Vor-adventliches

Morgens um viertel nach sieben klingelt es an der Haustür. Punktlandung. Ich hab die matschigen Schuhe von der Hunderunde noch an als ich öffne. Zwei Männer laufen eilig über den Flur, Lagebesprechung in der Küche, Werkzeugkisten werden ins Haus gebracht. Der Hund guckt fragend. Die sind früher dran, als angesagt, wobei, eigentlich wollten sie schon gestern… Man muss es eben nehmen, wie es kommt, sage ich, richte ihm ein Ersatzquartier für heute vormittag ein, gehe Kaffee kochen und mache mich dann unsichtbar. Drei Stunden später ist diese Baustelle beendet und ich freue mich. Echt. Kurz fühlt es sich so an, als müsste ich einen Piccolo öffnen und selfies machen, mit dem neuen Balken. Stattdessen schicke ich Fotos in Familiengruppe. Man träumt von Weihnachten mit Wasser in der Küche, nach dem Essen einfach eine Spülmaschine beladen, abends den Knopf drücken und dann aufs Sofa.

Wenn es nicht ausdrücklich drin steht, sind Fachwerkbalken übrigens nicht Teil der Elementarschädenversicherung. Auch nicht, wenn der Grund des Schadends Leitungswasser war und Leitungswassser mitversichert ist, auch nicht wenn der Zimmermann und der Versicherungsmann im örtlichen Büro sich einig sind, dass das eigentlich nicht sein kann, bei einer tragenden Wand, in einem hundert Jahre alten Haus.

***

Wenn ja jetzt so gut wie keine Möbel im Raum stehen, dann könnte doch der diesjährige Weihnachtsbaum endlich mal angemessen groß sein, bemerkt Märzkind. Sicher nicht. Dann aber wenigstens einen so einen richtigen Adventskranz. Ich deute auf das allgemeine Wohnzimmerambiente. Naaargh, sagt sie. Die Vorweihnachtszeit gilt somit als eröffnet.

***

Problem: Die Aquaristikabteilung im Städtchen wurde geschlossen. Maikind und ich stehen staunend vor dem Aquarium, denn das, was man da beobachten kann, hätte wir beiden nicht vermutet. Zwei kleine Kugelfische verweigern das einzig verfügbare, extra für sie gekaufte alternative Futterangebot konsequent. Wenn sie eine Stirn hätten, sie würden sie runzeln. Wir überlegen hin und her. Die nächste Aquaristikabteilung liegt jetzt 60 Kilometer entfernt, aber genau neben diesem Baumarkt wohnt ein Arbeitskollege, sagt der Liebste. Der hatte selber mal ein Aquarium und hilft gern. Geht doch, sagen die Kugelfische.

***

„Bewerbung schreiben“ wurde in der Schule so unterrichtet wie eh und je. Ich habe tatsächlich einen Moment gebraucht, um das zu bemerken. Seufz. Ich richte dem Kind eine mail-Adresse ein und erkläre wie man eine Email schreibt. Es ist eigentlich ganz einfach und die Antwort kommt schon am nächsten Tag. Julikind ergattert einen Traum-Praktikumsplatz, auch darauf könnte man anstoßen.

***

Der Saal ist festlich eingedeckt für 300 Leute, im angrenzenden Wintergarten wird in weihnachtsmarktähnlicher Atmosphäre etwas aufgebaut, dass man umgangssprachlich als Fressbuden bezeichnen würde, nur eben in schick. Beeindruckend. Wo wir denn sitzen wollen, fragt der Liebste. Äh, wenn ich aussuchen soll, dann leicht seitliche mittige Mitte, weil der Zauberer wird am Rand anfangen, denke ich. Welcher Zauberer? Ich deute auf den Mann mit Frack und Zylinder. Ah so, sagt der Liebste, er habe sich eben schon kurz gewundert über dieses outfit, aber so im Vorbeigehen gedacht, es handele sich um einen Kellner vom diversen Geschlecht. Zu uns an den Tisch setzen sich 8 freundliche, mir Unbekannte, die alle konsequent den Blickkontakt vermeiden und intuitiv darauf achten, dass immer mindestens einer auf Klo geht, wenn der Zauberer den Tisch wechselt. Das Essen war gut, die Zauber-Bühnenshow danach toll. Super Mitarbeiterfest.

***

Letzte Woche stand ich vor verschlossener Tür, diesmal bin ich vorbereitet. Ich wähle ihre Telefonnummer und es klingelt im ganzen Haus. Man hört die Zimmertür, schlurfende Schritte, noch eine Zimmertür, dann hebt sie den Hörer ab, meldet sich, fragt nach, und legt mit den Worten „na, dat kann do nit sinn“ wieder auf. Ich drücke die Haustürklingel und de Omma öffnet, das Telefon noch in der Hand. „Ach, das passt aber gut, sie war auf dem Weg zum Telefon, war aber keiner dran.“ Es fühlt sich an wie ein Klingelstreich und muss ein bisschen grinsen.

Normal wäre schön

Wir verlassen die angenehm temperierte Kirche in Richtung Friedhof. Draußen ist es heiß und hell und man hat irgendwie das Bedürfnis, sich mal zu schütteln. „Also, der Nachruf des Sportvereins war sehr schön“, raunt man sich zu, am Friedhofszaun. „Sollte ich versterben, während der örtliche Pfarrer Urlaub hat, lagert mich bitte ein“ , flüstere ich Märzkind zu „kein Ding“, sagt sie halblaut. Ein nebenstehender Verwandter hat uns wohl gehört und erkundigt sich ganz vorsichtig, ob uns denn diese Ansprache auch irgendwie – speziell – vorgekommen sei. Speziell? Die war schauerlich. Er wirkt erleichtert.

Wir gehen weiter und treffen den, den ich in letzter Zeit öfter auf Beerdigungen treffe, nur auf Beerdigungen. Den Liebsten hat er schon länger nicht gesehen, man begrüßt sich herzlich, „wie geht`s euch denn? alles gut?“ die Frage ist ehrlich gemeint und erfordert keinen small talk, „nnnnaaaarrrghhh“, macht der Liebste, untermalt von einer abwinkenden Geste. „wieso, was passiert?“, fragt der Bekannte besorgt. „naaa-ahhhnee“ sagt der Liebste. „Wasserschaden gehabt diese Woche“, erkläre ich, „mittlerweile haben wir wieder Wasser, und das Chaos einigermaßen im Griff, also, im direkten Vergleich zu dem, was andere diese Woche zu stemmen hatten“ sage ich und mache eine Geste Richtung Friedhof und Trauergesellschaft „haben wir kein Problem“. „…trotzdem blöd, im Urlaub“, sagt der Liebste. „Da haste recht“, sagt der Bekannte, „die meisten Leute wollen es immer schön haben. Im Urlaub dann nochmal ganz besonders. Ich bin da gerade an so einem Punkt – ich brauche garnicht besonders schön, wenn mir dafür das besonders blöde auch vom Leib bleibt. Normal finde ich gut.“ „Normal find ich auch schön“, sage ich, „wenn da einfach Wasser aus der Leitung kommt, zum Beispiel, das weißte nach zwei Tagen ohne ganz anders zu schätzen“, „… und so ein Küchenabbau ist gewissermaßen auch eine Familienaktivität“, ergänzt der Liebste, „beim Laminat raustragen kann sich jeder einbringen, haben ja alle Urlaub“. Wir lachen, so man eben lacht, am Rande von Beerdigungen. „Naja, Wasserschaden ist immer scheiße“, sagt der Bekannte in tröstendem Tonfall.

Ich sehe die Omma alleine in der Menschenmenge stehen. Eigentlich hatte ich gedacht, der Sohn, der nicht der Vatta ist würde sie mitnehmen, aber nun denn. Ich hake mich bei ihr unter. Sie begrüßt mich herzlich und erzählt, dass ihre Hände irgendwie so kribbeln als würde sie da vielleicht einen Krampf oder so, aber das kann ja nicht sein? Ob sie denn heute schon was getrunken hat, frage ich, betont beiläufig. Selbstverständlich. Sie hatte eine Tasse Kaffee heute Morgen. „Weißte was“, sage ich, „wir gehen jetzt einfach schon mal schon mal vor, zum Kaffee trinken“. „Das ist eine gute Idee“, sagt sie. Drei Meter weiter wird sie von freundlichen Menschen namentlich angesprochen und schaut mich fragend an. Ich kann leider nicht helfen, wir kennen uns nicht. Das stimmt, man erläutert das Bekanntheitsverhältnis, die Omma freut sich sehr. „und das ist ihre Tochter?“ fragen die Leute. „Ja genau“ sagt die Omma. „ähm, ich will ja nicht pingeling sein“, sage ich und stupse Omma sanft gegen die Seite, “ aber – du hast gar keine Tochter“. „Äh ja, nee“, sagt sie und muss selber lachen, „Enkeltochter?“ schlägt ihre Bekannte vor „sicher, die Enkelin isses“.

Normal halt.

Wir lassen uns ja gern überraschen

Ein strahlender Sommertag, 28°C sind es draußen, in der vollbesetzten Aula eher mehr. Dieser Feier allmählich die Luft aus, in jeder Hinsicht. Zwei von drei Abschlussklassen haben ihre Zeugnisse bereits erhalten, lange kann es nicht mehr dauern, wir sind tapfer. Dann, Verwirrung vor der Bühne. Spontan komme noch ein Programmpunkt hinzu, das sei nicht bekannt gewesen, aber „wir lassen uns ja gern überraschen“ sagt die Moderatorin. In Wahrheit wollen wir alle lieber fertig werden.

Aus selbst mitgebrachtem Beschallungsgerät ertönt ein Musikstück aus dem Filmklassiker „Bibi und Tina“. Die soeben geehrten Absolventen stellen sich vor der Bühne auf, haken sich unter und beginnen zu schunkeln. Das Publikum wundert sich. Sicher kommt da noch was. Einigen, die da so schunkeln ist es sichtbar unangenehm. Andere wischen sich Tränen der Rührung von den Wangen, derart theatralisch, ich muss ganz dringend mal irgendwas aus meiner Handtasche unter dem Stuhl… Mein Blick trifft den des Liebsten der gerade seinen Schuh… irgendwas. Sein Mundwinkel zuckt, ganz wenig nur aber jetzt ist es vorbei mitte Kontenongs. Wir schütten uns aus vor lachen, so unauffällig, wie das eben geht, wenn man in Reihe vier einer offiziellen Veranstaltung, nebeneinander, ziemlich am Rand sitzend zur gleichen Zeit den Kopf zwischen den Knien hält. Nützt nichts, the show must go on. Wir setzen uns aufrecht hin, der Liebste wischt unauffällig über seine Wange, ich gucke stur geradeaus. Jemand zupft von hinten an meinem Ärmel. Hoffentlich ist das keine Schunkelmutti. Ich gebe mir Mühe, mein Grinsen unter Kontrolle zu bekommen. Es gelingt einigermaßen, aber, so zu tun, als würde ich diesen Programmpunkt genießen, scheint mir unmöglich. Muss ich zum Glück auch nicht. Die Mutterkollegin auf dem Platz hinter mir neigt grinsend den Kopf in meine Richtung. „Guck mal – unsere“, sie deutet auf die festlich gekleideten Absolventen in den Reihen vor uns. Fast unsichtbar werden dort Köpfe geschüttelt und Augenrollen ausgetauscht. „die kotzen gleich im Strahl“. „Aber sie gucken so wohlerzogen dabei, da kann man wirklich stolz sein“, sage ich. Der neben uns sitzende Vaterkollege erwacht aus seiner Feierlichkeitsstarre. Er räuspert sich so, dass es vielleicht ein bisschen wie „fürchterlich“ klingt, bewegt sich dann kurz, so als hätte er bei über 30°C anderthalb Stunden auf Plastik gesessen. „32 Minuten“, sagt er, in abschließdem Tonfall. Wir gucken fragend. Solange habe es heute gedauert, bis zum Ausfall der Mikrofonanlage, erklärt er und bemerkt, dass es eigentlich schade sei, dass er deren Neuanschaffung nicht mehr erleben wird. Aber wenn wir gewettet hätten, hätte er tatsächlich 34 Minuten getippt und wäre damit ziemlich dicht dran gewesen, sagt er. „Ich hätte 42 getippt, glaube ich.“ „nää“, sagt die Mutterkollegin in der Reihe hinter uns, „länger als 40 Minuten hat das Mikro nie durchgehalten“. Es wäre ein knappes Rennen gewesen, sind wir uns einig und werden dann doch ein bisschen wehmütig. Die Schule verlassen wir alle leichten Herzens, aber dieses kleine Clübchen aus mittelmäßig engagierten Eltern, das war was besonderes.

Herzliche Grüße zum Jahrestag.

Der vier Uhr zwanzig Vogel

Mein Kopf ist schon wach, sehr wach, wie ein fünfjähriger nach einem halben Liter Isogetränk, mein Körper nicht. Wirkung und Nebenwirkung, es ist Mai, man muss sich entscheiden, tagsüber gut atmen oder nachts gut schlafen. Ich frage mich, wie spät es wohl ist, um auf die Uhr zu gucken müsste ich mich umdrehen. Oder auch nicht. Ein sanftes FlapFlap-Geräusch im Baum, vor dem Fenster dient als Zeitansage. Die Amsel ist da. Sie räuspert sich, macht ein paar Tschilp-Laute …Test, zwei drei… und begrüßt dann in wirklich beeindruckender Lautstärke den neuen Tag. Man könnte quasi, wie Mary Poppins den Arm einladend aus dem Fenster halten…mein Hirn spielt „wenn ein Löööööffelchen voll Zuuucckaaaa….“, im Bett neben mir ein Brummgeräusch. Der Liebste richtet sich auf und schließt das Fenster, setzt sich noch einen Moment, um wach zu werden und macht seinen Wecker aus. Der hat die ganze Woche noch nicht geklingelt denn, ich zitiere „irgendein scheiß-Vogel tririlliert da um zwanzig nach vier so dermaßen laut…“.

***

De Omma hat einen guten Tag, wir sitzen am Küchentisch und unterhalten uns nett. Da hat sie aber eine schicke neue Pillendose, sage ich. Ja, die sei tatsächlich neu, und leer, bestimmt kommt dein Vatta gleich, der füllt ihr die jetzt immer, ist auch neu. Es klingelt an der Tür, „Och guck, da ist er schon“, sagt de Omma, „gerade von dir gesprochen“, sage ich, „die Dosen sind leer“. „Das kann nicht sein“, sagt der Vatta, hat er Donnerstag erst gemacht. Er nimmt das kleine Pillenregal auseinander, ordnet die Wochentage in die richtige Reihenfolge und stellt fest, es sind wirklich alle Fächer leer. „Ja sicher“, sagt de Omma, nimmt sie ja immer, so wie er gesagt hat. Wir haben Sonntag. Einen Moment lang wundert sich jeder im Raum über was anderes.

***

Es regnet, aber das ist fast egal, denn es ist nicht kalt und viel nasser kann man nicht mehr werden – dachte ich. Dann setzt sich das Fahrgeschäft sanft in Bewegung “ uuuund jetzt mit Schwuuung“ sagt die fröhliche Jahrmarktstimme. Durch die entstehenden Fliehkräfte läuft sämtliches Regenwasser, dass sich während der minutenlangen Wartezeit irgendwo im Rückenbereich gesammelt hat auf den Sitz und wird von meiner Jeans aufgesogen, zeitgleich reagieren meine Innereien überrascht, auf die schnellen Veränderungen der Schwerkraft-Bedingungen und ich bin mir ehrlich gesagt einen Moment lang nicht sicher, ob ich diesen sensorischen Gesamteindruck angemessen schnell werde verarbeiten können…. dann nimmt der linke Fuss eine leicht angewinkelte Position ein, baut Verbindung zur rechten Seite der Hüfte auf, mein Magen sagt „ach so“ und alles ist fein. Anscheind kann der Autopilot die neunziger Jahre BreakDancer-Muskulatur noch ansteuern. Ob es mir gut geht, fragen die Mädels, als wir uns nach Fahrtende am Kassenhäuschen wieder treffen. Man dachte kurz, ich kotze vielleicht. Ja, ich auch, aber alles gut. Wir sehen aus, als wären wir aus der Wildwasserbahn gekommen, aber alle sind fröhlich. Bei Sonnenschein hätte die Fahrt vermutlich nur halb so lange gedauert.Fürs Protokoll: Einmal BreakDancer fahren kostet 5 Euro, ein Schokokuss 1,20 Euro. Gefühlt war das teurer als im letzten Jahr.

***

Ich fahre Julikind ins Nachbardorf, ab da kann sie mitgenommen werden. Natürlich ist sie aufgeregt, aber es geht, so gut, dass man sich fast ein bisschen wundert. Wir freuen uns beide darüber. Start zu einer Klassenfahrt. Ohne besondere Vorkommnisse.

***

Ganze Regalreihen wurden verstellt und umsortiert, mein Einkaufzettel passt nicht mehr zur Laufrichtung. Ich irre durch den Rewe wie ein mittelalter Mann am Tag vor Heilig Abend.

***

Eigentlich wollte ich zu „Von Beileidsbekundungen am Grab bitten wir Abstand zu nehmen und danach gehen wir in aller Stille auseinander“ Beerdigungen nicht mehr hingehen. Ausser halt, es ist der Karl Heinz. Hier passt das Konzept, denn der Karl-Heinz hat konsequent garnichts verfügt, sagt die Freundin. Also haben die verbliebenen fünf Geschwister sich gekümmert, um die letzten Tage des Lebens und den Rest. So wie man das macht, wenn man aus einem landwirtschaftlich geprägten Haushalt mit Nebenbei-Bestattungsunternehmen kommt. Den Tod braucht in dieser Familie niemand zu fürchten. Das ist eigentlich was schönes. Wer nicht zum engsten Kreis gehört verlässt im Anschluss an die Beisetzung den Friedhof leise – bis zum Zaun. Dort atmet jeder einmal tief durch, dann endet die Stille und es fühlt sich kein bisschen seltsam an.

***

Wir freuen uns über eine richtig gute Honigernte. So macht das Spaß. Einerseits. Andererseits dauert jeder einzelne Schritt etwas länger als gedacht. Die Küche ist zwei Tage lang ausser Betrieb. In alter Tradition natürlich in der Woche, in der Maikind Geburtstag hat. Eine Stunde vor Beginn des Kaffeetrinkens regiert noch das Chaos. Aber, mit großen Kindern reicht tatsächlich eine Stunde um das Esszimmer von Honigabfüllstation in Kaffeetafel zu verwandeln. Ich staune.

*

Maikind wird 17, eigenes Geld, auf dem Weg zum Führerschein, Wahlbenachrichtung bekommen, hach, „und wir müssen noch Fotos machen, damit man sieht, wie die klein die Uromas im letzten Jahr geworden sind“

Komplizierte Belanglosigkeiten

Wenn ich gewusst hätte, wie sehr ich mich über diesen aufgeräumten Kellerraum freuen würde, hätte ich das vielleicht schon viel eher gemacht. Theoretisch. Man kann jetzt, mal gerade, einfach so, vom Eingang aus, drei kleine Schritte bis ans hinterste Vorratsregal und wieder zurück gehen, ohne über irgendwas drüber steigen zu müssen. Feine Sache. Als ich das nächste Mal in den Kellerraum komme steht mittendrin der Honigrührer, daneben ein Hobbock und ein großer Kanister. Naargh. Andererseits dann doch wieder schön, dass das nicht in der Küche steht.

Wochenenden als regelmäßiges Freizeitkonzept sind ungewohnt, aber nicht schlecht.

***

Der Muttichat im Vorlauf zu diesem Termin ist legendär schnell eskaliert. Auf halben Weg zur Kirche bleibe ich einen Moment stehen und überlege ernsthaft, ob ich nochmal zurückgehe um Schnaps zu holen, entscheide mich aber dagegen, aus Zeitgründen.

Als ich ankomme läuft schon ein Gespräch. Es gibt Besonderheiten in diesem Jahrgang und die betroffene Mutterkollegin spielt mit offenen Karten. Ein Konfirmand befindet sich in Therapie, es gibt Fortschritte, aber, unmöglich zu sagen, ob er einen Gottesdienst mit Leuten und allem packen wird. Was dann passiert wirkt wie Magie. Die Mutter, die im chat auf Krawall aus war, teilt eine kleine Geschichte aus ihrem Leben. Aaaaha. Das erklärt einiges. Man äußert gegenseitiges Verständis und Hilfsbereitschaft, bei – äh, was auch immer, bitte einfach sagen. Es folgt das entspannteste, kompromissbereiteste Kirchen-Dekorations-Gespräch aller Zeiten. Wir wundern uns nachher selber. Die neu geschaffene Barrierefreiheit für mental-health-Sachen tut allen gut, denn, wenn man ehrlich ist hat im Moment niemand wirklich alle Latten am Zaun.

***

Zum Saisonstart festgestellt, dass mein Fensterputzmittel-Zusatz fast leer ist, beim Einkaufen wieder dran gedacht, aber nichts gefunden. Nicht in den Drogeriemärkten, nicht in den Vollsortimentern, nicht im Profi-Reinigungs-online-Geschäft. Merkwürdig. Vielleicht – und da komme ich tatsächlich erst jetzt drauf, mal den Produktnamen googeln. Ach guck. Glycerin ist nicht mehr Putzmittel, sondern Pflegemittel für Gummidichtungen gleiche Verpackung aber jetzt als Kfz-Zubehör. Ich bitte den Liebsten ein Fläschchen mitzubringen, wenn er demnächst Sommerreifen kauft, ist nicht eilig. Er hört anscheind nur halb zu. Am nachmittag des nächsten Tages teilt er mit, der junge Mann im Kfz-Laden habe nicht gewusst, was er wollte und ihn nach Datenbankrecherche an den Bastelladen verwiesen. Im Bastelladen ist das Zeug allerdings Saisonware und die Schneekugelbastelsaison gerade rum, man hat ihn in die Apotheke geschickt. Da füllen sie einem das frisch ab, soviel wie man halt will. Ich hatte ehrlich keine Ahnung.

***

Aus der laufenden Haushaltsauflösung landet eine größere Menge Wolle bei mir. Ich freue mich, dass man an mich gedacht hat, aber, so leid es mir tut, zwei Sekunden nachdem ich den Deckel des 80er Jahre Windelkartons geöffnet habe ist klar, das wird nix. Vorsichtig entnehme ich verschiedene Wollknäuel, die mit Sicherheit alle mal teuer waren. Eines fällt besonders auf. Es wirkt handgesponnen und war anscheind schon mal verstrickt. Jemand hat geribbelt und neu gewickelt und über Jahrzehnte aufgehoben, für den Fall des Falles, Kriegsgeneration. Einen Moment lang gedenke ich der vielen Arbeitsstunden und den Geschichten, die ich dahinter vermute. Dann trage ich alles Richtung Tonne. Hausstauballergie des Todes.

*

Ganz vorsichtig kippe ich den Inhalt der Osterdeko-Kiste aus. Einiges ist angenagt, ich hatte es befürchtet. Um ein paar Teile tut es mir wirklich leid, aber, von den allermeisten trenne ich mich leichten Herzens. Diese Stimmung ruhig mal nutzen. Ich öffne weitere Kartons und fülle Müllbeutel mit Dingen, die die Mäuse erwischt haben, funktionslosen Einzelteilen und Sachen aus anderen Haushalten, die hier „zwischenlagern“ bis die Mülltonne voll ist, und die der Nachbarin und die von der Omma. Sehr gut fühlt sich das an.

***

Hä? Was war denn hier los? Die Mülltonnen stehen nach der Abholung normalerweise fast genauso auf dem Bürgersteig, wie man sie hingestellt hatte. Diesmal nicht. An der neuen gelben Tonne ist ein Zettel befestigt, der mich darüber informiert, wie es in Zukunft „reibungslos laufen“ wird. Also, eigentlich lief alles prima, bis die angefangen haben zu optimieren, aber nun denn. Man möge bitte die gelbe Verpackungstonne mit der Deckelöffnung nach vorne an die rechte Straßenseite stellen. Das neue Fahrzeug, wird nur noch von einer Person gefahren und der automatische Greifer befindet sich an der Fahrzeugseite. Für optimale Abfuhrbedingungen ist auf einen Abstand der gelben Tonnen untereinander von 30cm zu achten. Alle anderen Tonnen werden old school abgeholt und sind daher wie bisher mit der Deckelöffnung nach hinten in einem Abstand von einem Meter zu den gelben Tonnen aufzustellen, sofern sie die gleiche Größe haben, ansonsten natürlich in Gruppen nach Größe sortiert mit einem Meter Abstand zwischen den jeweiligen Größen. Alles klar, mein Fehler.

***

Der Liebste guckt aus der Haustür „samma, hattest du nicht Blumen umgetopft, gestern?“, fragt er. Stimmt. Ich stelle den Besen an die Hauswand und finde meinen Ehering in der Fingerkuppe des Gartenhandschuhes wieder. Nachdem seit einer Stunde alle mit mir gesucht haben, ich jedes einzelne Wäschestück der letzten zwei Waschladungen ausgeschlagen, die Wäschekammer aufgeräumt, die Laugenpumpe gereinigt, jede Jackentasche ausgekippt, Möbelstücke bewegt, hochkonzentriert 100qm Fussboden gescannt und mit chirurgischer Präzision die Einfahrt gefegt hatte, freut mich das wirklich. Sehr.

***

Ich kippe passierte Tomaten zur Soße, mein Hirn spielt „stir it up“ dazu und ich muss ein bisschen schmunzeln. In einer zusammengewürfelten Damengruppe waren im Kino, der Film über Bob Marley lief. Die Musik kannte ich, aber der politsche Hintergrund war mir völlig neu und die Rastafari-Kultur irgendwie auch. Irgendwo auf dem Dachboden liegt die CD.

Winterwetter und der Einschlag Teil 2,6

Erst war es nur so eine Ahnung, dann ein Verdacht, ich habe gesucht und gefunden, leider. Mäuse wohnen auf unserem Dachboden, mehrere. Vorsichtig sichte ich Kartons. Es tut mir wirklich leid, andererseits ist die Entscheidung ganz leicht, da ist nichts mehr zu retten. Ich trage Dinge von emotionalem Wert, angefangene Nähprojekte und Sommerkleidung nach unten, bis die Restmülltonne voll ist.

***

Auf allen Kanälen wird ein Unwetter angekündigt, bis zu 45 cm Schnee sollen fallen, allerdings erst ab Mittag, normaler Start in den Tag, erstmal abwarten. Tatsächlich fängt es gegen eins an, mit aller Entschlossenheit zu schneien, ohne Umwege fallen die Flocken aus den Wolken auf den Boden. Gegen drei lohnt es sich schon, mal die Einfahrt frei zu schaufeln, und um fünf und um sieben… Ein Unwetter-Gefühl kommt trotzdem nicht auf, dafür ist es zu leise.

***

Sonntag morgen gehe ich eine große Runde mit dem Hund. Richtig schön ist es draußen, kalt und weiß. Die Spuren im Schnee verraten, wer hier noch alles hergelaufen ist, das sieht man ja sonst garnicht. Also, das Hirsche ein Stück größer sind als Rehe war ja klar, aber, einen Moment bleibe ich beeindruckt vor der Spur stehen, die den Wanderweg im Wald kreuzt. Da fragt man sich, wie die auf so riesen Füssen so leise laufen können.

Als ich nach über zwei Stunden den Berg wieder hoch stapfe, kommt mir aus dem Nichts eine Erkenntnis. Ich sage mir selber ein paar ehrliche Worte und beglückwünsche mich anschließend. Erfolge ruhig auch mal feiern. Bei der letzten Erkenntnis dieser Art saß ich heulend auf der Kellertreppe.

***

Über Jahre waren die Damen in der Ortsmitte Teil meines Alltags. Auf dem Weg zum Kindergarten ist man immer mindestens einer von ihnen begegnet, so wie alle anderen auch. Soziale Medien in der unplugged Version, quasi. Drei von ihnen sind innerhalb der letzten Wochen verstorben. Sehr unterschiedliche Trauerfeiern waren das. Einmal klein, mit eindeutig wenig Geld, aber in liebevoller Erinnerung. Einmal sehr herzlich, die Kirche voll wie an Weihnachten mit Anschlusskaffee für geladene Gäste – und einmal bin ich nach Hause gegangen, mit dem Gefühl, dass es doch wirklich eine gesellschaftliche Errungenschaft ist, dass Leute die keine Kinder möchten, heutzutage keine haben müssen.

***

Über Nacht ist das ganze Winterwonderland weggetaut. Beeindruckend.

***

Die Waschmaschine macht Geräusche. Das Ende ist nahe, ob man vielleicht, wegen Lieferzeit besser schon mal?, frage ich den Liebsten. „Ach was“, sagt er, „wenn man so mit der Hand drauf drückt, beim Schleudern, dann hört das Geräusch auf.“ Stimmt.

***

Sie fühle sich eigentlich nicht richtig krank, sagt Märzkind, andererseits aber doch krank genug, um ihre Schicht vielleicht lieber abzusagen. „Mach doch mal n Test“, sage ich reflexartig. Wir stellen fest, dass die allermeisten unserer eingelagerten Tests abgelaufen sind, ob die wohl noch was anzeigen? Ja. Tun sie. Zur Sicherheit noch einen frischeren hinterher. Es bleibt dabei. Och guck. Damit hatten wir ehrlich gesagt nicht gerechnet. Ich rufe Maikind herbei, denn ich hätte eine Idee, woher seine Kurzatmigkeit kommen könnte. Negativ, aber das macht es leider nicht besser. Zusammenfassend hatten wir ab da dreimal Covid, eine Virusinfektion der Atemwege, die aber wesentlich schlimmer verlief und länger gedauert hat als die aktuelle Corona-Variante, einmal Magen-Darm, einmal Nasen-Nebenhöhlen, und eine Person, die die ganze Zeit über gesund war. Spoileralarm, ich wars nicht.

*

Ich schlage das Januarblatt am Kalender um. Kann weg.

***

Man hat mich zu der Elternwhattsapp-Gruppe mit dem Titel „Konfirmation 2024“ hinzugefügt. Stimmt, da war ja was. Und nächstes Jahr April ist demnächst schon. Leicht erhöhte Pulsfrequenz. Obwohl, doch nicht.

„Kuckuck“ rufts aus dem Wald

Das neue Jahr beginnt ruhig. Neue Abläufe, Dinge tun sich in Köpfen, Möglichkeiten und Murks. Deswegen hier eine ältere Geschichte.

***

Es ist einer dieser Frühlingstage, an dem man eine Wanderung in outdoor-Klamotten startet und Sonnencreme im Rucksack hat. Noch ist es frisch im Tal, aber über dem Nebel wartet blauer Himmel. Ein Bächlein fließt leise murmelnd zwischen den Wiesen und Feldern. Während wir die kleine Brücke neben einer leicht windschiefe Feldscheune überqueren weisen wir uns gegenseitig auf diese fast vollkommende Idylle hin. Fast vollkommen, weil, das Gras hier ist so lang und so nass, man hätte rückblickend die echten Wanderschuhe anziehen können, nicht nur die für „mal gerade“, aber „meine Güte, ist das schön, wieso waren wir hier noch nie?“ „Es liegt zu nah dran, wahrscheinlich.“ Auf jeder Etappe das gleiche Gespräch.

Bergauf Richtung Wald lauschen wir schweigend den Geräuschen von nassen Turnschuhen und „da! hastes gehört?“ frage ich. Die Freundin guckt fragend und lauscht. „Ah, ein Kuckuck“. „mi hann n Kuckuck ropen jehort dütt joar, das nimmt uns keiner mehr“, sage ich. „Hä?“ Ob das denn was besonderes sei, erkundigt sie sich. „Naja, wenn man „n Kuckuck nimmer ropen hort“ ist schlecht“, sage ich.

Sie wohnt nur drei Kilometer weiter, hat diese Redewendung aber noch nie gehört. Mit uns spricht ja auch niemand platt. In den achtzigern hatte man Angst, dass Kinder, die kein hochdeutsch sprechen, nicht schreiben lernen. Platt ist also nicht Mutter- aber immerhin noch Oma-Sprache, mi könn et verstonn aber nit schwatzen, „schade eigentlich, das ist bald alles weg“, sagt die Freundin „und wie ist denn das nun mit dem Kuckuck?“. Man kann es nicht übersetzen, weil ie hochdeutsche Wortentsprechung nicht die Gefühlslage wiedergibt, die das Plattdeutsche auf den Punkt trifft. Wenn man sagt, das jemand wohl „den Kuckuck nicht mehr rufen hört“, ist das die aufrichtige Anteilnahme und Ausdruck tiefer Besorgnis über den Gesundheitszustand eines lieben Menschen, der möglicherweise das nächste Frühjahr nicht mehr erleben wird, und keinesfalls fies gemeint, hat der Vatta gesagt.

Funfact: wenn jemand verstorben ist, dann „ism woll“, was ungefähr „allumfassendes Wohlergehen“ bedeutet, im Sinne von es hinter sich haben– was aber auch nicht gemein ist, sondern aus einer Zeit stammt, in der schwere körperliche Arbeit Alltag, und betagte Menschen nicht mit Rentenkonten, Zahnersatz, Hörgeräten, Sehhilfen und Rollatoren ausgestattet waren. Und soooo lange ist das noch garnicht her, eigentlich.

vor Weihnachten, 2023

Eine kleine Ecke Tapete ist lose. Es stört eigentlich nicht, wird aber allmählich erkennbar größer. Der Liebste zupft ein wenig daran, um festzustellen, welches Klebematerial wohl geeignet wäre, um den Schaden zu beheben. 18 Kilo Spachtelmasse haben in das Loch gepasst und der Weihnachtsbaum steht vor einer ganz frisch tapezierten Wand, dies Jahr.

***

Die Konfirmandenstunde wird nicht lange dauern, heute, sagen die Mädels. Ich habe ein paar Kleinigkeiten zu erledigen, im Groß-Dorf und würde dann einfach warten. Schweigend und sichtlich berührt steigen die drei nach einer halben Stunde wieder ein. Ich regle die Radiolautstärke runter und frage vorsichtig, wie es denn gewesen sei. „Traurig“, sagt Julikind. Die andern beiden nicken nur und schlucken. Fast hätte sie geweint, flüstert eine Freundin vom Rücksitz, als wir aus dem Ort rausfahren. „Einer von den Jungs hat geweint“, murmelt die andere, „einer von den Pfarrern auch“, und es liegt nichtmal ein Hauch von Spott in dieser Bemerkung. Die Konfirmandengruppe war gemeinsam am Grab und hat anschließend die in der Kirche eingerichtete Gedenkstätte besucht. Beides war beeindruckend und nötig, denn diese Jugendarbeiterin war Teil der Gruppe und sie wird fehlen.

***

„Ach, äh, sie machen dann übrigens doch das mit dem Wicheln morgen, ne?“, sagt das Kind abends um halb neun. Während ich so durchs Haus laufe und Wichtelgeschenk zusammenbaue fällt mir auf: Das ist tatsächlich die erste Elternsache, diesen Advent. Keine Schulweihnachtsfeier, keine Chorveranstaltung, Sportevent, Krippenspiele, Mitbringbuffets, Weihnachten im Stall, noch nicht mal Muttitaxifahrten zu Weihnachtsfeiern irgendwo. Nix. Witzigerweise fühlt es sich dadurch viel weihnachtlicher an, finde ich und erzähle dem Liebsten von meiner Beobachtung. „Zeiten ändern sich, dafür waren wir jeder auf drei Beerdigungen, im Advent“, sagt er. So hatte ich das noch garnicht gesehen.

***

Maikind hat seinen ersten Urlaub und freut sich sehr. Einen ganzen Vormittag lang backt er Plätzchen. Das ist für alle gut.

***

De Omma hat Plätzchen gebacken. Es gab Hilfsangebote, aber anscheind wollte sie lieber in Ruhe, man kann es sich nicht erklären. Wir unterhalten uns nett, wie jede Woche, zweimal hintereinander das gleiche Gespräch, fast wortgleich. Ich gehe mit einem mulmigen Gefühl nach Hause.

***

Die Oma aus dem Städtchen ist eingeladen, zum Heilgen Abend, man würde sie gerne abholen, und natürlich auch nach Hause fahren. Das wird nicht nötig sein, sie fährt selbst, erfahren wir. Tja. Niemand hält das für eine gute Idee. Niemand hat die Macht es zu verhindern.

***

Der Weihnachtsbaum in der Dorfmitte ist wirklich schön dieses Jahr. „Irgendwer hat da ein Händchen für Lichterketten“, sagt die Freundin, technisch interessiert, „dazu noch der Schnee, bisschen wie auf einer Postkarte“, sagt sie, jetzt mit der Weihnachtselfenstimme. „Njo. Stimmt. Ich gebs weiter“, sage ich und schreibe wirklich eine whatsapp an den, der das vermutlich gemacht hat, ohne mit einer Antwort zu rechnen. Kurze Zeit später erfahre ich, dass das eine Teamleistung gewesen sei, er habe ja nur die Hubbühne gefahren, Schmuck gebastelt und gelichtert hätten andere, aber, danke, man freue sich, wenn sich Leute freuen. Tja, da freue ich mich aber auch, wenn sich Leute so freuen, dass sich Leute freuen – und frage mich, ob ich wohl die Erste war, die da mal was gesagt hat?

***

Schnee weg. Statt dessen dichter Nebel. Fast wäre ich an unserer Einfahrt vorbeigefahren, wobei gefahren fast schon das falsche Wort ist, für diese Geschwindigkeit, gerollt, eher. Dann stürmische Böen mit Regen, dann Dauerregen mit Hochwasserwarnungen in rot. Die Jacke wird bei der Hunderunde so nass, dass sie bis zur nächsten nicht richtig trocknet.

***

Fupp. Strom weg.

„Haaalloooo?“ rufen die Blagen aus drei verschiedenen Ecken im Haus. Zwei wegen W-Lan, eins wegen Dunkelheit. In weiser Vorraussicht hatte ich mir die kleine Spinnenlichterkette von Halloween in die Küche gelegt. „Komme!“ rufe ich und hangele mich durch die Dunkelheit. Sie habe erst gedacht, es solle ein Scherz sein, sagt Märzkind, die sich sehr freut, als ich sie samt Spinnenlichterkette erreiche. Noch nicht mal ein Handy hatte sie dabei, im Keller, beim Wäsche aufhängen. Immer wieder erstaunlich, wie paddelig man sich im eigenen Haus bewegt, wenn es ungeplant so richtig dunkel wird. Überall. Mit Sturm, der ums Haus weht… Ein Mikroabenteuer.

***

Während ich den Teller mit Plätzchen für ein Foto arrangiere, damit ich nächstes Jahr wieder weiß, was es dies Jahr gab, klingelt das Telefon des Liebsten. Als er an mir vorbei geht, schnappe ich ein „es ist nicht gut gegangen“ auf. Tja, als krönenden Abschluss unseres kleinen Eskalations-Adventskalenders, den wir dies Jahr hatten steht also Wasser in der Rohstoffhalle. Die Stimmung bessert sich erst wieder, als klar ist, dass da wirklich jeder alles gemacht hat, was ging.

***

„Die Weihnachtsrunde“ ist aufgrund der aktuellen Situationen anders zusammengesetzt als üblich. Entweder wird das super, oder es erledigt sich von selber.

***

Ich wünsche euch allen das bestmögliche Weihnachtsfest!

Herzliche Grüße

man müsste mal Advent, aber… KW47-49/2023

„Huch“, habe sie gesagt, als man sie Treppe runtertrug, im Rettungs-Stuhl, dabei gelacht und mit Sanitätern geschäkert, natürlich. So wie man sie kennt halt. Dann ging es schnell.

*

Es gäbe die Möglichkeit sich von der Uroma zu verabschieden, falls jemand möchte. Ich frage alle drei Kinder einzeln in persönlichem Gespräch und bekomme dreimal die gleiche Antwort: Man selber habe jetzt eher vielleicht nicht das Bedürfnis, aber wenn von den anderen jemand wollen würde, dann würde man mitkommen. Zufällig sind zum angesetzten Verabschiedungs-Termin alle zu Hause. Wir nutzen also die Gelegenheit, dem Tod mal zu begegnen, denn in diesem Fall kam er als freundlicher Besuch und man weiß ja nie…

***

Ich wollte sowieso mal einen anderen Frisör ausprobieren, nach der letzten Preiserhöhung. Da hat tatsächlich einer diese Woche noch einen Termin frei und ich zahle deutlich weniger. Aus Gründen, wird mir klar, nach der ersten Haarwäsche. Ich bitte Märzkind um Hilfe. Sie wuschelt und wuschelt und schneidet, seufzt dann leise und murmelt in tröstendem Tonfall, dass es bis Weihnachten ja noch drei Wochen hin seien.

***

KRACKS. Der altgediente Wäschekorb quittiert den Dienst, voll beladen natürlich, auf halber Höhe der Treppe, alles andere wäre ja langweilig gewesen. Gut, die Zeichen waren da, ein Zahnbürstenstiel und Panzertape zum Prothesenbau lagen bereit, aber, da ist nichts mehr zu machen. Schade. Wir haben in den letzten 20 Jahren einige Kilometer gemeinsam zurückgelegt, hunderte von Treppen rauf und runter, in allen Ehren wird er dem Wirtschaftskreislauf wieder zugeführt.

***

Das es nach der Trauerfeier zu Veränderungen kommen würde war klar. Aber die Geschwindigkeit überrascht dann doch. Gut, dass jemand was gesagt hat. Eine zwischenmenschliche Beziehung ist eskaliert. Strenggenommen ist es nicht unsere Baustelle, aber so kann man das nicht stehen lassen, sonst wird es unsere. Wir denken. Der Liebste bringt beide Parteien an einen Tisch. Die Baustelle scheint schnell behoben aber, es bleibt ein bitterer Nachgeschmack, egal wie man diese Situation dreht und wendet: Entweder es wurde routiniert gelogen oder jemand hat neuronale Aussetzter. Wir beobachten das.

***

Zwischen „Systemrelevanz 24/7“ und „soll jede Abteilung mal selber sagen, wer entbehrlich ist“ lagen keine zwei Jahre. Der Liebste möge mal bitte in die Firma kommen. Man bietet ihm den gleichen Arbeitsplatz in anderer Funktion zu geänderten Konditionen. Dadurch würde sich einiges ändern, aber vielleicht auf die gute Art. Um zeitnahe Entscheidung wird gebeten. Alle denken, er selbst am längsten. Schließlich schicke ihn mit seinem Kumpel ein Bier trinken, der verrückt in einem beiläufigen Halbsatz die Perspektive. Möglicherweise ist es ein bisschen so, wie wir alle gesagt hatten.

***

Es schneit und ist richtig kalt. Winterwonderland für Allergiker.

***

Normalerweise erkundigt sich Julikind nach einem Kinofilm auf dem Weg zum Parkplatz nach dem Verkaufsstart der DVD. Diesmal nicht. Diesen Film möchte sie nie wieder gucken, der hat sie richtig wütend gemacht. Wie kann denn sowas? und dann am Ende? so ein cliffhanger…?? „Das war kein cliffhanger. Du weißt wie die Geschichte weitergeht“, erkläre ich. Während ihrer fiesen Erklältung letzte Woche haben wir alle drei Teile der ‚Tribute von Panem‘ gegeguckt. Der vierte Teil dauert zweieinhalb Stunden, was mir persönlich fast zu lang ist, aber, in diesem Fall machen gerade die leisen Minuten in denen scheinbar nichts passiert das Drama. War gut gemacht, der Liebste und ich sind uns einig. Auf halber Strecke nach Hause kommt ein gemurmeltes „Samma – wollte der die echt erschießen, oder was?“ vom Rücksitz. Vermittlung von gesellschafts-politscher Bildung: checked.

***

Der Tag ist fast zu Ende, Abendroutinen, Sofa in Sichtweite. Der Liebste wirft einen letzten Blick auf eingegangene Nachrichten und erstarrt. Jemand ist gestorben. Was? Stille im Raum. Nachfrage. Antwort kommt sofort. Der Unfall eben, Cousin bei der Feuerwehr. Für Moment gefriert die ganze Welt. Ich bitte Julikind, das jetzt nicht rumzuerzählen, es scheint gerade eben erst passiert… „ohhajasorrynichtdrangedacht“ murmelt der Liebste. Dann sitzt man erstmal so da und kennt die Verstorbene, ihre Familie, Leute bei der freiwilligen Feuerwehr, die Seelsorgerin… Märzkind ruft an, sie seien da eben auf dem Weg zum Training an einer Unfallstelle vorbeigekommen, viel Blaulicht, sehr viel, konnte man sehen, dass das was Schlimmes…ob wir schon gehört? Ja. „Das fühlt sich ganz anders an, als bei der Oma“. Stimmt.

***

Beim Versuch, Weihnachtsgeschenke in der echten Welt zu besorgen scheitere ich so krachend, dass man sich rückblickend fragt, wie ich überhaupt drauf gekommen bin, das zu versuchen.

***

Die ersten sieben Türchen meines umgekehrten Adventskalenders auf einmal erledigt. Sehr gut erhaltene Winterkleidung, die niemandem hier passt wurde im secondhand Laden abgegeben danke fürs mitnehmen. Und wenn man erstmal anfängt… vielleicht hat der grinchige Raustrage-Adventskalender mehr als 24 Türchen.

***

De Omma ruft an. Sie hätte Kuchen, den könnte mal jemand holen kommen. Das ist ungewöhnlich.

An einem Freitag?

Wie? Haben wir Freitag heute?

Jo.

Dann hat sie keinen Kuchen.

***

Die Post kommt gefühlt nur noch einmal die Woche. Nix, nix, nix, Briefkasten knallvoll und vier Pakete am Ablageort, nix, nix. Total egal, was einem die Versender per mail als Zustellungsdatum nennen. Pakete kommen am Paketauslieferungstag.

***

Der Plätzchenteller, der uns traditionell vor dem ersten Advent überreicht wurde, könnte abgeholt werden, erfahren wir. Der Liebste kümmert sich. Boar. Es ist kein Teller mehr. Die Plätzchen wurden in einer Tortenhaube dekorativ angerichtet, und gerne könnten wir noch was nachholen, bei Bedarf. Ich bin vom gucken schon satt.

Leer, hinüber und ausverkauft KW9/10 2023

Den Weg zur Sockenschublade finde ich ohne Licht und nehme einfach irgendwelche. Im Bad öffne ich die Rollladen und blicke in eine Winterlandschaft. Fünf Zentimeter Schnee liegen schon und es schneit in dicken Flocken. Och guck, auf den Socken des Tages tanzt ein Lebkuchenmann mit Zuckerstange. Eigentlich ist März, aber ach komm geh weg.

***

Dem Liebsten gehts nicht nur besser, sondern wieder gut. „Einfach so“, sagt er. Das freut uns natürlich alle. Aber „einfach so“ stimmt ja nicht. Die letzten sechs Wochen haben Spuren hinterlassen. Mein ohnehin schwacher Akku ist leer. Ganz dringend müsste ich mal eine Stunde alleine in einem Raum sitzen, vielleicht sogar anderthalb. Einen Film gucken, ohne dass jemand was von mir will, oder was lesen, oder was denken. Die Familie merkt, dass es mir nicht gut geht und reagiert fürsorglich. Muss denn noch irgendwas erledigt werden? Wäsche aufhängen vielleicht oder mal durchsaugen oder will ich vielleicht was trinken, brauche ich Gesellschaft, weil ich da so ganz alleine sitze? Der Hund wirft mir sein Spielzeug normalerweise schwungvoll vor die Füsse, wenn es ihm zu langweilig wird. Heute legt er es ganz leise neben mir aufs Sofa, wartet einen Moment, stupst es einen Zentimeter in meine Richtung, wartet, guckt so… Es ist kompliziert.

Der Liebste möchte mir eine Freude machen und erledigt in meiner Abwesenheit eine seit langem aufgeschobene Klempnerarbeit, fast. Es war klar, dass dieser Wasserhahn sich wehren würde, deshalb hat er direkt mit Kraft…ist dann abgerutscht und, was ich denn meine, ob er mit dem Finger zum röntgen? Wottsefack. „Äh, im Badezimmer ist die Spülung kaputt und im Gästeklo der Wasserhahn, sehe ich das richtig?“ ruft eine fragende Stimme von oben in den Hausflur. Jipp, genau so.

Dann, auf wundersame Weise sind tatsächlich alle mal unterwegs. Ich kann mehrere Arbeiten gleichzeitig anfangen, sinnig nebeneinander her laufen lassen und beenden. Wäsche zusammenlegen, nach oben tragen, in Zimmer verteilen schmutzige Wäsche nach unten tragen, saubere Wäsche, äh? hä?, die ist schon trocken? das kann doch garnicht… Oh ha. Jetzt isses soweit. Im geistigen Leerlauf hab ich einen kleinen, aber entscheidenen Zwischenschritt vergessen. Dreckwäsche wieder hoch tragen, vor der Waschmaschine auskippen, Waschmaschine öffnen, saubere Wäsche in den Keller tragen, aufhängen…

***

Alle drei Kinder schreiben jeweils drei Klassenarbeiten diese Woche. Die Mädels sitzen schon eine ganze Weile lernend am Esstisch. Anscheind kann man sich im Hauptraum besser konzentrieren, als alleine am Schreibtisch. Maikind hatte tatsächlich mal Unterricht bis zur achten Stunde. „4,90 Euro kostet ein Cheeseburger jetzt, im Pommesgeschäft“, sagt er, ganz schön viel, wenn man gegenrechnet, wie lange man dafür Rasen mäht. Dann guckt er eine Weile vor sich hin. „Wir könnten ja mal eine Runde das neue Spiel spielen“, schlage ich vor. Jo, eine Runde, das würde wohl gehen, sagt er, und teilt aus. Ich gewinne, damit hatte niemand gerechnet, eine zweite Runde also. Der Liebste kommt von der Hunderunde zurück. Eine Runde würde er wohl mitspielen. Julikind verfolgt mittlerweile das Spiel, erkundigt sich nach Regeln, packt ihre Schulsachen ein, um mal eine Runde mitzuspielen. Märzkind verabschiedet sich Richtung Fitnessstudio. Wir könnten auch mit aufschreiben spielen, eine Runde. Zwei Stunden später hören wir auf, wegen Hunger, ist ja schon Abendessenszeit. Das war schön und hat allen mal gut getan. Uffpasse, hier kommt Werbung: SKYJO, ein unterhaltsames Kartenspiel, das logisch denkenden Taktikern und Chaosköpfen Spass macht, selten sowas, selber gekauft

***

Elternchatnachricht am Wochenende. Vielleicht wäre es eine schöne Idee, zum Schuljahresabschluss einen Wandertag mit einer Übernachtung zu machen, da soll mal jeder seine Meinung sagen, bevor das in eine Planungsphase geht. Ganz kurz natürlich, also wirklich nur ganz kurz und sehr zeitnah, bitte. Übernachtung wäre im Camp der Sportjugend, Anreise per Fahrradtour und am Abreisetag könnte man die Eltern mit einbinden. Übersetzung: Jemand müsste eine Fahrradgepäcktasche von irgendwem ausleihen, das Fahrrad so herrichten, dass es offiziell verkehrstüchtig ist, den Fahhrradträger aufs Auto wuchten, das Kind mitsamt Fahrrad und Gepäck am morgen zur Schule bringen und am nächsten Tag woanders wieder abholen, zum Schnapperpreis von 65 Euro. Rücksprache mit dem Julikind. Wir erinnern uns beide noch sehr gut daran, dass es am Ausflugstag vor einem Jahr 42°C warm war, wenn das wieder so wäre, hätte sie keine Lust, ansonsten klingt das gut. Wenn niemand so richtig Lust darauf hat und ich das jetzt sofort in einem emoji entscheiden muss…Daumen runter. 6 weitere Daumen zeigen nach unten, 7 andere nach oben. Man darf gespannt sein. Julikind kommt von der Schule und freut sich. Den morgen, wenn der Wandertag ist, braucht sie gar keiner zur Schule bringen. Die Strecke führt quasi an unserem Haus vorbei. Man wird eine Pause machen und Eis essen, bei uns im Garten, und sie kann dann von hier aus mitfahren. „Eis für 17 Leute, dann, ne, Mama?“ „Äh, hä? Ja nee, sicher, kein Problem“. Es wird Sekt geben, an dem Tag, an dem ich den letzten Elternchat löschen kann, oder Whiskey.

***

„Nu sag was“, sage ich und zeige auf meine Füsse. „Oh, neue Schuhe, garnicht gesehen…“ Der Außendienstler ist modisch maximal desinteressiert, die neuen Schuhe sehen genau aus wie die Alten, dass er trotzdem auf den ersten Blick einen Unterschied bemerkt, sagt eigentlich alles. Der Freundeskreis brauner Ökoschluffen kennt seine Mitglieder. „… was ist mit den Alten? War die schwarze Sohle schon runter?“ „Nee, nee, war noch die ganze Sohle schwarz, die Korkschicht ist rausgebröselt…“ „Nja“, sagt er in aufrichtiger Anteilnahme, „…wenn Kork bröselt isses soweit, da machste nix dran…aber, es ist doch immer ein Abschied“ So isses. Die neuen waren übrigens deutlich teurer als ihre Vorgänger, da merkt man mal Inflation und so… aber nützt ja nix.

***

Im Baum vor dem Fenster sitzt ein Vogel, er bewegt den Schnabel und sieht fröhlich aus, als würde er zwitschern. Man hört aber nix. Das neue Fenster ist drin. Allmählich wird deutlich, wie kaputt das alte wirklich war.

***

Wochenlang hat niemand nach Honig gefragt, ich muss tatsächlich mal im Keller gucken, ob noch welcher da ist. Punktlandung. Die letzten nicht reservierten Gläser verlassen das Haus. Dann innerhalb eines Tages, eine Anfrage per Telefon, eine an der Haustür. Es tut mir leid. Per whattsapp Status informiere ich die Welt, das wir leider ausverkauft sind, weil wir gar kein Schild mehr an der Straße haben, dass man abnehmen könnte. Ich hatte mit keinerlei Reaktion gerechnet und bin ehrlich überrascht. Es erreichen mich Nachrichten, von Leuten, die noch reservierten Honig haben und versichern, den zu holen (nicht, dass ich da Zweifel gehabt hätte), von Leuten, die geplant hatten, demnächst welchen zu holen und sich gerade über sich selber ärgern und erste Vorbestellungen. War sehr nett, hab mich gefreut. Sobald der Schnee weg ist gehts los.