Ende Juni

Das Familienunternehmen mit Tradition, ist dann wohl offiziell insolvent, jemand schickt mir einen link zum Insolvenzregister und wirkt überrascht. Ich leite die Nachricht an den Liebsten weiter, „tja“, sagt er nur. Die Teams Traditon und Familie haben schon vor Jahren Abschied genommen. Aus Gründen.

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Die Mülltonnen, die laut Plan heute hätten geleert werden sollen stehen immer noch genauso da wie heute morgen. Ich ziehe sie hundert Meter weiter, denn hier kommt morgen niemand durch. Die Tonne, die für den nächsten Tag auf dem Plan steht hole ich dazu.

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Endlich Sommer. Statt im Auto zu warten nehme ich mein Buch und setze ich mich auf die Brücke am rauschenden Bach, umgeben von grünen Wäldern. Auf der anderen Uferseite wird Heu gewendet, der Wind trägt den Geruch bis hierher, als wäre eine Postkarte lebendig geworden. Die beste Mutti-Taxi-Wartezeit des Jahres.

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Seine Mitfahrgelegenheit sollte eigentlich jetzt hier sein, aber, der, der im Städtchen zusteigt steht noch, sagt Maikind und wird ein bisschen blass. Klassenarbeit in der ersten Stunde – ob ich ihn vielleicht fahren würde? Ja sicher. Der Bus ins Nachbarstädtchen mit Berufsschule ist seit 28 Minuten weg (Stadtkindern muss man vielleicht erklären: der Bus bedeutet, da fährt heute sonst nichts mehr) Wir bringen Julikind noch zur Bushaltestelle auf dem Berg, und dann aber… och guck, das Auto vor uns an der Bahnschranke kennen wir, es hat mit 99,5%iger Wahrscheilichkeit genau den gleichen Weg und hätte Maikind bestimmt mitgenommen. Warum haben wir uns denn vorher nicht gesehen? Muttitaxi-rush-hour an der Bushaltestelle… mein Hirn spielt spontan 90er Jahre Musik: isn`t it ironic?

Wenn ich jetzt eh im Nachbarstädtchen bin, kann ich auch gerade noch ein paar Lebensmittel einkaufen. OK, ich hatte gedacht, die stellen die Straßensperre 10 Meter weiter hinten auf. Gut, dass ich unterwegs war, denn unsere Einfahrt ist jetzt dicht. Ich parke hinter dem Haus und trage alle Einkäufe durch den Garten.

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Lieferengpass, jeder bekommt nur eine Packung. Kein Problem, reicht mir, aber ääähhh? Der Liebste war für mich in der Apotheke und hat etwas abgeholt, das fast so heißt wie das, was ich brauche. Nachfrage in der Hausarztpraxis. Das Rezept war korrekt, wenn die Apotheke es so rausgibt, hat es den gleichen Wirkstoff in gleicher Dosierung, sagt die Dame am Telefon. Na gut.

Fun fact: Dieses Importprodukt hat einen fett gedruckten Warnhinweis auf dem Karton. The action of *Medikament hier in der Schachtel* may last for up to 6 hours, weitere Dosierungshinweise und Handlungsanweisungen für den Fall, dass es nicht besser wird plus Infos zur richtigen Lagerung. Man geht also davon aus, dass es zu medinzinischen Zwecken genutzt wird, von Leuten, die nachts gern schlafen möchten. Das ist nett. Auf der deutschen Packung steht nur der Wirkstoff.

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Der Linienbus ist wohl schon weg, als wir drei Minuten vor der laut App planmäßigen Abfahrtszeit an der Bushaltestelle ankommen. Da steht kein Mensch. Wer jetzt hier lang fährt will mit ziemlicher Sicherheit Richtung Städtchen, spontan ergibt sich eine Mitfahrgelegenheit. Das Kind, bei dem ich mir sicher war, dass es zur Bushaltestelle gefahren werden muss, verlässt, leicht gehetzt aber pünktlich das Haus und erwischt den Schulbus. AS-Taxi-Verspätung bis zu 15 Minuten ist normal, solange muss man warten, dann kann man anrufen, was Märzkind gerade tut. Aha, ja, hatte sie sich gedacht. Wir waren um 7.59 Uhr hier, es war knapp, deshalb wissen wir es genau. Anscheind hat man uns nicht kommen sehen, auf der langen Geraden. Oder… ist vielleicht schon um 7.58 Uhr losgefahren? Egal, der Anschluss ist weg.

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Der Hund hat sich geschnitten, so richtig. Jeder Schritt hinterlässt eine kleine Blutlache auf den weißen Fliesen. Wieso hab ich das denn nicht vorher schon gesehen? Er läuft ganz normal, aber der Flur sieht aus wie ein Tatort. Nicht so schlimm, wie es aussah, zum Glück, aber – einen Hund ruhig zu halten, der lieber raus möchte ist anstrengend.

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Der einzige Facharzt, bei dem überhaupt noch jemand das Telefon abnimmt, kann einen Termin im September anbieten, nachdem man glaubhaft versichert hat, dass man im Einzugsgebiet seiner Zuständigkeit wohnt, verweist aber darauf, dass das eigentlich zu spät sei, denn Zeit sei hier wichtig. Mit Dringlichkeitscode auf der Überweisung könnte man über das medizinische Versorgunszentrum eventuell einen früheren Termin beim anderen Facharzt bekommen. Wir wussten nicht, dass es Dringlichkeitscodes existieren. Anruf in der Hausarztpraxis. Überhaupt kein Problem, der muss allerdings persönlich abgeholt werden. Ab ins Städtchen. Die abholberechtigte Person bringt einen 2×3 cm großen Papierschnipsel, der aussieht wie aus einem Kita-Papierkorb entnommen, darauf steht schlicht Vermittlungscode und eine 12 stellige Zahlenkombi. Man fragt sich Verschiedenes. Anruf im MVZ. Leider sind im 50 Kilometer-Radius innerhalb der nächsten 6 Wochen überhaupt keine Facharzttermine zu bekommen. ACH! WAS! genau das war doch das Ausgangs-Problem. Von sowas steht nie was in der Landlust.

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Eine Person verlässt das Nachbarhaus. Ich erkundige mich, ob da alles soweit… oder sollte lieber heute Nachmittag nochmal jemand gucken? Alles gut, da drin, erfahre ich und noch einiges mehr.

Dorftratsch: Ein Esel ist gestorben und zwei Hunde beinahe, zum Glück ist jemand drauf gekommen, dass es eine Vergiftung sein könnte, gerade noch rechtzeitig. Als kurz danach ein Pferd krank wurde haben sie das Futter durchgesiebt. Gefunden wurden Glassplitter, Heftzwecke und Teile einer Pflanze die für Pferde giftig ist. Die wächst hier nicht. Es gibt einen Verdacht. Man möchte das garnicht weiter denken.

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De Omma würde ihren Geburtstag gern so feiern wie immer. Das wird nicht möglich sein. Gut. Dann Frühstück. So wie die letzten beiden Jahre. Da hatte sie am Wochenende. Dieses Jahr nicht. Wer arbeiten muss, oder verstorben ist, wird nicht kommen können und außerdem hat ihr Wunschlokal leider geschlossen. Ach was, das haben wir letztes Jahr auch gesagt, dann hat sie nachgefragt und es ging. Nnnjaaa, richtig. Aber, dies Jahr ist wirklich geschlossen und vielleicht könnte eine Feier in einem Betrieb, der mehr als 2 Beerdigungskaffees und ein Frühstück im Jahr ausrichtet sogar noch schöner werden. War doch prima da, macht sie genau so wieder, sagt de Omma. Cheerio – Miss Sophie!

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Es ist schon Ende Juni und man kann hier noch schwimmen, das ist toll, stellen der Liebste und ich fest. Der Edersee ist voll, die nächste Badestelle liegt somit nur 15 Minuten entfernt. Herrlich ist das. Und tatsächlich das erste Mal in diesem Jahr, das ich im Wasser bin. Zu Hause trage ich die Winterjacken auf den Dachboden.

Anfang Juni, 2024

„Ich weiß eigentlich gar nicht, was ich erwartet hatte, aber, das nicht“, murmele ich, während wir vor der Tür der saubersten Parkhaustoilette aller Zeiten Wache stehen. Nee, sie irgendwie auch nicht, sagt Märzkind. Julikind kommt dazu, bemerkt, dass diese Toilette wirklich angenehm…. sogar mit Seife… und, hier riecht es aber seltsam. Jo, sagen wir und deuten auf den Passanten der da beschwingt um die Ecke biegt. Der erste freilaufende Kiffer, der uns begegnet ist war ein junger Mann in gepflegtem Sportoutfit, mutmaßlich Pysiotherapeut, mit Barbershop Frisur, tätowierter Wade und riesiger Brötchentüte in der Hand, morgens um halb zehn in der Kurstadt.

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Ein Hauch von Sommer. Die Sonne hat Kraft, der Wind aber auch. Man weiß es nicht. 30er Sonnencreme und Strickjacke, Pollenflug des Todes plus Heuernte. Die Allergiker kacken ab.

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Kinderstunde. Leicht flusig gefiederte Meisen, Kleiber, Gimpel, Specht und Spatzen üben den Anflug und bekommen eine Einweisung in Sachen Sonnenblumenkerne am Futterhaus. So süüüß. Junge Füchse trainieren voll konzentriert das Mäuse fangen auf frisch gemähter Wiese, am hellichten Tag, direkt neben der Straße. So süüüß. Das Reh, das irgendwie zur Nachbarschaft gehört hat Zwillinge, erzählt jemand auf der Geburtstagsfeier. Ja sicher, haben wir schon gesehen, sagen alle Gassigeher und Anwohner. So süüüß. Direkt vor uns huscht was kleines felliges über die Straße, ein Baby-Marder, süüüß – und schön, dass der hier im Wald wohnt und nicht in der Nachbarschaft.

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Familientreffen. Das Schloss im Wald ist privat, weiß jeder. Geplant war, auf dem Wanderweg, der am Gebäude vorbeiläuft zu spazieren und auf der Wiese ein Foto von allen, mit Schloss im Hintergrund, zu machen. Aus der Cousinen-Generation ist allerdings jemand mit dem verheiratet, der sich um die Außenanlagen kümmert und sie sagt, eventuell dürfen wir auf den Hof und ein Foto machen, direkt vor dem Haus, in dem die Geschwister-Generation damals gewohnt hat. Es gab allerdings noch keine Bestätigung. Die Cousine geht vor, um nachzufragen, alle anderen warten am Tor.

„Sie winkt“, sagt jemand, der weiter vorne steht.

„In welche Richtung?“, fragt eine Cousine

„Hä?“, fragt die Stimme von vorne

„Na, ist es ein „macht das ihr weg kommt, lauft so schnell ihr könnt“- winken oder sollen wir kommen?“

„Ääh, warte mal…. nee, doch, wir dürfen“

Och guck. Ich hatte keine Ahnung, dass hier noch ein Haus steht, dabei bin ich bestimmt schon hundert mal vorbeigelaufen, an den Gebäuden. Ich dachte, das wäre eine Scheune und sonst nichts. Und ich bin nicht die einzige. Die Geschister-Generation geht nickend über den Hof, da der Stall und da, in dem Türmchen, gegenüber vom kleinen Haus war das Klo. Das Schloss, der Wald, das Flüsschen alles zusammen ergibt scheinbar eine märchenhafte Idylle. So war es aber nicht, man kann es noch sehen, in ihren Augen. 30 Meter über den Hof laufen zu müssen bis zur Toilette erscheint einem schon an einem sonnigen nachmittag unpraktisch, bei Regen oder Schnee, im stockdunkeln…. lieber nicht.

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Das erste Mal zu viert zu einer Wahl gegangen. Man tut was man kann, und lauscht abends kopfschüttelnd den Ergebnissen.

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„Boar, kumma hier, was ich! hier! habe!“, freut sich das Geburtstagskind. Der Liebste und ich tauschen einen high-five Blick mit einem Hauch von Nostalgie. Ist doch schon länger her, dass wir sandkastentaugliche Landmaschinen verschenkt haben.

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Als ich das letzte Mal über 7°C und Regen gejammert habe, hat es zwei Tage später geschneit. Aber, ach, zweistellige Temperaturen wären schon schön, morgens um halb neun, im Juni. Hunderunde gehe ich in T-Shirt, aber mit Winterjacke drüber. Wäre es nicht so hell und so grün, würde ich sagen, Oktober.

Der vier Uhr zwanzig Vogel

Mein Kopf ist schon wach, sehr wach, wie ein fünfjähriger nach einem halben Liter Isogetränk, mein Körper nicht. Wirkung und Nebenwirkung, es ist Mai, man muss sich entscheiden, tagsüber gut atmen oder nachts gut schlafen. Ich frage mich, wie spät es wohl ist, um auf die Uhr zu gucken müsste ich mich umdrehen. Oder auch nicht. Ein sanftes FlapFlap-Geräusch im Baum, vor dem Fenster dient als Zeitansage. Die Amsel ist da. Sie räuspert sich, macht ein paar Tschilp-Laute …Test, zwei drei… und begrüßt dann in wirklich beeindruckender Lautstärke den neuen Tag. Man könnte quasi, wie Mary Poppins den Arm einladend aus dem Fenster halten…mein Hirn spielt „wenn ein Löööööffelchen voll Zuuucckaaaa….“, im Bett neben mir ein Brummgeräusch. Der Liebste richtet sich auf und schließt das Fenster, setzt sich noch einen Moment, um wach zu werden und macht seinen Wecker aus. Der hat die ganze Woche noch nicht geklingelt denn, ich zitiere „irgendein scheiß-Vogel tririlliert da um zwanzig nach vier so dermaßen laut…“.

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De Omma hat einen guten Tag, wir sitzen am Küchentisch und unterhalten uns nett. Da hat sie aber eine schicke neue Pillendose, sage ich. Ja, die sei tatsächlich neu, und leer, bestimmt kommt dein Vatta gleich, der füllt ihr die jetzt immer, ist auch neu. Es klingelt an der Tür, „Och guck, da ist er schon“, sagt de Omma, „gerade von dir gesprochen“, sage ich, „die Dosen sind leer“. „Das kann nicht sein“, sagt der Vatta, hat er Donnerstag erst gemacht. Er nimmt das kleine Pillenregal auseinander, ordnet die Wochentage in die richtige Reihenfolge und stellt fest, es sind wirklich alle Fächer leer. „Ja sicher“, sagt de Omma, nimmt sie ja immer, so wie er gesagt hat. Wir haben Sonntag. Einen Moment lang wundert sich jeder im Raum über was anderes.

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Es regnet, aber das ist fast egal, denn es ist nicht kalt und viel nasser kann man nicht mehr werden – dachte ich. Dann setzt sich das Fahrgeschäft sanft in Bewegung “ uuuund jetzt mit Schwuuung“ sagt die fröhliche Jahrmarktstimme. Durch die entstehenden Fliehkräfte läuft sämtliches Regenwasser, dass sich während der minutenlangen Wartezeit irgendwo im Rückenbereich gesammelt hat auf den Sitz und wird von meiner Jeans aufgesogen, zeitgleich reagieren meine Innereien überrascht, auf die schnellen Veränderungen der Schwerkraft-Bedingungen und ich bin mir ehrlich gesagt einen Moment lang nicht sicher, ob ich diesen sensorischen Gesamteindruck angemessen schnell werde verarbeiten können…. dann nimmt der linke Fuss eine leicht angewinkelte Position ein, baut Verbindung zur rechten Seite der Hüfte auf, mein Magen sagt „ach so“ und alles ist fein. Anscheind kann der Autopilot die neunziger Jahre BreakDancer-Muskulatur noch ansteuern. Ob es mir gut geht, fragen die Mädels, als wir uns nach Fahrtende am Kassenhäuschen wieder treffen. Man dachte kurz, ich kotze vielleicht. Ja, ich auch, aber alles gut. Wir sehen aus, als wären wir aus der Wildwasserbahn gekommen, aber alle sind fröhlich. Bei Sonnenschein hätte die Fahrt vermutlich nur halb so lange gedauert.Fürs Protokoll: Einmal BreakDancer fahren kostet 5 Euro, ein Schokokuss 1,20 Euro. Gefühlt war das teurer als im letzten Jahr.

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Ich fahre Julikind ins Nachbardorf, ab da kann sie mitgenommen werden. Natürlich ist sie aufgeregt, aber es geht, so gut, dass man sich fast ein bisschen wundert. Wir freuen uns beide darüber. Start zu einer Klassenfahrt. Ohne besondere Vorkommnisse.

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Ganze Regalreihen wurden verstellt und umsortiert, mein Einkaufzettel passt nicht mehr zur Laufrichtung. Ich irre durch den Rewe wie ein mittelalter Mann am Tag vor Heilig Abend.

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Eigentlich wollte ich zu „Von Beileidsbekundungen am Grab bitten wir Abstand zu nehmen und danach gehen wir in aller Stille auseinander“ Beerdigungen nicht mehr hingehen. Ausser halt, es ist der Karl Heinz. Hier passt das Konzept, denn der Karl-Heinz hat konsequent garnichts verfügt, sagt die Freundin. Also haben die verbliebenen fünf Geschwister sich gekümmert, um die letzten Tage des Lebens und den Rest. So wie man das macht, wenn man aus einem landwirtschaftlich geprägten Haushalt mit Nebenbei-Bestattungsunternehmen kommt. Den Tod braucht in dieser Familie niemand zu fürchten. Das ist eigentlich was schönes. Wer nicht zum engsten Kreis gehört verlässt im Anschluss an die Beisetzung den Friedhof leise – bis zum Zaun. Dort atmet jeder einmal tief durch, dann endet die Stille und es fühlt sich kein bisschen seltsam an.

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Wir freuen uns über eine richtig gute Honigernte. So macht das Spaß. Einerseits. Andererseits dauert jeder einzelne Schritt etwas länger als gedacht. Die Küche ist zwei Tage lang ausser Betrieb. In alter Tradition natürlich in der Woche, in der Maikind Geburtstag hat. Eine Stunde vor Beginn des Kaffeetrinkens regiert noch das Chaos. Aber, mit großen Kindern reicht tatsächlich eine Stunde um das Esszimmer von Honigabfüllstation in Kaffeetafel zu verwandeln. Ich staune.

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Maikind wird 17, eigenes Geld, auf dem Weg zum Führerschein, Wahlbenachrichtung bekommen, hach, „und wir müssen noch Fotos machen, damit man sieht, wie die klein die Uromas im letzten Jahr geworden sind“

Konfirmation und ein Ausflug

Man einigt sich für heute auf untentschieden. Es wird zu kalt in der schicken Klamotte. Diese letzte Runde Kubb lief über zwei Stunden, zweimal gings auf den König und dann doch nicht… eine Verabredung wird getroffen für irgendwann in diesem Sommer, auf dem Sportplatz, bis es entschieden ist. Was hatten wir ein Glück mit dem Wetter, niemand hätte letzte Woche damit gerechnet, dass man heute die halbe Party draußen feiern kann.

Als die letzten Gäste gegangen sind, stehen der Liebste und ich vor den Resten des Kuchenbuffets. „Da ist aber ordentlich was übrig geblieben“, sagt er. „Das war eine Torte mehr, als ich dachte und 10 Leute weniger“, sage ich. Oh. Alles ist wunderbar hin gekommen.

Schön war`s. High five.

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Verschiedene Erkenntnisse im Nachgang, wie bei jeder guten Familienfeier. In großer Runde werden manchmal Dinge sichtbar, die sonst nicht auffallen und umgekehrt.

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Wenn das Schiff wendet, lassen die dabei entstehenden Wellen die Sperrmauer überschwappen. Wann haben wir den Edersee das letzte Mal so voll gesehen? Ich kann mich nicht erinnern. Auffallend wenig Touristen. Anscheind beginnt das lange Wochenende erst nach dem ersten Mai.

Auf dem Sperrmauervorplatz steht jetzt ein monumentales Bauwerk. Im Inneren finden wir Touristeninformation und anscheind gibt es eine Ausstellung oder einen Film? über Sperrmauergeschichte auf der unteren Etage. Toiletten gibt es leider keine, dafür muss man einmal aussen halb ums Gebäude herumlaufen und ernsthaft? Einmal Pipi kostet 1 Euro, Kartenzahlung wird akzeptiert, sagt das Drehkreuz. Ich bin offensichtlich nicht die erste, die das befremdlich findet, denn an der Mauer links daneben hängt ein großes Schild auf dem steht „Hier bitte nicht pinkeln“. Ich zahle bar, bin aber von dem Preis/Leistungsverhältnis enttäuscht. Wir sparen uns die Ausstellung und gehen etwas abseits der Touristen-Hotspots Eis essen. Nächster Halt Strandbad. Der Liebste badet an. Ich gehe rein bis zur Bauchnabelgrenze und überlege es mir anders.

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Der Bus kommt mir entgegen, hundert Meter vorm Ortsschild des Nachbarortes, seufz. Natürlich ist die Baustellenampel rot, Maikind kommt mir entgegen in der Mitte der Baustelle, denn die Ersatzbushaltestelle liegt so, dass Fussgänger mittendurch müssen, auf dem Weg zur Anschluss-Bushaltestelle. Der Bus, kommt uns auf dem Heimweg wieder entgegen, in unserer Straße, 300m von der Haltestelle entfernt. „och guck“, sagt Maikind, den hater ja dann wirklich sehr knapp verpasst. Stimmt.

Aber, eine twizzy-Fahrt bei sonnigen 23°C macht deutlich mehr Spaß als bei 5°C mit Schneegriesel, soviel steht fest. Man riecht das frisch gemähte Gras, den Raps und Gülle, natürlich.

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Von heute auf morgen völlig verrotzt und allgemeine Erkältungssymthome, nichts geht mehr. Märzkind erwischt es zuerst, Julikind natürlich am Tag vor der Konfirmation, mich in der Woche danach. Am nächsten Tag geht es schon viel besser. Zum Glück. Aber, ein kleiner Rest bleibt länger und macht den Alltag etwas zäh.

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Birdrace ist ein bisschen wie goecaching. Man fängt aus Quatsch an und entwickelt Ehrgeiz. Wäre da nicht diese Erkältung gewesen, wir hätten leicht noch mehr Arten finden können, da sind Maikind und ich uns einig. Nur so vom Küchenfenster und von der Haustür aus betrachtet, kommen wir auf 12 verschiedene Vogelarten und werden mit diesem Ergebnis quasi Kreismeister – weil wir die einzigen waren, von hier. Verdammt, wir wollten alle beide keine Urkunde. Wer ahnt denn auch sowas.

Hintergrundrauschen, Ende April 24

Morgens um halb acht im Wald. Aus dem Augenwinkel sehe ich am Hang zwei Rehe stehen. Wir begegnen uns jeden Morgen irgendwo auf der Runde, man kennt sich, man ignoriert sich. So nah kommen wir uns sonst allerdings nicht. Anscheind sind heute morgen alle mit den Gedanken woanders. Statt einfach geradeaus in den Wald zu laufen, dreht der junge Rehbock sich um und flüchtet genau in unsere Richtung. Er macht zwei lange Sätze, bemerkt, dass der Hund nicht aus dem Weg geht, weil er sich grundsätzlich nicht für Rehe interessiert und noch nicht gesehen hat, was da auf ihn zukommt, senkt den Kopf und Das kannste nicht erklären stellt die Stimme in meinem Kopf ganz sachlich fest, während ich in einer halben Sekunde darüber nachdenke, wie ich denn wohl das Geweih wieder aus dem Hund und den Hund aus dem Wald…“uuuuaaaaa“ sage ich laut, der Hund guckt hoch und springt sofort zur Seite. Nichts passiert. Alle wach.

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Ein Rapsfeld blüht, direkt vor dem Bienenstand und es schneit. Aus imkerlicher Sicht werden die zwei Sommertage neulich vielleicht als Unwetterereignis zu werten sein, am Ende der Saison.

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Textaufgabe: Eine Schulklasse fährt vom 21. – 24. Mai auf Klassenfahrt. Der zu zahlende Betrag für 4 Übernachtungen inkl Halbpension beträgt laut Elterninformationszettel 212 Euro plus Geld für Ausflüge und so. Details wurden den 13-jährigen Schülern mündlich mitgeteilt, vor den Osterferien und dem Praktikum. Insgesamt sind also 5 Wochen vergangen. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die fehlenden Informationen in allen Elternhäusern angekommen sind in Prozent?

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Och guck, für ein bestmögliches Baustellen-Erlebnis baggern sie Freitag noch die Bushaltestelle weg, in dem Ort, durch den dann ab Montag alle durch müssen. Dreißigerzone mit Ampel, der kreuzende Verkehr möge sich nach eigenem Ermessen einordnen. Eine entschleunigende Achtsamkeitsübung.

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Maikind kommt nach Feierabend mit dem Bus nach Hause. Eigentlich. Es könnte sein, dass sich die Verbindung geändert hat, wegen Baustelle und unklarer Streckenänderung. Ich frage nach, ob ich ihn irgendwo auflesen soll. Ja, auf jeden Fall, aber wann und wo kann er noch nicht sagen, denn der Bus, der vor fünf Minuten bei uns vorm Haus hätte ankommen sollen, steht immernoch am Busbahnhof im Städtchen. Der Fahrer muss Pause machen, Lenkzeit überschritten. Nur zum Spaß hat er mal nachgeschaut, wie man die letzten 6 Kilometer überbrücken könnte, wenn man den Anschlussbus im Nachbarort verpasst, erzählt Maikind auf der Rückfahrt. Spoileralarm: Zu Fuss wäre man schneller.

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Märzkind ruft an, ob ich sie im Nachbarort holen könnte, es gibt anscheind keinen Anschluss. Sicher. Zur vereinbarten Zeit stehe ich an der Ersatz-Bushaltestelle hinter der Ampel. Märzkind ruft an, um zu fragen, ob ich schon da sei. Jo. Ah, Mist, tut ihr voll leid. Sie wurden rausgelassen und stehen gerade drei Orte weiter, da kommt gleich ein Bus, der fährt durch bis nach Hause, wusste niemand, steht nicht in der App, ist aber so.

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Julikind kann morgens mit dem Bus zum Praktikumsbetrieb fahren. Nachmittags fährt nichts. Sie muss abgeholt werden, um 15 Uhr. Es sei denn sie fährt mit auf Baustelle, dann könnte es später werden, es sei denn, sie sind eher fertig oder die Baustelle liegt so, dass man sie auf dem Rückweg zu Hause vorbeibringen kann.

Theoretisch liegt die Bushaltestellen-Einsammel-Fahrt in diesem Zeitraum auf dem Weg. Praktisch nicht einmal.

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Im Spülmaschinen-Ablauf-Sieb steckt eine Plastikpommesgabel. Intuitiv strecke ich eine Hand aus, um sie zu entfernen. Moment. Plastikpommesgabeln kommen doch eigentlich nicht in den Geschirrspüler und, wenn ich so darüber nachdenke, ist diese nervige Fehlermeldung, die sonst immer blinkt nicht da gewesen, beim letzten Spülgang. Könnte Zufall sein oder smartes engineering oder beides. Ich lasse die Pommesgabel wo sie ist. Never change a running system.

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Mittagessen zu dritt. Märzkind fällt was ein: „Ah so…, wegen Sektempfang, sollte ich dich noch fragen, ob du das… machste, ne?“ Pluseinskind verarbeitet die Frage, gibt dann ein zustimmendes Geräusch von sich und gestikuliert „kein Thema“, „siehste hab ich doch gesagt, braucht man nicht fragen, das macht der so“. „Ist höflicher“, argumentiere ich. Pluseinkind hat schon auf der Ladies-Night im Kino Sekt serviert, sagt er und schweigt dann vielsagend.

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„Und? Wie gefällt dir diese Deko?“, frage ich Julikind auf der Feier ihrer Freundin. „Sehr schön“, ungefähr genau so hatte sie sich das auch gedacht. „6 Tage vor Veranstaltung wissen wir also endlich, was für Dekogedöns auf den Tisch soll“, murmele ich, eigentlich nur zu mir selber. Och, das sei aber sehr sympathisch, sagt die neben mir sitzende Mutter, sie sei da auch immer recht entspannt. Aber das sagt man ja so kurz vorher lieber keinem. Stimmt. Ich wundere mich selber, aber das entspannte Gefühl ist echt. Naja, die Eskalation wird uns finden, zu gegebener Zeit.

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Es hat eine Weile gedauert, sich zu der Erkenntnis durchzuringen, aber jetzt ist es soweit. Ich hole mir die Winterhandschuhe wieder vom Dachboden, ziehe Skiunterwäsche drunter und ein zweites paar Socken an bevor ich mit dem Hund rausgehe. Könnte sein, er fährt morgen mit der Flitschbimmel an die Arbeit, sagt der Liebste. Bei seinem Auto sind schon Sommerreifen drauf, leichtsinnigerweise, Ende April.

Themenwoche Klamotten mit Blitz-Frühling

Neblig kalte 7°C sind als Ferienwetter ideal, um lange, lange aufgeschobenes zu erledigen.

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Wir schauen den Kleiderschrank des Julikinds durch. Da müsste eigentlich einiges zu klein sein, sie ist über Winter gewachsen. Nö. Im Gegenteil. Manches, was im Herbst knapp war passt wieder. Merkwürdig, aber erfreulich.

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Die riesige Plastikkiste, in der wir Klamotten für Flohmarkt sammeln, ist voll. Schneller als gedacht, könnten wir ja vielleicht schon den Frühlingsflohmarkt… je nach Wetterlage. Kiste auskippen, Preisvorstellungen machen, noch mehr Klamotten finden…

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Ich muss zwei bewährte Kleidungsstücke ersetzen, gerne ohne shopping Erlebnis. Im Online-Laden gibt Maßtabellen neben der Größenangabe. Ich suche ein Maßband und bestelle emotionslos ein T-Shirt Größe M und ein Top Größe 44/46. Beides passt einwandfrei. Tja dann, hab ich wohl drei Größen gleichzeitig, oder gar keine.

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Eine Socke reißt beim Anziehen, im Musterverlauf, oberhalb des Knöchels. Das hatte ich so auch noch nicht. Ok, die ist aus dem Socken-outlet-Laden, allerdings von einem Markenhersteller in einer Preisklasse wo man eine Haltbarkeit von mehr als fünf Monaten erwartet hätte. Funfact: die Socken mit tanzenden Lebkuchenmännern die von weitem auch als Blumenmuster durchgehen vom Kaffee-Discounter gehen in ihr zweites Jahr, ohne irgendwelche Ermüdungserscheinungen. Preis und Qualität haben nichts mehr miteinander zu tun.

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Ich ziehe mir normale, zueinander passende, saubere Sachen zum Einkaufen an. Also – wenn ich da jetzt so aufgedonnert hin gehe, dann müssen sie sich aber nochmal umziehen – sagen beide Mädels und verschwinden wieder in ihren Zimmern. Ich setze mich auf die Treppe und denke darüber nach.

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Das Prinzessinnen-Gen ist schwach in mir. All der Tüll und die funkelnden Steinchen, man fragt sich, ist es noch verrückt schon Wahnsinn, während man so in einem der mittig auf der Verkauffläche platzierten Aufbewahrungssessel für Angehörige sitzt. Aber die Show ist richtig gut. Der verantwortliche Fachverkäufer ist voll in seinem Element. Zwei Konfirmandinnen und eine Brautmutter probieren zeitgleich in verschiedenen Kabinen, bekommen jeweils passende Accessoires gereicht, werden nach getroffener Entscheidung in feiner Robe auf Socken rüber in die Schuhabteilung geschickt, kommen mit Schuhkarton zurück, werden wieder in Empfang genommen, Anruf in der Schneiderei, wenige Minuten später kommt eine Dame mit Nadelkissen am Arm, germurmelte Gespräche, dann ein Abholtermin, herzliche Verabschiedung, und alles wieder von vorne.

Zusammenfassend kann man sagen, es hat zweieinhalb Stunden gedauert, sich für das Kleid zu entscheiden, dass sie als allererstes anprobiert hat und ganz gut fand. Wir haben einen Abholtermin. Ich war tapfer. Die Mädels wundern sich, warum sie so hungrig sind, als wir den Laden verlassen.

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Freitag morgen Hunderunde bei 7°C und Nebel, wie immer. Nachmittags fühlt sich das Wetter schon ganz anders an. Am Wochenende ist Sommer: 25°C , strahlender Sonnenschein, Gartenarbeiten, Sonnencreme, draußen sitzen, Blütenexplosion überall, Freibadgedanken. Montag nachmittag steht Maikind verfroren unter dem kleinen Dach an Tor 2, als ich vorfahre. Heute morgen um fünf, als er los ist, war der Pulli angemessen warm. Jetzt nicht mehr. Dienstag morgen Hunderunde bei Sonnenschein durch herrlich frisches grün und an blühenden Hecken vorbei. Ich ziehe die Kapuze hoch und zum Glück war da noch ein paar Handschuhe in den Jackentaschen. 4°C und Wind. Durchschnittlich war dann wohl Frühling, diese Woche. Naargh.

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Bestes Flohmarktwetter, kurzentschlossen packen Märzkind und ich alles ins Auto. Aufbau war ab 7 Uhr, als wir um zwanzig vor acht ankommen, gibt es eigentlich schon keinen Stellplatz mehr. Man improvisiert. Wir verkaufen ganz gut, kommen aber auch zu verschiedenen Erkenntnissen, so über Vormittag. Ist ja alles auch immer zu Studienzwecken, mit angehender Sozialarbeiterin. Das Ziel war, mit weniger wieder nach Hause zu fahren und wir wundern uns am Ende, wie gut das geklappt hat. Märzkind hat ein paar Ohringe gekauft und ich tatsächlich garnichts. Noch nicht mal was aus irgendeiner verschenke-Kiste gekramt.

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Wenn der Vatta und ich zusammen sitzen und sonst keiner im Raum ist, tauschen wir gern Netzwerkinformationen aus dem gesundheitlichen Bereich. „Samma, weißt du, wieso der Menne im Krankenhaus ist?“ „Der Menne ist im Krankenhaus?“… es gäbe eine mögliche Erklärung, die wäre schlecht. „Der Herr E. ist verstorben, weißt du woran?“ „Welcher Herr E.?“ „Der- gestern“ „Ach. Du. Scheiße. Nee, weiß ich nichts“ wir schweigen einen Moment. „Ach, un de Elfriede hat Lungenkrebs, übrigens, ging ihr nicht so richtig gut, dachte man sich, dass was ist, aber… das dann doch nicht, eigentlich“. So, und schon liegt wirklich jedes „Problem“ wieder innerhalb der Komfortzone.

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Zack, drei Wochen Osterferien rum.

Ostern und verschiedenes

Der Hund hat nicht geheult, heute morgen um halb sechs, ist nicht abgehauen beim Spaziergang, hat was gefressen und gerade sehe ich ihn zum ersten mal seit drei Tagen schlafen. Herrlich. Meine Nerven hätten auch keinen einzigen Tag länger gereicht. Genaugenommen hatte ich schon nach Tierarztpraxen gesucht, die Kastrationen durchführt.

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Eine Mutterkollegin und eine Freundin des Julikinds bringen Blumen, Schokolade und herzlichen Dank fürs Mitnehmen zur Konfirmandenstunde. Wow, ich freue mich. Dann aus dem Nichts ein ehrliches Gespräch unter mehrfach-Müttern. Wir sind ein bisschen froh, dass es unsere letzten Konfirmationen sind.

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Saharastaub in der Luft lässt mich an meiner Unsterblichkeit zweifeln. Alles geht, wenn überhaupt nur langsam. Der Rest der Menschheit atmet, ohne irgendeinen Unterschied zu bemerken. Tja. Schöner rosa Sonnenuntergang aber, dass muss man sagen.

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Zum Osterfeuer gehen wir alle zusammen, kommen aber zu unterschiedlichen Zeiten nach Hause.

Eigentlich habe sie ja nur bis zwei Uhr wach sein wollen sagt Julikind beim Frühstück, „aber dann…und ich schwöre, das ist wirklich passiert, hat der Zeiger der Uhr sich auf einmal von selber bewegt und es war drei“. Alle anderen nicken, Zeitumstellung, war angesagt. Diese Stunde Schlaf wird der kleinen Eule in jeder einzelnen Nacht fehlen bis Oktober oder so. Alle Jahre wieder.

Eier wurden gefärbt, versteckt, gesucht, gefunden – sogar eins mehr als gedacht, kurzer check, aber ja, sind tatsächlich alle von diesem Jahr, da hatte der Hase sich wohl verzählt. Eierwerfen fand im Rahmen eines Geburtstags-Osterkaffee-Spaziergangs in großer Runde statt. Es ist tatsächlich nur eins kaputt gegangen und das wurde mit der Hundeball-Schleuder geworfen. Dann ein Jogginghosen und Sofa Feiertag, leicht verkatert von soviel Verwandten-Präsenz, aber es war ein schönes Ostern mal so ganz ohne Corona.

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Ein seltsamer Drei-Tages-Schnupfen zieht seine Runde durchs Haus, wie immer erwischt es drei von fünf, diesmal hatte ich Glück.

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Die Leute reisen wieder, aber sowas von. Im alljährlichen Reisepostkarten-ersetzende-Statusmeldungen-Bingo, dass nur in meinem Kopf stattfindet, konnte ich schon die Felder für „diese Luftfeuchtigkeit, gehste kaputt bei“ , „Schriftzüge am Strand von Fuerteventura“, „diese Hitze, gehste kaputt bei“ und „die Schaukel am Strand der Malediven“, abhaken. Es ist gerade mal März. Direkt am 2. April sitzen morgens um halb neun schon leicht zerknitterte Trekkingtouristen mit erkennbar neuer Ausrüstung im Bushäuschen. Saisonstart. Als würde man vom Ikearestaurant aus zusehen, wie Leute ihre Autos beladen, ich finds toll.

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Normalerweise drängelt der Hund um diese Zeit längst zum Spaziergang. Heute gräbt er die Nase in seine Decke und tut so als würde er schlafen. Das liegt nicht nur an der Zeitumstellung. Der Regen klopft sacht ans Fenster, die Welt draußen ist im Nebel versunken, man hört den Wind im Kamin und das Thermometer zeigt 7°C. Schnauze voll, da könnte gerne mal ein bisschen Frühling kommen.

vor Ostern 2024

So groß ist das Internet eigentlich garnicht. Maikind muss eine Präsentation schreiben zu einem Thema, das recht speziell zu sein scheint. Fachlich kann ich leider nicht helfen. Aber, ich hätte ein paar 90er Jahre Problemlösungsstrategien auf Lager und mache Vorschläge, alle unpraktisch und zeitaufwendig.

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Es dauert eine Weile bis uns klar wird, was hier eigentlich das Problem ist, aber dann ist die Lösung ist einfach. Ich erkläre Julikind den Aufbau einer Tageszeitung in Papierform anhand eines Beispiels, das sie aus dem Großelternhaushalt besorgt hat. Artikel, Reportagen, Meldungen, Anzeigen… „Aha, ah, achso“, sagt das Kind in wissenschaftlich interessiertem Tonfall, „und wozu?“, möchte sie wissen. „Wozu was?“, frage ich. „wozu braucht man das?“ ich gucke fragend, sie deutet auf die Zeitung, „zur Information“, sage ich, „Hääää?“ fragt sie, in dem Tonfall, der das gesamte Universum in Frage stellt. „war früher so“, erkläre ich, aber warum das Teil ihrer Deutscharbeit sein wird bleibt ein Rätsel. „Die tun immer so als müssten wir nach dem Schulabschluss im 20. Jahrhundert leben“, sagt Julikind und verlässt kopfschüttelnd den Raum.

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Tja, äh, Jahrgang 1982, ich hab vom letzten Jahrhundert fast genausoviel mitbekommen wie von diesem. Bei Fragen zu alten Kulturtechniken – einfach melden. Manchmal siehste sie nicht kommen, die Alterungsmomente.

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Märzkind läd Großeltern zum Geburtstags-Grillen. Alle freuen sich und kommen gerne. Herrliches Frühlingswetter haben wir an diesem Tag, genau wie bestellt. Feiern ist allerdings nicht mehr so einfach mit den Ur-Omas. Man wird das Konzept anpassen müssen, irgendwie, demnächst.

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Auf diesem Parkplatz hab ich so einiges an Wartezeit verbracht in den letzten Jahren. Ich kenne diesen Ausblick mit Schneegestöber, Vogel zwitschern, bei flirrender Hitze und mit bunten Blättern im Sturm. Kurz mal in mich reingehorcht ob mir das Fehlen wird? Nein, wenn ich ehrlich bin, eher nicht. „Meine“ letzte Konfirmandenstunde.

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Einen richtig schönen Vorstellungsgottesdienst haben sie vorbereitet. Sind alle gewachsen in dem einen Jahr. Aus Kindern werden Leute, sagt die Oma immer, recht hat sie.

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„und du so?“, fragt Märzkind. „ganz üble Aufschieberitis wegen Konfirmationseinladungen, gerade“, gebe ich zu. Julikind hat endlich eine Entscheidung getroffen, es ist auch alles da, in Einzelteilen, man müsste unbedingt, aber ach… Oh, da könnte sie aber sehr gerne bei helfen, weil sie hat ihrerseits gerade ganz üble Aufschieberitis wegen Lernen für Klausur. Das passt ja, zu zweit geht es schneller und ist sogar irgendwie gemütlich, tiefschürfende Gespräche bei stumpfsinniger Tätigkeit.

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Riecht es hier…..? Ja eindeutig. Handlung erforderlich. Auf halber Treppe nach oben fällt mir auf, dass es wohl sinnig gewesen wäre den kleinen Feuerlöscher, der für solche Momente neben der Kellertreppe steht gleich mitzunehmen. Ich öffne Zimmertüren zwecks sensorischer Überprüfung. Nichts. Das kann nicht sein. Ich drehe eine zweite Runde, langsamer und aufmerksamer, aber da ist nichts. Merkwürdig. Drei Tage später stelle ich fest, das der Föhn nur noch kalt föhnt, egal welche Einstellung man wählt. Ich erkundige mich, ob das sonst noch jemandem aufgefallen ist. Nee, aber das da vielleicht was nicht mit stimmt, habe man sich neulich schon gedacht, als da vorne Funken rauskamen. Aha.

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Boar, wieso riecht das hier so….? Handlung erforderlich, man kann sich denken wo, aber nein, beide Toiletten spülen ganz normal ab. Merkwürdig. Es dauert einen Moment, dann gluckert es in der Badewanne. Wurks. Ich nehme sämtliche Kleidung die da über den Badewannenrand hing, trage sie am ausgestreckten Arm Richtung Waschmaschine und starte eine Ladung völlig unsortierter Wäsche, führe dann einfache Klempnertätigkeiten aus und habe das Bad schon fast fertig geputzt, bevor noch jemandem auffällt, dass es hier irgendwie so riecht, als müsste man mal gucken…

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Beginn der Osterferien. Endlich. Schon. Oder so, kein richtiges Zeitgefühl, dieses Jahr.

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Ein verwunderter Blick aus dem Fenster: Es schneit. Vorgestern haben wir im T-Shirt draußen gesessen, ich habe die dicksten Winterjacken auf den Dachboden getragen und Allergietabletten bereit gelegt. Heute drei Grad und dicke weiße Flocken, nicht nur ein Schauer, es schneit.

Challenges und Erkenntnisse, ungeordnet

Das Kind, das sich seit Monaten am liebsten ungestört im eigenen Zimmer aufhält möchte heute lieber auf dem Sofa im Wohnzimmer liegen. Sie bringt ihre Bettdecke mit, denn es ist kalt. Ich lege noch eine Wolldecke drüber, bitterkalt ist es. Ich nehme den heißen Stein vom Ofen und platziere ihn da, wo ich ihre Füsse vermute, bisschen besser, aber vielleicht könnte ich noch ein Stück Holz auflegen? 23°C Raumtemperatur. Ich koch dir erstmal einen Tee. Als ich nach fünf Minuten zurück komme sitzt sie ohne Decken da und fragt, ob ich vielleicht mal das Fenster aufmachen kann. Es ist so heiß. Aha. Wir haben keine Tests mehr, aber die braucht es auch nicht. Merkt man ja selber. Alle gleichzeitig Covid war Mist, alle hintereinander ist es auch.

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Freitag abend sieht es kurz so aus, als würden wir in das gesundeste Wochenende des Jahres starten. Mehrere Freizeit-Programmpunkte finden gleichzeitig statt oder sind in Planung. Samstag abend liegt der Krankenstand wieder bei 3 von 5.

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Normalerweise ziehen TikTok-challenges geräuschlos an uns vorbei. Diesmal nicht. Innerhalb von wenigen Tagen schaffen es gleich zwei davon als Hauptgesprächsthemen an den Esstisch.

Auf der Schultoilette wurde ein Possoir randvoll geschissen. Die Schule reagiert schnell und entschieden. Man weiß anscheind, wer es war, bevor die Helden der Sanitäranlagen-Challenge dazu kommen, ihren Ruhm zu genießen. Vandalismus nennt man sowas in der analogen Welt.

Erst ist es nur ein Gerücht, aber leider scheint was wahres dran zu sein. Im Rahmen einer Karnevalsveranstaltung wurden zum instrumentalen Refrain eines Liedes fröhliche Hassparolen gesungen. Fremdschäm-Modus aktiviert. Dass man in einer tanzenden Menschenmenge nicht mitbekommt, was neben einem gesungen wird ist leicht vorstellbar. Dass dieses spezielle Lied versehentlich gespielt wurde muss man, mit Blick auf die AfD Wahlergebnisse letztens, allerdings glauben wollen. So neu ist die challenge nicht. Aber es scheint so zu sein. Der Liebste bringt Tratsch vom Alte Herren Fussball mit. Einige wussten garnicht, dass es Tiktok-challenges gibt. Das macht es natürlich nicht besser. Schon drei Wochen später erscheint ein Artikel in der Regionalzeitung, der über die Vorkommnisse berichtet. Volksverhetzung ist strafbar, sehr ernst nimmt man das.

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Erkenntnisse am Küchentisch:

Dummheit in Kombination mit schlechten Manieren ist nicht erotisch.

Nie wieder ist jetzt und hier – und kam doch irgendwie überraschend.

TikTok ist die digitale Version eines Knusperhäuschens, gebaut, um Kinder anzulocken, nicht als KiTa…

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Dorftratsch: Der neue Unternehmensberater des Seniorenheims hat ein erstes Meeting einberufen und den Pflegenden geraten, die Bettwäsche der Bewohner nur noch einmal im Monat zu wechseln, um die Kosten für Wäscherei zu senken. Och guck. Einparpotential für dieses Unternehmen hätte man ehrlich gesagt eher im Immobilienportfolio, im Fuhrpark, dem Managment oder vielleicht sogar im Lebenswandel der Betreiber vermutet – aber natürlich sind es die Wäschewechsel, zum Glück hat es jemand bemerkt.

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Omas Hahn wurde gefressen. Ein Drama.

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Die ersten acht Wochen ohne Schichten sind rum. Ganz allmählich gewöhnen wir uns an die anderen Abläufe. Regelmäßig ausreichend Schlaf hat verblüffende Auswirkungen auf den Alltag.

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Der Liebste läuft mit einem heißen Blech in der Hand Richtung Esstisch, ruft „essen“ in die Weiten des Hauses

Ich: „ich glaube, dein Handy klingelt“

Er nimmt Handy mit auf den Flur wegen Empfang.

Die nach und nach ankommenden Blagen schnappen Gesprächsfetzen auf „Gulli schon abgedeckt?“ „wie schnell kannst du da sein?“ Der Liebste rennt die Treppe hoch und quasi sofort wieder zurück, schnürt sich die Schuhe zu, ruft „Esst“, nimmt Autoschlüssel und fährt weg. Wir schauen uns fragend an. Wird wohl was Wichtiges gewesen sein.

Maikind: „ah, ja, wenn man Chef ist, muss man wohl auch manchmal arbeiten, wenn eigentlich keine Arbeit ist, ne?“

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Einen bezahlbaren Caterer zu finden, der an einem Sonntag etwas für 30 Leute von denen 3 kein Fleisch essen möchten, 1 Person keinen Weizen verträgt, 1 keine Citronensäure, 5 laktoseintolerant und 2 alkoholkrank sind, kocht und liefert ist keine Herausforderung. Das ist schlicht unmöglich. Wenn man es endlich bemerkt, ist der Rest eigentlich ganz einfach. Der Schwipp-Schwager wird das Konfirmationsessen kochen, und das Drumherum machen wir so wie an Weihnachten.

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Ich hatte ehrlich gesagt gedacht, es wäre ein Scherz. Irgendwie wurde daraus aus ein Plan und jetzt muss ich mich outen: Ich esse gar kein Mett. Das macht nichts, versichert man mir, es wird Käseplatte geben. Tja dann, fühle ich mich geehrt dabei sein zu dürfen. „Pass uff, da wird mal ein ganz großes Ding raus“, sagt die neben mir sitzende Gastgeberin, „und dann sagen wir, weißte noch, wie alles begann, damals in der kleinen Gartenlaube“, „ein Festival“, sage ich, denn es tatsächlich witzig zu beobachten, und auch lehrreich, so ein Mett-Tasting. Heumett wird aus Strohschweinen gemacht, das wußte ich nicht.

the final countdown, Jahreswechsel 23/24

Der Tisch ist für 13 Leute gedeckt. Das vergangene Jahr hatte Herausforderungen für wirklich jeden von uns. Alle sind nervlich etwas zerfleddert und müde. Als Gastgeber kann man nur hoffen…

Die Oma aus dem Städtchen, die selber herfahren wollte, damit niemand Umstände hat, ist dann wohl nicht aufgetaucht. Hier nicht, im anderen Enkel-Haushalt mit Weihnachtsveranstaltung nicht, in ihrer Wohnung scheint sie nicht zu sein und das Mobiltelefon klingelt ins Leere. Ich treffe Märzkind und den Liebsten auf dem Flur. In knappen Worten besprechen wir das weitere Vorgehen, Katastrophen-Routinen, gelernt ist gelernt. Da klingelt das Telefon in meiner Hand. Die Großtante hat die Oma gefunden, der Liebste holt sie ab. Ich informiere den Cousin. Nichts passiert. Weitermachen.

Schnitzel, Salate, Käseplatte, gefüllte Eier. Jeder hat etwas mitgebracht, deshalb schmeckt jedem irgendwas. Lob und Anerkennung, gemeinsames Abräumen, Fressstarre. Dann spielen wir „mal eine Ente“ und vier Generationen haben Spaß. Da sind wir, ehrlich gesagt, alle ein bisschen überrascht. Anschließend Bescherung und Gemütlichkeit in der leicht chaotischen weihnachts-Edition. War gut.

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Kopfschmerzen und Krankheitsgefühl, Test negativ, also Schmerzmittel und Feiertag.

Schwiegermutter hat geladen und alle sind gekommen. Auch hier spürt man mehr Jahresend-Erschöpfung als „o du fröhliche“. Ein bemerkenswert oberflächliches Fest, aber nicht schlecht.

Zweiter Feiertag, Reste essen und Sofasitzzeit, zum Glück, mehr wäre nicht gegangen.

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Am 27. fange ich vorsichtig an, Advents-Zubehör und Weihnachtsdeko wegzuräumen. Es fällt anscheind niemandem auf. Irgendwann steht nur noch der geschmückte Baum.

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Märzkind und ich haben das gleiche Klamotten-Problem. Eine Bestandsaufnahme könnte helfen. Wir hätten Zeit und Lust auf so eine Aktion wird nicht kommen. Nun denn. Wir treffen uns im Zimmer des Julikinds, wegen Platz und großem Spiegel, mit allem, was wir an Kleidung besitzen (außer Unterwäsche und Socken). Zwei Stunden später gibt es einen Stapel für Flohmarkt, einen für Spenden, einen kleinen, der direkt in die Tonne kann und eine Einkaufsliste. Das war gut.

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Maikind möchte Sylvester feiern, mit Leuten. Er organisiert selbst. Julikind läd eine Freundin ein. Die Jungs fahren einkaufen, Pyrotechnik und Schweineschulter. Der Liebste macht pulled pork und Salat. Vorbereitungsgewusel im Haus, vier Leute werden übernachten.

Ich begleite die Konfirmandinnen zum letzten Gottesdienst des Jahres. Die Kirche ist gut besucht. Auch hier liegt ein Hauch von Jahresend-Müdigkeit in der Luft, aber, nun gut, geben wir dem nächsten eine Chance und bevor wir gehen, hören wir das Orgelnachspiel. Ich kenne dieses Stück, aber, ich komme nicht drauf. „Was ist das?“, frage ich Julikind, die neben mir sitzt. „na, das ist dieses *düüüüdüüüüdüüüüüüü. dü dü düüü* “ „Ach was“, sage ich. Wir lachen leise, wissen aber beide, dass es uns für den Rest des Abends nerven wird, sollten wir nicht drauf kommen. Ha! „it`s the final countdown…“ bei Beginn der zweiten Strophe fangen wir zeitgleich an zu singen, das ist dann leider so laut, dass Julikind mich in die Seite stupst, wegen peinlich, weswegen ich lachen muss, auch peinlich. Fröhlich summend gehen wir nach Hause *dü dü düüüü düü*

Es läuft football den ganzen Abend. Passt schon.

Um zehn vor zwölf kommen die Mädels aus dem Zimmer, wir drehen den Fernseher sehr laut, damit der Hund möglichst wenig mitbekommt vom Geböller, ziehen warme Jacken an und gehen, ausgerüstet mit einer Flasche Sekt in den Garten. Dort treffen wir auf die Jungs, die ihre Party in der Ferienwohnung feiern. Feuerwerk. Er geht dann mal den Nachbarn frohes neues wünschen, sagt der Liebste. Ich hab Jogginghose, murmele ich, aber egal. Zwanzig Meter weiter den Hang hoch hat man tatsächlich nochmal eine andere Aussicht. Richtig schönes Feuerwerk. Wir bleiben, bis beide Flaschen Sekt leer sind. 2023 kann ruhig weg, sind wir uns einig. Aber 2024 die erste halbe Stunde war schon mal gut.

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Der gute Vorsatz für dies Jahr ist, Sachen mal wieder in die Reihe zu bekommen. Ein Vor-Corona-Organisations-Niveau wäre wünschenswert. Tschakka.

Och guck, wenn man am zweiten Januar in der Frauenarztpraxis anruft, um sich einen Termin für Kontrolle zu machen, hat man sogar Auswahl. Frei wäre 8.45 Uhr oder 10.30 Uhr. Am zwanzigsten… bestimmt hab ich mich verhört und frage nach…“August?“ „Ja richtig“, sagt die Dame am Telefon. „dann 8.45 Uhr“, sage ich.