KW 10/2022

Die gute Nachricht ist, mein Hirn findet allmählich wieder in den Normalbetrieb zurück. Ich kann wieder mehr Sachen denken und wahrnehmen als zur Aufrechterhaltung des Betriebes hier zwingend notwendig ist. Es fühlt sich gut an und ich freu mich. Die schlechte Nachricht ist, ich sehe jetzt, was im Haus so alles liegen geblieben und in der Welt passiert ist, während dieser 6 intelligenzgeminderten Wochen.


Ich fahre schon eine ganze Weile nur 90 km/h auf Landstraßen. Erstens weil mein Auto eine Flitschbimmel ist, zweitens wegen Weltrettung. Ich werde oft überholt, normalerweise. Seit neustem nicht mehr. Der Liebste berichtet, er sei auf der Bundesstraße 80 gefahren, in Kolonne, mit den LKW. Niemand überholt, niemand drängelt. Nimm das, Putin! Ganz nebenbei fällt mal auf, wie entspannt man Auto fahren kann. Und länger dauert es eigentlich auch nicht.

Spontan an der Tanke gehalten, es war eigentlich noch halb voll, aber 2,06 Euro der Liter, mensch, so ein Schnäppchen lässt man nicht liegen. Hätte mir das vor vier Wochen jemand erzählt…

Mit dem Hund ins Feld fahren um dort spazieren zu gehen, eigentlich geht das garnicht mehr. Wir machen es trotzdem. Auto fahren ist unser Urlaub dieses Jahr.


Es gibt wieder Anlässe und somit auch Bedarf für Sachen, die nicht Lebensmittel sind. Die Fussgängerzone im Nachbarstädtchen hat sich verändert, aber nicht zum Schlechten. Der Liebste und ich arbeiten eine Geschenke-Einkaufsliste ab. Ich weiß ehrlich nicht, wann ich zuletzt in so vielen verschiedenen Läden war. Zwischendrin gab es das erste Eis der Saison. Mal was anderes zu sehen hat richtig gut getan.


Es kraschpelt auf dem Flur, Blick auf den Wecker, halb eins. Vor drei hatte ich nicht mit Gekraschpel auf dem Flur gerechnet, lieber mal gucken. Märzkind ist im Bad. „Seid ihr rausgeflogen?“, frage ich. „Nee, garnicht erst reingekommen.“ Oh. Heute war erster Öffnungstag der Discos nach Corona. Sie hatte sich Hin- und Rückfahrt und die Unterschrift einer anwesenden volljährigen Person organisiert (damit darf bis nach Mitternacht). Geöffnet wurde um neun. Um zehn nach neun waren sie da. Viel zu spät, da ging die Schlange schon bis an die Straße. Drei Stunden haben sie angestanden, als sie einen Meter vor der Eingangstreppe waren, durfte niemand mehr rein, wegen zu voll. Man hätte natürlich warten können, bis die 14-jährigen um Mitternacht rausgefiltert werden, aber – sie waren so durchgefroren, dass sie keine Lust mehr hatten. Das ist scheiße. Aber jeder steht irgendwann mal vorm Utopia und kommt nicht rein. Das ist Teil der Magie dieser Dorf-Disco.

Am darauffolgenden Nachmittag, fröhlicher Gesang und lachende Teenager auf dem Flur. Es gibt wieder was zu erzählen. Die drin-Gewesenen tauschen auf allen Kanälen Geschichten mit den draußen-Gestandenen. Das Mutterherz bekommt eine Ahnung davon, was gefehlt hat, in den letzten zwei Jahren. Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen möchte.


De Omma muss zum Arzt. Um elf klingele ich an ihrer Tür. Die wird sofort und schwungvoll geöffnet. De Omma hat die Jacke schon an, die Handtasche über der Schulter und wirkt ziemlich durch den Wind. Was denn los ist, frage ich. Sie dachte ich komme ich nicht. „Wir hatten doch gesagt, wir fahren um halb elf.“ Der Termin ist um viertel vor zwölf. Von der Haustür bis zum Parkplatz vor der Arztpraxis brauchen wir zwanzig Minuten. „Nee, Omma, du hattest gesagt, wir fahren um halb elf. Ich hatte gesagt, ich komme um elf. Es ist elf.“ Sie ist schon auf halbem Weg zum Auto. Anschnallen bitte, soviel Zeit ist noch. Ach so ja, anschnallen, ach, das geht eigentlich nicht. Ihre Hände zittern. Doch, doch, geht das. Ich helfe ihr. Sie ist sich ehrlich nicht nicht sicher, ob wir das jetzt zeitlich noch schaffen können. Einatmen, ausatmen. De Omma ist im Kriegszustand, sie macht das nicht mit Absicht. Anstrengend ist es aber trotzdem.


Oh ha, was ist denn da los? Das Scheunentor des Feststalls im Nachbarort ist bis auf halbe Höhe zugestapelt mit, ja mit was eigentlich? Für das ungeschulte Auge sieht es von Weitem so aus, als hätte jemand einen Messihaushalt ausgeräumt. Auf dem Parkplatz stehen Autos. Ach, anscheind nutzt die spontan gegründete Hilforganisation den Raum. Letzte Woche wurde um Spenden gebeten. Zwei hier lebende Ukrainier wollten mit einem Transporter an die Grenze fahren und Sachen für ein Krankenhaus zur Verteilung übergeben. Als ich noch überlegt habe, wir könnten da eigentlich die Orthese hinspenden, die braucht hier hoffentlich nie mehr jemand, da kam eine whattsapp, man habe jetzt Material für vier Transporter und brauche eigentlich noch Fahrer und Fahrzeuge. Diese Woche fahren sie wieder hin.

Die Mengen, die hier „gespendet“ werden, es ist beeindruckend. Gut, bestimmt ist da auch viel brauchbares dabei, aber, wieso das jetzt alles an ukrainische Grenze muss, verstehe ich nicht. Mir persönlich gehen die Bilder von flüchtenden Menschen in der Ukraine nicht näher, als die Bilder von Geflüchteten an der belarussischen Grenze oder im Mittelmeer. Vielleicht freuen sich die Leute einfach, das man mal was tun kann gegen die Apokalypse, außer zu Hause zu bleiben. Vielleicht ist bei mir auch Gewöhnung eingetreten, weil ich jede Woche bei der Omma in der Küche Geschichten vom Krieg höre. Im Edeka lege ich eingekaufte Nudeln und Haribo in den Spendenkorb für die Tafel. Vorsorglich. Nimm das AfD.


In der Schule haben sie jetzt neue Coronatests, mit kleineren Teststäben und die Flüssigkeit ist im Deckel von den Röhrchen mit drin, richtig cool, die besten die es je gab, erzählt das Maikind. „Hä? Du musst dich doch garnicht testen“. Doch, da war einer positiv, deshalb müssen sich diese Woche alle testen. „Ach so“, sage ich. Keine innere Unruhe, kein bodyscan auf Halskratzen oder ähnliches. Mit dem Thema sind wir durch. Das ist schön.

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