Stille, Steine und Honig

Julikind und ich stehen in der Küche und schauen uns an. „Das ist seltsam“, flüstert sie. Ich nicke nur. Nach sieben Wochen ununterbrochenem Brummgeräusch wurden soeben die Trockengeräte aus der Küche, und dem Raum den wir einst Wohnzimmer nannten entfernt. Die Stille brüllt einen an. Man hat fast das Gefühl, selber Geräusche machen zu müssen, wie Städter beim Waldspaziergang. Nee, doch nicht. Leise ist schon schön. Erst am Nachmittag fällt uns auf, dass man die Plane zwischen Ess- und Wohnbereich dann ja jetzt auch entfernen kann. Es gibt wieder einen direkten Weg vom Esstisch zur Küche und ohne Geräuschkulisse bleibt man gern einen Moment länger sitzen als unbedingt notwendig. Fast wie damals, vor dem Wasserschaden…

Sauber machen, Möbel rücken, provisorische Normalität. Herrlich!

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Honig abgefüllt und in den Keller getragen. Eine krasse Farbe hat der dieses Jahr. Ich hatte gedacht, es könnte Waldhonig dabei sein, wegen der späten Ernte, aber das ist irgendwas anderes. Auf jeden Fall lecker, der wird seine Fans finden.

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Einen Vormittag lang habe ich 24 Grüße aus der Küche hergestellt, verpackt und anschließend verschickt. Aufs Gramm genau 10 kg Paket waren das. Jawoll. Keinerlei adventliche Gefühle entwickelt, der Kalender wird ein Geschenk.

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Also, wenn ich doch sehen kann, dass auf der anderen Seite NIEMAND steht und auch innerhalb der nächsten 30 Sekunden niemand kommen wird, dann fahre ich die 10 Meter durch die Baustelle, ohne an der Ampel mitten im Wald auf grün zu warten. Mehrmals. Kein Gegenverkehr bis zum nächsten Ort.

Leider verträgt diese Straße aber anscheind überhaupt keine Autos mehr. Ab nächster Woche wird voll gesperrt. Dann ist der Nachbarort nicht mehr drei, sondern 10 Kilometer weit weg, für ein halbes Jahr.

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Es ergibt sich eine spontane Hunderunde mitm Vatta. Eventuell müsse man den vorläufigen Weihnachts-Ablaufs-Plan anpassen, sagt er. Das mit den Ommas wird wohl eher nicht so funktionieren, wie wir es im Juli noch angenommen hatten. Man wird alles von der jeweiligen Tagesform abhängig machen müssen. Tja, dann ist es eben so. Wir brauchen nur 200 Meter um einen neuen Plan zu erstellen: Kirche ist um fünf, danach gibt`s Schnitzel*innen und Schnittchen, Käseplatte und Süßkram aller Art in gemütlicher Runde. Wer kommt ist da und falls es Reste gibt wird eingetuppert.

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Ein Traktor parkt direkt vor der Haustür. Das ist ungewöhnlich. Die Freundin musste ein geliehenes landwirtschaftliches Gerät zurückbringen und wir lagen auf dem Weg. Das ist schön. Sie sieht den Raum zum ersten mal ohne Plane, bleibt mittendrin stehen und lacht sich kaputt „ach! du! scheiße!“, also sie haben ja zu Hause Flur-Renovierung und das nervt gewaltig, aber das hier… jo, da geht es ihr doch schon viel besser. Freut mich. Ich mache eine Führung, wir trinken Tee vor rustikaler Bruchsteinmauer und unterhalten uns nett über Altbau-Versicherungskosten und andere Alltagsabenteuer.

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In dem Essenkorb vom foodsharing war eine Kilopackung Kartoffeln drin. Wie niedlich, ich wusste garnicht, dass es sowas gibt. Wir kaufen Kartoffeln in 25 Kilo Säcken. Von einem Kilo aussortierter Kartoffeln war eine einzige kleine angeditscht, die anderen 940g sind völlig in Ordnung. Man wird nachdenklich.

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Maikind kann den (im Führerschein als Beleitfahrer eingetragenen) Nachbarn mit zur Arbeit nehmen und fährt jetzt selbst. Ein Zeitgewinn von drei Stunden pro Woche für mich.

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Der Abwasch dauert inklusive allem hin und her von Geschirr fünfundvierzig Minuten, jeden Tag. Möööp.

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Der Nebel auf der morgendlichen Hunderunde ist so dicht, dass man nach hundert Metern das Gefühl hat alleine auf der Welt zu sein. Man kann kaum 20 Meter weit sehen, dahinter verschwimmt alles optisch miteinander. Sämtliche Geräusche der Umgebung werden irgendwie wattig gefiltert, unmöglich zu sagen, woher sie kommen. Ist auch egal, scheint alles weiter weg. Ich werfe den Ball, der Hund verschwindet und taucht mit Ball wieder auf. Es bewegt sich etwas, auf dem Feld neben uns, eine Gestalt kommt aus dem Nebel, wie im Film. Das ist ja mal ein richtig fetter Hase. Nee, wohl eher ein stattlicher Wäschbar. Hä? Ok. Der Hund hatte anscheind ähnliche Gedankengänge und guckt mich fragend an. Hasen sind ihm völlig egal, fremde Hunde begrüßt er gern in Ruhe, aber, das stelle ich gerade fest, mit diesem Dachs würde er echt gerne spielen. Ich verpasse die halbe Sekunde, in der ich das von vornherein hätte verbieten können. Fröhlich rennt er auf das Tier zu, es sind ja nur noch ein paar Schritte, die beiden haben tatsächlich in etwa die gleiche Größe, ich hätte gedacht… – verdammt – ich weiß garnichts über Dachse. Kämpfen die? Der da sieht auf jeden Fall gestresst aus, sonst wäre er uns wohl kaum so nahe gekommen. Ich rufe den Hund. Der Dachs rennt weiter zur nächsten Hecke und verschmilzt mit den Nebelschwaden, als wäre nie was gewesen. Der Hund nennt mich mit seinem Blick Spaßbremse.

Staub, Nebel und Fische

Gleich können wir essen. Ich laufe ums Haus, um der verstreuten Familie bescheid zu geben, bleibe an der Ecke aber abrupt stehen. Wow! Märzkind und der Liebste haben eine Baustaub-Abluft-Anlage konstruiert, die offensichtlich funktioniert. Aus dem Wohnzimmerfenster im Erdgeschoss schießt eine hellbraune Lehmstaubfontäne , die sich über dem Gartenweg derart verdichtet, dass es fast schon wieder Wand ist und dann, einige Meter weiter oben sanft wabernd ins Universum zurück gleitet. Nachbars Garten, die Fenster im Obergeschoss, ach, lassen wir das.

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Ich habe eine Wartezeit zu überbrücken und es gibt eine Weihnachts-Einkaufsliste. Man kann die gleiche Süßigkeit zu Kilopreisen zwischen 16 und 32 Euro erwerben, im gleichen Laden, am gleichen Tag. Alle Jahre wieder bin ich ehrlich fasziniert davon, was Leute bereit sind zu zahlen, wenn tanzende Wintertiere oder Christbaumschmuck auf die Folie gedruckt werden.

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Ein sehr nettes und ehrliches Gespräch geführt, mit jemandem, der die gleiche Schweigepflichtserklärung unterzeichnet hat. Das mit der Kündigung war tatsächlich der direkteste Weg, in Echtzeit. Blöd gelaufen. Aus Gründen, die man nur ahnen kann, und deswegen vielleicht sogar ganz gut so, für mich, denn den Murks sehen und garnichts tun können, fällt schwer. Herzliche Grüße!

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Zwei Stunden Abhänge rauf und runter gelaufen, zwecks Apfelernte. In einer perfekten Welt hätten wir die Äpfel danach in halb gemütlicher Atmosphäte gemeinschaftlich geschreddert, gepresst, und den Saft heiß abgefüllt. Dieses Jahr übernimmt das die Mosterei.

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Im Wohnzimmer meiner Oma gab eine schuhkartongroße Kiste mit Plastik-Bausteinen. Darin Steine unterschiedlicher Größe, kleine Bauplatten, Dachziegel, Fenster…. ich hab ewig nicht daran gedacht, aber gerade werde ich nostalgisch. Man kann Einzelteile bestellen auf dieser Seite, natürlich auch Bausätze, zu verschiedenen Themen, Häuser, Tiere, Blumen…und, in der Unterkategorie „für Mädchen“ findet man eine Eisdiele, kleine Drachen – die gleichen Sachen wie in den anderen Kategorien, nur vorsortiert für Weihnachts-einkaufende Männer. Die Beschreibungen sind sachlich und die Preise völlig in Ordnung. Sehr sympathisch. Klemmbausteine.(Werbung unbezahlt und unbeauftragt,weil mich die testosteron triefenden Werbetexte des Marktführers genervt haben)

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Was eigentlich im Moment so im Kino läuft hatte ich gefragt. Kleinkindersachen, Teenysachen und… da habe sie aber im Studium endlich mal was alltagstaugliches gelernt, sagt Märzkind und erklärt mir das Krankheitsbild von „folie à deux“. Interessant. Und unheimlich. Der Joker ist dann vielleicht auch eher nichts für mich. Julikind und ich verbringen einen gemütlichen Abend im Kino bei einem Film über häusliche Gewalt. Kinokarten kosten sonnstags 11 Euro, ein kurzer Moment von wottsefack

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„Das Gesicht hätte man eigentlich mal fotografieren müssen“, sagt Maikind und freut sich. Er ist der Fahrer dieser Elterntaxifahrt, denn da wo Julikind hin will, wohnt auch sein Kumpel. Der kennt das Auto noch nicht und braucht einen Moment, bis er versteht, was er sieht, als wir vorfahren. Ob er denn mal mitfahren will? Will er. Nach wenigen Sekunden sind die beiden in technische Gespräche vertieft und haben mich auf dem Rücksitz vergessen. Am Ortsausgang muss ich mich leider kurz ins Gespräch einklinken: „Ihr habt ein Video geguckt? Wir fahren mit youtube-Bremsen?“ „Jo, sicher“, sagt er völlig gelassen.

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Durch bunten Blätterwald laufen wir einen Berg runter, ohne genau zu wissen, wohin. Man kann sich eigentlich nicht vorstellen, das da noch was kommt, und wird überrascht. Hinter einem Zaun liegen Fischteiche versteckt. Auf dem Gelände verteilt stehen Tische und Bänke, daran fröhliche Leute, die uns herzlich begrüßen. Im Stundentakt kommen 20 Fische aus dem Räucherofen und werden sofort serviert, auf einem Holzbrett, dazu richtiges Besteck und auf Wunsch Beratung über die richtige filitier-Technik. Ich weiß garnicht, wie es dazu kam, dass wir eingeladen wurden, ist aber auch egal. Der beste Fisch aller Zeiten, in idyllischem Ambiente, schön war das.

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Wo ich denn hin wolle fragt de Omma. „An die Tür, es hat geklingelt.“ Nein, das kann nicht sein, das hätte sie gehört. Dreimal laufe ich an diesem Nachmittag scheinbar grundlos zur Tür. Dreimal steht jemand davor. Hören kann sie noch alles, de Omma, sie sieht halt nur den ganzen Tag niemanden.

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Ich mache den Scheibenwischer an, ich feudele über die von innen über die Frontscheibe, drehe die Lüftung voll auf aber es ändert sich nichts an dem Ausblick. Bei uns vor der Haustür war es garnicht so neblig, das hat sich schnell geändert. Ich mache das Fernlicht an und kann so immerhin den nächsten Leuchtpfosten am Straßenrand erkennen. „Irgendwo hiiiiieeeer müsste, nein, doch nicht“. „da, neee, daaa“, sagt Maikind. Also, wenn man die Ausfahrt erst sieht wenn man vorbei fährt ist offiziell Herbst, sind wir uns einig. Zwei Stunden später wird es hell.

Licht und Schatten, Anfang Oktober

Man übermittelt mir ein alternatives Stellenangebot den Fall, dass sich ab Montag wirklich etwas ändern sollte. Doppelt so viele Stunden, doppelt so weiter Anfahrtsweg und ich zitiere „leider noch schlechter bezahlt“, was natürlich Gründe habe, die kurz erläutert werden. Das beantwortet nicht meine Frage.

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Donnerstag ist Feiertag. Beim Abendessen fragen wir uns gegenseitig, was wir eigentlich den ganzen Tag gemacht haben. Nichts.

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Der Vater vom Zauberer ist jetzt Hypnosetherapeut. Manche Sachen kann man sich nicht ausdenken. Herzliche Glückwünsche gehen ins Land der Friesen.

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Die neue Waschmaschine wird geliefert. Sie kalibriert sich und nimmt anschließend fast geräuschlos ihren Dienst auf. Einen Moment lang stehen wir staunend im Durchgang, kein Vergleich zum Sound der Alten. Man kann hier jetzt eigentlich ganz gut sein, ein Barhocker vielleicht noch, ein kleiner Klapptisch an die Wand… gibt auch gutes W-Lan.

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Diese Erkältung war nie richtig weg, wenn man ehrlich und jetzt lässt sie sich nicht mehr ignorieren. Ich schleppe mich durch den Samstag, nützt ja nichts. Alle anderen sind zum Hecken-Schneide-Einsatz bei Schwiegermutter.

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Ach, er hat dann übrigens gleich einen Termin, sagt der Liebste, beim Mittagessen am Sonntag. Das passt, sagt der Neue, er nämlich auch, da können sie gemeinsam fahren, Maikind kann leider nicht, er ist schon woanders verabredet, ihm sagt ja keiner was… wusste man ja selber nicht, manchmal ergibt es sich einfach und dann passt das… Spoileralarm: Autos kaufen ist eine Superkraft des Liebsten. Das macht der einfach so, nebenbei.

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Montag morgen, sieben Uhr, es wäre interessant zu wissen, ob es meinen Job noch gibt, denn gegebenfalls müsste ich mich gleich auf den Weg machen. Anfrage beim Auftraggeber. Eine ungewöhnlich lange Zeit kommt garnichts. Ich packe meine Tasche und wappne mich, für einen besonderen Tag. Dann erhalte ich doch eine Antwort. Ja, die Situation hat sich geändert, ich werde nicht länger gebraucht. Vielen Dank für die tolle Arbeit. Ich wünsche von Herzen alles Gute und meine es ehrlich. Wenige Minuten später erkundigt sich die, mit der ich vor Ort direkt zusammen gearbeitet habe, ob ich denn schon etwas gehört habe, ob wir heute kommen? „Auftraggeber sagt nein“, antworte ich. „gerade sitze ich hier und frage mich, ob mein Arbeitgeber davon weiß“. Zehn Minuten später kommt eine whatssapp vom Arbeitgeber. Du bist ab heute raus, aus dem Auftrag, bitte sag bescheid, ob du in die Alternative einsteigen möchtest. Ich brauche einen kurzen Moment. Das haben die doch mit Sicherheit am Freitag schon gewusst. Mit einem sanften innerlichen Klick löst Mental-Health-Sicherung aus. Nein, ich möchte nicht einsteigen.

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Der Triathlet klingelt und der Hund schlägt an. Da hat auch recht, sagt der Triathlet, und knuddelt den Hund, so lange wie er nicht mehr hier war. „Ich habe schon gehört“, sage ich und setze Kaffee an. Bei der Geschichte, die er zu erzählen hat, reicht Kaffee alleine nicht aus. Ich fülle eine Schale mit Spekulatius. Sein Bruder ist gestürzt, es gab eine unklare Formulierung in der Vorsorgevollmacht. Um die Betreuung offiziell übernehmen zu dürfen musste er eine Schufa-Auskunft und ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Natürlich, man versteht den Sinn dahinter, aber – zwei Wochen hat das gedauert, eine Ewigkeit, wenn jemand auf Intensiv liegt. Dann Grundbucheinträge besorgen, Besitz auflisten, Pflegeplatz finden, alles kompliziert und zeitaufwändig und Preisschilder an gelebtes Leben heften zu müssen macht traurig.

Och guck, vor einer Stunde dachte ich noch, mein Tag läuft scheiße – es geht wieder.

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Statt außer-Haus-Arbeit nehme ich mir den Wäscheberg vor. Später ein Telefonat mit der Freundin, wir waren so larifari verabredet für diese Woche und ich hätte Zeit. „Von heute auf morgen gekündigt? das ist blöd“, findet sie. „von heute auf morgen wäre völlig in Ordnung gewesen, die Nachricht kam eine halbe Stunde vor Arbeitsbeginn. Aber ist egal, eine Lernerfahrung“. Natürlich gibt es eine Wetterwarnung wegen ergiebigem Dauerregen, an dem Tag, an dem wir uns zum wandern verabredet hatten. Wir verlegen den Termin, auf wann anders.

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Die Äpfel sind reif. Wir brauchen Apfelmus. Einkochen funktioniert bei mir unter normalen Umständen im Autopilot. In der kleinen Fewo-Küche nicht, aber man gewöhnt sich.

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Märzkind bringt mir Blumen mit. Einfach nur so. Ein Glas Wein, Herbst-Wetterereignis vor dem Fenster, der Duft von frischem Apfelmus – Pause – mental health matters.

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„Was machen die da?“, fragt Julikind. Zu zweit stehen wir eine Weile am Fenster und blicken schweigend auf den Parkplatz. Drei Männer in Arbeitskleidung gehen um das „neue“ Auto herum, wechseln dabei regelmäßig die Richtungen, blicken auf Reifen, knien sich hin, stehen wieder auf, jemand holt einen Wagenheber. Irgendeinen Grund scheint das ganze zu haben, denn sie reden miteinander. Nur mal gucken würden sie wahrscheinlich ohne Worte, „keine Ahnung“, sage ich, es ist ein bisschen so, als würde man ins Aquarium gucken.

Maikind hat ein Auto gekauft, Wunschzustand zum Wunschpreis, es wurde Dienstag geliefert. Am Freitag bringt der Liebste das Wunsch-Kennzeichen mit, weil er natürlich jemanden kennt, die nebenberuflich für Leute zur Zulassungsstelle geht. Leider sind die Bremsen, die der Neue bestellt hatte noch nicht da, das verzögert den Einbau.

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Freitag morgen steht die nächste Messung der Bautrocknung an. „Was hat Ihnen denn der Kollege gesagt?“, fragt der freundliche junge Mann. „Es waren drei verschiedene Leute aus Ihrer Firma da, jeder hat was anderes gesagt.“ „Ja“, er lacht „das ist immer so“. Er misst nach, er murmelt. Das decke sich mit dem, was der Kollege vor zwei Wochen gemessen und angegeben hat. Er habe dann jetzt im Auftrag stehen, dass er die Fliesen abnehmen soll. „Aha“, sage ich.

Während der in der Küche die Fliesen von der Wand geholt werden, klingelt der Postbote, er braucht meine Unterschrift. Die offizielle Kündigung kommt per Einschreiben, außerdem ein Paket mit 6 Kartuschen gratis Waschmittel, die gabs zu der Waschmaschine dazu.

Eine halbe Stunde später bittet der Handwerker um Entscheidungen. Soll ihre Firma die Sanierung übernehmen? Jo, so hatten wir das gedacht. Natürlich, er könne das so schreiben aber, „ich sag Ihnen ganz ehrlich, dies Jahr wird das nichts mehr“ Ok. Neuer Plan.

Ich würde also bei verschiedenen Handwerksfirmen Kostenvoranschläge einholen, denn wir möchten die Räume gern zeitnah wieder nutzen. Er wirkt erleichtert, dann schreibt er jetzt Fremdfirmen und dann muss er garnicht sooo genau dokumentieren, und für die Wand da hätte er noch einen Rat, wenn ich Bedarf hätte. Gerne. Wo wir uns so nett unterhalten, „wieso hat der Kollege, der hier vor vier Wochen die Trocknungsgeräte hingestellt hat nicht schon sofort die Fliesen abgenommen?“, frage ich. Ja, es sei so, man würde meinen, diese Fliesen gäbe es nicht mehr, kann man aber natürlich bestellen, in einer Firma die Kleinstauflagen nach Muster fertigt – da kostet dann so eine Fliese 10x10cm 20 Euro. „Die Fliesen sind vierzig Jahre alt und naja, sehen sie ja selber… Wir hätten die dann einfach alle abgemacht und irgendwas neues hin“ „Das sagen Sie, das sage ich, aber es gibt Leute… das stellen Sie sich nicht vor“, sagt er.

Herbstanfang

Es gibt gute Nachrichten, mehrere. Hinter jeder steht eine Geschichte. Aus Zeit- und Verschwiegenheitsgründen werden die unerzählt bleiben. Allzuviel Vorstellungskraft braucht es allerdings nicht, wenn man schon mal mit Teenagern zu tun hatte oder mit Altbauten.

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Maikind hat seinen Führerschein bestanden und darf jetzt begleitet fahren.

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Wenn „alle“ zum essen da sind, bedeutet dass wieder 6 Personen. Auf dem Plus-Eins-Platz sitzt jetzt allerdings jemand anderes. Drei Tage geben sich alle Mühe einen guten Eindruck zu machen, dann ist die Integrationsphase abgeschlossen.

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Der Estrich in der Küche kann drin bleiben. Juhu! Der Fussboden im Wohnzimmer auch. Wer hätte gedacht, dass das mal als gute Nachricht durchgeht. Bautrockner laufen, man freut sich darüber, nach neun Wochen. Andererseits – die Geräuschkulisse, die Raumluft, die Umstände… die Trockner ziehen Lebensenergie. Als Symbolbild der Stimmung, diese im Gewürzregal vergessene Chili.

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Ein abrupter Wechsel der Jahrezeiten. Zwischen „boar ej, man schwitzt im sitzen“ und „hätte ich mal lieber Handschuhe mitgenommen“ liegen nur 36 Stunden.

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Wir hatten SterneHerzenBrezeln, gefüllte Herzen, Marzipan-Nougat Baumstamm, Blätterkrokant und Spekulatius. Ich wäre dann durch mit Weihnachten, von mir aus könnte das Sortiment wieder raus. Leider ist das Gegenteil der Fall. Die Drogerie bietet 30 verschiedene Adventskalender. Am ersten Oktober. Ich spüre das Erwachen meines inneren Grinches.

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Es ist nur eine Erkältung. Wobei das „nur“ sich auf den Covid-Massstab bezieht. Früher – da hätte ich durchaus gejammert. Drei Tage bin ich völlig fertig und werde dann wieder gesund. Einfach so. Schön ist das.

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Autsch. Da bin ich aber irgendwo ganz fies hängen geblieben. Ich ziehe meinen Arm und die Wäsche wieder aus der Waschmaschine, kann aber nichts finden. Merkwürdig. Bei der nächsten Ladung das gleiche, ich fluche und wundere mich, erkältungsbedingt allerdings nur ein bisschen. Stunden später kommt mir eine Idee, was das für eine Art Schmerz gewesen sein könnte, aber das ist unmöglich oder, frage ich Maikind. „Naaargh“, sagt er, muss er mal gucken. Beim Abendessen ist klar, ich hatte recht. Da fließt Strom, wo keiner sein sollte, er hat auch direkt einen verbraten gekriegt, musste er garnichts messen, sagt Maikind. „Und jetzt? Lieber nicht mehr benutzen?“, frage ich nach. „Auf. Keinen. Fall.“, sagt er und guckt dabei einen Lebensgefahr durch Dummheit Blick. Dachte ich mir schon.

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Erkenntnisse im Vorbeigehen: Man hat viel Platz, so ohne Spülmaschine und Unterschränke und Waschmaschine. Man braucht eigentlich ziemlich wenig Geschirr, wenn man immer alles sofort mit der Hand spült. Man gewöhnt sich an die seltsamsten Abläufe. Zum Kochen und spülen gehen wir jetzt eben einmal ums Haus, in die Ferienwohnung. Was für ein Glück, dass wir die haben!

Nach 10 Tagen ohne Waschmaschine ist die Definition von „nichts zum anziehen“ eine andere.

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Er würde eventuell heute noch einen Whiskey trinken, sagt der Liebste, abends nachdem wir gemeinsam den Abwasch gemacht haben. Ich auch. Problem: Da wo wir sind gibt es keinen Whiskey, und wo der Whiskey ist gibt es kein Sofa, niemand hat Lust noch zweimal ums Haus zu laufen. Eine halbe Stunde später sitzen wir auf dem Bett, jeder mit einem Buch und reichen uns hin und wieder das Glas rüber. Eine richtig gute Lösung, hätten wir schon eher mal drauf kommen können. Der angemessene Abschluss für so eine Woche. Naja, fast, es ist Dienstag. Eventuell gibt es eine leichte Tendenz Richtung Schnauze voll.

Normal wäre schön

Wir verlassen die angenehm temperierte Kirche in Richtung Friedhof. Draußen ist es heiß und hell und man hat irgendwie das Bedürfnis, sich mal zu schütteln. „Also, der Nachruf des Sportvereins war sehr schön“, raunt man sich zu, am Friedhofszaun. „Sollte ich versterben, während der örtliche Pfarrer Urlaub hat, lagert mich bitte ein“ , flüstere ich Märzkind zu „kein Ding“, sagt sie halblaut. Ein nebenstehender Verwandter hat uns wohl gehört und erkundigt sich ganz vorsichtig, ob uns denn diese Ansprache auch irgendwie – speziell – vorgekommen sei. Speziell? Die war schauerlich. Er wirkt erleichtert.

Wir gehen weiter und treffen den, den ich in letzter Zeit öfter auf Beerdigungen treffe, nur auf Beerdigungen. Den Liebsten hat er schon länger nicht gesehen, man begrüßt sich herzlich, „wie geht`s euch denn? alles gut?“ die Frage ist ehrlich gemeint und erfordert keinen small talk, „nnnnaaaarrrghhh“, macht der Liebste, untermalt von einer abwinkenden Geste. „wieso, was passiert?“, fragt der Bekannte besorgt. „naaa-ahhhnee“ sagt der Liebste. „Wasserschaden gehabt diese Woche“, erkläre ich, „mittlerweile haben wir wieder Wasser, und das Chaos einigermaßen im Griff, also, im direkten Vergleich zu dem, was andere diese Woche zu stemmen hatten“ sage ich und mache eine Geste Richtung Friedhof und Trauergesellschaft „haben wir kein Problem“. „…trotzdem blöd, im Urlaub“, sagt der Liebste. „Da haste recht“, sagt der Bekannte, „die meisten Leute wollen es immer schön haben. Im Urlaub dann nochmal ganz besonders. Ich bin da gerade an so einem Punkt – ich brauche garnicht besonders schön, wenn mir dafür das besonders blöde auch vom Leib bleibt. Normal finde ich gut.“ „Normal find ich auch schön“, sage ich, „wenn da einfach Wasser aus der Leitung kommt, zum Beispiel, das weißte nach zwei Tagen ohne ganz anders zu schätzen“, „… und so ein Küchenabbau ist gewissermaßen auch eine Familienaktivität“, ergänzt der Liebste, „beim Laminat raustragen kann sich jeder einbringen, haben ja alle Urlaub“. Wir lachen, so man eben lacht, am Rande von Beerdigungen. „Naja, Wasserschaden ist immer scheiße“, sagt der Bekannte in tröstendem Tonfall.

Ich sehe die Omma alleine in der Menschenmenge stehen. Eigentlich hatte ich gedacht, der Sohn, der nicht der Vatta ist würde sie mitnehmen, aber nun denn. Ich hake mich bei ihr unter. Sie begrüßt mich herzlich und erzählt, dass ihre Hände irgendwie so kribbeln als würde sie da vielleicht einen Krampf oder so, aber das kann ja nicht sein? Ob sie denn heute schon was getrunken hat, frage ich, betont beiläufig. Selbstverständlich. Sie hatte eine Tasse Kaffee heute Morgen. „Weißte was“, sage ich, „wir gehen jetzt einfach schon mal schon mal vor, zum Kaffee trinken“. „Das ist eine gute Idee“, sagt sie. Drei Meter weiter wird sie von freundlichen Menschen namentlich angesprochen und schaut mich fragend an. Ich kann leider nicht helfen, wir kennen uns nicht. Das stimmt, man erläutert das Bekanntheitsverhältnis, die Omma freut sich sehr. „und das ist ihre Tochter?“ fragen die Leute. „Ja genau“ sagt die Omma. „ähm, ich will ja nicht pingeling sein“, sage ich und stupse Omma sanft gegen die Seite, “ aber – du hast gar keine Tochter“. „Äh ja, nee“, sagt sie und muss selber lachen, „Enkeltochter?“ schlägt ihre Bekannte vor „sicher, die Enkelin isses“.

Normal halt.

Ende Juni

Das Familienunternehmen mit Tradition, ist dann wohl offiziell insolvent, jemand schickt mir einen link zum Insolvenzregister und wirkt überrascht. Ich leite die Nachricht an den Liebsten weiter, „tja“, sagt er nur. Die Teams Traditon und Familie haben schon vor Jahren Abschied genommen. Aus Gründen.

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Die Mülltonnen, die laut Plan heute hätten geleert werden sollen stehen immer noch genauso da wie heute morgen. Ich ziehe sie hundert Meter weiter, denn hier kommt morgen niemand durch. Die Tonne, die für den nächsten Tag auf dem Plan steht hole ich dazu.

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Endlich Sommer. Statt im Auto zu warten nehme ich mein Buch und setze ich mich auf die Brücke am rauschenden Bach, umgeben von grünen Wäldern. Auf der anderen Uferseite wird Heu gewendet, der Wind trägt den Geruch bis hierher, als wäre eine Postkarte lebendig geworden. Die beste Mutti-Taxi-Wartezeit des Jahres.

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Seine Mitfahrgelegenheit sollte eigentlich jetzt hier sein, aber, der, der im Städtchen zusteigt steht noch, sagt Maikind und wird ein bisschen blass. Klassenarbeit in der ersten Stunde – ob ich ihn vielleicht fahren würde? Ja sicher. Der Bus ins Nachbarstädtchen mit Berufsschule ist seit 28 Minuten weg (Stadtkindern muss man vielleicht erklären: der Bus bedeutet, da fährt heute sonst nichts mehr) Wir bringen Julikind noch zur Bushaltestelle auf dem Berg, und dann aber… och guck, das Auto vor uns an der Bahnschranke kennen wir, es hat mit 99,5%iger Wahrscheilichkeit genau den gleichen Weg und hätte Maikind bestimmt mitgenommen. Warum haben wir uns denn vorher nicht gesehen? Muttitaxi-rush-hour an der Bushaltestelle… mein Hirn spielt spontan 90er Jahre Musik: isn`t it ironic?

Wenn ich jetzt eh im Nachbarstädtchen bin, kann ich auch gerade noch ein paar Lebensmittel einkaufen. OK, ich hatte gedacht, die stellen die Straßensperre 10 Meter weiter hinten auf. Gut, dass ich unterwegs war, denn unsere Einfahrt ist jetzt dicht. Ich parke hinter dem Haus und trage alle Einkäufe durch den Garten.

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Lieferengpass, jeder bekommt nur eine Packung. Kein Problem, reicht mir, aber ääähhh? Der Liebste war für mich in der Apotheke und hat etwas abgeholt, das fast so heißt wie das, was ich brauche. Nachfrage in der Hausarztpraxis. Das Rezept war korrekt, wenn die Apotheke es so rausgibt, hat es den gleichen Wirkstoff in gleicher Dosierung, sagt die Dame am Telefon. Na gut.

Fun fact: Dieses Importprodukt hat einen fett gedruckten Warnhinweis auf dem Karton. The action of *Medikament hier in der Schachtel* may last for up to 6 hours, weitere Dosierungshinweise und Handlungsanweisungen für den Fall, dass es nicht besser wird plus Infos zur richtigen Lagerung. Man geht also davon aus, dass es zu medinzinischen Zwecken genutzt wird, von Leuten, die nachts gern schlafen möchten. Das ist nett. Auf der deutschen Packung steht nur der Wirkstoff.

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Der Linienbus ist wohl schon weg, als wir drei Minuten vor der laut App planmäßigen Abfahrtszeit an der Bushaltestelle ankommen. Da steht kein Mensch. Wer jetzt hier lang fährt will mit ziemlicher Sicherheit Richtung Städtchen, spontan ergibt sich eine Mitfahrgelegenheit. Das Kind, bei dem ich mir sicher war, dass es zur Bushaltestelle gefahren werden muss, verlässt, leicht gehetzt aber pünktlich das Haus und erwischt den Schulbus. AS-Taxi-Verspätung bis zu 15 Minuten ist normal, solange muss man warten, dann kann man anrufen, was Märzkind gerade tut. Aha, ja, hatte sie sich gedacht. Wir waren um 7.59 Uhr hier, es war knapp, deshalb wissen wir es genau. Anscheind hat man uns nicht kommen sehen, auf der langen Geraden. Oder… ist vielleicht schon um 7.58 Uhr losgefahren? Egal, der Anschluss ist weg.

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Der Hund hat sich geschnitten, so richtig. Jeder Schritt hinterlässt eine kleine Blutlache auf den weißen Fliesen. Wieso hab ich das denn nicht vorher schon gesehen? Er läuft ganz normal, aber der Flur sieht aus wie ein Tatort. Nicht so schlimm, wie es aussah, zum Glück, aber – einen Hund ruhig zu halten, der lieber raus möchte ist anstrengend.

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Der einzige Facharzt, bei dem überhaupt noch jemand das Telefon abnimmt, kann einen Termin im September anbieten, nachdem man glaubhaft versichert hat, dass man im Einzugsgebiet seiner Zuständigkeit wohnt, verweist aber darauf, dass das eigentlich zu spät sei, denn Zeit sei hier wichtig. Mit Dringlichkeitscode auf der Überweisung könnte man über das medizinische Versorgunszentrum eventuell einen früheren Termin beim anderen Facharzt bekommen. Wir wussten nicht, dass es Dringlichkeitscodes existieren. Anruf in der Hausarztpraxis. Überhaupt kein Problem, der muss allerdings persönlich abgeholt werden. Ab ins Städtchen. Die abholberechtigte Person bringt einen 2×3 cm großen Papierschnipsel, der aussieht wie aus einem Kita-Papierkorb entnommen, darauf steht schlicht Vermittlungscode und eine 12 stellige Zahlenkombi. Man fragt sich Verschiedenes. Anruf im MVZ. Leider sind im 50 Kilometer-Radius innerhalb der nächsten 6 Wochen überhaupt keine Facharzttermine zu bekommen. ACH! WAS! genau das war doch das Ausgangs-Problem. Von sowas steht nie was in der Landlust.

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Eine Person verlässt das Nachbarhaus. Ich erkundige mich, ob da alles soweit… oder sollte lieber heute Nachmittag nochmal jemand gucken? Alles gut, da drin, erfahre ich und noch einiges mehr.

Dorftratsch: Ein Esel ist gestorben und zwei Hunde beinahe, zum Glück ist jemand drauf gekommen, dass es eine Vergiftung sein könnte, gerade noch rechtzeitig. Als kurz danach ein Pferd krank wurde haben sie das Futter durchgesiebt. Gefunden wurden Glassplitter, Heftzwecke und Teile einer Pflanze die für Pferde giftig ist. Die wächst hier nicht. Es gibt einen Verdacht. Man möchte das garnicht weiter denken.

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De Omma würde ihren Geburtstag gern so feiern wie immer. Das wird nicht möglich sein. Gut. Dann Frühstück. So wie die letzten beiden Jahre. Da hatte sie am Wochenende. Dieses Jahr nicht. Wer arbeiten muss, oder verstorben ist, wird nicht kommen können und außerdem hat ihr Wunschlokal leider geschlossen. Ach was, das haben wir letztes Jahr auch gesagt, dann hat sie nachgefragt und es ging. Nnnjaaa, richtig. Aber, dies Jahr ist wirklich geschlossen und vielleicht könnte eine Feier in einem Betrieb, der mehr als 2 Beerdigungskaffees und ein Frühstück im Jahr ausrichtet sogar noch schöner werden. War doch prima da, macht sie genau so wieder, sagt de Omma. Cheerio – Miss Sophie!

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Es ist schon Ende Juni und man kann hier noch schwimmen, das ist toll, stellen der Liebste und ich fest. Der Edersee ist voll, die nächste Badestelle liegt somit nur 15 Minuten entfernt. Herrlich ist das. Und tatsächlich das erste Mal in diesem Jahr, das ich im Wasser bin. Zu Hause trage ich die Winterjacken auf den Dachboden.

Pommes, Erdbeeren und Zecken

Es war aufgeräumt hier drin, das ist noch garnicht lange her. Tja. Ich räume einen Meter Platz frei, schichte kleine Stapel aus Kartons rund herum und hole einfach alles, was man zum Honig-Etiketten kleben braucht nach unten in den Keller. Das Wetter ist sowieso grau in grau, da kann man gut mal eine Weile neben dem Weck-Regal sitzen. Vorm Fenster sanfte Regengeräusche und dazu einen podcast über die Sprengung von nordstream zwei. Sehr stimmiges Ambiente.

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Ich hatte garnicht auf Thermometer geguckt, und mich gewohnheitsmäßig für Hunderunde bei 7°C angezogen. Schon auf dem Weg in den Wald kommt es mir ungewohnt warm vor, im Tal aber doch nicht. Als wir den Berg wieder hoch laufen ziehe ich die Jacke aus, kremple die Ärmel hoch. Der Hund geht direkt neben mir, hechelt, trinkt zu Hause einen halben Napf auf ex und legt sich danach auf die kühlen Fliesen. 14°C zeigt das Thermometer an, doppelt soviel wie gestern. Sind wir nicht mehr gewohnt, so eine Hitze.

Da krabbeln Zecken auf dem Hund. Mehrere. Viele. Bei 25 höre ich auf zu zählen, den Rest des Tages spüre ich Phantom-Zecken am Oberarm und an den Knöcheln, deshalb gehen wir am nächsten Tag lieber im Feld spazieren. Dort legt der Hund sich in eine schöne tiefe Pfütze, direkt neben einer frisch gegüllten Wiese. Irgendwas ist immer.

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„Ich wollte mal fragen…. eigentlich darf man das ja nicht sagen, aber, du wirst es wahrscheinlich eh nicht glauben…“ „Doch. Glaube ich, sofort. Ich hab auch mal in so einem Laden gearbeitet.“ Ein Gespräch unter Lebensmittelhandwerkern am Rande eines public-viewing-events. Leicht codiert, weil Leute drum herumstehen. Da kann ich einen Rat geben und es ist leider genau das, was der junge Mensch in Ausbildung sich schon selber überlegt hatte. Wir schweigen einen Moment. Der Liebste kommt dazu, fragt, ob wir denn vor Beginn der Veranstaltung noch irgendwas essen wollen. „Wenn ich dir auch einen Rat geben darf“, sagt der Azubi, „nimm Pommes. Die Brötchen sind von uns.“

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Das Brauchtumsfest neulich hatte so dermaßen gute Pommes, daran müssen sich dies Jahr sämtliche Veranstaltungen messen. Die public viewing Pommes waren gut essbar und die Schale für den Preis angemessen gefüllt, da hatten wir echt schon schlechtere für mehr Geld. Jemand eine zweite Portion? Nee, danke

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Da kommt fast überraschend doch ein bisschen Fussball-Stimmung auf.

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Gestern Abend wurde auf eine Vorwarnung für Unwetter hingewiesen. Ernsthaft. Ich gucke also morgens kurz in die Nachrichten. Jo, da kommt was, wahrscheinlich ab Mittag, nicht überall aber, man möge die Entwicklung im Blick behalten und sich vorbereiten auf Starkregen, Hagelkorngrößen zwischen 3 und 5 cm, Orkanböen und stellenweise Tornadobildung. Na dann. Ich klappe die Wäschespinne ein und lege sie unters Dach, schließe die Türen vom Gewächshaus, rolle den Grill in den Schuppen und baue die kleinen Starkregenschutzmauern vor den Kellerfenstern auf. Unwetterroutinen. Nachmittags regnet es heftig. Mehr nicht.

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Sonntag nachmittag bei der Omma in der Küche. Sie hat sich gerade einen Kaffee gekocht und ist dabei ein Stück Kuchen auszupacken, dass der Vatta ihr mitgebracht hat und bietet mir die Hälfte an, aber ich komme gerade vom essen, wir essen ja immer später Mittag… (als elf Uhr) Was das denn für Kuchen sei, erkundige ich mich, denn man kann es nicht richtig erkennen. De Omma guckt nachdenklich, nimmt noch eine Gabel voll, kaut und überlegt. Rhabarber? frage ich. „Nee, eigentlich, Rhabarber? Vielleicht nicht“, sagt sie. Ich gucke fragend, sie friemelt aus der Pudding-Creme-Schicht ein Stück Obst raus und hält es mir hin. Ich nehme es – und kann tatsächlich auch nicht sagen, was das ist. Eine Rosine? Die oberste Schicht dieses Kuchens scheint Baiser zu sein. Nehmen wir also an, es wären Stachelbeeren. Allmählich verschiebt sich die Grenze des Kuchenangebots von teuer Richtung dreist, scheint mir.

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Wir hatten das Gemüse-Abo nicht verlängert und sind seit vier Wochen ohne. Frage: Fehlt es uns? Nein. Tatsächlich garnicht. Die Solawi hat im Laufe des letzten Jahres das Gemüseangebot so zusammengeschrumpft, das ist jetzt Ablasshandel für Öko-Boomer.

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Es dauert nur eine halbe Stunde die drei kleinen Eimer voll zu pflücken. Die Erdbeeren sind riesig, dieses Jahr und man braucht nicht weit laufen, auf dem Feld. Ich koche einen Jahresvorrat an Marmelade und Sirup, dachte ich. Die Familie fragt nach, wie viele Gläser das denn jetzt genau gegeben hat? Zu wenige, da sind sie sich einig, nicht das die uns wieder ausgeht, die großen Kinder werden nach Feierabend nochmal aufs Feld fahren, der Liebste übernimmt alles andere, sagt er, nur, kochen müsste ich die Marmelade halt. Anscheind hatten sie Mangelerscheinungen. Fürs Protokoll: 10kg kosten 40 Euro, dies Jahr

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Ein bisschen wehmütig schaue ich abends bei der letzten Hunderunde in den Hang an der Straße. Es wurden Bäume markiert. Die kommen alle weg. Um die große Fledermaus-Buche tut es mir wirklich leid, andererseits hab ich hier abends schon öfter armdicke Äste von der Straße gezogen, die möchte man wirklich nicht aufs Auto bekommen, auf den Kopf noch weniger. Straßensperrung dann diese Woche an drei Tagen, jeweils ab 7.30 Uhr. Der Schulbus der um 7.35 Uhr an der Bushaltestelle gehalten hätte, kann diese deswegen nicht anfahren, man möge die auf dem Berg am anderen Ende des Ortes benutzen. Da läuft man doch bestimmt zwanzig Minuten? Julikind is not amused. Vielleicht bilden wir Fahrgemeinschaften. Zur Bushaltestelle. Obwohl wir nur 50 Meter von einer weg wohnen. Wegen fünf Minuten. Nicht. Witzig.

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Ein Baby-Feuersalamander, wie süüüß, ich hatte noch nie einen gesehen.

Der vier Uhr zwanzig Vogel

Mein Kopf ist schon wach, sehr wach, wie ein fünfjähriger nach einem halben Liter Isogetränk, mein Körper nicht. Wirkung und Nebenwirkung, es ist Mai, man muss sich entscheiden, tagsüber gut atmen oder nachts gut schlafen. Ich frage mich, wie spät es wohl ist, um auf die Uhr zu gucken müsste ich mich umdrehen. Oder auch nicht. Ein sanftes FlapFlap-Geräusch im Baum, vor dem Fenster dient als Zeitansage. Die Amsel ist da. Sie räuspert sich, macht ein paar Tschilp-Laute …Test, zwei drei… und begrüßt dann in wirklich beeindruckender Lautstärke den neuen Tag. Man könnte quasi, wie Mary Poppins den Arm einladend aus dem Fenster halten…mein Hirn spielt „wenn ein Löööööffelchen voll Zuuucckaaaa….“, im Bett neben mir ein Brummgeräusch. Der Liebste richtet sich auf und schließt das Fenster, setzt sich noch einen Moment, um wach zu werden und macht seinen Wecker aus. Der hat die ganze Woche noch nicht geklingelt denn, ich zitiere „irgendein scheiß-Vogel tririlliert da um zwanzig nach vier so dermaßen laut…“.

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De Omma hat einen guten Tag, wir sitzen am Küchentisch und unterhalten uns nett. Da hat sie aber eine schicke neue Pillendose, sage ich. Ja, die sei tatsächlich neu, und leer, bestimmt kommt dein Vatta gleich, der füllt ihr die jetzt immer, ist auch neu. Es klingelt an der Tür, „Och guck, da ist er schon“, sagt de Omma, „gerade von dir gesprochen“, sage ich, „die Dosen sind leer“. „Das kann nicht sein“, sagt der Vatta, hat er Donnerstag erst gemacht. Er nimmt das kleine Pillenregal auseinander, ordnet die Wochentage in die richtige Reihenfolge und stellt fest, es sind wirklich alle Fächer leer. „Ja sicher“, sagt de Omma, nimmt sie ja immer, so wie er gesagt hat. Wir haben Sonntag. Einen Moment lang wundert sich jeder im Raum über was anderes.

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Es regnet, aber das ist fast egal, denn es ist nicht kalt und viel nasser kann man nicht mehr werden – dachte ich. Dann setzt sich das Fahrgeschäft sanft in Bewegung “ uuuund jetzt mit Schwuuung“ sagt die fröhliche Jahrmarktstimme. Durch die entstehenden Fliehkräfte läuft sämtliches Regenwasser, dass sich während der minutenlangen Wartezeit irgendwo im Rückenbereich gesammelt hat auf den Sitz und wird von meiner Jeans aufgesogen, zeitgleich reagieren meine Innereien überrascht, auf die schnellen Veränderungen der Schwerkraft-Bedingungen und ich bin mir ehrlich gesagt einen Moment lang nicht sicher, ob ich diesen sensorischen Gesamteindruck angemessen schnell werde verarbeiten können…. dann nimmt der linke Fuss eine leicht angewinkelte Position ein, baut Verbindung zur rechten Seite der Hüfte auf, mein Magen sagt „ach so“ und alles ist fein. Anscheind kann der Autopilot die neunziger Jahre BreakDancer-Muskulatur noch ansteuern. Ob es mir gut geht, fragen die Mädels, als wir uns nach Fahrtende am Kassenhäuschen wieder treffen. Man dachte kurz, ich kotze vielleicht. Ja, ich auch, aber alles gut. Wir sehen aus, als wären wir aus der Wildwasserbahn gekommen, aber alle sind fröhlich. Bei Sonnenschein hätte die Fahrt vermutlich nur halb so lange gedauert.Fürs Protokoll: Einmal BreakDancer fahren kostet 5 Euro, ein Schokokuss 1,20 Euro. Gefühlt war das teurer als im letzten Jahr.

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Ich fahre Julikind ins Nachbardorf, ab da kann sie mitgenommen werden. Natürlich ist sie aufgeregt, aber es geht, so gut, dass man sich fast ein bisschen wundert. Wir freuen uns beide darüber. Start zu einer Klassenfahrt. Ohne besondere Vorkommnisse.

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Ganze Regalreihen wurden verstellt und umsortiert, mein Einkaufzettel passt nicht mehr zur Laufrichtung. Ich irre durch den Rewe wie ein mittelalter Mann am Tag vor Heilig Abend.

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Eigentlich wollte ich zu „Von Beileidsbekundungen am Grab bitten wir Abstand zu nehmen und danach gehen wir in aller Stille auseinander“ Beerdigungen nicht mehr hingehen. Ausser halt, es ist der Karl Heinz. Hier passt das Konzept, denn der Karl-Heinz hat konsequent garnichts verfügt, sagt die Freundin. Also haben die verbliebenen fünf Geschwister sich gekümmert, um die letzten Tage des Lebens und den Rest. So wie man das macht, wenn man aus einem landwirtschaftlich geprägten Haushalt mit Nebenbei-Bestattungsunternehmen kommt. Den Tod braucht in dieser Familie niemand zu fürchten. Das ist eigentlich was schönes. Wer nicht zum engsten Kreis gehört verlässt im Anschluss an die Beisetzung den Friedhof leise – bis zum Zaun. Dort atmet jeder einmal tief durch, dann endet die Stille und es fühlt sich kein bisschen seltsam an.

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Wir freuen uns über eine richtig gute Honigernte. So macht das Spaß. Einerseits. Andererseits dauert jeder einzelne Schritt etwas länger als gedacht. Die Küche ist zwei Tage lang ausser Betrieb. In alter Tradition natürlich in der Woche, in der Maikind Geburtstag hat. Eine Stunde vor Beginn des Kaffeetrinkens regiert noch das Chaos. Aber, mit großen Kindern reicht tatsächlich eine Stunde um das Esszimmer von Honigabfüllstation in Kaffeetafel zu verwandeln. Ich staune.

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Maikind wird 17, eigenes Geld, auf dem Weg zum Führerschein, Wahlbenachrichtung bekommen, hach, „und wir müssen noch Fotos machen, damit man sieht, wie die klein die Uromas im letzten Jahr geworden sind“

Hintergrundrauschen, Ende April 24

Morgens um halb acht im Wald. Aus dem Augenwinkel sehe ich am Hang zwei Rehe stehen. Wir begegnen uns jeden Morgen irgendwo auf der Runde, man kennt sich, man ignoriert sich. So nah kommen wir uns sonst allerdings nicht. Anscheind sind heute morgen alle mit den Gedanken woanders. Statt einfach geradeaus in den Wald zu laufen, dreht der junge Rehbock sich um und flüchtet genau in unsere Richtung. Er macht zwei lange Sätze, bemerkt, dass der Hund nicht aus dem Weg geht, weil er sich grundsätzlich nicht für Rehe interessiert und noch nicht gesehen hat, was da auf ihn zukommt, senkt den Kopf und Das kannste nicht erklären stellt die Stimme in meinem Kopf ganz sachlich fest, während ich in einer halben Sekunde darüber nachdenke, wie ich denn wohl das Geweih wieder aus dem Hund und den Hund aus dem Wald…“uuuuaaaaa“ sage ich laut, der Hund guckt hoch und springt sofort zur Seite. Nichts passiert. Alle wach.

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Ein Rapsfeld blüht, direkt vor dem Bienenstand und es schneit. Aus imkerlicher Sicht werden die zwei Sommertage neulich vielleicht als Unwetterereignis zu werten sein, am Ende der Saison.

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Textaufgabe: Eine Schulklasse fährt vom 21. – 24. Mai auf Klassenfahrt. Der zu zahlende Betrag für 4 Übernachtungen inkl Halbpension beträgt laut Elterninformationszettel 212 Euro plus Geld für Ausflüge und so. Details wurden den 13-jährigen Schülern mündlich mitgeteilt, vor den Osterferien und dem Praktikum. Insgesamt sind also 5 Wochen vergangen. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die fehlenden Informationen in allen Elternhäusern angekommen sind in Prozent?

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Och guck, für ein bestmögliches Baustellen-Erlebnis baggern sie Freitag noch die Bushaltestelle weg, in dem Ort, durch den dann ab Montag alle durch müssen. Dreißigerzone mit Ampel, der kreuzende Verkehr möge sich nach eigenem Ermessen einordnen. Eine entschleunigende Achtsamkeitsübung.

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Maikind kommt nach Feierabend mit dem Bus nach Hause. Eigentlich. Es könnte sein, dass sich die Verbindung geändert hat, wegen Baustelle und unklarer Streckenänderung. Ich frage nach, ob ich ihn irgendwo auflesen soll. Ja, auf jeden Fall, aber wann und wo kann er noch nicht sagen, denn der Bus, der vor fünf Minuten bei uns vorm Haus hätte ankommen sollen, steht immernoch am Busbahnhof im Städtchen. Der Fahrer muss Pause machen, Lenkzeit überschritten. Nur zum Spaß hat er mal nachgeschaut, wie man die letzten 6 Kilometer überbrücken könnte, wenn man den Anschlussbus im Nachbarort verpasst, erzählt Maikind auf der Rückfahrt. Spoileralarm: Zu Fuss wäre man schneller.

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Märzkind ruft an, ob ich sie im Nachbarort holen könnte, es gibt anscheind keinen Anschluss. Sicher. Zur vereinbarten Zeit stehe ich an der Ersatz-Bushaltestelle hinter der Ampel. Märzkind ruft an, um zu fragen, ob ich schon da sei. Jo. Ah, Mist, tut ihr voll leid. Sie wurden rausgelassen und stehen gerade drei Orte weiter, da kommt gleich ein Bus, der fährt durch bis nach Hause, wusste niemand, steht nicht in der App, ist aber so.

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Julikind kann morgens mit dem Bus zum Praktikumsbetrieb fahren. Nachmittags fährt nichts. Sie muss abgeholt werden, um 15 Uhr. Es sei denn sie fährt mit auf Baustelle, dann könnte es später werden, es sei denn, sie sind eher fertig oder die Baustelle liegt so, dass man sie auf dem Rückweg zu Hause vorbeibringen kann.

Theoretisch liegt die Bushaltestellen-Einsammel-Fahrt in diesem Zeitraum auf dem Weg. Praktisch nicht einmal.

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Im Spülmaschinen-Ablauf-Sieb steckt eine Plastikpommesgabel. Intuitiv strecke ich eine Hand aus, um sie zu entfernen. Moment. Plastikpommesgabeln kommen doch eigentlich nicht in den Geschirrspüler und, wenn ich so darüber nachdenke, ist diese nervige Fehlermeldung, die sonst immer blinkt nicht da gewesen, beim letzten Spülgang. Könnte Zufall sein oder smartes engineering oder beides. Ich lasse die Pommesgabel wo sie ist. Never change a running system.

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Mittagessen zu dritt. Märzkind fällt was ein: „Ah so…, wegen Sektempfang, sollte ich dich noch fragen, ob du das… machste, ne?“ Pluseinskind verarbeitet die Frage, gibt dann ein zustimmendes Geräusch von sich und gestikuliert „kein Thema“, „siehste hab ich doch gesagt, braucht man nicht fragen, das macht der so“. „Ist höflicher“, argumentiere ich. Pluseinkind hat schon auf der Ladies-Night im Kino Sekt serviert, sagt er und schweigt dann vielsagend.

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„Und? Wie gefällt dir diese Deko?“, frage ich Julikind auf der Feier ihrer Freundin. „Sehr schön“, ungefähr genau so hatte sie sich das auch gedacht. „6 Tage vor Veranstaltung wissen wir also endlich, was für Dekogedöns auf den Tisch soll“, murmele ich, eigentlich nur zu mir selber. Och, das sei aber sehr sympathisch, sagt die neben mir sitzende Mutter, sie sei da auch immer recht entspannt. Aber das sagt man ja so kurz vorher lieber keinem. Stimmt. Ich wundere mich selber, aber das entspannte Gefühl ist echt. Naja, die Eskalation wird uns finden, zu gegebener Zeit.

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Es hat eine Weile gedauert, sich zu der Erkenntnis durchzuringen, aber jetzt ist es soweit. Ich hole mir die Winterhandschuhe wieder vom Dachboden, ziehe Skiunterwäsche drunter und ein zweites paar Socken an bevor ich mit dem Hund rausgehe. Könnte sein, er fährt morgen mit der Flitschbimmel an die Arbeit, sagt der Liebste. Bei seinem Auto sind schon Sommerreifen drauf, leichtsinnigerweise, Ende April.

Themenwoche Klamotten mit Blitz-Frühling

Neblig kalte 7°C sind als Ferienwetter ideal, um lange, lange aufgeschobenes zu erledigen.

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Wir schauen den Kleiderschrank des Julikinds durch. Da müsste eigentlich einiges zu klein sein, sie ist über Winter gewachsen. Nö. Im Gegenteil. Manches, was im Herbst knapp war passt wieder. Merkwürdig, aber erfreulich.

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Die riesige Plastikkiste, in der wir Klamotten für Flohmarkt sammeln, ist voll. Schneller als gedacht, könnten wir ja vielleicht schon den Frühlingsflohmarkt… je nach Wetterlage. Kiste auskippen, Preisvorstellungen machen, noch mehr Klamotten finden…

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Ich muss zwei bewährte Kleidungsstücke ersetzen, gerne ohne shopping Erlebnis. Im Online-Laden gibt Maßtabellen neben der Größenangabe. Ich suche ein Maßband und bestelle emotionslos ein T-Shirt Größe M und ein Top Größe 44/46. Beides passt einwandfrei. Tja dann, hab ich wohl drei Größen gleichzeitig, oder gar keine.

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Eine Socke reißt beim Anziehen, im Musterverlauf, oberhalb des Knöchels. Das hatte ich so auch noch nicht. Ok, die ist aus dem Socken-outlet-Laden, allerdings von einem Markenhersteller in einer Preisklasse wo man eine Haltbarkeit von mehr als fünf Monaten erwartet hätte. Funfact: die Socken mit tanzenden Lebkuchenmännern die von weitem auch als Blumenmuster durchgehen vom Kaffee-Discounter gehen in ihr zweites Jahr, ohne irgendwelche Ermüdungserscheinungen. Preis und Qualität haben nichts mehr miteinander zu tun.

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Ich ziehe mir normale, zueinander passende, saubere Sachen zum Einkaufen an. Also – wenn ich da jetzt so aufgedonnert hin gehe, dann müssen sie sich aber nochmal umziehen – sagen beide Mädels und verschwinden wieder in ihren Zimmern. Ich setze mich auf die Treppe und denke darüber nach.

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Das Prinzessinnen-Gen ist schwach in mir. All der Tüll und die funkelnden Steinchen, man fragt sich, ist es noch verrückt schon Wahnsinn, während man so in einem der mittig auf der Verkauffläche platzierten Aufbewahrungssessel für Angehörige sitzt. Aber die Show ist richtig gut. Der verantwortliche Fachverkäufer ist voll in seinem Element. Zwei Konfirmandinnen und eine Brautmutter probieren zeitgleich in verschiedenen Kabinen, bekommen jeweils passende Accessoires gereicht, werden nach getroffener Entscheidung in feiner Robe auf Socken rüber in die Schuhabteilung geschickt, kommen mit Schuhkarton zurück, werden wieder in Empfang genommen, Anruf in der Schneiderei, wenige Minuten später kommt eine Dame mit Nadelkissen am Arm, germurmelte Gespräche, dann ein Abholtermin, herzliche Verabschiedung, und alles wieder von vorne.

Zusammenfassend kann man sagen, es hat zweieinhalb Stunden gedauert, sich für das Kleid zu entscheiden, dass sie als allererstes anprobiert hat und ganz gut fand. Wir haben einen Abholtermin. Ich war tapfer. Die Mädels wundern sich, warum sie so hungrig sind, als wir den Laden verlassen.

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Freitag morgen Hunderunde bei 7°C und Nebel, wie immer. Nachmittags fühlt sich das Wetter schon ganz anders an. Am Wochenende ist Sommer: 25°C , strahlender Sonnenschein, Gartenarbeiten, Sonnencreme, draußen sitzen, Blütenexplosion überall, Freibadgedanken. Montag nachmittag steht Maikind verfroren unter dem kleinen Dach an Tor 2, als ich vorfahre. Heute morgen um fünf, als er los ist, war der Pulli angemessen warm. Jetzt nicht mehr. Dienstag morgen Hunderunde bei Sonnenschein durch herrlich frisches grün und an blühenden Hecken vorbei. Ich ziehe die Kapuze hoch und zum Glück war da noch ein paar Handschuhe in den Jackentaschen. 4°C und Wind. Durchschnittlich war dann wohl Frühling, diese Woche. Naargh.

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Bestes Flohmarktwetter, kurzentschlossen packen Märzkind und ich alles ins Auto. Aufbau war ab 7 Uhr, als wir um zwanzig vor acht ankommen, gibt es eigentlich schon keinen Stellplatz mehr. Man improvisiert. Wir verkaufen ganz gut, kommen aber auch zu verschiedenen Erkenntnissen, so über Vormittag. Ist ja alles auch immer zu Studienzwecken, mit angehender Sozialarbeiterin. Das Ziel war, mit weniger wieder nach Hause zu fahren und wir wundern uns am Ende, wie gut das geklappt hat. Märzkind hat ein paar Ohringe gekauft und ich tatsächlich garnichts. Noch nicht mal was aus irgendeiner verschenke-Kiste gekramt.

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Wenn der Vatta und ich zusammen sitzen und sonst keiner im Raum ist, tauschen wir gern Netzwerkinformationen aus dem gesundheitlichen Bereich. „Samma, weißt du, wieso der Menne im Krankenhaus ist?“ „Der Menne ist im Krankenhaus?“… es gäbe eine mögliche Erklärung, die wäre schlecht. „Der Herr E. ist verstorben, weißt du woran?“ „Welcher Herr E.?“ „Der- gestern“ „Ach. Du. Scheiße. Nee, weiß ich nichts“ wir schweigen einen Moment. „Ach, un de Elfriede hat Lungenkrebs, übrigens, ging ihr nicht so richtig gut, dachte man sich, dass was ist, aber… das dann doch nicht, eigentlich“. So, und schon liegt wirklich jedes „Problem“ wieder innerhalb der Komfortzone.

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Zack, drei Wochen Osterferien rum.