatest, nicht älter als 24 Stunden. „Ähm, wir hatten einen Termin vereinbart, telefonisch, Sie hatten gesagt, Sie melden sich, falls sich was ändert, es hat sich niemand gemeldet.“ Der Mitarbeiter ist sehr nett, darf uns aber nicht reinlassen, man sieht, dass es ihm wirklich leid tut, er kann nichts dafür und würde uns gerne bedienen. Wir können auch nichts dafür und würden gerne was kaufen. Der Liebste versucht es mit gesundem Menschenverstand. Er wurde doch getestet, diese Woche, die Kinder auch ( ich noch nie, aber hej, wenn die anderen vier Personen aus meinem Haushalt negativ sind….) Der Verkäufer schaut sich um, ausser uns ist niemand da. Er erklärt sich bereit, Sachen anzureichen, für das Maikind, eine Kabine steht ja quasi im Eingang.

Das Julikind und ich gehen raus, mal schauen, was es im Schaufenster zur Auswahl gibt. Es gibt keine Schaufenster mit Kindersachen. Wir schlendern dort, wo mal eine Fussgängerzone war, rauf und runter und überlegen. Ich könnte das gleiche anziehen wie auf der Konfirmation vom Märzkind. Gut, auf Fotos sähe das komisch aus, aber da war eben Corona, damals, da konnte man nichts kaufen… Ich hab auch so Strickhandschuhe, und einen Parka, zusammen mit einer blauen OP-Maske, könnte ich dasitzen wie Bernie Sanders. Noch ist Zeit, etwas zu bestellen. Oder vielleicht das Beerdigungskleid mit der Bikerjacke? Ach, so viele Möglichkeiten.

Das Julikind braucht Klamotten. Aber wenn sie dafür nochmal extra zum Test muss, dann nicht, das reicht ihr in der Schule. Das verstehe ich. Warum so ein Schul-Corona-Test nicht auch fürs Einkaufen am nachmittag gültig ist? Gute Frage. Eine richtig gute Frage.

Es dauert nicht mal eine halbe Stunde, da kommen uns die Jungs entgegen. Das Maikind ist begeistert, er hat alles, was er sich gedacht hatte. So macht einkaufen Spaß.

Schuhe fehlen.

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So, ab nächster Woche hat der Liebste Wechselschicht und alle drei Kinder Wechselunterricht. Da kann ich mal alle fünf Spalten am Kalender nutzen.

Mal was anderes

Oh, eine Hochzeit? Der Liebste hupt fröhlich zurück. Vier Autos später wird uns klar, dass das keine Hochzeit, sondern die Demo gegen die Windräder ist. Wir haben verschiedene Sachen abzugeben. Ein paar Minuten später begegnet uns der Autokorso ein zweites Mal. Nein, wir möchten uns nicht einreihen. (Natürlich sind wir nicht dafür, dass an der Stelle Windräder gebaut werden sollen. Aber dagegen kann man auch schlecht sein, wenn man seit zwanzig Jahren Ökostrom bezieht.) Auffallend viele SUVs sind dabei. Besetzt mit jeweils einer Person. Wir amüsieren uns prächtig. Darauf muss man erstmal kommen, aus dem SUV heraus gegen Umweltzerstörung zu demonstrieren.

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Information aus dem Elternchat: Ab nächster Woche dürfen die Kinder nur noch mit FFP2 Masken befördert werden. Spaßeshalber weise ich mal darauf hin, dass das Maikind im Praktikum ganz ohne Maske mit auf eine Baustelle fahren durfte. Firmenwagen fallen unter eine andere Richtlinie, erfahre ich. Sicher, hätte ich mir ja denken können.

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Was wäre wenn wir die 165er Inzidenz erreichen und Schulen zumachen? Hätte das Märzkind dann trotzdem Unterricht? Aus dem Ministerschreiben werde ich nicht schlau. Nach Seitenlangem Geschwurbel kommt eine kleine Tabelle. Die hätte mir gereicht. Diese Bundesnotbremse ist für uns (fast) eine Lockerung, das Maikind wird nächste Woche seinen ersten Schultag haben, dieses Jahr. Also, wenn denn dann. Eine Ausgangssperre gilt zwischen 22 und 6 Uhr, das betrifft mich nicht.

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Der Liebste hat das Modehaus am Telefon. Für Konfirmationsklamotten darf man in Präsenz einkaufen. Das ist schön. Der nächste freie Termin wäre in einer Woche. Ähm, muss er kurz seine Frau fragen. Die Frau nickt nur und hofft das Beste.

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Blumen? Wozu denn Blumen? Ach so. Ja dann. Sicher. Aber nix mit Blüten.

Das schnellste Gespräch zum Thema Kirchendeko aller Zeiten.

Das Maikind und ich gehen kurz zur Kirche, um mal zu schauen, was denn da wohl wie zu dekorieren wäre. Die Kirche wirkt einsam. Alles ist so aufgeräumt. Die dicke Kerze war noch nicht einmal an.

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Besprechung mit der Floristin. Alles kein Problem.

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Irgendein Vogel zwitschert einen Klingelton, morgens um kurz nach fünf, im Baum vor dem Schlafzimmerfenster. Düdelüdelüdelüüü. Sehr laut. Wenn der Wecker um halb sechs klingelt denke ich schon seit einer viertel Stunde darüber nach, wie man den Vogel dazu bekommt, seine Frühschicht in den Baum vor dem Fenster des Maikinds zu verlegen, oder sonstwohin.

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Bisher gab es nur nette Reaktionen auf den geänderten Konfirmationsablauf. Sogar von der Omma. Anscheind freuen sich alle, das überhaupt mal was los ist. Auf einmal geht alles ganz leicht, denn „sowas hatten wir ja noch nie“, deshalb hat es auch noch nie jemand besser gemacht.

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Überraschung: Kein Sportunterricht mehr, weil wir über 100 liegen. Das Problem besteht jetzt allerdings darin, dass das Märzkind letzte Woche noch keinen Sport machen durfte und damit 100% des Sportunterrichts diesen Halbjahres verpasst hat. Es soll aber eine Sportnote geben.

Ab nächster Woche wird auch die Abschlussklasse in Wechselunterricht gehen. Wechselunterricht klingt ja, als würde man zur Hälfte in der Schule und zur anderen Hälfte digital unterrichtet. So ist es nicht. Wechselunterricht bedeutet, man hat nur jeden zweiten Tag Schule. Die Prüfungen bleiben aber genau so, wie sie immer waren. Normalerweise gäbe es eine Vorbereitungswoche, in der alles was dran kommen könnte nochmal grob wiederholt wird. Ob die dieses Jahr stattfinden kann, hängt von der Inzidenz ab.

Die Stimmung schwankt zwischen „wottsefack-jetzt-erst-recht“ und „wir-werden-alle-bei-Aldi-an-der-Kasse-als-piep-arbeiten-müssen“.

Noch sieben Wochen. Und wenn es geschafft ist, werden wir Sekt trinken, auf dem Schulhof, mindestens.

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Frisch Getratschtes: Jemand im Bekanntenkreis hat möglicherweise eine Impfnebenwirkung. Jemand ist aktuell an Covid erkrankt. Jemand traut sich nicht in die Schule, aus Angst vor Coronatest-Mobbing. Jemand wäre beinahe beklaut worden, auf dem Parkplatz vom Supermarkt. Jemand ist gesünder, als man befürchtet hatte. Und jemand hat 10 Welpen bekommen, so süß.

Bundesnotbremsen-Woche

Montag morgen um zwanzig vor sieben bekomme ich eine whattsapp vom Märzkind: „Nicht wundern, ich habe erst zur zweiten Stunde“. Mich wundern gerade was ganz anderes. „Ich stehe gerade vorm Rewe im Nachbarstädtchen und warte. Die machen erst um sieben auf. Surreal.“

Um viertel nach acht habe ich eine riesen Brotdose befüllt, zwei Überweisungen getätigt, hatte eine Elterntaxifahrt und der Wocheneinkauf ist erledigt und verräumt. Ja, Hund, wir gehen gleich. Erstmal muss ich das Julikind wecken, ist ja wieder Hausaufgabentag, heute. Obwohl, die kann noch eine halbe Stunde schlafen. Ich brauche erstmal einen Kaffee.

Hunderunde. Kochen. Essen. Neue Stundenpläne zur Kenntnis nehmen. Sport? Im Ernst? Passen die Schuhe noch? Wo zum Geier, sollen wir denn bis Donnerstag Sportschuhe herbekommen? Moment. Du darfst doch diese Woche noch keinen Sport machen. Nächste Woche ist Schulsport bestimmt eh schon wieder verboten. Wir haben kein Problem. Hausaufgaben. Ist da jetzt was in Lanis hinterlegt? Oder kommt das so aus, das jede Gruppe jeden Lehrer einmal in der Woche sieht?

Maikind wieder abholen. Er war heute mit auf einer Baustelle, da durften sie ohne Maske arbeiten, das war schön. Vorsichtig erkundige ich mich, wie viele Leute denn da sonst noch… Nicht so viele, ein paar Maler, ein paar Fensterputzer. Seufz. Dafür sitzen wir eigentlich nicht seit November zu Hause. Aber wenn sich alle anderen einig sind, dann gibt es eben auf Baustellen kein Covid. Hauptsache der Junge kann sich mal wieder über was freuen.

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Der Liebste feiert Überstunden ab. Er übernimmt die Familien-Frühschicht. Ich kann morgens um sieben mit Kaffee anfangen, das ist ungewohnt. Aber es tut gut. Die letzte Woche hat mich mental geschafft.

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Mutterkollegin teilt im whattsappchat mit, dass das Konfirmationsdatum verschoben wurde. Seufz. Mal abgesehen davon, dass das Maikind auf keinen Fall verschieben möchte, dieser Termin passt nicht. Garnicht.

Anruf im Pfarramt. Dieses Jahr macht man alles möglich. Der Termin kann bleiben.

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Außer dem Termin ändert sich dadurch allerdings alles. Wir sagen ab, denken um, planen um.

Was darf man denn mit wie vielen Personen unter welchen Umständen wo?

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Der Dachdecker ruft an, morgen passt es. Morgen passt eigentlich nicht so richtig gut. Andererseits warten wir seit fast drei Jahren auf einen Dachdecker, der so einen winzigen Auftrag annimmt. Der Liebste beginnt mit dem Abriss. Das geht einfacher und schneller als erwartet. Am Nachmittag des nächsten Tages ist alles neu. Wie schlimm das wirklich aussah merkt man erst jetzt. Wir freuen uns. Man könnte auf dieses Dach sogar einen Bodenbelag drauftun, dann wäre es als Fläche nutzbar, murmelnd laufen wir eine Weile im Garten auf und ab.

Es ist etwas fertig geworden. Einfach so, mitten im Leben.

Halbzeit April

Das habe ich aber völlig unterschätzt. Wäre es ein Sonntag nachmittag im Juli, würde man sagen, gut was los, hier. Für einen Mittwoch abend bei regnerischen fünf Grad ist es schlicht der Wahnsinn. Die Talsperre läuft über, das haben wir alle, obwohl wir nur eine halbe Stunde weg wohnen, noch nie gesehen. Hunderte andere anscheind auch nicht. In den zwanzig Minuten, die man braucht, um einmal hin und her zu laufen, sehe ich mehr Menschen, als im ganzen letzten Jahr zusammen.

Der Geruch von frisch frittierten Pommes… der Blick auf die Warteschlange. Auf dem Rückweg halten wir am Supermarkt. Dieser Ferientag endet mit 2 Kilo Pommes und drei Packungen Dinosaurier-Nuggets, dazu gab es technische Erkenntnisse und einen kurzen Einblick in die regionale Geschichte. Es ist eigentlich ganz spannend, das hier auch Geschichte passiert, sagen die Kinder.

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Eine Einverständniserklärung und eine Wäscheklammer braucht das Märzkind am Montag, und Julikind am Dienstag entnehme ich dieser Elterninfo. Unsere Wäscheklammern sind zum Teil im Aussendienst, der andere Teil seit Jahren im Keller, für repräsentative, medizinische Zwecke somit eher weniger geeignet. Zum Glück finde ich noch ein neues Päckchen, ich freue mich, dass ich die Kinder nicht mit abgerockten Wäscheklammern zum Coronatest schicken muss. Eine Sekunde später kommt mir das albern vor. Man sollte meinen, irgendwer würde der Schule einen Hunderterpack Wäscheklammern organisieren. Die Mutti-Zettel mit Wäscheklammern dran wandern von einer Ecke in die andere, schließlich klammere ich sie persönlich in die Schultaschen der Mädels. Vielleicht erfindet eines Tages ja mal jemand eine Methode, sich ohne Zettel mit etwas einverstanden zu erklären.

Das Maikind bleibt im Distanzunterricht, theoretisch. Das Praktikum findet statt. Nur aus Spaß frage ich nochmal nach: Wechselunterricht für die achten Klassen wird als zu gefährlich betrachtet, aber wenn sich der komplette Jahrgang, ohne Schnelltests, auf Betriebe/Werkstätten/Einrichtungen/Büros im ganzen Landkreis verteilen ist es OK? Klassenlehrer sagt: So siehts aus, leider. Hat das Schulamt entschieden. Es ist einerseits toll, dass das klappt, weil das Maikind seit vier Monaten immer nur zu Hause ist und sich wirklich auf dieses Praktikum freut, andererseits waren es heute über neunundzwanzigtausend Neuinfektionen.

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Die Konfirmation hatte ich innerlich abgehakt und eigentlich darauf gewartet, dass jemand anruft um mir schonend beizubringen, dass es nichts wird. Den anderen Müttern, (die Organisation liegt in allen Haushalten bei den Müttern) geht es genauso. Als ich erfahre, dass der Kirchenvorstand eine Sitzung einberufen hat, um diesen Gottesdienst rund um die Bestimmungen schön für uns hinzubekommen, bin ich überrascht. Wenn wir also verschieben wollen würden, müssten wir das jetzt sagen. Nachfrage beim Maikind. Verschieben kommt nicht in Frage. Die Diskussionen mit den Mutterkolleginnen dauern bis in den Abend.

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Sind das Halsschmerzen? Räusper. Jo, aber nee. Ich weiß wirklich nicht, wann ich das letzte Mal soviel gesprochen habe, an einem Tag. Und so ohne irgendein Ergebnis.

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Anruf beim Praktikumsplatz: Wie hätten Sie es denn gern, mit dem Coronatest? Man appeliere in erster Linie immer und überall an den gesunden Menschenverstand der Mitarbeiter, sagt man mir. Alle achten aufeinander und wer krank ist, bleibt zu Hause. Ansonsten die üblichen Hygienesachen. So sei man gut über das letzte Jahr gekommen. Klingt vernünftig. Wir müssen am Samstag nicht zum Bürgertest.

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Märzkind hat Krankengymnastik, ich gehe solange einkaufen. Die Vorrät wieder aufstocken. Wenn ab nächster Woche drei von fünf regelmäßig getestet werden, wird wohl früher oder später eine Quarantänesituation eintreten.

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Die anderen Eltern würden dann den Konfirmationstermin gerne verschieben. Wohin weiß keiner.

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Die bestellten Arbeitsklamotten sind nicht angekommen. Der Liebste hätte einen Weg und erkundigt sich im Baumarkt, ob man denn privat vorbeikommen könnte, um welche zu kaufen. Heute sei das noch möglich, sagt der Mann am Telefon. Morgen hätte besser gepasst, aber lieber nicht zu weit in die Zukunft planen.

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Von den Osterferien hatte ich mir ein wenig Erholung erhofft. Weiß ich auch nicht mehr, wieso.

Osterferien

Abends um acht ist es noch hell, eine Amsel zwitschert im Baum und es schneit wie aus Kübeln. Es liegen bestimmt schon fünf Zentimeter auf dem Gartentisch. Da haben wir gesessen, vor genau einer Woche, bis abends um 10, man kann es sich kaum noch vorstellen. Frühlingswetter in den Ferien wäre schön gewesen.

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Der Parkplatz vor dem Baumarkt ist ganz normal gefüllt und gerade laufen 10 Leute Richtung Eingang. Och nö, jetzt muss ich bestimmt ewig warten, bis ich meine bestellte Tapete bekomme. Hä? Die Leute gehen rein? Ich hätte gar nicht clicken müssen. Ist aber trotzdem ganz praktisch. Alles steht parat und ich kann sofort an die Kasse.

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Wo ich schon im Städtchen bin, kann ich kurz in der Buchhandlung vorbei, die Lieblings-youtuber haben etwas neues rausgebracht, es ist dringend. Buchläden haben geöffnet, das wußte ich. Leider nur der Teil der Brettspiele und Bücher anbietet. Eine Postkarte hätte ich noch gebraucht, aber dieser Bereich ist nicht zugänglich. Als ich nach einer viertel Stunde zurück zum Auto komme habe ich einen Zettel unter dem Scheibenwischer, der mich darüber informiert, dass ich demnächst ein Knöllchen per Post bekommen werde, weil ich hier, auf dem noch nicht mal halbvollen Parkplatz, neben der Fussgängerzone, in der so gut wie alles geschlossen hat, kein Parkticket gelöst habe. Ich gebe zu, mit voller Absicht. Ich dachte, das Ordnungsamt hat gerade andere Dinge zu tun und die Stadt freut sich vielleicht, wenn ich den örtlichen Einzelhandel unterstütze. Das mache ich mit Sicherheit so schnell nicht wieder.

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Das Maikind hat das Zimmer mit den geradesten Wänden im Haus. Zu zweit kommen wir gut voran, so macht tapezieren fast Spaß. Als alles fertig ist, sieht es richtig gut aus.

Wenn man dann allerdings auf den Flur kommt, da sieht die Tapete auf einmal übel runtergewohnt aus.

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Die Schule kostet uns viel Energie im Moment. Zu viel. Die Ferien schaffen ein bisschen Luft, um mal an was anderes zu denken.

Ich nehme mir den Wäscheberg vor. Dabei höre „der König von Narnia“ (gibts in der ARD-Audiothek, die bezahlen sowieso alle, ist es dann Werbung?) In der Geschichte ist es immer Winter, und es wird niemals Weihnachten. Das passt. Praktischerweise dauern die zwei Folgen des Hörbuchs genau so lange, wie es dauert, einmal die ganze Wäsche vom Keller bis in die Schränke zu schaffen. Auf dem Weg nach unten nehme ich dann gleich die Schmutzwäsche wieder mit. Ach ja.

Gespräch mit der Freundin. Was machen wir denn wohl mit der Konfirmation? Vier Wochen vorher wäre doch wohl der Moment, da mal ernsthaft in die Planung einzusteigen, Klamotten zu kaufen, Deko. Keine von uns hat bis jetzt irgendwas.

Nächste Woche machen die Achtklässler ein Praktikum, wer`s glaubt… Aber abgesagt ist es nicht. Ich bestelle also eine Arbeitshose für das Maikind.

Es fehlen Unterlagen für das Praktikum des Märzkindes. Ich telefoniere und erfahre, das da eigentlich noch nichts fehlt. Alles der normale Ablauf, es dauert halt hier und da ein bisschen. Auf jeden Fall ist das Märzkind vorgemerkt und man freut sich auf sie, schöne Grüße soll ich ihr ausrichten. Das war doch mal ein nettes Gespräch. Das Kind ist erleichtert. Sie hatte im Stillen schon damit gerechnet, sich auf den letzten Drücker noch was anderes suchen zu müssen. Für die Corona-Kinder gibt es keine kleinen Probleme mehr. Jede Kleinigkeit kann einem jederzeit den Boden unter den Füssen wegziehen.

Die Infektionszahlen, sie steigen. Eigentlich sind wir wieder da, wo wir vor den Weihnachtsferien angefangen haben, mit Lockdown.

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Jemand, der die ganze Pandemie noch nicht einen einzigen homeschooling-Tag begleitet hat, erklärt mir, was sich im Bereich der Distanzbeschulung im letzten Jahr alles getan hat. Ich schildere die aktuellsten Gegenbeispiele, mache auf die Müdigkeit und Verzweiflung der Eltern aufmerksam und stoße auf Unverständnis. Im Haushalt meines Gegenübers arbeitet jemand im homeoffice (im leer stehenden Gästezimmer, auf Büromöbeln, die der Arbeitgeber gestellt hat, an einem vom Arbeitgeber gestellten Computer, mit profesionell betreuten Netzwerken) das funktioniert wirklich ganz wunderbar.

„Was, die Kinder haben immernoch Ferien? Wie lange denn noch?“, erkundigt sich jemand. „Ähm, diese Woche noch, das waren dann insgesamt zwei Wochen, die ersten freien Tage seit Weihnachten, übrigens.“ „Aber, die haben doch schon die ganze Zeit keine Schule“.

Seit über einem Jahr geben wir alles, für das große Ganze. Ich stecke solche Kommentare nicht mehr gut weg.

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Besuch von zwei Menschen, die nicht zur eigenen Familie gehören, ein Fest, quasi. Es tut gut, mal nicht die Schuleltern-Standard-Gespräche zu führen, sondern einfach nur so zu quatschen. Der Abend ist schnell rum, die Gäste werden abgeholt und wir räumen zu dritt fröhlich giggelnd den Tisch ab. Normalerweise schlafe ich um diese Zeit seit drei Stunden, wir sind im eigenen Esszimmer versackt. Das Märzkind und der Liebste gehen noch ein paar Meter mit dem Hund. Während ich die Spülmaschine einräume, überlege ich, ob ich uns für die nächsten Osterferien Urlaub buchen könnte. Helgoland, vielleicht.

Ostern 2021

Um viertel vor sieben ziehe ich den Rollladen hoch. Der Hund hebt verschlafen den Kopf, bleibt aber liegen. In der ersten Woche nach der Zeitumstellung machen wir einfach alles eine Stunde später, außer aufstehen.

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Das Märzkind braucht ein Hilfe, beim Haare waschen. „Welches Shampoo benutzt du denn immer?“, suchend schaue ich mich um. „Das weiße vom Papa“. Ah, das erklärt einiges. Der Liebste bunkert im Gästeklo einen Vorrat dieses Shampoos, der bei seiner Haarlänge für Jahre reichen müsste. Ich hatte mich schon gewundert. „Das riecht aber wirklich angenehm“. Das Märzkind nickt. Niemand riecht gern nach Obst oder Blumen auf dem Kopf, aber ein „macht Haare sauber“- Shampoo gibt es nicht für Mädels.

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Auf dem Weg zur Wäschespinne kommt mir der Liebste aus dem Garten entgegen.

Ich: „Es ist ja noch richtig schön, wir könnten draußen Abendbrot essen.“

Der Liebste, im Vorbeigehen: „Das ist aber eine gute Idee, da fahre ich gleich mal Würstchen holen. Pluseins, der Grill steht da unter dem Dach, Kohle ist im Schuppen“, er verschwindet einen kurzen Moment, taucht wieder auf, wirft sich die Motorradjacke über, „ah, nee, warte mal noch 10 Minuten, ist ja schon halb sieben und es war den ganzen Tag schönes Wetter, könnte sein, der Wurstomat ist schon leer, dann muss ich gerade bis ins Städtchen, Anzünder steht im Regal, das Märzkind weiß wo“, er winkt in meine Richtung und ist weg.

Märzkind „Hä? Grillen wir?“

Ich: „Ich hatte nur gesagt, wir könnten draußen essen.“

Pluseins, kommt mit Grillanzünder in den Garten: „Ist er schon los? 10 Minuten sollte ich warten.“

Der Liebste muss um neun an die Arbeit, wir anderen sitzen noch eine Stunde länger im Garten, weil wir es können. Keines der Kinder hat mehr Unterricht, diese Woche. Ferienbeginn, quasi.

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Anzahl der Präsenzschultage des Maikinds zwischen Weihnachten und Ostern: Null

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Maikind muss dringend mal was anderes sehen. Ich melde uns zur Karfreitags-Andacht an. Nachmittags um 15 Uhr, auf dem Friedhof zwei Orte weiter. Am Eingang wird unsere Anwesenheit abgehakt, ich bekomme eine Hostie „to go“, jetzt neu, mit Wein gebacken, zwei in eins, ich weiß ja nicht. Die Andacht ist schön gemacht, man wartet dieses Jahr ja wirklich auf Ostern, im übertragenen Sinne. Ich kann trotzdem nicht gut folgen. Auf den Grabsteinen um mich rum suche ich nach bekannten Namen. Wann habe ich eigentlich zuletzt so viele Menschen auf einmal gesehen? Nicht ein einziger trägt Jogginghose. Es raschelt, als alle die Hostie aus der Packung friemeln und sich unter die Masken schieben.

Allmählich habe ich nicht mehr so richtig Lust auf diese normalitätsersetztenden Events, gestehe ich mir auf dem Rückweg ein.

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Am Samstag ist das Frühlingswetter schon wieder vorbei. Wir sitzen in Winterjacken um die Feuerschale und backen Stockbrot.

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Wir sind „die Crew“* (*Werbung, unbezahlt, unbeauftragt, Spiel selbst gekauft) und reisen per Kartenspiel ins Weltall. Man muss eine Mission schaffen, um die nächste spielen zu dürfen, es gewinnenen entweder alle oder keiner. Auf dieser Mission ist jemand ernstlich erkrankt und muss isoliert werden. Der Kommander entscheidet, wer das sein soll. Es darf nur eine Frage gestellt: Wie geht es dir? Die Antwort lautet gut oder schlecht. Mehr darf man nicht sagen. Kommander dieser Mission ist das Julikind. Der Liebste wird gefragt, wie es ihm geht. Naja, also, wenn er da so in seine Karten guckt, dann gehe es ihm so mittelprächtig, tendeziell eher gut, wahrscheinlich, sagt er. Der Kommander weist scharf auf die Kommunikationsregeln hin. Nagut, dann gut, sagt der Liebste. Leider geht es allen anderen auch gut, was wohl heißt, dass der Kommander mal abgesehen von der höchsten Karte nur Schrott auf der Hand hat. Der Liebste wird isoliert und darf damit in dieser Runde keinen einzigen Stich gewinnen. „Das gibt nix“, sagt er, „mit den Karten kann man nicht nicht gewinnen, wir sind verratzt“. Julikind denkt kurz nach und eröffnet das Spiel. Sie spielt die Karten, die sie hat in so geschickter Reihenfolge, dass wir die Mission nach 10 Minuten gewinnen.

Der Liebste und ich müssen ein bisschen schmunzeln. Eine zehnjährige managt eine Quarantänemission mal gerade einfach so.

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25 Eier hat der Osterhase im Garten versteckt. 23 werden gefunden. Die anderen zwei bestimmt auch noch, irgendwann, später im Jahr.

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Ostermontag ist es windig und es schneit. Das perfekte Wetter zum drin bleiben. Kurz entschlossen reissen wir die Tapete beim Maikind im Zimmer ab, in der Hoffnung, dass click und collect im Baumarkt nächste Woche noch möglich ist.

Angenehm ruhige Ostertage waren das.

Ende März

Nach vier Tagen nicht funktionierendem Distanzunterricht rufe ich dann doch mal in der Schule an. „Oh“, sagt die Frau am Telefon, man wird mich gleich zurückrufen. Es meldet sich der Arbeitslehre-Lehrer, der jetzt auch IT-ler ist. Ich übergebe an das Maikind, sie kommen zu dem Schluss, dass das Endgerät des Maikindes nicht funktioniert. Das ist unwahrscheinlich, aber natürlich nicht unmöglich. Wir probieren also die drei anderen Endgeräte, jeweils an drei verschiedenen Orten, die als Arbeitsplatz in Frage kommen würden. Vielleicht liegt es ja doch am Wlan. Auf allen Endgeräten funktioniert an jedem Ort alles -außer Jitsi. Ich habe den Verdacht, dass das Endgerät nicht das Problem ist.

Ich schreibe eine mail an den Klassenlehrer. Entweder hat da jetzt seitens der Schule noch jemand eine Idee oder wir sind raus. Schöne Ferien.

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Das Maikind ist mental am Ende seiner Kräfte. Er hat am längsten durchgehalten von uns allen. Wir suchen gemeinsam nach dem Licht am Ende des Tunnels. Wir finden mehrere. Sehr kleine, schwache Lichter.

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Das Märzkind hatte Bauchschmerzen, nicht so schlimm, schlimmer, schlimm genug um Samstag morgen zum hausärztlichen Notdienst zu fahren. Der Liebste geht mit, ich kaufe so lange ein und warte dann. Der Liebste kommt allein raus, das Märzkind wird gerade OP fertig gemacht. Schluck. Ich fahre nach Hause und packe eine Tasche. Dann wieder hin um den Liebsten abzuholen. Die Tasche wird am Tresen abgegeben. Weil das Märzkind minderjährig ist, darf ein Elternteil trotz Besuchsverbot am Abend kurz rein. Ich hätte ja gedacht, da muss ich vorher einen Schnelltest machen, aber Zettel ausfüllen genügt. Ist mir ehrlich gesagt egal. Das Märzkind ist noch ziemlich beduselt, wirkt aber den Umständen entsprechend fröhlich. Sonntag fährt der Liebste hin, Montag morgen um elf können wir sie abholen, am Eingang. Die Pflegekraft am Telefon durfte keine Auskunft geben, einen Arzt haben wir nie erwischt. Ein ganz kleines bisschen habe ich den Verdacht, dass dieser Blinddarm ohne Situation vielleicht noch hätte drin bleiben können. Naja, irgendwas war ja, und nun isses eben so. Einen Moment wundere ich mich darüber, was mich alles nicht mehr aufregt.

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Im letzten Jahr haben wir unter dem Balkon gestanden und gewunken, am Geburtstag. Dieses Jahr gehen wir rein. Käthe sitzt im Sessel und hat einen Tisch mit Kerze vor sich. Neben dem Fernseher steht ein extra Tisch für die Blumensträuße und Kartengrüße, im Fernseh läuft Eiskunstlauf. Wir werden herzlich begrüßt, gratulieren mit Händeschütteln, sie erkundigt sich nach dem Märzkind. Der Liebste fragt, ob Käthe eigentlich schon geimpft wurde. „Ach was“, sie winkt ab, „das wird der Herrgott entscheiden, wenn es so sein soll.“ Ihre Töchter seufzen und zucken mit einer Schulter. „War denn der Bürgermeister schon da?“, frage ich, um mal das Thema zu wechseln. „Nee, der war nicht da, hat aber eben angerufen“, sagt Käthe. Ihre Tochter grinst. Käthe habe richtig geschäkert. „Der klang so frisch und freundlich, das war ein richtig nettes Gespräch“, sagt Käthe. Er habe sich entschuldigt, weil er habe ja letztes Jahr gesagt, er komme dann dieses Jahr zum gratulieren und jetzt ging das wieder nicht. „Ganz ehrlich“, Käthe grinst, „ich hatte vergessen, dass er das versprochen hatte“. Naja, sie sind jetzt so verblieben, dass er im Sommer, wenn sie im Garten sitzt mal winken kommt. 101 ist Käthe geworden. Leider wieder ohne Party.

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Brüderchen hat seine erste Impfung bekommen. Damit kenne ich jetzt mehr Leute, die gegen Corona geimpft wurden, als Leute, die daran gestorben sind. Das freut mich.

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Das Maikind und der Liebste schaufeln den Sandkasten leer. Den haben wir schon, solange wir hier wohnen. Er ist nicht mehr schön und wird auch eigentlich nicht mehr genutzt. Trotzdem, den zum Sperrmüll zu legen, das ist ein Meilenstein der Familiengeschichte.

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Der Liebste und ich öffnen den Neujahrswhiskey von Marianne, das haben wir uns diese Woche verdient. Der ist richtig gut. Anstoßen können wir nicht, wir nutzen aus Bequemlichkeit nur ein Glas, aber es ist doch wirklich schön, dass wir uns immernoch mögen, nach diesem verqueren Jahr, da sind wir uns einig. In diesem Sinne, Prost!

Beobachtungen

Das Maikind kommt nicht in den online Unterricht rein. Nicht in die erste Stunde, nicht in die zweite, wir kontrollieren das Wlan und das Endgerät, der Fehler liegt nicht bei uns. Ein Klassenkamerad wird über whattsapp informiert und sagt bescheid. Am nächsten Tag genau die gleiche Geschichte. Soll ich mal in der Schule anrufen? „Wieso“, fragt das Maikind, „es wissen doch alle, dass es nicht funktioniert.“ Von den 13 Stunden Distanzunterricht sind diese Woche vier Stunden ausgefallen, in drei Stunden konnte er sich nicht einwählen. Da hat doch fast die Hälfte stattgefunden, sagt er. Das Problem liegt in meiner Erwartungshaltung.

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Das Julikind soll Kristalle züchten. Zu diesem Zweck wurde eine Zuckerlösung angerührt. Ich bin nicht gut in Naturwissenschaften, habe aber schon oft Zuckerlösungen gekocht. Mit diesem Rezept können da keine Kristalle wachsen. Vielleicht wurden verschiedene Rezepte verteilt und es ist Teil des Plans, das da bei manchen nichts passiert? Das Julikind beobachtet seit zwei Wochen den im Glas hängenden Wollfaden und dokumentiert den Stillstand. Heute ist endlich was passiert. „Vielleicht ist es eine Falle? Ich schreibe gleich: Zwei tote Fliegen schwimmen oben drauf.“, sagt sie.

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„Geht?“, erkundigt sich der Liebste nach fünf Minuten Actionszene am Stück. Die Schnittmenge der Filme, die wir zusammen gucken ist klein. „Jo geht. Es ist eine Mischung aus Indiana Jones und Disneys Vaiana, ich frage mich gerade wer sich sowas wohl ausdenkt.“ Der Liebste sagt, mit Vaiana habe das rein garnichts zu tun, hat er sich eigentlich gedacht, das man das mit mir nicht gucken kann. Spoileralarm: Am Ende des Films kauft Lara Croft ihre Pistolen.

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Ein Kaffeetrinken mit Großeltern und pluseins gilt als Party. Danach gemütliches Beisammensein mit vier Freunden im Gartenhaus. Das Märzkind läuft den Rest des Wochenendes fröhlich summend und singend durchs Haus. Räumt ganz von selber den Partykram auf und gleich noch das Zimmer. Dieses lebensfrohe, ausgeglichenen Kind, ich hatte es schon vergessen.

Das Mutterherz bekommt einen Eindruck davon, wie schlimm dieser lockdown wirklich ist, und möchte eigentlich heulen. Aber natürlich freue ich mich mit, dass das noch gepasst hat, mit dieser kleinen Party.

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In Kassel war eine Anti-Corona-Demo mit 6000 Leuten genehmigt, irgendwo am Stadtrand. Statt dessen ziehen 20000 Leute mitten durch die Stadt, viele davon ohne Masken, ohne Abstände. Es stört mich. Die Polizei ist da leider toleranter.

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Der Lockdown wird verlängert bis 18. April. Keine Reisen in den Osterferien, Gastronomie und alle anderen Freizeiteinrichtungen bleiben geschlossen, Kontaktbeschränkungen gelten, Gottesdienste bitte nur online. Nach Mallorca fliegen, das geht.

gehen Sie nicht über Los

Ich buche einen Termin zum Klamotten einkaufen. Es gibt normale Termine oder welche für Konfirmations- und Anlassmode, jeweils für ein oder zwei Stunden. Gut zu wissen. Das Märzkind hat quasi einen eigenen Verkäufer. Großes Kino. Sie weiß ziemlich genau, was sie sucht, er findet es innerhalb weniger Minuten. Unter diesen Einkaufsbedingungen reicht eine Stunde völlig. Das Märzkind freut sich. Ich mich auch. Aus Protest hatte sie die letzten vier Wochen nur noch ihre schwarzen Sportleggins an. Wir haben wohl beide gewonnen.

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Die Bücherei hat geöffnet und ich kann die Bücher abgeben, die hier seit November liegen, wenn wir schon mal in der Stadt sind. Ein Kochbuch würde ich wohl ausleihen wollen. Am liebsten eins, das keinerlei Leidenschaft erfordert und mit Supermarktzutaten harmoniert. Kinder satt in 40 Minuten, oder so. Die Kochbuchabteilung wurde während des lockdown erweitert. Früher waren faule Köche ohne Thermomix eine Randgruppe, jetzt gibt es ein ganzes Regal voller Möglichkeiten. Es ist toll. Auch das Erziehungsbücherregal wurde neu sortiert. Wo früher Ratgeber für gestresste Helikopter Eltern standen ist jetzt alles voller Duden und homeschooling Sachen. Die Büchertasche ist rappelvoll als wir wieder gehen. Endlich hat mal einer verstanden, was Familien gerade brauchen.

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Frisörtermin, juhu. Zwei Kunden dürfen hier gleichzeitig kommen. Auf dem übernächsten Platz sitzt eine ältere Dame, die es erkennbar genießt, mal wieder was erzählen zu können: In dieser Zeitung gebe es eine Rubrik für Leserfragen, sagt sie. Da habe jemand gefragt, ob man denn auch geimpft werden könne, wenn man seinen Impfpass nicht mehr findet. Impfpass? Hat sie sich da gefragt und erstmal angefangen zu suchen. Tatsächlich habe sie eine Art Impfdokument gefunden, der Hausarzt hat dann aber festgestellt, dass das nicht mehr den aktuellen Gegebenheiten entspricht. Nun ja, da stand nur drin, dass sie gegen Polio geimpft wurde, sonst war ja auch nie was. Man habe ihr eine Tetanusimpfung empfohlen, wegen der Gartenarbeit. Da hat sie gesagt, gut, wenn das heutzutage üblich ist. Das war keine große Sache, das haben die direkt den Tag noch gemacht.

Das Gute am Masketragen ist, man kann grinsen, ohne dass es jemand sieht.

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Als ich den Großeinkauf ins Auto räume summt eine Nachricht. Ich habe so gar keine Lust, da nochmal reinzugehen, weil irgendwas vergessen wurde, gucke aber lieber trotzdem nach. Eine Mutterkollegin bittet mich um Hausaufgaben. Ich schicke ihr ein Foto von meinem vollen Kofferraum „Außendienst, bitte warten“.

Beim Kühlschrank einräumen fällt ein Apfel unglücklich, nicht schlimm, den esse ich sofort. Irgendwas war doch noch, überlege ich. Ach, stimmt, die Hausaufgaben. Ich krame im Rucksack des Julikinds nach dem Hausaufgabenheft, suche, finde, mache Fotos. Die Mutterkollegin bedankt sich, da werde ihr gerade so einiges klar. Der Feierabend ist gelaufen. Ich nehme Anteil. Auf dem Flur bleibe ich stehen. Moment, ich hatte doch, wo hab ich denn?, hatte ich?, ich glaube schon, lieber nochmal gucken. Sehen wir der Tatsache ins Auge. Irgendwo auf dem Weg zwischen Kühlschrank und dem Schreibtisch des Julikinds habe ich einen angebissenen Apfel abgelegt und verdammt nochmal vergessen wo. Allmählich fange ich an, mich selber zu nerven, mit sowas.

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Ah so, nur damit ich bescheid weiß, ne, sagt das Maikind, er hat dann nächste Woche keine Schule. Das ist nur teilweise eine Überraschung. „Hatten die dir denn schon bescheid gesagt, an welchem Tag du hättest kommen sollen?“, frage ich nach. Ich hab gar nichts mitbekommen. Ah so, sagt das Maikind. Das hätte er mir dann auch noch erzählt. Er wäre in Gruppe A gewesen, also Montag/Mittwoch/Freitag/Dienstag/Donnerstag, „aber das ist ja jetzt egal geworden“, sagt er. Stimmt.

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T-Shirt gekauft, beim Frisör gewesen, jemanden besucht und neue Bücher geholt. Es war ein schöner Frühling.

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Es liegen drei Zentimeter Schnee und Hessen zieht die Notbremse. Zurück auf Februar.

März, tadaa

Eine Stunde nachdem ich den letzten Beitrag geschrieben hatte, bekam ich einen Anruf. Der Praktikumsbeauftragte der Firma in der das Maikind gern Praktikum machen wollen würde bat uns, einen Lebenslauf zu schicken. Der Termin direkt nach den Herbstferien sei kein Problem, man gehe allerdings intern davon aus, dass das zu der Zeit eher nix wird. Er vermerkt lieber auch mal den Ausweichtermin.

Ich erhielt ein feedback für meinen vorläufigen Einladungstext und hatte die Idee. Jede Einladung bekam einen anderen Text, handschriftlich, mit Tinte auf Papier. Grundschulwissen der frühen neunziger, gelernt ist gelernt.

Außerdem bekam ich eine whattsapp mit den direkten Durchwahlnummern der Fachverkäufer im Modeladen des Vertrauens. Wir werden da was ausmachen.

Schwiegermutta wird für die eingeschränkt legale Party des Märzkindes ihr Gartenhaus zur Verfügung stellen. Das befindet sich im Moment in einer Art Dornröschenschlaf, wegen Situation, aber das ist kein Problem. Es müssen ja nur 5 Leute sitzen können, der restliche Platz ist für die Aerosole.

Der Liebste hat das Julikind von der Freundin abgeholt und guckt so traurig. Warum denn, frage ich. Auf der Rückfahrt sei er am Pommesgeschäft vorbeigefahren. Die haben aber montags Ruhetag. Das es sowas noch gibt, Begriffe wie montags und Ruhetag. Und dann ausgerechnet heute.

Naja, man kann nicht alles haben.