Wäre cool gewesen

Es wird Herbst, auch wenn man nicht fröstelt, beim Blätter fegen dieses Jahr.

Als ich die Einfahrt etwa zur Hälfte gefegt habe, kündigt sich ein Nachbar an. Fröhlich pfeifend hüpft er durch den Garten, klingelt an der Haustür. Ein kurzes Gespräch, die Haustür geht wieder zu, er wartet. Als er mich bemerkt kommt er auf mich zu und beginnt sofort eine Unterhaltung.

Er wolle nur das Julikind abholen. Sie gehen ins Geheimversteck, es gibt einiges zu tun, da sind sie gestern gar nicht fertig geworden. Was ich denn so mache, will er wissen.  „Ich fege gerade.“ Ah ja, das hatte er sich gedacht. Was ich denn da für einen Besen habe, so einen habe  er noch nie gesehen. “ Das ist mein Hexenbesen“, antworte ich ohne groß darüber nachzudenken, und wundere mich über die Reaktion. Der Kiefer des Nachbarn klappt nach unten, er guckt mit riesigen Augen erst auf mich, dann auf den Besen, dann wieder auf mich:

„Boooaaar, fliiiieegt der?“

Ähm…Missverständnis. “ Nee, leider nicht. Der heißt nur so, weil er so aussieht.“

„Ach so“, der Nachbar ist ein bißchen enttäuscht, aber so leicht lässt er sich nicht abwimmeln. Ob ich mir denn wirklich sicher sei, dass da nicht noch irgendwo ein Knopf oder ein Schalter oder so…? Ich bin mir sicher.

Wo ich den denn gekauft hätte, möchte er wissen. „Im Landhandel“, sage ich.“Im Landhandel,“ flüstert er erfurchtsvoll.  Offensichtlich ist er überzeugt, dass das ein Laden in der Winkelgasse sein muss. Was man da denn sonst noch kaufen könne? „Tja, so Hühnerfutter, Blumenerde…“  „Ach so.“ Das ist anscheind nicht das, was er so gedacht hat, aber er gibt noch nicht auf.

Er erkundigt sich nach dem Einkaufspreis. „Nicht so teuer“, ist keine befriedigende Antwort und nach einigem Überlegen meine ich mich zu erinnern, dass das gute Stück etwa 4,50 Euro gekostet hat. Das sei ja wirklich nicht so teuer. Wenn der Besen fliegen können würde, dann hätte der bestimmt irgendwas mit tausend gekostet. Da gebe ich ihm recht. “ Schade, wäre cool gewesen,“ sagt er.

Das wäre es wirklich. Wir plaudern noch eine Weile, ob man zum Fliegen von Besen wohl einen Führerschein haben müsste?  Wahrscheinlich.   Ob man jemanden hinten drauf mitnehmen könnte, wie beim Roller?  Das auf jeden Fall. Ob man es von hier bis Amerika und wieder zurück schaffen würde, bis sieben Uhr? Eher nicht. Denn man muss sich im Flugzeug ja schon anschnallen,  so ein Besen ist vermutlich rutschiger und bei der Geschwindigkeit kriegt man kalte Hände.

Dann wird von der Haustür aus  nach ihm gerufen. Er wirft einen letzten prüfenden Blick auf den Besen und verabschiedet sich. Falls ich doch noch was rausfinden sollte, solle ich einfach rufen. Er ist im Geheimversteck.

Chill mal

Das Jahr hat noch 53 Tage.

Einiges muss dieses Jahr noch erledigt werden. Da ist viel tolles dabei, auf das man sich freuen kann. Einiges muss man aber einfach noch fristgerecht abarbeiten. Das ist völlig normal und kein Problem.  Es gibt einen groben Fahrplan was zu tun ist.  Ein paar Termine stehen fest, das meiste ist vorweihnachtliche Routine und ich kann mir die Zeit ja sowieso immer völlig frei einteilen.  Theoretisch. In der Praxis ändert sich der Plan ständig. Was für den einen oberste Priorität hat ist dem anderen herzlich egal. Man muss immer einen Mittelweg finden.  Das es nach aussen hin so leicht aussieht liegt daran, dass ich unglaublich gut improvisieren kann. So gut, dass es so aussieht, als wäre es nie anders geplant gewesen. Weshalb das niemand wahrnimmt und auf meine Bitten um ein bißchen Planungssicherheit allgemein mit „chill mal“ oder „mach dich mal locker“ , reagiert wird. Anders kann ich es mir nicht erklären.

Der Patenonkel wurde eingeladen. Das ist schön, wir haben uns dieses Jahr noch gar nicht gesehen. Drei Wochenenden wurden gefunden, an denen alle Beteiligten frei haben. Zwei Wochen später frage ich nach, ob denn ein Wochenende fix ist, mittlerweile. Nee, noch nicht, aber, ach so, an allen drei Wochenenden hätte er die Kinder. „Dann  würden sie zu viert kommen?“  Ja sicher, hätte er mir aber noch gesagt.

Der Vorlesewettbewerb steht an. Ich frage vorsichtig nach, wie weit man denn mit dem ausgewählten Buch ist. Jooo, die erste CD habe man sich schon angehört. Ich weise daraufhin, dass dann noch drei CD`s übrig sind, und man bitte das Buch hier und da mal knicken möge, damit es wenigstens so aussieht als ob. “ Hallo?  Das wird erst nächste Woche gebraucht?!“  Ja nee, ist klar.

Eine ambulante OP steht an. Ich erkundige mich nach der zu erwartenden Erholungszeit. Naja, nach der Narkose dürfe ich natürlich kein Auto fahren und auch nicht an Maschinen arbeiten. Zwei Tage ungefähr müsse ich noch mit Schwellungen rechnen. „Ist aber kein Problem, wir schreiben Sie krank.“

Die neuen Fenster kommen etwa in drei Wochen. „Schätze mal n halben Tag, vielleicht bis nachmittags. Dürfte alles kein Problem sein.“ Das Haus ist hundert Jahre alt, die Wände aus Bruchstein. Was soll schon passieren?

72 Kleinigkeiten, liebevoll verpackt, 48 davon gern aus dem makeup und beauty Bereich, die anderen 24 aus dem süßen Snackbereich.  Abgabetermin 1.12.  Alternativ könne ich auch die entsprechend vorbereiteten Produkte im Einzelhandel erwerben.

Zwei Familienfeiern im festlichen Rahmen stehen an. Niemand von uns hat etwas passendes anzuziehen. Das müssen wir ändern.

Eine Gürtelprüfung steht an. Ob sie da jetzt schon teilnimmt sehen wir dann. Es gibt noch zwei extra Trainingseinheiten, jeweils samstags.

Ab Totensonntag könnte der Stern im Fenster hängen, optimalerweise mit Möglichkeit zum Stromanschluss. Das Kabel natürlich einerseits unsichtbar verlegt, andererseits aber auch so, dass niemand drüber stolpert.

Etwa 25 Süßigkeitenportionen müssen am 6.12. vorrätig sein. Die kleinen Nikoläuse gehen rum.

Geld und Schnapsspende ebenfalls am 6.12. bereit halten, nur später, der Bär geht rum

Etwas adventliches mit vier(!) Kerzen muss ab ersten Advent auf unserm Tisch stehen. Nach dem Kranzdesaster 2017 verzichten wir in diesem Jahr auf einen gebundenen Kranz und verwenden einzelne Zweige, die man bei Bedarf austauschen kann.

3 „Wichtelgeschenke im fünf Euro Bereich“ müssen besorgt werden, da wette ich drauf. Sicher weiß man das oft erst am Tag vorher.

Weihnachtsgeschenke für die 23 engsten Familienmitglieder müssen besorgt oder vorbereitet werden

Weihnachtsgeschenke verpacken, dabei mit Namen versehen und nach Veranstaltungsorten sortieren.

Chauffeursdienst/Beratertätigkeit beim Kauf von kleinen Weihnachtsgeschenken für Geschwister

Kontrolltermine beim Zahnarzt mit allen Kindern, wegen Zahnspangenkostenrückerstattung

Zimtsterne backen und die Plätzchen mit Marmeladenfüllung, dieses Jahr aber bitte mehr als im letzten.

Besuch der Weihnachtsfeier der Grundschulklasse. Geschirr bringt natürlich jeder selber mit. Spenden fürs Büffet – das war so klein geschrieben, dass konnt ich gar nicht sehen, merkt kein Mensch.

Der schönste Weihnachtsbaum der Welt muss gekauft und geschmückt werden.

Selbstverständlich läuft das normale Leben weiter. Wöchentlicher Lebensmitteleinkauf, 7 Elterntaxifahrten, plus x wegen Proben für Adventssingen, Sondertrainings und Kindergeburtstagen, das hauswirtschaftliche Gedöns. In leicht verschärfter Form, weil zwischen den Jahren viel Besuch erwartet wird.

Dieses Jahr hat der Liebste übrigens Springerschicht im November und Dezember. Das bedeutet theoretisch Frühschicht von Montag bis Freitag. Es sei denn es nimmt jemand Urlaub oder wird krank. Dann ist sieben Tage die Woche so ziemlich alles möglich. Jederzeit.

In diesem Sinne: Jauchzet! Frohlocket! Und chillt mal.

Ich bin dein Vater, Bambi

Dieser Moment, zwischen Traum und Wirklichkeit.

Das Hirn wird als erstes wach, und glaubt sofort zu wissen, was los ist:

Du musst nach der Heizung gucken. Hört sich nicht gut an. Hoffentlich ist es etwas das in der Betriebsanleitung vorkommt. Sooonst hamm wa n Proobleeehm.

Ein Fünkchen Verstand schaltet sich ein: Quatsch, die Heizung läuft.

Dann hat sich der Zeitungsbote ein Bein gebrochen und liegt jetzt draußen, behauptet das Hirn.

Wir bekommen gar keine Zeitung.  Der Verstand würde gern noch weiterschlafen.

Tja, dann hatte der Nachbar auf dem Weg zum Auto einen Herzinfarkt und stirbt gerade unterm Carport. Das wäre ungewöhnlich. Aber das Geräusch ist merkwürdig.

Im Halbschlaf krabbele ich über das leere Bett neben mir, ziehe den Rolladen halb hoch und öffne das Fenster ganz.

Ach so! Der Verstand ist erleichtert. Keine Handlung erforderlich. Es ist nur ein Hirsch.

Ich krabbele zurück unter die Decke und mache das Licht an. 2 Minuten vor sechs. Einschlafen lohnt sich jetzt nicht mehr, das Licht mache ich trotzdem nochmal aus.

Ein wirklich beeindruckendes Geräusch. Obwohl, es erinnert mich ein wenig an das Kleinkind, das in den Ausgießer der Gießkanne brüllt und sich über den Schall freut. Oder an den Gesang eines angetrunkenen Schützenbruders weit nach Mitternacht. Aber in einer eher majestätischen Version. Eigentlich mag ich die Natur, gerne sogar, nur morgens vor sechs Uhr, könnte die Idylle etwas leiser sein, finde ich. Naja, Luxusprobleme, die man so hat.

Ich denke an die Wanderer, die 20 Euro für den einen Platz auf der zugigen Aussichtskanzel bezahlen.  Da hab ich es doch wirklich besser.

Im Alter wirds besser

Wir sind zum Marktbesuch verabredet. Nach Jahrzehnten als Selbstversorger hat die Omma im Garten „alles platt gemacht“. Nach unserem letzten gemeinsamen Marktbesuch war sie ehrlich erstaunt, was man so alles auch kaufen kann. Heute hat sie ein Körbchen dabei und ist schon startbereit.

Ob sie nicht vielleicht die Krücke mitnehmen will, frage ich. Oh ja sicher, die braucht sie, wenn sie nachher den schweren Korb trägt. Gestern war die Krücke verschwunden, sowas blödes. Auf dem Schuppendach hat sie gelegen, da hatte sie sie drauf gelegt, weil die beim Brombeeren pflücken ja nicht hilft. Dann ist sie ohne gegangen. Das die Krücke nicht da war hat sie erst gemerkt, als die Nachbarin geklingelt hat und ganz verwundert war, als die Tür aufging. Ohne Krücke vor der Tür denken die Leute sie wäre nicht zu Hause.

Ich warte noch auf die Wirkung meiner zweiten Tasse Kaffee. Die Omma war schon bei den Hühnern, hat die Zeitung durch und eben noch einen Anruf entgegengenommen, deshalb stand sie ja noch nicht draussen. Fröhlich steigt sie ein und beginnt mit der Suche nach dem Anbindedings.

Nachdem ich  die genaue Fahrtroute erfahren habe erkundige ich mich, ob es einen Grund für soviel Fröhlichkeit gibt.

Sie habe da gerade etwas gutes in der Illustrierten gelesen. Der kleine Prinz von Dings, naja ich weiß schon, der Sohn von dieser Prinzessin, dem seine Schwester heißt Estelle oder so.

Ich mache ein neutrales Brummgeräusch. Naja, der habe jedenfalls eine Erbkrankheit.

Inwiefern das gut ist, frage ich. Naja, der kleine Prinz, der möglicherweise Oskar oder so heißt,  erkennt die Leute nicht wieder. Also, er kann Gesichter erkennen und kennt auch Leute. Aber er weiß beim nächsten Mal nicht mehr, wer das ist. Genau wie ich, sagt die Omma. Das habe sie schon immer. Der Opa hatte irgendwann mal mit einem gesprochen und kannte den nach Jahren noch wieder. Sie nie.

Naja, ob das nun ne Krankheit ist, überlegt sie. Wahrscheinlich hätten ihre Eltern sie deswegen nicht zum Arzt gebracht. Ob die das überhaupt wussten? Wenn das nun ne Erbkrankheit ist. Ob ich denn die Leute erkennen würde. Ja,ja, kein Grund zur Sorge.

Ich hab das auch nicht als Krankheit wahrgenommen, gebe ich zu. Es ist ganz normal das du immer fragst, wer das denn ist. Naja, man komme sich schon oft blöd vor, gibt sie zu, aber eigentlich wird es im Alter besser. Wahrscheinlich weil die Leute denken du wirst tüddelich und dir von selber sagen wer sie sind? Omma lacht, ja so wirds sein.

Selbstverständlich trägt sie im Anschluss ihren gesamten Einkauf ganz alleine zum Auto.

Kann man nichts machen.