01/22, Halbzeit

Der Schulkiosk schließt aus wirtschaftlichen Gründen. Man möge den Blagen ausreichend Frühstück eintuppern, sagt die Elternmail, natürlich nicht in diesem Wortlaut. Kein Problem. Der Kiosk hatte Preise, da haben wir schon von selber ans Pausenbrot gedacht. Sollte es aber jemals wieder Nachmittagsunterricht oder AG´s geben wird die Cafetria vielleicht doch fehlen.


Mir ist kalt und das kann eigentlich nicht sein. Ich habe alles doppelt an und der Ofen läuft, die Raumtemperatur ist eher höher als normal. Der Liebste kommt nach Hause. Er trägt seine Winterjacke über einem Pullover, das ist ungewöhnlich. Eigentlich reicht ihm ein „Winter- T-Shirt“ plus normaler Jacke. Der Pullover kommt nur bei höheren Minusgraden zum Einsatz. Das muss eine verspätete Nebenwirkung sein, sagt der Liebste. Daran hatte ich garnicht gedacht. Drei Tage dauert die Moderna-Kälte und verschwindet genauso plötzlich wie sie gekommen ist.


„Warst du schon mit dem Hund?“, frage ich die Freundin. Nee, war sie nicht. Bei ihr hat heute morgen um viertel vor sechs das Telefon geklingelt und sie hat spontan eine Frühschicht übernommen. Der Tag ist sowieso gelaufen, sie zieht sich nur gerade was an, dann kommt sie mit. Eigentlich wollten wir nur ein paar Meter ins Feld. Aber der Himmel ist blau, die Felder weiß verschneit und zu Hause warten Teenager-Launen. Wir gehen die große Runde und trinken danach noch einen Kaffee. Ein hervorragend genutzer Nachmittag. Die Wäsche läuft ja nicht weg.

Als ich nach Hause komme steht das Märzkind hinterm Bügelbrett. Sie hatte eigentlich gedacht, ich komme gleich, weil hier alles noch so stand. Naja, jetzt ist sie fast fertig. Große Kinder sind toll, meistens.


Ein Schwimmbadbesuch mit dem Julikind und einer Freundin. Beim letzen Mal kam jemand von den Bademeistern raus, zum kontrollieren. Diesmal werde ich schon vor dem Kassenautomaten angesprochen. So einfach könne man da aber nicht rein. Ähm, wusste ich, ich wollte gerade klingeln. Nee, nee, erstmal Impfnachweis bitte. Ich gucke fragend, dann sehe ich, dass die Dame, die da so saß, als wäre sie eine wartende Schwimmkurs-Oma, ein T-Shirt der Bäderbetriebe unter ihrer Strickjacke trägt. Die Freundin des Julikinds hatte gestern vergessen ihr Testheft unterschreiben zu lassen und war eben noch ganz frisch beim offiziellen Test. Sie zeigt den Zettel, „sehr schön“, sagt die Dame. Das Testheft des Julikinds ist schon ziemlich zerfleddert. So geht das nicht, den Namen muss die Dame schon sehen können, und dieses Testheft, das muss aber mal neu, zeitnah. Sicher, ich richte es dem Land Hessen aus. Impfstatus und Personalausweis braucht sie von mir. Beides wird ausgiebig geprüft. Dann dürfen wir zum Kassenautomaten gehen.

Die Mädels toben und tauchen und springen. Ich schwimme Bahnen und sitze vor Nackenmassagedüsen. Beim Rausgehen ist die Dame wesentlich entspannter, sie hat einen halben Socken gestrickt, während wir drin waren. Ob es denn Spaß gemacht habe, erkundigt sie sich. „Ja sehr“, sagen die Mädels, „richtig schön war das.“


Schwimmen hat nicht geholfen. Dieser Schmerz in der Schulter, was das wohl ist. Google sagt, eine Operation sei nicht notwendig. Das ist erfreulich. Leider wird das jetzt ein halbes Jahr lang immer schlimmer werden, dann wird das Schultergelenk für etwa ein halbes Jahr ganz steif werden und dann wird der Körper diese Fehlfunktion von selber abbauen. In etwa anderthalb Jahren sollte alles wieder tutti sein. Ähm, jo. Ich versuchs mal mit Sportsalbe und hole mir eventuell eine Zweitmeinung.


Eine Freundin des Julikinds wird abgeholt. Ich öffne die Haustür. Davor steht eine junge Frau, mit Autoschlüssel in der Hand. Wir begrüßen uns fröhlich und unterhalten uns kurz. Sie ist im Moment das Familientaxi. Es ist noch garnicht so lange her, da ist sie bei mir mitgefahren, zu Fussballtrainings und Kindergeburtstagen. Ich komme mir uralt vor.


Anruf beim Hausarzt, Auffischungsimpfung für die großen Kinder wäre schön. Hausarzt sagt, machen sie nicht, weil die Stiko sagt, ist nicht nötig. Ähm, in der Sozialwesen-Klasse mischen sich die Praktikant*innen so ziemlich aller Einrichtungen des Landkreises. Ich halte Impfschutz an dieser Stelle durchaus für sinnvoll und möchte nicht warten, bis der Stiko-Opa da in Ruhe fertig drüber nachgedacht hat. NRW boostert Menschen ab 12. Dann fahren wir eben die 30km und stellen uns in eine Warteschlange. Ich suche Impftermine raus. Das Maikind sagt, ein Klassenkamerad sei im örtlichen Impfzentrum geboostert worden. Ich erkundige mich bei seiner Mutter. Jo, die sagen das zwar nicht auf der Internetseite, aber möglich ist es. Dann brauchen wir nicht so weit zu fahren. Am gleichen Abend befindet die Stiko, dass Auffrischungsimpfungen für Kinder eine gute Sache sind. Anruf beim Hausarzt, Termin nächste Woche. Der Countdown läuft.

2G+ gilt ab dieser Woche fast überall. Das Märzkind ist angefressen. An der Arbeit dürfen sie keine Testbescheinigungen mehr ausstellen. Das heißt man wird getestet, kann den Test aber nach der Arbeit für nichts mehr nutzen. Das Testzentrum hat blöde Öffnungszeiten und liegt nicht auf dem Weg. Im Freundeskreis sind einige schon über 18, andere kommen aus NRW. Die sind fertig geimpft. Jetzt ist sie wieder die, die nix darf. Das Mutterherz seufzt innerlich. Es geht bei der Impferei nicht mehr ums Virus. Es geht darum, ohne großen Aufwand Dinge tun zu können, die vor zwei Jahren ganz selbstverständlich waren.


Wir sind eingeladen zur Überraschungsparty anlässlich einer Petersilienhochzeit. „Aber, Hochzeitstag? Wir haben doch im Sommer…? Hätte ich das gewußt, ich hätte was zu Trinken gekauft.“ Das Petersilienbrautpaar hatte diesen Anlass nicht auf dem Schirm, die Überraschung ist gelungen. Die Gäste haben alles dabei. Es ist nur der engeste Freundeskreis und Familie, man kennt sich aus. Die Autos müssen unterm Carport raus, jemand holt die Biergarnitur aus der Scheune und Strom für den Gulaschsuppenbehälter, auf dem Hof wird ein mitgebrachtes Schwedenfeuer entzündet. Man hat schon gewisse Routinen im distanzierten outdoor feiern entwickelt. Zwei Stunden stehen wir in großen Kreisen und unterhalten uns, dann wird es frisch und manche haben noch Nachschicht. Die Party wird zusammengeräumt. Schön war das. Heute in zwölfeinhalb Jahren kommen wir wieder, wegen Silberhochzeit. Vielleicht fangen wir dann aber schon nachmittags an. Kaffee und Likörchen. Wir werden ja älter.

KW 01/22

An Sylvester hat das Julikind diesen Schnupfen, den wir uns hier rumreichen. Das Märzkind ist weg, da findet doch tatsächlich so eine Art Party statt. Eine Gruppe feiert im Jugendraum, eine andere Gruppe direkt daneben „im Schützen“. Keiner wird danach fragen, ob sich die Gruppen eventuell begegenen, im Lauf des Abends. Dorfjugend, die fahren sowieso alle in den gleichen Bussen, und es ist verdammtnochmal schon das zweite Corona-Sylvester. Niemand will ein Rudel Teenager im Haus.

Zu viert spielen ausgiebig Mensch ärgere dich nicht, in verschiedenen Versionen, und haben zu unser aller Überraschung tatsächlich Spaß. Danach stellen wir fest, dass es immernoch zwei Stunden sind, bis Mitternacht. Ganz kurz überlegen wir, ob es sich überhaupt lohnt, solange wach zu bleiben, weil es ja kein Feuerwerk geben wird, entscheiden uns natürlich für wach bleiben, aber jeder selber. So kommt es, dass der Liebste und ich den Sylvesterabend vor dem Fernseher verbringen. Das passt. Es war anstrengend, dieses Jahr.

Um kurz vor zwölf stellen wir den Fernseher ziemlich laut und gehen in den Garten. Vielleicht hat ja doch noch jemand Alt-Raketen von vor zwei Jahren gefunden. Im letzten Jahr gabs ja auch schon keine. Es ist schöne klare Luft, man kann richtig weit gucken. Ich staune. Das Feuerwerk ist nicht mit normalen Zeiten zu vergleichen, aber doch sehr viel mehr als nichts. Die Niederländer haben anscheind was mitgebracht. Kurz mal gucken, was der Hund macht. Alles gut, der wundert sich nur. Die Kinder kommen auch raus. Nach einer halben Stunde ist es wieder leise im Ort. Das ist dann doch seltsam. Kurz nach Mitternacht begegnet man sich eigentlich auf der Straße oder ruft Neujahrwünsche über den Gartenzaun. Das das eine ganz eigene Geräuschkulisse ist, fällt mir gerade erst auf. Egal, willkommen 2022!

Ich habe da eine Liste mit Wünschen und Erwartungen, (nagut, sagen wir Hoffnungen) in die Sylvester-Zeitkapsel gelegt. An 2021 hatte ich keine Erwartungen gestellt, weil 2020 so war, dass ich dachte, 2021 wird in jedem Fall besser. Passiert mir nicht wieder.


Sie wollen das neue Jahr mit einer schönen Nachricht beginnen. Hochzeit. Save the date. Jawoll, so soll das!


Ich habe dann wohl diesen Schnupfen. Ausser Niesen geht garnichts mehr. Kopf zu.


Morgens um acht müsste der Liebste eigentlich wieder da sein. Ich bin total erkältet, denken ist anstrengend gerade. Das Auto ist da, der Hund nicht. Also ist er mit dem Hund draußen, da müsste er aber um diese Zeit auch schon wieder da sein. Das ist nicht gut, vielleicht. Handy suchen. Ein Notruf steht in der Familiengruppe. Der Hund meiner Eltern wurde angefahren und ist in Panik geflüchtet, alle verfügbaren Kräfte werden gebeten, beim Suchen zu helfen. Kurzes Telefonat mit dem Liebsten, er ist in der näheren Umgebung unterwegs. Ich fahre Feldwege ab. Es hat über Nacht ein bisschen geschneit. Würde hier irgendwo ein flauschiger weißer Hund liegen, man könnte ihn leicht übersehen. Nach einer Stunde breche ich ab. Ich muss aufs Sofa, das hat so keinen Zweck. Alle anderen suchen. Nicht nur Familie, sämtliche Hundebesitzer halten die Augen offen, teilen die Suchmeldung und hoffen auf gute Nachrichten. Am späten Nachmittag ist die Stimmung gedrückt. Es gibt keinen Ort mehr, der nicht abgesucht wurde. Niemand traut sich, es laut zu sagen, aber es steht ein Gedanke im Raum.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit fällt dem Landwirt auf, dass die Rinder auf der Weide irgendwie komisch stehen. Zum Glück findet er es seltsam genug, um da mal genauer zu gucken. Sie stehen um einen Hund herum, und den Hund, den kennt er und bringt ihn nach Hause. Freude und Dankbarkeit! Ein Bild vom friedlich schlafenden Hund, eingemummelt in Wolldecken wird geteilt. Alles ist gut. Sonst hätte wohl keiner von uns schlafen können, heute Nacht.


Diese Erkältung dauert ja nur drei Tage, damit bin ich pünktlich zum booster-Termin wieder soweit fit. Über die erste Impfung hatte ich mich richtig gefreut, die zweite hab ich immernoch gerne genommen, aber jetzt nach dem dritten mal anderthalb Tage Impfkater, gebe ich ehrlich zu, lässt meine Begeisterung merklich nach.


Ab Montag wieder Schule. Das ist gut, wahrscheinlich. Wir werden sehen.

2021 war…

Schnee, Starkregen, ein schöner bunter Herbst

Lockdown, Ausgangssperre, Kontaktbeschränkungen, home schooling, Maskenpflicht, 3G, 2G, 2G+, Coronatests

Blinddarm-OP, Bänderriss, entzündeter Zeh, Schlafstörungen, Impfungen

Ohrwürmer Wir sind das Ruhrgebiet…., ….soon may the Wellerman come to bring us sugar and tea and rum.., BTS

definitiv vielleicht (alles immer unter Coronabedingungen)

Konfirmation, Schulabsschlussfeier, Geburtstage, eine Trauerfeier, Weihnachten, eine Rubinhochzeit

„Und wenn das schön wird?“ Weihnachten 2021

Am 23. steht noch ein Termin im Kalender. Der Liebste übernimmt die Fahrt. 10 Minuten später kommt das Pluseinskind die Haustür rein. „Märzkind ist gerade nicht da“, sage ich. Weiß er, er schreibt gerade mir ihr. Die haben ein Reh angefahren. Och nö. Müssen wir da hin? Er fragt nach. Nee. Mit dem Auto ist alles gut, nur das Reh….

Eine viertel Stunde später steht das Märzkind in der Tür, Tränen in den Augen. Sie haben ein Reh… Ich weiß. Umarmung. „Und?“, frage ich. „Alles OK“, sagt der Liebste. Er war nicht schnell. Leider hat er das Reh trotzdem erwischt. Es lebte noch, konnte aber nicht mehr aufstehen. Da hat er jemanden angerufen. Hat kaum 10 Minuten gedauert, dann war der da und hat sich um das Reh gekümmert. Das Märzkind schluchzt ganz leise, der Liebste zieht die Luft ein, zwischen zusammengebissenen Zähnen. Er habe noch versucht, sich so hinzustellen, dass das Märzkind nichts sieht, aber gehört hat sie es natürlich trotzdem, und, ganz ehrlich, es war doch klar, dass da jetzt keine Tiernotrettung kommt, oder… Ja sicher. Aber…Das Pluseinskind übernimmt das Märzkind. Der Liebste erzählt mir die Geschichte nochmal unzensiert.


Kurz vor Weihnachten gibt es frische Coronaregeln, nicht das es langweilig wird. 10 Leute sind im privaten Bereich erlaubt. Äh, wir wären zwölf, Heilig Abend. Geboosterte und Kinder unter 14 zählen nicht. OK, dann sind wir sieben, und leicht verunsichert.

Der Liebste muss eh nochmal ins Städtchen und besorgt fünf Schnelltests. War etwas komplizierter als gedacht, und die Zeiten, in denen die 85 cent gekostet haben sind definitv vorbei, aber was solls. Bevor wir anfangen, den Tisch auszuziehen und Kleinmöbel zu verräumen, versammeln wir uns am Esstisch zum Test. Ich habe das tatsächlich noch nie bei mir selber gemacht und muss angeleitet werden. Jo, ist genauso widerlich wie die offiziellen Tests. Ich verziehe die nächsten fünf Minuten das Gesicht. Die Kinder finden das lustig, sie haben ja auf dem Teil des Hirns schon Hornhaut, sagen die Mädels. Wir überlegen kurz, so ein Biohazard-Tütchen mit Test drin an den Baum zu hängen. Letztes Jahr um diese Zeit, da hatten ja wir nix. Keine Tests, keine Impfungen. Der Liebste ist gedanklich schon beim Möbel rücken und räumt mit routinierter Geste den ganzen Rumms in die Mülltonne. Auch gut.


Der Weihnachtsbaum ist natürlich doch der Schönste. Da hat das Märzkind eine Begabung. Die Mädels haben geschmückt. Alle anderen haben sich rausgehalten. Frieden auf Erden.


Das Julikind guckt vom Weihnachtsbaum zum gedeckten Tisch zu den Geschenken auf der Anrichte und seufzt. Ich erkundige mich, was los ist. „Wenn das jetzt schön wird, Mama, müssen wir dann immer hier feiern?“ Äh, hä? „Weihnachten gehört doch eigentlich zur Oma ins Haus, dachte ich“. Naja, jetzt warten wir es erstmal ab, sage ich.


Ohne Weihnachtsgottesdienst kann es nicht Weihnachten werden, sagt das Märzkind, da müssen wir alle hin. Ich versuche mich rauszureden. Weihnachtsgottesdienste sind Fokloreveranstaltungen, damit kann ich nichts anfangen. Aber, es muss nichts mehr vorbereitet werden, alles ist fertig und die Gäste kommen erst danach, also gehen wir alle. Tja.

Heilig Abend ist Gottesdienst draußen, mit Maske, für alle. Offensichtlich wurde hier viel Zeit und Herzblut investiert. Das Kirchenportal wird festlich angestrahlt, es gibt einen Weihnachtsbaum, Laternen mit Kerzen, und echte Musik. Die Darbietenden singen mit solcher Inbrunst Weihnachtslieder, das ist mir zuviel. Ich bin froh, dass die Maske und die Dunkelheit mein Grinsen verbergen.


Es folgt ein auffallend entspanntes Abendessen mit anschließender Bescherung und Gemütlichkeit.


Schnee und blauer Himmel am ersten Weihnachtstag. Das Märzkind übernimmt die Hunderunde und muss dann los, zum Essen mit Schwiegerfamilie. Maikind verschwindet hinterm Bildschirm, Julikind hinter der neuen Staffelei, der Liebste hat Männerschnupfen des Todes muss aufs Sofa. Ich räume auf und wundere mich. Das Gefühl der Erschöpfung, dass normalerweise diesen Tag überlagert, es ist nicht da.

Nachmittags immernoch Schnee und blauer Himmel. Ein Spaziergang zu dritt mit Hund. Danach wieder Plätzchen, dann Jogginghose und Sofa. Perfekt.


Am zweiten Feiertag ist der Liebste genesen. Ein Leben ohne Schnupfen, herrlich. Ähm, er war gerade mal einen Tag kränklich, merke ich an. Es hat sich länger angefühlt, sagt er. Nachmittags kommt Schwiegermutter zum Kaffee. Der Klinikaufenthalt hat sich gelohnt, es wurde einiges auf den Weg gebracht. Schon jetzt kann sie wieder aufrecht gehen, mit der Aussicht auf noch mehr Verbesserung. Das freut mich. Paten vom Julikind kommen spontan dazu, ein bisschen Dorftratsch wird ausgetauscht, alles ganz gemütlich.


„Da freut man sich so lange drauf, und dann ist es so schnell vorbei“, sagt das Julikind am Abend. Sie könnte sich vorstellen, dass wir Weihnachten ruhig nochmal hier feiern. Das war eigentlich ganz schön. Jo, fand ich auch. Ich mag die Corona-Weihnachten lieber als die normalen, so leid es mir tut.

eine Prise Chaos

Märzkind wurde von der Arbeit nach Hause geschickt, sagt sie am Telefon. Ohoh. Nee, der Test war negativ, heute morgen, aber so ein bisschen Schnupfen hat sie schon. Die Hausarztpraxis fragt Symthome ab und schreibt für zwei Tage krank, ohne den Schnupfen gesehen zu haben. Bauchfreie Pullis im Dezember, ich hatte es ja gesagt.


Das Maikind hat Damenbesuch. Eine Freundin. Nicht seine Freundin. Ich hätte das so direkt gar nicht gefragt, aber gut, weiß ich bescheid. Als ich von der Hunderunde zurück komme sitzen die beiden im Esszimmer und spielen ein Brettspiel. Ungewohnt, aber erfreulich. Das Maikind wohnt seit Wochen nur in seinem Zimmer vor sich hin.


Jetzt hat er nicht nur alle Telefonnummern von seinem Chef, sondern auch die vom Chef vom Chef. Der Liebste murmelt. Normalerweise hätte er zwischen den Jahren frei gehabt. Normal wurde abgeschafft. Liegen bleiben kann da nichts, bis nächstes Jahr, die sind gerade kritische Infrastruktur. Dienstplan-Mikado. Zwei Schichten werden es unter dem Strich. Das hätte schlimmer kommen können.


Ich gucke ja gern mal einen Märchenfilm mit. Mal. Einen. „Da hatte der Niklaus echt ne gute Idee“, sagt das Julikind mit einem wissenden Lächeln. Cinderella und die Schöne und das Biest, als Doppel-DVD hat er gebracht, die Spielfilme mit den tollen Ballkleidern, nicht die Disneyversionen, die nach knapp 90 Minuten zu Ende sind. Wir schauen beide, Samstag Abend und Sonntag vormittag. Am Nachmittag guckt das Märzkind Cinderella im Wohnzimmer, sie war heute morgen nicht da und hat keinen DVD-Spieler. Der Nikolaus überlegt, am Abend Machine Gun Preacher zu gucken, für´s innere Gleichgewicht.


Vierter Advent schon? Das ging aber schnell dieses Jahr. Der Liebste kocht. Aber so richtig. Vier Stunden ist der Vogel im Ofen, wir essen mit Genuss. Danach vorweihnachtliche Fressstarre.


Der Liebste und das Märzkind besorgen ein Baum. „Und? Ist es denn der Schönste?“, frage ich das Kind. Sie macht ein Geräusch und winkt ab. In Anbetracht der Umstände ist es der schönstmögliche, sagt der Liebste. Wir haben nun mal keinen Wintergarten und keine Galerie….und es sollen 12 Leute sitzen können, Heilig Abend, wenn denn dann.


Ein lang erwarteter Arzttermin mit dem Julikind. Hoffnung auf Besserung ist realistisch. Freude und Dankbarkeit.


Ach, übrigens, er holt dann morgen seine Mutter aus der Klinik wieder ab, sagt der Liebste. Das waren drei Tage weniger, als ursprünglich angenommen. Erfreulich, hoffentlich.


Ich probiere ein Plätchenrezept aus dem hundert Jahre alten Flohmarkt-Kochbuch aus. Die Angaben sind etwas schwammig formuliert. Ich bin mir unsicher, ob das so hinkommt und reiche dem Märzkind eine kleine Portion rohen Teig. „Booaar, das brauchst du nicht zu backen, das ess ich so“. OK. Ich backe sie trotzdem, bei mittlerer Hitze, bis sie braun sind. Nach Belieben, quasi.

Kalorienangaben gibt es keine, in dem alten Buch. Man geht davon aus, dass die Leute danach sowieso Holz hacken müssen, oder so.


Es ist kälter geworden. Aber dafür wird es morgens merklich heller. Sonne, blauer Himmel! Ich hatte schon fast vergessen wie sich das anfühlt, nach den vielen, vielen Hunderunden durch dichten Nebel.


Die Schultage sind mit Maske eh schon anstrengend, die letzten Wochen waren zusätzlich noch vollgepackt mit Arbeiten in so ziemlich allen Fächern. Die Kinder sind ferienreif. Bis zum letzten Tag waren die Schulen auf. Hätte ich nicht gedacht. Sie sollen eine große Tasche mitbringen, „damit sie über die Ferien alles mit nach Hause nehmen können“. Die politsch korrekte Umschreibung für „niemand rechnet ernsthaft damit, dass es im Januar einfach so wieder los geht“.


Wenn der Dorftratsch stimmt, lesen zwei Quarantänehaushalte mit. Herzliche Grüße! Wir drücken euch die Daumen! Ich habe leider zum Glück keine Ahnung, welche wir Hilfe anbieten könnten. Morgen muss ich auf jeden Fall nochmal ins Städtchen…

Schöne Ferien, euch allen!

Dritte Adventswoche, im Nebel

Eine Elterntaxifahrt in der Dämmerung. Von rechts kommt ein Reh aus der Wiese, läuft vor uns über die Straße und auf der anderen Seite den Hang hoch. Kommentar vom Beifahrersitz aus: „Vorsicht. Weitere Einzeltiere können folgen“ Fahrschülerin an Bord.


„Mama, schnell“, ruft das Märzkind. Ich habs gesehen. Kurz nachdem sie der Haustür raus war, ist der Bus vorbeigefahren. Vier Minuten eher als üblich. Ich schnappe mir den Autoschlüssel und rufe nach oben, dass ich kurz nicht da bin. An der Bushaltestelle laden noch zwei ein, die auch zu spät waren, heute kommt kein Bus mehr. Leider steht im nächsten Ort niemand an der Haltestelle und der Bus fährt durch. Auf der schmalen Landstraße kann man keinen Bus überholen. Im nächsten Ort stehen zum Glück ein paar Leute. Ich halte, die drei Mädels bedanken sich herzlich und rennen los. Ich wende und fahre so schnell es geht durch den dichten Nebel wieder zurück. Wenn mir jetzt was vors Auto laufen würde, ich habe kein Handy dabei. Auch keine Jacke, und wenn ich so drüber nachdenke, ich hab Hausschuhe an.

Juhu, die anderen Kinder waren ausreichend geweckt und ziehen sich gerade die Jacken an als ich zu Hause ankomme. Ich hatte mich schon auf eine zweite Tour eingestellt.

Der Bus fährt ab jetzt vier Minuten früher. Es gab eine Fahrplanänderung. Die erste seit – schon immer. Ein Hinweis-Zettel im Bus wäre hilfreich gewesen.


Der Liebste fährt seine Mutter in die Klinik. Zwei bis drei Wochen wird das dauern. Weihnachten müssen wir dann mal sehen, ob und wann und wer und wie und wo.


Ich habe um neun einen Termin, normalerweise hätte jemand die Hunderunde übernommen. Normal wurde abgeschafft, scheint mir. Um halb acht ist es im Feld noch dunkel. Das macht aber eigentlich nichts, denn es ist so dermaßen neblig, da könnte man im Hellen auch nicht mehr sehen. Der Hund läuft zwanzig Meter vor und ist verschwunden. Ich hab schlecht geschlafen und für Kaffee war noch keine Zeit. Dieses Wetter, es ist wie in dem Buch, das ich heute nacht gelesen habe. Eigentlich um müde genug zum weiterschlafen zu werden, hat aber nicht funktioniert. Im Buch kamen die Hungernden aus dem Nebel. Eine Art Zombie-Vampire, die sehen aus wie Menschen, naja, wie tote Menschen, mit roten Augen, Klauen und Reißzähnen um den Lebenden das Fleisch von den Knochen… Drei Meter hinter mir springt etwas aus dem Graben. Da bin ich doch tatsächlich am eigenen Hund vorbeigelaufen, ohne es zu bemerken. Jetzt bin ich wach.


Am Eingang wird kurz ein Blick auf meinen QR-Code geworfen. Danke, alles super, bitte hier. Nachdem letzte Woche im Bastelladen mein Code gescannt und mit Perso abgeglichen wurde, scheint mir diese Kontrolle etwas lasch, aber egal. Es gilt sowieso FFP2-Masken-Pflicht. Einmal waschen, schneiden, föhnen dauert 40 Minuten und kostet 43,50 Euro. Gefühlte Inflation. Ich war allerdings auch schon länger nicht beim Frisör.


Ich lese ein bisschen was über die Omikron Variante und ergänze den Einkaufszettel. Hundefutter, Klopapier, Rotwein, Chips, Schokolade, Tiefkühlschnitzel, Frikadellen in Dosen. Ich will nicht wieder angeguckt werden wie der apokalyptische Hamster, wenn ich für mehrfach-Teenager-Haushalt mit geschlossener Kantine einkaufe. Vorräte verstecke ich im Keller, da vermuten die Blagen nichts Leckeres.


Der Klassenlehrer des Maikinds bittet alle, die bisher noch ohne sind, über die Ferien nochmal über eine Impfung nachzudenken, es gäbe erste Hinweise, dass Schule vielleicht, irgendwann nach den Ferien 2G werden könnte. „Das heißt, ich geh dann nicht mehr hin, oder was?“, erkundigt sich das Julikind, und freut sich schon. „Keine Ahnung“, knurrt das Maikind.


De Omma gibt mir ihr Rezept für Honigkuchen und ruft zwei Tage später an, um zu fragen, wie sie denn geworden sind. Bin ich noch nicht zu gekommen. Was? Wieso das denn nicht? Wegen Sachen. So kurz vor Weihnachten, da müsse man aber schon Prioritäten setzen, sagt de Omma.

Meilensteine im Dezember

Meine Schwester bringt zwei Stühle, die bestellten Möbel sind tatsächlich angekommenund die Stühle sind jetzt übrig. Plätzchenteller auf den Tisch, Kerze an, zack Advent. Wie wird das denn dann Heilig Abend? Erkundigen sie sich. Ich habe keinen ausgefeilten Plan und werde auch keinen machen. Es gibt Essen, es gibt Süßigkeiten, es gibt Geschenke und einen Baum. Das klingt doch recht weihnachtlich.


Wieso bitte, ist diese Antwort denn falsch? Hä, das macht doch wohl keinen Sinn, wieso sollte das jemand wollen? Das Kind links neben mir übt für die Führerschein-Theorie- Prüfung, das Kind rechts neben mir wandelt unechte Brüche in Dezimalzahlen um. Mir raucht der Kopf, ich kann weder das eine noch das andere richtig erklären.

Spaßeshalber bearbeite ich auch mal einen Führerscheinbogen. Wie lange darf man Bushaltestellen halten? Solange, bis man jemanden vom Ordnungsamt kommen sieht, würde ich sagen, aber diese Antwortmöglichkeit gibt es nicht. Man hätte gerne eine Angabe in Minuten. Gut, dann sag ich mal 5. Fünf Minuten parken ist ziemlich kurz. 3 Minuten wären richtig gewesen. Damit ist meine Antwort falsch. Dicht dran gibt es nicht. Ich erwische natürlich ausgerechnet den Bogen, wo diese ganzen Rechenaufgaben-Fragen dran kommen. Bremswege berechnen konnte ich vor zwanzig Jahren schon nicht. 30 Fehlerpunkte, auf einem Bogen, mööp, Rekord.


Das Maikind baut Lego ab. Bespielt wurde das schon länger nicht, aber als Teil der Kinderzimmerdeko gehörte es irgendwie zum Raum dazu. Zipbeutel stehen jetzt dort, wo einst Ninjagodrachen-Krieger in Formation standen. Ein Meilenstein.


Telefonat mit einem Patenonkel. Das Geschenk ist da und ist auch wirklich schön. Aber – „sonst wünscht sie sich nichts?“ „Nee, die Liste war kurz dieses Jahr. Das – und das Corona aufhört.“ Der Patenonkel seufzt.


Der Bürgermeister bringt tatsächlich Kinogutscheine. Das Julikind freut sich wie Bolle. Da geht sie dann aber echt mit ihren Freundinnen.


Einmal muss ich noch in diesen Bastelladen, dann ist Weihnachten offiziell eingetütet. Zu zweit warten wir vorm Laden, weil ich durch die Scheibe sehen kann, dass schon drei Leute drin sind. Impfnachweis und Personalausweis an der Kasse zeigen, dann wünscht uns die Verkäuferin einen schönen Einkauf. Ich suche was ich brauche zusammen, bezahle und wieder raus. Also, das war jetzt einerseits ein gefühlter VIP- Status, andererseits hat mir der Einlass viel zu lange gedauert. Da muss ich schon wissen, dass ich aus dem Laden was brauche. Für nur so, um mal zu gucken, ob ich vielleicht was finde, das wäre mir zu doof. Für den Einzelhandel bedeutet das allerdings keinen Verlust. Ich meide adventliche Fussgängerzonen generell. „Da sind Zuckerbuden aufgebaut“, sagt das Märzkind, „wenn wir sowieso in die Richtung…ohhh das Karusell fährt…guck mal, wie schön…“

Ein Kind sitzt drauf. Es gibt eine Zuckerbude und einen Crepes-Stand. Alle anderen Buden sind geschlossen. Es ist ein bisschen gespenstisch. Und das liegt nicht an meiner Grinchigkeit.


Der neue Entsorgungsdienstleister bietet mir an, für 20,99 Euro im Jahr einen Einlagerungsbehälter für unsere gelben Säcke zu mieten. Darin könnten wir sie kompakt und hygienisch aufbewahren und sie wären vor aufreißen, Verwehungen und Wildverbiss geschützt. Danke für dass Angebot. Ehrlich gesagt nutzen wir die gelben Säcke garnicht. Wir bewahren unseren Plastikmüll aus den genannten Gründen in dem Einlagerungsbehälter für Restmüll auf.


Ich erkläre mich einverstanden damit, dass das nicht volljährige Kind an digital-technisch unterstütztem Fernunterricht mittels Videokonferenz teilnehmen darf.


Nebelschwaden steigen auf, aus dem leicht verschneiten Wald. Schön sieht das aus, von Weitem. Es liegt zwar Schnee, aber es nicht wirklich kalt. Der Boden darunter ist nicht gefroren. Eigentlich ist es nur kalter Matsch, sobald man drauf tritt. Diese Schuhe waren mal richtig teuer. Leider scheinen sie für innerstädtische outdoor-Abenteuer produziert worden zu sein. Sollte ich mir hier, mitten im Wald, morgens um neun den Fuss verstauchen, es würde eine Weile dauern, bis mich jemand vermisst. So geht das nicht. Ich brauche neue Schuhe. Ist ja bald Weihnachten.


Am Nikolausabend brodelt im Dorf normalerweise die völlig überzuckerte Weihnachtsvorfreude aller Einwohner zwischen 5 und ungefähr 12 Jahren. Süßigkeiten-Sammeltag. Klingeln, Spruch oder Weihnachtsgedicht aufsagen, Tüte hinhalten, nächstes Haus. Bis man heiser ist und druchgefroren, oder, aber das wurde nur ein einziges Mal geschafft, wenn ich mich richtig erinnere, alle Häuser durch hat.

Keins der Kinder möchte rumgehen. Ein Meilenstein.

Vier kleine Nikoläuse kommen vorbei. Mit zwanzig hatte ich gerechnet. Der Bär war auch nicht da.


„Wir haben jetzt einen Mann als Kanzlerin“, sagt das Julikind.


Weihnachtskarten wurde gebastelt und verteilt, Adventskalender bestückt, die Geschenke sind besorgt und versteckt, Gebäckzutaten eingekauft, Nikolausstiefel gefüllt. Das wäre dann jetzt die Zeit, wo man ständig irgendwen auf Weihnachtsfeiern fährt, Dinge für Mitbringbuffets vorbereitet, sich Aufführungen ansieht oder sonstwie gesellig ist. Nichts von dem findet statt. Im Edeka sind die Schokonikoläuse und die Lebkuchen reduziert. Die sind durch, mit Weihnachten, soll mir recht sein.


Nur so da sitzen, Kaffee trinken und gucken, welche Vögel ans Futterhaus kommen. Reicht mir völlig an Unterhaltung, gerade. Eine kleine Pause, bevor die nächste Runde eingeläutet wird.

Omikron. Soweit wollte ich das griechische Alphabet garnicht lernen.

Advents-Start 21

„Wir hatten wenig Besuch in letzter Zeit, oder kommt mir das nur so vor?“, überlegt das Maikind beim Abendessen. Das kommt ihm nicht nur so vor, es ist so. Die Coronazahlen im Moment, man will sich gegenseitig nichts bringen… Oh, ach so, sagt er.

Das Robert Koch Institut, die Wissenschaftler der Leopoldina, alle bitten uns eindringlich Kontakte zu reduzieren, wo immer möglich. Ich höre und verstehe das durchaus. Gleichzeitig nehme ich die Stimmung der Kinder wahr. Kontaktreduzierungen sind uns nicht mehr möglich. Corona fressen Seele auf.

Solange Sport stattfinden darf gehen die Kinder hin, fertig. Das Märzkind ist auf eine Geburtstagsfeier eingeladen. Mir ist ein bisschen mulmig, aber ich sage nichts. Brauch ich auch nicht. Es sind nur ganz wenige eingeladen, alle geimpft und heute morgen getestet. Niemand möchte Lockdown mit Eltern riskieren.


Halsschmerzen beim Maikind die ganze Woche. Samstag dann schlimm genug für den hausärztlichen Notdienst. Ich werde gebeten, draußen zu warten, er ist ja schon groß. Zum Glück geht es erfreulich schnell, auf im Auto warten bei null Grad war ich nämlich nicht vorbereitet. Ein blaues Rezept hat er bekommen und den Rat, etwas kaltes zu essen. Jo, gut, dann ist es nicht so schlimm wie befürchtet und er kann Montag wieder in die Schule?, frage ich ihn. Woher soll er das wissen?


Die Uroma ist nicht geimpft. An irgendwas muss sie ja mal sterben, hat sie gesagt. Tja. Da hat sie wohl recht. Mit ihren 101 Jahren ist sie durchaus noch interessiert und informiert, das kann sie selber entscheiden. Aber: Was machen wir denn jetzt mit Weihnachten? Die Chance, dass sie nächstes Jahr noch da ist, ist 50:50, egal was wir tun oder lassen. Das Ganze mal etwas drastischer zu fomulieren hilft bei der Entscheidungsfindung. Wir können es uns mental nicht leisten, das irgendwer aus unserem Haushalt zum gefühlten Todesengel wird.

Vorsichtig erkundige ich mich bei der Schwägerin, wie deren Weihnachtsplan aussieht, wir hätten da eine leichte Tendenz in Richtung „so wie letztes Jahr“. Es dauert keine fünf Minuten, bis ich eine Antwort bekomme. Bei ihnen ist es genauso, „geht net anners“, machen wir uns nichts vor. Ich bin erleichtert, wir werden nicht die einzigen sein, die nicht hingehen. Der Rest wird sich finden.


Eine Hunderunde zusammen mit `m Vatta. Wir haben uns irgendwie länger nicht gesehen und tratschen, schlimmer als beim Seniorencafe. Ich weiß von einer Schwangerschaft und einer Verlobung im Bekanntenkreis. Er berichtet, dass sich jemand freiwillig hat einweisen lassen, wegen was psychischem. Hach, das war aber nett, da haben wir aber beide gleich beim Frühstück was zu erzählen, zu Hause.


Hallo Haus. Nur mal angenommen die Baumärkte würden für zwei Wochen schließen, was würde dir denn als erstes Fehlen? Tropft, quietscht, klemmt oder rostet irgendwo was Dringendes? Sieht nicht so aus.


Ich gehe trotzdem in den Baumarkt, weil ich eine halbe Stunde Wartezeit habe. Das Märzkind hat gerade so eine Duftkerzenphase, es wäre gut, einen Feuerlöscher im Haus zu haben. Es gibt welche mit Pulver und welche mit Schaum drin. Worin besteht denn der Unterschied? Ich frage nach.

Fachverkäufer: „Was möchten Sie denn löschen?“

ich: „Naja, ich plane nichts Konkretes. Sagen wir einfach mal, einen Weihnachtsbaum?“

Fachverkäufer: „Haha, einen Weihnachtsbaum, das ist gut, dann rate ich Ihnen zu diesem hier“

Ich nehme mittelgroßen Feuerlöscher entgegen.

Der Fachverkäufer hält einen Moment inne. „Sie meinten doch einen normalgroßen Baum in einem normalgroßen Haus, oder?“

ich: „Ja sicher, alles normal“

Fachverkäufer: „Dann ist der richtig“.

Der Liebste möchte zu Hause wissen, warum ich mich für diesen Feuerlöscher entschieden habe. Weil das der Richtige ist, natürlich.


Wann ich denn mal wieder einkaufe, fragt de Omma, verdächtig vorsichtig. „Ich kaufe jede Woche ein, was brauchste denn?“ Sie hätte da eine Liste mit Dingen, die sie zum Backen braucht. Der Vatta kauft für sie ein, normalerweise, das macht der auch gut und sie ist ja froh, aber mit dem Einkauf von Backzutaten möchte sie ihn lieber nicht behelligen. Den Vatta graust es vor dieser Liste, das weiß ich. Puderzucker, Zuckerstreusel, Orangeat, Zitronat, alles kein Problem, ich finde das, versichere ich der Omma.


Der erste Schnee fällt und schmilzt am gleichen Tag. Macht nichts, das gilt. Es hat geschneit. Der Liebste hat Spätschicht, auf was sollen wir warten? Julikind und ich gucken „Drei Männer im Schnee“ und teilen uns einen Mandelnougatriegel dabei. Der Film ist so alt, die Leute hatten damals noch gar keine Fernseher. Nach ein paar Minuten vergisst man aber, dass die Farben fehlen. Als der Abspann läuft krabbelt das Julikind unter der Wolldecke hervor. „So“, sagt sie, „dann ist es jetzt Advent“.

Ende November 2021

Es klingelt. Vor der Haustür steht ein riesen Paket. Der Paketbote sitzt schon wieder im Auto. In fünf Minuten kommen die Kinder nach Hause. Wo verstecke ich das denn jetzt auf die Schnelle? Auf dem Dachboden. Ich schaue mich suchend um. Irgendwas muss ich da drüber legen, obwohl, eigentlich, so wie es gerade da steht verschmilzt es geradezu perfekt mit dem rumpeligen Ambiente. Das war leicht.


Weihnachtsgespräche. Das Märzkind ist eingeladen, am ersten Feiertag, ob sie da denn zusagen kann, oder sind wir bei der Oma? Ich weiß es nicht. Diese Seite der Familie kommuniziert nicht. Ich finde, sie kann ruhig zusagen, wer zuerst kommt… Nee, sie würde da schon gern mit, wenn denn dann. Ich weise den Liebsten an, Weihnachtsinfos zu beschaffen. Wenige Tage später bekomme ich die Rückmeldung, dass Planung im Moment nicht möglich ist, aus Gründen, die zur Abwechslung mit Corona mal garnichts zu tun haben.


Ein Gottesdienstbesuch zum Ewigkeitssonntag. Danach auf den Friedhof. Auf dem Rückweg komme ich am Zigarettenautomaten vorbei. Da kaufe ich sonst jedes Jahr ein Geschenk. Jetzt brauche ich das nicht mehr.


Die Inzidenz liegt bei 210. Ich will nichts beschreien, aber, vermutlich wird es über kurz oder lang wieder Einschränkungen geben. Den Kindern gegenüber so zu tun, als wäre das nicht so, finde ich unfair. Ich spreche vorsichtig mit dem Märzkind darüber. Sie wird blass, aber eigentlich, das hatte sie sich auch schon gedacht. Einige aus ihrer Klasse machen Praktika in Grundschulen und Kitas. Da bekommt man ja mit, was gerade los ist. Sie haben in der Schule schon gefragt, wie es denn weitergehen würde, mit den Praktika, im Fall von Schulschließungen. Die haben gesagt „das wird nicht passieren“. Anscheind gibt es keinen was-wäre-wenn-Plan.

Doch, bei uns schon: Wer noch Geschenke zu besorgen hat, oder nochmal ins Kino möchte, oder so, möge das bitte für nächste Woche einplanen. Muttitaxi steht zur Verfügung und Taschengeldvorschüsse wären kein Problem. Möglichkeiten finden, statt mimimi. Jeder denkt bitte einmal darüber nach, wie man ein schönes Lockdown-Weihnachten feiern könnte. Nur eine Denksportaufgabe. Der ursprüngliche Plan gilt bis Heilig Nachmittag, mindestens.


Die Mädels wollten gern nochmal ins Schwimmbad. Wir sitzen mitten in den Blubberblasen und überlegen, wann wir zuletzt im Hallenbad waren. Vor zwei Jahren ungefähr, sagt das Julikind, könnte sein, sie hat recht. Es ist ein bisschen seltsam, dass man vorm Eintritt kontrolliert wird, aber, es scheint so, als wäre 2G ein Filter. Die Leute die drin sind halten sich so gut es eben geht an Abstände und begegnen einander freundlich. Beim Abendbrot ist es auffallend leise. Hat uns schwimmen früher auch so müde gemacht?


„Ach, und ab heute galt dann wieder Maskenpflicht“, sagt das Maikind beim Abendessen. „Stimmt, aber bei ihnen erst ab der dritten Stunde“, sagt das Julikind, die ersten beiden Stunden haben sie noch so gesessen. Wir sind lange über den Punkt raus, wo man sich über sowas wundern würde. „Na, das hat ja dann genau eine Woche lang gehalten, dieses Konzept“, sage ich. Schade. Aber leider sind die Zahlen so, dass man diese Maßnahme eigentlich gut findet.

Die Masken wärmen auch das Gesicht ein bisschen. Das ist praktisch, wenn man bei -2 Grad dauernt das Fenster aufmachen muss. Lüften ist auch im zweiten Coronawinter das Mittel der Wahl. Die Kinder sitzen im Kalten, das ist bedauerlich, aber nicht zu ändern. Energiekosten? Klimawandel? alles pillepalle wenn man dagegen den Aufwand betrachtet, den Anschaffung und Unterhalt von Luftfiltern in Schulen bedeuten würde. Ach, Deutschland.


Der Liebste arbeitet wieder und schafft sogar danach noch eine kleine Hunderunde. Hätte ich nicht gedacht, aber ich freu mich natürlich. Er hat was zu erzählen. An der Arbeit hatten sie heute fast ein Gasleck. Wie kann man denn fast ein Gasleck haben? Erkundige ich mich. Schön, dass es doch noch andere Themen gibt, außer Corona. Und so viele andere Möglichkeiten zu Tode zu kommen.


An der Laterne vorm Haus wurde die Weihnachtsbeleuchtung angebracht. Stimmt, es ist ja schon soweit. Normalerweise ist der Nachbar mit der beeindruckenden Balkonbeleuchtung immer der Erste. Da hängt bis jetzt nur ein leuchtender Stern im Fenster, der blinkt noch nicht mal. Ich hole die Kiste mit der Weihnachtsdeko vom Dachboden. Es fühlt sich so an, als hätte ich sie letzte Woche erst eingepackt.

Normalbetrieb

„Ach, ist Dienstag heute“, denke ich im vorbeigehen. Die Tonnen stehen an der Straße, morgens um halb sieben. Außerdem sind die Badezimmer- Bodenfliesen neu verfugt, richtig gut sieht das aus. Es war natürlich nie so gedacht, dass das wochenlang ohne… verfugte Fliesen im Bad sind im Alltag viel praktischer als unverfugte, da sind wir uns alle einig. Das Auto wurde aus der Werkstatt geholt, hat TÜV und Winterreifen, Getränke stehen in der Garage. Alles einfach so. Der Liebste ist wieder auf den Beinen. Freude und Dankbarkeit! Es fühlt sich fast wie Urlaub an.


Das Julikind kommt fröhlich vom Kickboxen. Der Zeh ist noch nicht richtig gut, aber es ging. Und, da hatte ich doch recht, sagt sie, es geht ihr tatsächlich besser als vorher. Dachte ich mir. Einmal die Woche braucht es das. Selbstverteidigung war heute dran. Die Techniken sind für Gefahrensituationen gedacht, und sollen im Alltag nicht angewendet werden, Ehrensache. Aber, sie wäre bereit eine Ausnahme zu machen und bietet dem Maikind an, ihm mal zu zeigen, was sie gelernt hat, nur zum Spaß, natürlich. Er lehnt dankend ab.


Das Märzkind hat den Praktikumsbericht fertig gestellt und abgegeben. Das trägt auch zur allgemeinen Entspannung bei. Erstmal.

12 Punkte hat sie drauf bekommen, sagt sie. 12 Punkte, ääähm, das ist ne zwei, ist doch gut. Nee, ist es nicht. 13 hatte sie angepeilt, mindestens. Abzüge gab es wegen einer angeblich fehlenden Quellenangabe und für Abschnitte, in denen garnichts angestrichen war. Auf Nachfrage meinte die Fachlehrerin das ihr das „insgesamt irgendwie nicht gefallen habe“. Dazu fällt einem doch nichts mehr ein. Soll sie als Quellenangabe jedesmal „mein Gehirn“ schreiben, wenn sie selber von sich aus was weiß?, das kann doch wohl nicht sein.

Tja, sage ich, dann bist du wohl bei dieser Lehrerin in diesem Halbjahr der Arsch vom Dienst. Das ist blöd, leider passiert einem das manchmal im Leben, ohne das man dafür etwas kann. Der Bericht war klasse, ich habs ja gesehen. Aber – ich bin keine von den Müttern, die hingeht und wegen einer 2 nörgelt. Das weiß sie doch, sagt das Märzkind, das würde ja auch sowieso nichts bringen. Beim nächsten Bericht peilt sie von vornherein zwölf Punkte an, mehr ist eben nicht drin, da kann sie sich den Stress sparen. Und die Lehrerin, die hat sie gefressen, aus diesem Grund und noch ein paar anderen….

Siehe da, im Internet finde ich eine Lösung für Probleme dieser Art: Ein Tierheim, irgendwo in den USA ist bereit, gegen eine Spende von 5 Dollar, Vornamen von missliebigen Personen auf den Boden von Katzentoiletten zu schreiben. Man bekommt sogar ein Foto mit niedlichem Kätzchen daneben. Das könnte sie der Lehrerin ja dann als Weihnachtskarte…Soll ich mal gucken, ob ich in Dollar überweisen kann? Nee, brauch ich nicht, die Oma hat ja ne Katze und einen Edding hat sie selber, sagt das Märzkind.


Coronageschichten am Küchentisch

Der Triathlet berichtet: Drei aus dem Team hatten sich nicht impfen lassen, weil sie gehört hatten, dass es nach der Impfung Leistungseinbrüche geben könne. Seit dieser Woche dürfen die drei nicht mehr ins Schwimmbad, wegen 2G. Alle anderen dürfen normal weitertrainieren. Da wird man dann im nächsten Frühjahr sehen, wie sich das auf die Leistung auswirkt.

Der Nebenerwerbs-Cafe-Besitzer hat das letzte Wochenende erstmals mit 2G-Regeln bestritten. Rein durften nur Genesene, vollständig Geimpfte und Kinder. Am Eingang musste er die Leute kontrollieren. Das geht mit der App ganz einfach. Aber, Sachen hat er sich anhören müssen, schön war das nicht. Er hofft, dass es sich rumspricht, dass hier die Regeln eingehalten werden. Es gibt durchaus Gäste, die das gut finden.

Das Märzkind berichtet, dass so ziemlich alle AS-Taxi-Fahrer ungeimpft sind. Deren Argument: „Mal ganz ehrlich, wenn es nicht ständig im Fernsehen laufen würde, wieviel hätte man denn selber mitbekommen, von diesem Corona?“ Tja, da hat sie gedacht, das stimmt schon ein bisschen, denn sie kennt eigentlich auch keinen, der es richtig schlimm hatte. Ähm, ja. Das spricht aber in meiner Welt eher für diese ganzen Schutzmaßnahmen, denn genau das ist doch der Sinn. Die spanische Grippe hat gut ohne Fernseher und soziale Medien funktioniert, die Pest auch. Ich wappne mich innerlich für den Zusammenbruch des öffentlichen Nahverkehrs nach 16 Uhr und an Wochenenden. Wenn die AS-Taxi-Fahrer ausfallen sollten ist Muttitaxi die einzige Alternative.


Die Inzidenz liegt bei 155. Ich mache mir einen Frisörtermin für den 15. Dezember und stehe danach noch einen Moment nachdenklich vor dem Kalender. Hoffentlich hab ich nicht zu hoch gepokert.

Angedacht ist der Beginn der Weihnachtsferien in Hessen am 23. Dezember. Ich tippe auf Ferienstart am 20. Dezember.