Ein Job

Unter diesen Bedingungen ist die Aula mit 16 Kindern plus Eltern voll. Herzliches Willkommen im Namen der Schüler, der Schulleitung, des Klassenlehrers und Gottes Segen. Elterninfos wegen Essen, Hausaufgabenbetreuung, Klassenaufteilung, kein Tanz, keine Musik, alles auf Abstand. Halbe Stunde, fertig. Das Kind kommt dann einfach mit dem Bus nach Hause. Normalerweise hätte sich die Veranstaltung den ganzen Vormittag gezogen. Man darf es natürlich nicht zugeben, wenn Einkindeltern dabei sind, aber so ist es durchaus angenehm.

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Bücher werden eingeschlagen, Schnellhefter besorgt und Vokabelhefte in irgendwelchen Formaten, ein ausreichend langer gelber Buntstift gesucht, Muttizettel unterschrieben, Bestellungen zur Kenntnis genommen, Bargeld in Umschläge gesteckt, die Sporthose gesucht, Brotdosen gefüllt, die Pflaumen geerntet, das Motorrad des Liebsten braucht Ersatzteile, wenn er jetzt selber nicht da ist, dann soll ich mal sagen…, Elterntaxifahrten im Normalbetrieb, der Hund muss raus und um halb zwei möge ein Mittagessen auf dem Tisch stehen, was leckeres, es kommt ein Gast direkt nach der Schule…

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„Sag mal Mama, willst du dir eigentlich auch mal wieder einen Job suchen?“, fragt das Julikind mich abends beim Zähne putzen.

Oh mein Kind, ich hab einen.

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Ein Sommerabend zum wegtuppern. Sowas braucht man, wenn der November endlos grau ist.

Irgendwo hat es anscheind geregnet und irgendwer hat einen Damm gebaut, im Flüsschen. Das Maikind und das Julikind legen sich mittenrein. Es ist fast wie schwimmen gehen.

Es wird doch merklich früher dunkel, und auch recht schnell. Auf dem Rückweg kann man eigentlich nicht mehr sehen, wohin man tritt.

Fledermäuse machen überhaupt kein Fluggeräusch, man erschreckt sich die ersten drei Male, wenn sie einem so um den Kopf rum fliegen.

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Samstag Abend trinken der Liebste und ich ein Feierabend Bier im Garten. 12 Nachtschichten am Stück waren das für ihn, für mich der Rest.

Im Nachbarort gibt es einen Open Air Kinoabend. Anscheind stehen die Lautsprecher in unsere Richtung, wir verstehen jedes Wort. Liegt vielleicht auch daran, dass der Wald dazwischen nicht mehr ist, überlegen wir. Aus der anderen Richtung kommen Partyhits der frühen Neunziger, Geräusche der Geselligkeit aus der Ortsmitte. Ah, die Ferien sind rum. Man darf die Partyplätze wieder mieten.

Die Wechselschicht Wochen sind immer anstrengend, aber diesmal noch mehr als sonst. Wir haben keine Reserven mehr. Nur so sitzen ist schön.

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Dieser Klappstuhl-Gottesdienst wurde geplant, als Gesang noch verboten war, entschuldigt sich der Pfarrer. Seit dieser Woche seien zwei Choräle zu je zwei Strophen erlaubt, aus dem selbst mitgebrachten Gesangbuch allerdings nur, versteht sich. Ein Raunen geht durch die Gemeinde. Fragen bleiben offen. Wie lang darf denn eine Strophe wohl sein? Was passiert, wenn jemand versehentlich die dritte Strophe ansingt? Muss man das melden? Wem? Wird es gesundheitliche Auswirkungen haben? Was bedeutet das für den Standort Deutschland? Man muss es mit Humor nehmen. „So klappt zusammen und gehet hin in Frieden, möchte man sagen, aber das wäre natürlich nicht angemessen. Wir machen das schon anständig“, sagt der Pfarrer. Wir gehen mit Maske bis vor den Zaun und unterhalten uns dort ohne, über den Transport von Campingstühlen in Kleinwagen.

August, Halbzeit

Ich habe ein Buch gelesen. Bis zum Ende. Normalerweise lese ich viele Bücher bis zum Ende, aber dieses war besonders, denn es war das erste, seit Februar, bei dem ich weiter als 12 Seiten gekommen bin. Ein Fantasyroman aus der Abteilung für 12 bis 15jährige, nun ja, es scheint eine Triologie zu sein. Wir werden sehen.

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In Thüringen fangen die Herbstferien genau dann an, wenn sie hier enden, fällt uns auf. Das ist ja blöd. Dann eben in den Weihnachtsferien…

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Das Maikind ist jetzt Konfirmand. Bis nächsten Mai soll er an mindestens 30 Gottesdiensten teilnehmen und die Gemeinde kennenlernen. Es werden außerdem Punkte vergeben für die Mithilfe bei der Kinderbibelwoche, beim Gemeindekaffee oder beim Küster. Es findet halt nur nichts statt. Oder?

Ein Klappstuhlgottesdienst wird angekündigt für Sonntag im Nachbarort. Samstag nachmittag schaue ich auf der Homepage der Gemeinde. Ja, da steht, Sonntag im Nachbarort. Für mich wäre noch interessant gewesen, wann und wo genau.

Ich stelle fest, auch nach sechs Wochen Ferien habe ich noch nicht wieder die Nerven, Infos hinterherzulaufen. Ich will das auch gar nicht mehr. Entweder es macht sich jemand die Mühe mir irgendeine Art von Mitteilung zukommen zu lassen, oder ich weiß es eben nicht.

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Siehe da, es geht.

Sonntag morgen um 10 sitzen das Maikind und ich auf der Kirchenwiese in der Sonne. Auf den dicken Sitzkissen, weil, wir haben gar keine Klappstühle. Da waren wir aber nicht die einzigen. Um uns rum sitzen Leute auf Bürostühlen, Hockern und Campingmöbeln aller Art. Dass direkt neben uns eine Frau im Rollstuhl sitzt bemerke ich erst auf den zweiten Blick. Sie winkt fröhlich.

Da hat er aber das beste Jahr erwischt, sagt das Maikind. Gottesdienste draußen und Gesang ist verboten, was für ein Glück. Also, bis auf weiteres, im Herbst wird es vielleicht blöder.

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Wir haben jetzt das beste Internet. Ein deutlicher vorher/nachher Effekt. Es hat sich gelohnt. Dank an die Fachkraft, die das installiert hat, auch im Namen meiner Kinder!

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Ich habe alle Schubladen mit Schulsachen einmal komplett ausgeräumt. Hatte mir schon gedacht, dass die nicht alle weg sind.

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Morgen wäre dann Sportunterricht, teilt das Maikind mit. Das heißt dann wohl heute Schuhe kaufen. Aber nur, wenn die, die er hat, wirklich nicht mehr passen, grummelgrummel, Abgang Maikind. Drei Minuten später haben wir Gewissheit, die Schuhe von März sind zu klein. Der Papa will sowieso gerade ins Städtchen, das trifft sich gut.

Die neuen Schuhe sind fünf (!) Nummern größer als die alten. Fünfeinhalb Nummern sogar, wenn man es genau nehmen will.

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Mögest du von fröhlichen, motivierten, pädagogischen Fachkräften unterrichtet werden, aus Büchern, die nach der Rechtschreibreform gedruckt wurden.

Mögen die Busse, in denen du transportiert wirst den TÜV bestanden haben und regelmäßig fahren. Mögen die Busfahrer*innen ortskundig oder der deutschen Sprache mächtig sein, oder beides.

Mögen deine Mitschüler unbewaffnet und mit freundlichen Absichten zum Unterricht kommen.

Mögen die sanitären Anlagen allzeit nutzbar sein und die Seife bis zum Ende des Tages reichen.

Zu lang. Ich schreibe einfach „Alles Gute zum Schulanfang“ in die Karte für das letzte i-männchen der Familie.

Hatte ich erwähnt, wie schön es ist, dass ich die Grundschule fertig habe?

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„Bisschen dreckig, aber geht noch“ geht diese Woche dann nicht mehr. Hallo Wäscheberg.

Sommer

Morgens um 10 ist es fast schon zu warm zum spazieren gehen. Mitten auf dem Waldweg frühstückt ein junges Reh (Sind das Mitte August noch Kitze? Ich weiß es nicht.) Dass der Hund so gar keinen Jagdtrieb hat, ist doch wirklich angenehm. Ich bleibe stehen und beobachte. Ein Vogel meldet Besucher im Wald, das Reh schaut in unsere Richtung, der Hund und ich stehen still, völlig unbeeindruckt frisst es weiter. Ein Flugzeuggeräusch über uns, das Reh schaut sich suchend um, wundert sich, überlegt kurz und frisst weiter. Ich nehme den Hund an die Leine, nicht das er doch noch auf Ideen kommt, und gehe ein paar Schritte weiter. Das Reh wartet kurz, ja, leider wollen wir echt genau da lang. Betont langsam flüchtet es ins Unterholz, als Teeniemutter meint man ein augenrollendes „boooaaarmanneejj“ hören zu können.

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Im Schreibwarenladen der Nachbargemeinde haben sie Collegeblöcke mit dieser Pünktchenlineatur. Die habe ich zuletzt beim Französischaustausch in den 90ern gesehen, hier gab’s die leider nicht. Dann -aus dem Nichts- ein Geistesblitz! In NRW beginnt die Schule eine Woche früher. Das heißt, die ganzen Muddis hier haben den alljährlichen Einkauf des Wahnsinns zu Schulbeginn schon durch, wenn ich los muss. Die Nachbargemeinde ist genauso weit weg wie das Städtchen. Warum zum Geier komme ich da erst jetzt drauf?

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Wir stellen überrascht fest, dass wir vorher noch nie im eigenen Garten gefrühstückt haben. „Es fühlt sich an wie im Urlaub“, sagt das Maikind.

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Das Julikind verbringt einen geschenkten Pferdetag mit Tante und Cousinen. Auf der Rückfahrt erfahre ich, dass frischer Pferdemist doch deutlich mehr wiegt als welcher, der schon eine Weile rumlag, dass man Pferde mit Fingerfarbe anmalen kann, nur nicht da, wo der Sattel hin muss, wie man antrabt und bremst und und und und und und dann schläft das Julikind ein.

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Das Märzkind übernachtet auswärts.

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Ich bringe sechs ungenutzte Kaffeegedecke in die givebox und finde ein Lieblingsbuch, das irgendwann einfach weg war. In einer offensichtlich ungelesenen Orginalausgabe, guter Tausch, ich freu mich. Sicher taucht das abgeschrammelte Taschenbuch im Laufe der Woche wieder auf.

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Eis essen stand noch auf der Ferienliste. Die Eisdiele ist natürlich proppevoll. Die Tische stehen weit auseinander, drei junge Männer sprinten mit Eisbechern hin und her, bei 36°C. Sie sind auffallend freundlich, zu jedem. Im reinlaufen rufen sie der Frau hinter der Eistheke zu, was gebraucht wird. In atemberaubender Geschwindigkeit werden die Bestellungen zusammengebaut und sind wenige Minuten später zeitgleich am richtigen Tisch. Ungewohnt, aber so kann Gastronomie auch sein. Das Märzkind schüttelt den Kopf, „man hat fast den Eindruck, das macht denen Spaß“.

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Die Fussgängerzone war vorher schon kein Schmuckstück. Mit leeren Schaufenstern ist es eine trostlose Gegend.

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Die Schule schickt das neue Regelwerk für den Regelbetrieb. Fünf Tage die Woche für alle mit Nachmittagsunterricht und geöffneter Cafeteria sind geplant. Es gibt ein Hygienekonzept, das liest sich richtig gut. Wenn man allerdings einen Moment länger darüber nachdenkt…. ach was. Der Landkreis hat gerade null Neuinfektionen. Da tun wir einfach mal so, als würden nur Einzelkinder zu Fuss zur Schule kommen, die den ganzen Tag nicht auf Toilette müssen. Läuft.

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Starkregen. Der Liebste stürmt die Haustür rein, reißt die Kellertür auf, flucht und rennt wieder raus. Von oben höre ich ein „Och nee, müssen wir schon wieder den Keller wischen?“ Zum Glück nicht. Aber der liebevoll hingemörtelte Schutzwall steht leider an der völlig falsche Ecke. Das hätte man so nicht für möglich gehalten. Der Liebste verteidigt das Kellerfenster gegen die Flut, mit dem was gerade da ist.

Mann mit Tapeziertisch im Regen, das Bild wurde nicht freigegeben.

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Nach dem Regenguss öffnen wir alle Fenster und freuen uns über die angenehm kühlen 25°C.

Empfindlich?

Der Biergarten wurde schon im letzten Jahr leicht vergrößert, das hatte sich so ergeben, Altbauten entscheiden manchmal Sachen. In diesem Jahr wurden Bambus Windschutzmatten rund rum gebaut. Es gibt unterschiedlich große Tische unter riesigen Sonnenschirmen, die Bestuhlung ist nicht einheitlich.

„Habt ihr gut hingekriegt, sieht fast nach Strandbar aus“, sage ich zum Wirt.

„Och jo, findste?“ Der Wirt wirkt überrascht.

„Jo, schon. Also, wenn man mal vom Spießbraten-Bräter im Eingangsbereich absieht.“

„Weißte“, sagt der Wirt, „am wichtigsten ist, das man im Vorbeifahren nicht so ganz genau alles sieht, diesen Sommer.“

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Die Arme werden ausgebreitet, um das Märzkind zu knuddeln. Sie zögert, guckt mich fragend an. Das wird bemerkt und falsch verstanden. „Seid ihr empfindlich, oder was?“, es klingt fast etwas ruppig. Ich zucke mit einer Schulter, wir umarmen alle nacheinander die Risikogruppe.

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Nach einer Hunderunde in schwüler Hitze machen wir Halt bei den Großeltern. Da kann sich der Hund unter dem Gartenschlauch abkühlen, alle anderen, die daneben stehen, auch. Das Märzkind klingelt, die Oma öffnet und bleibt in der Tür stehen.

„Wie geht es Dir?“ Das Kind denkt, es sei eine Anspielung auf die Camper-müdigkeit und lacht. „Alles supi“. Die Oma meint es aber ganz im Ernst, sie darf dieses Virus einfach nicht kriegen. Punkt. „Kein Halskratzen, Fieber….?“ „Neee, natürlich nicht!“

„Also, wir waren in den letzten Tagen viel unter Leuten, die 1,5m können wir ruhig einhalten“, entscheide ich. Hier wurde eine zweite Bank für den Hof angeschafft. Wir sitzen auf der einen, die Großeltern auf der anderen.

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Bei der Omma im Garten wurde mit dem Aufsitzmäher über das Efeu gemäht, das da den Zugang zum Nebeneingang zuwuchert. Das hatte sie erst gar nicht gesehen. Hätte sie es gesehen gehabt, hätte sie dem Mähenden aber gleich gesagt wie sie das findet. Also, wirklich. Wie sieht das denn aus? Wenn einem jemand seit Jahren den Rasen mäht, kann man doch wohl erwarten, dass da ein bisschen sorgfältig gearbeitet wird. Jetzt ist da so eine Dreckecke. Es wird wohl den ganzen nächsten Vormittag dauern, da wieder so einigermaßen Struktur rein zu bekommen. Ach was, wenn man ehrlich ist, ist es wohl für immer verdorben. Man muss sich ernsthaft fragen, was der Mähende sich wohl dabei gedacht hat. Das wird sie auch tun, das kann ich aber ruhig glauben, sobald der aus dem Urlaub zurück ist, kriegt er was erzählt.

Und bis dahin muss ich es mir anscheind anhören.

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Zur Feierabendzeit liegen in der Selbstbedienungs-Brötchen-und-so-Theke des Supermarkts auffallend viele Donuts, mindestens vier verschiedene Farben, gefüllte und ungefüllte…

„Kann ich einen?“, fragt das Julikind.

„Ja. Einen.“

„Dann nehm ich für die anderen auch einen mit?“

Eine kurze Hochrechnung ergibt, das zu Hause noch fünf Kinder sind, und der Papa. So ein Donut kostet 90 Cent, und ist schnell weg gesnäckt.

„Nee, nimm dir einen und iß den gleich heimlich im Auto“, sage ich.

Als ich den Einkauf verstaut habe, ist der Donut schon angebissen und wird eine Weile hin und her gedreht. Dann tippt das Julikind irgendwas auf dem Handy und beißt wieder ab.

„Was machst Du?“, frage ich, nur aus Interesse.

„Hab den Donut fotografiert, für meinen Status.“

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In Berlin demonstrieren Impfgegener, Rechtsradikale, Chemtrail-Leute und werweißwer dafür, dass Deutschland auch eine richtige Corona-Welle bekommt, das wird man ja noch sagen dürfen.

Sicher darf man, das ist ja das geile an Demokratie. Man darf alles sagen, auch auf der Strasse und in Kameras.

Ich schäme mich für jeden einzelnen, der da so fröhlich auf alle Regeln pfeift. Hoffentlich sehen die Leute in Bergamo und NewYork und so diese Bilder nicht.

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„Braucht ihr eigentlich neue Sportschuhe?“

Sportschuhe, wofür? Die Kinder überlegen, ach so, ja, sicher, also wenn denn dann…lieber nochmal abwarten.

Ich bestelle uns einen WLan Router, der laut Beschreibung in der Lage ist, gutes Internet für mehrere Personen gleichzeitig zu produzieren.

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Ferienakademie:

Das Märzkind kann jetzt Kronkorkenverschlüsse mit Hilfe einer anderen Flasche oder einem Feuerzeug öffnen.

„Gütersloh“ bringt bei Stadt/Land/Einhorn leider nur läppische 5 Punkte.

„Beste Leben, Digga!“ heißt übersetzt „Alter, wie geil ist das denn?“

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Wegen sommerlichen Temperaturen drehen wir eine Hunderunde am späten Abend. Ich mag diesen Flugzeug freien Himmel und diese Sonnenuntergänge in HD. Da sieht man jetzt noch schemenhaft Berge hinter den Bergen. Richtig schön! Leider kein Foto

Bemerkungen: -keine-

Das Märzkind bekam bereits am Donnerstag ihr Zeugnis. Darauf das Datum von Freitag und der Hinweis, dass “ das Betriebspraktikum aus Gründen, die die Schülerin nicht zu vertreten hatte, nicht stattfinden konnte.“

Für die Woche nach den Ferien wurde eine Mathearbeit angekündigt. Es wurde darauf verzichtet, Aufgaben über die Ferien aufzugeben, aber ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der Schulbetrieb danach normal weitergeht und die Abschluss-Hausarbeit nebenher geschrieben werden muss, Abgabe der Gliederung zur Genehmigung durch die Schulleitung eine Woche nach den Ferien.

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Das Maikind hat einen Klassenlehrer verabschiedet und ist mit dem, der danach kommt zufrieden.

Er war seit 53 Tagen nicht in fortnite, stellt er erschrocken fest. Nach den ganzen Hausaufgaben konnte man sich ja auf nichts mehr konzentrieren. Naja, so wurde wenigstens das ganze Lego mal abgestaubt. Aber jetzt…

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Grundschulzeugnis-Abschlusszeremonie entfiel wegen Krankheit der Klassenlehrerin. Die letzten Grundschultage wurden von unbekannten, aber sehr netten Vertretungslehrern übernommen.

Ein Brief und ein Geschenk der Klassenlehrerin für das Kind und einen Elternbrief.

Die neue Schule lädt herzlich zur Einschulungsfeier am Mittwoch nach den Ferien. Jede Klasse bekommt eine eigene kleine Feier, jedes Kind darf zwei Personen mitbringen, die sich vorher namentlich anmelden müssen und am Tag der Veranstaltung bitte ihren unbedenklichen Gesundheitszustand schriftlich erklären. Verschiedene Zettel für alles liegen bei.

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Alle Zeugnisse waren gut. Ich gebe zu, besser als ich erwartet hatte. Anscheind habe ich während des Hausaufgabenmarathons gar nicht mitbekommen, dass vieles auch von alleine gut lief. Irgendwo gab es immer ein Problem, mindestens eins.

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Dieses Schuljahr war ein wenig anders als die anderen, aber vielleicht war es auch nur mein persönliches Empfinden. In den Zeugnissen steht jedenfalls nichts davon.

Die Elternbriefe sprechen von einem turbulenten Jahr, dass einige Herausforderungen mit sich brachte. Ist klar. Ihr mich auch.

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Fast volle Hefte werden zerlegt, Ordner und Schnellhefter entleert. Ein Schmierzettelblock für’s nächste Schuljahr wird zusammengestellt und der Rest kommt feierlich in die Tonne.

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Eine Joggingrunde ganz alleine. Es fühlt sich an wie Urlaub.

Statt in Sofasitzhose und T-Shirt lief ich in extra für diese Sportart entwickelter, farblich zueinander passenden Funktionskleidung. Diesmal ist mir natürlich niemand begegnet.

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Wir haben Honig geschleudert und uns über den Ertrag gefreut. Zwischen den beiden Bienenständen liegen nur 3 Kilometer. Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich der Honig geworden ist.

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Müde. Wir sind alle müde. Sogar die kleine Eule ist Abends um 11 schon im Bett. Im stillen bin ich ein bisschen froh, dass ich kein Auto beladen werden muss, und keine Urlaubsort erkundet werden will.

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Alle Freizeit Einrichtungen haben verschiedene, teilweise seltsame Hygieneregeln. Manche schränken derart ein, dass ich schon vom Lesen keine Lust mehr habe. Halber Spass zum vollen Preis, quasi.

Ich bitte alle Kinder eine Liste mit Sachen zusammenzustellen, die sie in den Ferien gern machen würden.

Viele verschiedene Freunde möchten Sie sehen, einige Übernachtungen wurden schon geplant. Boot fahren, Trampelboot fahren, im Zelt schlafen, schwimmen, chinesisch essen, Döner essen, Eis essen, Pizza essen, pulled pork essen, grillen und Burger bestellen. Ich erkenne da eine Richtung.

Heu und Regelbetrieb

Männer, die mit hochauflösenden Ferngläsern irgendwo im Feld stehen, sind mir unheimlich. Vor allem, wenn verschiedene Männer zu verschiedenen Zeiten scheinbar die gleiche Stelle beobachten. Mein Hirn möchte wissen, was da beobachtet wird. Man sieht aber ohne Fernglas natürlich nichts. Merkwürdig.

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„Warum kreisen da so viele Vögel?“, wollte das Maikind wissen.

„Das sind Milane, die sind eigentlich sehr selten.“

„Sieht nicht so aus…“

„Stimmt.“

Merkwürdig.

Windräder sollen da irgendwo gebaut werden. Das ist einerseits schade, weil es wirklich eine schöne Ecke ist und zu meinen Lieblings- Hunde -Runden gehört. Andererseits nutze ich natürlich gerne Strom. Jeden Tag. Deshalb kann ich nicht dagegen sein.

Irgendwer ist aber so richtig dagegen und wurde erwischt. Am Samstag stand in der Zeitung, dass seit längerem Schweinefleisch für die Milane ausgelegt wurde, um das Gutachten zu manipulieren.

Krass, ich dachte immer, hier ist nichts los…

Die Milane fliegen übrigens wieder einzeln über die frisch gemähten Wiesen.

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Regelbetrieb der Grundschule, man muss es mit Humor nehmen. Täglicher Unterricht mit der ganzen Klasse von der zweiten bis zur vierten Stunde. Mit Busfahrten dauert ein Schultag von zwanzig nach acht bis zwanzig vor zwölf. Dann Hausaufgaben.

In der Schule sitzt das Julikind neben der Freundin, mit der sie auch die Nachmittage verbringt.

„Weißt du was Mama, an der Bushaltestelle, als keiner geguckt hat, hat Lara mich dann einfach mal geknuddelt,“ bekomme ich im Flüsterton erzählt.

Da haben sich die kleinen Mädels tatsächlich über Wochen tapfer an die Regeln gehalten. Ich staune und mir wird einiges klar. Lara geht nach den Ferien auf eine andere Schule. Es sind die letzten gemeinsamen Schultage.

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Das Maikind hat mittlerweile so viel Präsenzunterricht, das es schon wieder Freistunden gab. Es sind sich aber alle einig, dass es mit halber Klassenstärke viel besser geht. Alles.

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Das Märzkind hat diese Woche nur einen Schultag. Nächste Woche werden dann die Bücher abgegeben.

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Nach einigen Wochen warten auf einen freien Trainingstermin dürfen die Cheerleader wieder zu den alten Zeiten in der gewohnten Halle trainieren. In festen „Päckchen“ und mit viel Abstand zwischen den Kleingruppen. Es wird eingetragen, wer da war. Alles besser als nichts.

Plus vier Elterntaxifahrten pro Woche.

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Das Maikind und ich gehen Erdbeeren pflücken. Nach einer halben Stunde wird uns klar, warum die im Moment so teuer sind. Man muss sie fast suchen, auf dem Feld. 9 Kilo reichen für 25 Gläser Marmelade. 3 Gläser werden direkt in den ersten drei Tagen geleert. Das Maikind hat Sorge, dass die Vorräte nicht bis zum nächsten Jahr reichen.

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Eine kleine Gruppe Jugendlicher versucht einen freien Zeltplatz im Juli zu ergattern. Es gibt genau einen Campingplatz in der Umgebung, der für Zelte öffnet, seit drei Tagen warten sie auf eine Antwort auf ihre Anfrage. Ich befürchte das Schlimmste.

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Überall wird Heu gemacht. Ich musste die Dosis der Medikamente anpassen und befinde mich im geistigen Tiefflug. Alles in allem geht es aber ganz gut, dieses Jahr.

Vielleicht fällt es auch einfach weniger auf. Seit März liegen die gleichen Bücher auf meinem Nachttisch. Ich komme nicht zum lesen, und wenn, ist mehr so ein Buchstaben angucken.

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Ich habe nach fast sieben Jahren mal wieder ein Neugeborenes aus der Nähe gesehen. Ich hatte völlig vergessen, wie klein die sind. Es standen zwei Hobby-Footballer neben dem Kinderwagen, das hat vielleicht die Wahrnehmung verzerrt.

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Zum zweiten Mal wurde ein angefragter Zeitraum für die Ferienwohnung kommentarlos nicht wahrgenommen. Es gab zwei neue Anfragen, seltsame allerdings.

Ganz grundsätzlich kann ich sagen, es geht mir dabei um Geld. Diese Anfragen, die so tun, als wäre es ein unfassbares Glück für mich, stundenlang für wildfremde Menschen zu putzen beantworte ich mittlerweile ohne Umschweife: Nein.

Solange ich es mir leisten kann.

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Ein voll besetzter Ferienflieger macht sich auf Richtung Mallorca. Das Märzkind leidet meist leise unter den Kontaktbeschränkungen, hat jetzt aber Schnappatmung. „Wieso dürfen die so in den Urlaub und wir nicht normal in die Schule?“ Ich weiß es nicht.

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In NRW gibt es den ersten regionalen lockdown, nachdem sich jede Menge Arbeiter in einem Schlachthof angesteckt haben. Ich wundere mich, dass scheinbar alle überrascht sind, wie die Leute wohnen (müssen). Reisende Malocher erzählen oft Geschichten von Unterkünften, die sie so angeboten bekommen. Wir sind alle ein bisschen froh, das der Fleischverarbeitende Betrieb im Landkreis letztes Jahr schon pleite gemacht hat.

Vor-Ferien

Wir haben es aufgeschoben, solange es ging, aber jetzt geht’s nicht mehr. Jemand muss das Gelärsch für die Steuererklärung zusammensuchen und jemand muss mit den Kindern Klamotten kaufen. Pest oder Cholera? Der Liebste und ich werden uns schnell einig.

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Wie jedes Jahr nehme ich mir vor, ab jetzt schneller und besser abzuheften.

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Sie haben tolle Sachen gefunden, in Größen, die ich alle so nicht bestellt hätte. Die vier sind völlig erledigt und hoffen sehr, das die Klamotten eine Weile passen. Einkaufen mit Maske ist anstrengend.

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Vier große Tüten mit Sommersachen der Kategorie „schade, das das zu klein ist“ wurden im second hand Laden gerne angenommen.

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Das Auto konnte aus der Werkstatt geholt werden. Es war mehr dran als gedacht, aber anders und daher günstiger als befürchtet. Ein ganz neues Fahrgefühl.

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Mangels Sport im Fernsehen gucken wir wieder Fussball. Die letzten drei Jahre lief hier hauptsächlich Football. Fussball ist langsamer. Viel langsamer. Jammert der jetzt, weil er hingefallen ist?

Ein Bundesliga-Geisterspiel ist akustisch nicht von der Kreisliga zu unterscheiden, stelle ich fest. Vielleicht mache ich doch lieber irgendwas anderes. Gerade, als ich beschließe zu gehen, breitet das Julikind eine Wolldecke über uns aus und kuschelt sich an.

„So ohne Publikum kann man fast einschlafen dabei, ne?“

Stimmt.

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Der Schnellkochtopf schließt nicht mehr so ganz. Alle Dichtungen wurden getauscht, ohne Verbesserungen zu erzielen. Durch Zufall fiel auf, dass der Griff zwei winzige Risse hat, fast unsichtbar, aber so kann der Topf gar nicht schließen. Große Freude! Erstens, weil es das Ersatzteil noch gibt und zweitens, weil der Defekt bemerkt wurde, bevor eine Küchenkomplettrenovierung nötig wurde.

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Fünf Leute stehen murmelnd davor. Die Tatzeit lässt sich sehr genau bestimmen. Der Hauptverdächtige hat wasserdichtes Alibi. Mysteriös.

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Die Grundschule soll ab dem 22. Juni wieder immer für alle öffnen. Abstandsregeln wären damit abgeschafft, das Konzept von „jeder wäscht sich die Hände vorm Unterricht“ bei 6 Grundschulklassen und vier Waschbecken auch eher schwierig umzusetzen. Es gäbe wohl die Möglichkeit, alles so zu lassen, wie es gerade ist. Dafür müssten sich die Eltern dann aber einstimmig entscheiden.

Natürlich gab es keine einstimmige Entscheidung. Innerhalb dieser Klasse ist von Verschwörungstheorie bis zum krebskranken Geschwisterkind alles vertreten. Der Tonfall im chat ist unangenehm. Drei Wochen noch…

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Kontaktsportarten dürfen dann anscheind auch wieder trainieren. Juhu!

In 10er Gruppen, mööööp, also nicht.

Aber das Freibad macht auf, das ist gut.

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Die Kunstnote wird anhand einer Präsentation ermittelt. Picasso hat ungefähr 12 Vornamen und auch ansonsten recht viel gemacht in seinem Leben. Es ist eine umfangreiche und nervenaufreibende Aufgabe. Das Märzkind ist ein neuer Mensch, als es endlich geschafft ist. Alle anderen können sich von Herzen mitfreuen!

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Das Julikind genießt das erste wirklich komplett Hausaufgaben und lernfreie Wochenende seit, man weiß schon nicht mehr wann eigentlich.

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Der Klassenlehrer des Maikindes überlegt, in den Ferien eine Woche online Unterricht anzubieten. Wir wissen das Engagement zu schätzen, ehrlich.

Aber nein.

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Eine Einladung zum Burger essen, wir freuen uns, das letzte mal haben wir im November so zusammengesessen. Die Großen halten Abstand und lassen die Kinder einfach ganz normal spielen. Auf dem Trampolin, im Pool, bis es fast dunkel ist. Einmal alle so richtig ehrlich müde gemacht, nicht nur geistig erschöpft.

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Nach zwei schwülen, heißen Sommertagen regnet es. Kein Unwetter, kein Hagel, einfach nur richtig Regen, wie bestellt.

Zweite Juniwoche

Der Bundespräsident dankt Eltern und Kindern (Weltkindertag) für ihr Engagement bei der Bewältigung der Krise. Es war nicht leicht,wir mussten auf vieles verzichten und haben es so toll gemacht. Respekt.

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Dienstag morgen kommt Marianne aus dem Nachbarhaus ans Bäckerauto.

„Wie geht’s euch, ist alles gut?“

„Danke, alles immernoch ein bisschen chaotisch, aber wir sind fröhlich und gesund. Und bei euch?“

„Das ist ja schön, jo, bei uns ist alles gut, aber wieso denn chaotisch? „

„Ich sortiere immernoch jeden Tag neu, wer wann wie Schule hat und welche Aufgaben erledigt werden sollen. Wir freuen uns alle auf die Sommerferien, langsam reicht es. „

„Ach, ich dachte, es wäre alles wieder normal.“

Marianne ist ü70, hat erwachsene Kinder, die alle weiter weg wohnen und soweit ich weiß, keine Enkel. Für sie hat sich nichts geändert und sie ist ehrlich erstaunt.

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Für mich ist das, was alle „das neue Normal“ nennen ein „schon immer so“. Der Liebste hatte gerade die dritte Schichtplanänderung dieses Jahr, Unterricht ist auch vor Corona schon häufiger ausgefallen, Großeltern sind bei uns aus verschiedenen Gründen in den Alltag nicht einkalkuliert. Neu ist für mich nur der Respekt, den man auf einmal dafür bekommt, den Laden am laufen zu halten.

Dreihundert Euro pro Kind sollen Familien bekommen. Natürlich nicht auf einmal, wir sollen ja nichts sparen, sondern konsumieren. Anscheind gehören die care-Arbeiten doch irgendwie zum Wirtschaftssystem dazu, wer hätte das gedacht?

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Der Hund hat Pubertät. Entweder er schläft oder macht Blödsinn. Es ist ein bisschen anstrengend.

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Morgens um kurz vor sieben kreischt eine Elster im Baum vor dem Schlafzimmerfenster, untermalt vom Kettenqietschen eines Harvesters, der sich auf den Weg macht, dahin, wo vor kurzem noch Wald war. Landlust.

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Der Wald wird gefühlt jede Woche weniger.

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Wenn man Freunde hat, braucht man Geschwister hauptsächlich zum zanken. Zwei Kinder keifen sich an, eins sitzt augenrollend daneben, in jeder möglichen Kombination, ohne erkennbaren Grund. Wahrscheinlich ein gutes Zeichen, aber es nervt ein bisschen.

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Ich habe Honig abgefüllt. Es gab schon eine Warteliste und die halbe Ernte hat das Haus direkt verlassen. Das ist schön.

Wir hoffen auf eine zweite Ernte.

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Das Maikind war auf einer Übernachtungsparty. Welch ein Aufwand betrieben wurde und welche Überredungkünste nötig waren, damit alle vier das dürfen, kann man nur ahnen. Ich hatte es erlaubt, ohne groß drüber nachzudenken. Das da vielleicht noch irgendwelche Besonderheiten gelten könnten, ist mir erst eingefallen, als er fröhlich grinsend ging, mit den Worten, wenn er jetzt darf, erlauben das die anderen bestimmt auch.

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Der, der hier schon zweimal über den Flur geschlichen ist, kommt dann wohl ab jetzt offiziell öfter, wurde uns mitgeteilt.

Das hatte ich mir eh schon gedacht. Der Liebste wohl auch, aber, ach… seine Kumpels ziehen ihn schon länger auf damit, dass er da wohl wird aufpassen müssen, es gab reichlich Tipps zur Besucherabwehr. Der Liebste hatte Pläne, und jetzt das.

„Der Junge macht ja n ganz vernünftigen Eindruck“, murmelt er.

„Samma, hast du das gerade wirklich gesagt?“

Ich lach mich kaputt, nur innerlich natürlich, ganz dünnes Eis.

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Gleichungen nach x auflösen kommt einem total einfach vor, wenn man vorher was Pythagoras macht.

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Ich freue mich auf die Bücherabgabe, dieses Jahr. Wie das Haus wohl ohne diese Stapel aussehen wird?

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Das Auto kommt den Berg schlecht hoch und die Kontrolllampe des Abgasentgiftungssystems leuchtet. Vermutlich müssen auch die Bremsen mal neu, und zwei Reifen kommen so nicht mehr durch den TÜV. Die Werkstatt meldet sich morgen, ich tippe mal, es wird irgendwas um 895 Euro kosten.

Anfang Juni

Das Märzkind schlug vor, nach dem Abendessen noch eine Runde Fahrrad zu fahren. Das Gastkind schaute mich fragend an. Sie könne natürlich mein Fahrrad benutzen, sagte ich ihr. Sie wunderte sich ein bisschen, das konnte ich sehen, aber ich verstand nicht wieso, und dann waren die beiden schon weg. Kurz vorm Dunkel werden kamen sie wieder, ich hab kein Licht am Fahrrad.

„Es ist sehr still hier, draußen“, sagte das Gastkind.

„Naja, hier ist nichts los „, entschuldigte sich das Märzkind.

„Ich finde es toll“, sagte das Gastkind und wirkte wirklich begeistert.

Das Märzkind verstand nicht wieso. Im letzten Frühjahr war sie zu Besuch beim Gastkind. Eine kleine Wohnung im sechsten Stock, vom Balkon aus konnte man die Flugzeuge gaaanz nah sehen, weil es dicht am Flughafen liegt. Öffentliche Verkehrsmittel fahren mehrmals die Stunde, überall hin, bis nach Disneyland und an den Eiffelturm… Abends alleine raus, geht man allerdings lieber nicht, einfach so. Wir haben in den letzten Wochen öfter an diese herzliche Gastfamilie gedacht.

Heute kommt kein französisches Gastkind zu uns.

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Honig schleudern ist zweimal schön. Der Moment, wenn der erste Honig an die Wand der Schleuder prasselt und der Moment, wenn man einige klebrige Stunden später frisch geduscht ein Bier aufmacht.

Ein Hoch auf das neue Rührgerät. Rechnet man die drei durchgeschmorten Bohrmaschinen zusammen, die sonst das Rührwerk angetrieben haben, war es auch fast günstig.

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Erste Elterntaxifahrt zum Training. Die Zeit dazwischen reichte genau zum Lebensmitteleinkauf.

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Lebensmitteleinkauf im gewohnten Laden. Es sind viele Menschen da, aber man wartet aufeinander und entscheidet sich zügig, wenn man bemerkt, dass jemand wartet. Sehr angenehm. Alle Regale waren voll bis zum Anschlag. Mein Einkaufswagen auch, letzte Woche hatte ich ja nur so ein bisschen. Mit einem wirklich richtig vollen Einkaufswagen wird man dann doch komisch angeguckt. Ich bräuchte mal eine Armbinde oder so, die mich als Teenagermutter ausweist. An der Kasse sitzen jetzt Männer ist mir aufgefallen. Die Damen, die da seit Februar saßen haben sich ein paar freie Tage wohl mehr als verdient.

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Auf der Seite des Landkreises lese ich nach, unter welcher Voraussetzung ich die Ferienwohnung an Touristen vermieten könnte. Es ist Pfingsten und nach einem halbem Jahr ohne Zusatzeinkommen (der Winter ist ja auch ausgefallen), wäre das ganz nett. Ähm, nein, eigentlich geht es ohne.

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Bei der Kinderübergabe kommt mir die Freundin im Auto entgegen. Wir parken kurz und unterhalten uns aus den Autofenstern. Sie kommt vom Dienst und „haste nochmal was gehört, von den systemrelevanten Pflegenden in den letzten Wochen?“. Nee, eigentlich nicht. Genau. Im Krankenhaus dürfen immernoch keine Besucher rein, das Telefon klingelt ununterbrochen. Eigentlich würde jemand gebraucht, der nur mit Angehörigen redet. Keine Personaluntergrenze heißt, es ist Wahnsinn im Moment. Natürlich wünscht man niemandem etwas schlimmes, deshalb rackern sich ja alle ab, aber, ganz heimlich habe man gehofft, dass die Welt da draußen mal sieht, wie knapp das alles immer ist.

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Elterntaxifahrt zur Bushaltestelle im Nachbarort, von da aus fährt nachmittags der Bus ins Städtchen. Am Abend berichtet ein fröhliches Maikind, man dürfe sich zum Döner essen wieder setzen. Das haben sie gemacht, zu viert um einen Tisch, das war schön. Da konnte man sich mal unterhalten, ganz normal. In der Schule geht das ja nicht, wenn da die Lehrer dauernd patrouillieren und auf Abstände achten.

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Bisher sei man gut durchgekommen, durch die Pandemie, danke, dass alle bereit waren, die Einschränkungen und Besonderheiten mitzutragen. Das war wichtig und ohne wäre es nicht gegangenen. Der Liebste bekommt vom Arbeitgeber Gutscheine, einlösbar in allen kleinen Einzelhandelgeschäften des Nachbarstädtchens, weil man möchte, dass die auch alle gut durchkommen.

Danke dafür.

Das tut gut, es war nämlich wirklich nicht normal, in den letzten Wochen. Und das hilft uns viel mehr, als die Anteile an einer Airline, die Deutschland in unserem Namen angeschafft hat.

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Nächste Woche geht’s dann los mit Klassenarbeiten. Anscheind bekomme ich doch Noten, dieses Halbjahr.

Tag 58 bis 63, Pandemie fertig

Auf einmal werden Hausaufgaben wieder rausgekramt, die wir vor langer Zeit mal auf einen „sollte der Moment kommen, vielleicht “ Stapel abgelegt hatten. Einige Lehrer haben Andeutungen gemacht, anscheind geht es dann nächste Woche doch los. Irgendwie, ein bisschen. Ich durchsuche Emails und chat-Gruppen nach Informationen und finde nichts. Nur der Kultusminister schreibt mir auf allen Wegen immer den gleichen Brief.

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Vier Seiten lang ist der Brief des Kultusministers. Vermutlich hat er den wirklich selber geschrieben. Er habe zwei Kinder, eins ist schon fertig mit der Schule, eins ist im Kindergarten, deshalb glaubt er, nachfühlen zu können, was Eltern gerade alles leisten. Er schildert mir meine Belastungen und Sorgen der letzten Wochen. Diese Sache mit dem Unterricht in der Zeit des lockdown, nun, ach, da wäre wohl noch Luft nach oben gewesen, gibt er zu. Dass die Eltern jetzt alle so laut und nörgelig sind tut ihm voll leid. Bei ihm im Haus arbeitet man daran, die Schulen zukünftig bei der Schaffung einer verbesserten „unterrichtsersetzenden Lernsituation“ zu unterstützen. Sogar mit so digitalen Sachen. Alles wird gut, und von ganzem Herzen schönen Dank auch, das wir den Arsch am kacken gehalten haben. Mit freundlichen Grüßen, Professor Doktor….

Die unterrichtsersetzende Lernsituation bin dann wohl ich, vermute ich mal. Das bin ich ja schon seit neun Jahren. Die kantinenersetzende Küchensituation übrigens auch, obwohl alle Kinder in Schulen mit Ganztags-irgendwas gehen. Das ist alles kein Problem, also, im Moment nicht. Wenn ich an meine einkommensersetzende Rentensituation denke schon. Anerkennung in Form von Rentenpunkten oder irgendeiner Art von mehr Euros auf dem Konto wären mir lieber, als blumige Ministerworte.

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Allmählich kommt Leben ins Dorf, man hört wieder Kinder draußen, es fahren mehr Autos, in der Ortsmitte sitzen die älteren Damen wieder auf der Bank. So soll das.

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Der Parkplatz vor dem Supermarkt ist ziemlich voll, es sind aber noch Einkaufswagen da. Anscheind kaufen wieder die Leute ein, die das normalerweise auch tun. Es steht niemand mehr lange nachdenklich vorm Regal und alle Anwesenden laufen intuitiv in die richtigen Richtungen. Keine Gespräche, keine Augenkontakte, es wird normaler.

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Die Monteure, die eigentlich heute angereist wären, müssen überraschend zwei Wochen Quarantäne stopp in Polen machen. Falls es den Auftrag danach noch gibt, würden sie wohl gern kommen. Kein Problem.

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Ich war beim Frisör. Die Frisur, die mir das Märzkind geschnitten hat, war gut. Allerdings wächst sie seltsam unregelmäßig nach. Um da wieder eine Richtung reinzubringen… so kurz hatte ich die Haare zuletzt auf meinem Führerscheinfoto.

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Montag also Schule. Die neuen Klassenräume und Laufrichtungen werden bekannt gegeben. „Dann muss ich jetzt alles selber mitschleppen?“ Ja, so sieht’s aus. Eigentlich gibt es ein mit Banknachbarn abgesprochenes, ausgeklügeltes System, dass an jedem Tisch eine Vollausstattung an Büchern, Tintenkillern, Geodreiecken und so sicherstellt, ohne das jeder alles dabei haben muss. Die Kinder sichten den Stundenplan, der an diesem Tag gelten, wird und packen.

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Der erste Schultag fühlt sich paradoxerweise an, wie der letzte vor den Sommerferien. Welche Anspannung in den Kindern steckte, merkt man erst jetzt. Alles war seltsam in der Schule, aber auf eine nette Art. Das morgen wieder frei ist, ist eigentlich ganz schön. Ranzen werden in die Ecke gestellt und Verabredungen für den Nachmittag gemacht. Die ersten Gäste die kommen waren auch die letzten, die vor der Kontaktbeschränkung gegangen sind. Obwohl, einer schleicht über den Flur, der war noch nie hier. Langeweile hatten wir die ganze Zeit nicht einmal.