Goldrandgeschirr und Blaualgen

Irgendwann fügt sich alles, und all die kleinen und größeren Baustellen, Ärgernisse und Anspannungen werden besser, meist zeitgleich, aber erst nachdem sie ausreichend eskaliert sind, auch zeitgleich natürlich. Jetzt scheint es soweit zu sein. Wir bemerken es und genießen den Moment.

„Es ging doch eigentlich“, sagt der Liebste, als wir abends zusammen auf der Treppe vorm Haus sitzen. Ich gucke fragend. „also, so alles in allem, war der Sommer doch garnicht schlecht“ sagt er. Da hat er recht, also „wenn man mal von der Kündigung, dem Hitzedom, dem kaputten Fuss und der überraschend hohen Steuerrückzahlung absieht“, „najaguuut, irgendwas ist ja immer“, sagt er.

Ein paar Sommerschnipsel:

Ungefähr da, wo wir hingewollt hätten, brennt es. Zum Glück war noch nichts gebucht. Spontan machen wir stattdessen einen Städtetrip. Wir besuchen das Kunstmuseum. Ein Raum im Museum ist ganz mit dickem Papier ausgekleidet, man darf an die Wände malen. Das möchte Julikind natürlich. Der Liebste und ich setzen uns auf die Wartebank und staunen ein bisschen, wieviel Zeit schon vergangen ist. Hier heute im Museum, weil es doch mehr Spaß macht als gedacht, und so ganz allgemein, weil das Kind da so mal gerade ein Kunstwerk an die Wand pinselt, das aussieht, als würde es zur Ausstellung gehören, holladieWaldfee.

Eigentlich mag ich keine drei Stunden Kinofilme, andererseits, was soll man sonst tun, bei 36°C im Schatten? Ein entspannter Nachmittag. Und ein guter Film eigentlich, sagt Julikind, es wäre nur hier und da vielleicht hilfreich gewesen irgendwas einzublenden, damit man weiß, worum es eigentlich geht, denn offensichtlich gab es ja irgendeine Vorgeschichte. Ähm ja. Der Liebste und ich schauen uns verwundert an. Man kann also heutzutage einen Realschulabschluss und noch nie von Odysseus gehört haben. Interessant.

Es hätte noch eine richtig schöne Fussgängerzone gegeben, stellen wir auf dem Rückweg fest, aber, nicht für uns, bei der Hitze. Das Hotel hat eine parkähnliche Gartenanlage, wo man abends noch lange draußen sitzen kann. Das ist gut. Dort picknicken wir spät am Abend, spielen Boule und würfeln. Im Stadtteil Mini-edeka konnte man Wein direkt in Gläsern kaufen. Hab ich so auch noch nie gesehen.

Auf dem Heimweg besuchen wir eine Tropfsteinhöhle. Es ist Pullover-kühl unter Tage und es gibt herrlich klare Luft, ein schönes Ferienerlebnis, man würde gern länger bleiben. Auf dem Weg zum Parkplatz verblasst die Erinnerung und beim Öffnen der Autotüren fangen alle wieder an zu schwitzen.

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Wir haben den Vollmond durch ein Telekop bewundert. Der Mond, die Technik, alles beeindruckend.

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Geschirr und Besteck für 50 Leute zu organisieren braucht nur zwei whatsapps. Fünf Minuten später hab ich alles zusammen. 20 Goldrandteller sind noch bei der Omma auf dem Dachboden, extra für solche Fälle, de Mutta hat ihre im Kellerregal stehen und die dürfen selbstverständlich genutzt werden, Schwiegermutter ist sich sicher, muss aber kurz nachsehen und meldet nach einer halben Stunde, 35x Messer und Gabel zur Abholung bereit.

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Der Liebste hat Geburtstag gefeiert, endlich mal. Beim 40sten war Corona, dann jedes Jahr irgendwas anderes. Die Kernfamilie hat gekocht und gebacken, Material getragen und die Grillhütte gefegt. Es gab einen kurzen Moment der Aufregung, als das Gerücht ging, man dürfe nicht mehr Grillen wegen Waldbrandgefahr, aber nach einem Anruf auf der Stadt ist wieder alles gut. Man muss nur wirklich ernsthaft aufpassen, aber das hätten wir ja sowieso gemacht, schon allein weil wir nebenan wohnen.

Lieblingsmenschen haben sich Zeit genommen. Ein Hauch Neunzigerjahre lag in der Luft. Es war wirklich ein Fest.

Beim Frühstück am nächsten Morgen erzählen sich die verblieben Gäste nochmal gegenseitig davon und treffen Verabredungen für das nächste Jahr. Es wird Hochzeiten geben, mehrere.

Aufräumen geht viel schneller als aufbauen und ist dank der vielen helfenden Hände schnell erledigt.

Nachmittags machen wir einen Ausflug zum Edersee, also, zu den Stellen, wo normalerweise See wäre. Wir blicken auf Wege, die zur Aselbrücke führen, blühende Gräser, Mountainbiker, Hundespaziergänger und Wanderer. „Übberlech mal du, wenn die jetz de Sperrmauer aufmachen…“ sagt ein Tourist neben uns zu seiner Frau, die gerade von der Fähranlegerrampe Richtung Abhang kraxelt, wir lachen so unauffällig wie möglich, aber herzlich. Bis hier wieder Wasser ankommt, müsste es wochenlang regnen. An der Sperrmauer gibts noch welches, aber beeindruckend wenig und grün. Schön für insta, offenensichtlich. Als Ü40 Reisegruppe beobachten wir amüsiert die jungen Contentcreator-Paare: er fotografiert sie, in immergleichen aufeinanderfolgenden Posen und mit passenden Gesichtsausdrücken, wenn genug Fotos gemacht sind, wird sofort routiniert zusammengepackt, ohne den Fotohintergrund eines Blickes zu würdigen.

Überraschend gute Pommes gegessen und gekühlte Getränke bekommen, das ist an dem Ort eher ungewöhlich, vor allem in der Kombination.

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Nach der Party kommen wir zu der Erkenntnis, es gibt einige alkoholische Getränke in diesem Haushalt, die niemals mehr jemand trinken wird. Aus den hintersten Ecken der Speisekammer und Kellerregalen tragen wir die alten Schätzchen zusammen und entsorgen sie über die Küchenspüle. Da kommt einiges zusammen, wir gehen zu zweit zum Altglascontainer. Normalerweise ist um diese Zeit nix los im Ort, aber natürlich nutzt genau heute ein Nachbar die Mittagshitze zum Straße fegen, und erkundigt sich interessiert, ob das denn die Partyreste seien. Jo, könnte man so sagen.

De Mutta trägt nur noch die schönsten Goldrandteller in den Keller zurück, alle anderen wurden entsorgt, erzählt sie später. Ommas mega-Haushalt hat Spuren hinterlassen.

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Zur Abendessenszeit soll es eine Sonnenfinternis geben. Irgendwann stehen auffallend viele Nachbarn draußen, und das Licht verändert sich. Eine sehr angenehme Abendstimmung. Dann wird es wieder heller, die Nachbarn verschwinden. Wir gucken uns die Bilder später einfach im Fernseh an – und sind ehrlich erstaunt was da alles rund um Sonnenfinsternis geboten und konsumiert wurde. Noch nicht mal das kosmisch interessierte Maikind hatte eine Brille gekauft.

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Ich fange an, im Garten alles rauszurupfen was wirklich hinüber ist. Daran würde auch Regen nichts mehr ändern. Außerdem kann alles weg, was kaputt ist. Nagut, sagt der Liebste. Er holt einen Akkuschrauber, eine kleine Säge, dann eine größere, dann die Kettensäge… ich trage Schnittgut beiseite. Am Ende des Tages ist immernoch alles staubtrocken, aber es sieht nicht mehr so trostlos aus.

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ich: naaa, haste bisschen zu lange in der Sonne geparkt?

er: hä? wieso?

ich: deute auf die Parkuhr hinter der Windschutzscheibe

er: macht ein Brummgeräusch

ich: also, ich hab ja so eine ganz billige, aus Pappe

er: guckt böse, flucht auf das Wetter

ich: da wirste wohl auch n neuen Eiskratzer brauchen, diesen Winter

er: ja, samma, is denn gut jetzt

ich finds lustig und würde die auch weiterhin benutzen, als Sommeredition, er trauert um bestes Autoinventar

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Ich hatte gesagt, ich besorge Karten, fürs Weihnachtssingen im Stadion, für Märzkind, anstatt Adventskalender und Nikolausgedöns. Der Vorverkauf startet und sie erkundigt sich, ob ich denn schon? Ich plane demnächst, sage ich. Ohhh, lieber jetzt, sagt sie. Ich lächle und nicke und bin dann doch froh, nicht gewartet zu haben. Die letzten zwei zusammenliegenden Plätze in den unteren Rängen werden ihre. Anfang August, alle bekloppt.

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