Meilensteine und Premieren unterm Hitzedom

Vier Leute sitzen um den Esstisch und spielen Siedler von Catan. Wäre es Advent würde man von hygge und Gemütlichkeit sprechen. Es ist aber Juni und wir sitzen drin, weil es draußen zu heiß ist. Wirklich. Sogar für die drei von uns, die Sommer gern mögen und das ist neu. Wir erzählen uns gegenseitig was wir heute alles nicht machen, wegen Wetter und konzentrieren uns dann aufs Spiel.

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In der Kirche ist es angenehm kühl. Auffallend viele Leute tragen weiße Hemden, bei dieser Trauerfeier, einige Fächern sich Luft zu, so richtig mit Fächern, nicht provisorisch mit Notenblättern oder so. Wir folgen dem Trauerzug bis ans Grab, wer kann steht andächtig am Zaun. Alle anderen teilen sich die schattige Ecke an der Kirchenmauer. Die Urne verschwindet im Grab, Gebet, ein Moment noch, dann erste Blickwechsel. Es geht allen gleich. Wir eilen in aller Stille auseinander. Auf der anderen Seite der Kirche steht noch eine Frau unter einem Baum, sie entschuldigt sich, die Sonne, sie könne wirklich nicht da hinten, am Grab. Wir haben vollstes Verständnis. „Also, wer das mit dem Klima jetzt noch nicht verstanden hat, der hat doch den Knall nicht gehört“, sagt eine Ü-70 jährige im Vorbeilaufen. Es tue ihr leid, sie würde sich gern unterhalten, aber sie müsse dringend nach drinnen, sagt sie und gestikuliert dabei erklärend Richtung Universum. Wir nicken. Vielleicht ist 14 Uhr keine gute Zeit mehr für sowas.

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Och guck, so im direkten Vergleich kann man tatsächlich Unterschiede wahrnehmen. Innerhalb von nur 6 Stunden hab ich einen Mückenstich, einen Zeckenbiss und einen Bremsenstich abbekommen, alle in die Kniekehle, und ich kann sagen, was wo ist, ohne hinzugucken. Nnnaaargh. Trotzdem bin ich mit dieser Sammlung noch nicht König. Jemand braucht einen Arzttermin, wegen eskaliertem Mückenstich. Hatten wir so auch alles noch nicht.

Teile der Hausapotheke dürfen nicht über 25°C gelagert werden, sollen aber auch nicht in den Kühlschrank. Äääähm, tja. Es kommt auf die Liste, mit Sachen, über die wir nachdenken wollen, wenn es wieder kühler ist.

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Das Aquarium hat Luft nach oben. Ich schütte kaltes Wasser nach und wünsche den Fischen von Herzen alles Gute.

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Es sind nur noch zwei Kühe auf der Weide, beide auf dem Weg Richtung Stall. Sie gehen langsam. Uns gehts genauso, Mädels, denke ich. Wir waren früh unterwegs, der Hund und ich. Nicht früh genug, aber wo soll man anfangen, wenn es nachts kaum kühler wird? Morgens um sieben wird es allmählich zu warm für alles. Der Unwetterwarnungs-Ping von NINA kommt um kurz nach zehn.

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Ich nutze eine Wartezeit zum volltanken, der Rabatt endet nächste Woche. Danach gucke ich mir den neuen Lebensmittelladen mal an. Dort läuft arabische Musik, das passt. Ich kaufe eine Gewürzmischung.

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Johannesbeeren und Kräuter geerntet. Immerhin. Das Gewächshaus produziert eventuell direkt luftgetrocknetes Gemüse, diese Saison.

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Märzkind ist in Sorge um eine Nachbarin. Die Betreuung ist unter normalen Umständen schon nicht ganz leicht, und bei den Temperaturen wird es gefährlich. Sie habe Hilfe angefordert, damit vielleicht Grenzen überschritten, aber ach. Ich finde, sie hat das gut gemacht, sehr professionell.

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Der Arbeitgeber des Liebsten veranstaltet einen Familientag, alle haben sich darauf gefreut und den Termin freigehalten. Man zeigt uns Maschinen die Material verarbeiten, dass einem sonst nirgendwo im Leben begegnet. Als würde man mitten durch einen Beitrag für die Sendung mit der Maus laufen. Am Ende kommt ein Papier raus, dass dann woanders weiterverarbeitet wird, in Handarbeit, bis es schließlich zu einem Filter wird, den man so wahrscheinlich nie sehen wird, sagt der Mitarbeiter, und zeigt ein Endprodukt. Das neben mir stehende Maikind nickt nur. Die Dinger hat er im gesamten Betrieb wechseln müssen, damals, zu Beginn seiner Ausbildung, sagt er.

Es gibt Burger und Pommes, mehrere Sorten Grillfleisch und Gemüse und Salate, ein Traum für Teenager, man könnte mal so richtig… aber es geht halt nicht. Man schwitzt im Sitzen, im Schatten und bedauert die, die da am Grill stehen müssen. Nach dem Essen drehen wir uns einmal unter der Sprinkleranlage neben dem Sandberg mit Baggern und Schaufeln. Die kleinen Menschen wundern sich. Es wird trotzdem zu warm, wir verabschieden uns.

Auf dem Heimweg sehen wir zwei Unfälle. Der erste so heftig, dass schon weitem klar ist, dass das eine Weile dauern wird. Wir wenden und fahren einen Umweg. Der zweite so glimpflich, dass man sich fragt wie das überhaupt passieren konnte, die können doch kaum mehr als 10 km/h schnell gewesen sein. Verkehrstechnisch gesehen sollte man 35°C im Schatten so behandeln wie einen halben Meter Schnee, sind wir uns einig, „und wenn man das Gefühl hat, man packts nit, einfach zu Hause bleiben“, sagt Märzkind. Alle nicken.

Zu Hause Siesta.

Der Liebste kommt am frühen Abend nach Hause. Suchend guckt er in den Kühlschrank, er würde gern noch ein Stück von dieser Wassermelone, wo ist denn die? Ich schüttle mit dem Kopf. 15 Kilo waren das, einfach weg.

Wir haben das absolut kühlste Schlafzimmer im ganzen Haus. Leider hab ich heute morgen vergessen, das Fenster zu schließen. Es tut mir aufrichtg leid, ist aber nicht mehr zu ändern. Ich wache auf, mit dem Gefühl, dass irgendwas nicht stimmt, aber was? Es ist zu warm. Viel zu warm. Das geht so nicht. Ich nehme mir eine Flasche Wasser mit auf die Terasse. Draußen ist es nicht wirklich kühler, aber mit ein bisschen Wind doch angenehmer. Ich schaue der Fledermaus beim Jagen zu und denke über Terassenentsiegelung und Hängematten nach. Die Tür hab ich im Halbschlaf hinter mir zugezogen und natürlich keinen Schlüssel. Naargh. Ist aber kein Problem, Samstag morgen viertel nach zwei ist für manche noch Freitag abend, und mein Handy hab ich dabei. Julikind wundert sich, dass ich noch wach bin, aber klar, sie wird mir die Tür aufmachen. Wir unterhalten uns nett. Märzkind kommt um halb drei nach Hause und wundert sich, was denn hier bitte los sei. Im Nachbarort auf dem Sportplatz sei es gefühlte 10°C kälter gewesen, eben gerade. Fast hatte man das Gefühl einen Pulli zu brauchen. Hier nicht.

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Sonntag purzeln die Hitzerekorde von Samstag. Sind wir dann jetzt soweit, dass es egal ist?, frage ich in die Runde, denn ich hatte damals, vor dieser Wetterlage eingekauft für Ofenkartoffeln. Dazu müsste ich den Backofen anmachen. Wir sind soweit, sagt die Familie. Aber, wenn das morgen noch so sein sollte, wäre er persönlich an einem Punkt, an dem er nichts warmes mehr essen wollen würde, erklärt Maikind beim Essen. Zustimmendes Gemurmel rund um den Tisch.

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Montag morgen um fünf regnet es. Das Thermometer zeigt 18°C, einfach so. Wir reißen alle Fenster auf.

Man kann tagsüber Dinge erledigen, Sachen aufräumen, zu Ende denken. Abends wird gegrillt, bei ganz normalem Sommerwetter, zur Feier des Tages. Märzkind guckt leicht irritiert, als sie in den Garten kommt. Da lag schimmeliges Brot im Kasten, sagt sie. „Brot kann schimmeln?“ fragt Maikind. Ist bisher nie vorgekommen, wie so manches letzte Woche.

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