Tag 4

„Mammmaaa, die Nachbarländer von Malaysia??“

„Ähm, ich glaube, die Hauptstadt ist Kuala Lumpur, aber schwören würde ich das nicht.“

„Hauptstadt ist egal, es geht um die Nachbarländer.“

„Gib doch einfach mal „Nachbarländer von Malaysia“ ein, irgendwas wird doch dann kommen.“

„Es. Geht. Nicht.“

Es stimmt. Dass Google Maps nicht laufen würde war mir klar, aber das noch nicht mal eine normale Suchanfrage durchgeht am Vormittag nervt jetzt wirklich. Mein erster Impuls ist es das Fenster aufzureißen und rauszuschreien „Nehmt euch alle ne Zeitung und geht einfach mal kacken!!!“ Statt dessen höre ich mich sagen „Naja, es sind im Moment halt auch viele im Home Office, ich hab ne Idee“. An dieser Stelle kann ich wohl eine Empfehlung aussprechen für den YouTube Kanal Yoga with Adrienne. Die Lösung dieses Problems liegt auf dem Dachboden.

ohne Kommentar

Bonus: Hinten in diesem antiquarischen Atlas lagen zwei Klassenarbeiten des Liebsten. Er war 16 und hatte den Lehrvertrag schon unterschrieben, hat er gesagt.

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Der Liebste übernimmt das Elterntaxi zur Krankengymnastik. Der einzige Termin dieser Woche.

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Ich backe zwei Kuchen und packe Geschenke ein.

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Am späten Nachmittag senden netflix und YouTube nicht mehr in HD. Das kann ich im Internet lesen. Erleichterung. Das Märzkind kann am Abend mit Freundinnen skypen. Das war wichtig, denn mittlerweile schlägt es aufs Gemüt.

Tag 5

Kuchen zum Frühstück, wir haben die Zeit. Die Geschenke kommen gut an und Glückwunschnachrichten erreichen das Märzkind von allen Seiten. Sogar die Klassenlehrerin hat dran gedacht, sie freut sich. Nach der Hunde-Spaziergangs-Runde portionieren wir den Kuchen und fahren die Omas an.

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Oma und Opa haben vor dem Haus einen Geschenktisch aufgebaut. Mit Blumen und Schnuck (Süßigkeiten, sagt man in Norddeutschland wohl dazu). Beide stehen im Fenster, und winken und gratulieren, so herzlich wie es nur möglich ist, in diesen verrückten Tagen. Die Oma verschwindet aus dem Bild um etwas auf dem Klavier vorzuspielen. Was von Beethoven, denn Beethovenjahr haben wir ja trotzdem. Das Märzkind strahlt.

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Dann müssen wir etwas hektisch zum Ende kommen, denn de Omma, die bis eben irgendwelche Gartenarbeiten gemacht hat, hat uns durch die Hecke gesehen. Sie war die einzige, die nicht verstanden hat, wieso wir nicht feiern. „Ooohhh, bestimmt will sie gratulieren, macht was!“ Ruft die Oma aus dem Fenster. Ich schnappe mir den dafür vorgesehenen Teller mit Kuchen und laufe der Omma entgegen. Sie freut sich, gerade wollte sie Kaffee kochen. „Guck doch mal da.“ Ich gucke da und sehe nichts. „Die Veilchen kommen. So schön. Und guck mal da.“ Mir fehlen die Nerven und gerade auch die Zeit, um mal überall im Garten „mal zu gucken“. Ich wünsche einen guten Appetit und gehe, mit einem schlechten Gewissen.

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Die Oma im Nachbarort öffnet die Tür und ruft „Keine weißen Anzüge!“ ins Treppenhaus. Gerade haben sie im Fernsehen gesagt, Leute in weißen Anzügen würden sich Zutritt zu Seniorenwohnungen verschaffen, in böser Absicht. Ab jetzt wird niemandem mehr geöffnet, der keinen Kuchen dabei hat, hat Käthe entschieden, erklärt die Oma. Normalerweise würde die Oma das Märzkind jetzt herzlich knuddeln, aber, ach, es ist ein seltsamer Moment. „Herzlichste Glückwünsche, wir holen das alles nach, nichts geht euch verloren“. (Bei Cousine und Cousin fallen gerade jede Menge Abschlussfeiern aus, harte Zeiten für das Oma-Herz)

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Die Tante erkundigt sich, wie wir die Geschenkeübergabe gestalten wollen. Vielleicht könnten sie ja sogar reinkommen? Jo, angeboten hätte ich es nicht, aber wenn sie möchten gerne. Sie hätte auch fast nicht gefragt, aber wie-ein-Onkel sitzt seit Tagen im home office und droht Gemütskrank zu werden. Na dann, bis gleich. Beim Kaffee sitzen wir noch weit auseinander, wir haben ja eh zwei Tische im Esszimmer stehen. Aber es ist zu sonderbar. Nach dem Essen beginnen Märzkind und wie-ein-Onkel über Fotografie zu fachsimpeln. Sie holt ihre Kamera und er erklärt ihr irgendwas über ISO Einstellungen. Dabei hängen sie so dicht mit den Köppen aneinander, dass es dann jetzt auch egal ist. Der Esszimmertisch hat Überbreite, abends essen wir alle zusammen da.

Der Liebste bekommt ein Video zugeschickt. Eine Frau steht auf dem Balkon, vermutlich zum Rauchen, sie geht einen Schritt zurück „Ach du scheiße“. Ein bisschen so, als würde man hinter der Turnhalle rauchen und die Aufsicht kommt unerwartet. Im Schritttempo rollt ein Kleintransporter ins Bild, auf dem Dach Megaphone. Eine Durchsage ertönt. Die Leute werden dringend gebeten, zu Hause zu bleiben und ihre sozialen Kontakte einzuschränken. Im Ort sei es vermehrt zu Infektionen mit Covid-19 gekommen. Eine Szene wie aus einem Film, 30 km von hier.

Das Handy macht die Runde, uns wird mulmig. Nach ein paar Minuten können wir wieder lachen. Wer hätte gedacht, dass man sich mal die Nachrichten vom Brexit zurückwünscht?

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Trotz allem war es ein schöner Geburtstag, sagt das Märzkind. Sie freut sich, dass die beiden da waren, sonst wäre es vielleicht doch ein bisschen traurig gewesen. Auch die anderen haben sich alle soviel Mühe gemacht. Ein glückliches Lächeln.

Es fällt ein Stein vom Mutterherz.

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Bei der Abend-Hunde-Runde stellen wir fest, das zu dem, was man woanders Skyline nennen würde bei uns auch die kleinen, sich zwischen den Orten bewegenden Lichtpunkte gehören. Die fehlen komplett. Es ist nicht ein einziges Auto unterwegs.

Tag 6

Samstag, ein ganz normaler Haus und Hoftag. Der Liebste muss arbeiten, 12 Stunden, das ist auch normal, am Wochenende.

Die Kinder helfen auffallend gut ohne zu nörgeln.

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Das Bäckerauto kommt spät, ist aber gut gefüllt, stelle ich fest. „Ach, hör bloß auf“, sagt die Brotwagenfrau. Das sei schon die zweite Fuhre, deshalb auch so spät. Gleich heute morgen hätten zwei Leute jeweils 6 Brote kaufen wollen. Die nehmen normalerweise aber nur zwei, und das hat sie denen dann auch gesagt. Mehr als normal gibts nicht. Es soll ja wohl für alle reichen, 6 Brote braucht man nicht mal einfach so, die kann man doch wohl vorbestellen, ein Anruf, dann ist es kein Problem. So, unter diesen Umständen, ist das einfach schlechtes Benehmen. Ich gebe ihr Recht und freue mich, dass wir noch was bekommen. Aber ich hätte auch improvisieren können, versichere ich ihr. Gemeinsam wundern wir uns einen Moment über die Leute.

Es war mein einziger Kontakt zur Außenwelt an diesem Tag.

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Der Himmel ist so klar. Ein Sonnenuntergang, quasi in HD. Ich ertappe mich dabei, wie ich am Fenster stehe und staune.

Tag 3

Nach einem späten Frühstück gehen die Kinder an ihre Aufgaben. Der Liebste hat einen regulären freien Tag und plant handwerkliches.

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Der Optiker ruft an. Er wolle natürlich nichts beschreien, aber im Moment sähe es so aus, dass man Kontaktlinsen lieber heute als morgen abholen kommen soll, so man sie dringend braucht. Die Kontaktlinsen werden dringend gebraucht.

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Moment. Ich frage alle Kinder einzeln, ob sie noch etwas aus normalen Geschäften brauchen. Der Liebste ruft die Ommas und die Nachbarn an. Fritz muss selber nochmal ins Städtchen, Marianne meldet, gut vorbereitet zu sein, der Opa ist quasi schon auf dem Weg und hat den Einkaufszettel von der Omma dabei.

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Ich rufe bei „wo wir immer die Milch holen“ an und erkundige mich, ob das weiterhin möglich sein wird. „Jo, sicher, hat noch niemand was anderes gesagt, un? Sonst so?“ Angenervte Kinder, handwerkelnde Männer, sorglose Senioren, wir haben gerade alle das gleiche.

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Vor der Apotheke stehen schon zwei Frauen an. Es sollen bitte immer nur 2 Kunden gleichzeitig drin sein, und bitte die Hände desinfizieren am Eingang. Eine große Plexiglasscheibe wurde quer über den Tresen gebaut, unten eine Durchreiche. Ein bißchen kleinlaut erkundige ich mich, ob es möglich sei, ein Heuschnupfen Medikament zu bekommen. Es ist so banal, ich komme mir seltsam vor, werde aber sehr freundlich bedient. Selbstverständlich laufen die ganz normalen Sachen weiter, sagt die Apothekerin. Ich bedanke mich, und meine es grundsätzlich.

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In der Drogerie holen wir notwendiges und kaufen ein neues Brettspiel. Alle anderen Geschäfte sind geschlossen. Hoffentlich kann man online noch „zwei T Shirts und eine kurze Hose“ die das Maikind nach eigenen Angaben braucht bekommen. Die vorhandenen sind von etwas knapp auf wirklich zu klein gewechselt, diese Woche.

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Ein normaler Wocheneinkauf Lebensmittel. Es sind mehr Leute im Laden als um diese Zeit üblich, aber es ist leiser. Die Kassiererin wirkt müde, was auch sonst. Ganz ehrlich, ich bin froh, dass das nicht mein Job ist. Sie reicht mir den Kassenzettel. „Danke, dass Sie den Laden am Laufen halten, wir brauchen nämlich wirklich so viel.“ Es ist nur ein Satz und er kostet mich gar nichts. Aber die Frau an der Kasse setzt sich wieder aufrecht hin und lächelt. „Gerne“, sagt sie „dafür sind wir ja da“.

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Ansprache der Bundeskanzlerin. Wir entscheiden, den Geburtstag des Märzkindes ohne Gäste zu feiern. Ohne Freunde in der Schule war eigentlich schon schlimm genug. Natürlich ist es wichtig und richtig, scheiße ist es aber auch.

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Bei der Abend-Hunde-Runde haben wir Kondensstreifen am Himmel gesehen. Es waren viel weniger als sonst und sie verlaufen anders. Es passte zu diesem verqueren Tag.

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Das Internet läuft merklich langsamer.

Tag 2

Das ich keine Ahnung von der französichen Revulotion habe wußte ich. Das es aber noch viel mehr Revolutionen gibt, mit denen ich mich nicht auskenne ist mir neu.

„Worin unterscheiden sich die Märzrevolution und die Septemberrevolution in Berlin?“

„Ähm, spontan würde ich vermuten, eine fand im März statt und eine im September.“

„Boar, nee, Mama, weißte. Die Frau Geschichtslehrerin die interessiert sich wirklich für sowas. Die weiß solche Sachen. Ich glaube die macht das gerne, dass muss ich schon richtig machen.“

„Du hast doch ein Buch, wenn das die Aufgabe ist, wird es da wohl drin stehen.“

„Steht nix, gar! nichts!“

„Dann Google.“

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Ich war nebenbei noch damit beschäftigt rauszufinden, wie PowerPoint auf unserem Tablet funktioniert. Anscheind anders als in der Schule am PC. Da ich vorher aber noch nie irgendwas mit PowerPoint gemacht habe, kann ich natürlich keine Unterschiede feststellen. Es enstanden Dialoge wie bei Loriot.

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Das Märzkind ist mit den Nerven runter. Sie versteht beim besten Willen ihre Arbeitsanweisung nicht, und reicht mir ihr Handy: Es ist die Botschaft eines Akademikers, der sich erkennbar Mühe gibt, aber leider kein blödisch spricht: Wegen Überlastung des Schulportals wurde eine Subdomain eingerichtet und die Aufgaben aus datenschutzrechtlichen Gründen passwortgeschützt für jede Klasse einzeln hinterlegt. Gerne können die Schüler ihre bearbeiteten Aufgaben zusenden. Sollten Sie sich einverstanden erklären, könne man die dann für alle anderen sichtbar machen, übrigens auch Videos, so könne eine Unterrichtsatmosphäre entstehen, obwohl man sich nicht begegnet. Bleibt gesund.

„Samma, der ist aber doch kein Religionslehrer?“

„Doch, sicher. Aber ich glaube der hat Physik studiert, oder so.“

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Die Mathelehrerin, die mich auch im normalen Alltag beschäftigt hält, teilt mit, sie habe die Aufgaben auf die Plattform geladen, die da schon seit Stunden abgeschmiert war. Lösungen im Email-Anhang. Die Email hat keine Anhänge. Über Klassenlehrerin und Klassensprecher landen die Lösungen im Klassenchat. Die Lösungen haben wir also, bleibt das Problem.

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Nachmittags waren wir im Wald. Trotz Frühlingseinbruch habe ich bemerkenswert viel Luft. Erst oben auf dem Berg ist mir aufgefallen, dass ich keine Medikamente gebraucht habe, für den Weg. Sechs Leute sind uns begegnet.

Der Hund ist mehrmals hoch und runter gelaufen. Weil er’s kann.

Es wurde eine Reisewarnung für die ganz Welt ausgesprochen. Der Liebste stellt sich innerlich auf dieses sonderbare „frei haben“ ein.

Kein einziger Kondensstreifen. So blau war der Himmel nicht mehr, seit dieser Vulkan auf Island ausgebrochen war.

Der Theaterabend hatte ein upgrade von „abgesagt“ auf „verschoben“. Verschoben wurde auch Käthes fette Party zum hundertsten. Frisch abgesagt wurde das Osterfeuer. Wir planen eine private Alternativveranstaltung mit Feuerkorb und den Holzresten aus der Garage. De Omma hat für nächste Woche Klopapier auf dem Einkaufszettel stehen.

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Es ist still im Ort. Noch stiller als normal. Wenn man hört, dass jemand Altglas einwirft möchte man ans Fenster gehen, um zu gucken, was denn los ist.

Eigentlich Montag

Ich stubse das Maikind ein bißchen und wünsche leise einen guten Morgen. Ein Wuschelkopf kommt zwischen Decke und Kissen zum Vorschein und erkundigt sich nach der Uhrzeit. „Ist halb acht, hast noch Zeit“. „Aahh“ mit einem Grinsen dreht er sich um, “ das das mal jemand zu mir sagt, an einem Montag morgen“.

Gegen neun stehe ich in der Pausenhalle der Schule. Ein Lehrer mit einem Stapel Zetteln in der Hand begrüßt die Ankommenden freundlich. Die Bücher seien alle in die jeweiligen Klassenräume gebracht worden, die Räume seien auf. Er hakt ab, wer schon da war. Hilft Eltern, die ohne Kinder kommen.

Ein zierliches Mädchen mit riesiger Brille, im Arm einen beachtlichen Stapel Bücher kommt die Treppe runter. „Samma, brauchen wir auch Physik?“, fragt sie eine wartende Freundin. „Die haben gesagt alles, müsste doch alles da liegen“. „Nee, Physik war nicht dabei“. Sie überlegt sichtlich. „Guck besser nochmal“, rät die Freundin. Das Mädchen geht die Treppe wieder hoch. Am anderen Ende der Pausenhalle wird eine Tür aufgestoßen. Ein großer Mann mit Strubbelfrisur trägt ebenfalls einen riesen Stapel Bücher. Er eilt die Treppe hoch. Als er an uns vorbeikommt grüßt er mit einem zerstreuten Nicken. Ich vermute, es ist ein Physiklehrer.

Der Lehrer mit den vielen Zetteln kommt zurück, erkundigt sich, wie die Kinder denn jetzt genau wieder nach Hause kommen. „Wir hören voneinander und bleibt alle gesund.“

Im kleinen Edeka des Schulstandorts kaufen wir im Anschluss ein bisschen Obst und Gemüse. Eigentlich wollte ich auch noch einen Würfel Hefe, aber Hefe ist aus. Hefe war noch nie aus. In den kleinen Kartons fehlen selten mehr als 6 Würfel der oberen Reihe. Ich frage nach. Also, sie habe da jetzt gerade Kühlware bekommen sagt die Fachkraft und deutet auf einen isolierte Palette, könnte schon sein, das da was bei ist, wenn ich wohl 10 Minuten hätte. Nee, ach, sooo dringend ist es nicht, versichere ich, ich improvisiere einfach. Die Nachbarin von drei Häuser über uns bekommt das mit. Sie habe eventuell noch ein Tütchen Trockenhefe. Derzeit könne sie nicht garantieren, das das noch haltbar ist. Aber wenn, dann könne ich das gern haben.

Die großen verschwinden mit ihren Aufgaben, das Julikind geht mit spazieren. Auf einmal ist Frühling. Als hätte jemand den Schalter umgelegt. Wir sehen Schmetterlinge, Ameisen, Hummeln und sitzen einen Moment in der Sonne.

Es wird den ganzen Nachmittag geräumt, gewerkelt, geputzt. Wundersamerweise gehen Sachen voran, die ich schon als gegeben akzeptiert hatte. Juhu.

Bei der Abend-Hunde-Runde begegnen uns die Junggesellen von der Sonnenuntergangsbank. Zwei stehen links vom Weg einer rechts. Sie treten jeweils einen halben Schritt zurück, damit wir auf dem Weg bleiben können.“Zwei Meter sollen das schon sein“, prosten sie uns fröhlich zu.

Der Fernreisende ist wieder da und liegt im Krankenhaus. Irgendwas mit Nebenhöhlen, aber ähnliche Symptome… daher Einzelzimmer. Ab morgen dürfen keine Besucher mehr ins Krankenhaus. Er erkundigt sich nach unserem Heimunterricht und bietet eine Hotline an für Fragen rund um Physik, Chemie und technisches an.

Also, Stand heute, kann ich sagen, bei mir läuft’s.

Abgesagt

Es ist schon ein paar Wochen her, da bekam der Liebste Anweisungen vom Arbeitgeber. Der gesamte Betrieb gehöre ab jetzt zur kritischen Infrastruktur. Sollte er Kontakt mit Corona-infizierten gehabt haben, an sich selbst oder Familienmitgliedern Symptome bemerken, dann… wurden die mittlerweile bekannten Szenarien beschrieben. Es klang so gar nicht nach Panikmache und war genau deshalb ein bisschen unheimlich. Die Nachrichten habe ich ab da etwas aufmerksamer verfolgt.

Ich habe mich gewundert, dass Karneval nicht abgesagt wurde und war beruhigt. Dann gab es eigentlich jeden Tag neues aus Italien, dann aus Frankreich. Mir wurde etwas mulmig. Seitdem bestehe ich darauf, dass sich alle Kinder vor jeder Mahlzeit die Hände mit Seife waschen.

Ich habe ganz normal weiter eingekauft, stand aber öfter vor leeren Regalen. Im Verlauf der Woche begegnen mir verschiedene Supermärkte, statt einen Großeinkauf plus Kleinigkeiten bei Bäcker und Metzger waren es eben drei oder vier kleine Einkäufe. Je nachdem, wo ich Kinder zum Training gebracht habe. Klopapier war immer vergriffen. Kein Problem, wir haben da einen Vorrat. Der hielt allerdings auch nicht ewig. Das Märzkind und ich standen am Donnerstag wieder vor einem komplett leeren Regal und hatten gerade entschieden, dass wir dann nochmal woanders hin müssen. Es war ein seltsames Gefühl, wegen Klopapier in einen zweiten Laden?

Das war er, der Moment, in dem Corona für mich anfing: „Oh Mama, guck mal, da oben“ , voll Freude zeigte das Märzkind auf eine versteckte Reihe Klopapier. Zwischen einer Säule und einem fetten Werbeschild war das wohl übersehen worden. Es waren die kleinen Packungen, doppelte Lauflänge und keine Papphülsen, die sich auf der Fensterbank sammeln, das kauf ich eh am liebsten. Obwohl wir nur eine Packung brauchten, haben wir zwei gekauft. Ich hab es erst gemerkt, als das Mädel, das eine frische Palette Papier rangerollert hat in unseren Wagen guckte und dabei innerlich mit dem Kopf schüttelte. Glaube ich zumindest gesehen zu haben. Die zweite Packung steht jetzt bei mir im Kleiderschrank, so viel Platz ist im Bad ja gar nicht.

Der Freitag war unerwartet aufregend. Vormittags hatte ich im Radio von Schulschließungen gehört. Hessen war da noch nicht dabei. Das Julikind kam mit den Worten, der Ranzen sei sooo schwer die Tür rein. Sie habe alles dabei, falls nächste Woche keine Schule ist. Die beiden großen kamen in gedrückter Stimmung nach Hause. In der sechsten Stunde hatte jeder noch einen Zettel bekommen, wo drauf stand, dass die Schule sich entschlossen habe, alle außerschulischen Aktivitäten abzusagen. Wir haben uns gewundert, denn die Schule ist vergleichsweise klein. Ob man sich jetzt bei den Bundesjugendspielen oder in der Pausenhalle über den Weg läuft, macht doch eigentlich keinen Unterschied. Das Betriebspraktikum wurde abgesagt , der GirlsandBoysday, das Fussballtunier, die Bundesjugendspiele, die Klassenfahrt vom Maikind, zwei Tagesfahrten und ein Radioprojekt vom Julikind, und der Besuch der französischen Austauschschüler.

Es folgte ein ziemliches Gewusel, bis klar war, dass bis zu den Osterferien kein Unterricht mehr stattfindet. Der Ton in den Muttichats war sehr angenehm, was nun wirklich nicht selbstverständlich ist. Die Elternbeiräte und Klassenlehrer haben sich alle schnell und unaufgeregt gekümmert. Morgen holen die großen Kinder ihre Bücher und bekommen Arbeitsaufträge. Ich hoffe, ich behalte den Überblick, ehrlich gesagt graust es mir ein bisschen vor den Hypothenusen und so.

Mittlerweile wurde auch der Theaterabend, bei dem das Märzkind im Hintergrund mitgewirkt hätte abgesagt. Und alle Trainings.

Die Geburtstagsfeier lassen wir nicht ausfallen. Wir organisieren das so, dass die Hochbetagten und Vorerkrankten die Möglichkeit haben, den Schulkindern nicht zu begegnen.

Den Rest werden wir sehen. Es ist die Gelegenheit, den „zu erledigen“ Stapel in Angriff zu nehmen. Obwohl, das Wetter soll schön werden und der Wald hat noch geöffnet.

03/2020, erstes Drittel

Die häusliche Elektrik verlief, wie so oft, etwas anders als erwartet. Deshalb hatte der Liebste dann doch einen spontanen Außeneinsatz inklusive Baumarktbesuch. Wir haben jetzt wieder Strom im Wohnzimmer, auch wenn jemand im Garten Licht anmacht. Darüber freue mich.

Die andere Baustelle geht voran, langsam aber stetig. Bisher keine besonderen Vorkommnisse, das macht mich misstrauisch. In der Regel lässt sich das Haus nicht so gerne renovieren.

Frühlingsvorbereitungen laufen an. Diese Saison braucht es einen neuen Honigrührer und eine neue Beetbepflanzung. Vorentscheidungen wurden getroffen.

Felix ist verstorben. Der Hund von „wo wir immer die Milch holen“. Er war schon länger krank und ist eines morgens einfach nicht mehr aufgestanden. Wir haben ihm einen Moment feierlich gedacht. Seine Gene hat er weitergeben, auch in den Nachbarorten, oft und gern.

Diese Woche war es zum ersten Mal seit langer Zeit, warm und trocken genug, dass das Julikind einen ganzen Nachmittag lang mit der Hecken-clique draußen sein konnte. Halleluja.

Dem Maikind ist quasi über Nacht alles zu klein geworden. Gut, bei den Mengen an Nahrung, die er die letzten Wochen zu sich genommen hat, hatte ich damit gerechnet, dass er wächst. Aber so? My lovely Mister singing Club. Wir werden einkaufen müssen, er gewöhnt sich gerade an den Gedanken.

Geburtstagsvorbereitungen laufen. Ich hatte eine Idee, was man dem Märzkind schenken kann. Keine zündende Idee, aber immerhin.

Die Steuererklärung ist in Planung, davor muss aber noch einiges erledigt werden. Computer kaufen, Daten rumtüddeln, und so. Es gab einen Tipp, der das vielleicht beschleunigt.

Habe den Heizungskeller durchgefegt, weil sich der Schornsteinfeger angekündigt hat. Der vorher/ nachher Effekt war so verblüffend, dass ich entschieden habe, die Heizung mal abzusaugen, nur so ganz grob, natürlich. Ich möchte mir an dieser Stelle selber den Rat geben, das öfter zu machen (als alle 10 Jahre, hüstel).

Der Hund kann jetzt an dem bissigen Hund vorbeigehen, ohne panisch zu reagieren. Solange beide an der Leine sind passiert anscheind nichts. Die Kinder gehen im Moment freiwillig die Nachmittagsrunde spazieren. Das entspannt alle. Man fragt sich allgemein, was wir die letzten vier Jahre ohne Hund gemacht haben. Obwohl, wir haben weniger geputzt…

Ich wollte nicht in Verdacht geraten, den Tod zu bringen. Deshalb habe ich zum ersten Mal seit längerem ohne Dosen an der Wurst und Käsetheke eingekauft. Es begann wegen Weltrettung, ist mittlerweile aber einfach Faulheit. Ich hatte vergessen, wie lange es dauert, den ganzen Kram aus dem Papier in die Dosen zu räumen, und dann muss man auch noch den Müll rausbringen…

Ich kaufe tatsächlich öfter Haferflocken, Mehl, Zucker, Nudeln, Reis, getrocknete Linsen und Bohnen, nicht als Regaldeko, wir essen das. Hier im IrgendwoaufdemLand ist es immer gut, wenn manche Lebensmittel länger haltbar sind. Man braucht einen Vorrat, einfach, weil man manchmal ein oder zwei Tage später zum einkaufen kommt, als gedacht. Ich hab doof geguckt, am Montag nach der Zombi-Apokalypse, alles weg. Gestern waren Nudeln aber im Angebot, ätschibätschi.

Ich habe über das Verhalten von Menschen in unbekannten Situationen nachgedacht. Und mich gewundert, immer wieder.

Gemeinsam mit dem Liebsten festgestellt, dass wir anscheind unterdurchschnittlich viel Angst haben, davor, Pläne spontan geändert zu bekommen. Das kann einem nämlich auch einfach so mitten im Leben passieren. Darauf haben wir angestoßen, mit einem 6er Pack Corona.

Gewöhnliche Zombie-Apokalypse

Der Liebste war vor mir wach und sitzt schon am Frühstückstisch. Er wirkt etwas grummelig. Auf Nachfrage zeigt er mir mehrere im Garten verstreut liegende Teile von – oh, das war gestern noch unsere Aussenlampe. Da haben die Waschbären heute Nacht einen Punkt gemacht.

Seit etwa einem Jahr läuft ein Wettrüsten am Vogelhaus. Ich hatte vorgehabt, nur so viel Futter reinzutun, wie die Piepmätze an einem Tag schaffen. Nachts wäre dann nichts da. Aber hier geht es ums Prinzip, und ich gebe zu, es ist unterhaltsam. Wir trinken Kaffee und überlegen dabei, wie die Waschbären das wohl geschafft haben.

Dann hupt das Bäckerauto vorm Haus. Der Liebste hat als erster seinen Geldbeutel gefunden und geht. Ein paar Minuten später kommt er mit zwei kleinen Broten zurück. Das Bäckerauto sei fast leer gewesen, das sah ganz seltsam aus. Die Frau hat gesagt, sie habe schon telefoniert, damit Nachschub gebracht wird, aber im Laden ist auch alles weg. Coronavirus. Quarantäne ohne Plunderstückchen, das will man sich ja gar nicht vorstellen.

Das Julikind kommt an den Tisch, im Schlafanzug mit Strubbelfrisur, Müslischale in der Hand, Cornflakespackung unterm Arm. „Kaufen wir heute auch so viel ein wie die Leute in den Nachrichten?“ Ich erkundige mich erstaunt, wo sie denn schon Nachrichten gesehen habe. Auf YouTube. Da stehen Polisten vor Aldi, weil so viele Leute auf einmal reinwollen oder so. „Nee, wir nicht, ich war diese Woche schon einkaufen.“

„Sehen wir das zu entspannt?“ fragt mich der Liebste. Also: Ich habe die letzten drei Wochenende in Folge mit drei Kindern und einem nicht ausgelasteten Hund im Haus verbracht. Wir hatten Wetterwarnungen wegen: Sturmböen, orkanartigen Böen, Sturm, Orkan, Dauerregen, ergiebigem Dauerregen, Hochwasser, Schneefall und Glätte. Ausserdem gab einen terroristischen Terroranschlag und eine Amokfahrt in einen Karnevalszug, jeweils so dicht dran, dass ich die dazugehörigen Verkehrsumleitungen im Radio hören konnte. Es wäre möglich, dass Gewöhnung eingetreten ist.

Nur zur Sicherheit schaue ich auf einer seriösen Nachrichtenseite im Internet nach. Jo, es gibt wohl Corona, ein bisschen mehr als gestern, das Risiko wird als gering eingestuft. Man soll sich nach Möglichkeit nicht gegenseitig anniesen und hin und wieder mal die Hände waschen.

Das Julikind hat sein Frühstück beendet und der Liebste guckt mich fragend an. „Die anderen sind bekloppt“, fasse ich zusammen. Das habe er sich schon gedacht, sagt der Liebste, bestimmt war irgendwas auf Facebook. Dann schweift sein Blick wieder nach draußen. „Wenn die Stromkabel jetzt eh schon frei liegen, dann könnte man eventuell….“

Nein. Ich habe eine bessere Idee.

Herzliche Grüße an den fernreisenden Elektriker, läuft bei uns.

Müssen Sie arbeiten?

Ein Elternsprechtermin in der Grundschule, vormittags, wurde aus guten Gründen zweimal verlegt. Da es im letzten Jahr viele, viele Krankheitstage gab hatte ich mit der Lehrerin regelmäßig Emailkontakt, wir kennen uns ein bißchen. Nach dem offiziellen Teil sagt sie, es wäre bestimmt in dieser Situation gut gewesen, dass das Kind zu Hause bleiben konnte.

Ein Betriebspraktikum steht an, in vier Wochen. Bereits vor drei Wochen wurden zwei Bewerbungen geschrieben, mit viel Herzblut und einigem Zeitaufwand. Eine Reaktion erfolgte bisher nicht, was den Gemütszustand des Märzkindes erklärt. Vorgestern dann der „wottsefack- Moment“. Sie entwickelt Plan C,D,E,F und G, schreibt mir die Telefonnummern raus und ich rufe vormittags dort an. Plan D wird zu Plan A, alle freuen sich. Gestern dann meldet sich der ursprüngliche Plan A. Ein unerwartetes Luxusproblem und Beratungsbedarf.

Boysday steht an, Jungs sollen für einen Tag einen eher Frauentypischen Beruf näher kennen lernen. Der Girlsday ist mittlerweile etabliert und es gibt eine Internetseite mit schönen Angeboten, auch hier, mitten im IrgendwoaufdemLand. Für Jungs gibt’s da genau ein Angebot und das kommt nicht Infrage. Wir beraten uns und ich telefoniere. Plan A geht nicht, Plan B geht nicht, bei Plan C sind schon drei Mädels, Plan D freut sich.

Datum für Konfirmation im Frühjahr 2021 wird inoffiziell vorläufig festgelegt. Eine Mutterkollegin möchte über die Kirchendeko mit mir sprechen. Es dauert eine halbe Stunde, bis ich ihr zu verstehen geben kann, dass das gerade nicht oberste Priorität für mich hat.

Ein hundertster Geburtstag steht an. Es wurde um Geschenke in Form von Zeit und Tatkraft gebeten. Die Familie ist groß, wenn jeder was mitbringt kommen sowohl Mittags- als auch Kuchenbuffet zusammen. Mir fällt der Bereich Ambiente zu. Es muss eine Dekoration gefunden werden, die sowohl Schwiegermutter als auch dem Geburtstagskind gefällt. Es dauert drei Stunden einen groben Plan zu machen. Weiterer Termin zum „in den Schränken gucken was so da ist“ folgt.

Vormittags muss der Hund eine Stunde raus, sonst beschäftigt er sich selber. Vier Maschinen Wäsche werden hier jede Woche gewaschen, mindestens. Bad und Küche müssen einmal die Woche hauswirtschaftlich gewartet werden. Zweimal pro Woche werden Lebensmittel eingekauft, jeweils eine etwas überdurchschnittliche Menge, wenn ich mir die anderen Einkaufswagen anschaue. Pro Tag muss eine warme Mahlzeit für etwa fünf Leute zubereitet werden. Jede Woche eine Elterntaxifahrt zur Krankengymnastik, dreimal zu Trainings, öfter zu Freunden in Nachbarorten, jeweils hin und zurück, natürlich. Manchmal ist Hilfe bei den Hausaufgaben nötig, oder Material muss gesucht werden. Kleine Tätigkeiten müssen delegiert und diskutiert werden, immer und immer wieder. Die Aufgaben teilen wir uns, wenn der Liebste da ist. Wenn er arbeitet geht das eben nicht.

Die ganze Woche tut mir die Hand weh. Ich verabschiede von dem Gedanken, dass es von selber besser wird.

Der Hausarzt meint, es sei nichts kaputt, schickt mich aber weiter zur Chirurgie, weil, wenn das schon so lange so ist… „Müssen Sie arbeiten?“ „Nein“, höre ich mich antworten. Nicht im Sinne von Krankmeldung, jedenfalls.

Diese Woche war ich Köchin, Erzieherin, Berufsberaterin, Einkäuferin, Disponentin, Gastgeberin, Gebäudereinigerin, Wäschereikraft, Dekorateurin, Tiersitterin, Chauffeurin, Facilitymanagerin, Alltagsbegleiterin. Ehrenamtlich, quasi.

Ist übrigens echt nichts kaputt, sagt die Chirurgie, aber offensichtlich reicht’s für mimimimi.

Februar 2020, Halbzeit

Die Skifreizeit des Märzkindes habe ich genossen. Wir sind uns vorher ziemlich auf die Nerven gegangen. Nicht mit Absicht natürlich, im Moment ist es halt einfach manchmal so. Eine Woche Pause hat uns beiden gut getan. Sie fand es ganz toll und ist innerlich gewachsen in den paar Tagen. Jetzt geht’s wieder, das ist schön.

Kein Winter in Sicht, dadurch auch keine Skigäste in der Ferienwohnung.

Das war gut, denn ich hab mir gleich Anfang des Monats den Finger irgendwie angeknackst. Ein Kind ist von der Sofalehne in einem ungünstigen Winkel an mir vorbeigekullert. Durch den Schmerz in der Hand hat sich mein ansonsten routinierter Bewegungsablauf beim Betten beziehen anscheind verändert. Jedenfalls habe ich mir auch noch den Fuss am Bettpfosten gestoßen. Aber so richtig, arbeiten war nur im Energiesparmodus mit Unterstützung von Diclofenac möglich. Dann folgten drei Tage Schnupfen. Als ich kurz davor war einen Testamentvordruck auszufüllen, ist alles gleichzeitig besser geworden.

Ich hatte einen Berg liegen gebliebener Hausarbeit abzutragen. Dabei habe die Schneemänner mit auf den Dachboden genommen. Für Frühling schien es mir zu früh, so ist eine sparsame Übergangsdeko entstanden. Wegen Sturmwarnung, Blackoutgefahr und angeschlagenem Fuss hab ich die Streichhölzer gleich dazugelegt.

Die Zeugnisse waren besser als erwartet, darüber haben wir uns gefreut.

Der Liebste hatte ein Wochenende voll ehrenamtlicher „Arbeit“ bei einer Karnevals- und einer Superbowl Veranstaltung. Ich habe ein schönes Buch gelesen und einen schönen Film gesehen.

Das Märzkind war zum ersten Mal abends weg.

Möglicherweise haben wir am Natomanöver teilgenommen. Bei einem vormittäglichen Hundespaziergang im Nachbarort kreisten zwei Bundeswehrhubschrauber ziemlich tief über uns. Längere Zeit. Auf dem Heimweg flogen sie dann noch tiefer und auf unser Auto zu, mit geöffneter Seitentür. Ich weiß jetzt, warum die Viehherden auf Filmaufnahmen von oben immer weglaufen aber der Liebste fand’s toll. „Nutzen die mein Auto für Peilübungen? Wie geil ist das denn?“

Das Maikind kommt erkennbar müder nach Hause. Chaoslevel und Lautstärke in der Klasse haben sich erhöht.

Der Betreiber der Schulkantine hat gewechselt. Das Mittagessen ist deutlich leckerer, wurde mir berichtet. Außerdem wurde das Sortiment erweitert, es sieht aus, wie in einem Süßigkeitenladen. Pizza gibt’s jetzt in jeder großen Pause. Eistee kostet zwei Euro, das erscheint einem viel, aber, hej, ne kleine Flasche Wasser kostet ja auch eins fünfzig, das waren vorher achtzig Cent, und so gesehen. Finde den Fehler. Fun fact am Rande: In der Grundschule wird derzeit eine AG „gesunde Ernährung “ angeboten.

Der Hund war drei Tage durch den Wind, im wahrsten Sinne des Wortes. Orkantief Sabine hat uns beschäftigt. Es gab einen Tag schulfrei. Wir haben die Meerschweinchen evakuiert und den Garten aufgeräumt. Das Gewächshaus steht aber noch, und auch sonst ist nichts kaputt gegangen. Im Gedächtnis wird wohl nur ein Hundespaziergang der Kategorie „echt richtig windig“ bleiben. Der war witzig.

Ansonsten habe ich über meine politische Meinung nachgedacht. Als asthmatische Dieselfahrerin, verheiratet mit einem Imker der IGBCE Mitglied ist, bin ich moralisch flexibel und fühlte mich in der politischen Mitte wohl. Mit Blick auf Thüringen habe ich festgestellt, wenn das die Mitte ist, dann bin ich wohl doch linker als ich dachte.

Kleinvieh macht auch Mist

Im letzten Jahr am Sylvesterabend hatte ich in aller Stille und nur für mich selbst beschlossen: Im nächsten Jahr hätte ich gern ein weihnachtliches Gefühl, das ich nicht mit „am Ende meiner Kräfte“ beschreiben muss. Ich beschloss, von jetzt an in meinem eigenen Team zu spielen, und mir einen Feierabend zu gönnen. Machen andere doch auch.

Wenn man seit fast vierzehn Jahren 24/7 Bereitschaft hat ist es ein revolutionärer Gedanke. „Das glaubst du doch selber nicht“ kommentierte die Stimme in meinem Hinterkopf. Doch. Ich war bereit, der inneren Zickenelse das Kommando zu übergeben. Die Frage „kannste mal gerade?“ wird ab jetzt gefiltert:

Entsteht jemandem gesundheitlicher Schaden, wenn ich es nicht mache?

Entsteht uns ein finanzieller / materieller Schaden, wenn ich es nicht mache?

Würde es den gesellschaftlichen Tod (unter Berücksichtigung der allgemein pubertären Situation) bedeuten, es nicht zu tun?

Habe ich Lust und Zeit ?

Wenn man innerlich schon vier mal NEIN gesagt hat, fällt es deutlich leichter, es das fünfte mal laut zu sagen, habe ich im Jahresverlauf festgestellt. Viele Sachen waren so unwichtig, dass ich sie selbst schon vergessen hatte. Zum Glück habe ich mir hin und wieder eine Notiz gemacht. Wenn ich jetzt den nicht entstandenen Zeitaufwand ehrlich und realistisch zusammenrechne, komme ich auf weit mehr als 20 Stunden.

Die freie Zeit habe ich genutzt, um liegen gebliebenes zu erledigen. Säcke-und Kistenweise habe ich Zeug rausgetragen. Dabei sind Freiräume entstanden, sowohl im Kopf als auch im Haus.

Zur Inspiration:

Winter/Frühling

Ich war nicht als „plus eins“ beim Neujahrsempfang des Sportvereins.

Ich habe nicht teilgenommen an einem Gesprächsabend zum Thema „Kirchendekoration zum Konfirmationsgottesdienst“

Viermal habe ich keinen Gesprächsbedarf angemeldet beim Elternsprechtag. Damit habe ich tatsächlich drei Termine gespart, inklusive Hin- und Rückfahrt und warten auf dem Flur, weil der vorgesehene 15 Minutentakt nicht realistisch ist.

Ich habe einen länger geplanten Ausflugstermin nicht umgeplant, obwohl spontan noch eine Einladung zu einer Geburtstagsfeier kam.

Ein Taufgottesdienst und ein Frühstück zum runden Geburtstag finden genau am gleichen Tag, zu genau der gleichen Uhrzeit statt. Wir entscheiden uns für eine Feier, statt für zwei halbe.

Keinen Kuchen für die Feier eines besonderen Geburtstages angeboten. Trotzdem eine Platte Kuchen mit nach Hause bekommen – es war zuviel da.

Eine kleine Gästin wird ohne jeden Kommentar anderthalb Stunden später abgeholt als vereinbart. Das ist seltsam, aber die Mutterkollegin erzieht allein. Für mich war es eigentlich nur ein organisatorisches Komfortzonenproblem. In der Woche drauf genau das gleiche. In der dritten Woche sage ich einfach mal „nein, heute nicht“.

Am Tag vor der Konfirmation habe ich nicht die Auffahrt gefegt. Hauptsächlich weil es den ganzen Tag stark geregnet hat. Das es mir tatsächlich nichts ausmacht, dass alle Kartenbringer Laubreste gesehen haben, ist mir erst nachher aufgefallen.

Eine Kuchenspende für die gute Sache verweigert, hat niemand gemerkt.

Statt dessen habe ich 16 mal „ja“ gesagt, als mir Spenden fürs Konfirmationskuchenbüffet angeboten wurden. Nichts selber zu machen war eine sehr gute Entscheidung, das Nervenkostüm…

Sommer

An zwei Trauerfeiern nicht teilgenommen. Als die Glocke geläutet hat, habe ich die Hausaufgaben-Betreuung unterbrochen und einen Moment andächtig auf der Treppe gesessen. Später habe ich erfahren, dass die Gäste bei beiden Feiern bis vor die Tür standen. Mein Fehlen hat vermutlich niemand bemerkt.

Wegen Hitzewelle habe ich mir an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen erlaubt, nur das nötigste zu machen. Klingt banal, ist aber nicht so einfach, wenn man an seinem Arbeitsplatz auch wohnt und sieht wie sich Stapel bilden.

Keinen Sommer-Familienurlaub gebucht. Das Preis/Leistungsverhältnis im Juli passt nicht mehr. Weg von zu Hause waren wir trotzdem zwei Wochen jeden Tag, wir wohnen ja in einer Feriengegend. Wieviel Stress das packen und räumen eigentlich macht, war mir vorher nicht bewusst.

Winter und Weihnachtszeit

Die Kinder hatten Hitzefrei an dem Tag, als es die ersten Lebkuchen zu kaufen gab. Ich weiß noch, wie ich, ziemlich verschwitzt, vor der frisch aufgebauten Weihnachtsinsel im Rewe stand, und die Entscheidung traf: NEIN! Ich bin raus! Advent ist bei uns jetzt im Advent. Punkt.

Die Adventsverweigerung war herrlich. Konsequent bin ich an jeder weihnachtlichen Dekoinsel und allen Lebkuchenregalen vorbeigelaufen. Dabei habe ich überraschend viel Geld gespart und hatte die Erkenntnis, das niemand etwas vermisst.

Als es wirklich anfing Weihnachten zu werden, habe ich einfach die vorhandene Dekoration hingestellt und mit einer Tradition gebrochen. Sehr zum Entsetzen aller anderen werden in meiner Familie keine Plätzchen gebacken. Seit Generationen nicht. Nun will aber im Dezember auch keiner mehr die ollen gekauften essen, die ja schon seit September rumstehen. Ich habe also gebacken. Viele, viele Plätzchen. Und habe viele, viele Komplimente bekommen dafür, so viele, das ich tatsächlich drüber nachdenke, das dieses Jahr wieder zu machen.

Zwischen Totensonntag und Sylvester habe ich keinen einzigen Gottesdienst besucht, kein Adventssingen, keinen lebendigen Adventskalender, keine Lesung im Stall, kein Rudelsingen, und danke nein, kein Friedenslicht, nix. Grüße an die anderen Grinche, die mir in dieser Zeit begegnet sind.

Dem Märzkind habe ich zwei Tage vor Weihnachten erklärt, wie man Zimtsterne backt. Sie hat tapfer durchgezogen. Als das Maikind sich beim Festtagskaffee den dritten nahm, bekam er den geschwisterlich freundlichen Hinweis: „genieß die gefälligst, das ist scheißviel Arbeit „.

Das hat mich stolz gemacht.

Zum ersten Mal seit langem hatte ich im Januar nicht das Gefühl, einen Winterschlaf halten zu müssen.