eine Adventswoche

Treffen um 9 Uhr im Tal. Endlich hat es mal gepasst, die Freundin und ich gehen eine Hunderunde. Es ist kalt, es ist matschig und es ist uns egal. Das Flüsschen führt viel Wasser, aber es sind noch alle Teile der Hängebrücke da, wir können die ganze Runde gehen. Früher, da hätte man um diese Jahreszeit Winterschuhe getragen, aber mittlerweile kommen einem zwei Stunden spazieren in Gummistiefeln völlig normal vor, stellen wir fest.

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Es dauert eine halbe Stunde, herauszufinden, dass es heute Bäume zu kaufen gibt und eigentlich niemand mit möchte. Das ist seltsam, passt aber in diesen Advent. Zu zweit brauchen wir kaum drei Minuten, um einen Weihnachtsbaum auszusuchen und fragen uns, ob das wirklich so einfach sein kann. Sicherheitshalber richte ich noch einen zweiten am Zaun lehnenden Baum auf. Der ist zu klein. Wir bleiben bei dem, den wir haben. Neben der riesigen Feuerschale wird kassiert, man begrüßt uns herzlich. Der Preis wird hier anhand von Markierungen auf einer Dachlatte ermittelt. Die Spitze unseres Baums ragt knapp aber eindeutig über einen schwarzen Strich. Die Verkäufer beraten sich per Blickwechsel. „Hätten wir mal besser die Astkiepe mitgebracht“, sage ich und meine es scherzhaft, der Liebste registriert, wie hier berechnet wird „na, na, na, nu aber“, sagt er, die Spitze wird er gleich in der Garage sowieso einkürzen, die Verkäufer grinsen, kassieren den Preis bis zum Strich und weisen darauf hin, dass der Liebste die ungenutze Spitze dann aber wieder bringen muss. Das sei ja wohl selbstverständlich, nur heute wird er es nicht mehr schaffen, ob es ausreicht, wenn er sie morgen in den Briefkasten wirft? Natürlich, da sei man kundenfreundlich. Ich fühle mich gut unterhalten. Und weil ein Weihnachtsbaumkauf länger als 10 Minuten dauern sollte trinken wir noch einen Glühwein, allerdings echt nur einen, auch wenn man uns versichert, dass solange geöffnet ist, bis die Leute nach Hause gehen.

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Aus einer gigantische Weihnachtsshow wurden zwei große Veranstaltungen hintereinander gemacht. Das ist eine enorme Verbesserung im Bereich Sitzkomfort und Unterhaltungswert. Wir haben das Glück, das beide Kinder bei der Abendverstaltung auftreten. Andere sind sitzen schon länger hier, man merkt es der Stimmung im Publikum an. Die dargebotenen Tanz und Turnaufführungen waren allesamt klasse. Beide Mädels stehen in ihren Teams vorne Mitte, leicht zu finden. Ich bekomme viel Lob und begeisterte Kommentare danach zu hören. Danke, danke. Ich fahre nur zum Trainung, Märzkind noch nicht mal mehr, aber danke, ich freue mich.

Nach zwei Stunden Weihnachtsmusik in krippenspielartigem Ambiente ist mein Merry Christmas-Akku auf null Prozent.

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Kopfschmerzen von einem Kaliber, dass mich überlegen lässt, ob eigentlich noch Coronatests vorrätig sind. Dann gehts wieder, einfach so. Am nächsten Tag ist es zehn Grad wärmer draußen. Das ist die Gelegenheit. Eine Stunde lang erledige ich liegen gebliebene Gartenarbeiten. Danach sieht es tatsächlich ein bisschen weniger traurig aus.

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10 Tage vor Weihnachten landen die obligatorischen „wünschen sie sich denn was?“ Anfragen bei mir. Ich verweigere den mental load und bin ein bisschen stolz drauf, wie leicht mir das fällt. Man möge Bargeld schenken, wenn man keine eigenen Ideen und/oder Lust auf Wunschgespräche hat.

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Die Covid-Saison wird eröffnet. Ich frage die Betroffene nach dem Befinden und bekomme einen ausführlichen Bericht des Gesundheitszustands. Jo, kenne ich alles. Denke ich, sagen tue ich das natürlich nicht. Da hat jemand, der Corona bisher als „leichten Schnupfen mit Kratzen im Hals“- kennengelernt hat mal die Vollversion erwischt.

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Julikind wird mit ihrer Hausarbeit fertig, um 20.30 Uhr am Abend vor dem Tag der Abgabe. Der Drucker druckt sie aus. Beim ersten Versuch. Wir halten einen Moment lang andächtig inne, zeitlich gesehen ist das der Familienrekord, ich hebe die Hand für high-five, „lieber erstmal gucken, ob auch alles dabei ist“, sagt sie. Es ist alles dabei. Erleichterung. Noch zwei Klassenarbeiten, dann Weihnachtsstimmung.

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Plätzchen gebacken, nicht viele, aber immerhin.

Aschenbrödel und Nikolaus

Man nimmt den Topf mit Kartoffeln vom Herd, geht zwei Schritte und schüttet das heiße Wasser einfach ins Spülbecken ab. Es ist toll. Ich freue mich heute zum zehnten mal, oder so darüber. Ein Spülbecken mit Wasseranschluss in der Küche ist so dermaßen praktisch. Nach dem Abendbrot räumen wir feierlich die Spülmaschine ein, drücken den Knopf und lauschen einen Moment andächtig ihrem Arbeitsgeräusch. Man müsste sich eigentlich albern vorkommen dabei. Tun wir aber nicht, kein bisschen. Die Arbeitsplatte ist auch wieder da. Man kann in der Küche stehend Dinge zubereiten, das vereinfacht die Arbeitsabläufe, es kocht sich wie von selber, also fast. Man hatte sich tatsächlich schon gewöhnt, an die provisorische Lagerung von Dosen, Tellern und Kleinteilen und zieht ständig die falschen Schubladen. Bisschen fusskalt ist es, so direkt auf dem Estrich aber irgendwas ist ja immer.

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So, da nun klar ist, in welchem Zustand sich der Hauptraum an Heilig Abend befinden wird, können wir anfangen, über Details nachzudenken. Wo soll denn der Baum stehen, dieses Jahr? Wo die Leute sitzen? Wir überlegen, zählen Namen an Fingern ab, diskutieren Eventualitäten und sich daraus ergebende Gehwege. Wahrscheinlich sind wir nur zu zwölft. Die Möbel können genau so stehen bleiben, eine zusätzliche Tischplatte rein, ein paar Stühle vom Dachboden und fertig. „Nur zwölf?“, der Neue schmunzelt ein bisschen, sie feiern zu dritt, sagt er.

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„Wo sind wir eigentlich?“, fragt Julikind auf dem Heimweg. „Irgendwo zwischen dem Nachbarort und zu Hause, aber so ganz genau weiß ich es ehrlich gesagt auch nicht“. Es geht nur langsam voran. Wenn man an einem Leuchtpfosten vorbei fährt kann man gerade so die Reflektoren des nächsten Pfostens erkennen und wirklich nur die. Wir unterhalten uns darüber, was Leute von woanders so meinen, wenn sie „Nebel“ sagen, sowas wie hier kennen die garnicht.

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Die Musik aus „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, gespielt vom Orchester, der Film läuft darüber auf Leinwand mit. Die Karten hatten wir bereits im Sommer gekauft. Ich war ehrlich gesagt skeptisch und daher auch nur mäßig aufgeregt, vorher. Aber, zu meiner Überraschung war das wirklich schön. Die Oper war beinahe ausverkauft, die Stimmung kulturell, kein merchandise, keine Plastikbecher. Eine interessante Mischung von Leuten im Weihnachtspulli bis hin zu russischen Damen in Abendgarderobe. Das Orchester war wirklich beeindruckend. Die Zugfahrt zurück auch, denn da war gerade ein Fussballspiel zu Ende gegangen. Es gab an dem Tag keinen extra Zug für die Fans, und der reguläre hatte laut Anzeige leider heute einen Waggon weniger als üblich. Frankfurt hat auffallend freundliche Fans. Aber, wie viele Leute wirklich in einen Zug reinpassen, das stellt man sich nicht vor, als Landei. Am Abend fühlt es sich so an, als wäre es eine ganze Reise gewesen.

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Uhhh ha, da war doch was. Am späten Abend des 5. Dezember schleicht der Nikolaus noch mal über den Flur und befüllt Stiefel. Die Kinder wundern sich am Morgen. Alle drei hatten es total vergessen. Ein Meilenstein. Da könnte der Nikolaus ja vielleicht in Rente gehen? Neee, neeee, neee, das nun nicht, sie waren einfach zu busy, sagen die Blagen.

Zwei kleine Nikoläuse kamen am späten Nachmittag zum Süßigkeiten einsammeln. Vielleicht fällt diese Tradition Halloween zum Opfer oder es liegt daran, dass der Bär jetzt früher rum geht. Der war gut gewickelt und hat so gebrüllt – „ein bisschen gruselt es immernoch“, sagt Julikind und fragt dann interessiert, wer denn drin steckt (im aus Strohschlangen massgewickelten Kostüm)

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Der Parkplatz, den wir als Haltestelle einer wöchentlichen Elterntaxifahrt nutzen wurde zum Großteil gesperrt, man baut eine Eisbahn auf mit Würstchenbuden und so. Eigentlich wollte ich die Wartezeit für Besorgungen in der Fussgängerzone nutzen, tja, dann nicht, Weiterfahrt zum Baumarkt mit Parkplatz.

Äh, hä? Einen Moment lang stehe ich leicht verwirrt vor dieser Drogeriemarkt-Produktinsel. Wo letzte Woche noch Nougatmandeln und Lebkuchen standen sind jetzt Konfettikanonen und Glücksschweinchen aufgebaut. Man möge sich mit Sylvesterkitsch eindecken – am Freitag vor dem zweiten Advent.

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Nach drei Tagen bei windigen 4°C und Regen von allen Seiten, fühlt sich eine Hunderunde bei 4°C ohne Wind und Regen unter blauem Himmel an wie Frühlingserwachen.

Besinnlichkeits-basics

Der Drogeriemarkt wünscht eine „Fröhliche Vorweihnachtszeit“, die Kinder fahren freudestrahlend zu einer „Winterausstellung“ bis nach Kassel, auf den abendlichen Autofahrten fallen zunehmend Sterne in Fenstern und scheinbar hastig angebrachtes Lichtergedöns in Vorgärten auf. Die Adventszeit wurde um 2 Wochen verlängert, man kann es nicht mehr ignorieren. Ich verlege meine weiteren Einkäufe ins digitale und schaue einen Moment lang nicht hin. Dann war Totensonntag und – anscheind hatte man sich doch zurückgehalten, bis zum tatsächlichen Beginn der Adventszeit. Lichtermeer, Dekotipps, Rezeptideen und Besinnlichkeitserlebnis-Abgebote, alles eskalkiert, wohin man auch sieht oder hört der Aufruf, man möge es sich jetzt verdammt nochmal gemütlich machen! Zeitgleich werden so viele Klassenarbeiten geschrieben wie nur geht, das Schulhalbjahr ist nach den Weihnachtsferien ja quasi zu Ende. Es tun sich Sachen an Arbeitsplätzen, die bis nach Feierabend in den Köpfen bleiben, Termine lassen sich nicht mehr länger aufschieben, Dinge müssen besorgt und Abläufe geplant werden. Es ist grau und neblig und kalt. Bisher, besser als letztes Jahr

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Eigentlich wollte ich hauswirtschaftliches erledigen, bräuchte allerdings Strom dafür. Der kommt und geht gerade. Die Herren suchen einen Fehler. Ich arbeite statt dessen an analogen Weihnachtsvorbereitungen und lausche dabei der Geräuschkulisse, die von Raum zu Raum wandert „das kann nicht sein“, „ist aber so“, „dann müsste“, „hä?“, „verdammte scheiße“. Besser als jeder podcast.

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Ein Sonntagsessen mit allen. Man sieht sich garnicht mehr jeden Tag, stellen wir fest.

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Wir bekommen ein Geschenk mit adventlichem Hintergrund einfach so und freuen uns darüber. Es ist tatsächlich schon das zweite mal, dieses Jahr, dass sowas passiert. Ein Hauch von Weihnachtsmagie.

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Schwiegermutter bringt ein halbes Blech Kuchen vorbei und bleibt zum Abendessen. Das ist ungewöhnlich. Wir haben es nett und wundern uns später alle ein bisschen, ohne genau zu wissen worüber eigentlich.

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Der Liebste telefoniert in Sachen Baustelle, denn wenn sich Firmen nicht in angesagten Zeitfenstern melden, braucht man auf garnichts warten, soviel haben wir gelernt, in den letzen Monaten. „Man wird den Auftrag ab KW 50 terminieren“, sagt er. Moment. Das klingt schön, sagt aber rein garnichts aus. Frage: In welchem Zustand werden sich Küche und Wohnbereich am 23. Dezember konkret befinden? „Oh“, sagt er nur, und telefoniert noch mal. Am Ende des Tages stehen wir zu viert in der Küche und lauschen andächtig dem Spülmaschinengeräusch. Ein Fest. 6 Wochen ohne Spülen liegen vor uns. Danach dann allerdings, ach… erstmal ist jetzt.

Vor-adventliches

Morgens um viertel nach sieben klingelt es an der Haustür. Punktlandung. Ich hab die matschigen Schuhe von der Hunderunde noch an als ich öffne. Zwei Männer laufen eilig über den Flur, Lagebesprechung in der Küche, Werkzeugkisten werden ins Haus gebracht. Der Hund guckt fragend. Die sind früher dran, als angesagt, wobei, eigentlich wollten sie schon gestern… Man muss es eben nehmen, wie es kommt, sage ich, richte ihm ein Ersatzquartier für heute vormittag ein, gehe Kaffee kochen und mache mich dann unsichtbar. Drei Stunden später ist diese Baustelle beendet und ich freue mich. Echt. Kurz fühlt es sich so an, als müsste ich einen Piccolo öffnen und selfies machen, mit dem neuen Balken. Stattdessen schicke ich Fotos in Familiengruppe. Man träumt von Weihnachten mit Wasser in der Küche, nach dem Essen einfach eine Spülmaschine beladen, abends den Knopf drücken und dann aufs Sofa.

Wenn es nicht ausdrücklich drin steht, sind Fachwerkbalken übrigens nicht Teil der Elementarschädenversicherung. Auch nicht, wenn der Grund des Schadends Leitungswasser war und Leitungswassser mitversichert ist, auch nicht wenn der Zimmermann und der Versicherungsmann im örtlichen Büro sich einig sind, dass das eigentlich nicht sein kann, bei einer tragenden Wand, in einem hundert Jahre alten Haus.

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Wenn ja jetzt so gut wie keine Möbel im Raum stehen, dann könnte doch der diesjährige Weihnachtsbaum endlich mal angemessen groß sein, bemerkt Märzkind. Sicher nicht. Dann aber wenigstens einen so einen richtigen Adventskranz. Ich deute auf das allgemeine Wohnzimmerambiente. Naaargh, sagt sie. Die Vorweihnachtszeit gilt somit als eröffnet.

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Problem: Die Aquaristikabteilung im Städtchen wurde geschlossen. Maikind und ich stehen staunend vor dem Aquarium, denn das, was man da beobachten kann, hätte wir beiden nicht vermutet. Zwei kleine Kugelfische verweigern das einzig verfügbare, extra für sie gekaufte alternative Futterangebot konsequent. Wenn sie eine Stirn hätten, sie würden sie runzeln. Wir überlegen hin und her. Die nächste Aquaristikabteilung liegt jetzt 60 Kilometer entfernt, aber genau neben diesem Baumarkt wohnt ein Arbeitskollege, sagt der Liebste. Der hatte selber mal ein Aquarium und hilft gern. Geht doch, sagen die Kugelfische.

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„Bewerbung schreiben“ wurde in der Schule so unterrichtet wie eh und je. Ich habe tatsächlich einen Moment gebraucht, um das zu bemerken. Seufz. Ich richte dem Kind eine mail-Adresse ein und erkläre wie man eine Email schreibt. Es ist eigentlich ganz einfach und die Antwort kommt schon am nächsten Tag. Julikind ergattert einen Traum-Praktikumsplatz, auch darauf könnte man anstoßen.

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Der Saal ist festlich eingedeckt für 300 Leute, im angrenzenden Wintergarten wird in weihnachtsmarktähnlicher Atmosphäre etwas aufgebaut, dass man umgangssprachlich als Fressbuden bezeichnen würde, nur eben in schick. Beeindruckend. Wo wir denn sitzen wollen, fragt der Liebste. Äh, wenn ich aussuchen soll, dann leicht seitliche mittige Mitte, weil der Zauberer wird am Rand anfangen, denke ich. Welcher Zauberer? Ich deute auf den Mann mit Frack und Zylinder. Ah so, sagt der Liebste, er habe sich eben schon kurz gewundert über dieses outfit, aber so im Vorbeigehen gedacht, es handele sich um einen Kellner vom diversen Geschlecht. Zu uns an den Tisch setzen sich 8 freundliche, mir Unbekannte, die alle konsequent den Blickkontakt vermeiden und intuitiv darauf achten, dass immer mindestens einer auf Klo geht, wenn der Zauberer den Tisch wechselt. Das Essen war gut, die Zauber-Bühnenshow danach toll. Super Mitarbeiterfest.

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Letzte Woche stand ich vor verschlossener Tür, diesmal bin ich vorbereitet. Ich wähle ihre Telefonnummer und es klingelt im ganzen Haus. Man hört die Zimmertür, schlurfende Schritte, noch eine Zimmertür, dann hebt sie den Hörer ab, meldet sich, fragt nach, und legt mit den Worten „na, dat kann do nit sinn“ wieder auf. Ich drücke die Haustürklingel und de Omma öffnet, das Telefon noch in der Hand. „Ach, das passt aber gut, sie war auf dem Weg zum Telefon, war aber keiner dran.“ Es fühlt sich an wie ein Klingelstreich und muss ein bisschen grinsen.

Staub, Nebel und Fische

Gleich können wir essen. Ich laufe ums Haus, um der verstreuten Familie bescheid zu geben, bleibe an der Ecke aber abrupt stehen. Wow! Märzkind und der Liebste haben eine Baustaub-Abluft-Anlage konstruiert, die offensichtlich funktioniert. Aus dem Wohnzimmerfenster im Erdgeschoss schießt eine hellbraune Lehmstaubfontäne , die sich über dem Gartenweg derart verdichtet, dass es fast schon wieder Wand ist und dann, einige Meter weiter oben sanft wabernd ins Universum zurück gleitet. Nachbars Garten, die Fenster im Obergeschoss, ach, lassen wir das.

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Ich habe eine Wartezeit zu überbrücken und es gibt eine Weihnachts-Einkaufsliste. Man kann die gleiche Süßigkeit zu Kilopreisen zwischen 16 und 32 Euro erwerben, im gleichen Laden, am gleichen Tag. Alle Jahre wieder bin ich ehrlich fasziniert davon, was Leute bereit sind zu zahlen, wenn tanzende Wintertiere oder Christbaumschmuck auf die Folie gedruckt werden.

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Ein sehr nettes und ehrliches Gespräch geführt, mit jemandem, der die gleiche Schweigepflichtserklärung unterzeichnet hat. Das mit der Kündigung war tatsächlich der direkteste Weg, in Echtzeit. Blöd gelaufen. Aus Gründen, die man nur ahnen kann, und deswegen vielleicht sogar ganz gut so, für mich, denn den Murks sehen und garnichts tun können, fällt schwer. Herzliche Grüße!

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Zwei Stunden Abhänge rauf und runter gelaufen, zwecks Apfelernte. In einer perfekten Welt hätten wir die Äpfel danach in halb gemütlicher Atmosphäte gemeinschaftlich geschreddert, gepresst, und den Saft heiß abgefüllt. Dieses Jahr übernimmt das die Mosterei.

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Im Wohnzimmer meiner Oma gab eine schuhkartongroße Kiste mit Plastik-Bausteinen. Darin Steine unterschiedlicher Größe, kleine Bauplatten, Dachziegel, Fenster…. ich hab ewig nicht daran gedacht, aber gerade werde ich nostalgisch. Man kann Einzelteile bestellen auf dieser Seite, natürlich auch Bausätze, zu verschiedenen Themen, Häuser, Tiere, Blumen…und, in der Unterkategorie „für Mädchen“ findet man eine Eisdiele, kleine Drachen – die gleichen Sachen wie in den anderen Kategorien, nur vorsortiert für Weihnachts-einkaufende Männer. Die Beschreibungen sind sachlich und die Preise völlig in Ordnung. Sehr sympathisch. Klemmbausteine.(Werbung unbezahlt und unbeauftragt,weil mich die testosteron triefenden Werbetexte des Marktführers genervt haben)

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Was eigentlich im Moment so im Kino läuft hatte ich gefragt. Kleinkindersachen, Teenysachen und… da habe sie aber im Studium endlich mal was alltagstaugliches gelernt, sagt Märzkind und erklärt mir das Krankheitsbild von „folie à deux“. Interessant. Und unheimlich. Der Joker ist dann vielleicht auch eher nichts für mich. Julikind und ich verbringen einen gemütlichen Abend im Kino bei einem Film über häusliche Gewalt. Kinokarten kosten sonnstags 11 Euro, ein kurzer Moment von wottsefack

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„Das Gesicht hätte man eigentlich mal fotografieren müssen“, sagt Maikind und freut sich. Er ist der Fahrer dieser Elterntaxifahrt, denn da wo Julikind hin will, wohnt auch sein Kumpel. Der kennt das Auto noch nicht und braucht einen Moment, bis er versteht, was er sieht, als wir vorfahren. Ob er denn mal mitfahren will? Will er. Nach wenigen Sekunden sind die beiden in technische Gespräche vertieft und haben mich auf dem Rücksitz vergessen. Am Ortsausgang muss ich mich leider kurz ins Gespräch einklinken: „Ihr habt ein Video geguckt? Wir fahren mit youtube-Bremsen?“ „Jo, sicher“, sagt er völlig gelassen.

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Durch bunten Blätterwald laufen wir einen Berg runter, ohne genau zu wissen, wohin. Man kann sich eigentlich nicht vorstellen, das da noch was kommt, und wird überrascht. Hinter einem Zaun liegen Fischteiche versteckt. Auf dem Gelände verteilt stehen Tische und Bänke, daran fröhliche Leute, die uns herzlich begrüßen. Im Stundentakt kommen 20 Fische aus dem Räucherofen und werden sofort serviert, auf einem Holzbrett, dazu richtiges Besteck und auf Wunsch Beratung über die richtige filitier-Technik. Ich weiß garnicht, wie es dazu kam, dass wir eingeladen wurden, ist aber auch egal. Der beste Fisch aller Zeiten, in idyllischem Ambiente, schön war das.

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Wo ich denn hin wolle fragt de Omma. „An die Tür, es hat geklingelt.“ Nein, das kann nicht sein, das hätte sie gehört. Dreimal laufe ich an diesem Nachmittag scheinbar grundlos zur Tür. Dreimal steht jemand davor. Hören kann sie noch alles, de Omma, sie sieht halt nur den ganzen Tag niemanden.

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Ich mache den Scheibenwischer an, ich feudele über die von innen über die Frontscheibe, drehe die Lüftung voll auf aber es ändert sich nichts an dem Ausblick. Bei uns vor der Haustür war es garnicht so neblig, das hat sich schnell geändert. Ich mache das Fernlicht an und kann so immerhin den nächsten Leuchtpfosten am Straßenrand erkennen. „Irgendwo hiiiiieeeer müsste, nein, doch nicht“. „da, neee, daaa“, sagt Maikind. Also, wenn man die Ausfahrt erst sieht wenn man vorbei fährt ist offiziell Herbst, sind wir uns einig. Zwei Stunden später wird es hell.

Licht und Schatten, Anfang Oktober

Man übermittelt mir ein alternatives Stellenangebot den Fall, dass sich ab Montag wirklich etwas ändern sollte. Doppelt so viele Stunden, doppelt so weiter Anfahrtsweg und ich zitiere „leider noch schlechter bezahlt“, was natürlich Gründe habe, die kurz erläutert werden. Das beantwortet nicht meine Frage.

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Donnerstag ist Feiertag. Beim Abendessen fragen wir uns gegenseitig, was wir eigentlich den ganzen Tag gemacht haben. Nichts.

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Der Vater vom Zauberer ist jetzt Hypnosetherapeut. Manche Sachen kann man sich nicht ausdenken. Herzliche Glückwünsche gehen ins Land der Friesen.

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Die neue Waschmaschine wird geliefert. Sie kalibriert sich und nimmt anschließend fast geräuschlos ihren Dienst auf. Einen Moment lang stehen wir staunend im Durchgang, kein Vergleich zum Sound der Alten. Man kann hier jetzt eigentlich ganz gut sein, ein Barhocker vielleicht noch, ein kleiner Klapptisch an die Wand… gibt auch gutes W-Lan.

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Diese Erkältung war nie richtig weg, wenn man ehrlich und jetzt lässt sie sich nicht mehr ignorieren. Ich schleppe mich durch den Samstag, nützt ja nichts. Alle anderen sind zum Hecken-Schneide-Einsatz bei Schwiegermutter.

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Ach, er hat dann übrigens gleich einen Termin, sagt der Liebste, beim Mittagessen am Sonntag. Das passt, sagt der Neue, er nämlich auch, da können sie gemeinsam fahren, Maikind kann leider nicht, er ist schon woanders verabredet, ihm sagt ja keiner was… wusste man ja selber nicht, manchmal ergibt es sich einfach und dann passt das… Spoileralarm: Autos kaufen ist eine Superkraft des Liebsten. Das macht der einfach so, nebenbei.

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Montag morgen, sieben Uhr, es wäre interessant zu wissen, ob es meinen Job noch gibt, denn gegebenfalls müsste ich mich gleich auf den Weg machen. Anfrage beim Auftraggeber. Eine ungewöhnlich lange Zeit kommt garnichts. Ich packe meine Tasche und wappne mich, für einen besonderen Tag. Dann erhalte ich doch eine Antwort. Ja, die Situation hat sich geändert, ich werde nicht länger gebraucht. Vielen Dank für die tolle Arbeit. Ich wünsche von Herzen alles Gute und meine es ehrlich. Wenige Minuten später erkundigt sich die, mit der ich vor Ort direkt zusammen gearbeitet habe, ob ich denn schon etwas gehört habe, ob wir heute kommen? „Auftraggeber sagt nein“, antworte ich. „gerade sitze ich hier und frage mich, ob mein Arbeitgeber davon weiß“. Zehn Minuten später kommt eine whatssapp vom Arbeitgeber. Du bist ab heute raus, aus dem Auftrag, bitte sag bescheid, ob du in die Alternative einsteigen möchtest. Ich brauche einen kurzen Moment. Das haben die doch mit Sicherheit am Freitag schon gewusst. Mit einem sanften innerlichen Klick löst Mental-Health-Sicherung aus. Nein, ich möchte nicht einsteigen.

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Der Triathlet klingelt und der Hund schlägt an. Da hat auch recht, sagt der Triathlet, und knuddelt den Hund, so lange wie er nicht mehr hier war. „Ich habe schon gehört“, sage ich und setze Kaffee an. Bei der Geschichte, die er zu erzählen hat, reicht Kaffee alleine nicht aus. Ich fülle eine Schale mit Spekulatius. Sein Bruder ist gestürzt, es gab eine unklare Formulierung in der Vorsorgevollmacht. Um die Betreuung offiziell übernehmen zu dürfen musste er eine Schufa-Auskunft und ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Natürlich, man versteht den Sinn dahinter, aber – zwei Wochen hat das gedauert, eine Ewigkeit, wenn jemand auf Intensiv liegt. Dann Grundbucheinträge besorgen, Besitz auflisten, Pflegeplatz finden, alles kompliziert und zeitaufwändig und Preisschilder an gelebtes Leben heften zu müssen macht traurig.

Och guck, vor einer Stunde dachte ich noch, mein Tag läuft scheiße – es geht wieder.

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Statt außer-Haus-Arbeit nehme ich mir den Wäscheberg vor. Später ein Telefonat mit der Freundin, wir waren so larifari verabredet für diese Woche und ich hätte Zeit. „Von heute auf morgen gekündigt? das ist blöd“, findet sie. „von heute auf morgen wäre völlig in Ordnung gewesen, die Nachricht kam eine halbe Stunde vor Arbeitsbeginn. Aber ist egal, eine Lernerfahrung“. Natürlich gibt es eine Wetterwarnung wegen ergiebigem Dauerregen, an dem Tag, an dem wir uns zum wandern verabredet hatten. Wir verlegen den Termin, auf wann anders.

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Die Äpfel sind reif. Wir brauchen Apfelmus. Einkochen funktioniert bei mir unter normalen Umständen im Autopilot. In der kleinen Fewo-Küche nicht, aber man gewöhnt sich.

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Märzkind bringt mir Blumen mit. Einfach nur so. Ein Glas Wein, Herbst-Wetterereignis vor dem Fenster, der Duft von frischem Apfelmus – Pause – mental health matters.

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„Was machen die da?“, fragt Julikind. Zu zweit stehen wir eine Weile am Fenster und blicken schweigend auf den Parkplatz. Drei Männer in Arbeitskleidung gehen um das „neue“ Auto herum, wechseln dabei regelmäßig die Richtungen, blicken auf Reifen, knien sich hin, stehen wieder auf, jemand holt einen Wagenheber. Irgendeinen Grund scheint das ganze zu haben, denn sie reden miteinander. Nur mal gucken würden sie wahrscheinlich ohne Worte, „keine Ahnung“, sage ich, es ist ein bisschen so, als würde man ins Aquarium gucken.

Maikind hat ein Auto gekauft, Wunschzustand zum Wunschpreis, es wurde Dienstag geliefert. Am Freitag bringt der Liebste das Wunsch-Kennzeichen mit, weil er natürlich jemanden kennt, die nebenberuflich für Leute zur Zulassungsstelle geht. Leider sind die Bremsen, die der Neue bestellt hatte noch nicht da, das verzögert den Einbau.

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Freitag morgen steht die nächste Messung der Bautrocknung an. „Was hat Ihnen denn der Kollege gesagt?“, fragt der freundliche junge Mann. „Es waren drei verschiedene Leute aus Ihrer Firma da, jeder hat was anderes gesagt.“ „Ja“, er lacht „das ist immer so“. Er misst nach, er murmelt. Das decke sich mit dem, was der Kollege vor zwei Wochen gemessen und angegeben hat. Er habe dann jetzt im Auftrag stehen, dass er die Fliesen abnehmen soll. „Aha“, sage ich.

Während der in der Küche die Fliesen von der Wand geholt werden, klingelt der Postbote, er braucht meine Unterschrift. Die offizielle Kündigung kommt per Einschreiben, außerdem ein Paket mit 6 Kartuschen gratis Waschmittel, die gabs zu der Waschmaschine dazu.

Eine halbe Stunde später bittet der Handwerker um Entscheidungen. Soll ihre Firma die Sanierung übernehmen? Jo, so hatten wir das gedacht. Natürlich, er könne das so schreiben aber, „ich sag Ihnen ganz ehrlich, dies Jahr wird das nichts mehr“ Ok. Neuer Plan.

Ich würde also bei verschiedenen Handwerksfirmen Kostenvoranschläge einholen, denn wir möchten die Räume gern zeitnah wieder nutzen. Er wirkt erleichtert, dann schreibt er jetzt Fremdfirmen und dann muss er garnicht sooo genau dokumentieren, und für die Wand da hätte er noch einen Rat, wenn ich Bedarf hätte. Gerne. Wo wir uns so nett unterhalten, „wieso hat der Kollege, der hier vor vier Wochen die Trocknungsgeräte hingestellt hat nicht schon sofort die Fliesen abgenommen?“, frage ich. Ja, es sei so, man würde meinen, diese Fliesen gäbe es nicht mehr, kann man aber natürlich bestellen, in einer Firma die Kleinstauflagen nach Muster fertigt – da kostet dann so eine Fliese 10x10cm 20 Euro. „Die Fliesen sind vierzig Jahre alt und naja, sehen sie ja selber… Wir hätten die dann einfach alle abgemacht und irgendwas neues hin“ „Das sagen Sie, das sage ich, aber es gibt Leute… das stellen Sie sich nicht vor“, sagt er.

Herbstanfang

Es gibt gute Nachrichten, mehrere. Hinter jeder steht eine Geschichte. Aus Zeit- und Verschwiegenheitsgründen werden die unerzählt bleiben. Allzuviel Vorstellungskraft braucht es allerdings nicht, wenn man schon mal mit Teenagern zu tun hatte oder mit Altbauten.

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Maikind hat seinen Führerschein bestanden und darf jetzt begleitet fahren.

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Wenn „alle“ zum essen da sind, bedeutet dass wieder 6 Personen. Auf dem Plus-Eins-Platz sitzt jetzt allerdings jemand anderes. Drei Tage geben sich alle Mühe einen guten Eindruck zu machen, dann ist die Integrationsphase abgeschlossen.

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Der Estrich in der Küche kann drin bleiben. Juhu! Der Fussboden im Wohnzimmer auch. Wer hätte gedacht, dass das mal als gute Nachricht durchgeht. Bautrockner laufen, man freut sich darüber, nach neun Wochen. Andererseits – die Geräuschkulisse, die Raumluft, die Umstände… die Trockner ziehen Lebensenergie. Als Symbolbild der Stimmung, diese im Gewürzregal vergessene Chili.

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Ein abrupter Wechsel der Jahrezeiten. Zwischen „boar ej, man schwitzt im sitzen“ und „hätte ich mal lieber Handschuhe mitgenommen“ liegen nur 36 Stunden.

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Wir hatten SterneHerzenBrezeln, gefüllte Herzen, Marzipan-Nougat Baumstamm, Blätterkrokant und Spekulatius. Ich wäre dann durch mit Weihnachten, von mir aus könnte das Sortiment wieder raus. Leider ist das Gegenteil der Fall. Die Drogerie bietet 30 verschiedene Adventskalender. Am ersten Oktober. Ich spüre das Erwachen meines inneren Grinches.

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Es ist nur eine Erkältung. Wobei das „nur“ sich auf den Covid-Massstab bezieht. Früher – da hätte ich durchaus gejammert. Drei Tage bin ich völlig fertig und werde dann wieder gesund. Einfach so. Schön ist das.

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Autsch. Da bin ich aber irgendwo ganz fies hängen geblieben. Ich ziehe meinen Arm und die Wäsche wieder aus der Waschmaschine, kann aber nichts finden. Merkwürdig. Bei der nächsten Ladung das gleiche, ich fluche und wundere mich, erkältungsbedingt allerdings nur ein bisschen. Stunden später kommt mir eine Idee, was das für eine Art Schmerz gewesen sein könnte, aber das ist unmöglich oder, frage ich Maikind. „Naaargh“, sagt er, muss er mal gucken. Beim Abendessen ist klar, ich hatte recht. Da fließt Strom, wo keiner sein sollte, er hat auch direkt einen verbraten gekriegt, musste er garnichts messen, sagt Maikind. „Und jetzt? Lieber nicht mehr benutzen?“, frage ich nach. „Auf. Keinen. Fall.“, sagt er und guckt dabei einen Lebensgefahr durch Dummheit Blick. Dachte ich mir schon.

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Erkenntnisse im Vorbeigehen: Man hat viel Platz, so ohne Spülmaschine und Unterschränke und Waschmaschine. Man braucht eigentlich ziemlich wenig Geschirr, wenn man immer alles sofort mit der Hand spült. Man gewöhnt sich an die seltsamsten Abläufe. Zum Kochen und spülen gehen wir jetzt eben einmal ums Haus, in die Ferienwohnung. Was für ein Glück, dass wir die haben!

Nach 10 Tagen ohne Waschmaschine ist die Definition von „nichts zum anziehen“ eine andere.

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Er würde eventuell heute noch einen Whiskey trinken, sagt der Liebste, abends nachdem wir gemeinsam den Abwasch gemacht haben. Ich auch. Problem: Da wo wir sind gibt es keinen Whiskey, und wo der Whiskey ist gibt es kein Sofa, niemand hat Lust noch zweimal ums Haus zu laufen. Eine halbe Stunde später sitzen wir auf dem Bett, jeder mit einem Buch und reichen uns hin und wieder das Glas rüber. Eine richtig gute Lösung, hätten wir schon eher mal drauf kommen können. Der angemessene Abschluss für so eine Woche. Naja, fast, es ist Dienstag. Eventuell gibt es eine leichte Tendenz Richtung Schnauze voll.

die beste Ansage

Das Freibad in dem wir uns befinden ist alles in allem wohl ungefähr so groß wie ein Fussballfeld und wirkt liebevoll gepflegt, soweit man das beurteilen kann, denn es ist rappelvoll. Auf der Liegewiese sind zwei Mannschaftszelte aufgebaut, darin jeweils zwei Biergarnituren, rund herum stehen Iglo-Zelte, zwischendrin einige Gästebett-Luftmatratzen, einfach so auf der Wiese, überall liegen gemischte Stapel aus Handtüchern und Campingzubehör. Man hat das Tor im Zaun geöffnet, auf dem Grundstück der benachbarten Kita sieht es genauso aus. Fröhliche Menschen jeden Alters grüßen sich herzlich, wenn sie sich vor den Duschen begegnen. Sonnengebräunte Tagesgäste übergeben an die Feierabendschwimmer. Es riecht nach Abend im Freibad, aber die Geräuschkulisse passt nicht, denn dieses Bad wird heute nicht schließen. Da wo normalerweise Eintritt kassiert wird steht ein Bierpilz, am Beckenrand eine Pommesbude, der Kiosk hat geöffnet und die Sauna ist auch in Betrieb.

Zu dritt sitzen wir auf einer Bank am Zaun, schauen schweigend den Leuten zu und fragen uns allmählich, ob wir hier überhaupt richtig sind. Es gibt keinen Meter freie Fläche, wo bitte sollen Chearleader auftreten? Dann tut sich was. Die Dorfjugend trägt den 12 Personen-Stehtisch ein paar Meter weiter, Kiosk-Sitzgarnituren werden bis ans Beckenrandgeländer gezogen. Ein sportlich aussehender älterer Herr macht sich durchs Mikrofon bemerkbar. Er begrüßt alle Anwesenden und scheint sich wirklich zu freuen, dass so viele da sind. Hier im Dorf-Freibad ist es ja immer schön, das verdankt man dem Manfred, wo isser denn? *Lautäußerung vom Bierpilz aus* – ah, der ist zum gemütlichen Teil übergegangen, es sei ihm gegönnt, der kümmmert sich nämlich mit seinem Team das ganze Jahr um Hecken und Grünflächen, *dankbare Lautäußerungen, Applaus/ Gemurmel vom gesamten Gelände* besonders herzlich begrüßen möchten wir auch die Inge, die sich mit ihrem Team um den Kiosk kümmert, da gibts ja immer gute Sachen, aber heute eben ganz besonders *Applaus, Gemurmel*, ein herzlicher Dank auch an die DLRG, die die ganze Zeit in Bereitschaft steht und heute Nachmittag leider schon zum Einsatz kam, toll übrigens, dass alle sich an die Parkplatz-Regeln gehalten haben, der Rettungswagen kam einfach so durch, und das war wirklich gut… will man lieber nicht drüber nachdenken, wie das sonst…. *Zuschauer nicken und murmeln*, besonderer Dank geht auch an die Stricher am Beckenrand, die teilweise die ganze Nacht im Einsatz sein werden, (gemeint sind die Menschen, die am anderen Beckenrand mit Klemmbrettern auf Plastikstühlen sitzen, um die geschwommen Bahnen den Startnummern der Teilnehmenden zuzuordnen und dokumtieren, dass wirklich 24 Stunden lang immer irgendwer Bahnen schwimmt – nur für denn Fall, dass sich sonst noch jemand gewundert hat ) und dann freuen wir uns natürlich, dass die Dorfjugend so zahlreich erschienen ist *Lautäußerungen vom 12 Personen-Stehtisch*, wir nähern uns dem ersten Höhepunkt der Veranstaltung: Die Chearleader vom Sportverein des Städtchens werden jetzt gleich auftreten, morgen vormittag gegen elf, folgt dann der nächste Höhepunkt, da tritt der Shantychor des Nachbarortes auf. Offizielles Ende mit Ehrungen dann morgen um 13 Uhr, Getränke wird es selbstverständlich die ganze Nacht hindurch geben und der nächste Saunaaufguss ist um 21 Uhr, mit Zitrone/Orange. Jetzt wünsche ich allen einen schönen Abend. *Applaus* Dann geschieht einen Moment lang gar nichts. Die Chearleader stehen in Formation bereit, gucken fragend Richtung Kiosk, eine gestikuliert… Jemand müsste mal Musik… „Hach! Ja. Da war doch… so n Schtick… hatte man ihr ja gesagt, sowas aber auch“ sagt eine Frau, die vielleicht die Inge ist. Dann beginnt die Show und das Publikum ist beeindruckt, einige hören sogar auf, zu schwimmen. Sowas hat man hier noch nicht gesehen. Ich sehe es ja öfter, aber, das eben war vielleicht die beste Ansage, die ich je gehört habe.

Nach dem Auftritt tragen wir Schwimm- und Picknicktaschen wieder ins Auto und fahren an den nahe gelegenen See. Im Auto fragen wir uns, wie wir denn eigentlich auf dieser Veranstaltung gelandet sind? Lauras Oma ist Vorstand im Freibad-Verein. Ach so.

hinter der Hecke

( eine Geschichte aus dem Sommer 2022, denn dieses Jahr hält uns der Sommer beschäftigt )

Der Gast hatte mich nach Wanderwegen gefragt, dann haben wir uns verquatscht. Die Wäsche, die ich vorhin aufgehangen habe kann ich vielleicht direkt wieder mit rein nehmen, so brüllewarm, wie das heute ist, sagt er. Kurzer Check, nee, eine halbe Stunde fehlt noch, verrücktes Wetter…

Ahh, beim Stichwort verrücktes Wetter fällt ihm noch was ein, sagt der Gast. Er geht ja in letzter Zeit nachts spazieren, ist uns doch bestimmt aufgefallen… Nee. Also, wenn er von der Arbeit kommt ist er von der Hitze so hinüber, dass er quasi direkt nach dem Duschen einpennt. Wenn er ausgeschlafen hat, morgens um drei, kann man nicht viel machen, außer halt spazieren gehen. Ist richtig schönes Wetter dann, nicht zu warm, nicht zu kalt. „Aber – weißte was seltsam ist?“ Ich schüttle den Kopf. „Da… auf diesem Grundstück…. “ er gestikuliert, ich weiß bescheid „da steht immer jemand hinter der Hecke, egal, ob du da abends um elf lang gehts oder morgens um halb zwei“. „Ja, nee, ist klar“, sage ich und deute vielsagend auf seinen Aschenbecher „nee, nee, nee, davon kommt das nicht“, sagt er. „Neulich, bin ich so gegen eins los, da stand sie da. Als ich um halb drei zurück gekommen bin, immernoch – oder schon wieder, könnte natürlich auch sein, auf jeden Fall an genau der gleichen Stelle. Ich also auf die Person zugegangen, vor der Hecke stehen geblieben. Zurück geguckt. Die war eindeutig echt. Aber – keine Reaktion. Da hab ich sie gefragt, ob ich vielleicht irgendwie helfen kann, daraufhin hat sie sich wortlos umgedreht, ist ins Haus gegangen und hat die Tür abgeschlossen. Das. war. unheimlich.“ „Gute Gruselgeschichte“, sage ich lächelnd. „Nee, nee, nix Gruselgeschichte, ist ehrlich genau so passiert“. Ich erkundige mich, wie die Person denn ausgesehen habe. Der Gast gibt eine exakte Beschreibung des Hausbewohners, inklusive eines kleinen Details, dass man sich beim besten Willen nicht ausdenken könnte.

„Boarh-hoo“, sagt der Liebste, als ich ihm die Geschichte erzähle, „das merkste jetzt aber selber, oder?“

Jo, schon.

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Ende Juni

Das Familienunternehmen mit Tradition, ist dann wohl offiziell insolvent, jemand schickt mir einen link zum Insolvenzregister und wirkt überrascht. Ich leite die Nachricht an den Liebsten weiter, „tja“, sagt er nur. Die Teams Traditon und Familie haben schon vor Jahren Abschied genommen. Aus Gründen.

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Die Mülltonnen, die laut Plan heute hätten geleert werden sollen stehen immer noch genauso da wie heute morgen. Ich ziehe sie hundert Meter weiter, denn hier kommt morgen niemand durch. Die Tonne, die für den nächsten Tag auf dem Plan steht hole ich dazu.

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Endlich Sommer. Statt im Auto zu warten nehme ich mein Buch und setze ich mich auf die Brücke am rauschenden Bach, umgeben von grünen Wäldern. Auf der anderen Uferseite wird Heu gewendet, der Wind trägt den Geruch bis hierher, als wäre eine Postkarte lebendig geworden. Die beste Mutti-Taxi-Wartezeit des Jahres.

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Seine Mitfahrgelegenheit sollte eigentlich jetzt hier sein, aber, der, der im Städtchen zusteigt steht noch, sagt Maikind und wird ein bisschen blass. Klassenarbeit in der ersten Stunde – ob ich ihn vielleicht fahren würde? Ja sicher. Der Bus ins Nachbarstädtchen mit Berufsschule ist seit 28 Minuten weg (Stadtkindern muss man vielleicht erklären: der Bus bedeutet, da fährt heute sonst nichts mehr) Wir bringen Julikind noch zur Bushaltestelle auf dem Berg, und dann aber… och guck, das Auto vor uns an der Bahnschranke kennen wir, es hat mit 99,5%iger Wahrscheilichkeit genau den gleichen Weg und hätte Maikind bestimmt mitgenommen. Warum haben wir uns denn vorher nicht gesehen? Muttitaxi-rush-hour an der Bushaltestelle… mein Hirn spielt spontan 90er Jahre Musik: isn`t it ironic?

Wenn ich jetzt eh im Nachbarstädtchen bin, kann ich auch gerade noch ein paar Lebensmittel einkaufen. OK, ich hatte gedacht, die stellen die Straßensperre 10 Meter weiter hinten auf. Gut, dass ich unterwegs war, denn unsere Einfahrt ist jetzt dicht. Ich parke hinter dem Haus und trage alle Einkäufe durch den Garten.

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Lieferengpass, jeder bekommt nur eine Packung. Kein Problem, reicht mir, aber ääähhh? Der Liebste war für mich in der Apotheke und hat etwas abgeholt, das fast so heißt wie das, was ich brauche. Nachfrage in der Hausarztpraxis. Das Rezept war korrekt, wenn die Apotheke es so rausgibt, hat es den gleichen Wirkstoff in gleicher Dosierung, sagt die Dame am Telefon. Na gut.

Fun fact: Dieses Importprodukt hat einen fett gedruckten Warnhinweis auf dem Karton. The action of *Medikament hier in der Schachtel* may last for up to 6 hours, weitere Dosierungshinweise und Handlungsanweisungen für den Fall, dass es nicht besser wird plus Infos zur richtigen Lagerung. Man geht also davon aus, dass es zu medinzinischen Zwecken genutzt wird, von Leuten, die nachts gern schlafen möchten. Das ist nett. Auf der deutschen Packung steht nur der Wirkstoff.

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Der Linienbus ist wohl schon weg, als wir drei Minuten vor der laut App planmäßigen Abfahrtszeit an der Bushaltestelle ankommen. Da steht kein Mensch. Wer jetzt hier lang fährt will mit ziemlicher Sicherheit Richtung Städtchen, spontan ergibt sich eine Mitfahrgelegenheit. Das Kind, bei dem ich mir sicher war, dass es zur Bushaltestelle gefahren werden muss, verlässt, leicht gehetzt aber pünktlich das Haus und erwischt den Schulbus. AS-Taxi-Verspätung bis zu 15 Minuten ist normal, solange muss man warten, dann kann man anrufen, was Märzkind gerade tut. Aha, ja, hatte sie sich gedacht. Wir waren um 7.59 Uhr hier, es war knapp, deshalb wissen wir es genau. Anscheind hat man uns nicht kommen sehen, auf der langen Geraden. Oder… ist vielleicht schon um 7.58 Uhr losgefahren? Egal, der Anschluss ist weg.

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Der Hund hat sich geschnitten, so richtig. Jeder Schritt hinterlässt eine kleine Blutlache auf den weißen Fliesen. Wieso hab ich das denn nicht vorher schon gesehen? Er läuft ganz normal, aber der Flur sieht aus wie ein Tatort. Nicht so schlimm, wie es aussah, zum Glück, aber – einen Hund ruhig zu halten, der lieber raus möchte ist anstrengend.

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Der einzige Facharzt, bei dem überhaupt noch jemand das Telefon abnimmt, kann einen Termin im September anbieten, nachdem man glaubhaft versichert hat, dass man im Einzugsgebiet seiner Zuständigkeit wohnt, verweist aber darauf, dass das eigentlich zu spät sei, denn Zeit sei hier wichtig. Mit Dringlichkeitscode auf der Überweisung könnte man über das medizinische Versorgunszentrum eventuell einen früheren Termin beim anderen Facharzt bekommen. Wir wussten nicht, dass es Dringlichkeitscodes existieren. Anruf in der Hausarztpraxis. Überhaupt kein Problem, der muss allerdings persönlich abgeholt werden. Ab ins Städtchen. Die abholberechtigte Person bringt einen 2×3 cm großen Papierschnipsel, der aussieht wie aus einem Kita-Papierkorb entnommen, darauf steht schlicht Vermittlungscode und eine 12 stellige Zahlenkombi. Man fragt sich Verschiedenes. Anruf im MVZ. Leider sind im 50 Kilometer-Radius innerhalb der nächsten 6 Wochen überhaupt keine Facharzttermine zu bekommen. ACH! WAS! genau das war doch das Ausgangs-Problem. Von sowas steht nie was in der Landlust.

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Eine Person verlässt das Nachbarhaus. Ich erkundige mich, ob da alles soweit… oder sollte lieber heute Nachmittag nochmal jemand gucken? Alles gut, da drin, erfahre ich und noch einiges mehr.

Dorftratsch: Ein Esel ist gestorben und zwei Hunde beinahe, zum Glück ist jemand drauf gekommen, dass es eine Vergiftung sein könnte, gerade noch rechtzeitig. Als kurz danach ein Pferd krank wurde haben sie das Futter durchgesiebt. Gefunden wurden Glassplitter, Heftzwecke und Teile einer Pflanze die für Pferde giftig ist. Die wächst hier nicht. Es gibt einen Verdacht. Man möchte das garnicht weiter denken.

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De Omma würde ihren Geburtstag gern so feiern wie immer. Das wird nicht möglich sein. Gut. Dann Frühstück. So wie die letzten beiden Jahre. Da hatte sie am Wochenende. Dieses Jahr nicht. Wer arbeiten muss, oder verstorben ist, wird nicht kommen können und außerdem hat ihr Wunschlokal leider geschlossen. Ach was, das haben wir letztes Jahr auch gesagt, dann hat sie nachgefragt und es ging. Nnnjaaa, richtig. Aber, dies Jahr ist wirklich geschlossen und vielleicht könnte eine Feier in einem Betrieb, der mehr als 2 Beerdigungskaffees und ein Frühstück im Jahr ausrichtet sogar noch schöner werden. War doch prima da, macht sie genau so wieder, sagt de Omma. Cheerio – Miss Sophie!

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Es ist schon Ende Juni und man kann hier noch schwimmen, das ist toll, stellen der Liebste und ich fest. Der Edersee ist voll, die nächste Badestelle liegt somit nur 15 Minuten entfernt. Herrlich ist das. Und tatsächlich das erste Mal in diesem Jahr, das ich im Wasser bin. Zu Hause trage ich die Winterjacken auf den Dachboden.