KW 10/2022

Die gute Nachricht ist, mein Hirn findet allmählich wieder in den Normalbetrieb zurück. Ich kann wieder mehr Sachen denken und wahrnehmen als zur Aufrechterhaltung des Betriebes hier zwingend notwendig ist. Es fühlt sich gut an und ich freu mich. Die schlechte Nachricht ist, ich sehe jetzt, was im Haus so alles liegen geblieben und in der Welt passiert ist, während dieser 6 intelligenzgeminderten Wochen.


Ich fahre schon eine ganze Weile nur 90 km/h auf Landstraßen. Erstens weil mein Auto eine Flitschbimmel ist, zweitens wegen Weltrettung. Ich werde oft überholt, normalerweise. Seit neustem nicht mehr. Der Liebste berichtet, er sei auf der Bundesstraße 80 gefahren, in Kolonne, mit den LKW. Niemand überholt, niemand drängelt. Nimm das, Putin! Ganz nebenbei fällt mal auf, wie entspannt man Auto fahren kann. Und länger dauert es eigentlich auch nicht.

Spontan an der Tanke gehalten, es war eigentlich noch halb voll, aber 2,06 Euro der Liter, mensch, so ein Schnäppchen lässt man nicht liegen. Hätte mir das vor vier Wochen jemand erzählt…

Mit dem Hund ins Feld fahren um dort spazieren zu gehen, eigentlich geht das garnicht mehr. Wir machen es trotzdem. Auto fahren ist unser Urlaub dieses Jahr.


Es gibt wieder Anlässe und somit auch Bedarf für Sachen, die nicht Lebensmittel sind. Die Fussgängerzone im Nachbarstädtchen hat sich verändert, aber nicht zum Schlechten. Der Liebste und ich arbeiten eine Geschenke-Einkaufsliste ab. Ich weiß ehrlich nicht, wann ich zuletzt in so vielen verschiedenen Läden war. Zwischendrin gab es das erste Eis der Saison. Mal was anderes zu sehen hat richtig gut getan.


Es kraschpelt auf dem Flur, Blick auf den Wecker, halb eins. Vor drei hatte ich nicht mit Gekraschpel auf dem Flur gerechnet, lieber mal gucken. Märzkind ist im Bad. „Seid ihr rausgeflogen?“, frage ich. „Nee, garnicht erst reingekommen.“ Oh. Heute war erster Öffnungstag der Discos nach Corona. Sie hatte sich Hin- und Rückfahrt und die Unterschrift einer anwesenden volljährigen Person organisiert (damit darf bis nach Mitternacht). Geöffnet wurde um neun. Um zehn nach neun waren sie da. Viel zu spät, da ging die Schlange schon bis an die Straße. Drei Stunden haben sie angestanden, als sie einen Meter vor der Eingangstreppe waren, durfte niemand mehr rein, wegen zu voll. Man hätte natürlich warten können, bis die 14-jährigen um Mitternacht rausgefiltert werden, aber – sie waren so durchgefroren, dass sie keine Lust mehr hatten. Das ist scheiße. Aber jeder steht irgendwann mal vorm Utopia und kommt nicht rein. Das ist Teil der Magie dieser Dorf-Disco.

Am darauffolgenden Nachmittag, fröhlicher Gesang und lachende Teenager auf dem Flur. Es gibt wieder was zu erzählen. Die drin-Gewesenen tauschen auf allen Kanälen Geschichten mit den draußen-Gestandenen. Das Mutterherz bekommt eine Ahnung davon, was gefehlt hat, in den letzten zwei Jahren. Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen möchte.


De Omma muss zum Arzt. Um elf klingele ich an ihrer Tür. Die wird sofort und schwungvoll geöffnet. De Omma hat die Jacke schon an, die Handtasche über der Schulter und wirkt ziemlich durch den Wind. Was denn los ist, frage ich. Sie dachte ich komme ich nicht. „Wir hatten doch gesagt, wir fahren um halb elf.“ Der Termin ist um viertel vor zwölf. Von der Haustür bis zum Parkplatz vor der Arztpraxis brauchen wir zwanzig Minuten. „Nee, Omma, du hattest gesagt, wir fahren um halb elf. Ich hatte gesagt, ich komme um elf. Es ist elf.“ Sie ist schon auf halbem Weg zum Auto. Anschnallen bitte, soviel Zeit ist noch. Ach so ja, anschnallen, ach, das geht eigentlich nicht. Ihre Hände zittern. Doch, doch, geht das. Ich helfe ihr. Sie ist sich ehrlich nicht nicht sicher, ob wir das jetzt zeitlich noch schaffen können. Einatmen, ausatmen. De Omma ist im Kriegszustand, sie macht das nicht mit Absicht. Anstrengend ist es aber trotzdem.


Oh ha, was ist denn da los? Das Scheunentor des Feststalls im Nachbarort ist bis auf halbe Höhe zugestapelt mit, ja mit was eigentlich? Für das ungeschulte Auge sieht es von Weitem so aus, als hätte jemand einen Messihaushalt ausgeräumt. Auf dem Parkplatz stehen Autos. Ach, anscheind nutzt die spontan gegründete Hilforganisation den Raum. Letzte Woche wurde um Spenden gebeten. Zwei hier lebende Ukrainier wollten mit einem Transporter an die Grenze fahren und Sachen für ein Krankenhaus zur Verteilung übergeben. Als ich noch überlegt habe, wir könnten da eigentlich die Orthese hinspenden, die braucht hier hoffentlich nie mehr jemand, da kam eine whattsapp, man habe jetzt Material für vier Transporter und brauche eigentlich noch Fahrer und Fahrzeuge. Diese Woche fahren sie wieder hin.

Die Mengen, die hier „gespendet“ werden, es ist beeindruckend. Gut, bestimmt ist da auch viel brauchbares dabei, aber, wieso das jetzt alles an ukrainische Grenze muss, verstehe ich nicht. Mir persönlich gehen die Bilder von flüchtenden Menschen in der Ukraine nicht näher, als die Bilder von Geflüchteten an der belarussischen Grenze oder im Mittelmeer. Vielleicht freuen sich die Leute einfach, das man mal was tun kann gegen die Apokalypse, außer zu Hause zu bleiben. Vielleicht ist bei mir auch Gewöhnung eingetreten, weil ich jede Woche bei der Omma in der Küche Geschichten vom Krieg höre. Im Edeka lege ich eingekaufte Nudeln und Haribo in den Spendenkorb für die Tafel. Vorsorglich. Nimm das AfD.


In der Schule haben sie jetzt neue Coronatests, mit kleineren Teststäben und die Flüssigkeit ist im Deckel von den Röhrchen mit drin, richtig cool, die besten die es je gab, erzählt das Maikind. „Hä? Du musst dich doch garnicht testen“. Doch, da war einer positiv, deshalb müssen sich diese Woche alle testen. „Ach so“, sage ich. Keine innere Unruhe, kein bodyscan auf Halskratzen oder ähnliches. Mit dem Thema sind wir durch. Das ist schön.

2021 war…

Schnee, Starkregen, ein schöner bunter Herbst

Lockdown, Ausgangssperre, Kontaktbeschränkungen, home schooling, Maskenpflicht, 3G, 2G, 2G+, Coronatests

Blinddarm-OP, Bänderriss, entzündeter Zeh, Schlafstörungen, Impfungen

Ohrwürmer Wir sind das Ruhrgebiet…., ….soon may the Wellerman come to bring us sugar and tea and rum.., BTS

definitiv vielleicht (alles immer unter Coronabedingungen)

Konfirmation, Schulabsschlussfeier, Geburtstage, eine Trauerfeier, Weihnachten, eine Rubinhochzeit

Meilensteine im Dezember

Meine Schwester bringt zwei Stühle, die bestellten Möbel sind tatsächlich angekommenund die Stühle sind jetzt übrig. Plätzchenteller auf den Tisch, Kerze an, zack Advent. Wie wird das denn dann Heilig Abend? Erkundigen sie sich. Ich habe keinen ausgefeilten Plan und werde auch keinen machen. Es gibt Essen, es gibt Süßigkeiten, es gibt Geschenke und einen Baum. Das klingt doch recht weihnachtlich.


Wieso bitte, ist diese Antwort denn falsch? Hä, das macht doch wohl keinen Sinn, wieso sollte das jemand wollen? Das Kind links neben mir übt für die Führerschein-Theorie- Prüfung, das Kind rechts neben mir wandelt unechte Brüche in Dezimalzahlen um. Mir raucht der Kopf, ich kann weder das eine noch das andere richtig erklären.

Spaßeshalber bearbeite ich auch mal einen Führerscheinbogen. Wie lange darf man Bushaltestellen halten? Solange, bis man jemanden vom Ordnungsamt kommen sieht, würde ich sagen, aber diese Antwortmöglichkeit gibt es nicht. Man hätte gerne eine Angabe in Minuten. Gut, dann sag ich mal 5. Fünf Minuten parken ist ziemlich kurz. 3 Minuten wären richtig gewesen. Damit ist meine Antwort falsch. Dicht dran gibt es nicht. Ich erwische natürlich ausgerechnet den Bogen, wo diese ganzen Rechenaufgaben-Fragen dran kommen. Bremswege berechnen konnte ich vor zwanzig Jahren schon nicht. 30 Fehlerpunkte, auf einem Bogen, mööp, Rekord.


Das Maikind baut Lego ab. Bespielt wurde das schon länger nicht, aber als Teil der Kinderzimmerdeko gehörte es irgendwie zum Raum dazu. Zipbeutel stehen jetzt dort, wo einst Ninjagodrachen-Krieger in Formation standen. Ein Meilenstein.


Telefonat mit einem Patenonkel. Das Geschenk ist da und ist auch wirklich schön. Aber – „sonst wünscht sie sich nichts?“ „Nee, die Liste war kurz dieses Jahr. Das – und das Corona aufhört.“ Der Patenonkel seufzt.


Der Bürgermeister bringt tatsächlich Kinogutscheine. Das Julikind freut sich wie Bolle. Da geht sie dann aber echt mit ihren Freundinnen.


Einmal muss ich noch in diesen Bastelladen, dann ist Weihnachten offiziell eingetütet. Zu zweit warten wir vorm Laden, weil ich durch die Scheibe sehen kann, dass schon drei Leute drin sind. Impfnachweis und Personalausweis an der Kasse zeigen, dann wünscht uns die Verkäuferin einen schönen Einkauf. Ich suche was ich brauche zusammen, bezahle und wieder raus. Also, das war jetzt einerseits ein gefühlter VIP- Status, andererseits hat mir der Einlass viel zu lange gedauert. Da muss ich schon wissen, dass ich aus dem Laden was brauche. Für nur so, um mal zu gucken, ob ich vielleicht was finde, das wäre mir zu doof. Für den Einzelhandel bedeutet das allerdings keinen Verlust. Ich meide adventliche Fussgängerzonen generell. „Da sind Zuckerbuden aufgebaut“, sagt das Märzkind, „wenn wir sowieso in die Richtung…ohhh das Karusell fährt…guck mal, wie schön…“

Ein Kind sitzt drauf. Es gibt eine Zuckerbude und einen Crepes-Stand. Alle anderen Buden sind geschlossen. Es ist ein bisschen gespenstisch. Und das liegt nicht an meiner Grinchigkeit.


Der neue Entsorgungsdienstleister bietet mir an, für 20,99 Euro im Jahr einen Einlagerungsbehälter für unsere gelben Säcke zu mieten. Darin könnten wir sie kompakt und hygienisch aufbewahren und sie wären vor aufreißen, Verwehungen und Wildverbiss geschützt. Danke für dass Angebot. Ehrlich gesagt nutzen wir die gelben Säcke garnicht. Wir bewahren unseren Plastikmüll aus den genannten Gründen in dem Einlagerungsbehälter für Restmüll auf.


Ich erkläre mich einverstanden damit, dass das nicht volljährige Kind an digital-technisch unterstütztem Fernunterricht mittels Videokonferenz teilnehmen darf.


Nebelschwaden steigen auf, aus dem leicht verschneiten Wald. Schön sieht das aus, von Weitem. Es liegt zwar Schnee, aber es nicht wirklich kalt. Der Boden darunter ist nicht gefroren. Eigentlich ist es nur kalter Matsch, sobald man drauf tritt. Diese Schuhe waren mal richtig teuer. Leider scheinen sie für innerstädtische outdoor-Abenteuer produziert worden zu sein. Sollte ich mir hier, mitten im Wald, morgens um neun den Fuss verstauchen, es würde eine Weile dauern, bis mich jemand vermisst. So geht das nicht. Ich brauche neue Schuhe. Ist ja bald Weihnachten.


Am Nikolausabend brodelt im Dorf normalerweise die völlig überzuckerte Weihnachtsvorfreude aller Einwohner zwischen 5 und ungefähr 12 Jahren. Süßigkeiten-Sammeltag. Klingeln, Spruch oder Weihnachtsgedicht aufsagen, Tüte hinhalten, nächstes Haus. Bis man heiser ist und druchgefroren, oder, aber das wurde nur ein einziges Mal geschafft, wenn ich mich richtig erinnere, alle Häuser durch hat.

Keins der Kinder möchte rumgehen. Ein Meilenstein.

Vier kleine Nikoläuse kommen vorbei. Mit zwanzig hatte ich gerechnet. Der Bär war auch nicht da.


„Wir haben jetzt einen Mann als Kanzlerin“, sagt das Julikind.


Weihnachtskarten wurde gebastelt und verteilt, Adventskalender bestückt, die Geschenke sind besorgt und versteckt, Gebäckzutaten eingekauft, Nikolausstiefel gefüllt. Das wäre dann jetzt die Zeit, wo man ständig irgendwen auf Weihnachtsfeiern fährt, Dinge für Mitbringbuffets vorbereitet, sich Aufführungen ansieht oder sonstwie gesellig ist. Nichts von dem findet statt. Im Edeka sind die Schokonikoläuse und die Lebkuchen reduziert. Die sind durch, mit Weihnachten, soll mir recht sein.


Nur so da sitzen, Kaffee trinken und gucken, welche Vögel ans Futterhaus kommen. Reicht mir völlig an Unterhaltung, gerade. Eine kleine Pause, bevor die nächste Runde eingeläutet wird.

Omikron. Soweit wollte ich das griechische Alphabet garnicht lernen.

Normalbetrieb

„Ach, ist Dienstag heute“, denke ich im vorbeigehen. Die Tonnen stehen an der Straße, morgens um halb sieben. Außerdem sind die Badezimmer- Bodenfliesen neu verfugt, richtig gut sieht das aus. Es war natürlich nie so gedacht, dass das wochenlang ohne… verfugte Fliesen im Bad sind im Alltag viel praktischer als unverfugte, da sind wir uns alle einig. Das Auto wurde aus der Werkstatt geholt, hat TÜV und Winterreifen, Getränke stehen in der Garage. Alles einfach so. Der Liebste ist wieder auf den Beinen. Freude und Dankbarkeit! Es fühlt sich fast wie Urlaub an.


Das Julikind kommt fröhlich vom Kickboxen. Der Zeh ist noch nicht richtig gut, aber es ging. Und, da hatte ich doch recht, sagt sie, es geht ihr tatsächlich besser als vorher. Dachte ich mir. Einmal die Woche braucht es das. Selbstverteidigung war heute dran. Die Techniken sind für Gefahrensituationen gedacht, und sollen im Alltag nicht angewendet werden, Ehrensache. Aber, sie wäre bereit eine Ausnahme zu machen und bietet dem Maikind an, ihm mal zu zeigen, was sie gelernt hat, nur zum Spaß, natürlich. Er lehnt dankend ab.


Das Märzkind hat den Praktikumsbericht fertig gestellt und abgegeben. Das trägt auch zur allgemeinen Entspannung bei. Erstmal.

12 Punkte hat sie drauf bekommen, sagt sie. 12 Punkte, ääähm, das ist ne zwei, ist doch gut. Nee, ist es nicht. 13 hatte sie angepeilt, mindestens. Abzüge gab es wegen einer angeblich fehlenden Quellenangabe und für Abschnitte, in denen garnichts angestrichen war. Auf Nachfrage meinte die Fachlehrerin das ihr das „insgesamt irgendwie nicht gefallen habe“. Dazu fällt einem doch nichts mehr ein. Soll sie als Quellenangabe jedesmal „mein Gehirn“ schreiben, wenn sie selber von sich aus was weiß?, das kann doch wohl nicht sein.

Tja, sage ich, dann bist du wohl bei dieser Lehrerin in diesem Halbjahr der Arsch vom Dienst. Das ist blöd, leider passiert einem das manchmal im Leben, ohne das man dafür etwas kann. Der Bericht war klasse, ich habs ja gesehen. Aber – ich bin keine von den Müttern, die hingeht und wegen einer 2 nörgelt. Das weiß sie doch, sagt das Märzkind, das würde ja auch sowieso nichts bringen. Beim nächsten Bericht peilt sie von vornherein zwölf Punkte an, mehr ist eben nicht drin, da kann sie sich den Stress sparen. Und die Lehrerin, die hat sie gefressen, aus diesem Grund und noch ein paar anderen….

Siehe da, im Internet finde ich eine Lösung für Probleme dieser Art: Ein Tierheim, irgendwo in den USA ist bereit, gegen eine Spende von 5 Dollar, Vornamen von missliebigen Personen auf den Boden von Katzentoiletten zu schreiben. Man bekommt sogar ein Foto mit niedlichem Kätzchen daneben. Das könnte sie der Lehrerin ja dann als Weihnachtskarte…Soll ich mal gucken, ob ich in Dollar überweisen kann? Nee, brauch ich nicht, die Oma hat ja ne Katze und einen Edding hat sie selber, sagt das Märzkind.


Coronageschichten am Küchentisch

Der Triathlet berichtet: Drei aus dem Team hatten sich nicht impfen lassen, weil sie gehört hatten, dass es nach der Impfung Leistungseinbrüche geben könne. Seit dieser Woche dürfen die drei nicht mehr ins Schwimmbad, wegen 2G. Alle anderen dürfen normal weitertrainieren. Da wird man dann im nächsten Frühjahr sehen, wie sich das auf die Leistung auswirkt.

Der Nebenerwerbs-Cafe-Besitzer hat das letzte Wochenende erstmals mit 2G-Regeln bestritten. Rein durften nur Genesene, vollständig Geimpfte und Kinder. Am Eingang musste er die Leute kontrollieren. Das geht mit der App ganz einfach. Aber, Sachen hat er sich anhören müssen, schön war das nicht. Er hofft, dass es sich rumspricht, dass hier die Regeln eingehalten werden. Es gibt durchaus Gäste, die das gut finden.

Das Märzkind berichtet, dass so ziemlich alle AS-Taxi-Fahrer ungeimpft sind. Deren Argument: „Mal ganz ehrlich, wenn es nicht ständig im Fernsehen laufen würde, wieviel hätte man denn selber mitbekommen, von diesem Corona?“ Tja, da hat sie gedacht, das stimmt schon ein bisschen, denn sie kennt eigentlich auch keinen, der es richtig schlimm hatte. Ähm, ja. Das spricht aber in meiner Welt eher für diese ganzen Schutzmaßnahmen, denn genau das ist doch der Sinn. Die spanische Grippe hat gut ohne Fernseher und soziale Medien funktioniert, die Pest auch. Ich wappne mich innerlich für den Zusammenbruch des öffentlichen Nahverkehrs nach 16 Uhr und an Wochenenden. Wenn die AS-Taxi-Fahrer ausfallen sollten ist Muttitaxi die einzige Alternative.


Die Inzidenz liegt bei 155. Ich mache mir einen Frisörtermin für den 15. Dezember und stehe danach noch einen Moment nachdenklich vor dem Kalender. Hoffentlich hab ich nicht zu hoch gepokert.

Angedacht ist der Beginn der Weihnachtsferien in Hessen am 23. Dezember. Ich tippe auf Ferienstart am 20. Dezember.

KW45/2021

Wir haben das Jenke-Experiment geguckt, letzte Woche. Ich bin schon oft daran vorbeigefahren, aber drin war ich noch nie. Der Bioladen im Nachbarstädtchen bietet ein ganz anderes Einkauferlebnis als der Supermarkt. Die Preise sind allerdings auch andere. Da müsste man sich erstmal dran gewöhnen. An den Geschmack haben sich aber alle sofort gewöhnt, der Unterschied macht nur um so nachdenklicher. Ganz nebenbei ein Weihnachtsgeschenk gefunden, für die mit dem Ernährungsplan.


Zum Fäden ziehen fährt er selber, sagt der Liebste, das geht, da brauch ich nicht den halben Vormittag warten. Gut, dann müsste er allerdings auf dem Rückweg ein bisschen was einkaufen. Kein Problem. Zwei Stunden später kommt er wieder und trägt Einkaufstüten in die Küche. Seltsam. Ich gehe hinterher, um den Einkauf auszuräumen – ein Reflex. Normalerweise arbeiten wir problemlos zu zweit in der Küche, aber die gewohnten Abläufe sind eingerostet. Wir sind wie dieses Ehepaar aus den Loriot-Sketchen.

Wir rechnen nach. 12 Wochen waren das, die der Liebste auf dem Sofa hat verbringen müssen. Die ersten drei Tage waren richtig schön, sagt er.


Ich pflanze die Erdbeeren um. Das wollte ich eigentlich Ende August schon, ich freu mich, dass es erledigt ist.


Das Maikind wünscht sich was zu Weihnachten. Da muss er dem Christkind aber einen screenshot schicken, weil, so wie er das beschreibt, ich glaube nicht, dass das Christkind das kapiert hat.

Ich bestelle im Computerversand. Der Liebste sitzt neben mir und erkundigt sich, was der Junge sich gewünscht hat. Ich weiß es nicht. „Aber, du bestellst das doch gerade“, sagt er. Sicher, aber ich hab keine Ahnung, was das ist, die Beschreibung sagt mir nichts. „Wie sieht es denn aus?“ „Weißte noch damals, wenn man im Auto die Bedienleiste vom Radio abgenommen hat, damit das keiner klaut, so ungefähr.“ „Zeig mal“, sagt er. Ich drehe den Bildschirm. Er guckt eine Weile und murmelt „tatsächlich, keine Funktion erkennbar, ein Dings – sieht aber nicht so aus, als könnte man damit Uran anreichern oder so, oder?“ „Nein, also, da bin ich mir sicher“.


Corona-Inzidenz liegt wieder über 100 im Kreis. Hatten wir nicht im Frühjahr Ausgangsbeschränkungen, ab 100? Ich weiß es nicht mehr. Da war allerdings auch noch keiner von uns geimpft. Mein Bauchgefühl sagt, über hundert ist nicht gut. Andererseits ist unser Alltag im Moment so dicht dran an normal, wie schon lange nicht. Diese Woche waren Kinder auf drei verschiedenen Geburtstagsfeiern, einer Übernachtungsparty und im Schwimmbad. Es passt irgendwie nicht zusammen, vom Gefühl her.

Ich klicke mich weiter durch die Nachrichten. Mit ein bisschen über hundert stehen wir tatsächlich sogar ganz gut da. Thürigen hat eine Inzidenz von 470, Bayern über 800. Wottsefack! 15 Millionen Leute, die sich hätten impfen lassen können, haben gesagt „och nö, lass mal“. Das war mir nicht bewusst. Wenn die Weihnachtsferien wieder bis Mai gehen wegen diesem scheiß, dann krieg ich Explosion.


Elternbrief vom Kultusminister, er bedankt sich, dass wir alle so fein mitgemacht haben, beim Wiedereinstieg nach den Herbstferien. Das hat gut funktioniert. Ab Montag müssen keine Masken mehr am Platz getragen werden und es werden zwei Tests pro Kind/Woche gemacht. In Quarantäne gehen nur noch diejenigen, die positiv getestet wurden. Sollte das passieren, muss der Rest der Klasse für die nächsten zwei Wochen täglich getestet werden, und während des Unterrichts Masken tragen. OK, also das gleiche Konzept wie im letzen Herbst: Wir nehmen einfach an, dass all diese Kinder morgens um kurz vor acht auf wundersame Weise vorm Schultor erscheinen, und hoffen das Beste.

Drei Tage später: Ergänzung zum Elternbrief vom Kultusminister. Da haben sie jetzt nochmal überlegt, so richtig supi ist das aktuell doch nicht. Es bleibt bei drei Tests pro Woche für die ungeimpften. Ein Test darf nie älter als 48 Stunden sein. Eindringlich werden alle, die die Möglichkeit haben, gebeten, sich impfen zu lassen. Ich bin ein bisschen erleichtert.


Morgens um 10 liegt noch eine dünne Eisschicht auf den Pfützen im Tal. Winter is coming.

Oktober 21, Halbzeit

„Mmmmhh, das riecht hier aber….gut. Irgendwie nach, ja nach was denn eigentlich?“ Ein Gast hat uns eine Tüte Äpfel geschenkt, aus dem Garten seiner Oma, in Polen. Sie sind eher klein, dunkelrot, haben erkennbar den Sommer draußen verbracht und duften herrlich. Lecker sind sie auch. Wieso kann man solche Äpfel eigentlich nicht kaufen, fragen die Kinder. Gute Frage.


Das Märzkind braucht eine Hose und ein paar Schuhe. Brauchen im Sinne von brauchen. Klamotten einkaufen und Mathe-Aufgaben können das Märzkind und ich nicht gut zusammen. Wir treiben uns dabei ohne böse Absicht gegenseitig in den Wahnsinn. Normalerweise geht der Liebste mit ihr einkaufen, aber darauf können wir nicht mehr warten. Statt einer Hose finden wir einen Winterpulli, einen Schal und ein Bikinioberteil, die Suche danach wurde schon aufgegeben, entsprechend groß ist die Freude. Wir haben uns den ganzen Nachmittag nicht angezickt, fällt uns auf der Rückfahrt auf, kaum zu glauben. Und ich habe neue Schuhe. Nach Wochen der erfolglosen Suche, einfach so im Vorbeigehen gekauft.


Das letzte Mal hatte ich für 1,38 Euro den Liter getankt. Diese Woche kostet der Liter 1,48 Euro, ich muss kurz schlucken. Am Zielort kostet der Liter 1,56 Euro. Yeah, da hab ich aber ein Schnäppchen gemacht.


Voruntersuchung steht im Kalender. Die Schrauben im Fuss des Liebsten sollen wieder raus. Morgens um halb sechs fahren wir vom Hof. Bemerknisse:

Ein Tempolimit von 130 würde mich nicht betreffen. In den zwei Stunden auf der Autobahn hatte ich nicht einmal das Gefühl 130 fahren zu können.

In dieser Klinik gibt es auffallend wenig übergewichtige Menschen. Gar keine, eigentlich.

Die Stimmung im Röntgen-Wartebereich ist zweigeteilt. Die Ü-60 jährigen sind fröhlich, die U-30jährigen nicht. Vermutlich haben die einen auf ihre OP`s warten müssen, für die anderen war es eine Überraschung.

Cafeteria geschlossen ist blöd. Als die Kinder gegen Mittag Fotos von ihrem Instagramm tauglich hergerichteten Essen schicken droht die Stimmung kurz zu kippen.

Wann sind wir eigentlich das letzte Mal zusammen vier Stunden lang über Krankenhausflure gelaufen, fragen wir uns auf der Rückfahrt. Noch nie. Es dauert insgesamt 10 Stunden und 45 Minuten, bis alle Zettel, die gebraucht werden da sind, wo sie sein müssen. Zum Glück waren die Leute an jeder einzelnen Station sehr nett, sonst wäre das wirklich nervig gewesen.

Da hatte ich doch tatsächlich gedacht, wenn sich drei Kindern zum Mittag ein Kilo Tortellini kochen, bliebe etwas übrig. Falsch gedacht.

Das Julikind war gestern noch kleiner.


Die Hose und Schuhe? Nächste Woche muss sie arbeiten, sagt das Märzkind. Also heute. Nach einer Stunde dämmert mir, dass diese eine perfekte Hose möglicherweise im Moment nicht verfügbar ist. Ich erkundige mich bei der Verkäuferin, in welchem Rythmus denn Ware geliefert wird. Ware wird jeden Tag geliefert, sagt sie. Was aber wann genau geliefert wird, das kann im Moment niemand sagen. Das einzige was sie mit Sicherheit sagen kann ist, das etwa die Hälfte von dem, was sie für den Herbst geordert hatten garnicht kommen wird, die Lieferkette hängt durch. Mit leicht gesenkter Stimme gibt sie mir durch die Blume zu verstehen, dass man die perfekte Hose in dieser Saison eventuell nicht kaufen können wird, sie habe auch eine Tochter in dem Alter, fügt sie hinzu. Wir schweigen einen Moment gemeinsam.

Hosen finden wir an diesem Nachmittag. Schuhe nicht.


Das Maikind muss einen Teil seines Computers zurückschicken. Er möge mir bitte diktieren, was ich da in den Rücksendeschein eintragen soll. Das hat er mir doch schon gesagt, sagt er. Ich habs nicht verstanden.


Im Baumarkt ist der komplette Weihnachtsmarkt aufgebaut. Das erscheint mir unangemesen früh. Obwohl. In zwei Wochen wird die Uhr umgestellt und in sechs Wochen ist Advent. Oh ha.

September 21, Halbzeit

Offensichtlich muss immer erst eine bestimmte Menge an chaotischem Zeug zusammenkommen, bevor es wieder besser werden kann. In dieser Woche wurde es zum Glück besser.


Der ganze Haushaltskram hat einen neuen Rythmus gefunden. Die Kinder haben sich die zusätzlichen Aufgaben so untereinander verteilt, dass man weiß, wer was wann macht, oder hätte machen sollen. Es ist doch einiges, was der Liebste sonst erledigt, ohne dass da groß drüber gesprochen wird.

Getränkekisten schleppe ich genauso ungern durch die Gegend wie Holz, habe ich festgestellt. Auf gut Glück schreibe ich, während ich auf das Julikind warte eine Nachricht in die Familiengruppe. Jemand soll schon mal den Tisch decken und jemand muss gleich die Getränkekisten aus dem Auto in die Garage räumen. Als wir nach Hause kommen steht tatsächlich alles fürs Abendbrot bereit. Das Pluseinskind geht an mir vorbei nach draußen. Ich gucke fragend. Er guckt auch fragend. Ich hätte doch gesagt, sie können sich aussuchen, wer was… das Maikind wollte lieber Tisch decken und er macht dann gerade mal das, was er sowieso immer macht… Ah so, sicher, gerne, Auto ist auf. Ich sage „dankeschön“, er sagt „aahhwas“. Das Pluseinskind arbeitet als Leergutautomat. 6 Kisten, sind „pffffff“, sagt er, und macht so eine abwinkende Handbewegung.

Der Liebste erhält volle Anteilnahme aus dem Freundes und Kollegenkreis. 6 Wochen nur auf dem Sofa liegen, so garnichts machen dürfen. Wirklich nichts, weil, er kann ja ganz offensichtlich nicht, meine Güte, dass will man sich garnicht vorstellen, man würde verrückt werden. Ähm ja, so gesehen ist mein Alltag gerade wie Ponyreiten im Sonnenuntergang. Ich kann alles und muss überhaupt nicht auf dem Sofa sitzen.


Ich habe in einer Woche eine ganze Tankfüllung verfahren. Das habe ich, glaube ich, noch nie.


Die Schule findet allmählich wieder in den Alltag. Diese Woche gab es den dritten Stundenplan. Beim Maikind bleibt es bei zwei kleinen Klassen. Freude! Es sah kurz so aus, als müsste man aufgrund von Lehrermangel eine große Klasse daraus machen. Theoretisch wäre das möglich gewesen. Praktisch ist es aber so für alle viel schöner.


Ich gebe zu, ich hatte da keinerlei Hoffnungen mehr. Umso mehr freut es mich, ja, fast habe ich das Bedürfnis, zur Feier dieses Ereignisses ein Piccolöchen zu öffnen. Im 17 Monat der Pandemie, nach nur zwei Schulschließungen, erhalten alle Lehrer*innen dienstliche Mailadressen. Man kann also, ohne vorherige Recherche, einfach so, nicht nur die Klassenlehrer, nein, sogar Nebenfachlehrer kontaktieren, wenn man das denn möchte. Das sowas geht.

Leider, erfahre ich auf dem Elternabend, sind diese Mailadressen so dermaßen sicher, das der Vorgang des Einloggens mehrere Minuten in Anspruch nimmt, vom Mobiltelefon aus sogar unmöglich ist. Kommunikation über die bisher genutzten privaten Mailadressen ist nicht mehr erlaubt. Man bittet um Verständnis, dass sich dadurch die Reaktionszeit entsprechend verzögert. Die versammelten Eltern entscheiden, dass wir alle ausreichend befreundet sind, um diesen whattsappchat mit Klassenlehrer solange weiter zu betreiben, bis es amtlich verboten wird. Datenschutz. Als ob die Leherer*innen nicht sowieso mitbekommen würden, was so los ist, bei den Blagen.

Es wurden neue Codes für die offizielle Lernplattform generiert. Yeah! Da hätte das Maikind dann im Ernstfall, von dem wir natürlich nach wie vor hoffen, dass es dazu nicht kommt, tatsächlich eine Chance sich wieder in Online-Unterricht einzuloggen. Nach drei Wochen Totalausfall im Mai.


Bienenfutter ist ausverkauft. Überall, in der echten Welt. Das ist blöd. Verschiedene Überlegungen laufen.


Abends, bei der letzen kleinen Hunderunde begegnet mir ein Feuersalamander in XL. Feuersalamander begegnen mir öfter, aber nicht in dieser Größe. Ich staune. Morgens, bei der großen Hunderunde begegnet mir ein Eisvogel. Den kenne ich nur aus der Bierwerbung. Ich wußte garnicht, dass es die hier gibt, am Flüsschen. Vielleicht sollte ich mir mal angewöhnen, eine Kamera mitzunehmen. Das glaubt einem ja sonst keiner, so dermaßen idylisch ist das.

Beobachtungen

Das Maikind kommt nicht in den online Unterricht rein. Nicht in die erste Stunde, nicht in die zweite, wir kontrollieren das Wlan und das Endgerät, der Fehler liegt nicht bei uns. Ein Klassenkamerad wird über whattsapp informiert und sagt bescheid. Am nächsten Tag genau die gleiche Geschichte. Soll ich mal in der Schule anrufen? „Wieso“, fragt das Maikind, „es wissen doch alle, dass es nicht funktioniert.“ Von den 13 Stunden Distanzunterricht sind diese Woche vier Stunden ausgefallen, in drei Stunden konnte er sich nicht einwählen. Da hat doch fast die Hälfte stattgefunden, sagt er. Das Problem liegt in meiner Erwartungshaltung.

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Das Julikind soll Kristalle züchten. Zu diesem Zweck wurde eine Zuckerlösung angerührt. Ich bin nicht gut in Naturwissenschaften, habe aber schon oft Zuckerlösungen gekocht. Mit diesem Rezept können da keine Kristalle wachsen. Vielleicht wurden verschiedene Rezepte verteilt und es ist Teil des Plans, das da bei manchen nichts passiert? Das Julikind beobachtet seit zwei Wochen den im Glas hängenden Wollfaden und dokumentiert den Stillstand. Heute ist endlich was passiert. „Vielleicht ist es eine Falle? Ich schreibe gleich: Zwei tote Fliegen schwimmen oben drauf.“, sagt sie.

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„Geht?“, erkundigt sich der Liebste nach fünf Minuten Actionszene am Stück. Die Schnittmenge der Filme, die wir zusammen gucken ist klein. „Jo geht. Es ist eine Mischung aus Indiana Jones und Disneys Vaiana, ich frage mich gerade wer sich sowas wohl ausdenkt.“ Der Liebste sagt, mit Vaiana habe das rein garnichts zu tun, hat er sich eigentlich gedacht, das man das mit mir nicht gucken kann. Spoileralarm: Am Ende des Films kauft Lara Croft ihre Pistolen.

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Ein Kaffeetrinken mit Großeltern und pluseins gilt als Party. Danach gemütliches Beisammensein mit vier Freunden im Gartenhaus. Das Märzkind läuft den Rest des Wochenendes fröhlich summend und singend durchs Haus. Räumt ganz von selber den Partykram auf und gleich noch das Zimmer. Dieses lebensfrohe, ausgeglichenen Kind, ich hatte es schon vergessen.

Das Mutterherz bekommt einen Eindruck davon, wie schlimm dieser lockdown wirklich ist, und möchte eigentlich heulen. Aber natürlich freue ich mich mit, dass das noch gepasst hat, mit dieser kleinen Party.

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In Kassel war eine Anti-Corona-Demo mit 6000 Leuten genehmigt, irgendwo am Stadtrand. Statt dessen ziehen 20000 Leute mitten durch die Stadt, viele davon ohne Masken, ohne Abstände. Es stört mich. Die Polizei ist da leider toleranter.

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Der Lockdown wird verlängert bis 18. April. Keine Reisen in den Osterferien, Gastronomie und alle anderen Freizeiteinrichtungen bleiben geschlossen, Kontaktbeschränkungen gelten, Gottesdienste bitte nur online. Nach Mallorca fliegen, das geht.

gehen Sie nicht über Los

Ich buche einen Termin zum Klamotten einkaufen. Es gibt normale Termine oder welche für Konfirmations- und Anlassmode, jeweils für ein oder zwei Stunden. Gut zu wissen. Das Märzkind hat quasi einen eigenen Verkäufer. Großes Kino. Sie weiß ziemlich genau, was sie sucht, er findet es innerhalb weniger Minuten. Unter diesen Einkaufsbedingungen reicht eine Stunde völlig. Das Märzkind freut sich. Ich mich auch. Aus Protest hatte sie die letzten vier Wochen nur noch ihre schwarzen Sportleggins an. Wir haben wohl beide gewonnen.

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Die Bücherei hat geöffnet und ich kann die Bücher abgeben, die hier seit November liegen, wenn wir schon mal in der Stadt sind. Ein Kochbuch würde ich wohl ausleihen wollen. Am liebsten eins, das keinerlei Leidenschaft erfordert und mit Supermarktzutaten harmoniert. Kinder satt in 40 Minuten, oder so. Die Kochbuchabteilung wurde während des lockdown erweitert. Früher waren faule Köche ohne Thermomix eine Randgruppe, jetzt gibt es ein ganzes Regal voller Möglichkeiten. Es ist toll. Auch das Erziehungsbücherregal wurde neu sortiert. Wo früher Ratgeber für gestresste Helikopter Eltern standen ist jetzt alles voller Duden und homeschooling Sachen. Die Büchertasche ist rappelvoll als wir wieder gehen. Endlich hat mal einer verstanden, was Familien gerade brauchen.

*

Frisörtermin, juhu. Zwei Kunden dürfen hier gleichzeitig kommen. Auf dem übernächsten Platz sitzt eine ältere Dame, die es erkennbar genießt, mal wieder was erzählen zu können: In dieser Zeitung gebe es eine Rubrik für Leserfragen, sagt sie. Da habe jemand gefragt, ob man denn auch geimpft werden könne, wenn man seinen Impfpass nicht mehr findet. Impfpass? Hat sie sich da gefragt und erstmal angefangen zu suchen. Tatsächlich habe sie eine Art Impfdokument gefunden, der Hausarzt hat dann aber festgestellt, dass das nicht mehr den aktuellen Gegebenheiten entspricht. Nun ja, da stand nur drin, dass sie gegen Polio geimpft wurde, sonst war ja auch nie was. Man habe ihr eine Tetanusimpfung empfohlen, wegen der Gartenarbeit. Da hat sie gesagt, gut, wenn das heutzutage üblich ist. Das war keine große Sache, das haben die direkt den Tag noch gemacht.

Das Gute am Masketragen ist, man kann grinsen, ohne dass es jemand sieht.

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Als ich den Großeinkauf ins Auto räume summt eine Nachricht. Ich habe so gar keine Lust, da nochmal reinzugehen, weil irgendwas vergessen wurde, gucke aber lieber trotzdem nach. Eine Mutterkollegin bittet mich um Hausaufgaben. Ich schicke ihr ein Foto von meinem vollen Kofferraum „Außendienst, bitte warten“.

Beim Kühlschrank einräumen fällt ein Apfel unglücklich, nicht schlimm, den esse ich sofort. Irgendwas war doch noch, überlege ich. Ach, stimmt, die Hausaufgaben. Ich krame im Rucksack des Julikinds nach dem Hausaufgabenheft, suche, finde, mache Fotos. Die Mutterkollegin bedankt sich, da werde ihr gerade so einiges klar. Der Feierabend ist gelaufen. Ich nehme Anteil. Auf dem Flur bleibe ich stehen. Moment, ich hatte doch, wo hab ich denn?, hatte ich?, ich glaube schon, lieber nochmal gucken. Sehen wir der Tatsache ins Auge. Irgendwo auf dem Weg zwischen Kühlschrank und dem Schreibtisch des Julikinds habe ich einen angebissenen Apfel abgelegt und verdammt nochmal vergessen wo. Allmählich fange ich an, mich selber zu nerven, mit sowas.

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Ah so, nur damit ich bescheid weiß, ne, sagt das Maikind, er hat dann nächste Woche keine Schule. Das ist nur teilweise eine Überraschung. „Hatten die dir denn schon bescheid gesagt, an welchem Tag du hättest kommen sollen?“, frage ich nach. Ich hab gar nichts mitbekommen. Ah so, sagt das Maikind. Das hätte er mir dann auch noch erzählt. Er wäre in Gruppe A gewesen, also Montag/Mittwoch/Freitag/Dienstag/Donnerstag, „aber das ist ja jetzt egal geworden“, sagt er. Stimmt.

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T-Shirt gekauft, beim Frisör gewesen, jemanden besucht und neue Bücher geholt. Es war ein schöner Frühling.

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Es liegen drei Zentimeter Schnee und Hessen zieht die Notbremse. Zurück auf Februar.

Anfang Januar

Nichts muss mehr vorbereitet werden, nichts großartig aufgeräumt werden. Die Zeit um den Jahrswechsel ist angenehm ruhig.

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Die Patentante möchte nicht reinkommen. Geschenkeübergabe auf Abstand, kurz unterhalten wir uns, sie entschuldigt sich, sie hat viel zu tun, offiziell. Keine Zeit zu haben kommt natürlich vor, ist aber in diesem Fall ungewöhnlich. Ich hatte dem Julikind erklärt, dass die Patentante wahrscheinlich Angst hat, uns anzustecken. Sie hat Kontakt zur Feuerwehr, zur Polizei, zu Altenheimen, das ist eben so. Im Moment ist es wieder schlimmer, mit Corona, da muss man ein bisschen aufpassen. Die beiden winken sich zum Abschied, Halloweenparty im Schwimmbad wird ausgemacht, allerspätestens. „Jetzt tut sie mir aber leid“, sagt das Julikind, als wir die Haustür schließen, „sie hat so traurig geguckt“.

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Ein Bedienungsfehler, vielleicht eine Fehlfunktion, sagt das Maikind. Leider hat die Drohne Teile der Deckenverkleidung geschreddert. Tja, zum Glück war er es selber.

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Mein Körper weiß anscheind nicht, dass heute Sylvester ist. Ab halb elf muss ich mich schwer darauf konzentrieren nicht einzuschlafen.

Das Maikind hat uns ein minecraft Feuerwerk zusammengebaut. Wow! Ich wußte gar nicht, dass es sowas gibt und bin ehrlich begeistert. Anschließend gehen wir in den Garten und verlassen illegalerweise kurz das Grundstück, um den Nachbarn ein frohes Neues zu wünschen. Es gibt hier und da Feuerwerk, nicht so wie sonst, aber dafür, dass garnichts verkauft worden ist, dieses Jahr, doch ziemlich viel. Die Kinder verballern eine Packung Jugendfeuerwerk. Wir sind alle erstaunt, wie viel Rauch ein kleiner Vulkan macht und wie laut das ganze Zeug ist. Gegen halb eins wird es wieder leise im Ort. Der Hund ist total entspannt. Aus asthmatischer Sicht folgt der beste Neujahrstag aller Zeiten. Feuerwerk kommt auch auf die Liste der Dinge, die ich nicht vermisse.

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Der Außendienstler kommt auf eine Tasse Kaffee vorbei. Gestern ist er zum ersten Mal mit seinem Freifahrtschein durch eine Straßensperre gefahren. Man habe ihn abwimmeln wollen, da hat er aber mal nachgefragt, ob man denn ernsthaft glaube, dass er hier an einem Sonntag in Dienstkleidung mit dem Dienstwagen in eine völlig überfüllte nicht präparierte Winterlandschaft ohne Toiletten und so wollen würde. Ach, habe der Kontrollposten gesagt, er würde ja garnicht glauben, was man so alles schon probiert habe.

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Alle Kinder sind vor Bildschirmen, da können der Liebste und ich mal zusammen Kaffee trinken. In der viertel Stunde, die wir so sitzen kommt eine Nachricht „sie hat ja gesagt“ mit Foto von Ring am Finger und kurz danach ein anderes Foto mit dem Untertitel „rest in peace“. Beide sind in unserem Alter.

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Wenn man aus der Liegestützposition das rechte Knie an den linken Ellbogen ziehen soll und da dann halten, einen Moment, dann fragt man sich in diesem Moment, wofür das eigentlich gut sein soll.

Ich glaube, das sind genau die Muskeln, die man benutzt, wenn sich der luftgefüllte Treckerreifenschlauch, in dem man sitzt, mehrfach gedreht hat, man die Entfernung zur schanzenähnlichen Kante des Abhangs beim besten Willen nicht mehr schätzen kann und man die Fahrt spontan lieber vor dem Stopp beenden möchte.

Ich rolle durch den Schnee, das Julikind sitzt immernoch auf dem Reifen und lacht sich kaputt. Das waren doch noch vier Meter, fast, ich habe überreagiert…

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Der shutdown wird nicht nur nicht aufgehoben werden, der wird sogar noch verschärft, verlängert sowieso, das ist keine Überraschung. Ab einer 200er Inzidenz ist angedacht, den Bewegungsradius der Bewohner des jeweiligen Landkreises auf 15km um den Wohnort einzuschränken. Da würde man dann ohne triftigen Grund nicht raus dürfen. Ausflüge und Einkauf gelten ausdrücklich nicht als triftiger Grund. Ähm, Moment. Kurzer check mit der Sportapp des Liebsten. Jo, das Städtchen ist im Radius. Die Krankengymnatikpraxis auch. Aber wir liegen sowieso unter 200. Man darf sogar wieder nach 21 Uhr raus, wenn man will. Es will aber anscheind niemand. Abends, bei der letzten winzigen Gassirunde bemerkt man keinen Unterschied, alles wie immer.

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Und was ist nun mit Schule? Schule ist nicht, den ganzen Januar nicht.

Obwohl, einige Bundesländer, niemand sagt welche, überlegen die Grundschulen bis zur sechsten Klasse wieder zu öffnen. Bei uns geht die Grundschule nur bis zur vierten Klasse, was heißt das für die Fünftklässerin? Ausgenommen von dieser Regelung sind voraussichtlich die Abschlussklassen. Ok. Daraus ergeben sich für mich folgende Informationen:

Das Julikind hat vielleicht Schule, nächste Woche, wahrscheinlich aber eher nicht. Das Märzkind hat vielleicht übernächste Woche Präsentationsprüfung, wenn die Termine nicht wieder verschoben werden müssen, das wird am Samstag vermutlich fest stehen. Für das Maikind gibt es keinen Plan, aber das mit Sicherheit.