Oktober 21, Halbzeit

„Mmmmhh, das riecht hier aber….gut. Irgendwie nach, ja nach was denn eigentlich?“ Ein Gast hat uns eine Tüte Äpfel geschenkt, aus dem Garten seiner Oma, in Polen. Sie sind eher klein, dunkelrot, haben erkennbar den Sommer draußen verbracht und duften herrlich. Lecker sind sie auch. Wieso kann man solche Äpfel eigentlich nicht kaufen, fragen die Kinder. Gute Frage.


Das Märzkind braucht eine Hose und ein paar Schuhe. Brauchen im Sinne von brauchen. Klamotten einkaufen und Mathe-Aufgaben können das Märzkind und ich nicht gut zusammen. Wir treiben uns dabei ohne böse Absicht gegenseitig in den Wahnsinn. Normalerweise geht der Liebste mit ihr einkaufen, aber darauf können wir nicht mehr warten. Statt einer Hose finden wir einen Winterpulli, einen Schal und ein Bikinioberteil, die Suche danach wurde schon aufgegeben, entsprechend groß ist die Freude. Wir haben uns den ganzen Nachmittag nicht angezickt, fällt uns auf der Rückfahrt auf, kaum zu glauben. Und ich habe neue Schuhe. Nach Wochen der erfolglosen Suche, einfach so im Vorbeigehen gekauft.


Das letzte Mal hatte ich für 1,38 Euro den Liter getankt. Diese Woche kostet der Liter 1,48 Euro, ich muss kurz schlucken. Am Zielort kostet der Liter 1,56 Euro. Yeah, da hab ich aber ein Schnäppchen gemacht.


Voruntersuchung steht im Kalender. Die Schrauben im Fuss des Liebsten sollen wieder raus. Morgens um halb sechs fahren wir vom Hof. Bemerknisse:

Ein Tempolimit von 130 würde mich nicht betreffen. In den zwei Stunden auf der Autobahn hatte ich nicht einmal das Gefühl 130 fahren zu können.

In dieser Klinik gibt es auffallend wenig übergewichtige Menschen. Gar keine, eigentlich.

Die Stimmung im Röntgen-Wartebereich ist zweigeteilt. Die Ü-60 jährigen sind fröhlich, die U-30jährigen nicht. Vermutlich haben die einen auf ihre OP`s warten müssen, für die anderen war es eine Überraschung.

Cafeteria geschlossen ist blöd. Als die Kinder gegen Mittag Fotos von ihrem Instagramm tauglich hergerichteten Essen schicken droht die Stimmung kurz zu kippen.

Wann sind wir eigentlich das letzte Mal zusammen vier Stunden lang über Krankenhausflure gelaufen, fragen wir uns auf der Rückfahrt. Noch nie. Es dauert insgesamt 10 Stunden und 45 Minuten, bis alle Zettel, die gebraucht werden da sind, wo sie sein müssen. Zum Glück waren die Leute an jeder einzelnen Station sehr nett, sonst wäre das wirklich nervig gewesen.

Da hatte ich doch tatsächlich gedacht, wenn sich drei Kindern zum Mittag ein Kilo Tortellini kochen, bliebe etwas übrig. Falsch gedacht.

Das Julikind war gestern noch kleiner.


Die Hose und Schuhe? Nächste Woche muss sie arbeiten, sagt das Märzkind. Also heute. Nach einer Stunde dämmert mir, dass diese eine perfekte Hose möglicherweise im Moment nicht verfügbar ist. Ich erkundige mich bei der Verkäuferin, in welchem Rythmus denn Ware geliefert wird. Ware wird jeden Tag geliefert, sagt sie. Was aber wann genau geliefert wird, das kann im Moment niemand sagen. Das einzige was sie mit Sicherheit sagen kann ist, das etwa die Hälfte von dem, was sie für den Herbst geordert hatten garnicht kommen wird, die Lieferkette hängt durch. Mit leicht gesenkter Stimme gibt sie mir durch die Blume zu verstehen, dass man die perfekte Hose in dieser Saison eventuell nicht kaufen können wird, sie habe auch eine Tochter in dem Alter, fügt sie hinzu. Wir schweigen einen Moment gemeinsam.

Hosen finden wir an diesem Nachmittag. Schuhe nicht.


Das Maikind muss einen Teil seines Computers zurückschicken. Er möge mir bitte diktieren, was ich da in den Rücksendeschein eintragen soll. Das hat er mir doch schon gesagt, sagt er. Ich habs nicht verstanden.


Im Baumarkt ist der komplette Weihnachtsmarkt aufgebaut. Das erscheint mir unangemesen früh. Obwohl. In zwei Wochen wird die Uhr umgestellt und in sechs Wochen ist Advent. Oh ha.

September 21, Halbzeit

Offensichtlich muss immer erst eine bestimmte Menge an chaotischem Zeug zusammenkommen, bevor es wieder besser werden kann. In dieser Woche wurde es zum Glück besser.


Der ganze Haushaltskram hat einen neuen Rythmus gefunden. Die Kinder haben sich die zusätzlichen Aufgaben so untereinander verteilt, dass man weiß, wer was wann macht, oder hätte machen sollen. Es ist doch einiges, was der Liebste sonst erledigt, ohne dass da groß drüber gesprochen wird.

Getränkekisten schleppe ich genauso ungern durch die Gegend wie Holz, habe ich festgestellt. Auf gut Glück schreibe ich, während ich auf das Julikind warte eine Nachricht in die Familiengruppe. Jemand soll schon mal den Tisch decken und jemand muss gleich die Getränkekisten aus dem Auto in die Garage räumen. Als wir nach Hause kommen steht tatsächlich alles fürs Abendbrot bereit. Das Pluseinskind geht an mir vorbei nach draußen. Ich gucke fragend. Er guckt auch fragend. Ich hätte doch gesagt, sie können sich aussuchen, wer was… das Maikind wollte lieber Tisch decken und er macht dann gerade mal das, was er sowieso immer macht… Ah so, sicher, gerne, Auto ist auf. Ich sage „dankeschön“, er sagt „aahhwas“. Das Pluseinskind arbeitet als Leergutautomat. 6 Kisten, sind „pffffff“, sagt er, und macht so eine abwinkende Handbewegung.

Der Liebste erhält volle Anteilnahme aus dem Freundes und Kollegenkreis. 6 Wochen nur auf dem Sofa liegen, so garnichts machen dürfen. Wirklich nichts, weil, er kann ja ganz offensichtlich nicht, meine Güte, dass will man sich garnicht vorstellen, man würde verrückt werden. Ähm ja, so gesehen ist mein Alltag gerade wie Ponyreiten im Sonnenuntergang. Ich kann alles und muss überhaupt nicht auf dem Sofa sitzen.


Ich habe in einer Woche eine ganze Tankfüllung verfahren. Das habe ich, glaube ich, noch nie.


Die Schule findet allmählich wieder in den Alltag. Diese Woche gab es den dritten Stundenplan. Beim Maikind bleibt es bei zwei kleinen Klassen. Freude! Es sah kurz so aus, als müsste man aufgrund von Lehrermangel eine große Klasse daraus machen. Theoretisch wäre das möglich gewesen. Praktisch ist es aber so für alle viel schöner.


Ich gebe zu, ich hatte da keinerlei Hoffnungen mehr. Umso mehr freut es mich, ja, fast habe ich das Bedürfnis, zur Feier dieses Ereignisses ein Piccolöchen zu öffnen. Im 17 Monat der Pandemie, nach nur zwei Schulschließungen, erhalten alle Lehrer*innen dienstliche Mailadressen. Man kann also, ohne vorherige Recherche, einfach so, nicht nur die Klassenlehrer, nein, sogar Nebenfachlehrer kontaktieren, wenn man das denn möchte. Das sowas geht.

Leider, erfahre ich auf dem Elternabend, sind diese Mailadressen so dermaßen sicher, das der Vorgang des Einloggens mehrere Minuten in Anspruch nimmt, vom Mobiltelefon aus sogar unmöglich ist. Kommunikation über die bisher genutzten privaten Mailadressen ist nicht mehr erlaubt. Man bittet um Verständnis, dass sich dadurch die Reaktionszeit entsprechend verzögert. Die versammelten Eltern entscheiden, dass wir alle ausreichend befreundet sind, um diesen whattsappchat mit Klassenlehrer solange weiter zu betreiben, bis es amtlich verboten wird. Datenschutz. Als ob die Leherer*innen nicht sowieso mitbekommen würden, was so los ist, bei den Blagen.

Es wurden neue Codes für die offizielle Lernplattform generiert. Yeah! Da hätte das Maikind dann im Ernstfall, von dem wir natürlich nach wie vor hoffen, dass es dazu nicht kommt, tatsächlich eine Chance sich wieder in Online-Unterricht einzuloggen. Nach drei Wochen Totalausfall im Mai.


Bienenfutter ist ausverkauft. Überall, in der echten Welt. Das ist blöd. Verschiedene Überlegungen laufen.


Abends, bei der letzen kleinen Hunderunde begegnet mir ein Feuersalamander in XL. Feuersalamander begegnen mir öfter, aber nicht in dieser Größe. Ich staune. Morgens, bei der großen Hunderunde begegnet mir ein Eisvogel. Den kenne ich nur aus der Bierwerbung. Ich wußte garnicht, dass es die hier gibt, am Flüsschen. Vielleicht sollte ich mir mal angewöhnen, eine Kamera mitzunehmen. Das glaubt einem ja sonst keiner, so dermaßen idylisch ist das.

Beobachtungen

Das Maikind kommt nicht in den online Unterricht rein. Nicht in die erste Stunde, nicht in die zweite, wir kontrollieren das Wlan und das Endgerät, der Fehler liegt nicht bei uns. Ein Klassenkamerad wird über whattsapp informiert und sagt bescheid. Am nächsten Tag genau die gleiche Geschichte. Soll ich mal in der Schule anrufen? „Wieso“, fragt das Maikind, „es wissen doch alle, dass es nicht funktioniert.“ Von den 13 Stunden Distanzunterricht sind diese Woche vier Stunden ausgefallen, in drei Stunden konnte er sich nicht einwählen. Da hat doch fast die Hälfte stattgefunden, sagt er. Das Problem liegt in meiner Erwartungshaltung.

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Das Julikind soll Kristalle züchten. Zu diesem Zweck wurde eine Zuckerlösung angerührt. Ich bin nicht gut in Naturwissenschaften, habe aber schon oft Zuckerlösungen gekocht. Mit diesem Rezept können da keine Kristalle wachsen. Vielleicht wurden verschiedene Rezepte verteilt und es ist Teil des Plans, das da bei manchen nichts passiert? Das Julikind beobachtet seit zwei Wochen den im Glas hängenden Wollfaden und dokumentiert den Stillstand. Heute ist endlich was passiert. „Vielleicht ist es eine Falle? Ich schreibe gleich: Zwei tote Fliegen schwimmen oben drauf.“, sagt sie.

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„Geht?“, erkundigt sich der Liebste nach fünf Minuten Actionszene am Stück. Die Schnittmenge der Filme, die wir zusammen gucken ist klein. „Jo geht. Es ist eine Mischung aus Indiana Jones und Disneys Vaiana, ich frage mich gerade wer sich sowas wohl ausdenkt.“ Der Liebste sagt, mit Vaiana habe das rein garnichts zu tun, hat er sich eigentlich gedacht, das man das mit mir nicht gucken kann. Spoileralarm: Am Ende des Films kauft Lara Croft ihre Pistolen.

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Ein Kaffeetrinken mit Großeltern und pluseins gilt als Party. Danach gemütliches Beisammensein mit vier Freunden im Gartenhaus. Das Märzkind läuft den Rest des Wochenendes fröhlich summend und singend durchs Haus. Räumt ganz von selber den Partykram auf und gleich noch das Zimmer. Dieses lebensfrohe, ausgeglichenen Kind, ich hatte es schon vergessen.

Das Mutterherz bekommt einen Eindruck davon, wie schlimm dieser lockdown wirklich ist, und möchte eigentlich heulen. Aber natürlich freue ich mich mit, dass das noch gepasst hat, mit dieser kleinen Party.

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In Kassel war eine Anti-Corona-Demo mit 6000 Leuten genehmigt, irgendwo am Stadtrand. Statt dessen ziehen 20000 Leute mitten durch die Stadt, viele davon ohne Masken, ohne Abstände. Es stört mich. Die Polizei ist da leider toleranter.

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Der Lockdown wird verlängert bis 18. April. Keine Reisen in den Osterferien, Gastronomie und alle anderen Freizeiteinrichtungen bleiben geschlossen, Kontaktbeschränkungen gelten, Gottesdienste bitte nur online. Nach Mallorca fliegen, das geht.

gehen Sie nicht über Los

Ich buche einen Termin zum Klamotten einkaufen. Es gibt normale Termine oder welche für Konfirmations- und Anlassmode, jeweils für ein oder zwei Stunden. Gut zu wissen. Das Märzkind hat quasi einen eigenen Verkäufer. Großes Kino. Sie weiß ziemlich genau, was sie sucht, er findet es innerhalb weniger Minuten. Unter diesen Einkaufsbedingungen reicht eine Stunde völlig. Das Märzkind freut sich. Ich mich auch. Aus Protest hatte sie die letzten vier Wochen nur noch ihre schwarzen Sportleggins an. Wir haben wohl beide gewonnen.

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Die Bücherei hat geöffnet und ich kann die Bücher abgeben, die hier seit November liegen, wenn wir schon mal in der Stadt sind. Ein Kochbuch würde ich wohl ausleihen wollen. Am liebsten eins, das keinerlei Leidenschaft erfordert und mit Supermarktzutaten harmoniert. Kinder satt in 40 Minuten, oder so. Die Kochbuchabteilung wurde während des lockdown erweitert. Früher waren faule Köche ohne Thermomix eine Randgruppe, jetzt gibt es ein ganzes Regal voller Möglichkeiten. Es ist toll. Auch das Erziehungsbücherregal wurde neu sortiert. Wo früher Ratgeber für gestresste Helikopter Eltern standen ist jetzt alles voller Duden und homeschooling Sachen. Die Büchertasche ist rappelvoll als wir wieder gehen. Endlich hat mal einer verstanden, was Familien gerade brauchen.

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Frisörtermin, juhu. Zwei Kunden dürfen hier gleichzeitig kommen. Auf dem übernächsten Platz sitzt eine ältere Dame, die es erkennbar genießt, mal wieder was erzählen zu können: In dieser Zeitung gebe es eine Rubrik für Leserfragen, sagt sie. Da habe jemand gefragt, ob man denn auch geimpft werden könne, wenn man seinen Impfpass nicht mehr findet. Impfpass? Hat sie sich da gefragt und erstmal angefangen zu suchen. Tatsächlich habe sie eine Art Impfdokument gefunden, der Hausarzt hat dann aber festgestellt, dass das nicht mehr den aktuellen Gegebenheiten entspricht. Nun ja, da stand nur drin, dass sie gegen Polio geimpft wurde, sonst war ja auch nie was. Man habe ihr eine Tetanusimpfung empfohlen, wegen der Gartenarbeit. Da hat sie gesagt, gut, wenn das heutzutage üblich ist. Das war keine große Sache, das haben die direkt den Tag noch gemacht.

Das Gute am Masketragen ist, man kann grinsen, ohne dass es jemand sieht.

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Als ich den Großeinkauf ins Auto räume summt eine Nachricht. Ich habe so gar keine Lust, da nochmal reinzugehen, weil irgendwas vergessen wurde, gucke aber lieber trotzdem nach. Eine Mutterkollegin bittet mich um Hausaufgaben. Ich schicke ihr ein Foto von meinem vollen Kofferraum „Außendienst, bitte warten“.

Beim Kühlschrank einräumen fällt ein Apfel unglücklich, nicht schlimm, den esse ich sofort. Irgendwas war doch noch, überlege ich. Ach, stimmt, die Hausaufgaben. Ich krame im Rucksack des Julikinds nach dem Hausaufgabenheft, suche, finde, mache Fotos. Die Mutterkollegin bedankt sich, da werde ihr gerade so einiges klar. Der Feierabend ist gelaufen. Ich nehme Anteil. Auf dem Flur bleibe ich stehen. Moment, ich hatte doch, wo hab ich denn?, hatte ich?, ich glaube schon, lieber nochmal gucken. Sehen wir der Tatsache ins Auge. Irgendwo auf dem Weg zwischen Kühlschrank und dem Schreibtisch des Julikinds habe ich einen angebissenen Apfel abgelegt und verdammt nochmal vergessen wo. Allmählich fange ich an, mich selber zu nerven, mit sowas.

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Ah so, nur damit ich bescheid weiß, ne, sagt das Maikind, er hat dann nächste Woche keine Schule. Das ist nur teilweise eine Überraschung. „Hatten die dir denn schon bescheid gesagt, an welchem Tag du hättest kommen sollen?“, frage ich nach. Ich hab gar nichts mitbekommen. Ah so, sagt das Maikind. Das hätte er mir dann auch noch erzählt. Er wäre in Gruppe A gewesen, also Montag/Mittwoch/Freitag/Dienstag/Donnerstag, „aber das ist ja jetzt egal geworden“, sagt er. Stimmt.

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T-Shirt gekauft, beim Frisör gewesen, jemanden besucht und neue Bücher geholt. Es war ein schöner Frühling.

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Es liegen drei Zentimeter Schnee und Hessen zieht die Notbremse. Zurück auf Februar.

Anfang Januar

Nichts muss mehr vorbereitet werden, nichts großartig aufgeräumt werden. Die Zeit um den Jahrswechsel ist angenehm ruhig.

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Die Patentante möchte nicht reinkommen. Geschenkeübergabe auf Abstand, kurz unterhalten wir uns, sie entschuldigt sich, sie hat viel zu tun, offiziell. Keine Zeit zu haben kommt natürlich vor, ist aber in diesem Fall ungewöhnlich. Ich hatte dem Julikind erklärt, dass die Patentante wahrscheinlich Angst hat, uns anzustecken. Sie hat Kontakt zur Feuerwehr, zur Polizei, zu Altenheimen, das ist eben so. Im Moment ist es wieder schlimmer, mit Corona, da muss man ein bisschen aufpassen. Die beiden winken sich zum Abschied, Halloweenparty im Schwimmbad wird ausgemacht, allerspätestens. „Jetzt tut sie mir aber leid“, sagt das Julikind, als wir die Haustür schließen, „sie hat so traurig geguckt“.

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Ein Bedienungsfehler, vielleicht eine Fehlfunktion, sagt das Maikind. Leider hat die Drohne Teile der Deckenverkleidung geschreddert. Tja, zum Glück war er es selber.

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Mein Körper weiß anscheind nicht, dass heute Sylvester ist. Ab halb elf muss ich mich schwer darauf konzentrieren nicht einzuschlafen.

Das Maikind hat uns ein minecraft Feuerwerk zusammengebaut. Wow! Ich wußte gar nicht, dass es sowas gibt und bin ehrlich begeistert. Anschließend gehen wir in den Garten und verlassen illegalerweise kurz das Grundstück, um den Nachbarn ein frohes Neues zu wünschen. Es gibt hier und da Feuerwerk, nicht so wie sonst, aber dafür, dass garnichts verkauft worden ist, dieses Jahr, doch ziemlich viel. Die Kinder verballern eine Packung Jugendfeuerwerk. Wir sind alle erstaunt, wie viel Rauch ein kleiner Vulkan macht und wie laut das ganze Zeug ist. Gegen halb eins wird es wieder leise im Ort. Der Hund ist total entspannt. Aus asthmatischer Sicht folgt der beste Neujahrstag aller Zeiten. Feuerwerk kommt auch auf die Liste der Dinge, die ich nicht vermisse.

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Der Außendienstler kommt auf eine Tasse Kaffee vorbei. Gestern ist er zum ersten Mal mit seinem Freifahrtschein durch eine Straßensperre gefahren. Man habe ihn abwimmeln wollen, da hat er aber mal nachgefragt, ob man denn ernsthaft glaube, dass er hier an einem Sonntag in Dienstkleidung mit dem Dienstwagen in eine völlig überfüllte nicht präparierte Winterlandschaft ohne Toiletten und so wollen würde. Ach, habe der Kontrollposten gesagt, er würde ja garnicht glauben, was man so alles schon probiert habe.

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Alle Kinder sind vor Bildschirmen, da können der Liebste und ich mal zusammen Kaffee trinken. In der viertel Stunde, die wir so sitzen kommt eine Nachricht „sie hat ja gesagt“ mit Foto von Ring am Finger und kurz danach ein anderes Foto mit dem Untertitel „rest in peace“. Beide sind in unserem Alter.

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Wenn man aus der Liegestützposition das rechte Knie an den linken Ellbogen ziehen soll und da dann halten, einen Moment, dann fragt man sich in diesem Moment, wofür das eigentlich gut sein soll.

Ich glaube, das sind genau die Muskeln, die man benutzt, wenn sich der luftgefüllte Treckerreifenschlauch, in dem man sitzt, mehrfach gedreht hat, man die Entfernung zur schanzenähnlichen Kante des Abhangs beim besten Willen nicht mehr schätzen kann und man die Fahrt spontan lieber vor dem Stopp beenden möchte.

Ich rolle durch den Schnee, das Julikind sitzt immernoch auf dem Reifen und lacht sich kaputt. Das waren doch noch vier Meter, fast, ich habe überreagiert…

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Der shutdown wird nicht nur nicht aufgehoben werden, der wird sogar noch verschärft, verlängert sowieso, das ist keine Überraschung. Ab einer 200er Inzidenz ist angedacht, den Bewegungsradius der Bewohner des jeweiligen Landkreises auf 15km um den Wohnort einzuschränken. Da würde man dann ohne triftigen Grund nicht raus dürfen. Ausflüge und Einkauf gelten ausdrücklich nicht als triftiger Grund. Ähm, Moment. Kurzer check mit der Sportapp des Liebsten. Jo, das Städtchen ist im Radius. Die Krankengymnatikpraxis auch. Aber wir liegen sowieso unter 200. Man darf sogar wieder nach 21 Uhr raus, wenn man will. Es will aber anscheind niemand. Abends, bei der letzten winzigen Gassirunde bemerkt man keinen Unterschied, alles wie immer.

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Und was ist nun mit Schule? Schule ist nicht, den ganzen Januar nicht.

Obwohl, einige Bundesländer, niemand sagt welche, überlegen die Grundschulen bis zur sechsten Klasse wieder zu öffnen. Bei uns geht die Grundschule nur bis zur vierten Klasse, was heißt das für die Fünftklässerin? Ausgenommen von dieser Regelung sind voraussichtlich die Abschlussklassen. Ok. Daraus ergeben sich für mich folgende Informationen:

Das Julikind hat vielleicht Schule, nächste Woche, wahrscheinlich aber eher nicht. Das Märzkind hat vielleicht übernächste Woche Präsentationsprüfung, wenn die Termine nicht wieder verschoben werden müssen, das wird am Samstag vermutlich fest stehen. Für das Maikind gibt es keinen Plan, aber das mit Sicherheit.

Erste Dezemberwoche

Eine Leiter kann man nicht stellen. Die Wand hinter dem Ofen ist nicht nur schwer erreichbar, sondern auch noch hundert Jahre schief. Es hat eine Ewigkeit gedauert und Nerven gekostet, aber die Tapete ist dran. Ich habe den Muskelkater des Jahres.

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Eine Faszienrolle sieht in etwa so aus wie eine Küchenrolle. Das Material erinnert an eine Boje. Die Rolle ist sehr fest und löst, wenn man darüber rollt, die Verklebungen der Faszien. Ist klar. Ich hatte es für ein Fitness-Gadget gehalten und nur wegen des Placeboeffekts gekauft, weil die Physiofrau gesagt hat, wir brauchen sowas. Das Märzkind hat seit Monaten kein richtiges Training mehr. Einmal die Woche Krankengymnastik ist zu wenig melden die Knochen.

Ob ich das denn auch mal probieren möchte, werde ich gefragt. Sicher, warum nicht. Unter Anweisung des Märzkindes setze ich mich auf den Boden, platziere die Rolle unter meinen Waden, stütze mich mit den Armen ab und – rolle locker über das Gerät, dachte ich. „AAAAuaaa, haaauuuaaa, aaaaa, das kann doch nicht gesund sein“. Doch, sagt das Märzkind. Da könne ich aber mal sehen, wie verspannt ich so bin. Boar nee, das ist nichts für mich. Als ich aufstehe und gehe, muss ich allerdings zugeben, es ist ein angenehmer vorher nachher Effekt erkennbar. Faszinierend.

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Da haben sie so schön gesessen und mit der Uroma drei Nüsse für Aschenbrödel geguckt und Plätzchen gegessen, dann kam der Papa dazu und hat gesagt: „guck mal die Eule, wenn man genau hinsieht, sieht man die Schnur“. Nie, niemals hat irgendwer es für möglich gehalten, dass diese Eule da nicht selber fliegt. Das Julikind ist empört, als es mir die Geschichte beim Abendessen erzählt. Der Liebste schmunzelt. Er fängt sich einen Tötungsblick und wird von beiden Mädels in die Seiten geboxt. Das ist nicht witzig. Er hat „die Glaubheit zerstört“.

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Ich bringe etwas an die Tür des Quarantäne-Haushaltes und klingele. Wer weiß, ob die das sonst finden, geht ja keiner raus, im Moment. Die Tür geht auf, ich gehe noch einen halben Schritt zurück und winke fröhlich der Mutterkollegin, die da noch halb im Flur steht. „Hast du keine Angst?“, fragt sie. „Nee“, ich wundere mich selber. „Also doch. Aber ich habe das ganze Jahr schon Angst, man gewöhnt sich…“ Die Mutterkollegin kommt bis in den Türrahmen und freut sich sehr, dass ich da bin. Sie wünscht uns wirklich von Herzen, dass uns das nicht passiert. Am Dienstag war sie mit dem Kind beim Test, direkt danach hat sie auf der Arbeit angerufen, die Chefin hat gesagt, das wäre kein Problem, sie solle ganz normal weiter arbeiten, der Test wäre doch bestimmt sowieso negativ. Sie hat dann wirklich jedesmal eine frische Maske genommen, obwohl das so gar nicht vorgesehen ist, und Hände desinfiziert und Abstand gehalten soweit es nur ging, als sie gerade anfing, selber zu glauben, dass der Test negativ sein muss, da hat die Tochter sie angerufen, und gesagt, sie muss alles sofort stehen und liegen lassen und nach Hause, Freitag war das. Seitdem sind sie alle nur im Haus. Die Kleine war am Wochenende krank. Nur zwei Tage und wenn man ehrlich ist, das könnte eine ganz normale Erkältung gewesen sein. Es geht allen gut, soweit. Nur im Kopf ist es anstrengend. Man horcht dauernt in sich rein, fragt sich, ob es vielleicht kratzt im Hals…

Das kenne ich. Die Kleine hat die ganze Woche im selben Klassenzimmer gesessen wie das Julikind.

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Was ist denn nun mit Weihnachten? Ich hole Kuchen bei der Omma und frage anstandshalber mal nach, was sie so meint. Weihnachten mit Urenkeln unter dem Baum? „Och“, sagt de Omma, „ich bin da nicht ängstlich“. Das wußten wir ja alle, aber im Moment ist es ja doch etwas bedrohlicher, deswegen… „ach, weißte, ich bin so alt, ich kann ruhig sterben“. Ähm…okee… wer fragt bekommt Antworten.

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Was ist denn nun mit Weihnachten? Gleiche Frage andere Seite der Familie. Tagelanges Schweigen von allen Beteiligten. Bei mir entsteht der Eindruck, dass niemand Gastgeber sein will. Vielleicht bietet dieses Jahr die Möglichkeit, Dinge anders zu machen als „schon immer“?, das muss ja garnicht heißen, dass es schlechter wird? Vielleicht lerne ich auch einfach irgendwann die Klappe zu halten.

Es findet sich dann doch noch eine Lösung. In der Theorie könnte das schön werden – oder Schlagzeilen machen.

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Lichter leuchten überall in den Fenstern und in den Gärten. Dieses Jahr geben sich die Leute anscheind richtig Mühe, dass kann sogar ich schön finden. Naja, das meiste zumindest. Als wir auf der Hunderunde an diesem riesigen luftgefüllten Leuchtschneemann vorbeikommen, muss ich doch grinsen. Was denn so lustig sei, erkundigt sich der Liebste. „Modell 88, dachte ich gerade, aber das ist bestimmt ein Versehen“, und deute auf die Adventsfigur. Der Schneemann sollte mit Sicherheit winken. Die Winkehand ist aber irgendwie ungünstig verklemmt und teilweise von der Luftzufuhr abgeschnitten. Statt hocherhoben zur Seite zeigt der Arm halbhoch nach vorne. „Du wieder“, sagt der Liebste, „sowas fällt doch keinem auf“.

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In der Schule werden jede Menge Arbeiten geschrieben. Die Kinder machen nachmittags Hausaufgaben und lernen. Da fällt der lockdown gar nicht weiter auf. Es hat gar keiner Zeit, sich zu verabreden. Angespannt ist die Stimmung vor den Weihnachtsferien immer, es werden jedes Jahr viele Arbeiten geschrieben. Dieses Jahr ist das Pensum aber ein anderes und es fehlt der ganze Tüddelkram. Kein Weihnachtsmarktbesuch, kein wichteln, kein Gesang, kein Gebäck.

Beim Märzkind in der Klasse gibt es in diesem Winter einen Wasserkocher. Da kann man sich Tee machen. Neben dem Wasserkocher steht auch ein kleiner Weihnachtsbaum. Ganz ehrlich, wenn das nicht wäre, dann hätte man auch langsam keinen Bock mehr. Arschkalt isses.

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Keine Wichtelgeschenke besorgen, keine Spenden für Mitbring-Buffets auf Weihnachtsfeiern, keine Sondertrainings, keine Turnveranstaltung, keine Auftritte, keine Gürtelprüfung, keine Weihnachtsfeiern. Es ist der entspannteste Advent aller Zeiten.

Halbzeit November

Der Liebste hat ein paar Tage frei. Das war auch nötig. Niemand von uns will jammern, wirklich nicht. Krise mit Geld ist definitiv viel besser als Krise ohne Geld. Anstrengend ist es aber trotzdem.

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Da hat der Klassenkamerad zu der Fachlehrerin gesagt „ach, halten Sie doch die Fresse“ dann hat er seine Sachen eingepackt und ist mit den Worten „den scheiß muss ich mir nicht geben“ rausgegangen und mit dem Fahrrad weggefahren. Der Klassenlehrer, der Vertrauenslehrer und die Sozialarbeiterin haben ihn dann in ihren Autos verfolgt. Diese Geschichte höre ich beim Mittagessen aus drei verschiedenen Perspektiven. Großes Kino. Der Klassenkamerad ist zwar einer von der speziellen Sorte, hat aber in dieser Sache alle Sympathien auf seiner Seite. Die Fachlehrerin hat im kognitiven Bereich noch Luft nach oben, da sind sie sich einig.

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Wir nutzen eine Sonderaktion des Einzelhandels und kaufen Kleidung ein. Ausnahmsweise mal nicht für die Kinder. Man wird am Eingang herzlich begrüßt, und gebeten, so ein Tütchen zu nehmen, damit jederzeit nachvollziehbar ist wie viele Leute gerade da sind. Es sind auffallend viele Verkäufer da, alle fachkundig und freundlich, es gibt keine Schlangen an den Umkleiden. Eigentlich ist es ein tolles einkaufen, so. Wenn da nicht dieses sanfte gruseln wäre, mit so vielen Leuten in einem Raum…

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Die Großeltern entscheiden, dass man sie trotz lockdown noch besuchen darf, weil sie keine Lust mehr haben, sich zu fürchten. Die Kinder freuen sich sehr und verschwinden.

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Die Schule hat irgendwas am Start, für den Fall, dass sie wieder schließen müssen. Das Märzkind sagt, sie habe den Zettel auch bekommen (ja Zettel, im neunten Monat der Pandemie) die Lehrerin geht aber davon aus, das dieses irgendwas eher nicht funktioniert, wenn alle gleichzeitig damit unterrichten wollen. Sie werden bei dem bleiben, was sie im Frühjahr und in der Heimstudienwoche genutzt haben, bis das andere verlässlich funktioniert. Ach, und bitte 5 Euro Kopiergeld mitgeben, pro Kind. Mit Mühe unterdrücke ich den Impuls eine Kopie der Rechnung über 42 Euro für Druckerpatronen an die Schule zu schicken, per mail, weil ich es kann.

Ich erkläre mich statt dessen dreimal handschriftlich auf Papier damit einverstanden, dass meine Kinder, im Falle eines Lockdowns, von dem wir selbstverständlich alle hoffen, dass es ihn nicht geben wird, ein Videokonferenzportal nutzen düfen, das von der Kreisbildstelle auditiert wird. Es gibt da auch ein Kästchen, dass man ankreuzen kann, wenn man damit nicht einverstanden ist. Dann würde dieses Kind nicht unterrichtet.

Funfact am Rande: Die AG „Digitale Helden“ wurde schon vor zwei Wochen ins digitale verlegt, weil sich da in der echten Welt verschiedene Klassen mischen würden. Das Maikind hat bereits Zugangsdaten zu diesem Videokonferenzportal. Wenn man die eingibt passiert rein garnichts. Die digitalen Helden sind offline.

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Ein Herr Montgomery von der Ärztekammer oder so sagt im Interview des heute journal, Kinder seien einfach ein besonderes Problem in dieser Pandemie. Ich hatte in den letzten Monaten eher den Eindruck, das Problem liegt in der schlechten Ausstattung der Schulen, vorsintflutlichen Kommunikationswegen und darin, dass verbeamtete Pädagogen sich über Wochen tot stellen, aber, man wird ja so schnell betriebsblind. Natürlich sind die Kinder das Problem.

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Was ist denn nun mit Weihnachten? Die Frage kommt immer öfter. Man hätte da gerne einen Plan. Nun, das ist etwas kniffelig, dieses Jahr, aber de Mudda und ich, wir sind Team Grinch und können das ganz nüchtern durchdenken.

Plan A: Wie immer- alle sitzen im Wohnzimmer mit Weihnachtsbaum, es gibt mehr Abstand als sonst und es wird nicht gesungen. Nach der Geschenkeübergabe, spätestens, wäre man sich dann wohl sicher, dass niemand im Raum Covid hat und würde die Abstände nach und nach verringern.

Plan B: wie Plan A, nur mit bleibenden Abständen und mit Maske (ob man sich dabei dann albern vorkommt, entscheiden die Statistiken)

Plan C: Wie Plan A aber in kleinerer Gruppe, Details würden sich von selber ergeben, oder kurzfristig abgesprochen.

Plan D: Wie Plan C mit den Massnahmen aus Plan B

Plan E: Plan A – jeder in seinem eigenen Wohnzimmer über zoom

worst case scenario: mehrere kleine maskierte Gruppen stehen vor den Fenstern von anderen Gruppen oder Einzelpersonen winken. Dabei wäre Gesang theoretisch möglich.

In jedem Fall bekommt jeder, der möchte einen Baum organisiert und natürlich ein Geschenk. „Komme was wolle“, sagt de Mudda „Hauptsache, alle leben noch“. Ist immer gut, nicht allzu hohe Erwartungen zu haben. Weihnachten in 10 Minuten durchgeplant, läuft doch.

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Oder auch nicht. Wenn man so ein Weihnachtsfest auseinander rechnet, dann treffen wir 11 verschiedene Haushalte, normalerweise, das wird mir erst allmählich klar.

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Die Frau am Bäckerwagen sagt, sie denken darüber nach, die Bestellannahme für Heilig Abend zu beenden. Mehr geht einfach nicht.

Der Tiefkühlkost-Lieferant, der alle drei Wochen bei uns klingelt sagt, die Sachen, die er sonst im Januar preisreduziert verkauft, die sind jetzt schon alle weg. 6 Wochen vor Weihnachten. Das gab es noch nie.

Wottsefack?

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Wir werden an Weihnachten essen, was auch immer es am Freitag vor Heilig Abend noch zu kaufen gibt.

Die traditionellen Weihnachtkarten für Honigkunden und andere liebe Menschen bastele ich, nachdem ich lange über die beste Möglichkeit nachgedacht habe, einfach aus dem ganzen Flitterkram, den ich in den Schränken finde.

Wir machen uns einfach nicht mehr verrückt dieses Jahr.

Erste Novemberwoche

Am Freitag vor dem Teil-Lockdown wird das Maikind spontan zu einer vorverlegten kleinen Geburtstagsfeier eingeladen. Das Märzkind trifft sich auch mit ein paar Leuten. Beide verlassen das Haus mit gemischten Gefühlen. Darf man das noch? Man darf, sage ich. Es sind erstens die gleichen Leute wie in der Schule und zweitens geht da auch um psychische Gesundheit – meine.

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Die Blätter sind fast alle abgefallen, aber irgendwas buntes ist doch noch, in der Hecke. Ach guck, der riesen Holz-Osterhase, ich dachte, den hat endlich einer geklaut, er war aber nur eingewachsen. Ich nehme die Heckenschere und befreie den Hasen. Das hat fast etwas symbolisches. Hingestellt habe ich ihn im März, ab da ist uns irgendwie alles über den Kopf gewachsen.

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Das Märzkind und ich müssen eine Wartezeit überbrücken und wollen der Oma-im-Städtchen etwas in den Briefkasten werfen, sollten wir Licht sehen auch klingeln und winken. Als wir vorfahren räumt sie gerade ihr Auto aus. Da sehen wir uns in echt und unterhalten uns eine Weile vor dem Haus. Das ist erst seltsam, aber eigentlich ganz schön. Nach einer Weile bittet sie uns rein. Das Märzkind und ich gucken uns etwas ratlos an. Damit hatten wir nicht gerechnet, weil diese Oma sich wirklich fürchtet, vorm Virus. Seit Februar ist sie die allermeiste Zeit allein. Wir geben zu, dass wir das lieber nicht möchten, weil diese Woche nun mal so ist wie sie ist. Die Oma meint, da hätten wir wohl recht, und irgendwie sind alle erleichtert. Wir, weil sie nicht sauer ist, und sie, weil wir nicht wollten – aber gekonnt hätten. Es ist kompliziert.

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In der halben Stunde, die wir vor dem Haus stehen fallen uns einige Autos mit Nummernschildern von weiter weg auf. Darin auffällig schick gekleidete Familien. Ein Hauch von „Weihnachten nache Omma hin – jetzt oder nie“ weht um die Häuser.

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Ein leicht zerbeultes Paket wird geliefert. Es erinnert mich daran: online Weihnachtsgeschenke bestellen, jetzt oder nie. Es kommt ja schon in normalen Zeiten zu abenteurlichen Zustellungen im Dezember.

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Gut, dass sich dieser Kollege des Liebsten Montag krank gemeldet hatte. Corona positiv. Man weiß aber woher, und der Rest ging schnell, die Schicht hat kein Problem.

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Zweimal habe ich diese Woche jemanden vor einer Klinik rausgelassen. Einer kam nach einer halben Stunde fröhlich wieder raus, der andere nicht.

Nachrichten von einem Terroranschlag in Wien und einer Präsidentenwahl, die mich immer wieder mit dem Kopf schütteln lässt.

19900 Neuinfektionen an einem Tag.

Einen Praktikumsplatz zu suchen in diesen Zeiten ist eine Herausforderung.

Schulen sind geöffnet, man wurschtelt sich so durch. Zur dritten Stunde fährt übrigens kein Bus, auch wenn der Schultag regulär da anfängt nicht.

Gibt es eigentlich mittlerweile einen Plan, für den Fall, dass aus Teil-Lockdown ein Lockdown wird, so mit Schule zu? Ein Kind wird über discord mit Unterricht versorgt werden, eins über Lanis, das andere sehen wir dann, wenn soweit ist.

Die Waschmaschine, sie will irgendwie nicht richtig, obwohl sie können müsste.

Ich hab den Apfelpflücker vergessen.

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Der Waschmaschinen-Kundendienst hat noch eine Idee, wie sich das Problem vielleicht lösen lässt. Ansonsten würden sie auch vorbeikommen, natürlich. Man könne den Leuten ja nicht sagen, melden Sie sich einfach, wenn Corona vorbei ist. Die Leute freuen sich über diese Infos.

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Zum Martinsumzug wären wir nicht gegangen, das ist ja was für Kleine, aber ein digitalisiertes Laternenfest feiern wir gern mit. Fünf Laternen sind soweit in Ordnung, dass man sie in die Fenster hängen kann. Ab morgen könnt ihr euch von der Straße aus daran erfreuen, heute gibt es noch technische Schwierigkeiten. Wir haben zwar ausreichend Beleuchtungseinheiten und Batterien, es passt nur nicht zusammen.

Stutenkerle backen wir dann einfach selber. 1kg Mehl, ein Würfel Hefe… nach so einer Woche kann man sich ruhig mal was gönnen.

Apfel Marathon

Ich bin jahreszeitlich verwirrt. Die Allergiebelastung ist frühlingshaft, die Temperaturen ganz eindeutig sommerlich. Die Blätter sind bunt wie sonst im Oktober und im Baumarkt werden Christbaumkugeln in die Regale geräumt. Alles an einem Tag.

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Es ist September sagt der Apfelbaum. Der Liebste nimmt das Maikind und das Julikind mit. Erst Äpfel sammeln, dann Saft pressen. Dafür wird Starkstrom gebraucht, den gibt’s bei der Oma in der Scheune. Die Äpfel müssen in den Nachbarort gefahren werden, der Saft zurück. Es war mehr als gedacht, den ganzen Samstag läuft der Einkocher. Dann muss alles in den Keller. Gratis workout.

Das Märzkind bekommt von all dem nichts mit. Nicht schlimm, sie schafft andere Vorräte. Sollte es nochmal zu einer Schulschließung kommen und sie könnte mehrere Wochen ihre Freunde nicht treffen, das wäre übel für uns alle. Da sind die Geschwister sich einig.

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Ich schäle einen Korb voll Äpfel für Apfelmus und koche es ein. Das ist einfacher, als Apfelmus ohne Citronensäure zu kaufen. Und Apfelmus gehört nun mal zu Pfannkuchen.

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„Sag mal, weißt du noch, was du an Sylvester auf deinen Wunschzettel geschrieben hast, für dieses Jahr?“, frage ich das Maikind beim Spaziergang. Am Sylvesterabend schreibt jeder einen oder auch mehrere Wünsche für das neue Jahr auf einen Zettel. Nur realistische Sachen sind erlaubt. Die Zettel kommen dann unbesehen in eine Zeitkapsel (Bockwurstdose). Bis zum nächsten Sylvesterabend. „Nee“, sagt das Maikind, „keine Ahnung, aber was ich mir für nächstes Jahr wünsche, das weiß ich schon.“ Ich auch.

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Der Triathlet kommt kurz auf einen Kaffee vorbei. Er verweigert den Keks, weil, er muss diese Woche noch einen Marathon laufen. Ich wundere mich, findet der statt? Sicher, der ist jetzt virtuell, das ganze Wochende kann jeder laufen, irgendeine Strecke, man muss sich nur registrieren und am Ende ein Foto hochladen, von seinem Ergebnis, auf der Pulsuhr oder der App, geht alles. „Da machst du auch mit“, teilt er dem Liebsten mit. „Du bist bescheuert, ich lauf doch keinen Marathon“. „Nee, das ist klar“, sagt der Triathlet, man könne aber selber sagen, wie weit man laufen möchte, es gehe da hauptsächlich um die gute Sache, der Sponsor spendet pro Teilnehmer, und, der Triathlet hat die Seite schon aufgerufen, „ihr macht da jetzt mit“.

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Das Julikind ist die ganze Woche „schuluntauglich erkrankt“. Bisschen erkältet, nannte man das früher.

Im Ortsteil wohnt noch ein Klassenkamerad und dieser Klassenlehrer hat keinerlei hygienische Bedenken, was die Weitergabe von Hausaufgaben angeht. In der letzten Woche war der Klassenkamerad erkrankt. Er ruft meist um die Mittagszeit an, um zu fragen, ob es Hausaufgaben gibt. Dann besprechen wir, wer was abholt oder bringt oder schicken Fotos. Freitag ist er früh dran.

„Ich wollte nur sagen, heute kann ich keine Hausaufgaben mitbringen, ich hab in der Schule gekotzt, nicht dass ihr wartet.“

„Danke fürs Bescheid geben, gute Besserung.“

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Der Oppa nimmt den Konfirmanden mit zum Gottesdienst im Nachbarort. Das Märzkind muss nicht zum Training , keine Elterntaxifahrt am Sonntag, da hab ich spontan Zeit…

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Startnummer 2345 bei einem virtuellen Marathon. Die drucke ich gar nicht erst aus, das glaubt mir doch keiner. Dann laufe ich also, die gleiche Strecke wie immer, mit dem Handy des Liebsten in der Tasche, ich hab keine eigene App. Aus gutem Grund. Die Zeit, die ich für 6km brauche ist, nun ja, man muss wohl sagen, sehr sehr großartig. Eines Tages wird die Welt auf dieses Ergebnis schauen und sagen, was für eine fantastische Leistung. Es ist wohl die beste Zeit, die auf diesem Abschnitt des virtuellen weltweiten Marathons jemals gelaufen wurde. Ich bin sehr sehr glücklich. Für die gute Sache.

…und dann der Hund

Alle Kinder sind in der Schule, der Liebste arbeitet. Das wäre die Gelegenheit, ohne Unterbrechungen einfach mal was von der to do Liste abzuarbeiten. Liegen geblieben ist genug in den letzten Wochen. Oder, ich könnte eins von den Projekten in der Warteschleife auf den Weg bringen. Oder, ein verrückter Gedanke, ich könnte ein Buch lesen.

Der Hund denkt, dass ich da nur so sitze und stupst mich vorsichtig. Ja, wir gehen gleich, ich muss nur noch die Überweisungen… jaahaa, eine Minute dauert es noch, jaaahhaaaa, so gibt das eh nichts. Es ist wie mit einem Kleinkind diese Woche. Ich schaffe genau eine online Überweisung, bevor der Hund raus muss.

Es ist auch kein spazieren gehen im eigentlichen Sinn, alle paar Meter muss ein Stock geworfen werden, keine Ermüdungserscheinungen erkennbar. Auf halber Strecke entschließe ich mich, die Standardrunde zu erweitern. Welch Freude, hier waren wir schon lange nicht, da hat er was zu schnuppern und ich kann aufhören, Stöcke zu werfen, immerhin.

Die neue Hunderunde, die ich morgens noch vor der zweiten Tasse Kaffee gehe, ist in der örtlichen Wanderkarte verzeichnet. Als Rundwanderweg. Der Hund ist danach tatsächlich müde, ein bisschen, für zwei Stunden…

Einmal am Tag wasche ich meine Hände, weil sie wirklich schmutzig sind.

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Der Wald müsste um diese Jahreszeit nach Herbst riechen. Nach ersten bunten Blättern auf feuchter Erde, Pilzen, irgendwie frisch modrig. Das tut er nicht, es riecht nach nichts. Der Boden unterscheidet sich auch kaum von den Feldwegen, was die Dämpfung angeht. Es müsste ganz dringend mal eine längere Zeit regnen.

Elternabend mit Abstand, keine Fachlehrer, die sich vorstellen wollen, Klassenfahrt verschoben und online Unterricht, naja, jetzt warten wir erstmal ab, ob es überhaupt nochmal dazu kommt. Zwei Mutter-Koleginnen erklären sich spontan bereit, Elternbeirat zu werden, beide wirken nett und normal. Unregelmäßigkeiten nach dem ersten Wahlgang, Frage in die Runde, Missverständnis, im zweiten Wahlgang wird so zurecht gewählt, dass es alles passt, auf den offiziellen, gestempelten Zetteln, Dokumentation, danke schön, schönen Abend noch, eine gute Stunde, fertig.

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Als ich vom Hundespaziergang wiederkomme ist der Liebste gerade wach geworden. Er sitzt mit Handy und Tablet vor dem geöffneten Fenster und fragt, ob ich schon was gehört habe. Was hätte ich den hören sollen?

Heute ist doch bundesweiter Warntag, erfahre ich. Gleich wird er per App gewarnt und die Sirenen werden gehen. Also, mich würde das nicht in alarmbereitschaft versetzten, ich bin ja gar nicht in der Feuerwehr. Nee, nicht der normale Sirenenton, irgendein anderer solle heute kommen.

Hätte der Liebste mir nichts erzählt, hätte ich den Warntag gar nicht mitbekommen. Es ist keinerlei Alarm angekommen. Und was genau ich bei diesem anderen Sirenenton hätte tun sollen, weiß ich auch nicht. Wir haben drei Päckchen Klopapier im Keller, was soll schon passieren.

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Mein Auto ist durch den TÜV, juhu. Für den Spottpreis von nur 10 Euro. Gut, eigentlich für 610 Euro. Der Kinderbonus war genau einen Tag auf dem Konto. Dann haben wir sowohl einen regionalen Handwerksbetrieb, als auch die gesamtwirtschaftliche Erholung unterstützt, indem wir alles auf einmal ausgegeben haben. Bitte Deutschland.

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In der letzten Woche sind das Bügeleisen, die Bohrmaschine und der Staubsauger kaputt gegangen. Außerdem sind natürlich alle Jacken der letzten Saison zu klein, die Pullover auch. Tja.

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Auf dem Wanderparkplatz „Irgendwo am Wald“ steht ein Camper mit dänischem Kennzeichen. Merkwürdig. Anderthalb Stunden später ist der immernoch da, hoffentlich kommen die nicht auf die Idee, hier zu grillen. Die Tür geht auf, ein Mann kommt einen Schritt aus der Tür und fragt, ob er was fragen darf. Sicher. Da wäre gerade so ein Alarm gewesen. Sie haben hier überhaupt kein Internet und was muss man tun? Ist Gefahr?

Nein, keine Gefahr, es ist der zweite Samstag im Monat, da heulen die Sirenen nur zur Probe, alles gut, das hier so üblich. Der Mann wundert sich, wirkt aber erleichtert. Wir unterhalten uns kurz. Er erkundigt sich nach der aktuellen Coronalage. In Dänemark sieht es gerade leider übel aus. Bei uns geht es, kann ich erzählen, wir sind froh, dass die Schulen wieder auf haben und alle geben sich Mühe.

Ehrlich gesagt hatten sie gerade überlegt, ob sie nicht lieber weiter fahren bis Österreich, sagt der Mann. Sie haben gestern Leute feiern sehen, draussen zwar, aber doch mit viel Bier und wenig Abstand. Sie arbeiten beide im Hospital und wollten genau so was nicht. Ich erkundige mich, wo sie denn gestern gewesen sind. Oh ha, jo, Willingen ist ein bisschen anders, als der Rest von Deutschland.

Ich vermisse Airbnb, wie es früher war, stelle ich fest. Das hat mal Spass gemacht.

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Die Katze ist verstorben. Ich kondoliere.

Es gibt eine Folge bei „Gilmore girls“ in der stirbt die Nachbarskatze, die könnte ich eigentlich mal wieder gucken.

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Ich hab das erste mal morgens wieder Licht angemacht, beim Brote schmieren.

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Ein erstes Vorgespräch für den 24.12.20 hat stattgefunden. Wie viel Distanz verträgt ein Weihnachtsabend? Eigentlich keine. Wir kommen zu dem Schluss, joooääähhmmpfff

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Eigentlich war die Woche mit dem hyperaktiven Hund gar nicht schlecht. Der gefühlte Kinder Overload wird besser und ich hab bemerkenswert gut geschlafen. Diese Jeans passt auch wieder.

Irgendwer müsste allerdings mal wieder aufräumen und so.