Blumen und ein lost place

Julikind ist ganz aufgeregt. Es wird einen Vortrag geben heute, für alle, in der Festhalle, nachher noch einen workshop in der Schule, über cybermobbing, weil, damit kennt die sich ja wirklich aus, die arme…. Ich hab den Namen der Rednerin noch nie gehört. echt nicht? wie kann das sein? da fragt man sich aber schon…. Die junge Frau, war vor längerer Zeit Teilnehmerin der Sendung „germanys next Topmodel“ , hat das Format anscheind auf eigenen Wunsch verlassen und daraufhin feedback der aller übelsten Art bekommen. Sie tourt jetzt durch Schulen und betreibt Aufklärungsarbeit. Cybermobbing, Vertragsverhältnisse, Beauty-Standards, mental health, es dauert nur 3 Stunden, die Infos in pubertierende Gehirne so reinzubekommen, dass es verarbeitet wird. Ich bin begeistert.

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Da sind richtig viele, richtig schöne Fotos entstanden, auf der Feier. Als wäre ein Fotograf mitgelaufen. Märzkind macht immer tolle Bilder, es ist ihre Kamera. Maikind hat die benutzt um sich selber unsichtbar zu machen und so Leute vor die Linse bekommen, die seit Jahren auf keinem Bild drauf waren. Ungestellte Fotos erzählen interessante Geschichten.

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Der Garten sieht jeden Tag anders aus. Man sitzt so da und freut sich, diskutiert Rasenhöhen, Gießrituale und überlegt mit einem ersten Halbsatz, dass es vielleicht bald schon zu warm für so zum sitzen sein könnte. Ach was. Schön ist das.

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Aufgrund der außergewöhnlichen Umstände des kommenden Wochenendes bekomme ich schon Freitag einen Muttertagsstrauß – und was für einen. Boar. Gut, dass ich den nicht in den Status gestellt habe, stelle ich Sonntag abend fest. Da wären alle anderen Mamis (inklusive meiner, hüstel) aber traurig geworden. „Ahhh, kamma aber ruhig“, sagt Märzkind.

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Na, wer ist gleich auf dem ersten Bild der Fotostrecke vom Brauchtumsfest in der online Ausgabe der Regionalzeitung? Ich natürlich. Somit ist dokumentiert, dass ich da war. Leider kann man auch sehen, wieviel Spaß ich hatte. Vielleicht kann ich nächstes Jahr das ehrenamtliche Engagement der jungen Menschen irgendwie vom homeoffice aus würdigen. Mit hundert anderen Leuten aus dem gleichen Spülwasser trinken fühlt sich nach dreimal Corona nicht mehr gut an, Persönliche Befindlichkeit, ausgelöst durch den Biergeschmack, den das Wasser des Julikinds hatte, in Kombination mit Blasmusik und Schießsport. Gab den ganzen Morgen Freibier, gutes Fest

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Eine Cousine meiner Mutter meldet sich bei mir, mit der Bitte um Verbreitung einer Nachricht, zwecks Familientreffen. Aus Altersgründen muss die Organisation in die nächste Generation übergehen. Ich wundere mich kurz. Strenggenommen bin ich schon die übernächste Generation, andererseits, die Cousine meiner Mutter ist vielleicht 7 Jahre älter als ich, wenn überhaupt. Gebucht wurde, witzigerweise die Unterkunft, die nur drei Häuser von uns entfernt liegt. Der Liebste freut sich, wollte er sowieso mal gerne angucken, das Haus, und erkundigt sich, welche Cousine das denn da war am Telefon. Ich zeige ihm das whatsapp Foto. Sieht aus wie deine Cousine – nur halt mit braunen Haaren. „Fa-mi -li-en-treffen“, sage ich. De Mudda kommt auf 17 lebende Cousinen und Cousins aus dieser Richtung, hat sie extra nachgerechnet. Da sehen alle aus wie irgendwer.

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Eigentlich wollte ich nur kurz fragen ob alles OK ist, dann haben wir uns verquatscht. Die Gästin wird ein Haus kaufen hier im Ort. Es hat eine Weile gedauert, bis das möglich war, und heute war sie zum ersten Mal drin. Der letzte Mieter ist schon lange weg, wohin weiß eigentlich niemand. Bevor er ging hat er die Wasser- und Elektroleitungen ausgebaut und verkauft. An der Tür waren Zinken, jeder der wollte durfte rein. Also, da wo sie wohnt hätte es keine 10 Minuten gedauert, bis jemand diese kostenlose Übernachtungsmöglichkeit genutzt hätte, aber hier…? „Also, ich wüsste ehrlich gesagt garnicht, wie das Symbol für „jeder der will darf rein“ aussieht“, sage ich. Auf dem Dachboden haben sie Kinderkleidung gefunden und Spielzeug. Es gab ein Gerücht, dass der letzte Mieter mit einer Frau aus dem Ort verschwunden sei, erzähle ich und lasse es scherzhaft nach Aktenzeichen XY klingen, die hat einen Sohn. Die Gästin wird blass. „Der Junge – ist der noch da?“. Sicher, der wohnt bei seinem Vater. Sie wirkt erleichtert und möchte Fotos zeigen. Ein lost place, mitten im Dorf. Man braucht tatsächlich nicht viel Fantasie, um dort verschwundene Kinder zu vermuten.

Konfirmation und ein Ausflug

Man einigt sich für heute auf untentschieden. Es wird zu kalt in der schicken Klamotte. Diese letzte Runde Kubb lief über zwei Stunden, zweimal gings auf den König und dann doch nicht… eine Verabredung wird getroffen für irgendwann in diesem Sommer, auf dem Sportplatz, bis es entschieden ist. Was hatten wir ein Glück mit dem Wetter, niemand hätte letzte Woche damit gerechnet, dass man heute die halbe Party draußen feiern kann.

Als die letzten Gäste gegangen sind, stehen der Liebste und ich vor den Resten des Kuchenbuffets. „Da ist aber ordentlich was übrig geblieben“, sagt er. „Das war eine Torte mehr, als ich dachte und 10 Leute weniger“, sage ich. Oh. Alles ist wunderbar hin gekommen.

Schön war`s. High five.

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Verschiedene Erkenntnisse im Nachgang, wie bei jeder guten Familienfeier. In großer Runde werden manchmal Dinge sichtbar, die sonst nicht auffallen und umgekehrt.

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Wenn das Schiff wendet, lassen die dabei entstehenden Wellen die Sperrmauer überschwappen. Wann haben wir den Edersee das letzte Mal so voll gesehen? Ich kann mich nicht erinnern. Auffallend wenig Touristen. Anscheind beginnt das lange Wochenende erst nach dem ersten Mai.

Auf dem Sperrmauervorplatz steht jetzt ein monumentales Bauwerk. Im Inneren finden wir Touristeninformation und anscheind gibt es eine Ausstellung oder einen Film? über Sperrmauergeschichte auf der unteren Etage. Toiletten gibt es leider keine, dafür muss man einmal aussen halb ums Gebäude herumlaufen und ernsthaft? Einmal Pipi kostet 1 Euro, Kartenzahlung wird akzeptiert, sagt das Drehkreuz. Ich bin offensichtlich nicht die erste, die das befremdlich findet, denn an der Mauer links daneben hängt ein großes Schild auf dem steht „Hier bitte nicht pinkeln“. Ich zahle bar, bin aber von dem Preis/Leistungsverhältnis enttäuscht. Wir sparen uns die Ausstellung und gehen etwas abseits der Touristen-Hotspots Eis essen. Nächster Halt Strandbad. Der Liebste badet an. Ich gehe rein bis zur Bauchnabelgrenze und überlege es mir anders.

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Der Bus kommt mir entgegen, hundert Meter vorm Ortsschild des Nachbarortes, seufz. Natürlich ist die Baustellenampel rot, Maikind kommt mir entgegen in der Mitte der Baustelle, denn die Ersatzbushaltestelle liegt so, dass Fussgänger mittendurch müssen, auf dem Weg zur Anschluss-Bushaltestelle. Der Bus, kommt uns auf dem Heimweg wieder entgegen, in unserer Straße, 300m von der Haltestelle entfernt. „och guck“, sagt Maikind, den hater ja dann wirklich sehr knapp verpasst. Stimmt.

Aber, eine twizzy-Fahrt bei sonnigen 23°C macht deutlich mehr Spaß als bei 5°C mit Schneegriesel, soviel steht fest. Man riecht das frisch gemähte Gras, den Raps und Gülle, natürlich.

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Von heute auf morgen völlig verrotzt und allgemeine Erkältungssymthome, nichts geht mehr. Märzkind erwischt es zuerst, Julikind natürlich am Tag vor der Konfirmation, mich in der Woche danach. Am nächsten Tag geht es schon viel besser. Zum Glück. Aber, ein kleiner Rest bleibt länger und macht den Alltag etwas zäh.

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Birdrace ist ein bisschen wie goecaching. Man fängt aus Quatsch an und entwickelt Ehrgeiz. Wäre da nicht diese Erkältung gewesen, wir hätten leicht noch mehr Arten finden können, da sind Maikind und ich uns einig. Nur so vom Küchenfenster und von der Haustür aus betrachtet, kommen wir auf 12 verschiedene Vogelarten und werden mit diesem Ergebnis quasi Kreismeister – weil wir die einzigen waren, von hier. Verdammt, wir wollten alle beide keine Urkunde. Wer ahnt denn auch sowas.

Themenwoche Klamotten mit Blitz-Frühling

Neblig kalte 7°C sind als Ferienwetter ideal, um lange, lange aufgeschobenes zu erledigen.

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Wir schauen den Kleiderschrank des Julikinds durch. Da müsste eigentlich einiges zu klein sein, sie ist über Winter gewachsen. Nö. Im Gegenteil. Manches, was im Herbst knapp war passt wieder. Merkwürdig, aber erfreulich.

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Die riesige Plastikkiste, in der wir Klamotten für Flohmarkt sammeln, ist voll. Schneller als gedacht, könnten wir ja vielleicht schon den Frühlingsflohmarkt… je nach Wetterlage. Kiste auskippen, Preisvorstellungen machen, noch mehr Klamotten finden…

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Ich muss zwei bewährte Kleidungsstücke ersetzen, gerne ohne shopping Erlebnis. Im Online-Laden gibt Maßtabellen neben der Größenangabe. Ich suche ein Maßband und bestelle emotionslos ein T-Shirt Größe M und ein Top Größe 44/46. Beides passt einwandfrei. Tja dann, hab ich wohl drei Größen gleichzeitig, oder gar keine.

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Eine Socke reißt beim Anziehen, im Musterverlauf, oberhalb des Knöchels. Das hatte ich so auch noch nicht. Ok, die ist aus dem Socken-outlet-Laden, allerdings von einem Markenhersteller in einer Preisklasse wo man eine Haltbarkeit von mehr als fünf Monaten erwartet hätte. Funfact: die Socken mit tanzenden Lebkuchenmännern die von weitem auch als Blumenmuster durchgehen vom Kaffee-Discounter gehen in ihr zweites Jahr, ohne irgendwelche Ermüdungserscheinungen. Preis und Qualität haben nichts mehr miteinander zu tun.

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Ich ziehe mir normale, zueinander passende, saubere Sachen zum Einkaufen an. Also – wenn ich da jetzt so aufgedonnert hin gehe, dann müssen sie sich aber nochmal umziehen – sagen beide Mädels und verschwinden wieder in ihren Zimmern. Ich setze mich auf die Treppe und denke darüber nach.

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Das Prinzessinnen-Gen ist schwach in mir. All der Tüll und die funkelnden Steinchen, man fragt sich, ist es noch verrückt schon Wahnsinn, während man so in einem der mittig auf der Verkauffläche platzierten Aufbewahrungssessel für Angehörige sitzt. Aber die Show ist richtig gut. Der verantwortliche Fachverkäufer ist voll in seinem Element. Zwei Konfirmandinnen und eine Brautmutter probieren zeitgleich in verschiedenen Kabinen, bekommen jeweils passende Accessoires gereicht, werden nach getroffener Entscheidung in feiner Robe auf Socken rüber in die Schuhabteilung geschickt, kommen mit Schuhkarton zurück, werden wieder in Empfang genommen, Anruf in der Schneiderei, wenige Minuten später kommt eine Dame mit Nadelkissen am Arm, germurmelte Gespräche, dann ein Abholtermin, herzliche Verabschiedung, und alles wieder von vorne.

Zusammenfassend kann man sagen, es hat zweieinhalb Stunden gedauert, sich für das Kleid zu entscheiden, dass sie als allererstes anprobiert hat und ganz gut fand. Wir haben einen Abholtermin. Ich war tapfer. Die Mädels wundern sich, warum sie so hungrig sind, als wir den Laden verlassen.

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Freitag morgen Hunderunde bei 7°C und Nebel, wie immer. Nachmittags fühlt sich das Wetter schon ganz anders an. Am Wochenende ist Sommer: 25°C , strahlender Sonnenschein, Gartenarbeiten, Sonnencreme, draußen sitzen, Blütenexplosion überall, Freibadgedanken. Montag nachmittag steht Maikind verfroren unter dem kleinen Dach an Tor 2, als ich vorfahre. Heute morgen um fünf, als er los ist, war der Pulli angemessen warm. Jetzt nicht mehr. Dienstag morgen Hunderunde bei Sonnenschein durch herrlich frisches grün und an blühenden Hecken vorbei. Ich ziehe die Kapuze hoch und zum Glück war da noch ein paar Handschuhe in den Jackentaschen. 4°C und Wind. Durchschnittlich war dann wohl Frühling, diese Woche. Naargh.

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Bestes Flohmarktwetter, kurzentschlossen packen Märzkind und ich alles ins Auto. Aufbau war ab 7 Uhr, als wir um zwanzig vor acht ankommen, gibt es eigentlich schon keinen Stellplatz mehr. Man improvisiert. Wir verkaufen ganz gut, kommen aber auch zu verschiedenen Erkenntnissen, so über Vormittag. Ist ja alles auch immer zu Studienzwecken, mit angehender Sozialarbeiterin. Das Ziel war, mit weniger wieder nach Hause zu fahren und wir wundern uns am Ende, wie gut das geklappt hat. Märzkind hat ein paar Ohringe gekauft und ich tatsächlich garnichts. Noch nicht mal was aus irgendeiner verschenke-Kiste gekramt.

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Wenn der Vatta und ich zusammen sitzen und sonst keiner im Raum ist, tauschen wir gern Netzwerkinformationen aus dem gesundheitlichen Bereich. „Samma, weißt du, wieso der Menne im Krankenhaus ist?“ „Der Menne ist im Krankenhaus?“… es gäbe eine mögliche Erklärung, die wäre schlecht. „Der Herr E. ist verstorben, weißt du woran?“ „Welcher Herr E.?“ „Der- gestern“ „Ach. Du. Scheiße. Nee, weiß ich nichts“ wir schweigen einen Moment. „Ach, un de Elfriede hat Lungenkrebs, übrigens, ging ihr nicht so richtig gut, dachte man sich, dass was ist, aber… das dann doch nicht, eigentlich“. So, und schon liegt wirklich jedes „Problem“ wieder innerhalb der Komfortzone.

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Zack, drei Wochen Osterferien rum.

Ostern und verschiedenes

Der Hund hat nicht geheult, heute morgen um halb sechs, ist nicht abgehauen beim Spaziergang, hat was gefressen und gerade sehe ich ihn zum ersten mal seit drei Tagen schlafen. Herrlich. Meine Nerven hätten auch keinen einzigen Tag länger gereicht. Genaugenommen hatte ich schon nach Tierarztpraxen gesucht, die Kastrationen durchführt.

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Eine Mutterkollegin und eine Freundin des Julikinds bringen Blumen, Schokolade und herzlichen Dank fürs Mitnehmen zur Konfirmandenstunde. Wow, ich freue mich. Dann aus dem Nichts ein ehrliches Gespräch unter mehrfach-Müttern. Wir sind ein bisschen froh, dass es unsere letzten Konfirmationen sind.

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Saharastaub in der Luft lässt mich an meiner Unsterblichkeit zweifeln. Alles geht, wenn überhaupt nur langsam. Der Rest der Menschheit atmet, ohne irgendeinen Unterschied zu bemerken. Tja. Schöner rosa Sonnenuntergang aber, dass muss man sagen.

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Zum Osterfeuer gehen wir alle zusammen, kommen aber zu unterschiedlichen Zeiten nach Hause.

Eigentlich habe sie ja nur bis zwei Uhr wach sein wollen sagt Julikind beim Frühstück, „aber dann…und ich schwöre, das ist wirklich passiert, hat der Zeiger der Uhr sich auf einmal von selber bewegt und es war drei“. Alle anderen nicken, Zeitumstellung, war angesagt. Diese Stunde Schlaf wird der kleinen Eule in jeder einzelnen Nacht fehlen bis Oktober oder so. Alle Jahre wieder.

Eier wurden gefärbt, versteckt, gesucht, gefunden – sogar eins mehr als gedacht, kurzer check, aber ja, sind tatsächlich alle von diesem Jahr, da hatte der Hase sich wohl verzählt. Eierwerfen fand im Rahmen eines Geburtstags-Osterkaffee-Spaziergangs in großer Runde statt. Es ist tatsächlich nur eins kaputt gegangen und das wurde mit der Hundeball-Schleuder geworfen. Dann ein Jogginghosen und Sofa Feiertag, leicht verkatert von soviel Verwandten-Präsenz, aber es war ein schönes Ostern mal so ganz ohne Corona.

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Ein seltsamer Drei-Tages-Schnupfen zieht seine Runde durchs Haus, wie immer erwischt es drei von fünf, diesmal hatte ich Glück.

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Die Leute reisen wieder, aber sowas von. Im alljährlichen Reisepostkarten-ersetzende-Statusmeldungen-Bingo, dass nur in meinem Kopf stattfindet, konnte ich schon die Felder für „diese Luftfeuchtigkeit, gehste kaputt bei“ , „Schriftzüge am Strand von Fuerteventura“, „diese Hitze, gehste kaputt bei“ und „die Schaukel am Strand der Malediven“, abhaken. Es ist gerade mal März. Direkt am 2. April sitzen morgens um halb neun schon leicht zerknitterte Trekkingtouristen mit erkennbar neuer Ausrüstung im Bushäuschen. Saisonstart. Als würde man vom Ikearestaurant aus zusehen, wie Leute ihre Autos beladen, ich finds toll.

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Normalerweise drängelt der Hund um diese Zeit längst zum Spaziergang. Heute gräbt er die Nase in seine Decke und tut so als würde er schlafen. Das liegt nicht nur an der Zeitumstellung. Der Regen klopft sacht ans Fenster, die Welt draußen ist im Nebel versunken, man hört den Wind im Kamin und das Thermometer zeigt 7°C. Schnauze voll, da könnte gerne mal ein bisschen Frühling kommen.

vor Ostern 2024

So groß ist das Internet eigentlich garnicht. Maikind muss eine Präsentation schreiben zu einem Thema, das recht speziell zu sein scheint. Fachlich kann ich leider nicht helfen. Aber, ich hätte ein paar 90er Jahre Problemlösungsstrategien auf Lager und mache Vorschläge, alle unpraktisch und zeitaufwendig.

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Es dauert eine Weile bis uns klar wird, was hier eigentlich das Problem ist, aber dann ist die Lösung ist einfach. Ich erkläre Julikind den Aufbau einer Tageszeitung in Papierform anhand eines Beispiels, das sie aus dem Großelternhaushalt besorgt hat. Artikel, Reportagen, Meldungen, Anzeigen… „Aha, ah, achso“, sagt das Kind in wissenschaftlich interessiertem Tonfall, „und wozu?“, möchte sie wissen. „Wozu was?“, frage ich. „wozu braucht man das?“ ich gucke fragend, sie deutet auf die Zeitung, „zur Information“, sage ich, „Hääää?“ fragt sie, in dem Tonfall, der das gesamte Universum in Frage stellt. „war früher so“, erkläre ich, aber warum das Teil ihrer Deutscharbeit sein wird bleibt ein Rätsel. „Die tun immer so als müssten wir nach dem Schulabschluss im 20. Jahrhundert leben“, sagt Julikind und verlässt kopfschüttelnd den Raum.

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Tja, äh, Jahrgang 1982, ich hab vom letzten Jahrhundert fast genausoviel mitbekommen wie von diesem. Bei Fragen zu alten Kulturtechniken – einfach melden. Manchmal siehste sie nicht kommen, die Alterungsmomente.

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Märzkind läd Großeltern zum Geburtstags-Grillen. Alle freuen sich und kommen gerne. Herrliches Frühlingswetter haben wir an diesem Tag, genau wie bestellt. Feiern ist allerdings nicht mehr so einfach mit den Ur-Omas. Man wird das Konzept anpassen müssen, irgendwie, demnächst.

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Auf diesem Parkplatz hab ich so einiges an Wartezeit verbracht in den letzten Jahren. Ich kenne diesen Ausblick mit Schneegestöber, Vogel zwitschern, bei flirrender Hitze und mit bunten Blättern im Sturm. Kurz mal in mich reingehorcht ob mir das Fehlen wird? Nein, wenn ich ehrlich bin, eher nicht. „Meine“ letzte Konfirmandenstunde.

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Einen richtig schönen Vorstellungsgottesdienst haben sie vorbereitet. Sind alle gewachsen in dem einen Jahr. Aus Kindern werden Leute, sagt die Oma immer, recht hat sie.

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„und du so?“, fragt Märzkind. „ganz üble Aufschieberitis wegen Konfirmationseinladungen, gerade“, gebe ich zu. Julikind hat endlich eine Entscheidung getroffen, es ist auch alles da, in Einzelteilen, man müsste unbedingt, aber ach… Oh, da könnte sie aber sehr gerne bei helfen, weil sie hat ihrerseits gerade ganz üble Aufschieberitis wegen Lernen für Klausur. Das passt ja, zu zweit geht es schneller und ist sogar irgendwie gemütlich, tiefschürfende Gespräche bei stumpfsinniger Tätigkeit.

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Riecht es hier…..? Ja eindeutig. Handlung erforderlich. Auf halber Treppe nach oben fällt mir auf, dass es wohl sinnig gewesen wäre den kleinen Feuerlöscher, der für solche Momente neben der Kellertreppe steht gleich mitzunehmen. Ich öffne Zimmertüren zwecks sensorischer Überprüfung. Nichts. Das kann nicht sein. Ich drehe eine zweite Runde, langsamer und aufmerksamer, aber da ist nichts. Merkwürdig. Drei Tage später stelle ich fest, das der Föhn nur noch kalt föhnt, egal welche Einstellung man wählt. Ich erkundige mich, ob das sonst noch jemandem aufgefallen ist. Nee, aber das da vielleicht was nicht mit stimmt, habe man sich neulich schon gedacht, als da vorne Funken rauskamen. Aha.

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Boar, wieso riecht das hier so….? Handlung erforderlich, man kann sich denken wo, aber nein, beide Toiletten spülen ganz normal ab. Merkwürdig. Es dauert einen Moment, dann gluckert es in der Badewanne. Wurks. Ich nehme sämtliche Kleidung die da über den Badewannenrand hing, trage sie am ausgestreckten Arm Richtung Waschmaschine und starte eine Ladung völlig unsortierter Wäsche, führe dann einfache Klempnertätigkeiten aus und habe das Bad schon fast fertig geputzt, bevor noch jemandem auffällt, dass es hier irgendwie so riecht, als müsste man mal gucken…

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Beginn der Osterferien. Endlich. Schon. Oder so, kein richtiges Zeitgefühl, dieses Jahr.

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Ein verwunderter Blick aus dem Fenster: Es schneit. Vorgestern haben wir im T-Shirt draußen gesessen, ich habe die dicksten Winterjacken auf den Dachboden getragen und Allergietabletten bereit gelegt. Heute drei Grad und dicke weiße Flocken, nicht nur ein Schauer, es schneit.

Komplizierte Belanglosigkeiten

Wenn ich gewusst hätte, wie sehr ich mich über diesen aufgeräumten Kellerraum freuen würde, hätte ich das vielleicht schon viel eher gemacht. Theoretisch. Man kann jetzt, mal gerade, einfach so, vom Eingang aus, drei kleine Schritte bis ans hinterste Vorratsregal und wieder zurück gehen, ohne über irgendwas drüber steigen zu müssen. Feine Sache. Als ich das nächste Mal in den Kellerraum komme steht mittendrin der Honigrührer, daneben ein Hobbock und ein großer Kanister. Naargh. Andererseits dann doch wieder schön, dass das nicht in der Küche steht.

Wochenenden als regelmäßiges Freizeitkonzept sind ungewohnt, aber nicht schlecht.

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Der Muttichat im Vorlauf zu diesem Termin ist legendär schnell eskaliert. Auf halben Weg zur Kirche bleibe ich einen Moment stehen und überlege ernsthaft, ob ich nochmal zurückgehe um Schnaps zu holen, entscheide mich aber dagegen, aus Zeitgründen.

Als ich ankomme läuft schon ein Gespräch. Es gibt Besonderheiten in diesem Jahrgang und die betroffene Mutterkollegin spielt mit offenen Karten. Ein Konfirmand befindet sich in Therapie, es gibt Fortschritte, aber, unmöglich zu sagen, ob er einen Gottesdienst mit Leuten und allem packen wird. Was dann passiert wirkt wie Magie. Die Mutter, die im chat auf Krawall aus war, teilt eine kleine Geschichte aus ihrem Leben. Aaaaha. Das erklärt einiges. Man äußert gegenseitiges Verständis und Hilfsbereitschaft, bei – äh, was auch immer, bitte einfach sagen. Es folgt das entspannteste, kompromissbereiteste Kirchen-Dekorations-Gespräch aller Zeiten. Wir wundern uns nachher selber. Die neu geschaffene Barrierefreiheit für mental-health-Sachen tut allen gut, denn, wenn man ehrlich ist hat im Moment niemand wirklich alle Latten am Zaun.

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Zum Saisonstart festgestellt, dass mein Fensterputzmittel-Zusatz fast leer ist, beim Einkaufen wieder dran gedacht, aber nichts gefunden. Nicht in den Drogeriemärkten, nicht in den Vollsortimentern, nicht im Profi-Reinigungs-online-Geschäft. Merkwürdig. Vielleicht – und da komme ich tatsächlich erst jetzt drauf, mal den Produktnamen googeln. Ach guck. Glycerin ist nicht mehr Putzmittel, sondern Pflegemittel für Gummidichtungen gleiche Verpackung aber jetzt als Kfz-Zubehör. Ich bitte den Liebsten ein Fläschchen mitzubringen, wenn er demnächst Sommerreifen kauft, ist nicht eilig. Er hört anscheind nur halb zu. Am nachmittag des nächsten Tages teilt er mit, der junge Mann im Kfz-Laden habe nicht gewusst, was er wollte und ihn nach Datenbankrecherche an den Bastelladen verwiesen. Im Bastelladen ist das Zeug allerdings Saisonware und die Schneekugelbastelsaison gerade rum, man hat ihn in die Apotheke geschickt. Da füllen sie einem das frisch ab, soviel wie man halt will. Ich hatte ehrlich keine Ahnung.

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Aus der laufenden Haushaltsauflösung landet eine größere Menge Wolle bei mir. Ich freue mich, dass man an mich gedacht hat, aber, so leid es mir tut, zwei Sekunden nachdem ich den Deckel des 80er Jahre Windelkartons geöffnet habe ist klar, das wird nix. Vorsichtig entnehme ich verschiedene Wollknäuel, die mit Sicherheit alle mal teuer waren. Eines fällt besonders auf. Es wirkt handgesponnen und war anscheind schon mal verstrickt. Jemand hat geribbelt und neu gewickelt und über Jahrzehnte aufgehoben, für den Fall des Falles, Kriegsgeneration. Einen Moment lang gedenke ich der vielen Arbeitsstunden und den Geschichten, die ich dahinter vermute. Dann trage ich alles Richtung Tonne. Hausstauballergie des Todes.

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Ganz vorsichtig kippe ich den Inhalt der Osterdeko-Kiste aus. Einiges ist angenagt, ich hatte es befürchtet. Um ein paar Teile tut es mir wirklich leid, aber, von den allermeisten trenne ich mich leichten Herzens. Diese Stimmung ruhig mal nutzen. Ich öffne weitere Kartons und fülle Müllbeutel mit Dingen, die die Mäuse erwischt haben, funktionslosen Einzelteilen und Sachen aus anderen Haushalten, die hier „zwischenlagern“ bis die Mülltonne voll ist, und die der Nachbarin und die von der Omma. Sehr gut fühlt sich das an.

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Hä? Was war denn hier los? Die Mülltonnen stehen nach der Abholung normalerweise fast genauso auf dem Bürgersteig, wie man sie hingestellt hatte. Diesmal nicht. An der neuen gelben Tonne ist ein Zettel befestigt, der mich darüber informiert, wie es in Zukunft „reibungslos laufen“ wird. Also, eigentlich lief alles prima, bis die angefangen haben zu optimieren, aber nun denn. Man möge bitte die gelbe Verpackungstonne mit der Deckelöffnung nach vorne an die rechte Straßenseite stellen. Das neue Fahrzeug, wird nur noch von einer Person gefahren und der automatische Greifer befindet sich an der Fahrzeugseite. Für optimale Abfuhrbedingungen ist auf einen Abstand der gelben Tonnen untereinander von 30cm zu achten. Alle anderen Tonnen werden old school abgeholt und sind daher wie bisher mit der Deckelöffnung nach hinten in einem Abstand von einem Meter zu den gelben Tonnen aufzustellen, sofern sie die gleiche Größe haben, ansonsten natürlich in Gruppen nach Größe sortiert mit einem Meter Abstand zwischen den jeweiligen Größen. Alles klar, mein Fehler.

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Der Liebste guckt aus der Haustür „samma, hattest du nicht Blumen umgetopft, gestern?“, fragt er. Stimmt. Ich stelle den Besen an die Hauswand und finde meinen Ehering in der Fingerkuppe des Gartenhandschuhes wieder. Nachdem seit einer Stunde alle mit mir gesucht haben, ich jedes einzelne Wäschestück der letzten zwei Waschladungen ausgeschlagen, die Wäschekammer aufgeräumt, die Laugenpumpe gereinigt, jede Jackentasche ausgekippt, Möbelstücke bewegt, hochkonzentriert 100qm Fussboden gescannt und mit chirurgischer Präzision die Einfahrt gefegt hatte, freut mich das wirklich. Sehr.

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Ich kippe passierte Tomaten zur Soße, mein Hirn spielt „stir it up“ dazu und ich muss ein bisschen schmunzeln. In einer zusammengewürfelten Damengruppe waren im Kino, der Film über Bob Marley lief. Die Musik kannte ich, aber der politsche Hintergrund war mir völlig neu und die Rastafari-Kultur irgendwie auch. Irgendwo auf dem Dachboden liegt die CD.

ach komm, geh weg KWs 5,6,7/2024

Heeejjj, mein linkes Nasenloch ist wieder luftdurchlässig, zum ersten Mal seit drei Wochen. Ich freue mich – solange bis mir klar wird, dass dafür jetzt das rechte, naargh…

Der Krankenstand im Haus liegt konstant bei 3 von 5. Personen und Symthome wechseln stetig. Mittlerweile hat jeder eine persönliche Definition von „gesund“. Man gewöhnt sich.

Die Hausapotheke muss neu gefüllt werden. Zum ersten Mal überhaupt wurden die im Herbst angelegten Medikamentvorräte aufgebraucht.

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Es gab mentale Herausforderungen an Arbeitsstellen, der Uni und in der Schule, zeitgleich natürlich, wie auch sonst. Das Meiste davon betrifft mich garnicht, eigentlich ist alles gut aber in der Summe… sitze ich in dem Zimmerchen, dass mal Abstellkammer war, gucke blade mate lawn care videos auf youtube. „Ach, hier bist du“, sagt der Liebste, schüttet kommentarlos frischen Kaffee in meine Tasse und geht wieder. Gut, dass ich den schon geheiratet habe.

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Montag morgen um viertel nach fünf begegnen sich zwei Welten. Der Liebste kommt gerade von der Superbowl-Party, leider haben die falschen gewonnen, aber macht nichts, ein richtig schöner Abend ist das gewesen. Fröhlich begrüßt er Maikind. Der antwortet mit einem Brummgeräusch, für ihn ist schon morgen früh.

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Also, ich kann gut um kurz vor fünf aufstehen und Sachen erledigen. Bis nachmittags um drei. Da lauert ein mittelgroßes Müdigkeitstief, das hatte ich vergessen.

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Die neuen Verpackungs-Müll-Tonnen sind genauso groß wie die normalen, wiegen gefülllt aber weniger. Es ist sehr windig draußen. Jeder, der das Haus betritt, weist mich darauf hin, dass das kein gutes Konzept sei. Man habe die Mülltonne, die zur Abholung an der Straße lag, wieder hingestellt und sämtliche verwehten Verpackungen von der Fahrbahn und aus dem Hang eingesammelt. „Sehr gut, vielen Dank, ich kann allerdings auch nichts dafür“. Wir tun Plastikmüll jetzt wieder in gelbe Säcke und die dann in die Tonne. Total nachhaltig, so liegt es später nicht in den Büschen und im Wald rum.

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Da sitze ich nun, im kalten Auto, ohne Geld und Datenvolumen. Das Glockenspiel im dekorativen Türmchen mitten auf dem nebelverhangenen Parkplatz spielt „Freude schöner Götterfunken“ zur Untermalung der Situation. Maikind findet mich, das ist schon mal gut. Fröhlich erkundigt er sich, wie es zu dieser Planänderung kam. Das ist schnell erklärt: Ich drehe den Schlüssel im Zündschloss, das Auto hüstelt leise. „Ah so“, sagt er, und ich hätte doch das öffentliche W-Lan nutzen können, während der Wartezeit. Gab keins. Doch sicher, er hält mir sein Display vor die Nase. Drei Stück, und noch ein paar von Leuten, aber das macht man ja nicht. Mein mobiles Endgerät weiß nichts davon und stellt sich stur. Der Liebste findet uns. Er bittet mich auszusteigen, damit er „mal gucken“ kann. Ich verlasse das Fahrzeug mit dem Hinweis, dass ich durchaus in der Lage bin festzustellen, dass ein Auto nicht anspringt. Er dreht den Schlüssel, das Auto springt an. Ja nee, ist klar.

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Die Nachbarin ruft an und fragt, ob eventuell von uns jemand heute vor 16 Uhr im Städtchen sei und sie mitnehmen könnte. Sie werde jetzt aus dem Krankenhaus entlassen und der Fahrdiest kann erst um 16 Uhr. Es ist elf Uhr vormittags. Ich würde sie abholen. Sie freut sich sehr und wird im Foyer auf mich warten, bis gleich. Dort ist sie nicht, als ankomme. Ich finde sie, abmarschbereit, aber offensichtlich nicht entlassungsfertig im Patientenzimmer. Nach einigem hin und her ist klar, es wird noch länger dauern, bis 16 Uhr, ungefähr, Fahrdienst ist bestellt. Die Nachbarin entschuldigt sich vielmals. Das hat sie falsch verstanden, da bin ich ja nun umsonst…hach. Nicht schlimm, versichere ich ihr und erkläre, wie es jetzt weitergehen wird. Essen, Arzt, Papiere…. Ach so. Sie setzt sich an den Tisch, rückt das Mittagessenstablett darauf zurecht und stellt ihre Tasche auf den Boden. Ein Einkaufsbeutel vom Discounter, darin ist ein Nachthemd, sonst nichts. Sie ist seit drei Tagen hier.

Nachdenklich fahre ich wieder nach Hause.

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Eine Email zur Information der Erziehungsberechtigen. Sehr viel Text und vier Anhänge lassen sich ganz einfach zusammenfassen: Eltern haben das homeschooling beendet, die Blagen sind 13, da geht nix mehr. Die Schule ist entsetzt. Keine Arbeitsmoral, keine Leistungsbereitschaft, leider wird so niemand die Abschlussprüfung schaffen, man möge seine Brut disziplinieren oder wahlweise das Problem mit Geld bewerfen, bei Fragen oder Anregungen könne man sich natürlich melden. Tjaaaa, dann, formuliere ich doch noch mal ganz sachlich, und so freundlich und wertschätzend es mir nur möglich ist, genau das, was ich auf dem Elternabend schon gesagt hatte. Im Grunde lässt es sich mit einem legendären Filmzitat zusammenfassen: „Chantall! Heul leise.“

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Da läuft eine Haushaltsauflösung es gäbe Sachen zu verteilen. Danke, aber eher nein danke. Märzkind fährt „mal gucken“ und findet Schätze in Ur-Omas Kleiderschränken. Total stylisch das alles.

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An einem Morgen gehe ich die Hunderunde mit dicker Jacke, Handschuhen und Mütze auf gefrorenem Boden. Über Nacht wurde anscheind ein Schalter umgelegt. Am nächsten Tag 10°C und Vogelgezwitscher rund um mich herum. Normal ist das nicht, aber soll mir recht sein.

Gedanklicher Beginn der Bienen-Saison, Mitte Februar.

Winterwetter und der Einschlag Teil 2,6

Erst war es nur so eine Ahnung, dann ein Verdacht, ich habe gesucht und gefunden, leider. Mäuse wohnen auf unserem Dachboden, mehrere. Vorsichtig sichte ich Kartons. Es tut mir wirklich leid, andererseits ist die Entscheidung ganz leicht, da ist nichts mehr zu retten. Ich trage Dinge von emotionalem Wert, angefangene Nähprojekte und Sommerkleidung nach unten, bis die Restmülltonne voll ist.

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Auf allen Kanälen wird ein Unwetter angekündigt, bis zu 45 cm Schnee sollen fallen, allerdings erst ab Mittag, normaler Start in den Tag, erstmal abwarten. Tatsächlich fängt es gegen eins an, mit aller Entschlossenheit zu schneien, ohne Umwege fallen die Flocken aus den Wolken auf den Boden. Gegen drei lohnt es sich schon, mal die Einfahrt frei zu schaufeln, und um fünf und um sieben… Ein Unwetter-Gefühl kommt trotzdem nicht auf, dafür ist es zu leise.

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Sonntag morgen gehe ich eine große Runde mit dem Hund. Richtig schön ist es draußen, kalt und weiß. Die Spuren im Schnee verraten, wer hier noch alles hergelaufen ist, das sieht man ja sonst garnicht. Also, das Hirsche ein Stück größer sind als Rehe war ja klar, aber, einen Moment bleibe ich beeindruckt vor der Spur stehen, die den Wanderweg im Wald kreuzt. Da fragt man sich, wie die auf so riesen Füssen so leise laufen können.

Als ich nach über zwei Stunden den Berg wieder hoch stapfe, kommt mir aus dem Nichts eine Erkenntnis. Ich sage mir selber ein paar ehrliche Worte und beglückwünsche mich anschließend. Erfolge ruhig auch mal feiern. Bei der letzten Erkenntnis dieser Art saß ich heulend auf der Kellertreppe.

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Über Jahre waren die Damen in der Ortsmitte Teil meines Alltags. Auf dem Weg zum Kindergarten ist man immer mindestens einer von ihnen begegnet, so wie alle anderen auch. Soziale Medien in der unplugged Version, quasi. Drei von ihnen sind innerhalb der letzten Wochen verstorben. Sehr unterschiedliche Trauerfeiern waren das. Einmal klein, mit eindeutig wenig Geld, aber in liebevoller Erinnerung. Einmal sehr herzlich, die Kirche voll wie an Weihnachten mit Anschlusskaffee für geladene Gäste – und einmal bin ich nach Hause gegangen, mit dem Gefühl, dass es doch wirklich eine gesellschaftliche Errungenschaft ist, dass Leute die keine Kinder möchten, heutzutage keine haben müssen.

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Über Nacht ist das ganze Winterwonderland weggetaut. Beeindruckend.

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Die Waschmaschine macht Geräusche. Das Ende ist nahe, ob man vielleicht, wegen Lieferzeit besser schon mal?, frage ich den Liebsten. „Ach was“, sagt er, „wenn man so mit der Hand drauf drückt, beim Schleudern, dann hört das Geräusch auf.“ Stimmt.

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Sie fühle sich eigentlich nicht richtig krank, sagt Märzkind, andererseits aber doch krank genug, um ihre Schicht vielleicht lieber abzusagen. „Mach doch mal n Test“, sage ich reflexartig. Wir stellen fest, dass die allermeisten unserer eingelagerten Tests abgelaufen sind, ob die wohl noch was anzeigen? Ja. Tun sie. Zur Sicherheit noch einen frischeren hinterher. Es bleibt dabei. Och guck. Damit hatten wir ehrlich gesagt nicht gerechnet. Ich rufe Maikind herbei, denn ich hätte eine Idee, woher seine Kurzatmigkeit kommen könnte. Negativ, aber das macht es leider nicht besser. Zusammenfassend hatten wir ab da dreimal Covid, eine Virusinfektion der Atemwege, die aber wesentlich schlimmer verlief und länger gedauert hat als die aktuelle Corona-Variante, einmal Magen-Darm, einmal Nasen-Nebenhöhlen, und eine Person, die die ganze Zeit über gesund war. Spoileralarm, ich wars nicht.

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Ich schlage das Januarblatt am Kalender um. Kann weg.

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Man hat mich zu der Elternwhattsapp-Gruppe mit dem Titel „Konfirmation 2024“ hinzugefügt. Stimmt, da war ja was. Und nächstes Jahr April ist demnächst schon. Leicht erhöhte Pulsfrequenz. Obwohl, doch nicht.

the final countdown, Jahreswechsel 23/24

Der Tisch ist für 13 Leute gedeckt. Das vergangene Jahr hatte Herausforderungen für wirklich jeden von uns. Alle sind nervlich etwas zerfleddert und müde. Als Gastgeber kann man nur hoffen…

Die Oma aus dem Städtchen, die selber herfahren wollte, damit niemand Umstände hat, ist dann wohl nicht aufgetaucht. Hier nicht, im anderen Enkel-Haushalt mit Weihnachtsveranstaltung nicht, in ihrer Wohnung scheint sie nicht zu sein und das Mobiltelefon klingelt ins Leere. Ich treffe Märzkind und den Liebsten auf dem Flur. In knappen Worten besprechen wir das weitere Vorgehen, Katastrophen-Routinen, gelernt ist gelernt. Da klingelt das Telefon in meiner Hand. Die Großtante hat die Oma gefunden, der Liebste holt sie ab. Ich informiere den Cousin. Nichts passiert. Weitermachen.

Schnitzel, Salate, Käseplatte, gefüllte Eier. Jeder hat etwas mitgebracht, deshalb schmeckt jedem irgendwas. Lob und Anerkennung, gemeinsames Abräumen, Fressstarre. Dann spielen wir „mal eine Ente“ und vier Generationen haben Spaß. Da sind wir, ehrlich gesagt, alle ein bisschen überrascht. Anschließend Bescherung und Gemütlichkeit in der leicht chaotischen weihnachts-Edition. War gut.

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Kopfschmerzen und Krankheitsgefühl, Test negativ, also Schmerzmittel und Feiertag.

Schwiegermutter hat geladen und alle sind gekommen. Auch hier spürt man mehr Jahresend-Erschöpfung als „o du fröhliche“. Ein bemerkenswert oberflächliches Fest, aber nicht schlecht.

Zweiter Feiertag, Reste essen und Sofasitzzeit, zum Glück, mehr wäre nicht gegangen.

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Am 27. fange ich vorsichtig an, Advents-Zubehör und Weihnachtsdeko wegzuräumen. Es fällt anscheind niemandem auf. Irgendwann steht nur noch der geschmückte Baum.

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Märzkind und ich haben das gleiche Klamotten-Problem. Eine Bestandsaufnahme könnte helfen. Wir hätten Zeit und Lust auf so eine Aktion wird nicht kommen. Nun denn. Wir treffen uns im Zimmer des Julikinds, wegen Platz und großem Spiegel, mit allem, was wir an Kleidung besitzen (außer Unterwäsche und Socken). Zwei Stunden später gibt es einen Stapel für Flohmarkt, einen für Spenden, einen kleinen, der direkt in die Tonne kann und eine Einkaufsliste. Das war gut.

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Maikind möchte Sylvester feiern, mit Leuten. Er organisiert selbst. Julikind läd eine Freundin ein. Die Jungs fahren einkaufen, Pyrotechnik und Schweineschulter. Der Liebste macht pulled pork und Salat. Vorbereitungsgewusel im Haus, vier Leute werden übernachten.

Ich begleite die Konfirmandinnen zum letzten Gottesdienst des Jahres. Die Kirche ist gut besucht. Auch hier liegt ein Hauch von Jahresend-Müdigkeit in der Luft, aber, nun gut, geben wir dem nächsten eine Chance und bevor wir gehen, hören wir das Orgelnachspiel. Ich kenne dieses Stück, aber, ich komme nicht drauf. „Was ist das?“, frage ich Julikind, die neben mir sitzt. „na, das ist dieses *düüüüdüüüüdüüüüüüü. dü dü düüü* “ „Ach was“, sage ich. Wir lachen leise, wissen aber beide, dass es uns für den Rest des Abends nerven wird, sollten wir nicht drauf kommen. Ha! „it`s the final countdown…“ bei Beginn der zweiten Strophe fangen wir zeitgleich an zu singen, das ist dann leider so laut, dass Julikind mich in die Seite stupst, wegen peinlich, weswegen ich lachen muss, auch peinlich. Fröhlich summend gehen wir nach Hause *dü dü düüüü düü*

Es läuft football den ganzen Abend. Passt schon.

Um zehn vor zwölf kommen die Mädels aus dem Zimmer, wir drehen den Fernseher sehr laut, damit der Hund möglichst wenig mitbekommt vom Geböller, ziehen warme Jacken an und gehen, ausgerüstet mit einer Flasche Sekt in den Garten. Dort treffen wir auf die Jungs, die ihre Party in der Ferienwohnung feiern. Feuerwerk. Er geht dann mal den Nachbarn frohes neues wünschen, sagt der Liebste. Ich hab Jogginghose, murmele ich, aber egal. Zwanzig Meter weiter den Hang hoch hat man tatsächlich nochmal eine andere Aussicht. Richtig schönes Feuerwerk. Wir bleiben, bis beide Flaschen Sekt leer sind. 2023 kann ruhig weg, sind wir uns einig. Aber 2024 die erste halbe Stunde war schon mal gut.

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Der gute Vorsatz für dies Jahr ist, Sachen mal wieder in die Reihe zu bekommen. Ein Vor-Corona-Organisations-Niveau wäre wünschenswert. Tschakka.

Och guck, wenn man am zweiten Januar in der Frauenarztpraxis anruft, um sich einen Termin für Kontrolle zu machen, hat man sogar Auswahl. Frei wäre 8.45 Uhr oder 10.30 Uhr. Am zwanzigsten… bestimmt hab ich mich verhört und frage nach…“August?“ „Ja richtig“, sagt die Dame am Telefon. „dann 8.45 Uhr“, sage ich.

vor Weihnachten, 2023

Eine kleine Ecke Tapete ist lose. Es stört eigentlich nicht, wird aber allmählich erkennbar größer. Der Liebste zupft ein wenig daran, um festzustellen, welches Klebematerial wohl geeignet wäre, um den Schaden zu beheben. 18 Kilo Spachtelmasse haben in das Loch gepasst und der Weihnachtsbaum steht vor einer ganz frisch tapezierten Wand, dies Jahr.

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Die Konfirmandenstunde wird nicht lange dauern, heute, sagen die Mädels. Ich habe ein paar Kleinigkeiten zu erledigen, im Groß-Dorf und würde dann einfach warten. Schweigend und sichtlich berührt steigen die drei nach einer halben Stunde wieder ein. Ich regle die Radiolautstärke runter und frage vorsichtig, wie es denn gewesen sei. „Traurig“, sagt Julikind. Die andern beiden nicken nur und schlucken. Fast hätte sie geweint, flüstert eine Freundin vom Rücksitz, als wir aus dem Ort rausfahren. „Einer von den Jungs hat geweint“, murmelt die andere, „einer von den Pfarrern auch“, und es liegt nichtmal ein Hauch von Spott in dieser Bemerkung. Die Konfirmandengruppe war gemeinsam am Grab und hat anschließend die in der Kirche eingerichtete Gedenkstätte besucht. Beides war beeindruckend und nötig, denn diese Jugendarbeiterin war Teil der Gruppe und sie wird fehlen.

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„Ach, äh, sie machen dann übrigens doch das mit dem Wicheln morgen, ne?“, sagt das Kind abends um halb neun. Während ich so durchs Haus laufe und Wichtelgeschenk zusammenbaue fällt mir auf: Das ist tatsächlich die erste Elternsache, diesen Advent. Keine Schulweihnachtsfeier, keine Chorveranstaltung, Sportevent, Krippenspiele, Mitbringbuffets, Weihnachten im Stall, noch nicht mal Muttitaxifahrten zu Weihnachtsfeiern irgendwo. Nix. Witzigerweise fühlt es sich dadurch viel weihnachtlicher an, finde ich und erzähle dem Liebsten von meiner Beobachtung. „Zeiten ändern sich, dafür waren wir jeder auf drei Beerdigungen, im Advent“, sagt er. So hatte ich das noch garnicht gesehen.

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Maikind hat seinen ersten Urlaub und freut sich sehr. Einen ganzen Vormittag lang backt er Plätzchen. Das ist für alle gut.

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De Omma hat Plätzchen gebacken. Es gab Hilfsangebote, aber anscheind wollte sie lieber in Ruhe, man kann es sich nicht erklären. Wir unterhalten uns nett, wie jede Woche, zweimal hintereinander das gleiche Gespräch, fast wortgleich. Ich gehe mit einem mulmigen Gefühl nach Hause.

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Die Oma aus dem Städtchen ist eingeladen, zum Heilgen Abend, man würde sie gerne abholen, und natürlich auch nach Hause fahren. Das wird nicht nötig sein, sie fährt selbst, erfahren wir. Tja. Niemand hält das für eine gute Idee. Niemand hat die Macht es zu verhindern.

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Der Weihnachtsbaum in der Dorfmitte ist wirklich schön dieses Jahr. „Irgendwer hat da ein Händchen für Lichterketten“, sagt die Freundin, technisch interessiert, „dazu noch der Schnee, bisschen wie auf einer Postkarte“, sagt sie, jetzt mit der Weihnachtselfenstimme. „Njo. Stimmt. Ich gebs weiter“, sage ich und schreibe wirklich eine whatsapp an den, der das vermutlich gemacht hat, ohne mit einer Antwort zu rechnen. Kurze Zeit später erfahre ich, dass das eine Teamleistung gewesen sei, er habe ja nur die Hubbühne gefahren, Schmuck gebastelt und gelichtert hätten andere, aber, danke, man freue sich, wenn sich Leute freuen. Tja, da freue ich mich aber auch, wenn sich Leute so freuen, dass sich Leute freuen – und frage mich, ob ich wohl die Erste war, die da mal was gesagt hat?

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Schnee weg. Statt dessen dichter Nebel. Fast wäre ich an unserer Einfahrt vorbeigefahren, wobei gefahren fast schon das falsche Wort ist, für diese Geschwindigkeit, gerollt, eher. Dann stürmische Böen mit Regen, dann Dauerregen mit Hochwasserwarnungen in rot. Die Jacke wird bei der Hunderunde so nass, dass sie bis zur nächsten nicht richtig trocknet.

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Fupp. Strom weg.

„Haaalloooo?“ rufen die Blagen aus drei verschiedenen Ecken im Haus. Zwei wegen W-Lan, eins wegen Dunkelheit. In weiser Vorraussicht hatte ich mir die kleine Spinnenlichterkette von Halloween in die Küche gelegt. „Komme!“ rufe ich und hangele mich durch die Dunkelheit. Sie habe erst gedacht, es solle ein Scherz sein, sagt Märzkind, die sich sehr freut, als ich sie samt Spinnenlichterkette erreiche. Noch nicht mal ein Handy hatte sie dabei, im Keller, beim Wäsche aufhängen. Immer wieder erstaunlich, wie paddelig man sich im eigenen Haus bewegt, wenn es ungeplant so richtig dunkel wird. Überall. Mit Sturm, der ums Haus weht… Ein Mikroabenteuer.

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Während ich den Teller mit Plätzchen für ein Foto arrangiere, damit ich nächstes Jahr wieder weiß, was es dies Jahr gab, klingelt das Telefon des Liebsten. Als er an mir vorbei geht, schnappe ich ein „es ist nicht gut gegangen“ auf. Tja, als krönenden Abschluss unseres kleinen Eskalations-Adventskalenders, den wir dies Jahr hatten steht also Wasser in der Rohstoffhalle. Die Stimmung bessert sich erst wieder, als klar ist, dass da wirklich jeder alles gemacht hat, was ging.

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„Die Weihnachtsrunde“ ist aufgrund der aktuellen Situationen anders zusammengesetzt als üblich. Entweder wird das super, oder es erledigt sich von selber.

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Ich wünsche euch allen das bestmögliche Weihnachtsfest!

Herzliche Grüße