Dritte Adventswoche, im Nebel

Eine Elterntaxifahrt in der Dämmerung. Von rechts kommt ein Reh aus der Wiese, läuft vor uns über die Straße und auf der anderen Seite den Hang hoch. Kommentar vom Beifahrersitz aus: „Vorsicht. Weitere Einzeltiere können folgen“ Fahrschülerin an Bord.


„Mama, schnell“, ruft das Märzkind. Ich habs gesehen. Kurz nachdem sie der Haustür raus war, ist der Bus vorbeigefahren. Vier Minuten eher als üblich. Ich schnappe mir den Autoschlüssel und rufe nach oben, dass ich kurz nicht da bin. An der Bushaltestelle laden noch zwei ein, die auch zu spät waren, heute kommt kein Bus mehr. Leider steht im nächsten Ort niemand an der Haltestelle und der Bus fährt durch. Auf der schmalen Landstraße kann man keinen Bus überholen. Im nächsten Ort stehen zum Glück ein paar Leute. Ich halte, die drei Mädels bedanken sich herzlich und rennen los. Ich wende und fahre so schnell es geht durch den dichten Nebel wieder zurück. Wenn mir jetzt was vors Auto laufen würde, ich habe kein Handy dabei. Auch keine Jacke, und wenn ich so drüber nachdenke, ich hab Hausschuhe an.

Juhu, die anderen Kinder waren ausreichend geweckt und ziehen sich gerade die Jacken an als ich zu Hause ankomme. Ich hatte mich schon auf eine zweite Tour eingestellt.

Der Bus fährt ab jetzt vier Minuten früher. Es gab eine Fahrplanänderung. Die erste seit – schon immer. Ein Hinweis-Zettel im Bus wäre hilfreich gewesen.


Der Liebste fährt seine Mutter in die Klinik. Zwei bis drei Wochen wird das dauern. Weihnachten müssen wir dann mal sehen, ob und wann und wer und wie und wo.


Ich habe um neun einen Termin, normalerweise hätte jemand die Hunderunde übernommen. Normal wurde abgeschafft, scheint mir. Um halb acht ist es im Feld noch dunkel. Das macht aber eigentlich nichts, denn es ist so dermaßen neblig, da könnte man im Hellen auch nicht mehr sehen. Der Hund läuft zwanzig Meter vor und ist verschwunden. Ich hab schlecht geschlafen und für Kaffee war noch keine Zeit. Dieses Wetter, es ist wie in dem Buch, das ich heute nacht gelesen habe. Eigentlich um müde genug zum weiterschlafen zu werden, hat aber nicht funktioniert. Im Buch kamen die Hungernden aus dem Nebel. Eine Art Zombie-Vampire, die sehen aus wie Menschen, naja, wie tote Menschen, mit roten Augen, Klauen und Reißzähnen um den Lebenden das Fleisch von den Knochen… Drei Meter hinter mir springt etwas aus dem Graben. Da bin ich doch tatsächlich am eigenen Hund vorbeigelaufen, ohne es zu bemerken. Jetzt bin ich wach.


Am Eingang wird kurz ein Blick auf meinen QR-Code geworfen. Danke, alles super, bitte hier. Nachdem letzte Woche im Bastelladen mein Code gescannt und mit Perso abgeglichen wurde, scheint mir diese Kontrolle etwas lasch, aber egal. Es gilt sowieso FFP2-Masken-Pflicht. Einmal waschen, schneiden, föhnen dauert 40 Minuten und kostet 43,50 Euro. Gefühlte Inflation. Ich war allerdings auch schon länger nicht beim Frisör.


Ich lese ein bisschen was über die Omikron Variante und ergänze den Einkaufszettel. Hundefutter, Klopapier, Rotwein, Chips, Schokolade, Tiefkühlschnitzel, Frikadellen in Dosen. Ich will nicht wieder angeguckt werden wie der apokalyptische Hamster, wenn ich für mehrfach-Teenager-Haushalt mit geschlossener Kantine einkaufe. Vorräte verstecke ich im Keller, da vermuten die Blagen nichts Leckeres.


Der Klassenlehrer des Maikinds bittet alle, die bisher noch ohne sind, über die Ferien nochmal über eine Impfung nachzudenken, es gäbe erste Hinweise, dass Schule vielleicht, irgendwann nach den Ferien 2G werden könnte. „Das heißt, ich geh dann nicht mehr hin, oder was?“, erkundigt sich das Julikind, und freut sich schon. „Keine Ahnung“, knurrt das Maikind.


De Omma gibt mir ihr Rezept für Honigkuchen und ruft zwei Tage später an, um zu fragen, wie sie denn geworden sind. Bin ich noch nicht zu gekommen. Was? Wieso das denn nicht? Wegen Sachen. So kurz vor Weihnachten, da müsse man aber schon Prioritäten setzen, sagt de Omma.

Meilensteine im Dezember

Meine Schwester bringt zwei Stühle, die bestellten Möbel sind tatsächlich angekommenund die Stühle sind jetzt übrig. Plätzchenteller auf den Tisch, Kerze an, zack Advent. Wie wird das denn dann Heilig Abend? Erkundigen sie sich. Ich habe keinen ausgefeilten Plan und werde auch keinen machen. Es gibt Essen, es gibt Süßigkeiten, es gibt Geschenke und einen Baum. Das klingt doch recht weihnachtlich.


Wieso bitte, ist diese Antwort denn falsch? Hä, das macht doch wohl keinen Sinn, wieso sollte das jemand wollen? Das Kind links neben mir übt für die Führerschein-Theorie- Prüfung, das Kind rechts neben mir wandelt unechte Brüche in Dezimalzahlen um. Mir raucht der Kopf, ich kann weder das eine noch das andere richtig erklären.

Spaßeshalber bearbeite ich auch mal einen Führerscheinbogen. Wie lange darf man Bushaltestellen halten? Solange, bis man jemanden vom Ordnungsamt kommen sieht, würde ich sagen, aber diese Antwortmöglichkeit gibt es nicht. Man hätte gerne eine Angabe in Minuten. Gut, dann sag ich mal 5. Fünf Minuten parken ist ziemlich kurz. 3 Minuten wären richtig gewesen. Damit ist meine Antwort falsch. Dicht dran gibt es nicht. Ich erwische natürlich ausgerechnet den Bogen, wo diese ganzen Rechenaufgaben-Fragen dran kommen. Bremswege berechnen konnte ich vor zwanzig Jahren schon nicht. 30 Fehlerpunkte, auf einem Bogen, mööp, Rekord.


Das Maikind baut Lego ab. Bespielt wurde das schon länger nicht, aber als Teil der Kinderzimmerdeko gehörte es irgendwie zum Raum dazu. Zipbeutel stehen jetzt dort, wo einst Ninjagodrachen-Krieger in Formation standen. Ein Meilenstein.


Telefonat mit einem Patenonkel. Das Geschenk ist da und ist auch wirklich schön. Aber – „sonst wünscht sie sich nichts?“ „Nee, die Liste war kurz dieses Jahr. Das – und das Corona aufhört.“ Der Patenonkel seufzt.


Der Bürgermeister bringt tatsächlich Kinogutscheine. Das Julikind freut sich wie Bolle. Da geht sie dann aber echt mit ihren Freundinnen.


Einmal muss ich noch in diesen Bastelladen, dann ist Weihnachten offiziell eingetütet. Zu zweit warten wir vorm Laden, weil ich durch die Scheibe sehen kann, dass schon drei Leute drin sind. Impfnachweis und Personalausweis an der Kasse zeigen, dann wünscht uns die Verkäuferin einen schönen Einkauf. Ich suche was ich brauche zusammen, bezahle und wieder raus. Also, das war jetzt einerseits ein gefühlter VIP- Status, andererseits hat mir der Einlass viel zu lange gedauert. Da muss ich schon wissen, dass ich aus dem Laden was brauche. Für nur so, um mal zu gucken, ob ich vielleicht was finde, das wäre mir zu doof. Für den Einzelhandel bedeutet das allerdings keinen Verlust. Ich meide adventliche Fussgängerzonen generell. „Da sind Zuckerbuden aufgebaut“, sagt das Märzkind, „wenn wir sowieso in die Richtung…ohhh das Karusell fährt…guck mal, wie schön…“

Ein Kind sitzt drauf. Es gibt eine Zuckerbude und einen Crepes-Stand. Alle anderen Buden sind geschlossen. Es ist ein bisschen gespenstisch. Und das liegt nicht an meiner Grinchigkeit.


Der neue Entsorgungsdienstleister bietet mir an, für 20,99 Euro im Jahr einen Einlagerungsbehälter für unsere gelben Säcke zu mieten. Darin könnten wir sie kompakt und hygienisch aufbewahren und sie wären vor aufreißen, Verwehungen und Wildverbiss geschützt. Danke für dass Angebot. Ehrlich gesagt nutzen wir die gelben Säcke garnicht. Wir bewahren unseren Plastikmüll aus den genannten Gründen in dem Einlagerungsbehälter für Restmüll auf.


Ich erkläre mich einverstanden damit, dass das nicht volljährige Kind an digital-technisch unterstütztem Fernunterricht mittels Videokonferenz teilnehmen darf.


Nebelschwaden steigen auf, aus dem leicht verschneiten Wald. Schön sieht das aus, von Weitem. Es liegt zwar Schnee, aber es nicht wirklich kalt. Der Boden darunter ist nicht gefroren. Eigentlich ist es nur kalter Matsch, sobald man drauf tritt. Diese Schuhe waren mal richtig teuer. Leider scheinen sie für innerstädtische outdoor-Abenteuer produziert worden zu sein. Sollte ich mir hier, mitten im Wald, morgens um neun den Fuss verstauchen, es würde eine Weile dauern, bis mich jemand vermisst. So geht das nicht. Ich brauche neue Schuhe. Ist ja bald Weihnachten.


Am Nikolausabend brodelt im Dorf normalerweise die völlig überzuckerte Weihnachtsvorfreude aller Einwohner zwischen 5 und ungefähr 12 Jahren. Süßigkeiten-Sammeltag. Klingeln, Spruch oder Weihnachtsgedicht aufsagen, Tüte hinhalten, nächstes Haus. Bis man heiser ist und druchgefroren, oder, aber das wurde nur ein einziges Mal geschafft, wenn ich mich richtig erinnere, alle Häuser durch hat.

Keins der Kinder möchte rumgehen. Ein Meilenstein.

Vier kleine Nikoläuse kommen vorbei. Mit zwanzig hatte ich gerechnet. Der Bär war auch nicht da.


„Wir haben jetzt einen Mann als Kanzlerin“, sagt das Julikind.


Weihnachtskarten wurde gebastelt und verteilt, Adventskalender bestückt, die Geschenke sind besorgt und versteckt, Gebäckzutaten eingekauft, Nikolausstiefel gefüllt. Das wäre dann jetzt die Zeit, wo man ständig irgendwen auf Weihnachtsfeiern fährt, Dinge für Mitbringbuffets vorbereitet, sich Aufführungen ansieht oder sonstwie gesellig ist. Nichts von dem findet statt. Im Edeka sind die Schokonikoläuse und die Lebkuchen reduziert. Die sind durch, mit Weihnachten, soll mir recht sein.


Nur so da sitzen, Kaffee trinken und gucken, welche Vögel ans Futterhaus kommen. Reicht mir völlig an Unterhaltung, gerade. Eine kleine Pause, bevor die nächste Runde eingeläutet wird.

Omikron. Soweit wollte ich das griechische Alphabet garnicht lernen.

Advents-Start 21

„Wir hatten wenig Besuch in letzter Zeit, oder kommt mir das nur so vor?“, überlegt das Maikind beim Abendessen. Das kommt ihm nicht nur so vor, es ist so. Die Coronazahlen im Moment, man will sich gegenseitig nichts bringen… Oh, ach so, sagt er.

Das Robert Koch Institut, die Wissenschaftler der Leopoldina, alle bitten uns eindringlich Kontakte zu reduzieren, wo immer möglich. Ich höre und verstehe das durchaus. Gleichzeitig nehme ich die Stimmung der Kinder wahr. Kontaktreduzierungen sind uns nicht mehr möglich. Corona fressen Seele auf.

Solange Sport stattfinden darf gehen die Kinder hin, fertig. Das Märzkind ist auf eine Geburtstagsfeier eingeladen. Mir ist ein bisschen mulmig, aber ich sage nichts. Brauch ich auch nicht. Es sind nur ganz wenige eingeladen, alle geimpft und heute morgen getestet. Niemand möchte Lockdown mit Eltern riskieren.


Halsschmerzen beim Maikind die ganze Woche. Samstag dann schlimm genug für den hausärztlichen Notdienst. Ich werde gebeten, draußen zu warten, er ist ja schon groß. Zum Glück geht es erfreulich schnell, auf im Auto warten bei null Grad war ich nämlich nicht vorbereitet. Ein blaues Rezept hat er bekommen und den Rat, etwas kaltes zu essen. Jo, gut, dann ist es nicht so schlimm wie befürchtet und er kann Montag wieder in die Schule?, frage ich ihn. Woher soll er das wissen?


Die Uroma ist nicht geimpft. An irgendwas muss sie ja mal sterben, hat sie gesagt. Tja. Da hat sie wohl recht. Mit ihren 101 Jahren ist sie durchaus noch interessiert und informiert, das kann sie selber entscheiden. Aber: Was machen wir denn jetzt mit Weihnachten? Die Chance, dass sie nächstes Jahr noch da ist, ist 50:50, egal was wir tun oder lassen. Das Ganze mal etwas drastischer zu fomulieren hilft bei der Entscheidungsfindung. Wir können es uns mental nicht leisten, das irgendwer aus unserem Haushalt zum gefühlten Todesengel wird.

Vorsichtig erkundige ich mich bei der Schwägerin, wie deren Weihnachtsplan aussieht, wir hätten da eine leichte Tendenz in Richtung „so wie letztes Jahr“. Es dauert keine fünf Minuten, bis ich eine Antwort bekomme. Bei ihnen ist es genauso, „geht net anners“, machen wir uns nichts vor. Ich bin erleichtert, wir werden nicht die einzigen sein, die nicht hingehen. Der Rest wird sich finden.


Eine Hunderunde zusammen mit `m Vatta. Wir haben uns irgendwie länger nicht gesehen und tratschen, schlimmer als beim Seniorencafe. Ich weiß von einer Schwangerschaft und einer Verlobung im Bekanntenkreis. Er berichtet, dass sich jemand freiwillig hat einweisen lassen, wegen was psychischem. Hach, das war aber nett, da haben wir aber beide gleich beim Frühstück was zu erzählen, zu Hause.


Hallo Haus. Nur mal angenommen die Baumärkte würden für zwei Wochen schließen, was würde dir denn als erstes Fehlen? Tropft, quietscht, klemmt oder rostet irgendwo was Dringendes? Sieht nicht so aus.


Ich gehe trotzdem in den Baumarkt, weil ich eine halbe Stunde Wartezeit habe. Das Märzkind hat gerade so eine Duftkerzenphase, es wäre gut, einen Feuerlöscher im Haus zu haben. Es gibt welche mit Pulver und welche mit Schaum drin. Worin besteht denn der Unterschied? Ich frage nach.

Fachverkäufer: „Was möchten Sie denn löschen?“

ich: „Naja, ich plane nichts Konkretes. Sagen wir einfach mal, einen Weihnachtsbaum?“

Fachverkäufer: „Haha, einen Weihnachtsbaum, das ist gut, dann rate ich Ihnen zu diesem hier“

Ich nehme mittelgroßen Feuerlöscher entgegen.

Der Fachverkäufer hält einen Moment inne. „Sie meinten doch einen normalgroßen Baum in einem normalgroßen Haus, oder?“

ich: „Ja sicher, alles normal“

Fachverkäufer: „Dann ist der richtig“.

Der Liebste möchte zu Hause wissen, warum ich mich für diesen Feuerlöscher entschieden habe. Weil das der Richtige ist, natürlich.


Wann ich denn mal wieder einkaufe, fragt de Omma, verdächtig vorsichtig. „Ich kaufe jede Woche ein, was brauchste denn?“ Sie hätte da eine Liste mit Dingen, die sie zum Backen braucht. Der Vatta kauft für sie ein, normalerweise, das macht der auch gut und sie ist ja froh, aber mit dem Einkauf von Backzutaten möchte sie ihn lieber nicht behelligen. Den Vatta graust es vor dieser Liste, das weiß ich. Puderzucker, Zuckerstreusel, Orangeat, Zitronat, alles kein Problem, ich finde das, versichere ich der Omma.


Der erste Schnee fällt und schmilzt am gleichen Tag. Macht nichts, das gilt. Es hat geschneit. Der Liebste hat Spätschicht, auf was sollen wir warten? Julikind und ich gucken „Drei Männer im Schnee“ und teilen uns einen Mandelnougatriegel dabei. Der Film ist so alt, die Leute hatten damals noch gar keine Fernseher. Nach ein paar Minuten vergisst man aber, dass die Farben fehlen. Als der Abspann läuft krabbelt das Julikind unter der Wolldecke hervor. „So“, sagt sie, „dann ist es jetzt Advent“.

Ende November 2021

Es klingelt. Vor der Haustür steht ein riesen Paket. Der Paketbote sitzt schon wieder im Auto. In fünf Minuten kommen die Kinder nach Hause. Wo verstecke ich das denn jetzt auf die Schnelle? Auf dem Dachboden. Ich schaue mich suchend um. Irgendwas muss ich da drüber legen, obwohl, eigentlich, so wie es gerade da steht verschmilzt es geradezu perfekt mit dem rumpeligen Ambiente. Das war leicht.


Weihnachtsgespräche. Das Märzkind ist eingeladen, am ersten Feiertag, ob sie da denn zusagen kann, oder sind wir bei der Oma? Ich weiß es nicht. Diese Seite der Familie kommuniziert nicht. Ich finde, sie kann ruhig zusagen, wer zuerst kommt… Nee, sie würde da schon gern mit, wenn denn dann. Ich weise den Liebsten an, Weihnachtsinfos zu beschaffen. Wenige Tage später bekomme ich die Rückmeldung, dass Planung im Moment nicht möglich ist, aus Gründen, die zur Abwechslung mit Corona mal garnichts zu tun haben.


Ein Gottesdienstbesuch zum Ewigkeitssonntag. Danach auf den Friedhof. Auf dem Rückweg komme ich am Zigarettenautomaten vorbei. Da kaufe ich sonst jedes Jahr ein Geschenk. Jetzt brauche ich das nicht mehr.


Die Inzidenz liegt bei 210. Ich will nichts beschreien, aber, vermutlich wird es über kurz oder lang wieder Einschränkungen geben. Den Kindern gegenüber so zu tun, als wäre das nicht so, finde ich unfair. Ich spreche vorsichtig mit dem Märzkind darüber. Sie wird blass, aber eigentlich, das hatte sie sich auch schon gedacht. Einige aus ihrer Klasse machen Praktika in Grundschulen und Kitas. Da bekommt man ja mit, was gerade los ist. Sie haben in der Schule schon gefragt, wie es denn weitergehen würde, mit den Praktika, im Fall von Schulschließungen. Die haben gesagt „das wird nicht passieren“. Anscheind gibt es keinen was-wäre-wenn-Plan.

Doch, bei uns schon: Wer noch Geschenke zu besorgen hat, oder nochmal ins Kino möchte, oder so, möge das bitte für nächste Woche einplanen. Muttitaxi steht zur Verfügung und Taschengeldvorschüsse wären kein Problem. Möglichkeiten finden, statt mimimi. Jeder denkt bitte einmal darüber nach, wie man ein schönes Lockdown-Weihnachten feiern könnte. Nur eine Denksportaufgabe. Der ursprüngliche Plan gilt bis Heilig Nachmittag, mindestens.


Die Mädels wollten gern nochmal ins Schwimmbad. Wir sitzen mitten in den Blubberblasen und überlegen, wann wir zuletzt im Hallenbad waren. Vor zwei Jahren ungefähr, sagt das Julikind, könnte sein, sie hat recht. Es ist ein bisschen seltsam, dass man vorm Eintritt kontrolliert wird, aber, es scheint so, als wäre 2G ein Filter. Die Leute die drin sind halten sich so gut es eben geht an Abstände und begegnen einander freundlich. Beim Abendbrot ist es auffallend leise. Hat uns schwimmen früher auch so müde gemacht?


„Ach, und ab heute galt dann wieder Maskenpflicht“, sagt das Maikind beim Abendessen. „Stimmt, aber bei ihnen erst ab der dritten Stunde“, sagt das Julikind, die ersten beiden Stunden haben sie noch so gesessen. Wir sind lange über den Punkt raus, wo man sich über sowas wundern würde. „Na, das hat ja dann genau eine Woche lang gehalten, dieses Konzept“, sage ich. Schade. Aber leider sind die Zahlen so, dass man diese Maßnahme eigentlich gut findet.

Die Masken wärmen auch das Gesicht ein bisschen. Das ist praktisch, wenn man bei -2 Grad dauernt das Fenster aufmachen muss. Lüften ist auch im zweiten Coronawinter das Mittel der Wahl. Die Kinder sitzen im Kalten, das ist bedauerlich, aber nicht zu ändern. Energiekosten? Klimawandel? alles pillepalle wenn man dagegen den Aufwand betrachtet, den Anschaffung und Unterhalt von Luftfiltern in Schulen bedeuten würde. Ach, Deutschland.


Der Liebste arbeitet wieder und schafft sogar danach noch eine kleine Hunderunde. Hätte ich nicht gedacht, aber ich freu mich natürlich. Er hat was zu erzählen. An der Arbeit hatten sie heute fast ein Gasleck. Wie kann man denn fast ein Gasleck haben? Erkundige ich mich. Schön, dass es doch noch andere Themen gibt, außer Corona. Und so viele andere Möglichkeiten zu Tode zu kommen.


An der Laterne vorm Haus wurde die Weihnachtsbeleuchtung angebracht. Stimmt, es ist ja schon soweit. Normalerweise ist der Nachbar mit der beeindruckenden Balkonbeleuchtung immer der Erste. Da hängt bis jetzt nur ein leuchtender Stern im Fenster, der blinkt noch nicht mal. Ich hole die Kiste mit der Weihnachtsdeko vom Dachboden. Es fühlt sich so an, als hätte ich sie letzte Woche erst eingepackt.

Normalbetrieb

„Ach, ist Dienstag heute“, denke ich im vorbeigehen. Die Tonnen stehen an der Straße, morgens um halb sieben. Außerdem sind die Badezimmer- Bodenfliesen neu verfugt, richtig gut sieht das aus. Es war natürlich nie so gedacht, dass das wochenlang ohne… verfugte Fliesen im Bad sind im Alltag viel praktischer als unverfugte, da sind wir uns alle einig. Das Auto wurde aus der Werkstatt geholt, hat TÜV und Winterreifen, Getränke stehen in der Garage. Alles einfach so. Der Liebste ist wieder auf den Beinen. Freude und Dankbarkeit! Es fühlt sich fast wie Urlaub an.


Das Julikind kommt fröhlich vom Kickboxen. Der Zeh ist noch nicht richtig gut, aber es ging. Und, da hatte ich doch recht, sagt sie, es geht ihr tatsächlich besser als vorher. Dachte ich mir. Einmal die Woche braucht es das. Selbstverteidigung war heute dran. Die Techniken sind für Gefahrensituationen gedacht, und sollen im Alltag nicht angewendet werden, Ehrensache. Aber, sie wäre bereit eine Ausnahme zu machen und bietet dem Maikind an, ihm mal zu zeigen, was sie gelernt hat, nur zum Spaß, natürlich. Er lehnt dankend ab.


Das Märzkind hat den Praktikumsbericht fertig gestellt und abgegeben. Das trägt auch zur allgemeinen Entspannung bei. Erstmal.

12 Punkte hat sie drauf bekommen, sagt sie. 12 Punkte, ääähm, das ist ne zwei, ist doch gut. Nee, ist es nicht. 13 hatte sie angepeilt, mindestens. Abzüge gab es wegen einer angeblich fehlenden Quellenangabe und für Abschnitte, in denen garnichts angestrichen war. Auf Nachfrage meinte die Fachlehrerin das ihr das „insgesamt irgendwie nicht gefallen habe“. Dazu fällt einem doch nichts mehr ein. Soll sie als Quellenangabe jedesmal „mein Gehirn“ schreiben, wenn sie selber von sich aus was weiß?, das kann doch wohl nicht sein.

Tja, sage ich, dann bist du wohl bei dieser Lehrerin in diesem Halbjahr der Arsch vom Dienst. Das ist blöd, leider passiert einem das manchmal im Leben, ohne das man dafür etwas kann. Der Bericht war klasse, ich habs ja gesehen. Aber – ich bin keine von den Müttern, die hingeht und wegen einer 2 nörgelt. Das weiß sie doch, sagt das Märzkind, das würde ja auch sowieso nichts bringen. Beim nächsten Bericht peilt sie von vornherein zwölf Punkte an, mehr ist eben nicht drin, da kann sie sich den Stress sparen. Und die Lehrerin, die hat sie gefressen, aus diesem Grund und noch ein paar anderen….

Siehe da, im Internet finde ich eine Lösung für Probleme dieser Art: Ein Tierheim, irgendwo in den USA ist bereit, gegen eine Spende von 5 Dollar, Vornamen von missliebigen Personen auf den Boden von Katzentoiletten zu schreiben. Man bekommt sogar ein Foto mit niedlichem Kätzchen daneben. Das könnte sie der Lehrerin ja dann als Weihnachtskarte…Soll ich mal gucken, ob ich in Dollar überweisen kann? Nee, brauch ich nicht, die Oma hat ja ne Katze und einen Edding hat sie selber, sagt das Märzkind.


Coronageschichten am Küchentisch

Der Triathlet berichtet: Drei aus dem Team hatten sich nicht impfen lassen, weil sie gehört hatten, dass es nach der Impfung Leistungseinbrüche geben könne. Seit dieser Woche dürfen die drei nicht mehr ins Schwimmbad, wegen 2G. Alle anderen dürfen normal weitertrainieren. Da wird man dann im nächsten Frühjahr sehen, wie sich das auf die Leistung auswirkt.

Der Nebenerwerbs-Cafe-Besitzer hat das letzte Wochenende erstmals mit 2G-Regeln bestritten. Rein durften nur Genesene, vollständig Geimpfte und Kinder. Am Eingang musste er die Leute kontrollieren. Das geht mit der App ganz einfach. Aber, Sachen hat er sich anhören müssen, schön war das nicht. Er hofft, dass es sich rumspricht, dass hier die Regeln eingehalten werden. Es gibt durchaus Gäste, die das gut finden.

Das Märzkind berichtet, dass so ziemlich alle AS-Taxi-Fahrer ungeimpft sind. Deren Argument: „Mal ganz ehrlich, wenn es nicht ständig im Fernsehen laufen würde, wieviel hätte man denn selber mitbekommen, von diesem Corona?“ Tja, da hat sie gedacht, das stimmt schon ein bisschen, denn sie kennt eigentlich auch keinen, der es richtig schlimm hatte. Ähm, ja. Das spricht aber in meiner Welt eher für diese ganzen Schutzmaßnahmen, denn genau das ist doch der Sinn. Die spanische Grippe hat gut ohne Fernseher und soziale Medien funktioniert, die Pest auch. Ich wappne mich innerlich für den Zusammenbruch des öffentlichen Nahverkehrs nach 16 Uhr und an Wochenenden. Wenn die AS-Taxi-Fahrer ausfallen sollten ist Muttitaxi die einzige Alternative.


Die Inzidenz liegt bei 155. Ich mache mir einen Frisörtermin für den 15. Dezember und stehe danach noch einen Moment nachdenklich vor dem Kalender. Hoffentlich hab ich nicht zu hoch gepokert.

Angedacht ist der Beginn der Weihnachtsferien in Hessen am 23. Dezember. Ich tippe auf Ferienstart am 20. Dezember.

KW45/2021

Wir haben das Jenke-Experiment geguckt, letzte Woche. Ich bin schon oft daran vorbeigefahren, aber drin war ich noch nie. Der Bioladen im Nachbarstädtchen bietet ein ganz anderes Einkauferlebnis als der Supermarkt. Die Preise sind allerdings auch andere. Da müsste man sich erstmal dran gewöhnen. An den Geschmack haben sich aber alle sofort gewöhnt, der Unterschied macht nur um so nachdenklicher. Ganz nebenbei ein Weihnachtsgeschenk gefunden, für die mit dem Ernährungsplan.


Zum Fäden ziehen fährt er selber, sagt der Liebste, das geht, da brauch ich nicht den halben Vormittag warten. Gut, dann müsste er allerdings auf dem Rückweg ein bisschen was einkaufen. Kein Problem. Zwei Stunden später kommt er wieder und trägt Einkaufstüten in die Küche. Seltsam. Ich gehe hinterher, um den Einkauf auszuräumen – ein Reflex. Normalerweise arbeiten wir problemlos zu zweit in der Küche, aber die gewohnten Abläufe sind eingerostet. Wir sind wie dieses Ehepaar aus den Loriot-Sketchen.

Wir rechnen nach. 12 Wochen waren das, die der Liebste auf dem Sofa hat verbringen müssen. Die ersten drei Tage waren richtig schön, sagt er.


Ich pflanze die Erdbeeren um. Das wollte ich eigentlich Ende August schon, ich freu mich, dass es erledigt ist.


Das Maikind wünscht sich was zu Weihnachten. Da muss er dem Christkind aber einen screenshot schicken, weil, so wie er das beschreibt, ich glaube nicht, dass das Christkind das kapiert hat.

Ich bestelle im Computerversand. Der Liebste sitzt neben mir und erkundigt sich, was der Junge sich gewünscht hat. Ich weiß es nicht. „Aber, du bestellst das doch gerade“, sagt er. Sicher, aber ich hab keine Ahnung, was das ist, die Beschreibung sagt mir nichts. „Wie sieht es denn aus?“ „Weißte noch damals, wenn man im Auto die Bedienleiste vom Radio abgenommen hat, damit das keiner klaut, so ungefähr.“ „Zeig mal“, sagt er. Ich drehe den Bildschirm. Er guckt eine Weile und murmelt „tatsächlich, keine Funktion erkennbar, ein Dings – sieht aber nicht so aus, als könnte man damit Uran anreichern oder so, oder?“ „Nein, also, da bin ich mir sicher“.


Corona-Inzidenz liegt wieder über 100 im Kreis. Hatten wir nicht im Frühjahr Ausgangsbeschränkungen, ab 100? Ich weiß es nicht mehr. Da war allerdings auch noch keiner von uns geimpft. Mein Bauchgefühl sagt, über hundert ist nicht gut. Andererseits ist unser Alltag im Moment so dicht dran an normal, wie schon lange nicht. Diese Woche waren Kinder auf drei verschiedenen Geburtstagsfeiern, einer Übernachtungsparty und im Schwimmbad. Es passt irgendwie nicht zusammen, vom Gefühl her.

Ich klicke mich weiter durch die Nachrichten. Mit ein bisschen über hundert stehen wir tatsächlich sogar ganz gut da. Thürigen hat eine Inzidenz von 470, Bayern über 800. Wottsefack! 15 Millionen Leute, die sich hätten impfen lassen können, haben gesagt „och nö, lass mal“. Das war mir nicht bewusst. Wenn die Weihnachtsferien wieder bis Mai gehen wegen diesem scheiß, dann krieg ich Explosion.


Elternbrief vom Kultusminister, er bedankt sich, dass wir alle so fein mitgemacht haben, beim Wiedereinstieg nach den Herbstferien. Das hat gut funktioniert. Ab Montag müssen keine Masken mehr am Platz getragen werden und es werden zwei Tests pro Kind/Woche gemacht. In Quarantäne gehen nur noch diejenigen, die positiv getestet wurden. Sollte das passieren, muss der Rest der Klasse für die nächsten zwei Wochen täglich getestet werden, und während des Unterrichts Masken tragen. OK, also das gleiche Konzept wie im letzen Herbst: Wir nehmen einfach an, dass all diese Kinder morgens um kurz vor acht auf wundersame Weise vorm Schultor erscheinen, und hoffen das Beste.

Drei Tage später: Ergänzung zum Elternbrief vom Kultusminister. Da haben sie jetzt nochmal überlegt, so richtig supi ist das aktuell doch nicht. Es bleibt bei drei Tests pro Woche für die ungeimpften. Ein Test darf nie älter als 48 Stunden sein. Eindringlich werden alle, die die Möglichkeit haben, gebeten, sich impfen zu lassen. Ich bin ein bisschen erleichtert.


Morgens um 10 liegt noch eine dünne Eisschicht auf den Pfützen im Tal. Winter is coming.

KW44/2021

Märzkind ist auf einen Geburtstag eingeladen. Sie fährt dann in einer halben Stunde und bräuchte noch ein Geschenk. Ähm, ja. Ein bisschen verhuscht laufe ich durchs Haus. Geschenk in einer halben Stunde habe ich doch früher dauernt gemacht. Wieso fällt mir das denn auf einmal so schwer? War in diesem Jahr überhaupt schon irgendwer auf einem Kindergeburtstag eingeladen? Ich glaube nicht. Normalerweise bestreiten wir etwa 28 Kindergeburtstage im Jahr. 28 gesparte Geschenke, wo ist eigentlich das ganze Geld? Im Heizöltank, sagt der Liebste.


Morgens um halb sechs steht der Hund bei mir vorm Bett. Allerhöchste Zeit zum Aufstehen, sagt er. Er weiß nichts von Zeitumstellung und Wochenende.


Ich freue mich über die bunten Blätter. Die Herbstfarben haben mir gefehlt, in den beiden Dürrejahren. Das Fegen eher weniger.

Ein Laubbläser-Geräusch am Montag morgen. Die letzten beiden Wochen hatte ich halbherzig den Bürgersteig ein paar Meter weit gefegt, soweit, wie ich halt abends mit dem Hund noch gehe, in Latschen. Die Straße nicht. Die sah aus wie ein riesen Komposthaufen. Vier Leute arbeiten drei Stunden. Wow! Wenn mal acht Wochen lang garnichts gemacht wird, weiß man das hinterher wieder anders zu schätzen. Vielleicht soll das so.


Jacke aus, Schuhe aus, Maske in den Müll, so könnte das gehen. Man kann die Masken aber natürlich auch in die Jackentasche stecken oder in die Sporttasche, in die Mützenkiste, auf dem Rücksitz liegen lassen, unter die Sonnenblende stecken oder ins Autotürfach, man kann sie in die Ritze zwischen Bett und Matratze klemmen, auf die Kommode legen oder in einen Schuh reintun…


Ein Telefonat zum Thema Rettungswagen, letzte Woche. Das hat jeder aus einer anderen Perspektive mitbekommen. Zusammengetragen ergibt sich ein neues Bild. Wenn in so Lebensgemeinschaften einer wegbricht, und sei es nur für ein paar Tage, sieht man mal, wie das große Ganze eigentlich funktioniert. Wir schalten Seniorenbeobachtungs-Level 2 frei: Austausch von Neuigkeiten, die im Notfall gebraucht werden könnten.


Die Arbeitslehre-Lehrerin vom Maikind macht Stress. Schüler-Praktikumsplatz für Ende März nächstes Jahr, hex hex.


Auto ist nicht durch den TÜV gekommen. Zum Glück nur Kleinigkeiten.


Der Fuss des Liebsten, da ist doch irgendwas nicht richtig. Ich könne ja beim Arzt anrufen, wenn ich meine, dass das nötig ist, sagt er, aus seiner Sicht ist alles tutti. Ich beobachte das schweigend einen weiteren Tag und mache dann einen Termin.

„Und?“ frage ich, als er wieder ins Auto einsteigt. „Du hattest recht“, sagt er. Verheiratete Männer leben länger, wegen sowas, vermute ich. Sagen muss ich das nicht, ich kann so gucken.


Eine Trennung im Freundeskreis. Ein Telefonat, wie nach einem Trauerfall. „Oha, ja, Weihnachten. Da ist es wahrscheinlich egal, was du machst. Weihnachten wird richtig scheiße, dieses Jahr.“ Am anderen Ende des Telefons wird einmal kurz gelacht. Ich entschuldige mich. Ich bin kein guter Motivationstrainer. „Immerhin fällt dir was ein, was man sagen kann, in solchen Fällen“, sagt der Liebste. „Und es ist ja so“, sagt die Stimme am Telefon, „schöne Worte helfen auch nicht“.


Alles in allem würde ich sagen, der November hat noch Luft nach oben.

KW 43/2021, oh oh & ein leises hohoho

Der Apfelsaft steht schon etwas länger in der Küche. Ich wollte ja sowieso mehr trinken, das ist doch eine gute Gelegenheit. Ich gieße mir den letzten Schluck mit Wasser auf und trinke noch vor dem wachwerden ein großes Glas Apfel….wurks. Beim vorletzten Schluck wird mir klar, so sollte es nicht schmecken. Eine sauer gespritze Schorle, Montag morgen um viertel nach sechs. Willkommen, neue Woche. Gut, dass ich das nicht in die Flasche vom Julikind gefüllt habe.


Der neue Klassenkamerad ist ein alter Bekannter, sagt das Maikind. Och nö.


Dieses Kapitel soll sie zusammenfassen, sagt das Julikind. Aber – ganz ehrlich – sie hat keine Ahnung, was da wichtig ist. Ich biete an, ihr das Kapitel nochmal vorzulesen, vielleicht kann sie es dann besser verstehen. Nein. Ich auch nicht. Wer bis jetzt noch gern gelesen hat, dem wird es mit dieser Schullektüre sicher vergehen. Das Buch stammt aus der Mitte der neuziger Jahre und wurde lieblos aus dem französischen übersetzt, Sätze schlängeln sich über fünf Zeilen, ohne irgendeine erkennbare Aussage. Sowas muss nicht reformiert oder digitalisiert werden. Das kann einfach weg, finde ich.


Das Julikind wollte ins Kino, am Samstag. Da braucht man einen aktuellen negativen Coronatest, wenn man nicht geimpft ist. Mit elf ist man nicht geimpft. Ich habe einen Termin im Testzentrum gebucht, der wurde mir per email bestätigt. Samstag morgen stellen wir fest – das Testzentrum gibt es nicht mehr. Da ist niemand, am genannten Ort zur vereinbarten Zeit. Planung wird kurz durcheinander geworfen. Das Julikind kommt sich „jetzt aber schon ziemlich verarscht“ vor.

Es wurde ein Testzentrum gefunden, dass samstags ohne Termine testet und sie haben es rechtzeitig geschafft. Aber, es war doch blöd genug, dass ich nachmittags eine Antwort auf die Bestätigungsmail vom Rathaus schreibe. „Herzlichen Dank für Nichts“ mit freundlichen Grüßen. Eigentlich nur für meine seelische Gesundheit, ich hatte keine Reaktion erwartet.

Montag nachmittag steht der Bürgermeister bei uns vor der Tür. Er entschuldigt sich beim Julikind. Sie bekommt erstmal eine Tüte Süßigkeiten und Kinogutscheine wird man ihr zuschicken. Als die mail auf seinem Tisch gelandet ist, habe er erst gedacht, da regt sich wieder einer auf, aber als er dann die Bestätigungsmail gesehen hat, das ist ja wirklich blöd gelaufen. Vielen Dank, dass ich mich gemeldet habe. Ich war die erste, die was gesagt hat. Das Testzentrum sei ja schon seit drei Wochen zu und sie haben alle links von ihrer Seite runtergenommen. Wie ich denn an diesen Termin gekommen sei? Über die Seite vom Kreis, das war ganz einfach. Oh ha, dann wurde da etwas übersehen. Eine Kleinigkeit eigentlich aber, man kann man nur hoffen, dass nicht allzu viele Leute Termine gebucht hatten und jetzt sauer sind, ohne was zu sagen.

Da hat sich das Nörgeln ja mal richtig gelohnt. Eine ganz ungewohnte Erfahrung. Wir freuen uns.


Ich höre einen Rettungswagen. Er fährt an unserem Haus vorbei, und kommt zurück? Das Geräusch hört auf. Ich wollte gerade mit dem Hund raus, ein Blick aus der Haustür – oh, oh. Die parken bei uns und gehen zum Nachbarhaus. Da gibt es nur zwei Möglichkeiten, und wenn einer von beiden einen Arzt braucht, sind bestimmt beide in Not. Ich greife im Gehen ein Maske und informiere den Liebsten, dass ich erstmal drüben gucke, der Hund muss warten. Zum Glück muss ich nichts weiter tun. Die Nachbarin hat alles im Griff. Ich gehe wieder. Rettungseinsätze haben keinen Unterhaltungswert für mich.


Eine Ladung Apfelmus haben wir eingekocht. Ich staune, wie schnell das ging. Naja, der Liebste hat den ganzen Korb Äpfel alleine geschält, während ich draußen Sachen erledigt habe, daran könnte es gelegen haben. Es ist richtig lecker geworden. Während wir so zu dritt in der Küche stehen und unsere Schüsselchen aus dem 10 Liter Topf füllen, ergibt sich ein Gespräch.

Wir schließen ein Abkommen zur kalorienreduzierten Vorweihnachtszeit. Es wird Gebäck geben, aber nur jeweils eine Teller voll, wenn alle, dann weg. Ich hatte Bedenken, das könnte ungastlich sein. Ach was, sagen die anderen, Plätzchen sind hier so lecker, da kann man nicht aufhören und die Gäste wollen doch eigentlich auch nicht fett werden.


Als ich sagte „ich wechsele keine Winterreifen“ meinte ich, dass ich nicht einen Nachmittag lang mit Wagenheber und Drehmomentschlüssel in der Scheune verbringen möchte. Die Reifen ins Auto laden, damit irgendwo hin fahren, wo es eine Hebebühne und ein Schrauberteam gibt, das die Reifen aus dem Auto ausläd, innerhalb weniger Minuten tauscht und die Sommerreifen wieder ins Auto packt, das würde ich wohl machen. „Ach sooo“, sagt der Liebste. „Hä?“ sage ich, weil mir gerade erst klar wird, dass wir da aneinander vorbei geredet haben.


Warum ich ihn eigentlich seit neustem 10 Minuten später wecke, möchte das Maikind wissen. Tue ich nicht. Ich richte mich nach Küchenzeit. Wenn ich da um 6.58 Uhr losgehe komme ich um 7.10 Uhr in seinem Zimmer an. So groß ist das Haus nicht, da passt irgendwas nicht. Ich stelle mich auf den Flur und bitte alle, mir die Uhrzeit zuzurufen. Es gibt Differenzen von insgesamt 12 Minuten. Faszinierend, dass sie alle den Bus erwischt haben, sagt das Maikind. Wir lassen das erstmal so. Sonntag wird sowieso die Uhr umgestellt.


Weihnachtswünsche abgefragt. Sachen gedacht. Rumgegoogelt. Liste geschrieben. Hohoho. Mögen die Spiele beginnen.

Füsse, Wind und aufgefrischte Allgemeinbildung

Flugzeuge. Viele. Morgens um viertel nach sieben sieht man am Himmel über dem Wald ein Schachbrettmuster aus Kondensstreifen. Dieses leise Brummgeräusch, es ist auch wieder da. Vor Corona dachte ich, so hört sich die Welt eben an. Nee, das sind die Flugzeuge. 71 hat er gezählt, sagt das Maikind, als er von der Hunderunde wiederkommt, und das war nur die kleine Runde.

Das Gute daran ist, man kann sonntags morgens wieder die große Hunderunde im Tal am Flüsschen entlang gehen. In zwei Stunden begegnen mir nur vier Menschen. Ich höre sie erst wenige Meter, bevor wir uns treffen. Diese krakelenden Wandergruppen in nagelneuer outdoor-Bekleidung, die im Wald verzweifelt nach W-Lan suchten, sind anscheind wieder auf Malle. So ist es ja für alle schöner.


Ein Computerteil wird geliefert, das Maikind verschwindet freudestrahlend in seinem Zimmer. Das Teil ist neu. Der Computer läuft seit Juni, da waren alle Teile neu. Ein Bauteil für 100 Euro hält also, bei sachgerechter Nutzung 3 Monate? Echt jetzt?


Sonntag, der letzte freie Tag des Märzkindes, Herbstferien, wir könnten doch mal was unternehmen. Wir müssten sogar mal was unternehmen. Was soll man denn sonst erzählen, nach den Ferien? Also? Irgendwer eine Idee? Das Julikind darf nicht schwimmen, wegen Fuss. Draußen rumlaufen geht auch nicht, in den Latschen. Im Kino läuft nichts, was man zusammen anschauen wollen würde. Museum? boar nee. Ein Gesellschaftsspiel vielleicht? Ach komm, geh weg. Das Maikind fragt, ob er dann wieder ins Zimmer gehen kann, weil, er hätte da schon Dinge zu tun. Ja, kann er, wie es aussieht bleiben wir zu Hause. Wir Mädels erzählen uns, worauf wir sonst noch alles keine Lust haben, heute.

Wie wäre es denn, wenn wir etwas von der „jemand müsste mal- Liste“ erledigen? Dafür scheint der Tag geeignet. Wir holen uns die Klamottenkisten vom Dachboden. Was dem Märzkind vor zwei Jahren zu klein war passt dem Julikind. 4 neue Hosen auf einen Schlag, einfach so. Mensch, das hat sich aber mal gelohnt, damit hatten wir nicht gerechnet. Einige Sachen können in den second hand Laden, anderes in den Sack. Die Kiste ist leer, das Märzkind geht ins Zimmer und sortiert Sachen aus, die aktuell zu klein sind, die Kiste kann wieder hoch.

Zwei Klamottenkisten und eine mit fragwürdiger Adventsdekoration haben wir geschafft. Es fühlt sich gut an. Danach räumen wir den Kleiderschrank des Julikinds einmal komplett aus. Was jetzt noch drin ist passt, dem Kind und zur Saison.


Julikind hat Termin bei der medizinischen Fusspflege. In der Praxis steht eine kleine Weihnachtspyramide auf dem Tresen. Sie wird mit Teelichtern betrieben. Überhaupt brennen hier überall Teelichter. Es ist dieser Ayurvedisch-weihnachtliche- Wellnessgeruch. Das kann ich nicht gut wegatmen. Die Deko ist eine wilde Mischung aus indischem Souvenir-Kitsch und Eulen, interessant.


Eine Sturmwarnung ploppt auf. Das nehme ich zum Anlass im Garten ein bisschen aufzuräumen. Wir sitzen eh nicht mehr draußen. Ich richte mich in Sachen Sturmvorbereitung nach den Nachbarn. Wenn die das Gewächshaus mit Spanngurten sichern, wird`s heftig. Wenn nicht, dann nicht. Tja, diese analoge Warnapp funktioniert so nicht mehr. Da wurde ein Wohnmobil angeschafft, das parkt als Windbrecher vor deren Gewächshaus, fällt mir gerade auf.


Die Heizung tropft. Das ist nicht gut. Im Oktober schon garnicht. Der Außendienstler sagt, das sei kein Problem, halbe Stunde. Ich assistiere mit der Taschenlampe. Es ist wirklich kein Problem zu sein, wenn man weiß, was und wie. Ich lerne, wie eine Lötstelle aussehen sollte, damit es nicht tropft. Merke: Alle grünen Wasserhähne im Kellerraum einmal komplett zudrehen – dann komplett aufdrehen – dann eine halbe Drehung wieder zudrehen, immer Ostern und Weihnachten, jedes Jahr. Dann kann man sich sicher sein, dass die Hähne nicht zukalken und sich drehen lassen, feine Sache, wenn man mal Wasser abdrehen muss.

( Danke, danke, danke an den Notfall-Klempner)


„Hä? Warum gibt es denn am Donnerstag Brötchen?“, will das Maikind wissen. „Wegen Sturm“, sage ich. Der Bus vom Märzkind kam nicht, heute morgen. Deshalb war ich schon im Städtchen. „Du kannst fahren, aber der Bus nicht?“ Ja, weiß ich auch nicht wieso.

Gegen Mittag fegen ein paar heftige Böen ums Haus. Ich sichere provisorisch die Gewächshaus-Fenster.


Der Liebste hat keine Schrauben mehr im Fuss. Juhu!


Ich fahre 60km/h auf der mittleren Spur, die Autobahn ist voll. Ooohhh, Blaulicht im Rückspiegel, wo muss ich denn hin? Ich würde sagen nach rechts, aber der vor mir hält sich links, oohhh. „Linke Spur fährt nach ganz links, alle anderen so weit rechts wie möglich“, sagt der Liebste. OK, einen Führerschein würde ich auf keinen Fall mehr bestehen, aber, die drei Fahrzeuge hinter und vor mir haben noch länger gebraucht.

So, un wenn da jetzt gleich Stau kommt, geh ich vorher besser nochmal pullern, in 800m kommt eine Raststätte.

„Wollen Sie wirklich 50 cent verschenken?“ steht an der Toilettentür. Jo, könnte ich eigentlich. Im Restaurantbereich steht eine ganze Busladung voll 13 jähriger für Schnitzel und Burger an. „Hi, will von euch vielleicht jemand meinen Bon einlösen?“, frage ich in die Runde. Die pubertierenden Hirne brauchen einen Moment, um die Frage zu verarbeiten, das kenne ich. Alle wundern sich. „Ähm, joo“, sagt einer, ist sich aber nicht sicher, ob er vereiert wird. „Bitteschön“, sage ich und gebe ihm den Bon. Damit hatte er anscheind nicht gerechnet. „Äh, wow, danke“, ich sehe strahlende Augen und vermute ein Grinsen unter der Maske. Der freut sich definitiv mehr über die 50 cent als ich mich über ein überteuertes Snickers, das ich sonst aus Geiz hätte kaufen müssen.

Oktober 21, Halbzeit

„Mmmmhh, das riecht hier aber….gut. Irgendwie nach, ja nach was denn eigentlich?“ Ein Gast hat uns eine Tüte Äpfel geschenkt, aus dem Garten seiner Oma, in Polen. Sie sind eher klein, dunkelrot, haben erkennbar den Sommer draußen verbracht und duften herrlich. Lecker sind sie auch. Wieso kann man solche Äpfel eigentlich nicht kaufen, fragen die Kinder. Gute Frage.


Das Märzkind braucht eine Hose und ein paar Schuhe. Brauchen im Sinne von brauchen. Klamotten einkaufen und Mathe-Aufgaben können das Märzkind und ich nicht gut zusammen. Wir treiben uns dabei ohne böse Absicht gegenseitig in den Wahnsinn. Normalerweise geht der Liebste mit ihr einkaufen, aber darauf können wir nicht mehr warten. Statt einer Hose finden wir einen Winterpulli, einen Schal und ein Bikinioberteil, die Suche danach wurde schon aufgegeben, entsprechend groß ist die Freude. Wir haben uns den ganzen Nachmittag nicht angezickt, fällt uns auf der Rückfahrt auf, kaum zu glauben. Und ich habe neue Schuhe. Nach Wochen der erfolglosen Suche, einfach so im Vorbeigehen gekauft.


Das letzte Mal hatte ich für 1,38 Euro den Liter getankt. Diese Woche kostet der Liter 1,48 Euro, ich muss kurz schlucken. Am Zielort kostet der Liter 1,56 Euro. Yeah, da hab ich aber ein Schnäppchen gemacht.


Voruntersuchung steht im Kalender. Die Schrauben im Fuss des Liebsten sollen wieder raus. Morgens um halb sechs fahren wir vom Hof. Bemerknisse:

Ein Tempolimit von 130 würde mich nicht betreffen. In den zwei Stunden auf der Autobahn hatte ich nicht einmal das Gefühl 130 fahren zu können.

In dieser Klinik gibt es auffallend wenig übergewichtige Menschen. Gar keine, eigentlich.

Die Stimmung im Röntgen-Wartebereich ist zweigeteilt. Die Ü-60 jährigen sind fröhlich, die U-30jährigen nicht. Vermutlich haben die einen auf ihre OP`s warten müssen, für die anderen war es eine Überraschung.

Cafeteria geschlossen ist blöd. Als die Kinder gegen Mittag Fotos von ihrem Instagramm tauglich hergerichteten Essen schicken droht die Stimmung kurz zu kippen.

Wann sind wir eigentlich das letzte Mal zusammen vier Stunden lang über Krankenhausflure gelaufen, fragen wir uns auf der Rückfahrt. Noch nie. Es dauert insgesamt 10 Stunden und 45 Minuten, bis alle Zettel, die gebraucht werden da sind, wo sie sein müssen. Zum Glück waren die Leute an jeder einzelnen Station sehr nett, sonst wäre das wirklich nervig gewesen.

Da hatte ich doch tatsächlich gedacht, wenn sich drei Kindern zum Mittag ein Kilo Tortellini kochen, bliebe etwas übrig. Falsch gedacht.

Das Julikind war gestern noch kleiner.


Die Hose und Schuhe? Nächste Woche muss sie arbeiten, sagt das Märzkind. Also heute. Nach einer Stunde dämmert mir, dass diese eine perfekte Hose möglicherweise im Moment nicht verfügbar ist. Ich erkundige mich bei der Verkäuferin, in welchem Rythmus denn Ware geliefert wird. Ware wird jeden Tag geliefert, sagt sie. Was aber wann genau geliefert wird, das kann im Moment niemand sagen. Das einzige was sie mit Sicherheit sagen kann ist, das etwa die Hälfte von dem, was sie für den Herbst geordert hatten garnicht kommen wird, die Lieferkette hängt durch. Mit leicht gesenkter Stimme gibt sie mir durch die Blume zu verstehen, dass man die perfekte Hose in dieser Saison eventuell nicht kaufen können wird, sie habe auch eine Tochter in dem Alter, fügt sie hinzu. Wir schweigen einen Moment gemeinsam.

Hosen finden wir an diesem Nachmittag. Schuhe nicht.


Das Maikind muss einen Teil seines Computers zurückschicken. Er möge mir bitte diktieren, was ich da in den Rücksendeschein eintragen soll. Das hat er mir doch schon gesagt, sagt er. Ich habs nicht verstanden.


Im Baumarkt ist der komplette Weihnachtsmarkt aufgebaut. Das erscheint mir unangemesen früh. Obwohl. In zwei Wochen wird die Uhr umgestellt und in sechs Wochen ist Advent. Oh ha.