Ostern und verschiedenes

Der Hund hat nicht geheult, heute morgen um halb sechs, ist nicht abgehauen beim Spaziergang, hat was gefressen und gerade sehe ich ihn zum ersten mal seit drei Tagen schlafen. Herrlich. Meine Nerven hätten auch keinen einzigen Tag länger gereicht. Genaugenommen hatte ich schon nach Tierarztpraxen gesucht, die Kastrationen durchführt.

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Eine Mutterkollegin und eine Freundin des Julikinds bringen Blumen, Schokolade und herzlichen Dank fürs Mitnehmen zur Konfirmandenstunde. Wow, ich freue mich. Dann aus dem Nichts ein ehrliches Gespräch unter mehrfach-Müttern. Wir sind ein bisschen froh, dass es unsere letzten Konfirmationen sind.

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Saharastaub in der Luft lässt mich an meiner Unsterblichkeit zweifeln. Alles geht, wenn überhaupt nur langsam. Der Rest der Menschheit atmet, ohne irgendeinen Unterschied zu bemerken. Tja. Schöner rosa Sonnenuntergang aber, dass muss man sagen.

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Zum Osterfeuer gehen wir alle zusammen, kommen aber zu unterschiedlichen Zeiten nach Hause.

Eigentlich habe sie ja nur bis zwei Uhr wach sein wollen sagt Julikind beim Frühstück, „aber dann…und ich schwöre, das ist wirklich passiert, hat der Zeiger der Uhr sich auf einmal von selber bewegt und es war drei“. Alle anderen nicken, Zeitumstellung, war angesagt. Diese Stunde Schlaf wird der kleinen Eule in jeder einzelnen Nacht fehlen bis Oktober oder so. Alle Jahre wieder.

Eier wurden gefärbt, versteckt, gesucht, gefunden – sogar eins mehr als gedacht, kurzer check, aber ja, sind tatsächlich alle von diesem Jahr, da hatte der Hase sich wohl verzählt. Eierwerfen fand im Rahmen eines Geburtstags-Osterkaffee-Spaziergangs in großer Runde statt. Es ist tatsächlich nur eins kaputt gegangen und das wurde mit der Hundeball-Schleuder geworfen. Dann ein Jogginghosen und Sofa Feiertag, leicht verkatert von soviel Verwandten-Präsenz, aber es war ein schönes Ostern mal so ganz ohne Corona.

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Ein seltsamer Drei-Tages-Schnupfen zieht seine Runde durchs Haus, wie immer erwischt es drei von fünf, diesmal hatte ich Glück.

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Die Leute reisen wieder, aber sowas von. Im alljährlichen Reisepostkarten-ersetzende-Statusmeldungen-Bingo, dass nur in meinem Kopf stattfindet, konnte ich schon die Felder für „diese Luftfeuchtigkeit, gehste kaputt bei“ , „Schriftzüge am Strand von Fuerteventura“, „diese Hitze, gehste kaputt bei“ und „die Schaukel am Strand der Malediven“, abhaken. Es ist gerade mal März. Direkt am 2. April sitzen morgens um halb neun schon leicht zerknitterte Trekkingtouristen mit erkennbar neuer Ausrüstung im Bushäuschen. Saisonstart. Als würde man vom Ikearestaurant aus zusehen, wie Leute ihre Autos beladen, ich finds toll.

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Normalerweise drängelt der Hund um diese Zeit längst zum Spaziergang. Heute gräbt er die Nase in seine Decke und tut so als würde er schlafen. Das liegt nicht nur an der Zeitumstellung. Der Regen klopft sacht ans Fenster, die Welt draußen ist im Nebel versunken, man hört den Wind im Kamin und das Thermometer zeigt 7°C. Schnauze voll, da könnte gerne mal ein bisschen Frühling kommen.

Challenges und Erkenntnisse, ungeordnet

Das Kind, das sich seit Monaten am liebsten ungestört im eigenen Zimmer aufhält möchte heute lieber auf dem Sofa im Wohnzimmer liegen. Sie bringt ihre Bettdecke mit, denn es ist kalt. Ich lege noch eine Wolldecke drüber, bitterkalt ist es. Ich nehme den heißen Stein vom Ofen und platziere ihn da, wo ich ihre Füsse vermute, bisschen besser, aber vielleicht könnte ich noch ein Stück Holz auflegen? 23°C Raumtemperatur. Ich koch dir erstmal einen Tee. Als ich nach fünf Minuten zurück komme sitzt sie ohne Decken da und fragt, ob ich vielleicht mal das Fenster aufmachen kann. Es ist so heiß. Aha. Wir haben keine Tests mehr, aber die braucht es auch nicht. Merkt man ja selber. Alle gleichzeitig Covid war Mist, alle hintereinander ist es auch.

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Freitag abend sieht es kurz so aus, als würden wir in das gesundeste Wochenende des Jahres starten. Mehrere Freizeit-Programmpunkte finden gleichzeitig statt oder sind in Planung. Samstag abend liegt der Krankenstand wieder bei 3 von 5.

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Normalerweise ziehen TikTok-challenges geräuschlos an uns vorbei. Diesmal nicht. Innerhalb von wenigen Tagen schaffen es gleich zwei davon als Hauptgesprächsthemen an den Esstisch.

Auf der Schultoilette wurde ein Possoir randvoll geschissen. Die Schule reagiert schnell und entschieden. Man weiß anscheind, wer es war, bevor die Helden der Sanitäranlagen-Challenge dazu kommen, ihren Ruhm zu genießen. Vandalismus nennt man sowas in der analogen Welt.

Erst ist es nur ein Gerücht, aber leider scheint was wahres dran zu sein. Im Rahmen einer Karnevalsveranstaltung wurden zum instrumentalen Refrain eines Liedes fröhliche Hassparolen gesungen. Fremdschäm-Modus aktiviert. Dass man in einer tanzenden Menschenmenge nicht mitbekommt, was neben einem gesungen wird ist leicht vorstellbar. Dass dieses spezielle Lied versehentlich gespielt wurde muss man, mit Blick auf die AfD Wahlergebnisse letztens, allerdings glauben wollen. So neu ist die challenge nicht. Aber es scheint so zu sein. Der Liebste bringt Tratsch vom Alte Herren Fussball mit. Einige wussten garnicht, dass es Tiktok-challenges gibt. Das macht es natürlich nicht besser. Schon drei Wochen später erscheint ein Artikel in der Regionalzeitung, der über die Vorkommnisse berichtet. Volksverhetzung ist strafbar, sehr ernst nimmt man das.

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Erkenntnisse am Küchentisch:

Dummheit in Kombination mit schlechten Manieren ist nicht erotisch.

Nie wieder ist jetzt und hier – und kam doch irgendwie überraschend.

TikTok ist die digitale Version eines Knusperhäuschens, gebaut, um Kinder anzulocken, nicht als KiTa…

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Dorftratsch: Der neue Unternehmensberater des Seniorenheims hat ein erstes Meeting einberufen und den Pflegenden geraten, die Bettwäsche der Bewohner nur noch einmal im Monat zu wechseln, um die Kosten für Wäscherei zu senken. Och guck. Einparpotential für dieses Unternehmen hätte man ehrlich gesagt eher im Immobilienportfolio, im Fuhrpark, dem Managment oder vielleicht sogar im Lebenswandel der Betreiber vermutet – aber natürlich sind es die Wäschewechsel, zum Glück hat es jemand bemerkt.

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Omas Hahn wurde gefressen. Ein Drama.

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Die ersten acht Wochen ohne Schichten sind rum. Ganz allmählich gewöhnen wir uns an die anderen Abläufe. Regelmäßig ausreichend Schlaf hat verblüffende Auswirkungen auf den Alltag.

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Der Liebste läuft mit einem heißen Blech in der Hand Richtung Esstisch, ruft „essen“ in die Weiten des Hauses

Ich: „ich glaube, dein Handy klingelt“

Er nimmt Handy mit auf den Flur wegen Empfang.

Die nach und nach ankommenden Blagen schnappen Gesprächsfetzen auf „Gulli schon abgedeckt?“ „wie schnell kannst du da sein?“ Der Liebste rennt die Treppe hoch und quasi sofort wieder zurück, schnürt sich die Schuhe zu, ruft „Esst“, nimmt Autoschlüssel und fährt weg. Wir schauen uns fragend an. Wird wohl was Wichtiges gewesen sein.

Maikind: „ah, ja, wenn man Chef ist, muss man wohl auch manchmal arbeiten, wenn eigentlich keine Arbeit ist, ne?“

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Einen bezahlbaren Caterer zu finden, der an einem Sonntag etwas für 30 Leute von denen 3 kein Fleisch essen möchten, 1 Person keinen Weizen verträgt, 1 keine Citronensäure, 5 laktoseintolerant und 2 alkoholkrank sind, kocht und liefert ist keine Herausforderung. Das ist schlicht unmöglich. Wenn man es endlich bemerkt, ist der Rest eigentlich ganz einfach. Der Schwipp-Schwager wird das Konfirmationsessen kochen, und das Drumherum machen wir so wie an Weihnachten.

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Ich hatte ehrlich gesagt gedacht, es wäre ein Scherz. Irgendwie wurde daraus aus ein Plan und jetzt muss ich mich outen: Ich esse gar kein Mett. Das macht nichts, versichert man mir, es wird Käseplatte geben. Tja dann, fühle ich mich geehrt dabei sein zu dürfen. „Pass uff, da wird mal ein ganz großes Ding raus“, sagt die neben mir sitzende Gastgeberin, „und dann sagen wir, weißte noch, wie alles begann, damals in der kleinen Gartenlaube“, „ein Festival“, sage ich, denn es tatsächlich witzig zu beobachten, und auch lehrreich, so ein Mett-Tasting. Heumett wird aus Strohschweinen gemacht, das wußte ich nicht.

ach komm, geh weg KWs 5,6,7/2024

Heeejjj, mein linkes Nasenloch ist wieder luftdurchlässig, zum ersten Mal seit drei Wochen. Ich freue mich – solange bis mir klar wird, dass dafür jetzt das rechte, naargh…

Der Krankenstand im Haus liegt konstant bei 3 von 5. Personen und Symthome wechseln stetig. Mittlerweile hat jeder eine persönliche Definition von „gesund“. Man gewöhnt sich.

Die Hausapotheke muss neu gefüllt werden. Zum ersten Mal überhaupt wurden die im Herbst angelegten Medikamentvorräte aufgebraucht.

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Es gab mentale Herausforderungen an Arbeitsstellen, der Uni und in der Schule, zeitgleich natürlich, wie auch sonst. Das Meiste davon betrifft mich garnicht, eigentlich ist alles gut aber in der Summe… sitze ich in dem Zimmerchen, dass mal Abstellkammer war, gucke blade mate lawn care videos auf youtube. „Ach, hier bist du“, sagt der Liebste, schüttet kommentarlos frischen Kaffee in meine Tasse und geht wieder. Gut, dass ich den schon geheiratet habe.

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Montag morgen um viertel nach fünf begegnen sich zwei Welten. Der Liebste kommt gerade von der Superbowl-Party, leider haben die falschen gewonnen, aber macht nichts, ein richtig schöner Abend ist das gewesen. Fröhlich begrüßt er Maikind. Der antwortet mit einem Brummgeräusch, für ihn ist schon morgen früh.

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Also, ich kann gut um kurz vor fünf aufstehen und Sachen erledigen. Bis nachmittags um drei. Da lauert ein mittelgroßes Müdigkeitstief, das hatte ich vergessen.

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Die neuen Verpackungs-Müll-Tonnen sind genauso groß wie die normalen, wiegen gefülllt aber weniger. Es ist sehr windig draußen. Jeder, der das Haus betritt, weist mich darauf hin, dass das kein gutes Konzept sei. Man habe die Mülltonne, die zur Abholung an der Straße lag, wieder hingestellt und sämtliche verwehten Verpackungen von der Fahrbahn und aus dem Hang eingesammelt. „Sehr gut, vielen Dank, ich kann allerdings auch nichts dafür“. Wir tun Plastikmüll jetzt wieder in gelbe Säcke und die dann in die Tonne. Total nachhaltig, so liegt es später nicht in den Büschen und im Wald rum.

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Da sitze ich nun, im kalten Auto, ohne Geld und Datenvolumen. Das Glockenspiel im dekorativen Türmchen mitten auf dem nebelverhangenen Parkplatz spielt „Freude schöner Götterfunken“ zur Untermalung der Situation. Maikind findet mich, das ist schon mal gut. Fröhlich erkundigt er sich, wie es zu dieser Planänderung kam. Das ist schnell erklärt: Ich drehe den Schlüssel im Zündschloss, das Auto hüstelt leise. „Ah so“, sagt er, und ich hätte doch das öffentliche W-Lan nutzen können, während der Wartezeit. Gab keins. Doch sicher, er hält mir sein Display vor die Nase. Drei Stück, und noch ein paar von Leuten, aber das macht man ja nicht. Mein mobiles Endgerät weiß nichts davon und stellt sich stur. Der Liebste findet uns. Er bittet mich auszusteigen, damit er „mal gucken“ kann. Ich verlasse das Fahrzeug mit dem Hinweis, dass ich durchaus in der Lage bin festzustellen, dass ein Auto nicht anspringt. Er dreht den Schlüssel, das Auto springt an. Ja nee, ist klar.

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Die Nachbarin ruft an und fragt, ob eventuell von uns jemand heute vor 16 Uhr im Städtchen sei und sie mitnehmen könnte. Sie werde jetzt aus dem Krankenhaus entlassen und der Fahrdiest kann erst um 16 Uhr. Es ist elf Uhr vormittags. Ich würde sie abholen. Sie freut sich sehr und wird im Foyer auf mich warten, bis gleich. Dort ist sie nicht, als ankomme. Ich finde sie, abmarschbereit, aber offensichtlich nicht entlassungsfertig im Patientenzimmer. Nach einigem hin und her ist klar, es wird noch länger dauern, bis 16 Uhr, ungefähr, Fahrdienst ist bestellt. Die Nachbarin entschuldigt sich vielmals. Das hat sie falsch verstanden, da bin ich ja nun umsonst…hach. Nicht schlimm, versichere ich ihr und erkläre, wie es jetzt weitergehen wird. Essen, Arzt, Papiere…. Ach so. Sie setzt sich an den Tisch, rückt das Mittagessenstablett darauf zurecht und stellt ihre Tasche auf den Boden. Ein Einkaufsbeutel vom Discounter, darin ist ein Nachthemd, sonst nichts. Sie ist seit drei Tagen hier.

Nachdenklich fahre ich wieder nach Hause.

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Eine Email zur Information der Erziehungsberechtigen. Sehr viel Text und vier Anhänge lassen sich ganz einfach zusammenfassen: Eltern haben das homeschooling beendet, die Blagen sind 13, da geht nix mehr. Die Schule ist entsetzt. Keine Arbeitsmoral, keine Leistungsbereitschaft, leider wird so niemand die Abschlussprüfung schaffen, man möge seine Brut disziplinieren oder wahlweise das Problem mit Geld bewerfen, bei Fragen oder Anregungen könne man sich natürlich melden. Tjaaaa, dann, formuliere ich doch noch mal ganz sachlich, und so freundlich und wertschätzend es mir nur möglich ist, genau das, was ich auf dem Elternabend schon gesagt hatte. Im Grunde lässt es sich mit einem legendären Filmzitat zusammenfassen: „Chantall! Heul leise.“

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Da läuft eine Haushaltsauflösung es gäbe Sachen zu verteilen. Danke, aber eher nein danke. Märzkind fährt „mal gucken“ und findet Schätze in Ur-Omas Kleiderschränken. Total stylisch das alles.

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An einem Morgen gehe ich die Hunderunde mit dicker Jacke, Handschuhen und Mütze auf gefrorenem Boden. Über Nacht wurde anscheind ein Schalter umgelegt. Am nächsten Tag 10°C und Vogelgezwitscher rund um mich herum. Normal ist das nicht, aber soll mir recht sein.

Gedanklicher Beginn der Bienen-Saison, Mitte Februar.

man müsste mal Advent, aber… KW47-49/2023

„Huch“, habe sie gesagt, als man sie Treppe runtertrug, im Rettungs-Stuhl, dabei gelacht und mit Sanitätern geschäkert, natürlich. So wie man sie kennt halt. Dann ging es schnell.

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Es gäbe die Möglichkeit sich von der Uroma zu verabschieden, falls jemand möchte. Ich frage alle drei Kinder einzeln in persönlichem Gespräch und bekomme dreimal die gleiche Antwort: Man selber habe jetzt eher vielleicht nicht das Bedürfnis, aber wenn von den anderen jemand wollen würde, dann würde man mitkommen. Zufällig sind zum angesetzten Verabschiedungs-Termin alle zu Hause. Wir nutzen also die Gelegenheit, dem Tod mal zu begegnen, denn in diesem Fall kam er als freundlicher Besuch und man weiß ja nie…

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Ich wollte sowieso mal einen anderen Frisör ausprobieren, nach der letzten Preiserhöhung. Da hat tatsächlich einer diese Woche noch einen Termin frei und ich zahle deutlich weniger. Aus Gründen, wird mir klar, nach der ersten Haarwäsche. Ich bitte Märzkind um Hilfe. Sie wuschelt und wuschelt und schneidet, seufzt dann leise und murmelt in tröstendem Tonfall, dass es bis Weihnachten ja noch drei Wochen hin seien.

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KRACKS. Der altgediente Wäschekorb quittiert den Dienst, voll beladen natürlich, auf halber Höhe der Treppe, alles andere wäre ja langweilig gewesen. Gut, die Zeichen waren da, ein Zahnbürstenstiel und Panzertape zum Prothesenbau lagen bereit, aber, da ist nichts mehr zu machen. Schade. Wir haben in den letzten 20 Jahren einige Kilometer gemeinsam zurückgelegt, hunderte von Treppen rauf und runter, in allen Ehren wird er dem Wirtschaftskreislauf wieder zugeführt.

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Das es nach der Trauerfeier zu Veränderungen kommen würde war klar. Aber die Geschwindigkeit überrascht dann doch. Gut, dass jemand was gesagt hat. Eine zwischenmenschliche Beziehung ist eskaliert. Strenggenommen ist es nicht unsere Baustelle, aber so kann man das nicht stehen lassen, sonst wird es unsere. Wir denken. Der Liebste bringt beide Parteien an einen Tisch. Die Baustelle scheint schnell behoben aber, es bleibt ein bitterer Nachgeschmack, egal wie man diese Situation dreht und wendet: Entweder es wurde routiniert gelogen oder jemand hat neuronale Aussetzter. Wir beobachten das.

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Zwischen „Systemrelevanz 24/7“ und „soll jede Abteilung mal selber sagen, wer entbehrlich ist“ lagen keine zwei Jahre. Der Liebste möge mal bitte in die Firma kommen. Man bietet ihm den gleichen Arbeitsplatz in anderer Funktion zu geänderten Konditionen. Dadurch würde sich einiges ändern, aber vielleicht auf die gute Art. Um zeitnahe Entscheidung wird gebeten. Alle denken, er selbst am längsten. Schließlich schicke ihn mit seinem Kumpel ein Bier trinken, der verrückt in einem beiläufigen Halbsatz die Perspektive. Möglicherweise ist es ein bisschen so, wie wir alle gesagt hatten.

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Es schneit und ist richtig kalt. Winterwonderland für Allergiker.

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Normalerweise erkundigt sich Julikind nach einem Kinofilm auf dem Weg zum Parkplatz nach dem Verkaufsstart der DVD. Diesmal nicht. Diesen Film möchte sie nie wieder gucken, der hat sie richtig wütend gemacht. Wie kann denn sowas? und dann am Ende? so ein cliffhanger…?? „Das war kein cliffhanger. Du weißt wie die Geschichte weitergeht“, erkläre ich. Während ihrer fiesen Erklältung letzte Woche haben wir alle drei Teile der ‚Tribute von Panem‘ gegeguckt. Der vierte Teil dauert zweieinhalb Stunden, was mir persönlich fast zu lang ist, aber, in diesem Fall machen gerade die leisen Minuten in denen scheinbar nichts passiert das Drama. War gut gemacht, der Liebste und ich sind uns einig. Auf halber Strecke nach Hause kommt ein gemurmeltes „Samma – wollte der die echt erschießen, oder was?“ vom Rücksitz. Vermittlung von gesellschafts-politscher Bildung: checked.

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Der Tag ist fast zu Ende, Abendroutinen, Sofa in Sichtweite. Der Liebste wirft einen letzten Blick auf eingegangene Nachrichten und erstarrt. Jemand ist gestorben. Was? Stille im Raum. Nachfrage. Antwort kommt sofort. Der Unfall eben, Cousin bei der Feuerwehr. Für Moment gefriert die ganze Welt. Ich bitte Julikind, das jetzt nicht rumzuerzählen, es scheint gerade eben erst passiert… „ohhajasorrynichtdrangedacht“ murmelt der Liebste. Dann sitzt man erstmal so da und kennt die Verstorbene, ihre Familie, Leute bei der freiwilligen Feuerwehr, die Seelsorgerin… Märzkind ruft an, sie seien da eben auf dem Weg zum Training an einer Unfallstelle vorbeigekommen, viel Blaulicht, sehr viel, konnte man sehen, dass das was Schlimmes…ob wir schon gehört? Ja. „Das fühlt sich ganz anders an, als bei der Oma“. Stimmt.

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Beim Versuch, Weihnachtsgeschenke in der echten Welt zu besorgen scheitere ich so krachend, dass man sich rückblickend fragt, wie ich überhaupt drauf gekommen bin, das zu versuchen.

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Die ersten sieben Türchen meines umgekehrten Adventskalenders auf einmal erledigt. Sehr gut erhaltene Winterkleidung, die niemandem hier passt wurde im secondhand Laden abgegeben danke fürs mitnehmen. Und wenn man erstmal anfängt… vielleicht hat der grinchige Raustrage-Adventskalender mehr als 24 Türchen.

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De Omma ruft an. Sie hätte Kuchen, den könnte mal jemand holen kommen. Das ist ungewöhnlich.

An einem Freitag?

Wie? Haben wir Freitag heute?

Jo.

Dann hat sie keinen Kuchen.

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Die Post kommt gefühlt nur noch einmal die Woche. Nix, nix, nix, Briefkasten knallvoll und vier Pakete am Ablageort, nix, nix. Total egal, was einem die Versender per mail als Zustellungsdatum nennen. Pakete kommen am Paketauslieferungstag.

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Der Plätzchenteller, der uns traditionell vor dem ersten Advent überreicht wurde, könnte abgeholt werden, erfahren wir. Der Liebste kümmert sich. Boar. Es ist kein Teller mehr. Die Plätzchen wurden in einer Tortenhaube dekorativ angerichtet, und gerne könnten wir noch was nachholen, bei Bedarf. Ich bin vom gucken schon satt.

durchziehender Oktober, 2023

Von außen betrachtet sieht es wohl so aus, als wäre nichts los. Aber es tun sich Dinge in Köpfen.

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Märzkind braucht vielleicht doch einen Laptop. Ich wechsle einen Blick mit Maikind. Hatten wir uns schon gedacht, dass man nur mit Kulli und Collegeblock nicht durchs Studium kommt. Maikind soll mal sagen, welcher wohl gut wäre. Er fragt nach Betriebssystem, Kostenrahmen, Arbeitsspeicher, Bildschirmgröße, Grafikkarte. Märzkind guckt fragend. „Vielleicht dann doch lieber ein Tablet?“ Maikind bemerkt ein Kommunikatiosproblem und versucht es anders. „Wofür brauchst du das Gerät denn?“ „Na – fürs Studium, so zum Schreiben, speichern, mitnehmen…“, sagt Märzkind in dem geschwisterlichen Tonfall für blöde-Frage-Vollpfosten. Maikind seufzt. Ich dolmetsche. Er findet was, wir bestellen gemeinsam, Märzkind bedankt sich herzlich. Hat sie doch gewusst, dass Maikind sowas kann, dauert halt nur immer, bis er verstanden hat…

Läuft bei den Blagen. Man freut sich richtig, einen Moment lang. Dann übernehmen die Senioren.

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Die Oma aus dem Städtchen bringt zwei Salatschüsseln und vier kleine Handtücher vorbei. Sie wird umziehen, demnächst. Ich biete ihr Hilfe an, bei konkreten Tätigkeiten, denn ich habe da so einen Verdacht. Fröhlich lächelnd lehnt sie ab, das wird nicht nötig sein. Sie kümmert sich heute um das hier – deutet auf Schüsseln- ihr Sohn dann um den Rest. Aha. Die Fassade war solide, aber jetzt hagelt es Erkenntnisse.

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Seine Oma liegt jetzt nur noch, erzählt der Liebste nach einem Besuch. Ansonsten wirkt sie aber fröhlich.

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De Omma braucht neue Schuhe. Oder auch nicht. Sie hat nämlich noch welche aus den späten siebzigern, die sind gut zu gebrauchen. „Also, ich persönlich fände es schöner, wenn du nicht im Hühnergarten auf die Schnauze legst und irgendwelche Knochen dabei brichst, aber, du bist ja alt genug, mach wie du meinst“. Ich staune selber, als ich mich das sagen höre, denn so rede ich eigentlich nicht mit Omas. Es ist allerdings nicht das erste Gespräch zu diesem Thema und ich wäre dann jetzt durch. „Njo. Vielleicht haste recht“, sagt sie. Wottsefack?

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Eine Woche Herbstferien ist wenig, aber immerhin. Erstmal natürlich, muss man garnichts machen, drei Tage lang. Dann erledigt Julikind Besuche, für die im laufenden Betrieb keine Zeit war. Zack, eine Woche rum.

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Seit der Grundschule lese ich für Maikind Korrektur und komme bei den Berichtsheft Einträgen langsam an meine Grenzen. Heißt es Steckdosenstromkreis oder Steckdosen Stromkreis? Aderendhülsen? Hast du dir das Wort ausgedacht? Maikind erklärt wo, wie und zu welchem Zweck man die einbaut. Und: Beim nächsten Baumarktbesuch fällt es mir plötzlich auf, wahrscheinlich war es schon immer da, das Regal mit den Aderendhülsen.

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Bei fast noch warmen Herbst-Regenwetter begegnen mir Feuersalamander im Wald. Ich hab lange keine gesehen und freu mich. Dachte schon, die wären ausgestorben. Es ist überhaupt richtig schönes Herbstwetter. Bunte Blätter an den Bäumen, Moos in allen grünschattierungen und Pilze, jede Menge Pilze. Sehr dekorativ, das alles.Beispielbild aus kostenlosem Archiv, aber könnte auch von hier sein

Photo by Matthias Zomer on Pexels.com

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Es fühlt sich nicht so an, aber lange ist es nicht mehr, bis Weihnachten. Ich hatte da um Absprachen gebeten, denn der Kalender füllt sich allmählich, aber, es wird auch ohne gehen und zwar folgendermaßen: Sollten Terminanfragen kommen, trage ich die ein und wenn sich Sachen überschneiden, teilen wir uns auf oder sagen ab. Er habe tatsächlich eine Weihnachtsgruppe mit seinen Geschwistern gegründet, zur Terminabsprache, sagt der Liebste. Sehr gut. Das freut mich. Leider sei erst nach der Planungsphase aufgefallen, dass statt seines Bruders einer von den alten Herren Mitglied der Gruppe war, unerwartete Verzögerungen, alles irgendwie ein bisschen komplizierter als gedacht. Ach was.

Bei einem flüchtigen Besuch in der Buchhandlung fällt mir ein Aufsteller mit Grinch-Merchandise-Artikeln auf. Interessant. Anscheind wird Grinch sein allmählich gesellschaftsfähig. Ich befürworte das, bin persönlich aber schon auf einem anderen Level. Ich kaufe nix wo Weihnachten drauf steht. Garnichts. Es gibt normale Geschenke, normales Blätterkrokant und Standard-Schichtnougat zu, naja, halbwegs normalen Preisen.

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Die Baustelle ist fertig – juhu. So mit 50 Sachen durch die Ortschaften Richtung Städtchen, es fühlt sich fast wie rasen an, nach Monaten bei Tempo 30. „Guck es dir an“, sage ich zum neben mir sitzenden Märzkind, auf der langen Geraden „niemand vor uns und niemand zu sehen, im Rückspiegel“ „so soll das“, sagt Märzkind, „einfach mal in Ruhe geradeaus fahren, ohne Leute“. Der Schulbus fährt auch wieder nach Plan. Macht 80 Minuten mehr Unterricht pro Woche. Natürlich ploppt sofort die nächste Baustelle auf. Wegen Schienenersatzverkehr wird Märzkind nächste Woche an dem Tag der autofreien Anreise 3 statt anderthalb Stunden für den Weg zur Uni brauchen.

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Leider, man kann sich nicht erklären wie eigentlich, ist eine Flasche preisgünstiges „Pahrfühm“ im Turnbeutel zerbrochen. Ein sensorisches Inferno, 80000 Olf verteilen sich im Haus.

Hömma, was ist eigentlich los?

Der Liebste wirft einen Stapel Zettel in die Tischmitte. Zufällig sitzen gerade noch zwei Kinder mit am Tisch, die können eigentlich mal selber… ich verteile Kullis und erkläre wer da was wohin schreiben soll. Es dauert fast fünf Minuten, bis diese Aktion jemandem komisch vor kommt „was machen wir hier eigentlich?“, möchte Julikind wissen. „Steuererklärung“, sage ich. „Ach was. So sieht eine Steuerklärung aus?“, Märzkind ist ehrlich interessiert. Sie habe gedacht, man würde das digital… das war ja garnicht so kompliziert und ging auch schneller, als sie gedacht hätte. Tja also, verheirateter Alleinverdienerhaushalt mit minderjährigen Kindern ist der einfachste Fall. Die Zettel auszufüllen dauert eine halbe Stunde. Ehrlicherweise sollte man aber die dreieinhalb Stunden Lebenszeit mit einrechnen, die ich versucht habe, in das ELSTER-Programm reinzukommen, bevor ich die Möglichkeit in Betracht zog, das das vielleicht garnicht an mir liegt.

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Für mich ist eine neue digitale Versicherungskarte in der Post. Der chip müsste noch aktiviert werden, das geht angeblich ganz einfach und dauert nur wenige Minuten und die alte Versichertenkarte ist dann übrigens ab sofort ungültig, steht in beiliegedem Schreiben. Aha. Nach einer viertel Stunde wird mir klar, dass die Aktivierung unmöglich ist, weil mein Perso anscheind nicht über die dafür notwendige Funktion verfügt. Ich könnte jetzt auf die Stadt fahren, um das ändern zu lassen, oder alternativ einen Termin bei der Krankenkasse machen, damit jemand meinen Ausweis mit den Augen anguckt und feststellt, dass ich ich bin und das auf der Krankenkarte speichert. Tja, blöd, dass ich das nicht habe kommen sehen… Anruf in der Hausarztpraxis, weil, ich würde das bestellte Rezept wahrscheinlich brauchen, bevor diese Karte voll funktionsfähig ist. Überhaupt! kein! Problem!, sagt die Dame am Telefon, mit dem E-Rezept fangen sie an, wenn das Pflicht wird, keinen Tag eher. Niemand hat Lust auf eine Übergangszeit voller halbdigitalem Gewurschtel.

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Letzte Ferienwoche, spontan gäbe es die Möglichkeit, ein paar Tage weg zu fahren, für uns Mädels. Wir planen was. Direkt buchen geht leider nicht, ich schicke eine Anfrage. An nachmittag des nächten Tages bekomme ich eine mail, auf der ganz oben, noch vor der Anrede in fetter roter Schrift steht, dass es sich dabei nicht um eine Buchungsbestätigung handelt, man teile nur mit, das die Anfrage eingegangen sei. Spaßeshalber gibt der Liebste mal unsere Wunschdaten in seine Buchungsapp ein. Wenn man bereit ist, zu dritt ein Zimmer zu teilen und auf Fussballplatz und Kickerraum verzichten kann, gibt es Angebote die günstiger sind, als der Preis, den die Jugendherberge aufruft. Deutlich günstiger, trotz bezogener Betten und Fernseher und W-Lan im Zimmer, ich bin ehrlich überrascht. Dann implodieren zwei Dienstpläne. Gut, dass nichts gebucht ist. Drei Tage später, abends um halb neun klingelt das Telefon. Eine freundliche junge Frau von der Rezeption erkundigt sich, ob wir später anreisen. Hä? Es dauert einen Moment, bis ich verstehe, was sie meint. Nein, wir reisen garnicht an, unsere Anfrage wurde nicht beantwortet. Die Frau murmelt *Tastaturklappergeräusch*, richtig, die Bestätigung sei garnicht rausgegangen, das könne sie sehen, das ist ja jetzt schade, ob wir denn trotzdem noch kommen wollen? Nein, die Pläne haben sich geändert, aber danke der Nachfrage. Sie entschuldigt sich, vielleicht ja beim nächsten Mal, man würde sich freuen… Um 20.39 Uhr erhalte ich eine email. Schade, dass sich unsere Reisepläne geändert haben, der Aufenthalt wurde kostenlos storniert. Das eine nicht gebuchte Reise kostenlos stornierbar ist, entspricht meinen Erwartungen.

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Im Juni hatte ich mit dem NVV telefoniert, wegen Kündigungsfrist für das Schüler-Hessenticket und erfahren: es werden Schreiben verschickt, im August, wenn man darauf nicht reagiert, wird das Ticket automatisch gekündigt, in dem Jahr, indem das Kind 18 wird. Ich muss also garnichts tun. Service der begeistert. Mitte September kündigt der NVV an, demnächst den Betrag für das Jahresticket abbuchen zu wollen. Ich telefoniere. Die Schreiben seien leider nicht rausgegangen, Chaos wegen Deutschlandticket. Verstehe. Mein Problem liegt allerdings nicht darin, dass ich das Schreiben, auf das ich nicht hätte reagieren sollen nicht bekommen habe. „Ah, so, bei Ihnen ist Geld abgebucht worden für ein Ticket das gekündigt werden sollte?“ kombiniert der Servicemitarbeiter. Ganz genau. Dann *Tastaturklappergeräusch* kündigt er das jetzt rückwirkend und das Geld wird mir zeitnah zurückerstattet werden. Damit wäre mein Problem gelöst, ich bedanke mich, der Mitarbeiter wirkt leicht verwirrt, wahrscheinlich sieht das Protokoll noch mehrere Minuten Genörgel vor. Drei Tage später bekommt Märzkind ein Schreiben indem mitgeteilt wird, das das Abo gekündigt ist und sie demnächst eine Rückzahlung von 31 Euro erhalten wird. Missverständnis. Wir hätten tatsächlich gerne die ganzen 365 Euro zurück. Diesmal hängt sich der Liebste in die Warteschleife.

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Während einer Wartezeit ploppt eine Videoempfehlung für mich auf. Mal sehen was youtube denkt, was mich interessieren könnte. Och guck. Meine Cousine im Fernseh. Der Kinderarzt, der ihre Tochter noch vor wenigen Wochen als Patientin aufgenommen hat, ist verschwunden. Praxisaufgabe. Funfact: Alle Kinderärzte im Umkreis von 30km sind voll. Sie hofft sehr, dass der Kinderarzt im Nachbarstädtchen, 40 Autominuten entfernt, noch was frei hat. Die Anfrage läuft.

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Neun Jahre am Stück war ich (als hinbringende/abholende Mami) im kleinen örtlichen Kindergarten, während der ganzen Zeit gab es ein festes Team aus zwei Erzieherinnen und einer Reinigungskraft, die den Laden geschmissen haben plus wechselnde Teilzeitkräften und Praktikanten. Die Atmosphäre war wertschätzend und freundlich. Eine der Erzieherinnen ist letzten Sommer in Rente gegangen, die verbliebenen drei haben gekündigt. Dorftratsch. Man fragt sich verschiedenes. Funfact: Die drei nächstliegenden Kindergärten der Nachbardörfer sind alle voll. Was für ein Glück, dass unsere groß sind.

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Märzkind sitzt bei mir am Esstisch, müde. Sie hat seit dem sehr frühen Sonntag morgen ein kaputtes Knie begleitet. In die Notaufnahme, zum Anästhesistengespräch, zum OP-Termin und nach Wartezeit zurück aufs heimische Sofa. Wiedervorlage morgen früh, weil es sich bei diesem „Notfall-OP-Termin“ um einen „OP-Termin auf Warteliste“ handelte, was bedeutet, man bekommt zwar innerhalb von drei Tagen einen OP-Termin, der wird aber abgesagt, falls ein echter Notfall dazwischen kommt, was dann um halb zehn eben der Fall war. Natürlich hat man Verständnis. Es waren auch alle die ganze Zeit über nett. Aber hätte einem das vorher jemand gesagt, man wäre mit einer anderen Haltung in diesen Tag gestartet.

August-Schnipsel 23

Der Liebste feiert seinen Geburtstag nicht- vielleicht – mit der engsten Familie – ein paar Freunden… zum Essen…wie jedes Jahr, schöne Party. Der Plan war, Reste portionsweise einzufrieren, aber das wird nicht nötig sein, sagen die Blagen, das bisschen schaffen sie später noch. Der Liebste wundert sich. Möglicherweise hat er in Erwachsenen-Portionen gerechnet? Es waren fünf Teenager dabei.

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Gab`s einen Startschuss? Über Nacht hat sich ein bunter Strauss Postkarten ersetzender Statusmeldungen angesammelt. Das Grandhotel am Gardasee, europäische Wahrzeichen, Wege durch Felsen, Fahrräder vor Landschaft und opulente Gebäckstücke. Mir fehlt noch der Satz „E5 ist ja völlig überlaufen“, dann hätte ich Bingo.

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Es steht tatsächlich garnichts im Kalender, über mehrere Wochen, aber der Eindruck täuscht. Es arbeitet in Köpfen.

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Die herbstlichen Temperaturen werden innerhalb kürzester Zeit von tropischer Schwüle abgelöst. Jetzt ist es zwar warm, aber so kann man mit dem Wetter auch nichts anfangen. „Der Ur-Oma gehts nicht gut, hat die Oma gesagt, weil sie alt ist…“, berichtet Maikind als er vom Rasen mähen zurück kommt. Wir schauen uns an und denken wahrscheinlich das gleiche, bei diesem Wetter scheint nichts unmöglich, aber niemand möchte es laut sagen.

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Das Gewitter ist noch weit weg, aber der Blitz eben, der hat irgendwo in der Nähe eingeschlagen. De Omma ruft an, um mitzuteilen, dass sie nicht telefonieren kann. Aha. Totalausfall von Telefon und Internet bei den Eltern. De Omma hat einen analogen Anschluss. Eine besondere Situation, die für uns alle Herausforderungen bereit hält, um es mal im Stile des Lockdowns zu formulieren.

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Eine gute Nachricht: Schwiegeroma ist wieder wohl auf. War wohl nur das Wetter, oder so.

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Fupp. Backofen kaputt.

Nicht tragisch, es gibt ein Budget für diesen Fall, denn eigentlich ist ein anderes Haushaltsgerät alterschwach, es könnte jederzeit soweit sein… genaugenommen sind alle Weißgeräte im Haus ungefähr gleich alt und Reperatursachen kommen traditionell im Dreierpack…aber…sssscccchhhhhh bloß nichts herbeireden, da wird der Liebste abergläubisch. Sofort lieferbar bedeutet, es dauert vier Wochen, bis das neue Gerät da ist. Da freut man sich dann richtig. Der Ofen wird an einem Freitag geliefert. Am darauf folgenden Samstag, abends um halb elf, führt das Betätigen der Klospülung zu einer völlig unerwarteten Eskalation. Sowas könnte ja ruhig mal Mittwoch morgen oder so, aber nö. Sonntag nachmittag streikt der Staubsauger.

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Das war doch mal ein richtig guter Film, ne? Wie es mir denn gefallen hat, fragen die Mädels. „Naja, gut ist vielleicht nicht das richtige Wort, aber, Premium trash, würde ich sagen.“ Was? Wieso denn trash? Das war doch wohl nicht schlecht, was denn dann für mich ein guter Film wäre, das soll ich aber jetzt mal sagen. „Das der schlecht war, hab ich nie behauptet. Von einem guten Film hätte ich allerdings erwartet, dass die Person die, während sie einen Salto mit dem Jetski macht, mit einer aus Altmetallteilen im fahrenden Schlauchboot selbst gebauten Giftampullen-Harpune einen Megalodon erlegt, sich dabei das Shirt nass macht, sonst wirkt es unrealistisch.“ „Sowas fällt nur dir auf…“ murmelt der Liebste, „man muss eine Handlung auch einfach mal laufen lassen können und außerdem… es war Jason Statham… hallo?“ sagen die Mädels. Meg 2. Wir einigen uns auf unterhaltsam.

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Ausflüge in einen Tierpark, einen Kletterpark, eine Innenstadt. Das Gefühl, Zeit zu haben, vielleicht zum ersten Mal in diesem Jahr.

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Natürlich nur ganz kurz. Der Liebste bekommt Urlaubsbilder von einem Kollegen geschickt. Eine Bergrettung? Fuss, verbunden, auf Kissen liegend, es gucken Schrauben raus. Nicht gut, das heißt was, für die nächsten Wochen. Aber dieser Bänderriss von damals fühlt sich rückblickend fast garnicht mehr so schlimm an.

Von hundert auf null, KW 29/30 2023

So viel und so häufig haben wir seit der Kleinkinderzeit nicht mehr über Schlaf geredet, aus Gründen. Wir schlafen alle schlecht, seit längerem und jeder auf andere Art. Man bemüht sich, niemandem auf den Sack zu gehen, jeder räumt jedem Sachen hinterher, läuft Wege doppelt oder dreifach, weil der eigene Kram dabei vergessen wurde. Insgesamt erinnert dieser Zustand an was. Vielleicht ist das noch Rest-Corona?

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Ein Aufbackbrötchen vom Discounter, die Backzeit wurde offensichtlich auf das Minimum reduziert. Es ist aufgeschnitten, aber nicht erkennbar belegt. Aus Neugier hebe ich den Deckel an, sehe zwei hauchzarte Scheiben Mortadella auf einer dünnen Schicht Streichfett und seufze leise. Man hätte so viele Brötchen schmieren dürfen wie man will, sagt Julikind, aber eins musste jeder. Da hat der Klassenlehrer drauf bestanden, sonst hätte sie gar keins eingepackt, weil „is eklig, ne?“ Jo. Aber ich esse das jetzt trotzdem.

Nominiert für das unterwältigendste Gastro-Erlebnis in der Kategorie Preis/Leistung ist damit…Trommelwirbel… dieses Lunchpaket, bestehend aus einem halben Liter Wasser in Plastikmehrwegflasche, einem selbstgeschmiertes Brötchen und einem Großhandels-Müsliriegel zum Preis von 8 Euro.

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Julikind hat am letzten Schultag Geburtstag. Kaffeetrinken gibt es bei der Oma auf dem Hof. Sie teilen sich einen Geburtstag. Einige Gäste kommen etwas später und wundern sich, dass wir so draußen sitzen, wo sie herkommen ist Hagel und Sturm. Wir haben die Wolken vorbei ziehen sehen, aber sonst war nichts.

Abendessen gibt es bei uns. Nudeln wurden gewünscht, und das passt gut, denn zum draußen sitzen ist es abends tatsächlich zu frisch. Julikind freut sich ehrlich über alle Geschenke. Die Gäste sind ein bisschen erleichtert, geben sie zu. Dieses Jahr hatte niemand so richtig eine Idee, was Julikind eigentlich gerade gerne mag, noch nicht mal sie selber. Am meisten freut sie sich über einen besonderen Gast. Das Baby der Patentante ist gerade mal zwei Wochen alt. Julikind verliebt sich sofort.

Zeugnisse machen die Runde. Schwiegermutter murmelt und schüttelt dann staunend den Kopf. Leider habe sie garnicht genug Bargeld dabei, um ihre Freude in den für diese Noten üblichen Beträgen Ausdruck zu verleihen. Kann man stolz sein. Vor allem, wenn man über Wochen immer nur das Drama und das „durchkommen, einfach nur durchkommen….“- Mantra am Küchentisch und mit was ganz anderem gerechnet hatte. Ich freue mich, dass dieses Schuljahr endlich geschafft ist!

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Auf zwei Partys an einem Tag folgt einer auf dem Sofa. Niemand will irgendwas. Auch mal schön.

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Wir feiern den 91. Geburtstag von der Omma. Hochbetagten Partys sind was Schönes, aber auch ein bisschen anstrengend. Selbst wenn man „nur“ Gast ist. Unauffällig tausche ich einen Blick mit der Mudda, ab morgen wirds leichter.

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Die Zahnarztpraxis ruft an, man hat die Termine der Kinder hintereinander legen müssen, parallel geht nicht, leider sei jemand krank geworden, ich möge bitte statt 45 Minuten anderthalb Stunden Zeit einplanen, nur dass ich bescheid weiß. Meine Begeisterung hält sich in Grenzen. Man bietet mir an, einen oder beide Termine zu verschieben. Nee, aber danke. Ich gebe die Kinder ab und fahre einkaufen. Nach einer halben Stunde ruft Maikind an. Da sei nur ein Termin gebucht gewesen, war aber nicht schlimm, denn der war für Kleinkinder kalkuliert. Die Prohylaxefrau hat gesagt, das, was der Arzt da gemacht haben wollte ist eigentlich jenseits der Grundschule gar nicht mehr nötig, und wo sie denn jetzt hinkommen sollen? Man fragt sich verschiedenes. Aber, das Witzige ist, hätte jeder einzelne kommentarlos Dienst nach Vorschrift gemacht, es hätte von aussen gewirkt wie Kompetenz, stellt Maikind fest. Stimmt.

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Ein Starkregen-Ereignis. Der Liebste und ich gucken aus dem Fenster und beobachten, kann man ja nicht nachstellen, sowas. Sieht alles supergut aus. Regenmengen bis 30 Liter pro Stunde können wir jetzt entspannt sehen. Da läuft nix mehr in den Keller. Dank an den Steinmetz.

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Die erste Ferienwoche regnet es, durchgehend und ergiebig. Entspannend, man muss garnichts.

In der zweiten Woche kommen die Blagen das erste Mal aus ihren Zimmern, ohne dass vorher jemand „essen“ gerufen hat. Abends um halb 8 machen wir das Licht im Esszimmer an, weil es ohne zu dunkel wäre und spielen endlich mal dieses Gesellschaftsspiel, dass wir damals, vor dem ersten Lockdown in der Annahme, es könne langweilig werden, gekauft hatten.

Regen prasselt ans Fenster, der Liebste und ich sitzen mit Wolldecke über den Füßen und Bier in der Hand auf dem Sofa. Gemütlich. Kurz fragen wir uns, ob wir uns vielleicht selber peinlich sind. Aber nee, passt schon. Waaaackeeeen!!

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Ich hole mir eine zweite Decke vom Dachboden, ist sonst zu kalt nachts. Jemand hat die ersten Sendetermine für „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ im Status. Märzkind gesteht kleinlaut, gestern abend den ersten Weihnachtsfilm geguckt zu haben. Ach, soll sie ruhig, sage ich. Wir arbeiten die Jahreszeiten einfach so ab wie sie kommen. Vielleicht können wir an Heilig Abend irgendwo ein Tretboot mieten.

Hallo? Sommerferien?

Unwetter und Alterungsmomente, KW 25/26 2023

Montag morgen um halb sechs bemerke ich auf dem Weg zum Auto, die Strickjacke hätte ich garnicht gebraucht. Es ist richtig schön draußen. Maikind sieht das anders und hofft sehr, dass sie bei diesem Wetter nicht im Stau stehen müssen, zumal die Fahrt ja sowieso schon fast 12 Stunden…

Die Busfahrerin öffnet die Kofferräume „bitte, ihr dürft, seid ja schon groß“, sagt sie und beißt in ihr Brötchen. Junge Menschen in Jogginghosen verabschieden sich, verladen Reisetaschen, und verschwinden im Bus. Ich hab eine Winkerlaubnis und bleibe an der Hecke stehen. In diesem kleinen Elterngrüppchen haben wir schon den Kindergartenausflügen hinterher gewunken. Als der Bus die Hauptstraße erreicht wird uns klar, das war gerade das letzte Mal, ab Herbst winkt jeder woanders, wenn überhaupt. Es ist so ein Moment.

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Der Liebste sieht blass aus, als er von der Hunderunde wiederkommt und setzt sich erstmal. Was er auf dem Weg erfahren hat ist kein Tratsch, es ist eine Nachricht. Es gab einen Unfall, Stromschlag, Spezialklinik, Intensivstation. Schweigen. Dann kommt die Sicherheitsfachkraft im Liebsten durch. Sowas sollte unmöglich sein. Wie nur?

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In der morning-show des regionalen Radiosenders spielt der Moderator normalerweise das Wetter als Klaviermelodie. Heute wäre das schnell erledigt, für ganz Hessen gilt das Gleiche. Allerdings ist diese Wetterlage auf dem Klavier nicht darstellbar. Man behilft sich mit ACDC „Thunderstruck“.

Äh, wenn es Tornados geben soll, würde ich den geplanten Gartenmarktbesuch vielleicht lieber verschieben. Nee, nee, sagt der Liebste, Tornados erst heute Nachmittag, wir machen das jetzt. Auf der Rückfahrt sind die Wetterwarnungen nicht mehr lustig. „Die Pumpe steht in der Garage“, sagt er, als er sich zur Spätschicht aufmacht, „nur für den Fall“. Ja nee, ist klar. Der Familienchat deckt diese Woche ein Gebiet von Dangast bis Wien ab. Fotos von Wolken, Stand jetzt: überall alles tutti.

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Ein Anruf. Jemand braucht eine Unterkunft, nur für eine Nacht, heute. Kein Problem, sage ich, in der Annahme, die Gäste kämen nach Feierabend. Man freut sich sehr und wäre dann in einer halben Stunde da, wegen Wetter… oh. Die Ferienwohnung war länger nicht belegt, ich hatte Grundreinigung…ääähh… die Mädels eilen zur Hilfe. Betten beziehen, durchsaugen, Bad fertig, Geschirrschränke einräumen, Bezüge aufs Sofa, Handtücher und Tischdecke, Gäste willkommen heißen. High five, große Kinder sind toll, das hätte ich alleine nicht geschafft. Eine halbe Stunde später schwitzen wir immernoch.

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Eine Luft draußen, man wundert sich fast, dass man sie nicht sehen kann, als gestapelte Würfel, oder so. Der Hund müsste nochmal raus. Bei dem Wetter kriegt er womöglich wieder Kreislauf, aber bei Hagel-Gewitter will man ja auch nicht. Ein rundum Blick an den Himmel, leichte Entscheidung, wir gehen jetzt. Die Wolken klingen, als würde jemand eine Mülltonne über Kopfsteinpflaster ziehen. Dann wird es dunkel im Wald. Ich drehe um, der Hund wundert sich. Erst sind es nur wenige Regentropfen, aber jeder einzelne geht sofort durch, bis auf die Haut. Wir joggen den Weg zurück.

Der Liebste ruft an, er hat Wolken ziehen sehen und Geräuschkulisse wahrgenommen. Alles gut, nur Regen sage ich und in dem Moment ändert sich das Geräusch. Die größten Hagelkörner, die ich je gesehen habe. Nur wenige und nur kurz, aber beeindruckend. Für 10 Minuten, dann erreichen uns Bilder aus dem Nachbarort. Hagelkörner so groß wie Hühnereier.

In der Gewitterpause gehe ich kurz zur Omma. Die ist fröhlich. Jo, es habe da eben mal ganz ordentlich geregnet, aber alles in Ordnung. „Da kommt gleich noch mehr“, sage ich, genaugenommen geht es schon los. Ich deute auf den laut prasselnden Regenschauer vorm Fenster. Die Omma dreht sich um. „Ja, die Blume da, auf der Fensterbank, wunderschön blüht die, ne?“ Ich unterdrücke ein Schmunzeln. Soviel zum Thema „ich höre und sehe noch alles“, aber für heute ist es praktisch. Den Weg zurück jogge ich und bin Sekunden vor dem richtig fetten Regen an der Haustür angekommen.

Der Vatta ruft an. Er hat Hessenschau geguckt im Urlaub und …wie es denn aussehe, bei uns? Gut. Ich mache das Fernseh an und bekomme eine Ahnung, wieviel Glück wir wirklich hatten. Nur wenige Kilometer weiter sieht es ganz anders aus. Gärten liegen darnieder, Autos mit Totalschaden, kaputte Dachfenster…

Wien schickt ein Foto vom Schnitzel.

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Auf wundersame Weise hat sich ein Chaos so zusammengefügt, dass ich nur sitzen und warten brauche. Ein Buch und ein Getränk, angenehm temperierter Sommerwind weht durch eine geöffnete Autotür, friedliche Parkplatzstille, ich vergesse die Zeit. Wegen Hunger gucke ich dann doch irgendwann auf die Uhr. Trainingsende ist schon länger her, eigentlich. Merkwürdig. Ich gehe nachsehen und finde eine fröhlich tratschende Runde von Kickboxern verschiedener Generationen.

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Die Spiele der Klostertrophy sind angelehnt an bekannte Klassiker wie vier gewinnt, looping Loui oder der heiße Draht, nur halt in XXL-outdoor-Versionen, gespielt wird in fünfer-Teams, alle müssen volljährig sein. Wir sind nur Zuschauer. „Weißte noch, damals?“, fragt der Liebste. Sicher. Legendär der Abend als sein Heimatort den ersten und den dritten Platz gemacht hat. 800 Euro Preisgeld waren das, kein einziger davon hat das Festzelt verlassen. Die, die jetzt mitspielen, waren da noch garnicht auf der Welt, stellen wir fest. Einige von ihnen haben wir auf Kindergeburtstagen bespaßt, neulich doch erst, wie kann das sein?

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Es gäbe einen Anlass, wir würden eventuell ins Phantasialand wollen. Karten muss man vorher buchen. Der angedachte Tag liegt in einer günstigen Preiskategorie, juhu – äh, nee, doch nicht. Bei allem Verständnis für Inflation und so, aber da bin ich raus. Für 270 Euro Eintritt würde mich jede in Warteschlangen verbrachte Minute stressen.

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Kind: „… Bundesjugendspiele… Bankballtunier… Wasserski fahren… und Freitag ist ja dann der Feiertag“

Ich: „Freitag ist kein Feiertag“

Kind: „Hä? Wieso haben wir denn dann Freitag keine Schule?“

Ich: „Ihr habt Freitag keine Schule?“

Es gab mal eine Zeit, da hat die Schule sowas an Eltern kommuniziert, aber, ach komm geh weg, ist ja auch egal.

Rosen aus Salami, KW 20/2023

Zwei leere Flaschen stehen neben der Kaffeemaschine. Ohne groß drüber nachzudenken packe ich sie ein und bringe Milch mit, von der Hunderunde durchs Feld. Äh, im Kühlschrank stehen noch zwei fast volle Flaschen. Merkwürdig, aber, wenn man so darüber nachdenkt, die zwei, die hier so regelmäßig mitessen, dass es Teil der Einkaufsroutine ist waren alle beide schon länger nicht da. Vielleicht läuft das Vor-Ferien-Chaos schon an.

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Oh, oh, für zwei Sekunden sieht es so aus, als würde ich gleich einen riesen Scherbenhaufen geliefert bekommen. „Müssen se n bisschen aufpassen, damit, die Palette ist im Arsch“, sagt der Lieferant. Er hat da eine von seinen noch mit drunter gepackt, sonst hätte man das garnicht transportieren können. Das ist nett. Ich hole mir die Schubkarre und mache mich daran, die Kartons von der Bordsteinkante in den Keller zu verfrachten. Nach zweimal hin und her ziehe ich mir Sportklamotten an, schwülwarme 26 Grad, morgens um elf, ausgerechnet heute, die Wolken werden immer dunkler, es grummelt. Nicht nur das Wetter. In die Kartons, in denen bisher geliefert wurden, haben wir nach der Ernte die vollen Honiggläser wieder reingepackt. Die Kunden nehmen die Kartons mit, quer durchs Land und bringen im Lauf des Jahres leere Honiggläser darin zurück. Ein Mehrwegsystem, quasi. Wo früher riesige Tackernadeln stabilen Kartonboden zusammenhielten, sind jetzt Klebebandstreifen auf wabbeliger Pappe. Diese Verpackung wurde für den einmaligen Transport leerer Gläser konstruiert, einige sind schon auf der Palette zerbeult. Ich hatte mich kurz gefreut, dass es garnicht so viel teurer geworden ist, wie erwartet aber, hätte ich eine Ahnung gehabt, was mit dem Begriff „Beispielbild“ in der Angebotsbeschreibung gemeint war, ich hätte das so nicht bestellt. Aaarggghhh!

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Innerhalb von einer Stunde bekommen wir einen halben Meter Schinken/Salami/Wurst-Aufschnitt-Brett-Reste und eine Torte geschenkt. Reste des Muttertagsbuffets und einer Geburtstagsfeier, nicht schaffbar, man müsste es wegwerfen. Soweit darf man es kommen lassen, sagen die Teenager. Bilder ähnlich einer Pinguinfütterung.

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„Ach übrigens, ich bin dann morgen auf einen Geburtstag eingeladen…“ Äh, jo. Ein Geburtstagsgeschenk für sofort, bitte. Das hatten wir schon lange nicht.

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Drei Brotdosen gefüllt, mit dem Hund bis an die Bank gewesen, Spülmaschine aus und Waschmaschine eingeräumt, eine Besucherin begrüßt, zwei Überweisungen getätigt, eine Elterntaxifahrt zur Schule (Klassenarbeit, Bus kommt immernoch 20 Minuten später als normal), alles noch vorm ersten Kaffee. Es geht wieder, stelle ich fest, obwohl ich gestern Kartons geschleppt hab, da ruhig mal einen Moment drüber freuen, denn das sah vor wenigen Wochen ganz anders aus.

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Am späten Nachmittag dann öffnet jemand die Tür und der „wind of change“ weht mir um die Ohren. Ein Drama. Nicht meines und eigentlich auch nicht überraschend, aber irgendwie halt doch.

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So sehr sich die Geschwister untereinander manchmal auf den Sack gehen – in der Not stehen sie zusammen. Jeder tut was möglich ist. Ein Hauch von freundlicher Rücksichtnahme weht durchs Haus, lauter nette Gesten und aufrichtige Anteilnahme. Ungewohnt. Fast gespenstisch, nach wochenlangen Vor-Prüfungs-Launen.

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Der Liebste hat überraschend den Feiertag frei und wünscht sich eine Vatertagswanderung mit seiner Familie. Die Blagen sind nicht begeistert, aber tapfer, danach wird gegrillt.

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„Warum liegt da eine angefangene Tüte Popcorn?“ „Hab ich nicht auf einmal geschafft…“ „Mmmhh“ Pause „Was klebt denn da?“ „Ein Namensschild, hat wahrscheinlich, ich lese Vor- und Nachname vor, hingeklebt“ „Naarha- und wieso steckt da eine Krone auf dem Rückspiegel?“ „Keine Krone, is n Diadem, falls jemand 18 wird, oder sonstige Anlässe“ „aha“ Julikind sucht Sinn während dieser Elterntaxifahrt, vergeblich. Märzkind und ich teilen dieses Auto, Menschen fahren mit, Sachen bleiben liegen.